Logo weiterlesen.de
Shinobi

Vorwort

1. Der Schicksalstag

2. Nächtlicher Einbruch

3. Die Lehre

4. Der Nachhilfeunterricht

5. Genpuku

6. Das Fest

7. Noriaki

8. Verraten

9. In der Höhle des Löwen

10. Takeru

11. Gefangener

12. Die Gelegenheit

13. Der Zweikampf

14. Kein Entrinnen

15. Der Fluchtversuch

16. Eingeholt

17. Der nächtliche Besuch

18. Die Hinrichtung

19. Teruos wahre Geschichte

20. Die Informationsgewinnung

21. Ein Feuer in der Ferne

22. Erfasst

23. Die Rettungsaktion

24. Sakamoto

25. Die Dōshin

26. Die Vernehmung

27. Der Plan

28. Das Spionagenetzwerk

29. In der Festung

30. Taikis Auftrag

31. In großen Schwierigkeiten

32. Ein Gespräch mit Heiya

33. Der Samurai

34. Das Urteil

35. Seppuku

36. Der Koga-Shinobi

37. Letzte Vereinbarung

38. Im Wirtshaus

39. Die Nacht der Infiltration

40. Im Verlies

41. Rokuda

42. Über den Burggraben

43. Duell in der Dunkelheit

44. Die Brandstiftung

45. Flucht aus der Burg

46. Die schlechte Wendung

47. Auf Sakamotos Dächern

48. Alle wieder beisammen

49. Die Trainingsstunde

50. Die Ratsversammlung

51. Das Blatt wendet sich

52. Die Vorbereitungen

53. Die Zusammenkunft

54. Nabaris Befestigung

55. Die letzten Sonnenstrahlen

56. Der Krieg naht

57. Wenig Hoffnung

58. Der Abschied

59. Der Hinterhalt

60. Die Atempause

61. Das Kreuzfeuer

62. Yujiros Entschluss

63. Kein innerer Frieden

64. Das feindliche Lager

65. Das Ablenkungsmanöver

66. Entdeckt

67. Gefahr am Horizont

Nachwort

Japanisches Glossar

Vorwort

Dieses Werk ist die Fortsetzung des historischen Romans Shinobi: Der Weg der Schatten, der aus einer Kombination von Fiktion, wahren Ereignissen und Fakten besteht. Darin wird das Leben der damaligen Zeit aus der Perspektive erfundener Figuren dargestellt, während jedoch einige von ihnen tatsächlich existiert hatten. Aufgrund des Informationsmangels über die im Buch erwähnten historischen Persönlichkeiten, hat sich der Autor die literarische Freiheit genommen, sie so zu beschreiben, wie sie seiner Meinung nach gewesen sein mochten.

Es ist in der Tat ein Privileg, über die Shinobi zu berichten und aus ihrer Perspektive zu schreiben, da bisher viele Bücher publiziert wurden, in denen diese als Bösewichte dargestellt werden, während Samurai als Helden gelten. In Wirklichkeit gab es nie eine Feindschaft zwischen ihnen, sondern sie konnten gleichzeitig ein und dasselbe sein. Dennoch gibt es einige Besonderheiten, die die Shinobi kennzeichneten.

Eine keineswegs geringfügige Anzahl von Samurai – wie es in diesem Buch kenntlich gemacht wird – schätzten ihre Ehre mehr als ihr eigenes Leben und würden nicht zögern, Seppuku, den rituellen Selbstmord, zu begehen, um ihre Würde wiederherzustellen. Somit würden sie lieber in Ehre sterben, als in Schande weiterzuleben.

Die Shinobi zeigten sich in diesem Aspekt genau konträr – zumindest während ihrer Aufträge. Ihr wichtigstes Prinzip erwies sich darin, ihr Leben zu bewahren, unabhängig von den Handlungen, die sie dafür vollbringen mussten. Sollten sich die Shinobi im feindlichen Gebiet befinden und dabei ausfindig gemacht worden sein, ohne eine Chance zu haben unentdeckt zu bleiben, war das Allererste, was sie ergriffen, nicht das Schwert sondern die Flucht. Ihr oberstes Gesetz war es, lebend davonzukommen.

Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass sie feigherzig waren, obgleich dies oft propagiert wird – genau das Gegenteil trifft hier zu. Wenn sich ein Shinobi auf eine Mission begab, wurde von ihm eine starke Ausdauer verlangt, wobei er jederzeit bereit sein musste, seinem Tod gegenüberzutreten. Während sich Samurai in Schlachten für ihren Herrn aufopfern konnten, durften die Shinobi, die in einem Einsatz waren, es nicht, da es für sie unentbehrlich war, mit den beschaffenen Informationen zurückzukehren.

Die Informationsgewinnung, Sabotage, Spionage sowie viele andere Fähigkeiten der Shinobi trieben nicht wenige Daimyō, Kriegsherren, dazu, diese einzusetzen. Die Fertigkeiten dieser Spione waren hochgeschätzt, weil ihre Arbeit oftmals darin bestand, auf Taten zurückgreifen zu müssen, die nicht jeder bereit war auszuüben, wie beispielsweise das Eindringen in das Haus bzw. die Festung eines anderen.

Die Samurai kämpften offen auf dem Schlachtfeld mit einem Banner auf dem Rücken, um für andere identifizierbar zu sein. Die Shinobi dagegen mussten bei einigen geheimen Nachtoperationen unglaublich schwierige Missionen bewerkstelligen, wie zum Beispiel in einer Burg Chaos anrichten, Brandstiftung verursachen oder gar die Tore einer Festung öffnen. Sobald ihr Auftrag ausgeführt worden war, würden Samurai in die Festung strömen und sämtlichen Ruhm ernten, obwohl die schwierigste Aufgabe von Shinobi erledigt wurde.

Dennoch sollte der Leser nicht die Annahme machen, dass Samurai und Shinobi zwei Gegensätze waren. Ganz im Gegenteil: Ein Samurai konnte auch zugleich ein Shinobi sein, denn der Letztere war nichts Weiteres als die japanische Variante eines Spions und Kundschafters. Anders gesagt, ein Samurai zu sein, hieß zu der Führungsklasse zu gehören und gewisse Ideologien zu vertreten, während ein Shinobi zu sein, eine bestimmte Art von Arbeit zu verrichten bedeutete.

Das zweite Buch dieser Reihe findet anderthalb Jahre nach dem Ende des ersten Bandes statt, und zwar nach Nobukatsus fehlgeschlagener Invasion. Im Laufe dieser kurzen Periode stellte sein Vater, Oda Nobunaga, eine riesige Armee auf, um Iga zu annektieren.

Währenddessen lebten die Iga in ängstlicher Erwartung auf die Fortsetzung des Krieges mit dem Oda-Clan. Da sie keine wahren Verbündeten hatten und weil die Bevölkerung dieser kleinen Provinz zahlenmäßig unbedeutend war, konnten sie keine neuen Krieger rekrutieren oder auswärtig nach Hilfe suchen. Sie waren vollkommen auf sich alleine gestellt.

1. Der Schicksalstag

Japan, irgendwo in Izumi, April 1581

Stolz auf seinem Schlachtross sitzend, stieß Ashida Iemitsu einen langen Seufzer aus, als er seinen Landbesitz musterte. Die letzten, goldenen Sonnenstrahlen der untergehenden Abendsonne schienen auf die Landschaft vor ihm sowie auf einen kleinen Fluss herab, der sich durch die vielen Reisfelder schlängelte. Das cyanblaue Wasser glänzte dabei wie ein Saphir. Der leichte Wind wehte sanft über die Felder und ließ das saftig grüne Gras des Flachlands rascheln, das auf eine Vegetation hinwies, die sich perfekt für den Ackerbau eignete. Kleine Bauernhäuser standen hier und da zwischen den Feldern, auf denen Bauern ihr Tageswerk verrichteten.

Iemitsu schmunzelte zufrieden. Vor einem Monat war er endlich nach einer Militärkampagne nach Hause zurückgekehrt und konnte hier vorübergehend sein Leben in Frieden genießen. Er war einer der wenigen Jizamurai, die es noch zu dieser Zeit gab. Den meisten dieser Landsamurai mit Landgut waren ihre Macht und ihr Landbesitz bereits entweder von Stadtsamurai oder von den Daimyō, den Kriegsherren, die eine oder mehrere Provinzen besaßen, entzogen worden. Obwohl das Land ursprünglich von vielen Jizamurai bevölkert war, nahm ihre Zahl nun deutlich ab und sie mussten ihre Macht abgeben.

Mit diesen Gedanken im Sinn drehte er sich um und ritt zu seinem Anwesen zurück, das von einer Pflastermauer, deren unterster Teil aus Stein gebaut war, umzäunt war. Der Samurai am Tor verbeugte sich tief, als er sich ihm näherte.

„Ein wunderschöner Abend, nicht wahr?“, meinte Iemitsu, während er vom Pferd stieg.

„Jawohl, Sir“, antwortete der Bushi, der Samurai. „Das erhellt auch das Gemüt der Bauern – sie arbeiten fleißiger.“

„In der Tat“, murmelte Iemitsu und überreichte die Zügel seines Pferdes einem Diener, der es sofort zu einem Stall hinführte.

Glücklich betrat der Jizamurai den Vorhof seines kleinen Anwesens und sah sich um. Ein mittelgroßes Haus stand etwas hinten in der Mitte des von den Mauern eingeschlossenen Bereichs, während eine hölzerne Veranda das Gebäude umkreiste. Kleine Steintrittplatten vom Eingang dieses Hauses führten zu einem wunderschönen Garten. In diesem befand sich ein runder Teich mit Wasserlilien, der von einer kleinen, hölzernen Brücke überquert wurde. Kieswege schlängelten sich zwischen Büschen, Blumen und einigen Kirschbäumen, deren Blüten, seitlich von den Sonnenstrahlen erhellt, äußerst atemberaubend vorkamen. Zwei weitere, kleine, hölzerne Gebäude, die jeweils aus einem einzelnen Zimmer bestanden, befanden sich ebenfalls im Hof und Iemitsu ging direkt auf eines davon zu, während er einer vorbeieilenden Magd befahl, stehen zu bleiben.

