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Sherlock Holmes und der Fall Sigmund Freud

Inhalt

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  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. VORWORT
  8. EINFÜHRUNG
  9. TEIL 1 – DAS PROBLEM
    1. KAPITEL 1 – Professor Moriarty
    2. KAPITEL 2 – Biografisches
    3. KAPITEL 3 – Ein Beschluss wird gefasst
    4. KAPITEL 4 – Zwischenspiel in Pall Mall
    5. KAPITEL 5 – Eine Reise durch den Nebel
    6. KAPITEL 6 – Toby übertrifft sich selbst
    7. KAPITEL 7 – Zwei Beweisführungen
  10. TEIL 2 – DIE LÖSUNG
    1. KAPITEL 8 – Ein Urlaub in der Hölle
    2. KAPITEL 9 – Ein Tennisspiel und eine Violine
    3. KAPITEL 10 – Eine Studie in Hysterie
    4. KAPITEL 11 – Besuch in der Oper
    5. KAPITEL 12 – Enthüllungen
    6. KAPITEL 13 – Sherlock Holmes entwickelt eine Theorie
    7. KAPITEL 14 – Wir nehmen an einem Begräbnis teil
    8. KAPITEL 15 – Verfolgung
    9. KAPITEL 16 – Was dann geschah
    10. KAPITEL 17 – Das letzte Problem
  11. NACHWORT
  12. ANMERKUNGEN

Über dieses Buch

Sherlock Holmes auf der Couch

Als Sherlock Holmes eine weltweite Invasion von Austern befürchtet, weiß der treue Watson, was er zu tun hat: Er schickt Holmes nach Wien zu dem berühmten Psychoanalytiker Sigmund Freud, der ihn von seiner Rauschgiftabhängigkeit heilen soll. Doch bleibt es nicht bei einem harmlosen Kuraufenthalt: Holmes, Watson und Freud müssen sich zu einem denkwürdigen Ermittler-Trio zusammentun, um die Entführung einer Dame aus höchsten Gesellschaftskreisen aufzuklären …

Dieser Sherlock-Holmes-Pastiche ist in früheren Ausgaben unter dem Titel »Kein Koks für Sherlock Holmes« erschienen und bildet die Romanvorlage für die gleichnamige Verfilmung.

Über den Autor

Nicholas Meyer ist ein US-amerikanischer Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur. Bekannt geworden ist er durch seine Regie- und Drehbucharbeiten an mehreren Star Trek-Spielfilmen, Sommersby und The Day After. Meyer ist Drehbuchautor und Mitproduzent der neuen Star Trek-Serie Discovery. Der New York Times-Bestsellerautor hat zudem drei erfolgreiche Sherlock-Holmes-Pastiches geschrieben.

Nicholas Meyer

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und
der Fall Sigmund Freud

Ein Detektiv-Krimi mit
Sherlock Holmes und Dr. Watson

Aus dem amerikanischen Englisch von Victoria Wocker
Bearbeitet und ergänzt von Stefan Bauer

Für Sally

VORWORT

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Ohne Zweifel wird die literarische Welt das Auftauchen eines unveröffentlichten Manuskripts von John H. Watson mit ebenso viel Skepsis wie Erstaunen begrüßen. Sie würde sich wohl eher mit der Entdeckung einer weiteren Schriftrolle vom Toten Meer abfinden als mit einem erneuten Werk aus der Feder des unermüdlichen Biografen.

Gewiss, es gibt eine Flut von Fälschungen – manche davon nicht schlecht, andere einfach läppisch –, und so wird das Erscheinen einer neuen, als authentisch ausgegebenen Chronik bei der seriösen Forschung wohl auf gelangweilte Ablehnung stoßen. Woher stammt sie, und warum wurde sie nicht früher gefunden? Das sind die unvermeidlichen Fragen, die der Gelehrte sich stellen wird, bevor er damit beginnt, die Myriaden von Fehlern und Widersprüchen in Stil und Inhalt aufzudecken und das Manuskript als Schwindel zu entlarven.

Was das vorliegende Dokument angeht, so ist es nicht von Bedeutung, ob ich es für echt halte, was ich übrigens tue. In meinen Besitz gelangt ist es durch einen klaren Fall von Vetternwirtschaft, was der im Folgenden ungekürzt abgedruckte Brief meines Onkels bezeugt.

London, 7. März 1970

Lieber Nick,

ich weiß, dass Deine Zeit so knapp ist, wie die meine, ich komme also gleich zur Sache. (Und keine Sorge, das anliegende Paket soll nicht beweisen, wie lustig und/oder leicht das Leben eines Börsenmaklers ist.)

Vinny und ich haben vor drei Monaten ein Haus in Hampshire gekauft – von einem Witwer namens Swingline (ob Du es glaubst oder nicht). Der arme Mann hatte gerade seine Frau verloren – sie war, soweit ich weiß, erst um die Fünfzig – und war ganz gebrochen. Er wollte so schnell wie möglich ausziehen. Sie hatten das Haus seit dem Krieg bewohnt, und er konnte sich nicht dazu überwinden, den Speicher zu betreten. Alle wichtigen Effekten und Dokumente bewahrte er im Haus auf (wie viel sich doch in einem Leben ansammelt), und er schlug uns vor, den Speicher selbst aufzuräumen und alles zu behalten, was wir brauchen konnten.

Na, man hat nicht oft Gelegenheit, im Trödel anderer Leute zu kramen und sich zu nehmen, was man will, aber ich muss ehrlich sagen, dass mir der Gedanke immer weniger behagte. Der Speicher stand gerammelt voll mit Möbeln, Nippes, Stehlampen, verstaubten Gegenständen aller Art, sogar alten Schrankkoffern(!), aber irgendwie war es mir unangenehm, in der Vergangenheit des armen Swingline zu stöbern, selbst mit seiner Zustimmung.

