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Showgirl

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. 1 – You Can Leave Your Hat On (Joe Cocker)
  8. 2 – After Dark (Tito & Tarantula)
  9. 3 – Get It On Tonight (Montell Jordan)
  10. 4 – Lady Marmalade (Christina Aguilera, Lil’ Kim, Mya, Pink)
  11. 5 – Everybody Here Wants You (Jeff Buckley)
  12. 6 – Candy Shop (50 Cent)
  13. 7 – Buttons (The Pussycat Dolls)
  14. 8 – Rock Your Body (Justin Timberlake)
  15. 9 – Nobody Wants To Be Lonely (Christina Aguilera & Ricky Martin)
  16. 10 – My Love Is The Shhh (Something for the People)
  17. 11 – Naughty Girl (Beyoncé)
  18. 12 – Private Dancer (Tina Turner)
  19. Anleitung für einen perfekten Striptease
  20. 13 – Hot In Here (Nelly)
  21. 14 – Justify My Love (Madonna)
  22. 15 – Cream (Prince)
  23. Julianas A-Z für die Amateurgöttin
  24. 16 – No Me Ames (Jennifer Lopez & Marc Anthony)
  25. 17 – Liberian Girl (Michael Jackson)
  26. 18 – Teardrop (Massive Attack)
  27. 19 – Love To Love You Baby (Donna Summer)
  28. 20 – Fallin’ (Alicia Keys)
  29. 21 – Too Lost In You (Sugababes)
  30. 22 – Cry me a river (Justin Timberlake)
  31. Epilog
  32. Anzeige

Über die Autorin

Juliana Darling ist der Künstlername der Autorin. Sie lebte in Hamburg, bevor sie zum Studium nach London zog. Nachdem sie es dort, finanziert durch ihren Tanzjob, abschloss, machte sie eine Weltreise. Nach einem längeren Aufenthalt in Australien ging sie zurück nach Hamburg. Dort lebt sie heute mit ihrem Mann und arbeitet im Vertrieb.

Juliana Darling

SHOWGIRL

Zwischen Studium und Strip-Club

Für alle tollen Frauen, meine Mamku und den Experten

Prolog

»Juliana, on stage – Juliana, bitte!«

Ich stehe hinter der Bühne und warte auf meinen Einsatz. Roxy rekelt ihren grazilen Körper zu den letzten Klängen ihres Songs, als ich endlich die ersten Takte von Ginuwines »Pony« vernehme. Mein Lied. Mein Auftritt.

»Bitte einen kräftigen Applaus, meine Herren, für unsere wunderbare Roxy! Und als Nächstes kommt … Julianaaaaaaa!«

Wie bei einer Boxansage ruft der DJ meinen Namen. Mein Puls beschleunigt sich. Mein Atem wird flacher. Die Aufregung steigt.

Roxy stolziert mit nacktem Busen und breitem Grinsen im Gesicht an mir vorbei und hält mir die Hand zum High five hin. In ihrem Strumpfband stecken etliche Scheine, ein sicheres Zeichen dafür, dass ihre Show ein Erfolg gewesen ist. Ich überprüfe hastig, ob der G-String unter meinem Kleid richtig sitzt und ob meine Brüste gut verpackt sind. Es muss alles perfekt sein, wenn die Kasse klingeln soll.

Mein Herz schlägt immer schneller. Ich schließe die Augen und versuche mit ein paar tiefen Atemzügen, meine Nervosität in den Griff zu bekommen. So oft habe ich das nun schon getan, aber in den Sekunden, bevor ich die Bühne betrete, bin ich auch nach all den Jahren immer noch so aufgeregt wie beim ersten Mal.

Ganz ruhig, Kathi. Du kannst das. Das weißt du!

Ich schließe die Augen. Die grellen Lichter verschwimmen. Alle Geräusche, die von vorne aus dem Publikum hinter die Bühne dringen, blende ich aus. Der Applaus wird leiser, die Musik kommt nur noch wie aus weiter Ferne, als hätte der DJ am Lautstärkeregler gedreht. Ich höre nichts mehr, außer meinem eigenen Herzschlag, der rhythmisch gegen meine Brust donnert. Das Blut rauscht in meinen Ohren.

Lampenfieber.

Ein letzter tiefer Atemzug.

Und jetzt los, Kathi!

Ich atme tief aus und straffe die Schultern, öffne die Augen und setze ein verführerisches Lächeln auf – dann trete ich hinaus in das schummrige Scheinwerferlicht.

Mit lasziven Schritten laufe ich hinein in die rotblau-getönten Schlaglichter, in denen der Bühnennebel und der Zigarettenrauch der Gäste zu tanzen scheinen, begleitet von den schweren Beats der Musik. Mit der rechten Hand umgreife ich die Metallstange, die mitten auf der Bühne befestigt ist, und werfe mein schönstes Lächeln in die Dunkelheit.

Ich werde oft gefragt, ob ich keine Angst davor habe, so freizügig vor anderen Menschen zu tanzen. Ich muss dies stets verneinen, denn man sieht die Augen der Zuschauer nicht, wenn man auf der Bühne steht und sich auszieht – man spürt sie auf seinem Körper, man fühlt, wie sie jeden Quadratzentimeter der nackten Haut mit ihren Blicken berühren, aber das ist kein beängstigendes, sondern ein verdammt heißes Gefühl.

Ich beginne, meine Hüften im Takt der Musik zu wiegen, und schmiege meinen Oberkörper eng an das kalte Metall der Stange. Während ich mich langsam um sie drehe, liebevoll, wie mit einem Mann eng umschlungen tanzend, setzt sich auch schon mein erster Bewunderer an den Bühnenrand. Ein junger Mann um die dreißig, der ein Bündel Scheine in der Hand hält.

