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Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Die Epistel von Cal dem Hasser
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
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  23. 17
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  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
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  33. 27
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  35. 29
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  60. 54
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  66. 60
  67. 61
  68. 62
  69. 63
  70. Die Epistel von Cal dem Hasser
  71. 64
  72. Die Epistel von Cal dem Hasser
  73. 65
  74. Die Epistel von Cal dem Hasser
  75. 66
  76. Die Epistel von Cal dem Hasser
  77. 67
  78. 68
  79. 69
  80. 70
  81. 71
  82. 72
  83. 73
  84. 74
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  86. 76
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  93. 83
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  113. 103
  114. 104
  115. 105
  116. 106
  117. 107
  118. 108
  119. 109
  120. 110
  121. 111
  122. Die neue Epistel von Cal dem Hasser
  123. Danksagung

Über die Autorin

Hilary Norman, geboren und aufgewachsen in London, war nach einer Karriere am Theater für die BBC und Capital Radio London tätig, insbesondere im Hörspiel. Zeitweise arbeitete und lebte sie auch in New York. Ihr erster Roman, der 1986 erschien, war eine Liebesgeschichte; bekannt aber wurde sie durch ihre Thriller, die in siebzehn Sprachen übersetzt wurden. Die Autorin lebt heute mit ihrem Mann und einem Rauhaardackel in einem Vorort von London.

Die Epistel von Cal dem Hasser

»›Leg dich hin‹, sagt Jewel zu mir.

Ich antworte, ich will mich nicht hinlegen.

›Tu es‹, sagt Jewel, und ihre Stimme ist so hart wie ihr Name.

Also gehorche ich, weil die Alternative noch viel schlimmer ist.

Weil sie andere Wege finden wird, mir wehzutun.

Und sie wird mich nicht mehr lieben.

Das geht nun schon sehr lange so.

Ich habe mit der Zeit viel gelernt. Ich habe gelernt, dass ich böse Dinge aus meinem Verstand aussperren kann, und ich kann überleben, egal was passiert. Aber ich habe auch gelernt, dass Schreckliches geschehen kann, wenn man böse Dinge aus seinem Verstand verdrängt. Denn all der Schmerz, all die Demütigung und der Hass, die man so mühsam vergraben hat, gärt wie Eiter an einer Zahnwurzel oder wie Fäulnis in einer Leiche. Und manchmal sickern dieser Eiter, diese Fäulnis dann heraus. Manchmal aber bleibt beides drinnen, wächst und wuchert, bis man platzt.

Ursache und Wirkung. Darüber habe ich gelesen. Das leuchtet ein.

Aber diese Wirkung ist wirklich übel, und ich weiß es.

Übel genug, dass ich mich selbst hasse.

Und das ist schlimmer als alles andere.«

Cal liebte es zu schreiben. Und zu lesen.

Er hatte das Wort »Epistel« für seine privaten Aufzeichnungen gewählt, nachdem er es im Merriam-Webster-Wörterbuch nachgeschlagen hatte, wo es als Begriff für einen Brief definiert wurde. Dabei war dies hier eigentlich gar kein Brief, weil Cal nicht an jemanden schrieb, aber es war auch kein Tagebuch. Es war einfach nur Geschriebenes. Als erste Definition für »Epistel« fand sich im Wörterbuch, dass es sich um einen Brief im Neuen Testament handelte, aber das wusste Cal bereits, denn er kannte die Bibel ziemlich gut. Er wusste, dass das Wort ständig vorkam – die Epistel der Apostel –, und Cal gefiel der Klang. Auch jetzt ging es ihm nicht aus dem Kopf, und er sagte es immer wieder laut vor sich hin wie einen Zungenbrecher …

»Die Epistel der Apostel, die Epistel der Apostel …«

Manchmal sang er es auch und tanzte im Rhythmus, was ihm wiederum Sorgen bereitete aus Angst, es könne ein Sakrileg sein, denn Cal achtete die Bibel und ging in die Kirche. Andererseits war es ziemlich unsinnig, sich wegen eines Wortes den Kopf zu zerbrechen, denn Gott wusste, dass er schon weit Schlimmeres getan hatte.

»Ich bin ein Frevler«, hatte er in seiner Epistel geschrieben, »und ich weiß es, und das jagt mir eine Heidenangst ein, denn das heißt, dass am Ende aller Tage die Hölle auf mich wartet. Aber ich weiß nicht, wie ich das ändern könnte, und eigentlich ist es gar nicht meine Schuld. Nichts von alledem ist meine Schuld.«

1

6. Juni

Wie tausend andere Strände bei Sonnenaufgang wirkte auch South Beach fast wie neugeboren, wie eine neue Welt, die aus dem Dunkel kroch, Äonen entfernt von ihrem schrillen, halb-heidnischen Ich bei Nacht.

Doch selbst wenn die lärmende Musik verstummte, war es auf dem Ocean Drive nie wirklich still; nie schien er zur Ruhe zu kommen. Die Restaurants und Bars waren geschlossen. Die letzten Zecher, die von Donnerstagabend bis Freitagmorgen durchgefeiert hatten, waren fix und fertig in ihre Betten gefallen. Die Einnahmen waren weggeschlossen, und die Kellner und Barkeeper hatten ihre wunden Füße eingeweicht und waren zusammengeklappt. Und doch waren schon früh am Morgen wieder Autos auf der Straße, ein einsamer Jogger lief mit flatterndem langem Haar den Strand hinunter, zwei Rollerbladefahrer glitten die Promenade entlang, und eine Frau mittleren Alters führte ihren Hund im Gras spazieren, während sich in der Nähe ein Schlafender umdrehte, kurz aufgeweckt vom Grollen einer Kehrmaschine.