Vinny empfand das zwar auch, aber ihr häuslicher Instinkt war stärker. Sie hoffte – immer die heutigen Möbelpreise vor Augen –, dort oben etwas für unsere Einrichtung zu finden. Außerdem wollte sie einige unserer eigenen Sachen verstauen. Sie verschwand also nach oben und kam, schwarz wie ein Schornsteinfeger und halb erstickt von Staub, wieder herunter. Ich will Dich nicht mit Einzelheiten langweilen, aber wir fanden das anliegende Dokument, fotokopierten es und schicken es Dir hiermit zu. Offensichtlich war die verstorbene Mrs Swingline Sekretärin (ihr Mädchenname war Dobson) und arbeitete in dieser Eigenschaft im Aylesworth House, einem Altersheim, das kürzlich vom Nationalen Gesundheitsdienst übernommen worden ist (hurra, hurra). Sie half dort unter anderem den Patienten mit Briefen und dergleichen, und im Rahmen dieser Tätigkeit schrieb sie auf ihrer Schreibmaschine (die sich übrigens auch – in erstklassigem Zustand – auf dem Speicher fand) das beigefügte Manuskript nach dem Diktat eines gewissen »Dr. John H. Watson«, wie er sich selbst nennt.

Ich nahm mir Zeit mit dem Lesen und hatte schon drei Seiten dessen hinter mir, was er seine »Einführung« nennt, bevor mir klar wurde, um was es sich da handelte. Natürlich kam mir der Gedanke, es könne irgendein erfolgloser Schwindel sein, der schließlich auf dem Dachboden endete; also versuchte ich, Näheres herauszufinden. Zunächst einmal stellte ich fest, dass Swingline überhaupt nichts von der Sache wusste. Ich befragte ihn unauffällig, doch er konnte sich weder erinnern noch zeigte er das geringste Interesse. Dann bat ich die Verwaltung von Aylesworth House, ihre Unterlagen für mich durchzusehen. Es war ein bisschen unsicher, ob so alte Akten noch komplett sein würden – der Krieg hatte alles durcheinander gebracht –, aber ich hatte Glück. Im Jahr 1932 war ein Dr. John H. Watson eingeliefert worden (mit schwerer Arthritis), und seinem Gesundheitszeugnis war zu entnehmen, dass er bei den Fünften Northumberland-Füsilieren gedient hatte. Jetzt konnte – jedenfalls für mich – kein Zweifel mehr herrschen, und ich hätte mir gerne die näheren Einzelheiten angesehen (wüsstest Du nicht auch gerne, wo Watson wirklich verwundet wurde?), aber die Oberschwester ließ es nicht zu. Sie sagte, die Akte sei vertraulich, und sie habe keine Zeit herumzustehen (o Bürokratie, wo wäre der staatliche Gesundheitsdienst ohne dich?).

Wie dem auch sei, die Authentizität des Manuskripts scheint mir so gut wie bestätigt. Du kannst damit tun, was Du für richtig hältst. Du bist der Sherlock-Holmes-Spezialist in der Familie und weißt sicher den besten Weg. Kommt etwas dabei heraus, dann teilen wir uns den Gewinn.

Herzlichst
Dein Henry

PS: Vinny sagt, sie müsse auch beteiligt werden – sie habe es gefunden.

PPS: Wir haben das Originalmanuskript behalten. Wir wollen sehen, ob Sotheby es versteigert.

Authentisch oder nicht, das Manuskript bedurfte der Überarbeitung. Eine endgültige Ausgabe des Plutarch könnte dem Herausgeber keine schwereren Probleme bereiten als dieses ans Licht der Welt gelangte Werk Watsons. Ich korrespondierte ausgiebig mit zahllosen Sherlock-Holmes-Fachleuten; sie alle haben mir mit unschätzbaren Ratschlägen, Kommentaren und Hinweisen geholfen. Nur das Buch selbst kann den Dank ausdrücken, den ich ihnen schuldig bin. Mit ihrer Hilfe konnte ich Dr. Watsons Niederschrift zu einer zusammenhängenden Erzählung gestalten.

Aus unbekannten Gründen hat Watson (soviel ich weiß) das Manuskript niemals redigiert. Vielleicht waren es sein eigener Tod oder auch die Unruhen des Krieges, die ihn daran hinderten. Ich habe mich also bei der Fertigstellung des Buches an seine Stelle versetzt. Ich habe Überflüssiges gestrichen. Alte Leute tendieren dazu, sich zu wiederholen, und obwohl Watsons Gedächtnis offensichtlich intakt geblieben war, hatte er eine Neigung, auf Einzelheiten herumzureiten. Außerdem habe ich Stellen weggelassen, in denen er von seiner Erzählung abschweift und sich ungehemmt in den dazwischenliegenden Jahren ergeht. (Diese Erinnerungen selbst sind nicht uninteressant, und ich werde sie späteren Ausgaben als Anhang beifügen.) Fußnoten, die den Leser meist nur irritieren, habe ich so kurz und einfach wie möglich gehalten.

Davon abgesehen, habe ich nicht viele Änderungen vorgenommen. Der Doktor, war ein erfahrener Erzähler und bedurfte meiner Hilfe nicht. Hier und da habe ich der Versuchung nachgegeben, etwas umständliche Wendungen zu verbessern (was der gute Doktor sicherlich auch selbst getan haben würde). Sonst aber ist alles so, wie der getreue Watson es niederschrieb.