Nicht so schnell, Darling.

Ich suche seinen Blick und lehne mich mit dem Rücken an die Stange – dann lasse ich mich mit gespreizten Beinen langsam in die Hocke sinken. Dabei halte ich ein Bein gestreckt, das in seine Richtung zeigt.

Ja, genau, Sweetheart. Dich will ich!

Als ich auf dem Bühnenboden angekommen bin, beuge ich mich nach vorne auf meine Knie und schleiche wie eine Raubkatze auf allen vieren in seine Richtung. Mit gierigen Augen starre ich ihn an. Der Refrain setzt ein: If you’re horny, let’s do it, ride it, my pony … Während ich auf den Mann am Bühnenrand zukrieche, drücke ich meine Wirbelsäule durch und recke den Po in die Höhe.

Oh ja, ich will dich. Wirklich!

Als ich am Bühnenrand angekommen bin, werden mir schon die ersten Zehn-Pfund-Noten entgegengestreckt, die ich mit den Fingerspitzen aus der Hand meines Bewunderers zupfe und seitlich in meinen Ausschnitt stecke. Dann richte ich mich langsam auf. Ich stehe direkt vor ihm, nur wenige Zentimeter trennen uns. Ich rieche sein Aftershave. Er kann seinen Blick nicht von mir wenden. Spielerisch ziehe ich meinen Rocksaum ein Stück weit nach oben und erlaube ihm so einen kurzen Blick auf meinen rechten Oberschenkel. Danach drehe ich mich um und stolziere mit wiegenden Hüften wieder zurück zur Stange. Ich umarme sie erneut, vollführe mit ihr eine Art Tango und öffne schließlich den Reißverschluss meines Kleides. Wie eine sich häutende Schlange winde ich mich mit sinnlichen Bewegungen aus dem Stoff und stehe plötzlich in nicht mehr als einem über und über mit Pailletten bestickten Bikini da. Das auf dem Boden liegende Kleid schubse ich mit meinem Stiletto in Richtung Bühnenausgang und konzentriere mich sofort wieder auf den einsamen Mann am Bühnenrand, der erneut mit einigen Scheinen wedelt.

Keine Sorge, Süßer, ich hab dich nicht vergessen.

Ich schwinge meine Hüften in Zeitlupe von links nach rechts und nähere mich ihm dann mit einigen schnellen, ausladenden Schritten. Bei ihm angekommen, sinke ich in den Spagat, während ich mit den Händen verführerisch an meinem knappen Oberteil spiele. Ich drehe den Kopf lasziv zur Seite und lasse meine langen dunklen Haare über meine Schultern fallen. Dabei verliere ich den Mann am Bühnenrand keine Sekunde aus den Augen.

Die Musik ist laut und sinnlich zugleich. Im Hintergrund kann ich die roten, mit Samt bespannten Wände des Klubs und die anderen Besucher erkennen. Neben der Bühne sehe ich nackte Brüste, die im Takt der Musik wackeln – Roxy gibt gerade an einem der Tische einen Tabledance zum Besten.

Das Lied von Ginuwine verklingt, es wird von einem schweren, langsamen Beat abgelöst – mein Zeichen, mich weiter auszuziehen. Jede Tänzerin muss bei ihrer Bühnenshow zwei Songs tanzen und sich die Zeit möglichst geschickt einteilen, um nicht sofort splitterfasernackt auf der Bühne zu stehen.

Ich nehme eine weitere Banknote von meinem Bewunderer entgegen und sehe, dass er lächelt.

Gefällt dir, was du siehst?

Ich schicke ihm einen Luftkuss und bewege mich zurück zur Stange. Als ich sie erreicht habe, ziehe ich mich etwa zwei Meter weit an ihr hoch, umklammere sie dann fest mit meinen Beinen und lasse meinen Oberkörper nach hinten fallen, sodass ich meinem Bewunderer kopfüber gegenüberhänge. Ich höre die ersten anerkennenden Pfiffe aus dem Publikum. Ich lächele und öffne gleichzeitig das Oberteil meines Bikinis. Mit einem leisen Rascheln der Pailletten fällt es auf den Boden, und ich hänge oben ohne an der Stange, nur gehalten von der Kraft meiner Oberschenkel, wie ich es schon tausend Mal getan habe.

Der gesamte Klub klatscht Beifall.

Ich spanne meine Bauchmuskeln an und ziehe mich wieder nach oben, rutsche anschließend verführerisch die Stange hinunter. Das Adrenalin jagt durch meine Adern, ich fühle mich großartig. Weiblich und sehr sexy.

»Gentlemen, das war Juliana! Bitte einen großen Applaus für unsere wunderbare Juliana!«

Der Mann am Bühnenrand gibt mir ein Zeichen, dass ich gleich zu ihm kommen soll, um an seinem Tisch zu tanzen. Nur für ihn. Ich lächele ihn an. Heute wird ein lukrativer Abend werden. Ganz bestimmt. Wie immer.

1

You Can Leave Your Hat On

Joe Cocker

Als ich die Augen aufschlug, traf mich die Erinnerung wie ein Schlag.

O mein Gott! Was zum Teufel ist passiert? Warum bin ich so verkatert? Sind die Bilder von letzter Nacht real, oder habe ich das alles nur geträumt? Habe ich wirklich halb nackt an einer Stange getanzt? In einem Klub voller Menschen in einer fremden Stadt? In einem fremden Land?

Nein, nein, sicherlich waren das nur Halluzinationen, die Nebenwirkungen von zu viel Alkohol … oder etwa doch nicht?