Der Morgen war warm und feucht und brachte keine Frische. In der Ferne war noch immer das Donnern der Gewitterfront zu hören, die in der Nacht über den Strand hinweggezogen war und den Himmel im Osten nun in einem Rausch aus Farben leuchten ließ, von Grauviolett bis Rosa. Der Strand selbst lag in seiner ursprünglichen Unschuld ruhig und gelassen da. Sanft und friedlich wogte das flache Wasser des Atlantiks, und der Sand war glatt, über Nacht von Vögeln, Wind, Regen und anderen unsichtbaren Kräften in seinen eigentlichen Zustand zurückversetzt. Fast schien er für diesen Moment in pastellfarbenen Tönen zu posieren und sich auszuruhen, bevor die Menschen zurückkehrten, um ihn erneut zu zertrampeln und zu beschmutzen.

Wie an allen Stränden in Miami-Dade County galten auch in South Beach feste Regeln – eine Liste von Verboten, die überall entlang der Promenade angeschlagen war. Keine alkoholischen Getränke, keine Glasbehälter, kein Wandern über die Dünen. Keine Tiere, keine Feuerwaffen, kein Feuerwerk. Keine »sittenwidrigen Aktivitäten«.

Doch keine dieser Regeln deckte auch nur ansatzweise ab, worauf Joe Myerson gestoßen war, als er wie jeden Freitagmorgen bei Sonnenaufgang im Meer seine Bahnen zog.

Joe genoss diese knapp bemessene Zeit.

»Sollte ich mal ertrinken, einen Herzanfall erleiden oder von einem verdammten Hai gefressen werden, während ich da draußen bin«, hatte er einmal zu seinem Bruder gesagt, »dann weißt du, dass ich als glücklicher Mann den Löffel abgegeben habe.«

Beinahe hätte er an diesem Morgen die Tour durch sein privates Freitagsparadies beendet.

Es würde nie wieder so sein wie früher.

Auf den ersten Blick schien es nicht mehr zu sein als ein abgetriebenes Ruderboot. Rosa gestrichen und ziemlich heruntergekommen schaukelte es auf den Wellen.

Joe hatte das Boot schon auf dreißig Meter Entfernung gesehen und war sofort neugierig geworden – und das nicht nur, weil selbst abgehalfterte alte Ruderboote gemeinhin vertäut oder an Land gezogen wurden. Aus irgendeinem Grund war Joe der Gedanke gekommen, dass dieses Boot nicht leer war. Vielleicht lag jemand darin, den er nicht sehen konnte. Der womöglich krank war.

Tatsächlich lag jemand im Boot, doch krank war er schon lange nicht mehr.

Was man von Joe nicht behaupten konnte.

Es war das Schlimmste, was er in seinem Leben gesehen hatte.

Und er hoffte, so etwas nie, nie wieder zu sehen.

»Mr. Myerson hat das Boot persönlich ans Ufer gezogen«, sagte Neal Peterson – der Streifenbeamte des Miami Beach Police Departments, der als Erster vor Ort gewesen war – zu den Detectives Sam Becket und Alejandro Martinez, als sie um kurz nach acht eintrafen.

Sie standen am Strand, unmittelbar gegenüber vom Ocean Drive und der Zehnten Straße, nur ein paar Blocks von ihrem Büro an der Washington Avenue entfernt.

Das Böse lauerte gleich um die Ecke.

Die Spurensicherung war schneller gewesen als die Detectives und untersuchte bereits das Ruderboot und die unmittelbare Umgebung, die mit Polizeiband abgesperrt war.

Peterson kannte die beiden Detectives schon lange, und er wusste, wie eng das Band zwischen Becket, dem großen, langgliedrigen Afroamerikaner, und Martinez, dem kleineren, noch schlankeren, bisweilen aber auch zäheren Kubaner, war.

»Am Bug war ein Tau befestigt, das offenbar durchgehackt wurde«, fuhr der Streifenpolizist fort. »Mr. Myerson hat gesagt, kaum habe er das Opfer gesehen, wollte er nur noch weg, so schnell wie nur möglich. Doch er wusste, er würde es sich nie verzeihen, sollte das Boot noch weiter aufs Meer hinaustreiben und womöglich kentern.«

»Der arme Kerl.« Sam schaute zum Boot und dann aufs Meer hinaus.

»Er hat mehr Mumm als die meisten Leute«, bemerkte Peterson.

»Ja, er ist ein richtiger Held«, erwiderte Martinez, der solche Aussagen nur selten für bare Münze nahm. »Wo steckt er?«

Peterson drehte sich um und zeigte auf seinen Partner, der gerade gut fünfzehn Meter entfernt vor einer Gestalt stand, die im Sand kauerte. »Er hat vom Ziehen des Bootes Schrammen an den Armen.«

»Sind diese Schrammen wirklich vom Ziehen?«, fragte Sam.

»Doc Sanders scheint jedenfalls dieser Meinung zu sein«, antwortete der Officer. »Er hat einen Abstrich gemacht und die Wunden verbunden. Nähen war nicht nötig.« Er hielt kurz inne. »Nichts deutet darauf hin, dass die Wunden von einem Kampf stammen.«

»Weiß er, dass er mit uns sprechen muss?«, erkundigte sich Sam.