Nicholas Meyer

EINFÜHRUNG

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Jahrelang ist mir das große Glück zuteil gewesen, meinem Freund Mr Sherlock Holmes als Zeuge, Chronist und Assistent bei den Fällen dienen zu dürfen, die ihm in seiner ungewöhnlichen Eigenschaft als beratender Detektiv übertragen wurden. In der Tat war Mr Holmes 18811, als ich unseren ersten gemeinsamen Fall zu Papier brachte, der einzige beratende Detektiv der Welt. Das hat sich mit den Jahren geändert, und heute, im Jahre 1939, haben Detektive (wenn sie auch nicht immer so genannt werden) Hochkonjunktur innerhalb und außerhalb der Polizei in fast jedem Lande der sogenannten zivilisierten Welt. Erfreulicherweise verwenden viele von ihnen die Methoden und Techniken, die mein Freund vor so langer Zeit als Erster entwickelte – obwohl nicht alle den Anstand besitzen, die enormen Verdienste des genialen Mannes zu würdigen.

Ich habe immer versucht, Holmes als das darzustellen, was er war: eine sehr reservierte Persönlichkeit, gelegentlich zurückgezogen bis zur Exzentrizität. Er legte Wert darauf, kühl und distanziert zu wirken wie eine Denkmaschine, die keinerlei Kontakt zu dem hat, was er als die vulgäre Realität physischer Existenz betrachtete. Den Ruf, kalt und gefühllos zu sein, hatte er sich ausschließlich und absichtlich selbst geschaffen. Es waren auch nicht seine Freunde – deren er, wie ich zugebe, wenig hatte – noch sein Biograf, die er von dieser Seite seines Charakters überzeugen wollte. Es war er selbst.

Seit seinem Tod sind zehn Jahre vergangen, die mir reichlich Gelegenheit gegeben haben, über seinen Charakter nachzudenken. Und mir ist klar geworden, was ich eigentlich immer gewusst habe – sozusagen ohne es zu wissen –: Holmes war ein zutiefst leidenschaftlicher Mensch. Er versuchte, seine Anfälligkeit für Emotionen beinahe physisch zu unterdrücken. Holmes empfand Gefühle als störend, ja als bedrohlich. Er war überzeugt davon, dass sie das für seine Arbeit erforderliche präzise Denken herabmindern würden, und er war entschlossen, dagegen anzugehen. Er wich allen Empfindungen aus; die seltenen Anlässe, bei denen sich die Schleusen öffneten und seine Gefühle offenbar wurden, hatten etwas Erschreckendes. Es war, als beobachte man das Zucken leuchtender Blitze über einer dunklen Ebene.

Um solche Ausbrüche zu vermeiden – deren Plötzlichkeit nicht nur andere, sondern auch ihn selbst aus dem Gleichgewicht brachte –, verfügte Holmes über einen wahren Hort von Hilfsquellen, die (ob er es nun zugab oder nicht) ganz der Erleichterung seiner emotionalen Spannungen dienten. Sein eiserner Wille hatte die konventionellen Möglichkeiten des Selbstausdrucks längst ausgemerzt, und er nahm Zuflucht zu abstrusen und oft sehr übel riechenden chemischen Experimenten; er improvisierte stundenlang auf der Geige (ich habe meiner Bewunderung für sein musikalisches Talent andernorts Ausdruck verliehen); oder er verzierte die Wände unserer Wohnung in der Baker Street mit Einschüssen aus seiner Pistole, die oft die Initialen unserer allergnädigsten Herrscherin bildeten, der Königin Victoria, oder irgendeiner anderen Standesperson, die seinen ruhelosen Geist gerade beschäftigte.

Außerdem nahm er Kokain.

Es mag manchem merkwürdig erscheinen, dass ich eine neue Chronik in so umständlicher Weise beginne. Ja, dass ich überhaupt noch eines seiner Abenteuer niederschreibe, mag befremden. Ich will versuchen, die Ursprünge der Erzählung und die Verspätung zu erklären, mit der ich sie dem Leser unterbreite.

Die Hintergründe dieses Manuskripts haben mit denen vergangener Fälle nicht das Geringste gemein. In allen meinen anderen Aufzeichnungen habe ich mich ständig meiner Notizen bedient. Während der Zeit, in der das hier Niedergeschriebene sich ereignete, habe ich mir überhaupt nichts notiert. Diese meine scheinbare Pflichtvergessenheit hatte zwei gute Gründe. Erstens begann der Fall unter so außergewöhnlichen Umständen, dass er schon weit fortgeschritten war, bevor ich ihn überhaupt als solchen erkannte. Zweitens war ich aus vielen Gründen davon überzeugt, dass dieses Abenteuer für immer geheim bleiben müsse.

Dass ich mich in dieser Annahme irrte, bezeugt das vorliegende Manuskript. Und obwohl ich aus moralischen Gründen davon überzeugt war, dass sich nie Gelegenheit zu einer Publizierung finden würde, hatte ich Grund, auch seine geringsten Einzelheiten niemals zu vergessen. Ich kann sagen, dass jedes Detail meinem Gedächtnis eingegraben ist bis zu meinem Tode, möglicherweise sogar darüber hinaus; allerdings ist Metaphysik nicht meine Stärke.

Die Gründe für die verspätete Veröffentlichung sind komplexerer Art. Ich habe schon erwähnt, dass Holmes ein reservierter Mann war, und gerade dieser Fall kann ohne eine Analyse seiner Persönlichkeit, die ihm zu Lebzeiten widerwärtig gewesen wäre, nicht festgehalten werden. Allerdings war das nicht das einzige Hindernis. Sonst hätte ich dies schon vor zehn Jahren niedergeschrieben, als er in den von ihm so geliebten Hügeln von Sussex seinem Ende entgegensah. Auch hätte ich mich nicht geschämt, das Buch, wie es so schön heißt, »über seine Leiche hinweg« zu schreiben. Denn Holmes war äußerst skeptisch, was sein jenseitiges Leben betraf. Es bekümmerte ihn nicht im Geringsten, ob seine irdischen Werke ihm auf der Reise in jenes unbekannte Land nachfolgen würden, von dem kein Wanderer je zurückkehrt.