Ich wagte es nicht, die Augen zu öffnen, und wehrte mich gegen die immer wiederkehrenden Bilder von mir im gedämpften Scheinwerferlicht auf einer Bühne, nicht mehr als meine auberginefarbene Unterwäsche tragend.

Darling, so etwas würdest du doch niemals tun! Dich auf einer Bühne ausziehen … vor Fremden? Aber warum tut mein Oberschenkel dann so weh? Könnte das ein blauer Fleck sein? Entstanden, als ich mein Bein gegen das kalte Metall der Stange gedrückt habe?

»Eine Stripperstange?! Scheiße!«

Während ich versuchte, die Bilder des vorangegangenen Abends aus meinem Kopf zu verscheuchen, klopfte es auch schon an der Tür meines WG-Zimmers im Londoner Norden. Nevada wartete erst gar nicht auf ein »Herein« und brüllte freudestrahlend: »Kathi, Darling, du warst so wunderbar! Also, wie du die Stange bearbeitet hast, genau wie eine professionelle Stripperin! Fucking fantastic!«

Stange? Bearbeitet? Stripperin? O Gott, wovon redet sie?!

Ich richtete mich auf und schwang mühsam die Beine aus dem Bett. Dabei stieß ich mit dem Oberschenkel an die Bettkante.

»Aua!«

Ich spürte einen stechenden Schmerz. Der blaue Fleck! An der Innenseite meines rechten Oberschenkels.

Nie wieder Alkohol! Und nie wieder halb nackt auf einer Bühne stehen!

»Darling, es bringt nichts, so zu tun, als wäre nichts gewesen. Wieso auch? Du warst absolutely fabulous. So … o là là! Hätte ich die Nacht so heiß getanzt wie du, hätte ich vor Aufregung kein Auge zubekommen. Also hör endlich auf zu schmollen!«

Ich gab mir die größte Mühe, Nevadas Begeisterung von mir abzuschütteln, während ich mich unter einiger Anstrengung aus dem Bett quälte und wackelig auf meinen nackten Füßen zum Stehen kam.

»Ich weiß immer noch nicht, wovon du sprichst.«

Während ich das sagte, bemerkte ich einen weiteren stechenden Schmerz, diesmal in meinem Kopf.

»Okay, okay, ich sehe, du bist zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich kooperativ. Hier ist dein Kaffee, Schatz. Frühstück ist in einer Viertelstunde fertig. Und geh duschen! Das bringt deinen Kreislauf wieder in Schwung. Ich kann es kaum erwarten, noch mal alle Details der letzten Nacht mit dir zu besprechen«, sagte sie mit einem mädchenhaften Kichern.

Wenn ich mir die Decke über den Kopf ziehe, hört sie dann auf, zu reden, und verblassen dann auch meine Erinnerungen an letzte Nacht?

»Du warst so amazing!« Nevada sandte mir ein paar Luftküsse zu, bevor sie mein Zimmer verließ.

Es war also wirklich passiert. Ich hatte nackt auf einer Bühne getanzt. Mitten im Londoner Nachtleben!

Na dann: Guten Morgen!

Unter der Dusche war mir eiskalt. Und das lag nicht am wohltemperierten Wasser, das auf meine Haut prasselte, sondern vor allem an dem Gefühl der Scham, das sich langsam in mir ausbreitete. Je länger ich unter dem Wasserstrahl stand, desto mehr Bilder vom gestrigen Abend kamen mir in den Sinn. Eine große Bühne, rote Samtwände, heiße Musik. Eine sinnliche Atmosphäre, unzählige spärlich bekleidete Frauen mit nackten und wunderschönen Brüsten, das Kribbeln auf meiner Haut, das Adrenalin in meinem Blut, die vielen Anzugträger, der Klubbesitzer mit dem schmierigen Zopf, der Geschmack von dem viel zu süßen Sekt noch immer klebrig auf meinen Lippen …

O Mann. Während ich eine halbe Tube Duschgel auf meinem Körper verteilte, musste ich lachen. Diese Geschichte könnte eine prima Anekdote bei der nächsten Weihnachtsfeier mit meiner Familie werden. Wobei, wenn ich so darüber nachdachte … was würden meine Eltern wohl von mir denken, wenn sie erfuhren, was ich getan hatte? Mein Lächeln schwamm zusammen mit dem Schaum den Abfluss hinunter.

»Es ist also wirklich passiert«, murmelte ich fassungslos, als ich das Wasser abgestellt und mich in ein Handtuch eingewickelt hatte. Ich zog den Duschvorhang zur Seite.

»Was ist wirklich passiert?«

Big T, mein Mitbewohner, war einfach ins Badezimmer gekommen und bedachte mich nun mit seinem breitesten Grinsen.

»Äh, gar nichts. Und jetzt hau ab, ich will mich anziehen, ohne dass du mich hier vollsabberst!«

»Sie hatte eine Audition als Tabledancerin in einem Stripklub im West End. Und sie hat den Job bekommen!«, rief Nevada, die unsere Konversation natürlich mitbekommen hatte, aufgeregt aus der Küche.

»Oh, wow! Herzlichen Glückwunsch. Wann kann ich kommen und dich sehen?«

Big T duckte sich gerade noch rechtzeitig, um dem nassen Schwamm auszuweichen, den ich nach ihm schmiss.

»Raus! Verdammt!«

Ich schaffte es, einigermaßen behände aus der Dusche herauszuspringen und die Tür vor seiner allzu neugierigen Nase zu verschließen. Schlimm genug, dass mich Dutzende Wildfremde gesehen hatten – splitterfasernackt!

