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Showtime für die Liebe

PROLOG

„Ach, komm schon, Lisa. Denk darüber nach. Was haben wir schon zu verlieren?“

Die Jahre waren überwiegend freundlich zu Paulette Calhoun gewesen und hatten nur wenige Falten auf ihrem Gesicht hinterlassen. Fast sechzig, geschmackvoll gekleidet, beugte die rotblonde Frau mit den tiefblauen Augen ihren noch immer sehr schlanken Körper vor, als würde es ihren Worten mehr Gewicht verleihen.

Lisa Scarlatti, drei Monate jünger als ihre lebenslange Freundin, saß Paulette an einem Zweiertisch gegenüber, in den Händen eine Tasse, in der der Tee bereits lauwarm geworden war.

„Nun ja, unsere Kinder, würde ich sagen. Sobald David auch nur ein romantisches Arrangement wittert, wird er mir die Hölle heißmachen, obwohl er normalerweise ein ruhiger Mensch ist. Und das dürfte auch für deine Kara gelten, denn wenn ich mich recht erinnere, legt deine Tochter großen Wert auf ihre Unabhängigkeit und nimmt nur selten ein Blatt vor den Mund.“

Paulettes Augen blitzten belustigt. „Sie werden kein Arrangement wittern, weil sie uns beiden so etwas nicht zutrauen. Das ist ja das Schöne daran.“

Lisa runzelte die Stirn. In ihr kämpfte das Herz mit dem Verstand. Da sie gute sechzig Meilen auseinander wohnten, trafen sie und Paulette sich mehrmals im Jahr zum Lunch. Seit sie wieder allein waren, taten sie es häufiger als früher. Paulettes Ehemann war vor fast dreizehn Jahren verstorben, Lisas nach einem Unfall acht Jahre zuvor.

„Schön? Mich meinem Kind zu entfremden, das wäre alles anderes als schön“, entgegnete Lisa. „Du meine Güte, Thomas und ich haben dem Jungen ein Medizinstudium finanziert. Inzwischen habe ich die Schulden fast abgezahlt, da möchte ich David wenigstens fünf Minuten lang genießen können, bevor er sich öffentlich von mir lossagt.“

Paulette verdrehte die Augen. „Und ich dachte, ich bin von uns beiden diejenige, die zur Dramatik neigt. David wird sich nicht von dir lossagen“, widersprach sie. Die Idee, ihre Kinder zusammenzubringen, ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, seit sie von dem großen Erfolg ihrer Cousine Maizie gehört hatte.

Der war es nämlich gelungen, nicht nur ihrer eigenen Tochter, sondern auch denen ihrer Freundinnen – und sogar einem Sohn – zu einer glücklichen Beziehung zu verhelfen. Verdammt, wenn Maizie das konnte, konnte sie es auch. Sie und Lisa.

„Der Plan ist perfekt“, schwärmte Paulette. „Du hast doch erzählt, dass der kleine Junge deiner Nichte bald Geburtstag hat, oder?“

Lisa witterte eine Falle. Sie kannte Paulette zu gut. „Das stimmt“, gab sie vorsichtig zu.

„Und was wünscht Melissas süßer Sohn Ryan sich mehr alles andere?“

Lisa seufzte. Sie ahnte, worauf Paulette hinauswollte. „Dieses Videospiel namens ‚The Kalico Kid‘“, antwortete sie schließlich, weil Paulette sie erwartungsvoll ansah.

Paulette nickte zufrieden. „Und was ist so gut wie gar nicht zu bekommen?“

„Das Videospiel namens ‚The Kalico Kind‘.“

Paulettes Lächeln wurde noch triumphierender. „Und wo arbeitet meine Tochter?“

Lisa schloss die Augen. Sie fühlte sich überfahren, aber was sollte sie machen? „In der Firma, die ‚The Kalico Kid‘ produziert.“

„Genau!“, rief Paulette begeistert aus. „Also, da David ein weiches Herz hat und den kleinen Jungen seiner Cousine glücklich machen will … und Kara dieses so gut wie gar nicht zu bekommende Videospiel besorgen kann, ist alles ganz einfach.“ Sie legte eine Kunstpause ein, bevor sie zum Finale ihres tollen Plans kam.