Nein, der Grund ist, dass ein Zweiter in den Fall verwickelt war. Und es war der Respekt vor dem Betreffenden und Sorge um seinen guten Ruf, die Holmes veranlassten, mir das heilige Versprechen abzunehmen, bis zum Ableben jenes Mannes nichts über die Sache zu verlautbaren. Sollte ich vorher sterben, dann war eben nichts zu ändern.

Aber das Schicksal hat zugunsten der Nachwelt entschieden. Die erwähnte Persönlichkeit ist vor vierundzwanzig Stunden gestorben. Und während die Welt noch von Lobpreisungen (von manchen Seiten auch von Verdammungen) widerhallt, während in aller Eile Biografien und Rückblicke gedruckt und veröffentlicht werden, beeile auch ich mich, das niederzuschreiben, was außer mir niemand weiß, solange ich noch die nötigen Kräfte besitze (denn ich bin siebenundachtzig, und das ist ein hohes Alter).

Solch eine Enthüllung muss natürlich Kontroversen auslösen, umso mehr, da aus ihr auch hervorgeht, dass ich zwei berühmte Fälle einfach erfand. Einige meiner aufmerksamen Leser haben immer wieder auf die angeblichen Widersprüche in meinen Schriften, auf meine nicht immer korrekten Namen und Daten hingewiesen und allerhand Beweise dafür vorgelegt, dass ich ein stümperhafter Narr oder zumindest ein zerstreuter und kindsköpfiger Greis sei. Die Klügeren – oder vielleicht auch Nachsichtigeren – unter den Kennern meiner Werke vertreten die Meinung, dass meine Irrtümer absichtliche Irreführungen seien. Es ist nicht meine Absicht, hier etwas richtigzustellen. Eine entschuldigende Erklärung muss genügen: Ich habe die Fälle oft in größter Eile aufgezeichnet und manchmal den einfachsten Ausweg gewählt, wenn Takt und Diskretion eine Verschleierung geboten. Rückblickend stelle ich fest, dass es einfacher gewesen wäre, die Wahrheit zu schreiben. Aber dazu besaß ich weder die Dreistigkeit noch, in manchen Fällen, die Skrupellosigkeit.

Aber die erwähnten scharfsinnigen Leser haben niemals jene beiden Fälle verdächtigt, die tatsächlich aus der Luft gegriffen waren. Ich spreche nicht von Fälschungen aus fremder Hand, von albernen Machwerken wie »Die Mähne des Löwen«, »Der dunkelblaue Stein«, »Der kriechende Mann« und »Die drei Giebel«.

Ich meine »Das letzte Problem« mit seiner Beschreibung des tödlichen Duells zwischen Holmes und seinem Erzfeind, dem üblen Professor Moriarty, und »Das leere Haus«, in dem das dramatische Wiederauftauchen Sherlock Holmes’ und seine dreijährigen Wanderungen durch Europa, Afrika und Indien geschildert sind. Ich habe die beiden Fälle gerade wieder durchgelesen und muss sagen, dass ich über meine Ungeschicklichkeit entsetzt bin. Wie konnte meinen Lesern die Übertriebenheit meiner Beteuerungen entgehen, dass es sich um »die Wahrheit« handle? Und die theatralischen Stilblüten, die so viel mehr Holmes’ Geschmack entsprachen als meinem? (Denn obwohl er sich als kalter Logiker ausgab, hatte er einen Hang zum Romantischen und Melodramatischen.)

Sherlock Holmes hat es oft genug gesagt: Indizien, die eindeutig in eine Richtung zu zeigen scheinen, können plötzlich das Gegenteil bedeuten, wenn man sie aus leicht veränderter Perspektive betrachtet. So ist es auch beim Schreiben. Meine wiederholten Versicherungen, dass »Das letzte Problem« die ungetrübte Wahrheit enthalte, hätte bei meinen Lesern Verdacht erwecken sollen.

Ich bin jedoch froh, dass es unterblieb; denn wie man sehen wird, war Geheimhaltung von größter Wichtigkeit. Jetzt, da die von Holmes gestellten Bedingungen erfüllt sind, kann ich die Wahrheit berichten.

Ich habe einfließen lassen, dass ich siebenundachtzig Jahre alt bin, und obwohl mein Verstand mir sagt, dass mein Ende nahe ist, sind meine Gefühle nicht auf den Tod eingestellt, genauso wenig wie bei jemandem, der erst halb so alt wie ich ist – oder sogar noch jünger. Dennoch muss ich meinen Jahren die Schuld geben, dass der vorliegenden Erzählung die Prägnanz meines gewohnten Stils abgeht. Zum Teil liegt das auch daran, dass ich seit Jahren nicht mehr geschrieben habe. Auch dass ich ohne Notizen arbeiten musste, hat sich auf das Buch ausgewirkt, sei mein Gedächtnis noch so gut.

Eine andere Ursache für meinen veränderten Stil ist, dass ich meiner Arthritis wegen nicht mehr selbst schreiben kann und diesen Text einer liebenswürdigen Dame, einem Fräulein Dobson, diktieren muss. Sie hält alles in einer Art verkürzter Schlüsselschrift fest und wird es, wie sie sagt, anschließend ins Englische übertragen.