Im Dezernat für Gewaltverbrechen wurde in einer Art Lotterie darüber entschieden, wer die Leitung bei einem neuen Fall bekam, und Sergeant Alvarez hatte Sam diese Sache aufs Auge gedrückt, sodass er im Büro den größten Teil des Papierkrams würde erledigen müssen. Draußen vor Ort war es Sam und Martinez jedoch ziemlich egal, wer offiziell das Sagen bei den Ermittlungen hatte; sie waren schon zu lange Partner, als sich deshalb in die Wolle zu kriegen.

»Ja, Sir«, beantwortete Peterson nun Sams Frage. »Er sagte, es macht ihm nichts aus, wenn er warten muss. Er könne sich ohnehin nicht vorstellen, bald wieder zur Arbeit zu gehen.«

Eine weitere Gestalt – hemdsärmelig und übergewichtig, aber nicht schwerfällig – kam über den Sand auf die beiden Detectives zu und duckte sich unter dem gelben Polizeiband hindurch. Dr. Elliot Sanders, der Gerichtsmediziner, nahm die Chirurgenmaske von Mund und Nase und zündete sich eine Zigarette an.

Nikotin – und außer Dienst ein guter Whiskey – genossen bei Sanders oberste Priorität.

»Ziemlich üble Sache das«, sagte er geradeheraus, und der Ekel war ihm deutlich anzusehen.

»War es je anders?«, erwiderte Sam.

Der Pathologe zuckte mit den Schultern. »Ein asiatischer Mann«, sagte er. »Möglicherweise Inder. Anfang zwanzig, auch wenn wir uns da nicht sicher sein können.« Er schaute zu Sam, der im Großen und Ganzen gut zurechtkam, doch ein wenig empfindlich war, wenn er sich unmittelbar mit den Folgen eines gewaltsamen Todes auseinandersetzen musste. »Der Mann ist erwürgt worden, sieht aber verdammt übel aus.« Sanders holte zwei weitere Gesichtsmasken aus der Tasche und reichte sie den Detectives. »Nur für den Fall.«

»Für welchen Fall?«, hakte Sam nach.

»Hier ist irgendeine Chemikalie zum Einsatz gekommen.« Sanders zog an seiner Zigarette, trat sie im Sand aus, hob die Kippe auf und steckte sie in seine Hosentasche. »Die Leiche wurde mit ziemlicher Sicherheit gewaschen oder abgespritzt oder im Meer von den Wellen abgespült. Aber sie sondert noch immer einen starken Geruch ab. Deshalb – nur für den Fall.«

Die beiden Detectives zogen sich Hand- und Überschuhe an und gingen gemeinsam mit dem Pathologen vorsichtig über den Strand, obwohl sie bereits wussten, dass dies hier vermutlich nicht der eigentliche Tatort war.

»Heilige Scheiße!«, stieß Martinez hervor, als er das Opfer zum ersten Mal sah.

»Was ist denn mit dem passiert?« Sam musste sich zwingen hinzusehen.

Das Opfer war nackt, die Haut teilweise in Streifen abgeschält; das rohe, blutige Fleisch wirkte wie verbrannt. Ein paar Streifen waren diagonal, andere vertikal, und wieder andere kreuzten sich. Alles, was bei der Identifizierung des Opfers hätte helfen können, war verschwunden. Die um Nuancen blassere Haut um das linke Handgelenk des Toten deutete darauf hin, dass er eine runde Armbanduhr von mittlerer Größe getragen hatte; an den Fingern fanden sich jedoch keine solchen Spuren, also hatte er vermutlich keinen Ring getragen, was darauf schließen ließ, dass er ledig gewesen war. Seine Hände waren verletzt, doch die Fingernägel waren gepflegt.

Die Detectives rochen es nun auch. Es war zwar nicht aufdringlich, aber deutlich merkbar – eine Mischung aus Salzwasser und jener Chemikalie, die Sanders erwähnt hatte.

»Riecht wie dieses Reinigungszeug«, bemerkte Martinez. »Clorox.«

»Ja, könnte sein«, pflichtete Sanders ihm bei. »Es könnte aber auch etwas viel Schärferes, Ätzenderes sein.«

Sam hatte sich inzwischen hingehockt, die Maske über Nase und Mund, und starrte auf die seltsamen Streifen. Ihm fiel auf, dass einige gerade verliefen und beinahe symmetrisch wirkten, während andere willkürlich aussahen.

»Haben der oder die Täter eine Harke oder so etwas benutzt?«, fragte Sam.

»Möglich«, antwortete der Gerichtsmediziner. »Auch wenn ich eher auf eine Scheuerbürste tippen würde, möglicherweise mit Drahtborsten. Mehr dazu später.«

»Aber das ist nicht hier passiert?«

»Mit Sicherheit nicht«, bestätigte Sanders, »und auch nicht im Boot, wenn ihr mich fragt.«

»Ich nehme an, du kannst auch nichts zum Zeitpunkt sagen«, sagte Sam.

Das waren jene Dinge, von denen er sich wünschte, sie nie gelernt zu haben: Wie schwierig es sein konnte, den korrekten Todeszeitpunkt zu bestimmen – all die Variablen, die das Auskühlen des Körpers und die Leichenstarre beeinflussen konnten. Sam musste sich nicht erst vom Pathologen sagen lassen, dass dieser kein Thermometer benutzen würde, bevor er nicht die Gelegenheit gehabt hatte, das Opfer darauf zu untersuchen, ob es sexuellen Kontakt gehabt hatte oder missbraucht worden war. Außerdem war die Körpertemperatur in einem Fall wie diesem ohnehin irreführend, denn nach der Tat war die Leiche bewegt und möglicherweise im Meer abgelegt worden, bevor sie an einen neuen Ort gelangt war: in das Ruderboot. Dort war sie dann auf unbekannte Zeit den Elementen ausgesetzt gewesen.