„Ich bitte Kara, ein Spiel zu organisieren und es David zu bringen, wenn er mal wieder ehrenamtlich in der Sozialpraxis in der Nähe ihrer Arbeitsstelle arbeitet.“

„Und dann geht alles von selbst?“, unterbrach Lisa sie mit ungewohnt sarkastischem Unterton und schnippte mit den Fingern. „Die beiden sehen sich, und schon trällern die Engel zu den Geigen, die im Hintergrund leise spielen?“

„Nein, so einfach ist das natürlich nicht. Aber David wird Kara dankbar sein und sich mit einer Einladung zum Abendessen revanchieren. Du hast einen sehr gut erzogenen Sohn, Lisa.“ Paulette legte die Hände um ihre noch halb volle Teetasse. „Und den Rest überlassen wir den beiden.“

„Vielleicht gibt es gar keinen Rest“, wandte Lisa ein. Sie wusste, wie eigensinnig ihr Sohn sein konnte. Seit über zehn Jahren hatte er ihr nichts über sein Privatleben mehr erzählt. Dass er Single war, vermutete sie nur, weil er sie an seinen freien Tagen immer besuchte. Sosehr sie sich auch darüber freute, wünschte Lisa sich doch, er würde sie nicht mit seiner Mutter, sondern mit einer Freundin verbringen.

„Dann hätten wir es wenigstens versucht“, beharrte Paulette und probierte eine andere Taktik. Sie legte eine Hand auf die ihrer Freundin und sah sie flehentlich an. „Weißt du noch, wie wir zusammen Urlaub gemacht haben, als unsere Männer noch lebten? Nur wir sechs? Und wie wir beide den Kindern beim Spielen zugesehen und davon geträumt haben, dass David und Kara eines Tages heiraten?“

„Wir haben ihnen beim Streiten zugesehen“, verbesserte Lisa. „Außerdem ist das lange her. Und zu sechst sind wir schon eine ganze Weile nicht mehr“, erinnerte sie Paulette. „Thomas und Neil sind von uns gegangen.“ Selbst nach all diesen Jahren vermisste sie ihren Mann so sehr, als wäre er erst gestern gestorben. Sie bezweifelte, dass der Schmerz jemals nachlassen würde.

„Umso wichtiger ist es, unsere Kinder zusammenzubringen“, drängte Paulette. „Von denen wird nämlich keiner jünger.“

Lisa erwähnte eine unbestreitbare Tatsache. „Es ist ja nicht so, dass wir es noch nie versucht hätten.“

Mehr als einmal hatten sie sich bemüht, ihren erwachsenen Sprösslingen zu ihrem Glück zu verhelfen, aber immer war in letzter Minute etwas dazwischengekommen. Es lag Jahre zurück, dass Kara und David auch nur gleichzeitig in einem Zimmer gewesen waren.

Paulette winkte ab. „Zu besonderen Anlässen, Weihnachten oder Thanksgiving. Einer hat immer abgesagt, weil er angeblich arbeiten musste. Ich schwöre dir, Kara macht mehr Überstunden als jeder andere Mensch auf diesem Planeten. Mit Ausnahme von David vielleicht. Wenn du mich fragst, die beiden sind perfekt füreinander. Wir müssen sie nur dazu bringen, es endlich einzusehen.“

Paulette strahlte ihre Freundin an. „Wir haben bisher keinen Druck ausgeübt, sondern uns eher zurückgehalten. Aber diesmal mache ich ernst. Es wird so etwas wie ein Überraschungsangriff“, verkündete sie voller Vorfreude. „Die beiden werden gar nicht merken, wie ihnen geschieht.“

Lisa gefiel die Sache noch immer nicht. Sie genoss die Beziehung zwischen ihr und ihrem Sohn. Sie redeten nicht so oft, wie sie es sich wünschte, aber er rief regelmäßig an. Und wenn er freihatte, was selten vorkam, besuchte er sie. Sie beide standen sich nahe, und das wollte sie nicht gefährden.