„Habt ihr schon mein Bad vorbereitet?“, erkundigte er sich.

Die Magd verbeugte sich tief. „Ja, Ashidasama. Kaiisan sollte eigentlich schon das Wasser warm gemacht haben.“

„Gut“, war alles, was Iemitsu von sich gab, als er auf das Gebäude zuging. In Erwartung des kommenden, entspannenden Bads beschleunigte er ein wenig seinen Schritt.

„Kaiisan, sind Sie da?“, wollte er wissen, als er gut gelaunt eine Seitentür öffnete und das kleine Gebäude betrat. Was er jedoch als Nächstes sah, ließ ihn schlagartig erstarren.

Vor ihm stand eine lange Steinbank sowie eine große Holzwanne in der Mitte des Zimmers. Doch anstatt von heißem Wasser war die Wanne mit etwas ganz anderem gefüllt; mit einer furchterregenden Flüssigkeit, die er gehofft hatte, nicht wiedersehen zu müssen, bis sein Daimyō erneut seine Dienste in Anspruch nahm: Blut.

Was ihn jedoch am meisten erschreckte, war Kaii, der selbst in der Wanne lag und seine weit aufgerissenen Augen entsetzt auf ihn heftete.

„Kaiisan?“, wagte Iemitsu es schließlich hervorzubringen, als er bestürzt die Leiche seines Dieners anstarrte. Verkrampft griff er nach dem Katana, dem Langschwert, das er immer bei sich trug.

Plötzlich hörte er, wie sich die Tür hinter ihm schloss. Instinktiv drehte er sich um, bereit sein Leben zu verteidigen. Doch niemand war da. Panik stieg in ihm auf und er wollte gerade die Tür öffnen, um seine Wachen zu alarmieren, als er auf einmal eine Stimme hinter sich vernahm.

„Ich habe Sie schon erwartet, Ashidasama.“

Schwer atmend vor Angst, fuhr Iemitsu blitzschnell herum, wobei er sein Schwert direkt vor sich hielt. Der Anblick, der sich ihm bot, brachte beinahe sein Herz zum Stillstand. Ein furchteinflößender Dämon, mit knallrotem Gesicht und Hörnern auf der Stirn, in einem einfachen grauen Kimono, ein Gewand aus Baumwolle, starrte ihn höhnisch grinsend an.

Unmöglich, dachte der Jizamurai und jeglicher Mut verließ ihn.

„Setzen Sie sich“, forderte ihn der Dämon gelassen auf. „Wir haben einiges zu besprechen.“

Erst jetzt stellte Iemitsu fest, dass sein Gegenüber kein Dämon war, sondern lediglich nur eine Maske trug, denn beim Sprechen verzog sich kein einziger seiner Mundwinkel. Etwas ermutigt, aber immer noch in Alarmbereitschaft versetzt, schluckte der Jizamurai seine Furcht hinunter.

„Was wollen Sie von mir?“, verlangte er.

Mit Ausnahme seiner Augen, die Iemitsu abschätzend musterten, blieb der Fremde vollkommen bewegungslos.

„Beantwortet mir lediglich nur eine einzige Frage und ich bin nie hier gewesen.“

„Und wie lautet die Frage?“, wollte der Jizamurai wissen.

Misstrauisch verengte er die Augen und sah sich eilig um, um weitere „Dämonen“ ausfindig zu machen, die sich womöglich in diesem Gebäude versteckt hatten. Der Blick des Unbekannten, der vorher aufgrund Iemitsus Reaktion auf Befriedigung gedeutet hatte, wurde todernst.

„Wo befindet sich Euer hinterhältiger Vater?“

Der Jizamurai versteifte sich unverzüglich. Sein Vater war früher mal ein mächtiger General gewesen und hatte sich viele Feinde gemacht, die seinen Tod herbeiwünschten. Dies hatte er zwei seiner Charaktereigenschaften zu verdanken: seiner Ambition, die ihm dazu verholfen hatte, ein General zu werden noch bevor er dreißig war, sowie seine übertriebene Rücksichtslosigkeit, die vielen Menschen das Leben gekostet hatte. Tatsache war, dass er bis ins Mark unbarmherzig gewesen war, als er den Befehlen seines Herrn Folge geleistet hatte. Es gab insgesamt mehrere Anschläge auf sein Leben und er hatte deshalb beschlossen, auf die Insel von Shikoku auszuwandern, um dort anonym seinen Ruhestand zu verbringen. Wenn dieser Fremde wissen wollte, wo sich sein Vater aufhielt, dann konnte dies nur eines bedeuten: Er wollte sein Leben auslöschen.

„Ich weiß es nicht“, log Iemitsu. „Verlassen Sie nun gefälligst mein Anwesen!“

Seufzend schüttelte der Unbekannte den Kopf. „Das war Ihre Entscheidung.“

Ohne dass Iemitsus Augen die Bewegung verfolgen konnten, griff der Fremde nach einem Gegenstand in seinem Kimono, den er blitzschnell auf den Boden vor sich warf. Ein lauter Knall ertönte und Rauch strömte aus dem Objekt heraus, sodass es innerhalb von wenigen Sekunden das gesamte Zimmer füllte.

Hustend trat Iemitsu einen Schritt zurück, ohne die Augen von seinem Gegenüber zu lösen, um ihn bloß nicht aus dem Blick zu verlieren. Er wollte sich gerade auf ihn stürzen, als ihn ein Schrei innehalten ließ.

„Aaaaahhhh!“

Es war eine seiner Mägde! Kaum war dies geschehen, vernahm er weitere Schreie seiner Diener, schnell gefolgt von Alarmrufen, Schmerzenssowie Todesschreien seiner Wachen und dem Klirren von aufeinanderprallenden Klingen.

Der Jizamurai weitete entsetzt die Augen. „Wie konnten Sie es bloß wagen?!“, brüllte er sein Gegenüber an, bevor er sich geschwind umdrehte und auf die Tür zustürmte, um herauszufinden, was dort vor sich ging.

Plötzlich und wie aus dem Nichts sprang eine flinke Gestalt, von den horizontalen Balken über ihm, herunter und griff ihn mit einem Schwert an. Von der unerwarteten Attacke überrascht, aber von seinem Instinkt gesteuert, rollte Iemitsu zur Seite und parierte den Stoß, der seiner Brust galt. Der Angreifer, dessen Gesicht von einer ähnlichen abscheuerregenden Maske bedeckt wurde, sprang nach rechts und übte einen weiteren Hieb aus, nach den Nieren stechend.

Iemitsu schwang sein Katana nach unten und, sobald die beiden Klingen aufeinandertrafen, versetzte er seinem Gegner rasch einen Vorwärtstritt in den Bauch. Aufstöhnend, schwankte dieser einen Schritt zurück und der Jizamurai führte einen blitzschnellen horizontalen Schwertstoß von rechts durch. Der Eindringling konnte den Hieb gerade noch rechtzeitig blockieren, wurde jedoch von der Wucht des Hiebes gegen die Wand geschleudert.

Diesen Augenblick ausnutzend, riss Iemitsu die Tür auf und rannte heraus. In seinem Garten herrschte purer Chaos. Diener liefen schreiend davon, während Männer mit weißen Dämonenmasken die Wachen angriffen, von denen bereits zwei tot am Boden lagen. Zufällig nahm er eine Bewegung am Hauptgebäude wahr und sah, wie einer dieser Eindringlinge sich in sein Haus hineinschlich.

Iemitsu erstarrte. Dort war seine Familie. Ohne auf die vielen Angreifer achtzugeben, rannte er an einigen der Kämpfenden vorbei, eilte über die Brücke und stieß schließlich durch die halb geöffneten Eingangstüren ins Hauptgebäude herein.

„Tamiko!“, rief er suchend, als er durch das große Eingangszimmer lief. „Bunjurokun, Rinchan, wo seid ihr?“

Hastig raste er einen Korridor entlang und rannte in ein Zimmer hinein.

„Tamiko? Rinchan? Bunjurokun?“, wiederholte er, diesmal jedoch leiser, als er bemerkte, dass der Raum leer war.

Plötzlich spürte er eine Bewegung hinter sich. Bedenkenlos drehte er sich um und parierte den Schwerthieb eines der maskierten Männer. Dennoch musste er zurückweichen, als dieser einen diagonalen Stoß von oben nach unten exekutierte. Konternd zielte Iemitsu nach dem Haupt seines Widersachers, doch der Letztere duckte sich, sodass die Klinge nur eines der Hörner seiner Dämonenmaske abhackte. In einer gebückten Position warf sich dieser auf den Jizamurai.

Instinktiv sprang Iemitsu zur Seite und schlug horizontal nach dem Rücken des an ihm vorbeilaufenden Kriegers, dessen flinkes Manöver versagt hatte. Vor Schmerz nach Luft schnappend, taumelte der Letztere ein paar Schritte vorwärts. Der Jizamurai blickte über die Schulter auf seinen Gegner und schmunzelte leicht. Er hatte ihn am Rücken erwischt.

Verwundet, aber immer noch kampfwillig, wandte sich der Maskierte dem Samurai zu. Er schien zu wissen, dass seine Kampffertigkeiten denen seines Widersachers, der ein überdurchschnittlicher Kämpfer war, unterlegen waren, dennoch wies sein Blick auf eine feste Entschlossenheit hin. Aufmerksam musterten sich die beiden Krieger gegenseitig und beobachteten jede Bewegung ihres Gegenübers.

Plötzlich stürzten sie sich gleichzeitig aufeinander und übten beide diagonale, niederschmetternde Stöße aus. Iemitsu hörte, wie sich Stoff zerriss und eine Klinge Fleisch durchdrang. Beide blieben nahezu reglos nebeneinander stehen. Ihre Blicke trafen sich ein letztes Mal, bevor der Maskierte leblos am Boden zusammensackte, wobei sein marineblauer, aufgeschnittener Kimono die Todeswunde preisgab.

„Ich muss schon sagen, ich bin beeindruckt“, vernahm der Jizamurai die Stimme des Unbekannten mit der roten Maske hinter sich.