O Gott, mir wird schon wieder schlecht …

Während ich die Momente der Ruhe im Badezimmer genoss und das Dröhnen in meinem Schädel langsam nachließ, nahm ich mir Zeit, um meinen blauen Fleck etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Ja, das war ohne Zweifel ein Stripperfleck. Ein Bluterguss, der entsteht, wenn man mit seinem Bein zu fest gegen die Pole-Dance-Stange drückt. Gerade am Anfang, das hatte mir eine der anderen Tänzerinnen erklärt, hat man noch nicht genügend Muskeln in diesem Bereich entwickelt, sodass es eben schnell zu blauen Flecken kommen kann. Später sollte ich aus eigener Erfahrung wissen, dass es viel Make-up und kosmetisches Geschick benötigt, um die Stripperflecke verschwinden zu lassen. Denn gerade im Rampenlicht muss man auf sein Äußeres besonders achten.

Nein, ich konnte es nicht verleugnen – dies war ein Stripperfleck! Das beste Indiz, dass das, was ich für einen verrückten Traum gehalten hatte, wirklich stattgefunden hatte. Tiefblau, mit etwa fünf Zentimetern Durchmesser und verdammt schmerzhaft schmückte er die Innenseite meines Oberschenkels.

Aua! Verdammt!

In diesem Moment in meinem Leben war mir noch nicht klar, dass diese Art von blauen Flecken bald zu meinem Alltag werden würde.

2

After Dark

Tito & Tarantula

Während ich mich anzog, stieg mir der verlockende Duft der kulinarischen Köstlichkeiten, die in der Küche auf mich warteten, in die Nase: Rühreier mit scharfer Chilisoße, gebratenes Gemüse und Pfannkuchen. Mein Lieblingsfrühstück. Ich schlüpfte in meine Jogginghose und machte mich auf den Weg in die Küche, wo meine lieben Mitbewohner schon schelmisch grinsend auf mich warteten.

Nevada war eine dunkelhaarige Schönheit, deren angebliche Herkunft wechselte wie die Farbe ihrer Unterwäsche. Manchmal behauptete sie, ihre Mutter käme aus Brasilien und ihr Vater aus Syrien, mal war sie europäisch mit einem kleinen französischen Einschlag (natürlich inklusive täuschend echtem Akzent), manchmal kam sie aus Südamerika, und am häufigsten behauptete sie ganz einfach: »Ich komme aus dem Paradies.« Es vergingen Jahre, ehe sie mir von ihrem dunklen Geheimnis erzählte. Nevada war, bevor es sie nach London verschlagen hatte, mit zehn Jahren nach Deutschland gekommen. Ursprünglich stammte sie aus einem Land, das die Schlagzeilen durch seinen fanatisch geführten blutigen Bürgerkrieg und dessen unzählige Opfer in der internationalen Presse unentwegt beherrschte. Verständlich also, dass sie nicht mit jedem darüber sprechen wollte, denn auf das Mitleid in den Augen ihres Gegenübers konnte sie gut und gerne verzichten. Aber auch wenn ich der Überzeugung bin, dass diese Erklärung der Wahrheit entsprach, so vermutete ich stets, dass es auch noch eine andere Komponente gab, die Nevada gefiel: Eine exotische Herkunft aus fremden Welten klang einfach viel aufregender – vor allem beim anderen Geschlecht.

»Wo kommst du her, Schönheit?«

»Ich komme aus dem Parrrradies.«

Punkt. Keine weiteren Worte waren mehr erforderlich, um die Männer reihenweise in den Schockzustand zu versetzen. Und seien wir ehrlich, im Grunde war es ihnen auch egal, woher Nevada denn nun wirklich stammte, solange sie in ihrer Nähe bleiben durften. Ja, meine Mitbewohnerin hatte diesen Effekt auf Männer, und wir hatten immer unser größtes Vergnügen dabei, wenn sie von jemandem angesprochen wurde, der schon vor der paradiesischen Antwort leicht glänzende Augen bekam. Mal ganz unter uns: Bei Männern finde ich es seit jeher lustig, dass man immer ganz genau weiß, wann sie erregt sind. Wenn das ganze Blut aus dem Gehirn in andere Kanäle fließt, wird auch der Blick glasig, und in ganz schlimmen Fällen verschlägt es ihnen geradezu die Sprache. Einfach nur komisch!

Nevada brachte ihre kleine süße Lüge stets mit rauchiger Stimme und viel rosa Gloss auf den vollen Lippen vor. Und egal, wie dumm es klingen mag, die Männer fielen jedes Mal darauf rein. Sie liebten es einfach! Auf unserer Jagd durch die schicksten Klubs und Bars in London haben wir nie einen Mann getroffen, der Nevadas Antwort auch nur im Ansatz für fragwürdig oder albern gehalten hätte.

Wie ich viel später erfahren sollte, ist dies die erste und vielleicht die wichtigste Lektion einer Tabledancerin: Männer sind süchtig danach, angelogen zu werden. Es hat schon einen Grund, warum es Lieder mit einem Refrain wie »Tell me lies, tell me sweet little lies« gibt … Dabei ist es egal, wie absurd die Lügen klingen. Männer lieben sie! Warum? Weil Männer Fantasien lieben. Deshalb rennen sie auch so gerne in Stripklubs. In Deutschland mag dies zum Teil noch einen billigen Beigeschmack haben, in London und den USA ist es gang und gäbe, dass man Frauen beim professionellen Ausziehen zuschaut, egal ob mit seinen Freunden oder seinen Businesspartnern. Das ist übrigens auch der Grund, warum es im englischsprachigen Raum so viele verschiedene Klubs für unterschiedliche Klientel gibt. Es geht bei dem Besuch eines Stripklubs nicht nur um nackte Haut, Champagner und verprasstes Geld, es geht vor allem um den ganz eigenen Film im Kopf der Herrschaften, den sogenannten »headfuck« oder »Mentalen Fick«. Kein Anfassen, kein Sex, nur Gucken. Und, gerade für die Akteurin wichtig: Zuhören. Niemand Geringeres als Sigmund Freud hat uns gelehrt, dass richtig guter Sex im Kopf beginnt. Daher habe ich mich später auch lieber »Babysitterin« oder »böse Manipulatorin« genannt anstatt Stripperin.