„Aber wenn es schiefgeht, werden wir merken, wie uns geschieht“, entgegnete sie.

Paulette starrte die Frau an, die seit über fünf Jahrzehnten ihre Freundin war. „Seit wann bist du so negativ?“

Lisa zuckte mit den Schultern und gab sich alle Mühe, ihre Bedenken zu erklären. „Wenn wir nicht versuchen, David und Kara zusammenzubringen, kann ich immer noch hoffen, dass es eines Tages von allein passiert. Aber wenn wir sie zusammenbringen und es nicht funktioniert, ist alles vorbei. Der Traum ist verflogen. Für immer. Ehrlich gesagt, in dem Fall ist mir ein schöner, herzerwärmender Traum lieber als die harte, eiskalte Realität.“

„Was ist bloß aus der Lisa geworden, mit der ich zur Schule gegangen bin? Die war absolut furchtlos. Wo ist sie geblieben?“, fragte Paulette.

„Die Lisa, die du kanntest, war viel jünger. Heutzutage ziehe ich ein ruhiges und friedliches Leben vor. Und einen Sohn, der seine Mutter hin und wieder anruft.“

Paulette seufzte dramatisch. „Also willst du Kara nicht fragen, ob sie das Videospiel besorgt und David gibt, damit er es Ryan schenken kann?“

Lisas Stirnrunzeln vertiefte sich. Sie wusste, wann sie verloren hatte. Paulette schaffte es immer wieder, bei ihr ein schlechtes Gewissen zu erzeugen. „Ich hasse es, wenn du ein so langes Gesicht machst.“

Paulettes missmutiges Gesicht verschwand schlagartig und wurde durch ein zufriedenes Lächeln ersetzt.

Jetzt war es Lisa, die laut seufzte. „Ich glaube, wenn jemand sie bittet, dann solltest du es tun. Sonst wird Kara misstrauisch. Ich rufe sie nie an, und wenn ich mich plötzlich bei ihr melde, könnte es Verdacht erregen. Sie wird sich denken, dass wir etwas im Schilde führen. Außerdem bist du dann schuld, wenn David und Kara uns auf einer winzigen Eisscholle mitten im Polarmeer aussetzen.“

„Dazu müssten sie sich absprechen“, stellte Paulette lächelnd fest. „Also, wie es auch ausgeht, es ist eine echte Win-win-Situation.“ Sie nickte. „Okay, das wäre geklärt“, sagte sie fröhlich. „Weißt du was, auf einmal habe ich Hunger.“ Sie griff nach der Speisekarte.

Lisa kniff die Augen zusammen. Das habe ich mir selbst eingebrockt, dachte sie betrübt. „Ich mag plötzlich nichts mehr essen.“

Paulette sah sie an. „Iss etwas. Du wirst deine Kraft brauchen.“

Genau davor hatte Lisa Angst.

1. KAPITEL

Irgendetwas stimmte nicht im Universum. Sie konnte es spüren.

Kara Calhoun, Leitende IT-Spezialistin im Qualitätsmanagement von Dynamic Video Games, schloss die Augen und gönnte sich eine Fünfsekundenpause. Konnte es sein, dass das Spiel, das sie knacken sollte, ihr gerade unter die Haut ging?

Seit fast zwanzig Tagen arbeitete sie nun schon an dieser speziellen Version mit ihren Zauberern, Kriegern und Hexen, ganz zu schweigen von all den Überstunden, die sie angesammelt hatte. So langsam fühlte Kara sich, als wäre sie eins mit dem Spiel geworden. Und das war nicht gerade etwas, was sie jemandem empfehlen würde, der die Realität nicht aus dem Blick verlieren durfte.