Alarmiert drehte er sich um und sah, wie dieser, flankiert von zwei seiner Männer, das Zimmer betrat. Iemitsus Mut sank. Er wusste, dass er alle drei nie besiegen konnte. In seinem Unterbewusstsein setzte sich der Gedanke fest, dass heute sein letzter Tag auf dieser Welt war. Der Mann mit der roten Maske, der anscheinend der Anführer dieser Bande war, wurde ernst, als er den Bushi betrachtete.

„Dies kann alles sofort enden. Sagen Sie mir einfach, wo ich Euren Vater finden kann.“

„Niemals!“, brüllte Iemitsu und lief plötzlich mit erhobenem Schwert auf den Fremden zu.

Der Unbekannte wartete bis auf den letzten Moment, bevor er eine Seitwärtsrolle ausführte und mit einem versteckten Tantō, einem Kampfmesser, nach ihm stach. Iemitsu konnte der Klinge knapp noch ausweichen, als der Fremde zu seinem Entsetzen blitzschnell aufsprang und ihn mit einem kraftvollen, vertikalen Hieb von unten angriff. Mühevoll gelang es dem Samurai, den Stoß zu parieren, doch er wurde zurückgeworfen.

Kurzzeitig damit beschäftigt, nicht außer Gleichgewicht zu geraten, sah er, wie sich der Unbekannte so schnell wie der Blitz um seine eigene Achse drehte. Die erzeugte Schwungkraft zu seinem Vorteil nutzend, versetzte dieser seinem Widersacher einen mächtigen Seitwärtstritt in die Seite, der so stark war, dass er einen Holzbalken in tausend Stücke zersplittern könnte. Der Jizamurai stöhnte auf, als er spürte, wie sich eine seiner Rippen brach und ungeheurer Schmerz seinen Körper durchzuckte. Durch die Wucht des Trittes wurde er gegen eine der Papierwände geschleudert, die unter seinem Gewicht nachgab. Hustend versuchte er die Orientierung wiederzuerlangen, als ihm auf einmal bewusst wurde, dass er sein Katana verloren hatte.

Bevor er etwas tun konnte, spürte er, wie ihn zwei Hände am Kragen packten und er hochgehoben wurde, bis sein Gesicht beinahe die Dämonenmaske des Fremden berührte. Obwohl Iemitsu eigentlich ein hervorragender Krieger war, verblassten seine Fertigkeiten im Vergleich zu denen seines Gegners.

„Sagt mir endlich, wo Euer Vater ist“, zischte dieser.

Trotzend sah ihm der Jizamurai direkt in die Augen. „Nur über meine Leiche.“

Ohne Vorwarnung riss der Unbekannte ein Tantō aus seinem Obi, seinem Gürtel, und stieß es in Iemitsus rechten Arm.

„Aaaaaahhhhh!“, brüllte der Letztere auf, als ihn qualvoller, brennender Schmerz durchfuhr.

Auf einmal hob ihn der Unbekannte etwas höher und warf ihn vor sich auf die Tatami, die Matten aus Reisstroh. Aufzuckend, biss sich Iemitsu auf die Lippen und umklammerte die Wunde an seinem Arm, aus der Blut strömte. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie die anderen zwei maskierten Männer interessiert zuschauten.

Der Fremde trat bedrohlich einen Schritt auf ihn zu. „Wo ist Ashida Shinzu?“

Mutig sah Iemitsu zu ihm hoch und schüttelte den Kopf. Der Unbekannte stieß einen langen Seufzer aus und hob erneut sein Messer.

Plötzlich vernahmen sie wütendes Gebrüll. Instinktiv fuhr der Fremde herum und parierte unvermittelt den Hieb seines Angreifers. Seine Lippen kräuselten sich zu einem höhnischen Lächeln, als er feststellte, dass sein Gegner die Frau des Jizamurai war.

Er vernahm einen Schmerzensschrei und sah aus den Augenwinkeln, wie einer seiner Männer fluchend zurücksprang und nach seiner Schulter griff. Der Unbekannte erhaschte lediglich einen kurzen Seitenblick auf den zweiten Angreifer, denn die Frau attackierte ihn nun erneut. Rasch führte sie einen Schwertstoß durch, nach dem Hals ihres Widersachers zielend. Der Fremde wehrte den Stoß mit Leichtigkeit ab und, nach dem Austausch von vier oder fünf weiteren Schwerthieben, entwaffnete er die Frau. Vollkommen ungeschützt stand sie ihm nun gegenüber.

„Kniet Euch dort hin“, befahl der Unbekannte und deutete auf die Strohmatte neben ihrem Mann. Während die Frau vorsichtig tat wie ihr geheißen, wandte er seine Aufmerksamkeit dem zweiten Gegner zu, der seinen Untergebenen verletzt hatte, und welcher jetzt entwaffnet in der Ecke des Zimmers stand. Als er diesen erblickte, schnaubte er amüsiert.

„Du Knirps hast einen meiner Männer verwundet?“, lachte er und sah den Jungen an, der Iemitsus Sohn zu sein schien. Belustigt schaute er zu einem seiner nun verletzten Krieger herüber, der immer noch die Hand auf seine Wunde drückte. Der Blick dieses Mannes deutete auf puren Hass hin, als er den Jungen mörderisch anstarrte.

„Lasst uns in Frieden!“, rief der Junge mit vor Zorn zusammengekniffenen Augen.

Der Fremde sah ihn noch einmal an, bevor er ihm anerkennend zunickte. „Ich bin überrascht, dass du das Geschick und vor allem den Mut hast, einen meiner Männer anzugreifen und sogar zu verletzen.“ Er blickte Iemitsu an, der dem ganzen Vorgang still aber besorgt mit den Augen folgte. „Dein Vater hat dich gut trainiert, Junge … aber gut.“ Er ging einen Schritt auf den Jizamurai zu. „Zurück zum Thema, Samuraisan. Wo ist Ashida Shinzu?“

„Ich werde ihnen nichts verraten!“, rief Iemitsu stur.

„Sie stürzen einfach Ihre gesamte Familie ins Verderben“, seufzte der Unbekannte.

Auf einmal sah Iemitsu, wie der verwundete Krieger auf seinen Sohn Bunjuro zuging.

„Nein!“, rief er. „Lasst meinen Sohn da raus!“

Doch es war zu spät. Der Junge war bereits schockiert aufgesprungen und wollte aus dem Zimmer rennen, doch der Maskierte kam ihm zuvor.

„Neeeeiiiiin!“, schrie die Frau des Jizamurai, als sie sah, wie der Eindringling eine Klinge in die Brust ihres Sohnes stieß. Bunjuro riss weit die Augen auf und blickte seine Eltern ein letztes Mal an, bevor sein Lebensfunke erlosch und er tot zu Boden fiel.

„Nein! Nein, nicht mein Sohn!“, brüllte die Frau und lief zu dem reglosen Jungen hinüber. „Bunjurokun!“, schrie sie, neben ihm auf die Knie fallend, und begann laut zu schluchzen. „Nein! Mein Sohn!“

Iemitsu Kehle verschnürte sich. Er verspürte einen schmerzvollen Stich im Herzen und schloss trauernd die Augen. Der Fremde schien allerdings nichts von all dem mitzubekommen, denn er schaute den Jizamurai erneut an.

„Wie oft muss ich …“ Er brach ab, denn wegen des Geheules der Frau konnte er kaum seine eigene Stimme hören.

Sich an sie wendend, räusperte er sich. „Entschuldigen Sie mich, gnädige Frau, aber könnten Sie bitte etwas leiser trauern? Ich versuche hier gerade ein Gespräch zu führen.“

Die implizite Drohung in seiner Stimme vernehmend, wurde sie etwas leiser, konnte ihr Schluchzen jedoch nicht vollständig unterdrücken.

„Danke“, flüsterte der Fremde, bevor er sich gelassen an Iemitsu wandte. „Wie oft muss ich Sie noch fragen? Wir verschwenden einfach nur Zeit … und Menschenleben.“

Der Jizamurai antwortete nicht sofort. Mit vor Schmerz verengten Augen blickte er seinen Peiniger an. „Weshalb wollt ihr wissen, wo mein Vater ist?“

Der Blick des Unbekannten wurde todernst. „Vor einer langen Zeit überfiel die Armee des Generalen Ashida Shinzu eine Handvoll von Dörfern, obwohl sein Herr nicht den Befehl dazu gegeben hatte. In einem von diesen Dörfern lebte ich.“

Er hielt kurz inne und Iemitsu schluckte, als er den Hass spürte, den dieser Mann ausstrahlte. Er ahnte bereits, was er nun sagen würde.

„Euer Vater“, zischte der Fremde wütend, obwohl es ihm bis jetzt gelungen war, seine Fassung zu bewahren, „hat meine gesamte Familie ausgelöscht, als ich noch ein Kind war! Ich war der einzige Überlebende dieses Massakers. Er hat mein Leben ruiniert! Jetzt ist er an der Reihe …“ Schließlich konnte er sich wieder fassen. „Jetzt aber zurück zu meiner Frage.“

Doch Iemitsu schwieg. Nun da er wusste, wieso der Unbekannte nach seinem Vater suchte, konnte er es ihm nun recht nicht verraten.

„Immer noch so stur?“, fragte der Fremde gelassen.

Auf einmal vernahmen sie Schritte und die Aufmerksamkeit aller Anwesenden wurde der Tür zugewandt. Der Unbekannte lächelte boshaft, sobald er einen seiner Männer sah, der ein kleines Mädchen in den Raum hineinschubste, das nicht älter als vier oder fünf sein konnte.

„Rinchan!“, schnappte die schluchzende Mutter des Kindes nach Luft, bevor sie flehend ihren Blick auf den Fremden richtete. „Bitte tut ihr nichts an!“

Der Unbekannte schien sie jedoch gar nicht wahrzunehmen, denn er musterte das zitternde Mädchen, das ihn mit Tränen verschleierten Augen anstarrte. Er bemerkte, dass die Dämonenmaske ihr Angst einjagte, und nahm sie deshalb ab. Der Jizamurai erschauderte, als der fast kahle Schädel des Mannes, dessen Haut so blass wie die eines Geistes war, sichtbar wurde. Auf seiner Stirn konnte man eine Tätowierung sehen und unzählige Narben übersäten sein Gesicht.