Als ich am Fuße der Treppe unseres gemeinsamen Hauses in Nord London ankam, hörte ich schon das Gekicher in der Küche: »Mann, du hättest sie sehen sollen! Sie war unglaublich. Als hätte sie nie etwas anderes gemacht!«

Ich blieb stehen und lugte um die Ecke in die Küche hinein.

Nevada stand am Herd und schleuderte ihre berühmt-berüchtigten Pfannkuchen durch die Luft. Sie war knapp eins siebzig groß, mit karamellfarbener Haut, einem wunderschönen Gesicht und zwei tropfenförmigen Brüsten in Körbchengröße DD, für die so manch eine ihr Leben oder zumindest ein paar Monatsgehälter bei den besten Chirurgen der Welt geben würde. Sie war perfekt, und sie wusste es. Neben ihrer Schönheit besaß sie eine entspannte und furchtlose Art, welche sie zu einer gefährlichen Sirene im Londoner Nachtleben machte. Nevada hatte vor nichts und niemanden Angst, und genau diese Ausstrahlung brachte uns oft in nervenzerreißende Situationen.

Sie zog immer ganz besondere Männer an – meist Typen, die auf der falschen Seite des Gesetzes standen. An einem Abend lernte sie einmal einen Diplomaten aus Nigeria kennen, der nebenbei Waffen schmuggelte. So kam es, dass wir eine komplette Samstagnacht in einer schicken Wohnung in West Kensington verbrachten, Tür an Tür zu einem Raum voller illegaler Pistolen, AK-47er und Maschinengewehren. Ich habe mir vor Angst fast in die Hose gemacht, aber Nevadas Schönheit, ihr Charme und ihr Mut verschafften uns eine interessante Nacht und eine sichere Fahrt mit dem Taxi zurück nach Hause. Obiama, unser Gastgeber, war fasziniert von ihr, und so kam es weder an diesem Abend noch an allen anderen, die folgen sollten, zu Zwischenfällen – auch wenn wir es nach unserem ersten Treffen vermieden, unseren nigerianischen Bekannten bei sich in der Wohnung zu besuchen. Regelmäßige Einladungen zum Essen in Mayfair genügten uns vollkommen. Ich bin mir sicher, Nevada traf sich noch öfter mit Obiama und ließ sich die verschiedenen Waffentypen erklären und demonstrieren. Just for fun versteht sich.

Doch trotz ihres dominanten und manchmal einschüchternden Charakters war Nevada vor allem eines: eine gute und fürsorgliche Freundin und eine großartige Köchin.

Big T leckte sich schon die Finger nach dem ersten Pfannkuchen. Ich stand noch immer an der Treppe und lauschte Nevada, die die letzte Nacht in allen Details zum Besten gab.

Big T trug seinen Namen nicht ohne Grund. Er war wirklich BIG. Über eins neunzig und mit ein paar Kilos zu viel auf den karibischen Rippen. Seine Haut hatte die Farbe von Zartbitterschokolade und schmeckte seiner Meinung nach auch genauso. Bestätigen kann ich das nicht, aber sie roch stets wunderbar nach Kokosnuss … ganz offensichtlich bediente er sich an Nevadas Kosmetikvorräten, was sie jedoch nicht störte.

Sein Lieblingsspruch war: »Wieso fahren schwarze Männer nie Porsche? Weil ihre Füße zu groß sind für das Gaspedal!« Und um ehrlich zu sein, da war etwas dran. Seine Füße waren wirklich riesig, und dem entzückten Gestöhne der zahlreichen Mädchen nach zu urteilen, die sein Bett frequentierten, waren sie nicht das Einzige, was riesig war. Wie sagte meine Großmutter immer so schön? Auf die Hände und Füße kommt es beim Mann an, dann stimmt auch der Rest. Big Ts überdimensionale Proportionen müssen sich auch auf seinen sexuellen Appetit übertragen haben, denn das Erste, was er tat, als er bei uns einzog, war, eine Satellitenschüssel zu installieren, die Hunderte von Pornokanälen empfangen konnte. Dies war der Grund, warum es bei uns den ganzen Tag lang stöhnte und ächzte. Big Ts einziger Kommentar, als wir ihn fragten, ob das wirklich nötig sei, war, dass er sich beim Anblick leichtbekleideter Frauen besser konzentrieren könne, außerdem handele es sich dabei um eine besondere Form der Völkerverständigung: »Ein Land kann man nach seiner Art von Porno beurteilen, Darling.«

Seine Lieblingspornos kamen aus Deutschland und der Tschechei. Ob das daran lag, dass dort die schönsten Frauen gezeigt wurden, oder doch eher an der sehr freizügigen Art und Weise, wie es die Beteiligten in diesen Filmchen trieben, vermag ich nicht zu beurteilen. Seine Augen waren jedoch immer enorm glasig bei den Gedanken an die Tschechei. Naja. Ihr erinnert euch vielleicht daran, was ich über glasige Augen und männliche Erregung gesagt habe …

Doch ganz gleich, wie anzüglich Big T von Zeit zu Zeit auch war, es bedeutete immer einen großen Spaß, Zeit mit ihm zu verbringen. Neben seiner Leidenschaft für Pornos und nackte Frauen war er ein exzellenter Musikproduzent, der es verstand, seine Projekte geheim zu halten, anstatt mit ihnen zu prahlen, wie so viele Möchtegern-Produzenten in London das tun. Nach einigen beruflichen Tief- und persönlichen Schicksalsschlägen wusste er genau, was er tat und mit wem er sich umgeben wollte. Er wurde so zu einem zwar von Kopf bis Fuß versauten, aber unverzichtbaren Berater und Freund für uns.