Schließlich mag mein Stil verändert erscheinen, weil dieses Abenteuer keinem anderen gleicht, das Sherlock Holmes je zu bestehen hatte. Einen Fehler werde ich nicht wieder begehen: Ich werde nicht versuchen, die Skepsis meiner Leser damit zu beschwichtigen, dass ich das Vorliegende als die Wahrheit ausgebe.

John H. Watson, M. D.
Aylesworth Home
Hampshire, 1939

TEIL 1 – DAS PROBLEM

KAPITEL 1

Professor Moriarty

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Im Vorwort zu meinem Buch »Das letzte Problem« habe ich bereits erwähnt, dass meine Verheiratung und die darauf folgende Eröffnung einer Privatpraxis eine subtile, doch bemerkbare Änderung meiner Freundschaft mit Sherlock Holmes herbeiführten. Zunächst besuchte er mich regelmäßig in meinem neuen Heim, und ich erwiderte diese Visiten nicht selten mit kurzen Aufenthalten in den alten Räumen in der Baker Street. Dann saßen wir vor dem Kamin, rauchten unsere Pfeifen, und Holmes berichtete mir von seinen neuesten Fällen.

Aber dabei blieb es nicht lange. Holmes’ Besuche wurden immer sporadischer und kürzer. Und mit dem Anwachsen meiner Praxis wurde es auch schwieriger für mich, diese seltenen Besuche zu erwidern.

Im Winter 90/91 sah ich ihn überhaupt nicht; ich entnahm lediglich den Zeitungen, dass er in Frankreich mit einem Fall beschäftigt war. In zwei kurzen Schreiben – das eine in Narbonne, das andere in Nîmes datiert – teilte er mir mit, was er zu der Sache zu sagen bereit war. Und das war nicht viel. Offenbar war seine Zeit mit anderen Dingen ausgefüllt.

Ein regenreicher Frühling trug dazu bei, meine kleine, aber solide Praxis zu erweitern, und es wurde April, ohne dass ich von Holmes gehört hatte. Es war, in der Tat, der 24. April, und ich war soeben dabei, die Unordnung eines Arbeitstages aus meinem Praxisraum zu entfernen (den Luxus einer Sprechstundenhilfe konnte ich mir noch nicht leisten), als mein Freund eintrat.

Ich war erstaunt, ihn zu sehen – nicht etwa wegen der späten Stunde seines Besuches (denn ich war an sein Kommen und Gehen zu allen möglichen Zeiten gewöhnt), sondern wegen der Veränderung, die mit ihm vorgegangen war. Er schien schmaler und bleicher als gewöhnlich – dabei war er ohnehin immer hager und blass. Seine Haut war von eindeutig ungesunder Blässe, und seine Augen ließen das gewohnte Funkeln vermissen. Stattdessen rollten sie ruhelos in den Höhlen und – so schien es – nahmen ihre Umgebung in sich auf, ohne sie wirklich zu sehen.

»Haben Sie etwas dagegen, dass ich die Läden schließe?«

Das waren praktisch seine ersten Worte. Bevor ich antworten konnte, schob er sich mit großer Geschwindigkeit an der Wand entlang, warf mit einem plötzlichen Ruck die Läden zu und verriegelte sie sorgfältig.

Zum Glück brannte eine der Lampen im Zimmer, und bei ihrem Licht sah ich die Schweißperlen über sein Gesicht rinnen.

»Luftgewehre.« Er nahm eine Zigarette aus der Tasche und suchte mit unsicheren Händen nach einem Streichholz.

Ich hatte ihn noch nie so nervös gesehen. »Hier.« Ich gab ihm Feuer. Über die unruhige Flamme hinweg sah er mich einen Augenblick lang scharf an; er hatte mein basses Erstaunen über sein Benehmen ganz zweifellos wahrgenommen.

»Entschuldigen Sie den späten Besuch!« Er zog mit einem raschen Zurückwerfen des Kopfes dankbar den Rauch ein. »Ist Mrs Watson zu Hause?«, fuhr er fort, bevor ich auf seine Entschuldigung eingehen konnte. Er ging in dem kleinen Raum auf und ab, ohne auf meine erstaunten Blicke zu achten.

»Sie ist ausgegangen.«

»In der Tat! Sind Sie allein?«

»Ja.«

So plötzlich, wie er begonnen hatte, hielt er inne und blickte mich an. Er sah den Ausdruck in meinem Gesicht, und der seine milderte sich.

»Mein Guter, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Sie müssen all dies äußerst bizarr finden.«

Ich war gerne bereit, das zuzugeben, und lud ihn ein, sich ans Feuer zu setzen und einen Brandy mit mir zu trinken.

Er erwog den Vorschlag, mit einem konzentrierten Gesichtsausdruck, der komisch gewesen wäre, hätte ich ihn nicht als einen Mann gekannt, der sich niemals über Kleinigkeiten aufregte. Er gab schließlich seine Zustimmung unter einer Bedingung: Er wollte mit dem Rücken zum Kamin auf dem Boden sitzen.

Als wir uns mit unseren Gläsern vor dem frisch geschürten Feuer im Wohnzimmer niedergelassen hatten – ich in meinem Armsessel und Holmes auf dem Fußboden –, wartete ich neugierig auf eine Erklärung.

Er nahm einen oder zwei Schluck Brandy und kam direkt zur Sache.

»Haben Sie jemals von Professor Moriarty gehört?«, fragte er.