Obwohl sich Rin nun etwas beruhigte, schien ihre Furcht vor diesem Mann gar nicht zu schwinden. Im Gegenteil, sein Aussehen trieb ihr sogar noch mehr Angst ein. Gebannt verfolgte Iemitsu jede einzelne Bewegung des Fremden, der auf ein Knie ging und das kleine Mädchen zu sich winkte.

„Komm her … Rinchan.“

Langsam kam sie ihm näher, wobei sie gelegentlich zu ihren Eltern herüberblickte. Es war leicht zu erkennen, dass sie noch zu jung war, um zu verstehen, was um sie herum geschah. Der Unbekannte lächelte mit einem Hauch von Zuneigung und legte eine Hand auf Rins Schulter, bevor er Iemitsu anschaute.

„Was für eine kleine, unschuldige Tochter ihr habt“, begann er mit einem listigen, spottenden Blick. Der Jizamurai bemerkte, wie sich das Messer in der Hand des Fremden, Rin langsam näherte. „Es wäre doch wirklich eine Schande, wenn diesem hübschen, kleinen Geschöpf etwas zustieße–“

Plötzlich sauste das Tantō direkt auf Rins Hals zu.

„Halt!“, brüllte Iemitsu.

Die Hand des Unbekannten hielt abrupt an. Das Mädchen erschauderte, als der kalte Stahl ihren Hals berührte.

Der Fremde sah mit einem triumphierenden Lächeln zu dem Jizamurai. „Jetzt seid Ihr bereit zu reden.“

Resigniert senkte Iemitsu den Kopf. „Er lebt in Shikoku, an der südlichen Grenze zwischen den Provinzen Iyo und Sanuki, isoliert von anderen Dörfern und Städten.“

Der Unbekannte lächelte zufriedengestellt. „Danke für die Information. Ich wusste ja, dass wir zu einer Einigung kommen würden.“ Bedrohlich trat er einen Schritt auf Iemitsu zu. „Jetzt brauche ich Sie nicht mehr.“

„Nein!“, rief die Frau des Jizamurai, sobald ihr die Absichten des Fremden bewusst wurden.

Blitzschnell zischte die Klinge des Unbekannten auf Iemitsus Hals zu und durchschnitt ihm die Kehle. Mit geweiteten Augen, die auf seinen Mörder geheftet waren, verließ ihn die Lebenskraft und er tat seinen letzten Atemzug.

„Nein! Iemitsu! Nein!“, schluchzte seine Frau herzzerreißend, als sie diesmal zu ihm lief.

Der Fremde schaute einfach gefühllos zu, bevor er seinen Männern ein Zeichen gab, ihm zu folgen. Das Zimmer verlassend, ließ er eine Spur von Leichen sowie eine weinende Mutter und Tochter hinter sich.

2. Nächtlicher Einbruch

Japan, Nabari

Totenstille hatte sich über das Dorf von Nabari gelegt und der Mond war das einzige Licht, das den Nachthimmel erleuchtete. Diese Geräuschlosigkeit wurde lediglich vom unaufhörlichen Zirpen der Zikaden unterbrochen. In wenigen Stunden würde das Morgengrauen anbrechen und Nabari wieder aufleben.

Ein Augenpaar beobachtete die Straße. Nachdem sich die Gestalt, deren Gesicht von einem dunkelblauen Tuch verhüllt war, umgesehen hatte, lief sie langsam zum schützenden Schatten eines Gebäudes. Aufgrund des lautlosen Ganges und der angewohnten Wachsamkeit schien es ein Shinobi, ein professioneller Spion, zu sein.

Halb hockend schlich er weiter vorwärts, wobei er sich ständig umschaute. Sobald er sich von jeglicher Abwesenheit eines Menschen vergewissert hatte, entspannte er sich ein wenig. Seine Augen huschten über einige Häuser, bis sie auf einem Gebäude hängen blieben. Auf der Hut bleibend, begab er sich in die Richtung seines Ziels.

Auf einmal vernahm er Schritte. Blitzschnell sprang er seitwärts und ließ sich zu Boden fallen, um sich im Schatten zu verstecken. Er presste tonlos seinen Körper gegen die Wand des Gebäudes neben sich.

Aus den Augenwinkeln erblickte er einen Mann mit einer kleinen Laterne, die nur wenig Licht spendete. Dieser ging langsamen Schrittes auf der Straße, ohne sich von irgendetwas ablenken zu lassen. Er schien nicht einmal zu ahnen, dass er beobachtet wurde, denn er wanderte selbstvergessen weiter, sodass er einige Sekunden später am anderen Ende der Straße verschwand und nun außer Sichtweite war.

Der Shinobi wartete vorsichtshalber noch eine Minute lang, bevor er sein Versteck verließ. Langsam erhob er sich und musterte seine Umgebung zum wiederholten Male. Die Luft schien diesmal rein zu sein. Leichtfüßig erreichte er das Haus, das er die ganze Zeit im Visier behalten hatte, und umrundete das gesamte Gebäude, bis er vor der Tür stand. Er wusste, dass sie offen sein würde, denn nicht jeder Kaufmann oder gar Samurai konnte sich Schlösser leisten.

Leise öffnete er die Schiebetür und spähte hinein. Drinnen sah er einen eher kleinen Eingangsraum. Dieser war zugleich auch das Esszimmer, denn in dessen Mitte hatte man ein Irori eingebaut, eine quadratische Öffnung im Boden, umgeben von einem Holzrahmen und mit Sand gefüllt, über welcher ein kleiner Wasserkessel von der Decke hing.

Der Shinobi überflog flüchtig den ganzen Raum mit den Augen, bevor er sich hineinstahl. Ohne einen weiteren Gedanken an seine Umgebung zu verschwenden, schlich er an der tiefliegenden Kochstelle vorbei und begab sich zur Tür, die zum Schlafzimmer führte. Dort blieb er stehen und horchte. Er konnte männliches Schnarchen vernehmen.

Geräuschlos zog er einen kleinen mit Öl gefüllten Behälter aus seinem Kimono heraus, bevor er umsichtig ein wenig davon unter die Tür goss. Nachdem er das Fläschchen wieder in seinen Obi verstaut hatte, begann er die Schiebetür aufzumachen.

Es funktioniert!, lächelte er daraufhin, als kein Knarren ertönte. Er öffnete die Tür um einen Spalt und ließ seinen Blick hineinwandern.

Am anderen Ende des Raumes konnte er die unklare Form eines Mannes ausmachen, der auf einem Futon, einer Schlafmatratze, lag und schlief. Direkt daneben lag griffbereit ein Kurzschwert.

Sein Zielobjekt beäugend, blickte sich der Shinobi im Zimmer um. Eine hölzerne Kiste stand zu seiner Rechten, während sich daneben einige Tongefäße befanden. Außer diesen sowie einer kleinen Pflanze, die als einzige Dekoration im Hause diente, gab es kaum weitere Möbelstücke.

Der Shinobi schluckte seine Nervosität herunter, als er begriff, dass das Schwierigste noch bevorstand. Mit außerordentlicher Vorsicht und Langsamkeit ging er einige Schritte auf den schlafenden Mann zu. Nun blieb er neben ihm stehen und versuchte herauszufinden, wie tief sein Schlaf war. Unfähig dies einzuschätzen, zögerte er einen Moment lang und fasste den Entschluss, einfach fortzufahren und seine Aufgabe so schnell wie möglich auszuführen.

Unruhig kniete er sich neben dem Mann hin und lehnte seinen Körper nach vorne, wobei er sich Mühe gab, das schwache Mondlicht nicht zu blockieren, das auf das Gesicht des Schlafenden fiel. Die Augen des Letzteren waren geschlossen und seine Brust hob und senkte sich regelmäßig.

Mit Bedacht streckte der Shinobi den Arm über die schlafende Gestalt aus und ertastete langsam das Schwert, das auf der anderen Seite des Futon lag. Vor Aufregung, seinen Auftrag beinahe ausgeführt zu haben, atmete er leicht ein. Einigermaßen erleichtert begann er seinen Arm mit dem Kurzschwert zurückzuziehen.

Plötzlich wurde sein Arm von einer Hand ergriffen. Erschrocken weiteten sich seine Augen, als er sah, wie der erst vor kurzem noch schlafende Mann ihm bedrohlich ins Gesicht starrte.

3. Die Lehre

Augenblicklich wollte sich der Shinobi wehren, erstarrte jedoch, sobald er den kalten Stahl eines Messers an seiner Kehle spürte. Überlegen blickte der Mann den Eindringling an.

„Nachlässigkeit ist ein großer Feind“, wisperte er.

Der Shinobi wagte es nicht, sich zu rühren. Bedächtig starrte ihn der Mann an, wobei seine Miene unbewegt blieb. Auf einmal grinste dieser triumphierend und senkte die Waffe.

„Guter Versuch, Taikikun. Aber es gibt immer noch einige Kleinigkeiten, die du verbessern könntest“, lächelte er vergnügt.

Der Shinobi zog sich das umwickelte Tuch vom Kopf. Das enttäuschte Gesicht eines neunjährigen Jungen kam zum Vorschein.

„Onkel Yujiro, was habe ich diesmal falsch gemacht?“, fragte er etwas irritiert. Die kindliche Unschuld war noch deutlich in seiner Stimme zu hören.

Kiyonori Yujiro, der ein Chūnin, einer der Assistenten des Jōnin, des Clan-Anführers, Momochi Tanba, war, nahm behutsam das Kurzschwert, das sein Neffe in der Hand hielt, und legte es wieder neben seinem Bett. Er setzte sich auf, bevor er antwortete.