»Da vermutest du richtig«, sagte Sanders. »Es wird noch eine Weile dauern, bis ich den Todeszeitpunkt abschätzen kann.«

»Und? Glaubst du Myersons Geschichte, Doc?«, fragte Martinez.

»Meiner Meinung nach ist er wirklich nur ein unschuldiger Beobachter«, antwortete Sanders. »Er steht unter Schock und ist ziemlich aufgeregt, aber er ist kein Verdächtiger.«

Sowohl Sam als auch Martinez hielten den Gerichtsmediziner für einen ausgesprochen guten Menschenkenner.

Das Innere des Bootes war verdreckt. Blut, Bleichmittel oder andere Chemikalien waren jedoch nicht zu sehen, was einerseits schlecht war, da es keine entsprechenden Beweise gab, doch auf der anderen Seite bedeutete es, dass der Tatort nicht kontaminiert war – genauer gesagt, der Fundort hier in South Beach, sodass der Strand nicht geschlossen bleiben musste, sobald die Spurensicherung fertig war.

Sam beäugte den Hals des Opfers. »Ist das eine Ligatur? Ein Würgemal?«

»Ganz recht«, antwortete Sanders. »Dort haben wir auch ein paar Fasern gefunden, die wie Baumwolle aussehen. Der Killer hat sich seinem Opfer vermutlich von hinten genähert.«

»Und die anderen Verletzungen?« Schaudernd ließ Sam den Blick über die restlichen Wunden schweifen. »Wurden sie ihm vor oder nach dem Tod zugefügt?«

»Nach Eintritt des Todes«, antwortete Sanders. »Das steht ziemlich eindeutig fest.«

»Man muss wirklich für jede noch so kleine Gnade dankbar sein«, sagte Martinez.

2

Mit Ausnahme von Joshua, ihrem neun Monate alten Sohn, und Woody, dem drahthaarigen Dackel-Schnauzer-Mischling, den sie und Sam vor nunmehr fast vier Jahren gerettet hatten, war Grace Lucca Becket allein zu Hause, als es um neun Uhr morgens in Bay Harbor Islands an der Tür klingelte.

Grace trat aus dem Kinderzimmer, als der Hund zu bellen anfing, und ging zum Flurfenster, von wo sie den besten Blick nach draußen vor die Tür hatte.

Claudia Brownley stand unten auf dem Weg. Sie trug ein blaues Jeanshemd und hatte ihr Jackett über den Arm gelegt. Hinter ihr standen zwei Reisetaschen. Sie schaute nach oben und winkte.

»Ich glaub’s nicht!«

Mit einem Schrei freudiger Überraschung auf den Lippen stürmte Grace die Treppe hinunter, riss die Tür auf und breitete die Arme aus. Ihre Schwester warf sich hinein und drückte sie an sich, während Woody nach besten Kräften versuchte, an Claudias Beinen hinaufzuklettern.

»Woody! Aus!« Grace trat einen Schritt zurück und schaute zu den Reisetaschen, die viel zu groß für ein Wochenende waren, auch für ein verlängertes. »Was ist los, Schwesterchen?«

Claudia lebte mit ihrem Mann Daniel Brownley und ihren beiden Söhnen Mike und Robbie auf Bainbridge Island in Washington State, nur eine Fährfahrt von Seattle gelegen, aber Tausende Meilen vom Miami-Dade County entfernt. Außerdem war es gar nicht typisch für Claudia, so plötzlich und unerwartet vor der Tür ihrer Schwester und ihres Schwagers zu stehen.

»Willst du mich nicht erst mal reinlassen?«, fragte Claudia.

»Oje, entschuldige. Komm bitte rein.« Grace umarmte sie noch einmal voller Wärme. Dann schnappte sie sich die eine Reisetasche, ihre Schwester die andere, und gemeinsam gingen sie ins Haus, ließen die Taschen im Flur stehen und machten sich direkt auf den Weg in die Küche.

Die Küche war das Herz des kleinen Hauses; so war es schon immer gewesen, auch bevor Sam in Grace’ Leben getreten war, bevor sie geheiratet und bevor sie ihre Tochter Cathy adoptiert hatten – und lange bevor ihr Sohn geboren worden war.

»Wo ist mein Neffe?«, fragte Claudia und blieb in der Tür stehen.

»Er schläft«, antwortete Grace. »Hoffe ich zumindest.«

In den Nächten zuvor war Joshua nachts immer wieder aufgewacht, und seine dreiunddreißigjährige Mutter und sein einundvierzigjähriger Vater spürten allmählich die Belastung.

»Kann ich nicht wenigstens einen kurzen Blick auf ihn werfen?«, bettelte Claudia.

»Ich würde lieber erst mal einen Blick auf dich werfen«, erwiderte Grace.

»Lass das lieber«, sagte Claudia. »Ich sehe schrecklich aus.«

»Du siehst fantastisch aus«, entgegnete Grace, und das stimmte. Allerdings war ihr sofort aufgefallen, dass ihre Schwester ziemlich an Gewicht verloren und ein paar neue Falten um ihre braunen Augen bekommen hatte. »Ich bin das Wrack hier«, fügte sie hinzu und deutete auf ihre rasch übergestreifte Hose und die ärmellose weiße Bluse.