Ich kannte diesen Namen allerdings, verschwieg es aber. Moriarty, den Namen hatte ich ihn manchmal ausrufen hören, wenn er sich in den Paroxysmen einer Kokain-Injektion befand. Wenn die Wirkung der Droge nachgelassen hatte, erwähnte er den Mann jedoch nie. Und obwohl ich ihn schon immer gerne nach dem Namen und seiner Bedeutung gefragt hätte, war es nie dazu gekommen. Es, war etwas in Holmes’ Gebaren, das solche Fragen ausschloss. Er wusste ohnehin, dass ich seine widerliche Angewohnheit von Herzen ablehnte, und ich hatte nicht den geringsten Wunsch, diesen Streitpunkt zwischen uns zu vergrößern, indem ich auf sein Verhalten unter dem Einfluss des Rauschgifts Bezug nahm.

»Niemals.«

»Ah, genau das ist das Geniale und das Erstaunliche an ihm!« Er sprach mit Nachdruck, jedoch ohne seine Stellung vor dem Kamin zu verändern. »Der Mann durchdringt London – ja, die ganze westliche Welt –, und niemand hat je von ihm gehört.« Er stürzte sich in einen fast endlosen Monolog über den »Professor«. Ich traute meinen Ohren kaum und lauschte mit wachsender Verwunderung und böser Ahnung der Beschreibung seines bösen Genius, seiner Nemesis, wie er es nannte. Die Gefahr, die ihm von Luftgewehren drohte, vergaß er dabei ganz (er wäre allerdings zu dieser Stunde und in diesem Licht in meinem Wohnzimmer ohnehin ein schlechtes Ziel gewesen). Er stand auf, und während er zu dem ruhelosen Auf-und-Abschreiten zurückkehrte, schilderte er mir die Einzelheiten einer Laufbahn voll jeder erdenklichen Verdorbenheit und Scheußlichkeit. Er berichtete, dass Moriarty aus einer guten Familie stammte und dass er, von Natur aus mit phänomenaler mathematischer Begabung versehen, eine vorzügliche Erziehung genossen hatte. Im Alter von einundzwanzig Jahren hatte er eine Arbeit über den Binomischen Lehrsatz verfasst, die sich großen Erfolges in ganz Europa erfreute. Infolgedessen hatte er den Lehrstuhl für Mathematik an einer der kleineren englischen Universitäten erhalten. Aber der Mann besaß, zusammen mit seiner unglaublichen Geistesschärfe, erbliche Anlagen teuflischer Art. Es dauerte nicht lange, bis dunkle Gerüchte über ihn sich in der Universitätsstadt verbreiteten, und er musste schließlich den Lehrstuhl aufgeben und nach London ziehen, wo er sich als Mathematiklehrer für die Armee niederließ.

»Aber das war nur Tarnung.« Holmes beugte sich nach vorn und starrte mir ins Gesicht, wobei er seine Hände auf meine Stuhllehne stützte. Selbst im Dämmerlicht konnte ich erkennen, wie seine Pupillen sich mit ruheloser Intensität erweiterten. Und schon hatte er sein enervierendes Auf-und-Abschreiten wieder aufgenommen.

»Seit Jahren, Watson, habe ich eine Macht hinter einzelnen Verbrechern gespürt, eine tief wurzelnde, organisierte Macht, die auf immer gegen das Gesetz verschworen ist und ein schützendes Schild vor den Übeltäter hält. Wieder und wieder habe ich in Kriminalfällen verschiedenster Art – Fälschungen, Raub, Mord – die Gegenwart dieser Macht gefühlt, und ich habe ihr Vorhandensein auch in ungelösten Fällen deduziert, in denen ich nicht persönlich konsultiert worden war. Seit Jahren versuche ich, den Schleier zu zerreißen, in den diese Macht sich hüllt. Ich hielt einen dünnen Faden in Händen und folgte ihm unermüdlich, bis er mich nach tausend raffinierten Drehungen und Windungen zu dem gefeierten Mathematiker Professor A. D. Moriarty führte.«

»Aber, Holmes –«

»Watson, er ist der Napoleon des Verbrechens!« Mit einer plötzlichen Bewegung drehte er sich um und stand nun mit dem Rücken zum Feuer. Die Flammen im Hintergrund und der schrille, unnatürliche Klang seiner Stimme gaben seiner Erscheinung etwas Erschreckendes. Ich konnte sehen, dass seine Nerven bis zum äußersten gespannt waren. »Er ist der Organisator der Hälfte alles Üblen und beinahe aller unentdeckten Verbrechen in dieser großen Stadt und in den Annalen zeitgenössischer Kriminalität. Er ist ein Genie, ein Philosoph, ein abstrakter Denker – er sitzt bewegungslos wie eine Spinne im Mittelpunkt des Netzes. Aber das Netz hat tausend Fäden, und er kennt jede ihrer leisesten Regungen. Seine Handlanger mag man fassen, verhaften und an weiteren Untaten hindern, aber ihn – ihn – rührt man niemals an, er wird nicht einmal verdächtigt!«2

Und er schwatzte fort, teils inkohärent, teils deklamierend, als stünde er auf der Bühne des Old Vic. Er zählte die von dem Professor in Gang gesetzten Verbrechen auf, er sprach von seinem Sicherheitssystem, das ihn vor jeglichem Verdacht oder Schaden schützte. Er beschrieb mit einiger Befriedigung, wie es ihm, Holmes, gelungen war, die Peripherie des Schutzwalls zu durchdringen, und wie des Professors Kreaturen dies entdeckt hätten und ihm auf der Spur seien – mit dem Luftgewehr.

Ich tat mein Bestes, um die wachsende Besorgnis zu verbergen, die diese wirre Erzählung in mir hervorrief. Ich hatte nie eine Unwahrheit aus Holmes’ Mund gehört, und es war klar, dass es sich nicht um einen seiner gelegentlichen Scherze handelte. Es war ihm todernst, und er stammelte fast vor Angst und Schrecken. Kein menschliches Wesen auf dieser Erde konnte mit der Liste von Abscheulichkeiten rivalisieren, die Holmes dem Professor zuschrieb. Gegen meinen Willen drängte sich mir das Bild von Don Quixotes Erzfeind, dem Zauberer, auf.