„Beruhige immer deinen Geist und deine Gedanken, bevor du überhaupt etwas tust, denn ich weiß, dass du gezögert hast. Das ist einer der schlimmsten Fehler, die ein Shinobi begehen kann. Befreie dich jedes Mal von der Angst, dem Zweifel und dem Zögern. Sonst wirst du noch mehr Fehler begehen und es besteht somit die Möglichkeit, dass jemand deine Anwesenheit spüren wird.“

Verblüfft klappte Taiki die Kinnlade herunter. „Was? Meinen Sie das ernst?“

Sein Onkel nickte. „Ich konnte deine Unentschlossenheit hautnah fühlen. Doch was mich geweckt hat, war etwas ganz anderes.“

Der Junge warf ihm einen fragenden Blick zu. „Und was war das?“

„Dein Atem.“

„Mein Atem?“

„Genau. Immer wenn du dich einer Person näherst mit der Absicht unentdeckt zu bleiben, musst du immer deinen Atem an die dieser Person angleichen. Verstanden?“

Taiki nickte und senkte irritiert den Kopf. „Aber so werde ich nie ein richtiger Shinobi!“

„Taikikun, wir lernen von unseren Fehlern. Glaubst du etwa, dass ich als Shinobi geboren wurde?“

Der Junge schüttelte den Kopf. „Aber wann bin ich endlich komplett ausgebildet?“

„Du hast erst knapp über die Hälfte deines Trainings hinter dir. Frag deinen Cousin; er wird dir mehr darüber sagen können als ich.“ Yujiro unterdrückte ein Gähnen. „Und jetzt solltest du lieber nach Hause gehen. Ich möchte noch ein paar Stunden Schlaf bekommen. Vergiss nicht zum Unterricht zu kommen.“

Mit diesen Worten legte Kiyonori sich wider hin, ohne seinem Neffen weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Taiki erhob sich von den Knien und verließ das Zimmer.

* * *

„Taikikun, wo verbleibt deine Schwester?“, fragte Yujiro, nachdem er vor seinem Neffen stehen geblieben war.

Die Sonne war bereits am Horizont zu sehen und spendete ihrer Umgebung etwas Licht. Die Bäume, von denen sie umgeben waren, ragten hoch über die beiden.

„Da kommt sie“, antwortete der Junge, als er eine Bewegung aus den Augenwinkeln erwischte.

Kiyonori sah zur Seite und erblickte Taikis ältere Schwester Akemi, die sich ihnen schnellen Schrittes näherte.

„Ich bitte um Entschuldigung für die Verspätung“, sagte sie mit einer begrüßenden Verbeugung, wobei ihre Haare lose über ihre schmalen Schultern fielen. „Ich musste noch etwas im Haushalt erledigen“, fügte sie hinzu, wobei sie sich die Haare aus dem Gesicht strich.

Yujiro musste lächeln, als er feststellte, wie sich der Grund ihrer Verspätung der ihrer Mutter ähnelte. Denn wenn die Letztere zu spät kam, dann allerdings ausschließlich nur wegen der Hausarbeit.

„Kein Problem“, verkündete er. „Ich schätze mal, dass ich jetzt anfangen werde.“ Während er sprach, ging er langsam auf und ab, wobei er die Hände hinter dem Rücken verschränkte. „Die Philosophie der Shinobi ist eine der wichtigsten Lehren, die unsere Vorfahren uns weitergegeben haben. Könnt ihr mir erklären, was sie uns genau beibringt?“

Taiki öffnete bereits den Mund, um zu antworten, doch sein Onkel unterbrach ihn.

„Taikikun, ich bin mir sicher, dass du es weißt. Aber du wirst in der Kunst des Ninjutsu schon seit fünf Jahren unterrichtet. Bitte lass deine Schwester dieses Mal die Frage beantworten.“

Der Chūnin sah Akemi prüfend an und musste an seine eigene Schwester, Sayuri, denken. Der heldenhafte Opfertod ihres Mannes, Satoshi, hatte Sayuri dazu bewegt, ihre Tochter Akemi in Ninjutsu unterrichten zu lassen, damit sie sich selbst verteidigen konnte, falls ihr etwas widerführe. Kiyonori würde Satoshi immer in Erinnerung behalten, denn ohne ihm wäre er jetzt nicht am Leben.

Er seufzte, als er die beiden vaterlosen Kinder vor sich ansah. Er gab Akemi schon seit eineinhalb Jahren Nachhilfe, da sie in ihrem Alter eigentlich bereits beinahe eine vollständig ausgebildete Kunoichi, ein weiblicher Shinobi, sein sollte. Und nebenbei hatte er sich dazu entschieden, Taiki zu helfen, weil ihm der zusätzliche Unterricht nicht schaden würde.

„Sie bringt uns bei, dass wir beharrlich und aufrichtig sein sollen“, antwortete seine Nichte etwas zögerlich.

Kiyonori nickte. „Genau. Das Ziel jedes Shinobi sollte sein, die Belastbarkeit des Körpers und des Geists zu erlangen. Doch um diese Eigenschaft, diese unbegrenzte Beharrlichkeit, die sogar unter den unmöglichsten Zuständen nicht gebrochen werden darf, zu bekommen, muss man Körper und Geist trainieren.

„Die Philosophie unserer Vorväter lehrt uns ein aufrichtiges, mitfühlendes und reines Herz zu kultivieren, um Unterdrückung sowie Beleidigungen gelassen ertragen zu können, was uns erlaubt, uns von den Bahnen unserer persönlichen Wünsche loszureißen. Außerdem hilft uns dies, uns Untugenden, wie zum Beispiel dem Hass, der Wut, der Faulheit, der Gier und der Eifersucht, nicht hinzugeben. Denn diese sind schädlich und können auch unseren Auftrag gefährden, zum Beispiel indem sie uns ablenken oder zögern lassen, wenn wir in feindlichem Gebiet sind.

„Aus diesem Grund muss unser Geist unerschütterlich und belastbar bleiben, damit wir für jede Situation vorbereit sind, sei es körperlich oder seelisch. Ein solches Herz und eine solche Einstellung führen zu einer Flexibilität des Geistes, die uns ermöglicht, uns jeglichen Situationen anzupassen und uns unerwarteten Hindernissen entgegenzustellen. Soweit klar?“

Akemi und Taiki nickten.

„Eine weitere äußerst wichtige Fähigkeit eines Shinobi ist es, andere so zu beeinflussen, dass sie unbewusst deinen eigenen Willen ausführen oder dir dabei helfen deine Mission zu erfüllen. Nichtsdestotrotz dürft ihr nie vergessen, dass das Eingehen von Risiken so oft wie möglich vermieden werden sollte, wobei man allerdings trotzdem nicht vor Gefahren zurückschrecken darf, wenn die Erfolgschancen hoch sind.

„Vergesst auch nicht, dass kein Feigling oder Wagehals ein Shinobi sein kann. Von einem Shinobi wird der Mut verlangt, seine Furcht zu überwinden, sowie ein gutes Urteilsvermögen, das ihm Bescheid gibt, wann es sich lohnt, ein Risiko einzugehen.“

Er machte eine Pause und blickte auf seine beiden Schüler. Sie schienen das Meiste verstanden zu haben, denn sie bekamen ähnliche Aussagen oft vom Chūnin Sawada, ihrem – sowie seinem ehemaligen – Lehrmeister, zu hören.

„Kluge Worte!“

Alle drei drehten sich um und erblickten einen jungen, gutaussehenden Mann, der schmunzelnd auf sie zukam.

„Guten Morgen, Kiyoshikun. Gratuliere dir! Gut, dass du vorbeikommst“, begrüßte ihn Yujiro mit einem Nicken.

Kiyoshi, der einen spaßigen Charakter hatte, jedoch auch sehr formell sein konnte, wenn es die Situation verlangte, verbeugte sich vor seinem Onkel als Gruß.

„Nach der Zeremonie werdet Ihr Euch aber auch vor mir verbeugen müssen“, scherzte er mit einer Anspielung auf ein bevorstehendes Ereignis.

„In deinen Träumen!“, schüttelte Kiyonori lächelnd den Kopf.

„Alles Gute zum Geburtstag!“, gratulierte ihn Akemi.

Kiyoshi nickte bloß als Dank.

„Wie viel Glück du hast“, murmelte Taiki und blickte seinen Cousin mit leichter Bewunderung an. „Jetzt hast du ja all den Unterricht hinter dir und musst nicht mehr lernen!“

Kiyoshi zuckte mit den Schultern. „Dafür muss ich aber ab und zu kleine Aufgaben für Momochisama erledigen. Außerdem möchte er mir bald einen echten, gefährlichen Auftrag geben.“

Yujiro kratzte sich am Kinn. „Vielleicht möchtest du den Unterricht eine Minute lang übernehmen …“

Kiyoshis Augen weiteten sich ein wenig und er trat einen Schritt zurück. „Nein, danke. Ich mag ein ausgebildeter Shinobi sein, doch für so etwas bin ich noch nicht bereit.“

„Wie du willst. Da du jedoch schon da bist, könntest du mir einen kleinen Gefallen tun.“ Bevor sein Neffe widersprechen konnte, wandte sich der Chūnin bereits an Taiki. „Ich möchte, dass du jetzt aufmerksam zusiehst und dir Kiyoshikuns Reaktionen merkst. Er wird dir zeigen, wie man sich in einem Kampf zu verhalten hat.“

Während der Junge nickte, bekam Kiyoshi Zweifel, ob es auch eine gute Idee gewesen war, hierherzukommen.

„Akemichan, du wirst jetzt alle erlernten Schläge und Tritte auf deinem Cousin üben, der dein Sparringspartner sein wird.“

„Ähm … Onkel“, unterbrach ihn Kiyoshi. „Ich kämpf’ doch nicht gegen eine Frau.“

Akemi räusperte sich und warf ihrem Cousin einen missfallenden Blick zu. „Ich komme mir viel älter vor, wenn du mich als eine Frau bezeichnest und–“

„Verzeih mir bitte meinen Fehler, verehrte Cousine“, unterbrach Kiyoshi sie mit einer Spur von Ironie. Er schien bereits verstanden zu haben, worauf sie hinauswollte, denn er hob neckend eine Augenbraue, als er weitersprach. „Doch du kannst nicht leugnen, dass man dich als eine junge Frau betrachtet.“ Bevor sie etwas erwidern konnte, wandte er sich wieder an seinen Onkel, der dem Wortwechsel amüsiert zugehört hatte. „Wie dem auch sei, ich werde nicht gegen ein Mädchen kämpfen.“

Yujiros Augen funkelten herausfordernd. „Dann verteidige dich nur. Irgendwelche Einwände?“

Sein Neffe dachte kurz nach und schüttelte dann den Kopf. Als er zu Akemi blickte, bemerkte er ihre Unentschlossenheit, sagte jedoch nichts.