Zum Glück hatte sie damit noch nie ein Problem gehabt. Seit sie als Kind in der Spielecke eines Einkaufszentrums ihren ersten Computerbildschirm entdeckt hatte, liebte sie Videospiele. Die Lichter und Geräusche hatten sie sofort fasziniert. Aber vor allem liebte sie die Herausforderung, jeden Feind zu besiegen, mit dem die Elektronik sie konfrontierte.

Trotzdem achtete sie darauf, nie die Perspektive zu verlieren. Es waren Spiele, mehr nicht. Spiele, die in keiner Weise dem wirklichen Leben ähnelten.

Jedenfalls nicht ihrem.

Niemals würde ihr das passieren, was ihrem Kollegen Jeffrey Allen widerfahren war. Er begann zu glauben, dass die Wesen in seinem Spiel mit ihm kommunizierten und ihn vor drohenden Gefahren warnten. Der arme Kerl hatte den Sinn für die Realität verloren.

Trotzdem wurde Kara das ungute Gefühl nicht los, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Dass irgendwo am Horizont eine Katastrophe lauerte. Und zwar auf sie.

Vielleicht brauche ich einfach nur Urlaub, dachte sie.

Sie begann wieder zu spielen und entdeckte auf Anhieb einen Fehler im Programm. Dass der Schwarze Ritter auf seinem ebenso schwarzen Ross in den Ozean ritt, war nicht vorgesehen. Und erst recht nicht, dass das Pferd über die Wellen galoppierte.

Kara schüttelte den Kopf. Jedes Mal, wenn sie einen Fehler fand und die Programmierer ihn beseitigten, schienen zwei neue aufzutauchen und die nächste Ladung Sand ins Getriebe zu streuen. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, rückte auch noch die Präsentation näher, und inzwischen hatte Kara erhebliche Zweifel, ob das Spiel termingerecht in den Regalen stehen würde.

Aber ausgereift oder nicht, sie wusste, wie der Markt funktionierte. Nicht selten gelangten Spiele in den Verkauf, obwohl längst noch nicht alle Probleme beseitigt waren. Man verließ sich darauf, dass die Käufer sie nicht entdecken würden. Na klar. Und Schweine konnten fliegen.

Als das Telefon auf ihrem Schreibtisch läutete, wollte Kara es am liebsten ignorieren. Schließlich war sie gerade dabei, herauszufinden, warum das Pferd des Ritters von seinem Kurs abkam. Möglichst vor sechs Uhr. Die Vorstellung, zur Abwechslung mal zu einer normalen Zeit nach Hause zu kommen, war ungemein verlockend.

Das Telefon verstummte nicht. Kara warf ihm einen bösen Blick zu und seufzte. Bei ihrem Glück war es vermutlich jemand aus der Chefetage, und der würde nicht aufgeben.

Bring das Unvermeidliche hinter dich, befahl sie sich, bevor sie eine Verwünschung murmelte und nach dem Hörer griff. „Hier ist Kara. Was gibt es?“

„Du meine Güte, so meldest du bei der Arbeit?“

„Hallo, Mom.“ Sofort musste Kara an ihr ungutes Gefühl denken, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht hatte das mit der Intuition doch etwas für sich. „Was kann ich für dich tun? Beeil dich, ich stehe nämlich unter Termindruck.“

Sie hörte, wie ihre Mutter einen entrüsteten Laut von sich gab, und konnte sich vorstellen, was für ein Gesicht sie gerade machte.

„Du stehst immer unter Termindruck. Mehr höre ich von dir nicht. Und zu sehen bekomme ich dich überhaupt nicht mehr, Kara“, beschwerte sich ihre Mutter.

Zu bestätigen, dass sie tatsächlich immer viel zu tun hatte, wäre sinnlos, und Kara wusste es. „Hol die Fotos heraus, die du zu Ostern unbedingt machen musstest, und sieh sie dir an, Mom. Ich habe mich seitdem nicht verändert.“

„Hast du etwa noch immer nicht zugenommen?“, fragte Paulette entsetzt.