»Guten Morgen«, flüsterte ich zaghaft, als ich die Küche betrat und mich an das hinterste Ende unseres Küchentischs setzte.

Big T grinste mich breit an. »Ich wusste schon immer, dass du es in dir hast!«

Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg. Nevada platzierte zwinkernd einen heißen Pfannkuchen auf meinen Teller.

»Wovon sprecht ihr eigentlich?«, versuchte ich mich dumm zu stellen.

»Och, Mensch, sei nicht so verdammt prüde, nur weil du mittlerweile wieder nüchtern bist! Das war doch superlustig gestern Nacht. Und dein Tanzen … heissssssss!« Nevada wackelte mit ihren Brüsten und grinste lasziv.

Ich schwieg, und während ich mich auf den Pfannkuchen stürzte, stieß ich mit meinem Oberschenkel gegen das Tischbein und genau gegen meinen blauen Fleck. »Autsch! Verdammt noch mal!« Der Schmerz schoss direkt in meinen Kopf und erinnerte mich unangenehm an meine erste Nacht auf der Bühne.

Es hatte keinen Sinn. Ich musste mich endlich mit der Wahrheit auseinandersetzen.

Der erschreckend nackten Wahrheit …

3

Get It On Tonight

Montell Jordan

Der Tag, an dem ich zum ersten Mal als Stripperin arbeitete, war ein Tag wie jeder andere. Ja, natürlich war ich jung, pleite und brauchte das Geld. Dennoch glaube ich, zumindest zu Beginn, dass ich einem Instinkt folgte, einer Neugier, die tief in mir verwurzelt war, sich wie ein ständiges Pulsieren durch meinen Körper zog und mich letztendlich dazu bewog, an der Stange zu stehen und mich lasziv auszuziehen.

Die meisten Frauen, mit denen ich gesprochen habe und auch heute noch spreche, bestätigen mir, dass das Strippen neben der Arbeit als Escortdame eine unglaubliche Faszination ausübt. Letzteres hat mich nie sonderlich gereizt, da ich es vorziehe, eher passiv als aktiv zu agieren. Man kann sich natürlich darüber streiten, ob ein Lapdance oder eine erotische Bühnenshow wirklich als passiv zu bezeichnen sind. In gewisser Weise sind sie das aber schon. Ich behalte die Kontrolle, ich bestimme, was passiert, und am wichtigsten: Ich werde nicht berührt. Bis heute bin ich ungern in der Nähe von Fremden, bewahre mir in dichtem Gedränge einen gewissen Aktionsradius und scheue Berührungen mit Menschen, die mir fremd oder unsympathisch sind.

Das Tanzen für einen Fremden ist eine sinnliche Erfahrung, die sich hauptsächlich im Kopf abspielt. Mit jedem Tanz und jedem Blick der Bewunderung nehme ich etwas von meinem Gegenüber, wohingegen mir der sexuelle Akt schon immer das Gefühl gegeben hat, dass ich etwas von mir gebe. Daher betrachte ich das Strippen nach wie vor als herrlich passiv. Ich bin der Überzeugung, die meisten Frauen genießen das Gefühl, sexy zu sein, die Kontrolle über sich und ihren Körper zu behalten – und vor allem über Männer. Aber hätte mich das alleine zum Tanzen bewogen? Vermutlich nicht. Viele Fantasien bleiben Fantasien, und manchmal ist das vielleicht auch besser so. In meinem Fall überschlugen sich jedoch die Ereignisse, und in einer ganz und gar unschuldigen Art landete ich in einem keinesfalls unschuldigen Milieu.

Nach meinem Abitur, zwei orientierungslosen Jahren an der Universität von Hamburg und mehreren Jobs als unterbezahlte Kellnerin in diversen Restaurants beschloss ich, nach London zu gehen, meiner Traumstadt, um dort Medienwissenschaften zu studieren. Ich wollte endlich frei sein. Frei von der deutschen Gesellschaft, frei von meiner Familie, von Kathi, einfach frei! Und ganz weit weg von allem, das mir vertraut war. Ich war also eine ganz normale Zwanzigjährige voller Ideale, Träume und innerer Rebellion.

Einmal angekommen in der großen Metropole, kam natürlich vieles anders als gedacht. London ist nicht nur eine große Stadt voller Eindrücke und vieler spannender Menschen, sondern vor allem unvorstellbar teuer. Hier hat das Wort »überleben« noch eine ganz andere Bedeutung, und vermutlich war das ein weiterer Anstupser, der dafür sorgte, dass ich mit mehr Glück als Verstand auf die Bretter stolperte, die vielleicht nicht die Welt, zumindest aber das nötige Kleingeld bedeuteten, um in einer Stadt wie London über die Runden zu kommen.

Das Bild der Stripperin ist bis heute ein schlechtes. Ich komme aus Hamburg, und da fallen mir natürlich die kleinen dunklen Kaschemmen auf der Reeperbahn ein, in denen Frauen sitzen, die nicht nur ihre Nacktheit anbieten, sondern vor allem ihre Körper. Ich denke an dickbäuchige Männer aus Süd- und Ostdeutschland mit fettigen Schnurrbärten und schmutzigen Gedanken und betrachte die Frauen als Opfer. Natürlich sind in meiner Vorstellung – Klischee sei Dank! – alle Stripperinnen aus Osteuropa, dumm, aus zerrütteten Familien, traumatisiert, blond gefärbt und mit falschen, schlecht gemachten Brüsten. Frauen, die keinen Respekt vor sich und anderen haben, die für Geld alles machen.