Die beiden Schwestern ähnelten sich äußerlich nicht sehr. Grace hatte die helle skandinavische Haut ihrer Mutter Ellen geerbt, während Claudia das dunkle Haar, die dunklen Augen und die olivfarbene Haut von Frank Lucca besaß. Beide Schwestern waren schon vor langer Zeit übereingekommen, dass diese Äußerlichkeiten zum Glück das einzige offensichtliche Erbe ihres Vaters waren.

»Komm schon.« Grace gab nach. Sie nahm Claudias Hand und führte sie die Treppe hinauf ins Kinderzimmer, einen kleinen, bezaubernden Raum in Blassblau, der voller Kuscheltiere war.

»Oh, Grace«, sagte Claudia gerührt, als sie den Jungen sah. »Er ist wundervoll!«

Und das war Joshua Jude Becket in der Tat, der Säugling, dessen Wangen die Farbe von Cappuccino besaßen und auf denen sich niedliche Grübchen bildeten, wann immer er lachte. Joshua war inmitten von Chaos und Tragödie geboren, doch nun hatte er sich zu einem gesunden, fröhlichen und neugierigen Wonneproppen entwickelt.

Sanft streichelte seine Tante ihm über das dunkle Haar. »Ich wecke ihn schon nicht auf.«

»Mach ruhig noch ein wenig«, flüsterte Grace dankbar. »So haben wir Gelegenheit, einfach wir selbst zu sein.« Sie legte ihrer Schwester den Arm um die schmalen Schultern. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass du hier bist.«

Doch wenn Grace ehrlich zu sich selbst war, hegte sie gemischte Gefühle, was Claudias plötzliche Ankunft betraf. Ohne Frage empfand sie eine geradezu überwältigende Freude, ihre Schwester wieder an ihrer Seite zu haben; aber sie wusste auch, dass sie gezögert hätte, eine Einladung auszusprechen, hätte Claudia sie im Vorfeld gefragt. Grace war gerade dabei, ihre Rückkehr ins Arbeitsleben zu organisieren, und das brachte eine ganze Reihe von Komplikationen mit sich, zumal sie – wenn auch nur kurz – unter postnataler Depression gelitten hatte.

»Und dann ist da noch der posttraumatische Stress«, hatte ihr Schwiegervater vor ein paar Monaten diagnostiziert.

Dr. David Becket war Sams Adoptivvater, ein dreiundsechzigjähriger kaukasischer Jude, der heutzutage kaum mehr als eins siebzig maß – er »schrumpfe« ständig, behauptete er –, doch sein ein Meter neunzig großer Sohn schaute noch immer zu ihm auf und vertraute ihm mehr als jedem anderen Menschen. Dr. Becket war ein kluger, humorvoller und gütiger Mann; für Grace war er mehr Vater gewesen, als ihr eigener Daddy es je gewesen war. Und obwohl Becket Kinderarzt war, kein Psychiater, und noch dazu kurz vor der Rente stand, hörte Grace mehr auf ihn als auf jeden anderen Mediziner – selbst wenn sie auf den Rat der Chefärzte vom Mount Sinai und dem Jackson Memorial hätte zurückgreifen können.

»Du hast ein Recht darauf, so zu empfinden«, hatte er zu ihr gesagt, als sie ihm zum ersten Mal ihr Gefühl der Unzulänglichkeit gestanden hatte. »Und damit bist du nicht allein«, hatte er hinzugefügt. »Es ist schwer, sich zu freuen oder auch nur optimistisch zu sein, wenn zwei junge Leute in deiner Familie trauern.«

Trotzdem hatte Grace sich für ihre Depressionen geschämt, die sie ziemlich aus der Bahn geworfen hatten – und das in einer Zeit, in der ihre Kompetenz gefragt war und sie eigentlich dankbar hätte sein müssen. Zugleich wusste sie, wie unsinnig es war, sich für ihre Depressionen zu schämen; schließlich war auch sie Psychologin, wenn auch für Kinder und Jugendliche.

Sie hätte es besser wissen müssen.

Aber wenn der Seelenklempner selbst auf der Couch liegt, ist mit einem Mal alles anders.

Doch Grace hatte auch aus einem anderen Grund gemischte Gefühle: Seit Monaten machte sie sich nun schon Sorgen um Claudia. Sie wusste, dass bei ihrer Schwester nicht alles so war, wie es sein sollte. Ein paar Mal hatte sie sogar darüber nachgedacht, mit Joshua nach Seattle zu fliegen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Doch jedes Mal hatte Grace einen Grund gefunden, die Reise zu ihrer Schwester dann doch nicht anzutreten.

Und jetzt war Claudia hier, ohne Vorwarnung und mit zwei großen Reisetaschen. Und wichtiger noch: ohne Ehemann und ihre beiden Söhne.

Irgendetwas stimmte hier nicht.

Ganz und gar nicht.

3

Die Ermittlungen waren angelaufen.

Das Ruderboot und das Opfer waren fotografiert und untersucht worden, so gut es am Fundort möglich war. Dann hatte man die Leiche zugedeckt und mitsamt Boot in die Gerichtsmedizin gebracht, wo jeder Quadratzentimeter des Bootes auf Spuren untersucht werden würde. Erst dann würde Sanders sich an die mühsame Arbeit machen, den Leichnam zu obduzieren.