„Fangt an!“

4. Der Nachhilfeunterricht

Kiyoshi trat einen Schritt zurück und nahm eine Kampfstellung ein. Gebannt ließ er seinen Sparringspartner nicht aus den Augen.

Vorsichtig näherte sich Akemi ihrem Gegner. Dann schlug sie zu. Während ihr Cousin gelenkig zur Seite auswich, bereitete sie sich bereits auf einen konsekutiven Angriff vor, nach seiner Brust zielend. Mühelos wehrte Kiyoshi den Schlag ab.

Plötzlich sprang sie hoch und versuchte ihm einen Halbkreistritt ins Gesicht zu versetzen. Kiyoshi ließ sich sofort zu Boden fallen, als er spürte, wie ihn ihr Fuß verfehlte, und konnte sich mithilfe einer Rückwärtsrolle in Sicherheit bringen. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde war er wieder auf den Beinen und wartete bewegungslos auf einen weiteren Angriff. Seine Cousine blieb einen Moment lang stehen. Er konnte ihr aus dem Gesicht lesen, dass sie ihre nächste Attacke bereits vorplante.

Auf einmal griff sie ihn mit einem Hagel von Faustschlägen an. Kiyoshi blockierte, duckte sich und wich aus, um ihnen zu entkommen. Die ganze Zeit saß Taiki gefesselt da und folgte den beiden gebannt mit den Augen. Manchmal feuerte er seine Schwester an, doch sie hörte ihn nicht. Sie war so auf ihre Aufgabe konzentriert, dass sie seine Rufe nicht einmal wahrnahm.

Nach einem fehlgeschlagenen Versuch, ihren Cousin niederzustrecken, versuchte sie ihn mit einem schnellen Seitwärtstritt zu erwischen. Dieser jedoch duckte sich direkt unter ihrem Bein und zog sich wieder zurück. Akemi wollte gerade einen neuen Angriffsversuch starten, als ihr Onkel dazwischen ging.

„Genug! Gut gemacht, alle beide.“ Er nickte ihnen anerkennend zu.

„Onkel Yujiro“, begann Akemi. Ihre Stimme hörte sich ein wenig perplex an. „Wieso konnte ich keinen einzigen Treffer landen? Ich habe jede meiner Attacken vorgeplant.“

Kiyonori lachte leise vor sich hin, aber auf eine sympathische Weise. „Akemichan, da haben wir ja die Antwort zu deinem Problem.“

„Wie meint Ihr das?“

„Du sollst nicht denken. Nur handeln.“

Verständnislos blickte sie ihn an. „Ich bitte um Verzeihung, aber ich kann Ihnen nicht ganz folgen.“

„Deine Handlungen und Reaktionen sollen instinktiv sein, nicht vorgeplant. Das kommt mit der Zeit, wenn du jeden Tag ununterbrochen trainierst …“ Als sie immer noch nicht zu verstehen schien, wandte er sich an seinen älteren Neffen. „Kiyoshikun, wie wär’s, wenn wir die letzte Prüfung deiner Ausbildung demonstrieren?“

Sein Neffe hob beunruhigt seine Augenbrauen. „Seid Ihr Euch sicher, dass es eine gute Idee ist?“

Der Chūnin nickte. „Knie dich hin.“

Etwas widerwillig befolgte Kiyoshi den Befehl. Sobald Yujiro sein Ninjatō, sein gerades Kurzschwert, aus der Scheide zog und sich hinter Kiyoshi stellte, schnappte Taiki nach Luft. „Was machen Sie, Onkel?“

„Seht zu und lernt. Ich werde mit meinem Schwert auf Kiyoshikun zuschlagen. Da er mir den Rücken zuwendet, kann er sich nicht auf seine Augen verlassen und ist also vollständig auf seinen Instinkt angewiesen.“

Akemi weitete sich die Augen. „Warten Sie, das ist doch lebensgefährlich!“

„Das Leben eines Shinobi ist lebensgefährlich“, entgegnete Kiyoshi grinsend.

„Genau“, nickte sein Onkel. „Ich fange jetzt an.“

Still und unruhig sahen die zwei Zuschauer zu. Kiyoshi schien zugleich aufs Äußerste konzentriert und entspannt zu wirken. Er wartete auf den Angriff, der jede Sekunde kommen würde …

Plötzlich sauste Kiyonoris Ninjatō kraftvoll auf den Kopf seines Neffen herunter. Bedenkenlos wich Kiyoshi zur Seite aus und rollte in Deckung.

„Habt ihr es gesehen?“

Taikis war verblüfft. „Wie hast du das gemacht?“

„Instinkt“, antwortete sein Cousin mit einem listigen Schmunzeln.

„Vielen Dank für deine Hilfe, Kiyoshikun“, bedankte sich der Chūnin.

Der junge Mann nickte nur und ließ sich im Gras nieder, um weiter dem Unterricht zu folgen.

„Akemichan, entschuldige mich für eine Minute. Ich werde schnell das Abhärtungstraining mit deinem Bruder durchgehen.“ Yujiro sah sich um und hob einen geraden und festen Stock auf. „Bist du bereit?“

Sein jüngerer Neffe nickte, wobei er beide Arme hob und zur Seite ausstreckte. Nervosität sowie Angst schlich sich in seine Stimme, als er antwortete. „Ja, Onkel.“

Kiyonori stellte sich neben dem Jungen, holte mit dem Stock aus und schlug ihm gegen die Brust. Sich die Zähne zusammenbeißend, zuckte Taiki ein wenig auf, ließ jedoch keinen Laut über seine Lippen kommen. Der Chūnin wiederholte dies mehrere Male, wobei sich der Junge jedes Mal vor Schmerz ein wenig nach vorne beugte und sich danach wieder gerade aufrichtete.

„Gut, so“, kommentierte Yujiro.

Akemi beobachtete ihren Bruder mitfühlend und hätte ihren Onkel am liebsten gebeten, damit aufzuhören, doch sie wusste, dass die Folge dieser Schläge die körperliche Abhärtung brachte. Beim letzten Schlag ließ Taiki ein kaum hörbares Stöhnen von sich. Kiyonori lobte ihn, sichtlich über seine Belastbarkeit erfreut.

„Gut gemacht, Taikikun. Ich hoffe, du hast meine Anweisungen befolgt, die ich dir gestern gegeben hatte.“

Der Junge nickte kurz und tastete sich an der schmerzenden Brust, die bei der bloßen Berührung wehtat. Er entfernte sich kurz, um etwas zu holen, und kehrte mit vier Pfeilen sowie einem Bogen zurück.

„Großartig. Siehst du den Baum da?“ Der Chūnin deutete mit dem Finger auf eine Eiche, die einige Dutzend Meter entfernt von ihm war. „Um dich in der Kunst des Bogenschießens zu verbessern, wirst du jetzt versuchen diesen Baum zu treffen. Währenddessen werde ich mich mit dem Unterricht deiner Schwester befassen, dich jedoch dabei im Auge behalten und dir helfen, falls du Probleme hast. Irgendwelche Fragen?“

„Nein!“, antwortete Taiki aufgeregt und fing an einen Pfeil einzulegen sowie seinen Bogen zu spannen.

Yujiro wandte sich an seine Nichte. „Wie du sicherlich weißt, unterscheidet sich die Ausbildung eines Shinobi und einer Kunoichi in manchen Bereichen. Zum Beispiel …“ Er brach ab, als er beobachtete, wie Taiki einen zweiten Fehlschuss machte. „Taikikun, warte mal!“ Kiyonori trat ihm einige Schritte näher. „Was versuchst du gerade zu tun?“

Der Junge sah ihn verwundert an. „Den Baum zu treffen.“

Der Chūnin schüttelte mit einem wissenden Lächeln den Kopf. „Du denkst zu unsachlich. Bevor du schießt, muss deine innere Welt eins mit der äußeren werden. Und geistig musst du auf deinen eigenen Mittelpunkt zielen. Wenn du dies schaffst, dann werden dein Mittelpunkt und dein Ziel im Einklang stehen.“

Taiki kniff verunsichert die Augen zusammen. „Und wie schaffe ich das?“

„Finde deinen Mittelpunkt. Dann wirst du Ziele aus unglaublichen Distanzen und in schwierigen Situationen oder Positionen treffen können.“

Er entfernte sich von Taiki und wandte sich wieder seiner Nichte zu. „Oftmals bekommen Kunoichi eine Arbeitsstelle als Magd in einer Festung oder einer strategisch wichtigen Lage und leben dort. Ein paar Mal pro Jahr dürfen sie ihr Heimatdorf besuchen und liefern dann ihrem Jōnin Informationen. Wie du siehst, ist eine ihrer grundlegenden Funktionen die eines Zuträgers.“

Er machte eine kurze Pause. „Obwohl die Kampfkunst oder der Umgang mit Waffen wichtig sind, kann man nicht sagen, dass dies die bedeutendste Fähigkeit einer Kunoichi ist … Die meisten Männer fühlen keine Bedrohung von Frauen und beachten sie oft aus diesem Grund nicht. Weil diese anscheinend harmlos sind, werden sie unachtsam. Dies ist sehr leicht manipulierbar.“

Während er sprach, ging er zu Taiki und korrigierte seine Haltung. Ohne sich davon ablenken zu lassen, fuhr er fort.

„Womöglich der größte Anlass, weshalb Frauen überhaupt in der Kunst des Ninjutsu ausgebildet werden, ist, weil sie einige Eigenschaften besitzen, die Männer nicht haben. Spontan hätte ich drei Beispiele.

„Falls es ihnen nicht gelingt, ihr Ziel zu erreichen, besteht die Möglichkeit, dass sie ihre Tränen ins Spiel bringen können. Dies funktioniert nicht selten. Die Aufweichung des Herzens des Gegners, dann der plötzliche Angriff, ist eine hervorragende Methode. Zweitens gibt es natürlich auch Männer, die von Weibern leicht beeinflussbar sind. In dem Fall greifen die Frauen auf ihren femininen Charme zurück. Zum Schluss könnte ich noch die zuvor erwähnte scheinbare Harmlosigkeit erwähnen.“

Yujiro setzte eine Atempause ein. Er wollte weitersprechen, als er von Kiyoshi unterbrochen wurde, der hämisch grinste.