Die Tirade kam nicht zum Schluss, sie versickerte. Holmes’ schrille Verlautbarungen verebbten allmählich, erst zu unartikuliertem Gemurmel, dann zu Geflüster. Sein Körper hatte die Modulation seiner Stimme begleitet, erst mit energischem Auf-und-Abschreiten, dann lehnte er gegen eine Wand, schließlich warf er sich wie unabsichtlich in einen Stuhl. Bevor mir klar wurde, was vorging, war Holmes in den Schlaf gesunken.

Ich saß sehr still vor dem erlöschenden Feuer und betrachtete meinen Freund. Nie hatte ich ihn in solchen Schwierigkeiten gesehen, aber ich war im Ungewissen, was sein eigentliches Problem war. Seine Redeweise ließ mich vermuten, dass er unter dem Einfluss einer schweren narkotischen Droge stand.

Und dann kam mir ein fürchterlicher Gedanke. Zum zweiten Mal in dieser Nacht entsann ich mich anderer Anlässe, bei denen Holmes von Moriarty gesprochen hatte: wenn er sich tief im Bann seines Kokains befand.

Ich stahl mich vorsichtig zu dem Sessel, auf dem er offensichtlich erschöpft in sich zusammengesunken war, und zog seine Augenlider zurück, um die Pupillen zu untersuchen. Dann fühlte ich seinen Puls. Er war schwach und unregelmäßig. Ich überlegte, ob ich es wagen sollte, sein Jackett zu entfernen und seinen Arm nach den Spuren einer kürzlich erfolgten Einspritzung abzusuchen; aber ich wollte keinesfalls riskieren, ihn aufzuwecken.

Ich setzte mich wieder hin und dachte nach. Ich konnte mich an Kokain-»Gelage« erinnern, die manchmal einen Monat oder länger gedauert hatten. Er injizierte sich dreimal täglich mit einer siebenprozentigen Lösung. Viele meiner Leser haben fälschlich angenommen, dass Holmes unsere Freundschaft dazu benutzte, sich von mir, dem Arzt, mit diesem schrecklichen Rauschgift versorgen zu lassen. In jüngster Zeit habe ich sogar Versionen gehört, nach denen meine Bereitschaft, Holmes Kokain zu geben, der einzige Grund für ihn war, sich mit mir zu befreunden. Einen Kommentar zu einer solchen unsinnigen Behauptung will ich mir ersparen. Es genügt wohl zu erwähnen, dass Holmes dergleichen gar nicht nötig hatte. Im neunzehnten Jahrhundert gab es keine Vorschrift, die einen Mann hinderte, so viel Kokain oder Opium zu kaufen, wie er wollte. Das war in keiner Weise ungesetzlich, und daher ist es vollkommen irrelevant, ob ich bereit war oder nicht, ihm Kokain zu verschaffen. In jedem Fall ist oft genug bewiesen worden, dass ich mich bemüht habe, ihm seine verwerfliche und selbstzerstörerische Gewohnheit auszureden.

Hin und wieder war ich darin erfolgreich gewesen – oder vielmehr meine Überredungskunst in Verbindung mit einem neuen und interessanten Fall. Holmes brauchte seine Arbeit mehr als alles andere; konfrontiert mit wirklich herausfordernden und verblüffenden Problemen, war er in seinem Element. War er in eine solche Aufgabe verwickelt, so brauchte er keinerlei künstliches Stimulans. Er trank dann selten etwas Stärkeres als Wein beim Abendessen. Mehr erlaubte er sich nicht, wenn er an einem Fall arbeitete, ausgenommen enorme Mengen von Shag!3

Aber solche reizvollen Aufgaben waren rar. War es nicht Holmes, der immer wieder den Mangel an Scharfsinn in kriminellen Kreisen beklagte? »Es gibt keine großen Verbrecher mehr, Watson«, war seine ständige und bittere Litanei, als wir noch zusammen in der Baker Street wohnten. War es möglich, dass Holmes nach meinem Auszug aus der Baker Street und in Ermangelung faszinierender Übeltaten dem bösen Einfluss des Kokains wieder verfallen war – und dieses Mal rettungslos?

Es gab keine andere Erklärung dafür, es sei denn, die fantastische Mär, die er mir gerade erzählt hatte, war nicht erfunden. Hat man die plausiblen Lösungen eliminiert, so ist das, was übrig bleibt, die Wahrheit, mag es auch noch so unwahrscheinlich klingen. Das war eine von Holmes’ Maximen.

Mit diesem Gedanken erhob ich mich, klopfte meine Pfeife am Kamingitter aus und beschloss, die weitere Entwicklung abzuwarten. Ich warf eine Wolldecke über die reglose Gestalt meines Freundes und drehte das Licht herunter.

Ich bin nicht sicher, wie viel Zeit im Dunkeln vergangen war – es müssen ein, zwei Stunden gewesen sein –, denn ich dämmerte vor mich hin, als Holmes sich plötzlich bewegte und mich aufweckte. Einen Augenblick lang wusste ich nicht, wo ich mich befand und was vorgefallen war. Dann, mit einem Mal, entsann ich mich und drehte langsam das Licht höher.

Auch Holmes war dabei, sich zu erheben. Einen Moment lang starrte er ausdruckslos um sich. Auch er hatte vergessen, wo er war. Konnte er sich erinnern, was ihn hergetrieben hatte?