Das Können des Gerichtsmediziners und seines Teams stellten die beste Chance für eine rasche Lösung des Falles dar. Das wussten Becket und Martinez nur allzu genau, zumal sie den eigentlichen Tatort nicht kannten. Sämtliches Spurenmaterial, das die Beamten und Kriminaltechniker am Strand fanden, würde mit großer Wahrscheinlichkeit nichts mit dem Fall zu tun haben oder mit Joe Myerson in Verbindung stehen – jenem Mann, ohne den das Verbrechen womöglich nie entdeckt worden wäre, wie Sam ihm gleich zu Beginn der Befragung erklärt hatte.

»Ich nehme an, irgendwo wäre er schon an Land gespült worden«, hatte Myerson gesagt.

»Nicht unbedingt«, hatte Sam erwidert. »Für die nächste Zeit sind weitere Unwetter angekündigt.«

Für einen Moment wirkte Myerson beruhigt; dann musste er wieder daran denken, was er gesehen hatte.

Es würde noch sehr lange dauern, bis er es vergessen würde.

4

Es war nicht leicht, aus Claudia etwas herauszubekommen.

Kurz nach ihrer Ankunft hatte sie Grace gefragt, ob sie eine Zeitlang bleiben könne.

»Sicher«, hatte Grace geantwortet. »Das weißt du doch.«

Es kostete sie einige Mühe, nicht nach dem Warum zu fragen.

»Dan arbeitet von zu Hause aus«, sagte Claudia. »So kann er sich um die Jungs kümmern.«

»Hat er denn Zeit dafür? Schließlich muss er ein Büro leiten.«

»Findest du nicht, dass ich mir auch mal eine Pause verdient habe?«

Diese Art von schnippischem Selbstmitleid war gar nicht typisch für Claudia, und Grace wollte gerade nachbohren, als plötzlich Joshua aufwachte, sodass sich in der nächsten Stunde alles um ihn drehte. Als Grace sah, wie zärtlich Claudia mit dem Jungen umging und wie glücklich Joshua darauf reagierte, empfand sie erneut eine ungetrübte, überwältigende Freude, dass ihre Schwester gekommen war – die Schwester, die sich so oft auf der Suche nach Trost an sie geklammert hatte, nachdem sie von Frank Lucca, ihrem Vater, missbraucht worden war. Und schließlich war sie Grace gefolgt, als diese ihre innere Kraft entdeckt und die Flucht von Chicago nach Florida geplant hatte. Grace – die Schwester, die ihr noch immer nahestand, die sie liebte und ohne die sie nicht leben konnte.

Es fiel Grace schwer, sich vorzustellen, was im Haus der Brownleys schiefgegangen sein könnte, denn als Claudia, Daniel und die Jungs noch auf den Florida Keys gelebt hatten, schienen sie eine Bilderbuchfamilie zu sein. Dann aber hatte Daniel beschlossen, nach Nordwesten zu ziehen, nach Washington State, wo er in Seattle ein neues Architekturbüro eröffnet und seiner Familie ein großes Haus an der Küste von Bainbridge Island gekauft hatte, fünfunddreißig Minuten mit der Fähre von der Stadt entfernt – ein Ort, den CNN und das Money Magazine einmal zur zweitbesten Wohngegend der Vereinigten Staaten erkoren hatten.

Die Uferlage war bewusst gewählt, damit die Familie sich wie zu Hause fühlte, und Grace hatte den Eindruck, dass es bei Daniel und den Jungs funktioniert hatte: Sie fühlten sich pudelwohl. Bei Claudia aber war es anders, wie Grace schon seit langem vermutete.

Ohne etwas dagegen getan zu haben. Nicht dass sie viel hätte ausrichten können, außer sie regelmäßig anzurufen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen und sich Sorgen um sie zu machen.

Nun brach eine neuerliche Woge von Schuldgefühlen über Grace herein. Sie war viel zu sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt gewesen, mit ihrer eigenen Familie und ihren Patienten, als dass sie richtig über Claudia hätte nachdenken können. Und dann war vor gut einem Jahr die Hölle ausgebrochen, und kurz darauf war sie mit Joshua gesegnet worden. Anschließend war es nur noch darum gegangen, ihre Mutterrolle zu erfüllen und mit ihrer eigenen, unvertrauten Unsicherheit zurechtzukommen.

Ausflüchte.

»Du kannst so lange bleiben, wie du willst«, sagte Grace nun zu ihrer Schwester.

Sie konnte nicht glauben, dass sie das nicht schon sofort gesagt hatte.

»Ich dachte«, sagte Claudia, »da Cathy nun weg ist, hättet ihr vielleicht ein bisschen Platz.«

Cathy, ihre angeschlagene Tochter, die in ihren jungen Jahren schon mehr erlitten hatte als die meisten Menschen in einem ganzen Leben, hatte Grace und Sam vor gut drei Monaten erklärt, dass sie ein wenig reisen wolle. Hier gebe es einfach zu viele böse Erinnerungen, egal ob auf dem Campus der Trent University, zu Hause, am Strand oder sonst wo in und um Miami.

»Ich weiß, dass diese Erinnerungen mich überallhin verfolgen werden«, hatte Cathy zu ihren Eltern gesagt. »Trotzdem habe ich das Gefühl, es könnte mir helfen, eine Zeitlang fortzugehen.«

Sam hatte sich länger dagegen gesträubt als Grace. Leidenschaftlich hatte er sich dafür eingesetzt, dass ihre Tochter zu Hause blieb, damit sie ihr beim Heilungsprozess zur Seite stehen konnten, doch seine Frau hatte ihn daran erinnert, dass »zu Hause« für eine Einundzwanzigjährige bisweilen zu eng war, zumal, wenn sie ein wenig Freiraum brauchte, um ihren Schmerz hinauszuheulen.