Es war typisch für ihre Mutter, den Spieß einfach umzudrehen. „Unglaublich, Mom.“ Kara senkte die Stimme. Das war kein Gespräch, das ihre Kollegen etwas anging. „Rufst du mich etwa an, um zu fragen, ob ich genug esse?“

„Nein, ich rufe an, weil ich dich um einen Gefallen bitten möchte. Deine Firma produziert doch dieses Videospiel namens ‚Kalico Kid‘, oder?“

Das war eine Falle, sie ahnte es. „Das weißt du doch“, erwiderte Kara vorsichtig. Sie hatte erzählt, wie hart ihr Team gearbeitet hatte, um das Spiel rechtzeitig auf den Markt zu bringen. Was hatte ihre Mutter vor?

„Kannst du mir ein Spiel besorgen?“

Der Firmenladen hatte mehrere beiseitegelegt. „Gut möglich. Schließlich habe ich sechs Monate daran gearbeitet.“ Kara setzte sich auf. „Erzähl mir nicht, dass du Geschmack an Videospielen gefunden hast.“ Schön wäre es ja, dachte sie. Ihre Mutter brauchte dringend ein anderes Hobby als das, sich permanent ins Leben ihrer Tochter einzumischen. Aber sie wusste, dass das ebenso unwahrscheinlich war wie eine Goldader in der Damentoilette im ersten Stock des Firmengebäudes.

„Lisas Sohn David braucht dringend so ein Spiel für den kleinen Jungen seiner Cousine. Der hat nämlich Geburtstag, und Ryan, Melissas Sohn … Melissa, das ist Davids …“

„Schon verstanden, Mom“, unterbrach Kara sie, bevor sie sich den kompletten Familienstammbaum anhören musste.

„Jedenfalls wünscht Ryan sich schon lange dieses Spiel. Kannst du ihm eins beschaffen, oder soll er ausgerechnet an seinem Geburtstag enttäuscht sein?“, fragte ihre Mutter unverblümt.

Kein Zweifel, die Frau verstand es wie keine zweite, jemandem Schuldgefühle einzuimpfen. „Hör auf, Mom.“ Kara hielt den Hörer vom Ohr ab. „Ich sehe nach, ob ich es hinbekomme.“ Sie zog den Terminkalender heran und nahm einen Stift, um den Tag zu markieren. „Bis wann brauchst du es?“

„Bis morgen.“

„Morgen?“, wiederholte Kara fassungslos. „Mom, das ist …“ Sie brach ab. Mit einer Frau zu diskutieren, die das zur höchsten Kunst entwickelt hatte, brachte nichts. „Mal sehen, was ich tun kann.“

„Gut so“, lobte Paulette erleichtert. „Ich habe Lisa versprochen, dass du es schaffst. Übrigens, würde es dir etwas ausmachen, das Spiel bei David vorbeizubringen? Er arbeitet morgen in der Sozialpraxis in der 17. Straße. Das macht er ehrenamtlich, weißt du.“

Als hätte ihre Mutter ihr das nicht schon unzählige Male erzählt. „Was du nicht sagst.“

„Die Praxis ist ganz in der Nähe deiner Firma“, fuhr Paulette fort, als hätte sie den sarkastischen Unterton ihrer Tochter gar nicht bemerkt.

Kara unterdrückte ein Seufzen. Wenn sie noch öfter seufzte, würde sie bestimmt bald hyperventilieren. Oder schlimmer noch, ihre Mutter würde darauf bestehen, sie zu pflegen, und das war das Letzte, was sie brauchte. „Ich weiß, wo die 17. Straße ist, Mom.“ Diesmal klang sie leicht verärgert.

Auch das schien ihre Mutter überhört zu haben. „Wunderbar, dann hätten wir ja alles geklärt. David ist den ganzen Tag dort“, betonte Paulette. „Der junge Mann ist einfach selbstlos, nie nimmt er sich Zeit für sich selbst“, schwärmte sie.