Warum jedoch bezeichne ich dann, wie so viele andere Frauen, das Strippen als Fantasie? Genau wie bei der Prostitution gibt es zwei Arten davon, einmal das typische Milieu und einmal die Highclass-Variante. Wir Frauen träumen natürlich immer von der Traumwelt, vom Glitzer und Glamour. Vielleicht auch darum, weil wir tief in uns spüren, dass wir im Grunde Exhibitionistinnen sind, die Bewunderung genießen und dieses Gefühl genauso brauchen wie ein Mann den Anblick eines schönen weiblichen Körpers. Eigentlich ist das doch die perfekte Symbiose. Warum existieren dann dennoch so viele Vorurteile?

Es gibt viele Motive, warum man als Stripperin arbeiten will, und bei mir waren es die Neugier und natürlich die Aussicht auf ein überdurchschnittliches Taschengeld. Meine Mitbewohnerin Nevada und ich studierten in der britischen Hauptstadt und arbeiteten nebenbei in einem Callcenter für Marktforschung. Der Job war schrecklich langweilig und hatte nur einen einzigen Vorteil, nämlich dass man hier in deutscher Sprache telefonierte und dadurch einen etwas höheren Stundenlohn bekam als bei anderen Jobs. Praktisch war außerdem, dass man auch am Wochenende arbeiten konnte, ohne sich die Nächte um die Ohren schlagen zu müssen. Nur so ist es zu erklären, warum die meisten ausländischen Studenten in London in Callcentern arbeiten. Man könnte nun vielleicht denken, dass das doch eigentlich eine super Arbeit sei: Man hat flexible Arbeitszeiten und lernt viele Menschen aus verschiedenen Ländern kennen. Das mag schon sein. Dumm ist nur, dass die deutschen Tugenden anscheinend vor allem von im Ausland arbeitenden deutschen Mitarbeitern gefordert werden! Unglücklicherweise wurde unsere Abteilung von einem Parade-Deutschen, Stefan, geleitet. Unbarmherzige Disziplin und eine regelrechte Sucht nach Regelbeachtung waren bei ihm an der Tagesordnung, und es wurde kein Funken Spaß bei der Arbeit geduldet. Wir waren hier schließlich bei der Arbeit und nicht auf dem Kindergeburtstag!

Unser Supervisor war ein kleiner Machtmensch, der seinen Job viel zu ernst nahm. Stefan hatte sein Studium bereits beendet und war wie viele andere in der Marktforschungsfirma kleben geblieben. Er bekam ein paar Pfund mehr die Stunde als wir, und seine Aufgabe war es, zu überprüfen, wie wir unsere Gespräche am Telefon führten. Sein liebstes Hobby war außerdem, zu kontrollieren, wie lange und wie oft wir die Toilette frequentierten. Nevada und ich hatten endlose Diskussionen mit ihm darüber, wie lange man denn nun für kleine Geschäfte, große Geschäfte und besondere Geschäfte an gewissen Tagen im Monat oder nach zu viel indischem Curry brauchte. Zwei Minuten? Drei Minuten? Und wie viel zusätzliche Zeit zum Händewaschen? Oder sollte man das lieber weglassen? Igitt! Ich hatte schon einmal darüber nachgedacht, eine Statistik zu erheben und alle europäischen Teams des Callcenters diesbezüglich einzeln zu befragen. Aber zu viel Information war ohnehin unser Geschäft, daher beließ ich es bei unverständlichem Kopfschütteln und resigniertem Schweigen.

Unsere Aufgabe bestand darin, Menschen in Deutschland (und je nach Auftragslage und Sprachenkenntnissen in einem anderen europäischen Land) nach ihren Gewohnheiten in Bezug auf Gesundheit, Geld und Partnerschaft (manchmal sogar Sex!) zu befragen, manchmal auch nach Erfahrungen mit bestimmten Produkten oder Präparaten:

»Verursachte das Medikament XY bei Ihnen …

1) sehr starke Bauchkrämpfe,

2) mittelmäßige Bauchkrämpfe,

3) etwas Bauchkrämpfe,

4) keine Bauchkrämpfe,

5) überhaupt keine Bauchkrämpfe oder

6) von allem etwas?«

»Äh – wie meinen Sie das?«

»Frau Müller, seien Sie doch bitte präzise! Hatten Sie nun mittelmäßige oder nur etwas Bauchkrämpfe?«

»Äh …«

»Ein wenig? Also etwas Bauchkrämpfe?«

Und genau hier kam Stefan ins Spiel, der uns mit Argusaugen bei unserer Arbeit beobachtete. Frau Müller musste schon die Formulierung »etwas Bauchkrämpfe« wiederholen, damit wir eine wertvolle Aussage bekamen, die für die Analyse verwendet werden konnte. »Ein wenig« stand schließlich nicht auf der Liste und konnte somit nicht berücksichtigt werden. Mit derlei blöden Fragen und Telefonaten musste ich mich mindestens viermal in der Woche herumschlagen, aber zu meinem größten Bedauern hatte ich keine andere Wahl.

Wenn man als Deutscher in England studiert, bekommt man kein BAföG und ist auf sich selbst gestellt. Und London ist teuer. Verdammt teuer. Um den armen Studenten unter die Arme zu greifen, sind die englischen Banken bei der Vergabe von Dispos und Kreditkarten besonders großzügig, und so ist eigentlich jeder Student, der zumindest ein wenig Spaß haben will, spätestens nach seinem ersten Jahr verschuldet und hechelt der Tilgung der hohen Zinsen hinterher. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass es mir nicht anders erging. Also ertrug ich mein Schicksal im Callcenter mehr oder weniger sehr stark, stark, weniger stark, etwas oder überhaupt nicht gelassen, und an manchen Tagen sogar kommentarlos.