»Ganz zu schweigen davon, einen paranoiden Cop als Dad zu haben«, hatte David Becket hinzugefügt, »der sofort nach einem Überwachungsteam schreit, sobald Cathy auch nur in die Nähe von jemandem kommt, der in den nächsten drei Jahrzehnten Ärger für sie bedeuten könnte

»Bin ich wirklich so schlimm?«, hatte Sam seinen Vater gefragt.

»Du willst sie einfach nur in Sicherheit wissen«, hatte David erwidert. »Das wollen wir alle, mein Sohn.«

Und Cathys Reisepläne hatten gut durchdacht geklungen. Außerdem hätte sie die Erlaubnis ihrer Eltern ja gar nicht mehr gebraucht. Und selbst wenn es anders gewesen wäre: Grace und Sam hatten gewusst, dass sie ihre Tochter gehen lassen mussten, denn nur so konnten sie darauf hoffen, sie irgendwann zurückzubekommen.

So war Cathy nun an der Westküste, wo sie als Trainerassistentin am College von Sacramento arbeitete. Anschließend würde sie in mehreren Sommertrainingslagern für Leichtathletik in Kalifornien arbeiten und trainieren.

Und jedes Mal, wenn Grace einen ihrer Küchenschränke öffnete, sah sie eine Box mit dem Lieblingsmüsli ihrer Tochter – Honey Graham Life – und vermisste sie mehr denn je.

Doch Cathys Zimmer stand nun Claudia zur Verfügung.

5

Ein kleines Team von Detectives klapperte bereits jedes Wohngebäude, jedes Hotel und jedes Geschäftshaus mit Blick auf den Ocean Drive zwischen Fünfter und Fünfzehnter Straße ab. Auch die Promenade, die Dünen und der Strand wurden abgesucht. Die Detectives hielten nach Überwachungskameras Ausschau und versuchten, mit jedem Anwohner, Arbeiter und Touristen zu sprechen, den sie in der Nähe finden konnten.

»Lass uns zuerst zum ›Strand‹ runtergehen«, sagte Sam zu Beginn der Aktion, da dieses Boutique-Hotel zwischen Zehnter und Elfter Straße direkt dem Strand gegenüberlag. Außerdem war es eines der wenigen Gebäude in diesem von Art Deco geprägten Viertel, das über Balkone verfügte – und über ein Dach, das als einer der besten Aussichtspunkte für die Feuerwerke in South Beach galt.

Und vielleicht auch für Morde.

Aber sie fanden nichts, auch nicht im »Viktor«. Nirgendwo hatte jemand ihnen etwas Nützliches zu erzählen; allerdings hatten Sam und Martinez unter den gegebenen Umständen auch nicht damit gerechnet.

»Mildred will mit dir sprechen, Sam«, informierte ihn Detective Beth Riley gegen elf Uhr, als sie und Mary Cutter – eine kleine, attraktive Frau, mit der Martinez vor ein paar Jahren eine kurze, aber ausgesprochen angenehme Beziehung gehabt hatte – ins Großraumbüro des Dezernats für Gewaltverbrechen traten.

Sam stellte die Antennen auf. »Wo und wann?«

»Üblicher Ort, übliche Zeit, hat sie gesagt«, antwortete Cutter.

Also gegen Mittag im Lummus Park auf einer von Palmen beschatteten Bank.

»Glaubst du, sie hat irgendwas?«, fragte Martinez.

Es gab keinerlei Bitterkeit zwischen ihm und Cutter, obwohl es genau die Furcht davor gewesen war, die sie beide dazu getrieben hatte, die Beziehung zu beenden, bevor sie zu ernst wurde. So gab es im Augenblick keine besondere Frau in Martinez’ Leben, und er behauptete, so gefiele es ihm auch. Er müsse sich um niemanden Tag und Nacht sorgen, und niemand müsse Angst um ihn haben.

»Das hat sie nicht gesagt«, antwortete Cutter.

Obdachlose waren oft von großem Interesse für die Ermittler, doch nur selten als Verdächtige. Da sie fast überall anzutreffen waren, dienten sie häufig als Zeugen oder verfügten über Beweismittel oder nützliche Informationen.

Mildred Bleeker war eine Pennerin von schwer zu schätzendem Alter, die mit ein paar Cops vom Miami Beach Police Department eine Beziehung gegenseitigen Respekts pflegte. Als Gegenleistung für deren Höflichkeit – und gelegentlich eine Flasche Manischewitz Concord Grape – hatte Mildred nie sonderlich viel Skrupel gezeigt, wenn es darum ging, die Polizei dann und wann mit Informationshäppchen bei Gewaltverbrechen zu versorgen, vor allem, wenn Drogen im Spiel waren.

Allerdings hatte Mildred ihre Präferenzen, und eine Zeitlang war ihr Liebling ein Streifenpolizist mit Namen Pete Valdez gewesen. Doch Valdez hatte das Dezernat vor ein paar Monaten verlassen; seitdem neigte Mildred zu Sam.