Ganz schön dick aufgetragen, dachte Kara. Das war ein Wink mit einem sehr langen und sehr dicken Zaunpfahl. „Mom …“

„Upps!“, rief Paulette. „Ich muss Schluss machen. Wir reden später weiter, Kara. Bis dann!“

Ich hatte recht, dachte Kara, als sie sich vorbeugte und auflegte. Das Universum war aus dem Gleichgewicht geraten. Jetzt musste sie nur noch den Grund dafür herausfinden.

Es gab Zeiten, da wünschte Dr. David Scarlatti, er wäre mit einem zweiten Paar Hände zur Welt gekommen. Entweder das, oder er könnte doppelt so schnell arbeiten. Heute, zu Beispiel. Der Tag besaß für David einfach nicht genug Stunden, um all das zu erledigen, was er sich vorgenommen hatte.

Das galt insbesondere dann, wenn er in der Sozialpraxis arbeitete. Er war jetzt seit sieben Uhr hier und hatte nicht das Gefühl, dass er viel ausrichten konnte. Für jeden Patienten, den er behandelte, tauchten zwei neue auf. Selbst nach sechs Stunden war das Wartezimmer noch immer so voll, dass manche Patienten im Schneidersitz auf dem Fußboden Platz genommen hatten.

Hierher kam niemand, der nur einen Routinecheck brauchte. Jeder war krank und hatte sein Leiden wochenlang ertragen, bevor er seinen Stolz herunterschluckte und sich kostenlos behandeln ließ.

Es war ein Uhr mittags. Die meisten Arztpraxen hatten geschlossen. David dagegen konnte von einer Mittagspause nur träumen. Bis auf einen Schokoriegel hatte er noch nichts gegessen. Und er hatte auch nichts mitgebracht, weil er ohnehin nicht dazu kam, es zu sich zu nehmen.

Er war ungern hungrig, aber heute war in der Praxis nur ein Arzt im Dienst. Nämlich er. Außerdem war eine der Krankenschwestern nicht erschienen, und die einzige, die ihm half, sah unendlich erschöpft aus. Clarice ging es seit Woche nicht besonders gut, und eigentlich sollte sie sich ein paar Tage schonen. Ihr Alter wagte er nicht zu schätzen, er wusste nur, dass sie ziemlich anstrengende Enkelkinder hatte.

Aber den Luxus durften sie sich nicht erlauben. Die Praxis zu schließen, kam nicht infrage. Ihre Patienten brauchten Hilfe, und einen anderen Arzt konnten sie sich nicht leisten.

David begleitete Mrs Rayburn und ihre unter diversen Allergien leidenden Zwillinge Megan und Moira aus dem Sprechzimmer und nahm die nächste Akte vom Empfangstresen. „Wie viele noch, Clarice?“, fragte er die füllige Großmutter, die – unter anderem – hier vorn die Stellung hielt.

„Das wollen Sie lieber nicht wissen“, erwiderte sie mit finsterer Miene.

Clarice Sanchez hatte schon so manche Ärzte kommen, ein Burn-out erleiden und wieder gehen sehen. Aus irgendeinem Grund, den er nicht kannte, für den er aber ewig dankbar sein würde, hatte die ernste Krankenschwester ihn unter ihre schützenden Fittiche genommen. Clarice war diejenige, die im größten Chaos den Überblick und vor allem die Nerven behielt, selbst wenn sie wie heute nicht in Topform war.

David schaute auf die Akte und wollte gerade den nächsten Patienten aufrufen, als er seinen eigenen Namen hörte.

„David!“

Überrascht vergaß er Ramon Mendoza und sah sich im Wartebereich um. Die Patienten sprachen ihn nie mit dem Vornamen an. Es wäre respektlos.

Er brauchte nicht lange zu suchen. Sein Blick erfasste eine ziemlich sexy aussehende Blondine, die ihm irgendwie bekannt vorkam. Sie bahnte sich einen Weg durch die Wartenden und eilte entschlossen – und anscheinend nervös – auf ihn zu.