»Es geht doch nichts über eine Pfeife und einen wärmenden Schluck in einer kalten Frühlingsnacht, Watson.« Er gähnte mit Behagen. »Haben auch Sie in Morpheus’ Armen geruht?«

Ich sagte, dies wäre wohl der Fall. Dann fragte ich nach Professor Moriarty.

Holmes sah mich verständnislos an. »Wer?«

Ich versuchte zu erklären, dass wir von diesem Herrn gesprochen hatten, bevor die Wirkung des Brandys und des Feuers in meinem Kamin sich bemerkbar gemacht hatten.

»Unfug«, erwiderte er gereizt, »wir diskutierten über Windwood Reade und ›The Martyrdom of Man‹, und ich zitierte irgendeinen Jean-Paul. Das ist das Letzte, woran ich mich entsinne«, fügte er hinzu und warf mir einen vielsagenden Blick zu. »Wenn Sie sich an etwas anderes erinnern, kann ich nur unterstellen, dass Ihr Brandy stärker ist, als selbst seine Hersteller behaupten.«

Ich entschuldigte mich und gab zu, dass meine Fantasie mir wohl einen Streich gespielt hatte.

Kurz darauf begann Holmes sich zu verabschieden. Meinen Einwand, dass es beinahe drei Uhr morgens sei, wehrte er ab.

»Die Nachtluft wird mir guttun, alter Freund. Und Sie wissen, niemand ist mehr erfahren als ich darin, London zu ungewöhnlicher Stunde zu durchstreifen. Seien Sie so gut und sprechen Sie Mrs Watson meinen Dank für einen reizenden Abend aus.«

Ich wies darauf hin, dass meine Frau auf dem Lande sei, woraufhin er mich scharf ansah, nickte, eine weitere abfällige Bemerkung über den Brandy äußerte und entschwand.

Schweren Herzens verriegelte ich die Tür hinter ihm und stieg die Treppe zum Schlafzimmer hinauf. Hier begann ich mich zu entkleiden, entschied mich aber schließlich dagegen und setzte mich vor das – längst erloschene – Feuer, die Hände auf den Knien.

Eine Zeit lang versuchte ich, mir einzureden, dass Holmes recht hatte, dass er auf einen späten Besuch hereingeschneit war, dass wir ein, zwei Pfeifen geraucht und ein bis drei Gläser getrunken hatten und dass das Gespräch über Professor Moriarty allein meiner Einbildungskraft entsprungen war, da wir über gänzlich andere Themen geplaudert hatten. War das möglich? Es war schwierig, in meinem gegenwärtigen erschöpften Zustand klar zu denken. Ich fühlte mich wie ein Mann, der von einem eindringlichen Albtraum erwacht und für lange Zeit nicht begreift, dass er nicht wirklich in der Hölle ist.

Ich brauchte handfestere Beweise. Ich nahm die Lampe und schlich wieder nach unten. Hätte unser Hausmädchen zufällig das Zimmer verlassen, so hätte ich ihr einen kuriosen Anblick geboten: ein Mann mittleren Alters ohne Stiefel und Kragen, der sich mit allen Zeichen von Verwirrung die Treppen seines eigenen Hauses herunterstiehlt!

Ich ging in die Praxis, wo dieses Hirngespinst – wenn es denn eines war – begonnen hatte, und untersuchte die Fensterläden. Sie waren zweifellos geschlossen und verriegelt, aber von wem? War es Holmes gewesen, wie meine Erinnerung es wollte, oder ich? Ich ließ mich hinter meinem Schreibtisch nieder und versuchte, jede Einzelheit unseres Gespräches zurückzurufen, wobei ich mich bemühte vorzugeben, ich sei Holmes in unserem alten Wohnzimmer in der Baker Street und lausche den Darlegungen eines Klienten. Das Resultat hätte einen Zuschauer sicher köstlich amüsiert. Der stiefellose Herr saß nunmehr beim Schein einer einzigen Lampe in einem leeren Sprechzimmer und sprach zu sich selbst – denn es schien mir nötig, von Zeit zu Zeit meine eigenen Ausführungen mit Fragen zu unterbrechen (ganz wie Holmes selbst es zu tun pflegte).

»Versuchen Sie sich an etwas zu erinnern, das er sagte oder tat, bevor Sie beide aufwachten und er den Brandy erwähnte, den Sie zusammen getrunken haben. Gibt es da irgendetwas?«

»Nein, doch, halt, mir fällt etwas ein!«

»Exzellent, mein lieber Watson, exzellent!« Ich hörte den vertrauten Ausruf, nur diesmal von meiner eigenen Stimme gesprochen.

»Als wir zuerst ins Sprechzimmer kamen, fragte, er nach Mary. Ich sagte ihm, sie sei aus, wir seien allein. Dann, später, nach unserem Schläfchen vor dem Feuer, bat er mich, während seines Aufbruchs, ihr doch für den reizenden Abend zu danken. Ich wiederholte, was ich schon früher erwähnt hatte.«

»Sind Sie ganz sicher, es vorher erwähnt zu haben?«

»Absolut«, erwiderte ich, etwas verdrossen über diese Frage.

»Kann es denn nicht sein – wir haben ja die Wirkung des Brandys bereits erwähnt –, dass er es ganz einfach vergessen hatte? Äußerte er sich nicht selbst in dieser Richtung?«

»Ja, aber – nein, zum Teufel! Weder er noch ich waren dermaßen berauscht!«

In meiner Erregung sprang ich auf, ergriff die Lampe und wanderte auf Strümpfen wieder ins Wohnzimmer, mit der Absicht, meiner zweiten Stimme zu entgehen.

Als ich die Vorhänge zurückzog, sah ich, dass es dämmerte.

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