»Ich habe von Ihren Problemen gehört, Detective Becket«, hatte sie an einem Morgen im März zu ihm gesagt, als er sie an der Ecke Lincoln und Washington in die Donut-Kiste greifen ließ, die eigentlich für die Abteilungsbesprechung bestimmt gewesen war. »Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich Sie frage, wie es Ihrer Familie geht.«

»Ganz und gar nicht.« Sam war überrascht, aber auch gerührt gewesen, und hatte Mildred erzählt, dass es ihnen recht gut ginge. Dann hatte er ihr ein paar Fotos von Joshua gezeigt. Im Gegenzug hatte Mildred ein Medaillon unter ihrer mehrschichtigen, größtenteils schwarzen Kleidung hervorgeholt und geöffnet. Mehrere winzige Schwarzweißfotos eines jungen Mannes und einer jungen Frau waren zum Vorschein gekommen.

»Mein Verlobter«, hatte Mildred erklärt.

»Und Sie«, hatte Sam ergänzt.

»Das ist mindestens tausend Jahre her«, sagte sie.

»Ich würde Sie immer wiedererkennen«, bemerkte Sam. »Hübsches Paar.«

»Donny war einmalig«, sagte Mildred. »Nachdem Gott ihn erschaffen hatte, hat er die Form zerbrochen.«

»Wie bei meiner Frau«, erwiderte Sam. »Grace.«

Und dabei hatten sie es belassen. Sie respektierten die Privatsphäre des jeweils anderen. Doch seitdem hatten sie noch oft miteinander gesprochen, und während eines dieser Gespräche hatte Mildred Sam anvertraut, dass Donny als unschuldiger Passant bei einer Schießerei im Drogenmilieu getötet worden war. Sam hatte ein paar Mal versucht, sie zu überreden, mit ihm in einem Restaurant oder einem Coffee Shop essen zu gehen – oder auch bei sich daheim, was ihr gefiel –, doch Mildred hatte jedes Mal abgelehnt. Soweit Sam es beurteilen konnte, hatte Mildred Bleeker sich ihren Lebensstil selbst gewählt, und das einzige gemeinsame Essen, das sie je gehabt hatten, waren ein paar mit Muscheln gefüllte Tamales auf Mildreds Parkbank gewesen.

Es gab keinen Grund zu glauben, dass Mildreds Nachricht in irgendeiner Beziehung zu dem Mord stand; das war Sam durchaus bewusst.

»Könnte alles Mögliche sein«, sagte er, als Cutter einen Kaffeebecher auf den Tisch stellte und Riley sich daranmachte, ihre E-Mails abzurufen.

»Weiß Mildred von dem Ruderboot?«, fragte Martinez.

»Das hat sie nicht gesagt«, antwortete Riley und fuhr sich mit den Fingern durch ihr kurzes rotes Haar; in Gedanken war sie bereits woanders.

»Dass sie es dir nicht sagt, war klar«, sagte Martinez. »Du bist ja auch nicht Sam Becket.«

Sam wusste nur, dass er mehr als ein Dutzend Tamales für selbst den kleinsten Hinweis darauf hergeben würde, wo der Mord verübt worden war. Da sie keinerlei neue Spur hatten – und angesichts der Wahrscheinlichkeit, dass der brutale Mord vermutlich irgendwo im Innern eines Gebäudes verübt worden war, vielleicht in einem Motel, einem Puff oder einer Garage –, gab es nur eine Möglichkeit, wie sie in nächster Zeit etwas herausfinden konnten: wenn irgendjemand, vielleicht ein Angestellter, heute Morgen zufällig über etwas stolperte.

Auch waren bis jetzt noch keine Berichte über Blutflecken, Überreste von Chemikalien oder auch nur Kampfspuren eingegangen.

Sam wollte Mildred so schnell wie möglich sehen.

6

Grace hatte manchmal Angst, dass Cathy nie zurückkommen würde.

Seit Joshuas Geburt schien sie vor vielen Dingen Angst zu haben.

»Das ist gar nicht typisch für mich«, hatte sie vor ein paar Monaten zu Magda Shrike gesagt. Magda war ihre einstige Mentorin, ihre Psychologin und eine gute Freundin, die eine Zeitlang in San Francisco gewohnt hatte, vor einem Jahr aber zurückgekehrt war. »Jedenfalls war es mal so.«

»Die Ereignisse fordern ihren Tribut«, hatte Magda erwidert. »Von jedem.«

»Nur dass die üblen Dinge vergangenes Jahr nicht wirklich mir widerfahren sind, oder?«

»Sie sind Menschen widerfahren, die du liebst, also auch dir«, sagte Magda. »Du bist zu hart zu dir selbst, Grace.«

Was, so hatte Grace vor einiger Zeit beschlossen, einer der Gründe dafür war, dass sie endlich wieder das machen sollte, was sie am besten konnte, nämlich an andere Menschen zu denken, besonders an ihre Patienten – an die Kinder, denen sie helfen konnte.

Dabei gibt es hier mehr als genug Psychologen.

Das stimmte natürlich. Trotzdem war es das, wofür Grace zur Universität gegangen war und was sie über Jahre hinweg praktiziert hatte. Und sie war tüchtig in ihrem Job; sie war viel zu ehrlich, als dass sie das geleugnet hätte.

Wenn sie jedoch wirklich wieder praktizieren wollte, bedeutete das auch, dass sie jemanden würde finden müssen, der ihr half … aber nicht wirklich einen Ersatz für Lucia Busseto, ihre ehemalige Büroleiterin, denn Grace konnte sich nicht vorstellen, die vertraulichen Akten ihrer jungen Patienten einer anderen Person anzuvertrauen.

Und ich würde Joshua einer anderen Person anvertrauen müssen.

Dieser Gedanke entfachte erneut die Angst in ihr, wie immer, wenn sie und Sam darüber sprachen, sich Hilfe ins Haus zu holen.

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