„Und woher wissen Sie all dies, Onkel?“

Kiyonori warf ihm einen freundlichen, aber verdrossenen Blick zu, der „Ernsthaft?“ auszudrücken schien.

„Einiges davon weiß ich von Sawadasan. Den Rest, aus Erfahrung.“

„Erfahrung?“ Kiyoshi sah ihn zweifelnd an. Die Fragwürdigkeit stand ihm unverkennbar ins Gesicht geschrieben.

„Ja“, nickte der Chūnin und sein Blick schien sich auf etwas in der Ferne zu heften, als ihm Erinnerungen durch den Kopf schossen. „Vor dreizehn Jahren wurden ich und eine Kunoichi namens Inadasan von Momochisama mit einer Aufklärungsmission beauftragt. Ich habe diese Zeit ausgenutzt, um mehr über Kunoichi-Taktiken zu erfahren, vor allem, um mich besser vor ihnen schützen zu können. Wie ihr seht, bin ich über die Tätigkeiten und Methoden der Kunoichi bestens informiert.“

Kiyoshi nickte, sichtlich von der Antwort befriedigt. Yujiro sah, wie Taiki gerade mit den vier Pfeilen zurückkam, die er bereits zum dritten Mal abgeschossen hatte.

„Gut, ich glaube, das reicht für heute.“

Alle verbeugten sich voreinander, um den Schluss des Unterrichts anzudeuten, und gingen wieder aufs Dorf zu.

„Freust du dich schon auf die Zeremonie des Mündigwerdens?“, wollte der Chūnin nebenbei wissen.

Kiyoshi schmunzelte. „Und ob! Ich frage mich, wie das Leben als Erwachsener wohl ist.“

„Voller Pflichten“, meinte Yujiro lächelnd und klopfte ihm auf die Schulter, als sie plaudernd die erfrischende Kühle des Waldes hinter sich ließen und sich ihrem Heimatdorf Nabari näherten.

5. Genpuku

Kiyoshi senkte den Kopf und zog seine Kopfbedeckung aus, die er kurzzeitig für einen rituellen Zweck aufgesetzt hatte, als er den Heiligenschrein betrat. Eine kleine Menschenmenge stand bereits drinnen versammelt und wartete auf ihn. Viele seiner Verwandten sowie seine gesamte Familie waren dort anwesend. Izuya, sein Vater, ein muskulöser, breitschultriger Mann mit einem gestutzten Vollbart und einem Haarknoten, stand ganz vorne und strahlte über das ganze Gesicht, mit vor Stolz erhobenem Haupt.

Die Menge spaltete sich in zwei, um einen Mönch durchzulassen, dessen Kopf vollkommen kahl geschoren war und welcher orangefarbene Roben trug. Er stand da und wartete, bis sich Kiyoshi vor ihm hinkniete.

„Heute ist der Tag, an dem ein Junge zu einem Mann wird. Deshalb erhält er von nun an alle Rechte, die ein Mann hat, wozu die Beteiligung an religiösen Zeremonien sowie die Heirat gehören. Zusätzlich wird er alle Pflichten eines Erwachsenen übernehmen müssen. Dieser Tag, der Zwölfte Tag des Vierten Monats des Zehnten Jahres des Tenshō, wird in Erinnerung als Genpuku dieses jungen Mannes bleiben, der heute fünfzehn und somit volljährig geworden ist.“

Er verpasste Kiyoshi einen Haarschnitt, den nur Erwachsene trugen. Sobald er damit fertig war, kamen drei Männer, die sich neben Kiyoshi hinknieten und ihm Kleidung für Erwachsene überzogen, die für ihn als Geschenk gedacht war.

Der Mönch fuhr mit dem Ritual fort: „Dein Kindername war Kiyoshi gewesen. Von diesem Tag an wird sich dein Vorname ändern und du wirst das Recht erhalten einen Familiennamen zu tragen. Du sollst Kiyonori Ryuzaki heißen.“

Der Mönch stand auf und entfernte sich, wobei ein anderer, in weiß gekleideter Mann einen Saké-Behälter auf einen kleinen Altar stellte. Zwei weitere Mönche erschienen und begannen den Reiswein vorzubereiten. Währenddessen beteten sie.

Als der Saké vorbereitet war, kam einer dieser Mönche und hielt Kiyoshi, oder besser gesagt Ryuzaki, einen Becher hin. Der junge Mann nahm ihn und wartete, bis der andere Mönch ihn mit dem Reiswein füllte. Er trank alles aus und gab den Becher wieder zurück. Anschließend erhob sich Ryuzaki und folgte einem Mönch, der ihn ins innere Heiligtum führte, um dort für zukünftigen Segen zu beten.

* * *

„Du scherzt wohl!“, stieß Ryuzaki hervor, als er verwundert seinen besten Freund anblickte. Direkt nach seinem Genpuku hatten seine Eltern zwei oder drei Dutzend Freunde und Verwandte in das zweitgrößte Wirtshaus Nabaris eingeladen, wo jetzt ein kleines Fest abgehalten wurde. Mehrere Gruppen hatten sich an verschiedenen Tischen gebildet, wobei sie hauptsächlich nach Alter oder Geschlecht geordnet waren. Ryuzaki und sein Gefährte saßen sich auf zwei Bänken gegenüber, neben den meisten der anderen Männer, die engagiert ein Gespräch führten.

Ryuzakis gleichaltriger Freund Akiya, der seine Zeremonie des Mündigwerdens schon vor einem halben Jahr gehabt hatte und in Ayato umgetauft wurde, schüttelte den Kopf als Antwort. In seinen Augen brannte der Glanz der Herausforderung.

„Komm schon, Ryu, ich wette, dass du dich davor drückst, Hatasan zu einem Duell zu fordern!“, meinte er verschmitzt und deutete mit dem Kopf auf einen stämmigen Mann, der an einem anderen Tisch saß und Tee trank.

„Damit ich vor allen besiegt und gedemütigt werde? Du weißt doch, dass Hatasan kein schlechter Schwertkämpfer ist. Was für ein Freund bist du denn?“ Ungläubig schüttelte Ryuzaki den Kopf und beugte sich leicht zu seinem Kameraden vor. „Außerdem haben uns deine Wetten immer in Schwierigkeiten gebracht.“

Ayato zuckte mit den Achseln. „Ja, was kann ich dafür?“

„Du könntest damit aufhören!“, schmunzelte Ryuzaki.

„Na gut, wie du willst …“

Einen Moment lang hielt er inne, bevor er ihm scherzend eine neue Herausforderung präsentierte: „Und wie wäre es mit einem Wettkampf, wer mehr Saké vertragen kann?“

Schockiert weiteten sich Ryuzakis Augen. „Das ist doch nicht dein Ernst?“

„Doch …“, antwortete Ayato, aber sein Blick verriet, dass es nicht der Fall war. „Nein, natürlich nicht. Ich wollte nur deine Reaktion sehen. Aber ein Becher geht doch? Auf dein Glück?“

Ryuzaki lächelte. „Na gut. Eins geht noch, obwohl ich mir sicher bin, dass ich mich an diesen Geschmack nie gewöhnen werde.“

„Kanpai!“

„Kanpai!“, erwiderte der neulich gewordene Erwachsene und beide tranken ihre Becher aus.

Eine der Mägde wollte diese gerade wieder auffüllen, als Ryuzaki sie davon abhielt.

„Nein, nein, das reicht, vielen Dank!“

Das Dienstmädchen stoppte in ihrer Handlung. „Seid Ihr Euch sicher?“

„Ziemlich sicher.“

Die Magd verbeugte sich höflich und entfernte sich. Ayato fing an, über die übertriebene Reaktion seines Freundes zu lachen. Er war selbst kein Weinliebhaber, hatte jedoch den unwiderstehlichen Drang Ryuzaki zu necken.

„Guter Entschluss, mein Sohn. Wie fühlst du dich?“

Die beiden wandten ihre Köpfe Izuya zu, der sich Mühe gab, seinen Stolz darüber, dass sein Sohn erwachsen geworden war, zu verbergen.

„Guter Laune! Obwohl es manche gibt, die nicht aufhören können mich zu necken“, erwiderte Ryuzaki und warf seinem Freund einen vielsagenden Blick zu.

„Übertreibt es nicht, Imaikun“, meinte Izuya, Ayato warnend anschauend.

Der Letztere nickte bloß. „Machen Sie sich darüber keine Sorgen, Kiyonorisan. Ich spaße sowieso nur mit Ryu.“

Ryuzaki hob beide Augenbrauen. „Der vorige Wettstreit, den du vorgeschlagen hast, hat sich aber ernst angehört!“

Ayato lächelte nur wieder.

„Ich glaube, ich werde euch dann euren Späßen überlassen“, schüttelte Izuya, der am gleichen Tisch saß, leicht schmunzelnd den Kopf, bevor er sich den anderen Männern zudrehte.

„Was macht ihr so?“ Taikis neugieriges Gesicht erschien auf der anderen Seite des Tisches.

„Nichts Besonderes, eigentlich“, antwortete Ayato.

„Ich habe gerade mit Ichiro gewettet, dass ich mehr scharfe Paprika essen kann als er“, sprudelte es aus Taiki wie aus einem Wasserfall, bevor Ayato etwas Weiteres sagen konnte. „Ratet mal wer gewonnen hat? Ich!“

„Aber das ist doch nur, weil du zwischendurch etwas gegessen hast!“, protestierte Ichiro, Taikis bester Freund. Dieser verließ gerade den kleinen Tisch in der Ecke des Zimmers, an dem die anderen Kinder saßen, und kam nun zu ihnen herbeigeeilt.

„All diese Wettkämpfe machen mich noch verrückt“, murmelte Ryuzaki schmunzelnd.

Taiki spitzte sofort die Ohren. „Was für ein Wettkampf? Was immer es auch ist – ich mache mit!“

Ayato und Ryuzaki wechselten einen Blick aus und brachen dann in Gelächter aus.