An einem besonders nervigen Tag in der Marktforschungsfirma machten Nevada und ich zusammen Mittagspause und steuerten zielstrebig auf den kleinen pakistanischen Kiosk eine Straße weiter zu. Neben Schokoriegeln und Cola light kauften wir das »The Stage«-Magazin, eine Zeitung für junge Leute, die in der Schauspiel-, Tanz- oder Musikbranche einen Fuß in die Tür kriegen wollten. Es musste einfach einen besseren Job geben, als Menschen am Wochenende über ihre Magen-Darm-Probleme zu interviewen. (Vielleicht erinnert sich der eine oder andere von euch an die lästigen Anrufe am Sonntagnachmittag vor einigen Jahren. Das könnten Nevada und ich gewesen sein. Sorry. Es war nicht wirklich freiwillig. Ich schwöre! Stripper-Ehrenwort.) Nein, es musste einfach noch mehr Möglichkeiten für zwei junge, attraktive Frauen in einer Metropole wie London geben, an Geld zu kommen.

Und da war sie plötzlich, die Anzeige, nach der wir gesucht hatten:

Nette Arbeitsatmosphäre, keine erforderlichen Vorkenntnisse und großes Verdienstpotenzial? Oh ja, das klang schon viel besser, als endlose Fragebögen auszufüllen und darüber zu diskutieren, wie viel Zeit man für welche Aktivität auf dem stillen Örtchen benötigte! Und natürlich hatten wir zu diesem Zeitpunkt unseres Lebens noch nie das Zitat von Michael Forbes gehört: »If something sounds too good to be true, it probably is.« Die Aufregung, endlich einen lukrativen Job zu finden, war größer als die Vernunft, die bei so einer Anzeige laut »Stopp!« rufen sollte. Natürlich war uns klar, dass es sich hierbei um etwas Schlüpfriges handeln musste. In London gab es viele Möglichkeiten, mit seinen Reizen Geld zu verdienen, vom Escort über Striptease zum Hostessenklub. Und auf ein Etablissement der letzteren Art steuerten wir gedanklich bereits zu: mit einsamen Geschäftsleuten auf der Durchreise Champagner trinken und dabei Geld kassieren – das klang vielversprechend!

»Lass uns diesen Giles sofort anrufen, Darling!«, schrie Nevada voller Vorfreude.

Ich ließ mich nicht zweimal bitten und schaffte es gerade noch, mein Handy so umzustellen, dass meine Nummer nicht angezeigt wurde. Etwas Vernunft war in der ganzen Euphorie wohl doch durchgesickert.

»Hello?«, fragte eine männliche Stimme mit einem starken Londoner Akzent am anderen Ende der Leitung.

»Äh, hallo, mein Name ist Kathi.«

Stille.

»Ja. Und nun?«

»Äh, ich habe Ihre Anzeige im Stage-Magazin gesehen, dass Sie eine Lady, äh, Ladys suchen.«

Während ich die Wörter aus mir herauspresste, wurde mir klar, dass ich dümmer klingen musste als Stefan aus dem Callcenter, der mahnend auf die Uhr zeigte, wenn eine von uns mal wieder zu lange auf der Toilette verbracht hatte.

»Ach so, hello, Darling!« Giles dachte offensichtlich weniger an Stefan und eher daran, dass ich eine mögliche Kandidatin für sein geheimnisvolles Unterfangen war. Seine Stimme senkte sich um eine Oktave nach unten.

»Hast du schon mal als Hostess gearbeitet, Sweety?«

»Äh – nö.«

»Kein Problem. In unserem Business ist es ohnehin besser, wenn man noch nicht so viel Erfahrung gemacht hat, wenn man also jung und frisch ist. Du weißt schon, was ich meine!« Er kicherte anzüglich.

Nein, das wusste ich bis dato noch nicht, aber ich entschloss mich aus Gründen der Höflichkeit, mitzulachen.

Nach weiteren zwei Minuten schlüpfriger Andeutungen, zweideutiger Witze und der Wegbeschreibung verabredeten wir uns zum Vorstellungsgespräch am gleichen Tag um acht Uhr abends. Giles wiederholte die Zeit und die Adresse mehrmals – er musste mich offenbar doch für ein wenig dämlich halten.

Unser Date für den Abend stand also fest: zur Primetime in der Nähe vom Piccadilly Circus in einer Straße, die den treffenden Namen Swallow Street trug, Schluckstraße. Na, wenn das nicht erfolgsversprechend klang …

Zurück im Callcenter hatten Nevada und ich Schwierigkeiten, uns zusammenzureißen. Wir riskierten eine Standpauke von Stefan, konnten uns aber überhaupt nicht beherrschen. Also kicherten wir vor Aufregung den gesamten Nachmittag über und wurden schließlich mit einer Verwarnung nach Hause geschickt. Das Callcenter-Business verstand keinen Spaß. Erst recht nicht im deutschen Team. Arbeit, Arbeit, Arbeit!

Uns war alles egal. Wir wollten einen neuen Job und sprachen den ganzen Nachhauseweg darüber, was wir anziehen sollten, wie Giles aussah und wie viel Geld wir verdienen konnten. Im Norden Londons angekommen stürmten wir gleich die High Street und suchten nach passenden Outfits. Leider war die Gegend, in der wir wohnten, nur spärlich mit Klamottenläden gespickt. Unsere Nachbarschaft bestand eigentlich nur aus Kebabläden, und jede Woche kamen neue dazu.

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