Eins stand fest. Sie sah nicht aus wie jemand, der hierher gehörte. Die Patienten starrten sie verblüfft an und fragten sich ganz offensichtlich, wie eine so elegant gekleidete Frau sich in eine Praxis für Sozialfälle verirren konnte.

Bevor David etwas zu ihr sagen konnte, baute sich Clarice vor ihm auf. „Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass Sie warten müssen“, fuhr sie die Blondine an. „Wie alle anderen auch.“

„Ich muss den Doktor nur kurz sprechen. Es dauert höchstens eine Minute.“

„Das sagt jeder“, erwiderte Clarice kühl. „Entweder Sie nehmen wieder Platz, oder ich lasse Sie hinausbegleiten.“

Kara entschied sich, einen allerletzten Versuch zu wagen, bevor sie freiwillig den Rückzug antrat. Ihre Mittagspause war fast vorbei, und sie hatte Hunger. Außerdem hatte sie keine Lust, sich wie eine lästige Bittstellerin behandeln zu lassen.

„David!“, rief sie dem Arzt zu und ignorierte seinen Drachen. „Ich bin es, Kara Calhoun. Deine Mutter schickt mich.“

2. KAPITEL

Verblüfft starrte David die Frau an. Während das Gesicht ihm irgendwie bekannt vorkam, löste der Name eine wesentlich konkretere Erinnerung aus.

Er kannte nur eine Kara. Und was für eine.

Sie musste die Tochter von Paulette Calhoun sein, der ältesten Freundin seiner Mutter. Und alles, was sich in seinem Gedächtnis mit Kara Calhoun verband, war mit Verlegenheit oder Verärgerung besetzt – oder mit beidem. Er versuchte gar nicht erst, sich an einen angenehmen Moment mit ihr zu erinnern. Es gab nämlich keinen einzigen.

Als er noch ein Junge gewesen war, hatten seine und ihre Eltern sich häufig getroffen. In sämtlichen Erinnerungen an seine Sommerferien tauchte Kara auf. Kara und das emotionale Chaos, das sie in ihm angerichtet hatte. Zwei Jahre jünger als er, war sie ganz anders als er gewesen, wild wie ein Wirbelsturm und eine furchtlose Draufgängerin. Immer hatte er sich ihr unterlegen gefühlt.

Und dann, kurz bevor er dreizehn geworden war, beschloss die Firma seines Vaters, ihn in eine neue Filiale nach der anderen zu versetzen. Sie zogen erst durch den Nordwesten, danach durch den Südwesten und wechselten so oft den Wohnort, dass er nur selten Freunde fand.

Aber das Beste daran war, dass er die Sommer nicht mehr in irgendeinem einsamen Ferienhaus, auf engstem Raum mit dem kleinen Wildfang verbringen und die Stunden bis zum Schulbeginn im September zählen musste.

Wenn nach all diesen Jahren die äußerst attraktive Frau vor ihm wirklich Kara Calhoun war, musste das Schicksal einen sehr makabren und noch dazu sadistischen Sinn für Humor haben.

Obwohl dieser Tag hektisch begonnen hatte und vermutlich auch so weitergehen würde, nahm David sich einen Moment Zeit und winkte den nächsten Patienten in ein freies Untersuchungszimmer. „Ich komme gleich zu Ihnen, Mr Mendoza“, versprach er.

Doch anstatt dem Mann zu folgen, ging er um den Empfangstresen herum und auf die sexy aussehende Blondine mit den langen Beinen zu.

Sie konnte unmöglich Kara sein.

Aber warum sollte sie sich als Paulettes Tochter ausgeben, wenn sie es nicht war? Die Frage würde ihm keine Ruhe lassen, das wusste er. Er musste es wissen. „Kara?“

„Ja!“, rief sie so erleichtert wie jemand, dessen Quizpartner endlich auf die richtige Lösung kam, nachdem er schon unzählige Hinweise erhalten hatte.

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