Währenddessen saß Akemi am Ende einer Bank, etwas abseits von den anderen Frauen, die eifrig etwas besprachen und ihr deshalb keine Beachtung schenkten. Sie beobachtete, was um sie herum vorging, und schien sehr nachdenklich zu sein. Ihr Blick glitt jedoch immer wieder wie von selbst zu der gleichen Person: Ayato.

Sie war so gedankenversunken, dass sie nicht bemerkte, wie ihre Freundin, Mineyo, die neben ihr saß und vorhin etwas mit ihrer Mutter besprochen hatte, sich nun an sie wandte.

„Ein fröhliches Fest, nicht?“, fragte sie. Als sie keine Antwort erhielt, schaute sie Akemi an und nahm deren verträumtes Gesicht wahr. Dann folgte sie ihrem Blick und musste lächeln.

„Akemi?“, versuchte sie ihre Freundin in die Gegenwart zurückzubringen.

„Was?“ Akemi reagierte überrascht, als sie die Stimme ihrer Freundin hörte. Wie aus einer Trance aufgewacht, sah sie Mineyo an. Die Letztere schmunzelte wissend.

„Scheint, als hättest du ein Geheimnis.“

Akemi errötete sofort und begann dies zu leugnen. „Nein, ich–“

„Versuch es nicht einmal. Ich habe alles gesehen“, kicherte Mineyo.

Ihre Freundin senkte etwas verlegen den Kopf. Ihre Wangen verfärbten sich noch mehr rot. „Aber … ich meine … es ist doch …“, stammelte sie.

„Keine Sorge. Ich werde es niemandem verraten.“

Dankbar nickte ihr Akemi zu.

Auf einmal schaute Mineyo etwas verschmitzt drein. „Unter der Bedingung, dass du jetzt mit ihm redest.“

Akemi schüttelte widerstrebend den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, dass es eine gute Idee ist …“

„Aber ich schon. Außerdem habe ich deinem Cousin noch nicht gratuliert.“

Sie nahm Akemi am Ärmel und begleitete sie zu dem Tisch, an dem Ryuzaki und seine Freunde saßen. Taiki schien bereits eine lebhafte Diskussion mit Ichiro zu führen.

„… und dann verschlang ich meinen vierten! Außerdem hat niemand gesagt, dass man all die scharfen Paprikas nacheinander essen muss!“

Ichiro öffnete schon den Mund, um etwas einzuwenden, doch Mineyo kam ihm zuvor. „Herzlichen Glückwünsch, Kiyo – ich meine Ryuzaki!“

Ryuzaki, der erleichtert schien dem kindischen Streit nicht mehr zuhören zu müssen, blickte auf und schmunzelte zum Dank, als er die beiden sah, die neben ihm und Ayato Platz nahmen. „Ich bin mir sicher, ihr werdet jetzt dauernd meinen neuen Namen vergessen und mich Kiyoshi nennen.“

Mineyo nickte ein wenig missfallend. „Ich finde, dass man während des Genpuku seinen Namen nicht ändern sollte. Es ist einfach so verwirrend.“

„Ich glaube, du bist bloß etwas neidisch, dass euch Mädchen dieses Privileg bei eurer Zeremonie des Mündigwerdens nicht zusteht“, neckte Ayato.

Akemi seufzte und murmelte sarkastisch: „Ja, selbstverständlich.“

Sie selbst hatte ihre Mogi, die Zeremonie des Mündigwerdens für Mädchen, vor einem Monat gehabt, als sie vierzehn Jahre alt geworden war, und galt seitdem als Erwachsene. Taiki und Ichiro stimmten unverzüglich Ayato zu und eine kleine Debatte entfaltete sich über dieses Thema.

6. Das Fest

Währenddessen warf Izuya seinem Sohn einen Seitenblick zu und drehte sich dann zu seinen eigenen Freunden, die alle am selben Tisch saßen.

„Ryuzakikun scheint einen guten Tag zu haben“, meinte Yujiro.

Rintaro, ein eher schweigsamer, aber weiser Typ, nickte zustimmend. „Ja, er scheint sich zu amüsieren.“

„Warum sollte er es auch nicht tun? Jetzt wird sein Leben viel aufregender mit Momochisamas ‚kleinen Aufgaben‘“, meinte Suzaku, Mineyos älterer Bruder, der auch der Jüngste und Unerfahrenste der sechs Waffenbrüder am Tisch war.

„Ich gratuliere dir, Izuya. Er ist jetzt ein vollwertiges Mitglied deiner kleinen Familie“, beglückwünschte ihn Teruo, ein magerer und zurückhaltender Mensch, der sich nach fast zwei Jahren in Nabari dort komplett eingelebt hatte. „Genpuku war schon für jeden Mann ein wichtiges Ereignis.“

„Ich kann mich an meinen Genpuku erinnern, als ob es gestern gewesen wäre“, kommentierte Suzaku gedankenvoll.

„Das ist doch nur deshalb, weil du deinen Genpuku erst vor fünf Jahren hattest!“, fügte Daisuke hinzu, ein siebenundvierzigjähriger Mann, der nie eine Gelegenheit verpasste, über Suzaku zu scherzen. Er war der größte sowie der ungepflegteste der Männer am Tisch, denn sein Haarknoten schien nur flüchtig zusammengebunden worden zu sein und sein länglicher Bart hing zerzaust von seinem Kinn herab. Es war ein großer Kontrast zwischen ihm und Rintaro, dessen Kleidung, Schnursowie Kinnbart vollkommen gepflegt und symmetrisch wirkten.

„Möchtet ihr Dango?“

Die sechs Männer sahen auf und erblickten eine Frau, die eine Schale hielt, auf der mehrere süße, gespießte Klöße lagen.

„Ah, Sayuri. Vielen Dank“, bedankte sich Izuya bei seiner Schwester und nahm einen der Dango in Empfang. „Die Gastgeberin muss ja begeistert sein, dass du darauf bestanden hast, ihr bei der Zubereitung der Speise zu helfen, obwohl du hier selbst Gast bist.“

Seine Kameraden folgten seinem Beispiel und bald wurde die Schale gelehrt.

„Gern geschehen“, sagte Sayuri zufrieden, bevor sie sich entfernte, um mehr Klöße zu holen und diese auszutragen.

„Ach ja“, erinnerte sich Rintaro, „Dort drüben sind einige Okonomiyaki, die meine Frau gemacht hat.“

Mit einer Handbewegung zeigte er auf zwei Schalen, die etwas abseitsstanden.

„Dann lass sie uns mal probieren“, sagte Teruo gespannt. Daisuke, Yujiro und er griffen alle drei nach einem der gebratenen Pfannkuchen und kosteten sie.

„Wenn jede Frau so gut kochen könnte, dann wäre das Essen Grund genug, um zu heiraten“, kommentierte Teruo.

„Nicht weit von der Wahrheit entfernt“, nickte der Chūnin.

„Hey, ihr habt das doch alle gehört?“, fragte Daisuke aufgeregt, sich an die restlichen vier anwesenden Männer wendend. „Wenn du wirklich von dieser Überzeugung bist, dann erklär’ uns mal, warum du immer noch nicht verheiratet bist!“

„Pah! Ich bin doch schon zu alt dafür“, antwortete Yujiro. „Ich kenne einen oder zwei Männer meines Alters, die bereits Großväter sind.“

„Daisuke.“ Izuya hatte ein spöttisches Lächeln aufgesetzt. „Hast du etwa vergessen, dass Yujiro Frauen als koexistente Geschöpfe betrachtet?“

„Als ob!“ Schmunzelnd gab der Chūnin seinem älteren Bruder einen kameradschaftlichen Rippenstoß. Die anderen lachten bloß. Es war eine muntere Mischung aus Männern, die wussten, wie man sich an Festtagen amüsierte.

Auf einmal äußerte sich Teruo. „Mir wird’s hier drin langsam zu heiß. Wer möchte draußen einen kleinen Spaziergang machen?“

„Ich bin dabei.“ Suzaku und Yujiro erhoben sich ebenfalls und warteten auf die Reaktionen der anderen.

„Nein, also ich bleibe. Es ist schön gemütlich hier drin“, verneinte Daisuke.

„Was ist mit euch?“, wollte Suzaku wissen. Doch die anderen schüttelten den Kopf. „Dann werde ich Chūnin Kiyonori Yujiro bitten müssen diesen faulen Kerle, die sich Genin nennen, auf die Beine zu helfen.“

„Alle aufstehen! Zeit sich die Beine zu vertreten“, kommandierte Yujiro mit scherzhaft ernster Stimme.

„Ja, ja sofort, Kiyonorisan“, erwiderte Daisuke spottend mit einer tiefen Verbeugung, nachdem er sich erhoben hatte.

„Dies war keine Bitte – dies ist ein Befehl!“

Die humorvollen Versuche des Chūnin, sie zum Gehorchen zu bringen, überzeugten sie schließlich, und sie standen mit leicht gespielten, unterwürfigen Gesten auf.

Bevor sie das Zimmer verließen, blieb Izuya stehen und wandte sich an Ryuzaki sowie dessen Freundeskreis: „Wir machen jetzt einen kurzen Spaziergang. Wollt ihr mitkommen?“

„Nein, danke“, antwortete sein Sohn. „Ich bleibe lieber hier.“

Sobald dies geklärt war, schlenderten die sechs Männer aus dem Zimmer und überquerten die offene Fläche unter dem Dach des Gasthauses, wo zwei oder drei Bauern auf Bänken saßen und eine leichte Mahlzeit genossen. Yujiro und seine Kameraden gingen an ihnen vorbei und begaben sich in eine unbestimmte Richtung.

„Schade, dass Genpuku nur einmal im Leben jedes Mannes stattfindet. Andere Anlässe, solche Speisen aufgetischt zu bekommen, hat man nicht oft“, äußerte sich Suzaku zufrieden.

„Ja.“ Daisuke war einer Meinung mit ihm. „Das einzige Problem ist, dass man sich selbst im Zaum halten muss, um nicht am nächsten Tag aufzuwachen und bemerken, dass man zugenommen hat.“

„Ich kann mir vorstellen, wie schwierig das mit dem Alter wird“, gab der Chūnin spaßig einen Kommentar ab.

„Hey!

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Shinobi - Dem Untergang geweiht" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen