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Sherlock Holmes und der Fall Houdini

Inhalt

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  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Über den Übersetzer
  5. Titel
  6. Impressum
  7. WIDMUNG
  8. DANKSAGUNG
  9. VORWORT
  10. EINFÜHRUNG
  11. KAPITEL 1 – Das Verbrechen des Jahrhunderts
  12. KAPITEL 2 – Der Mann aus Ektoplasma
  13. KAPITEL 3 – Besuch in der Baker Street
  14. KAPITEL 4 – Auftritt Houdini
  15. KAPITEL 5 – Eine erstaunliche Genesung
  16. KAPITEL 6 – Der Geigenspieler ergreift das Wort
  17. KAPITEL 7 – Eine gewichtige Angelegenheit
  18. KAPITEL 8 – Sherlock Holmes ermittelt
  19. KAPITEL 9 – Der gefesselte Houdini
  20. KAPITEL 10 – Die Gräfin ist unpässlich
  21. KAPITEL 11 – Holmes kehrt zurück
  22. KAPITEL 12 – Wir begehen ein Verbrechen
  23. KAPITEL 13 – Mord und Frühstück
  24. KAPITEL 14 – Eine Séance auf dem Palace Pier
  25. KAPITEL 15 – Während der Bahnfahrt Brighton – London
  26. KAPITEL 16 – Der entfesselte Houdini
  27. KAPITEL 17 – Nachtwache in Gairstowe
  28. KAPITEL 18 – Noch eine erstaunliche Genesung
  29. KAPITEL 19 – Fliegen
  30. KAPITEL 20 – Ein noch nie gesehenes Kunststück
  31. KAPITEL 21 – Die Wissenschaft der Deduktion
  32. EPILOG
  33. Holmes, Houdini und Conan Doyle – Nachwort von Michael Ross

Über dieses Buch

Der weltbeste Detektiv trifft den Meister der Magie

London, 1910. Der berühmte Entfesselungskünstler Harry Houdini wird der Spionage bezichtigt. Er soll pikante Briefe des Prinzen von Wales gestohlen haben, um ihn damit zu erpressen. Sherlock Holmes ist von der Unschuld des Zauberers überzeugt und will, zusammen mit Dr. Watson, Houdinis guten Ruf wiederherstellen. Doch kann das ungleiche Duo Holmes und Houdini das sogenannte »Verbrechen des Jahrhunderts« aufklären?

»Daniel Stashower vereint Sherlock Holmes mit Harry Houdini in einem schillernden Abenteuer. Ein bezaubernder Roman, den zu lesen Conan Doyle gewiss erfreut hätte.« New York Times

Über den Autor

Daniel Stashower ist Schriftsteller und Zauberkünstler und lebt in Maryland, USA. Sein Debütroman »Sherlock Holmes und der Fall Houdini« war für den Edgar Award der Mystery Writers of America nominiert. Neben Kriminalromanen hat Stashower auch Sachbücher über historische Themen veröffentlicht, darunter eine preisgekrönte Biografie über Sir Arthur Conan Doyle.

Über den Übersetzer

Michael Ross ist als Übersetzer, Verleger und Buchhändler (Baskerville Bücher) seit Jahrzehnten in Sachen Sherlock Holmes aktiv. Auf seinem Blog 221B.de präsentiert er Empfehlungslisten für Holmes-Anfänger und -Fortgeschrittene, Informationen über neue und alte Bücher sowie Filme des Meisterdetektivs – und außerdem viel Kurioses rund um Sherlock Holmes, Conan Doyle und deren Zeitgenossen.

Daniel Stashower

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und
der Fall Houdini

Ein Detektiv-Krimi mit
Sherlock Holmes und Dr. Watson

Aus dem amerikanischen Englisch übertragen
und mit einem Nachwort von Michael Ross

Für David und Sally

DANKSAGUNG

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Der Verfasser möchte sich bei den folgenden Personen für wertvolle Hilfe und Rat bedanken: Evan und Anne Thomas, Doug Stumpf, Peter Shepherd, Frank MacShane und dem ›Tuesday Club‹, Stephen Koch, Joseph Epstein, Jon Appleton, Lillian Zevin, Nicholas Meyer, ›The Book Ranger‹, Richard Ruhlman, Marta Panajoth, Sara Stashower, Rachel Weintraub, Red und Hildegarde, Emily, der Familie von John Beach und insbesondere ihrem Spross in Manhattan, Chip Tucker, dem grünen Schwein Harold, Jack Berman und Miss Ellen O’Neill Beach.

VORWORT

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Ich war zwar nicht derjenige, der die Nachricht von John H. Watson an Bess Houdini gefunden hat, aber ich war der Erste, der erkannte, dass dieser John H. Watson nicht jener John Watson aus Nebraska war, der mit Fleischerhaken jonglierte, sondern der berühmte Doktor John H. Watson, der Biograf und Gefährte von Sherlock Holmes.

Es trug sich kurz nach dem Tod von Al Grasso zu, als wir, Mitglieder der New Yorker Gesellschaft Amerikanischer Zauberkünstler, damit anfingen, das angesammelte Gerümpel in Grassos Laden, der Grasso-Hornmann Magic Company, durchzusehen. Grasso war und ist bis heute die seltsamste Sehenswürdigkeit von New York. Es ist das älteste Zauberfachgeschäft Amerikas und geistige Geburtsstätte vieler unserer größten Zauberkünstler. In beinahe jedem anderen Zauberfachgeschäft dieses Landes werden die Kunststücke unter Glas aufbewahrt. Ganz anders bei Grasso. Bei Grasso taucht man in die Tricks ein, wie in einen Papierstapel. Es ist weniger ein Geschäft als ein Museum, ein trübes Lagerhaus im ersten Stock eines alten Bürogebäudes, in dem bedruckte Seidentücher und mit Quasten geschmückte Zauberstäbe und riesige Metallreifen wild durcheinander und nach dem Zufallsprinzip in Schachteln und Regale gestopft wurden. Es wimmelt dort nur so von Zauberbüchern und -heften, darunter manches rare Stück, aber nichts davon geordnet. In einer Ecke steht ein verkratzter Schreibtisch mit Lederauflage, in dem Al Grasso seine Unterlagen aufbewahrte, und darüber hängen über hundert getönte Schwarz-Weiß-Fotografien der größten Varietézauberer. Und wenn die Sonne durch das rückwärtige Fenster scheint, kann man einen Blick auf einige riesige Bühnenillusionen erhaschen – eine Ecke vom Mumien-Asrah oder den goldenen Schwanz des Chinesischen Drachen vielleicht –, Relikte der großen abendfüllenden Zaubervorstellungen der 1920er und 30er Jahre.

Es ist ein Wunder, dass überhaupt jemals irgendjemand inmitten all des Staubs und Gerümpels etwas Brauchbares gefunden hat, aber jahrein, jahraus kamen tausende von Zauberern – Anfänger und Profis –, und jeder von ihnen entdeckte dort das eine Buch, das eine Kunststück oder Andenken, das er schon ewig gesucht und nie gefunden hatte.

An diesem Ort aufzuräumen war, bei allen guten Absichten, also eine traurige, beinahe blasphemische Aufgabe. Wir gingen langsam und ehrfürchtig vor und gaben den älteren Mitgliedern Gelegenheit, bei jedem Erinnerungsstück innezuhalten und Geschichten aus der guten alten Zeit zu erzählen. Bei dieser Arbeitsweise brauchten wir bis zum dritten Nachmittag, ehe wir überhaupt damit begannen, Al Grassos Schreibtisch auszugraben. Dabei entdeckten wir einen brüchigen, kaffeebefleckten Papierumschlag mit der Aufschrift »Zurück an Bess Houdini«.

Es klang in unseren Ohren wie Schlittenglocken am Heiligen Abend. Wir hatten alle gewusst, dass Al Grasso ein enger Freund von Mrs Houdini gewesen war. Wir hatten auch gewusst, dass irgendwann während des Ersten Weltkriegs Grassos Laden, der damals Martinka hieß, Harry Houdini gehört hatte. Aber die meisten von uns betrachteten Houdini als eine Art mythologische Figur, und es schien uns einfach unmöglich, dass wir in unseren Händen einen Umschlag, noch dazu einen Umschlag mit Kaffeeflecken, halten könnten, der an seine Frau adressiert war. Vielleicht enthielt er etwas, das Houdini gehört hatte, dachten wir. Vielleicht waren es die Pläne für eine Entfesselungsnummer. Wir alle, etwa sieben Leute, starrten den Umschlag geschlagene fünf Minuten an, bevor einer von uns endlich den Inhalt auf den frisch aufgeräumten Schreibtisch schüttete.

Das erste Stück, das wir untersuchten, trug in großem Maße dazu bei, unsere Ehrfurcht zu vertreiben. Es war eine Fotografie von Houdini mit einem Freund, auf der der große Zauberkünstler – offenbar nicht ahnend, dass er vollständig auf dem Foto zu sehen sein würde – auf Zehenspitzen stand, um größer zu wirken als der andere. Der Große Houdini schämte sich seiner Körpergröße!

Der Umschlag enthielt noch einige weitere Fotografien, die meisten von Houdini mit anderen, kleineren Künstlern. Und er enthielt Briefe an und von Houdini, die den Verkauf von Martinka betrafen. Und schließlich enthielt er noch einen kleinen, vergilbten Notizzettel, der zu Boden gefallen und nicht beachtet worden war, bis unser Gedankenleser Matt ihn aufhob, las und sagte: »Ha! Der Mann mit den Fleischerhaken!«, und mir den Zettel dann weiterreichte. Die Nachricht lautete:

12. Dezember 1927

Liebe Mrs Houdini!

Nochmals mein herzliches Mitgefühl zum Tod Ihres Mannes. Ich weiß, wie es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren, und ich kann mir gut vorstellen, dass die langen Monate seit seinem Dahinscheiden Ihren Schmerz nur wenig gelindert haben. Mit getrennter Post übersende ich Ihnen meine Aufzeichnungen jenes Abenteuers, das wir vor fast zwanzig Jahren gemeinsam erlebt haben. Auch wenn ich zurzeit nicht vorhabe, die Tatsachen zu veröffentlichen, bilde ich mir ein, dass Ihnen in diesen schweren Zeiten der Bericht über die bemerkenswerten Erlebnisse Ihres Mannes etwas Freude bringen könnte. Ich verbleibe,

Ihr ergebener Diener,

John H. Watson

Zum zweiten Mal an diesem Tag spürte ich das erregende Gefühl, eine wirklich greifbare Verbindung zu einem meiner Idole entdeckt zu haben – und was noch erstaunlicher war: Hier war der Beweis, dass Sherlock Holmes und Harry Houdini sich tatsächlich begegnet waren! Kaum war ich mir dieser Möglichkeit bewusst geworden, da kam mir ein noch unglaublicherer Gedanke: Vielleicht lag irgendwo in diesem Laden ein unveröffentlichtes Manuskript von Watson!

Soweit ich mich erinnere, erklärte ich meinen Freunden diese Möglichkeit in der mir eigenen gesetzten und sonoren Sprechweise. Sie hingegen behaupten steif und fest, ich hätte wie ein Verrückter gekreischt. Wie dem auch sei, wir begaben uns sofort in die finstersten Ecken von Grassos Laden, um hektisch und ohne Rücksicht auf Verluste nach dem Manuskript zu suchen. Die ganze Zeit versuchte ich nicht daran zu denken, wie unwahrscheinlich es war, dass wir es finden würden. Selbst wenn Watsons Manuskript bei Martinka eingegangen wäre, wäre es mit großer Sicherheit weitergeleitet oder weggeworfen worden oder einfach im Gerümpel des Ladens verloren gegangen. Aber zu diesem Zeitpunkt waren wir zu sehr mit unserer Suche beschäftigt, um uns darüber Gedanken zu machen. Wir müssen wie die Stummfilmkomiker aus den Keystone-Filmen ausgesehen haben, wie wir in Papierstapel tauchten, Kartons mit Dokumenten auskippten und Akten durchwühlten – wir ließen wirklich keine Nummer aus. Wir entdeckten Manuskripte und überflogen sie rasch, nur um festzustellen, dass es sich um Abhandlungen über verschwindende Tauben und Münztricks handelte. Doch dann, wundersamerweise und nach nur rund zwanzig Minuten Suche, fanden wir Dr. Watsons Manuskript. Es hatte als Keil unter dem wackeligen Bein eines Tischs zum Verschwindenlassen von Goldfischen gedient. So schändlich das auch scheinen mag – vermutlich war nur so verhindert worden, dass das Manuskript weggeworfen wurde.

Das Bündel war in recht gutem Zustand, wenn man von dem Abdruck absah, den das Tischbein hinterlassen hatte. Die ersten paar Seiten begannen zu zerbröseln, und die letzten Seiten waren mit Öl- oder Fettflecken übersät, aber alles war noch lesbar. Das weiß ich deshalb, weil ich mich umgehend hinsetzte und es in einem Rutsch las, während meine Freunde sich daranmachten, die Spuren unserer Suche zu beseitigen. Falls das überhaupt noch möglich war, sah Grassos Laden nämlich jetzt noch unordentlicher aus als vor Beginn unserer Aufräumarbeiten vor drei Tagen, und erst zu diesem Zeitpunkt verabschiedeten wir uns von dem Gedanken, hier jemals eine richtige Ordnung herzustellen; aber ich hatte eine echte, unveröffentlichte Sherlock-Holmes-Geschichte.

Doch damit gingen meine Probleme erst los. Wenn es schon unwahrscheinlich war, ein Watson-Manuskript zu finden, so war es annähernd unmöglich, die Welt von dieser Entdeckung zu überzeugen. Ich stand einer Armee von Zweiflern gegenüber. Zunächst einmal meinten die Ungläubigen, dass es nicht Watsons Handschrift sei; aber sicher hat er im Alter von 75 Jahren nicht mehr selbst Abschriften seiner Manuskripte gemacht. Dann gab es jene, die meinten, dass Watson die Geschichte doch niemals aufgeschrieben hätte, nur um Mrs Houdini eine Freude zu machen. Darauf kann ich nur erwidern, dass er genau diese Sorte Mensch war, die so etwas tun würde. Davon abgesehen war Watson im Jahre 1927 sicher nicht mehr auf Geld angewiesen und konnte demnach das schreiben, was er gerade schreiben wollte.

Auch wenn der Fall selbst unter allen Holmes-Abenteuern einzig dasteht, war es nicht das erste Mal, dass Watson eine vollendete Geschichte aus Gründen der Diskretion unter Verschluss hielt. Seine Hauptsorge ist wohl gewesen, die hoch gestellte Persönlichkeit, die in die Angelegenheit verstrickt war, nicht in Verlegenheit zu bringen. Wie dem auch sei, Watson erlag binnen zwei Jahren nach seiner Nachricht an Mrs Houdini einer Lungenentzündung. Holmes hatte bestimmt kein Interesse an dem Vorhaben, sodass jegliche Hoffnung, die Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen, zusammen mit Watson starb.

Kaum waren diese Einwände ausgeräumt, wurden gleich neue erhoben. Einige Leute gingen sogar so weit, mir vorzuwerfen, die Geschichte selbst geschrieben zu haben, trotz aller meiner Beteuerungen, dass ich ein unbegabter Stümper bin. Dann gibt es noch diese nichtswürdige Splittergruppe, die darauf besteht, dass Sherlock Holmes nur im Kopf von Sir Arthur Conan Doyle existiert habe. Diese Leute haben natürlich keine Ahnung, aber sie stellen einen großen Teil des Personals im Verlagswesen, weswegen ich sie nicht einfach ignorieren konnte. Schließlich, nach vielen anstrengenden Monaten, gelang es mir, William Morrow & Co., einen verständnisvollen Verlag, davon zu überzeugen, dass bei allen Zweifeln an der Echtheit des Manuskripts die Geschichte einfach verdammt gut war. Ich überlasse dem Leser das abschließende Urteil. Ich selbst habe keine Zweifel und möchte dem Leser versichern, dass die fantastischsten Behauptungen und Ereignisse der Geschichte zugleich am leichtesten zu überprüfen sind. Die Begebenheit, von der Bess Houdini im dritten Kapitel berichtet, wird von Milbourne Christopher in seiner Biografie Houdini: The Untold Story nacherzählt. Die Entfesselungsnummer, die Houdini im Epilog erstmals präsentiert, wurde zu einer Repertoirenummer seines Bühnenprogramms; und das sagenhafte Bravourstück aus Kapitel 19 hat er im Film The Grim Game wiederholt.

Dort, wo Watsons notorische Schwammigkeit durchkommt, habe ich ein paar ungeschickte, aber hoffentlich dennoch erhellende Fußnoten eingefügt, doch darüber hinaus will ich die Geduld des Lesers nicht weiter strapazieren. Watson ist wie immer in ausgezeichneter Verfassung, ein Freund des Lesers und der einzige Fixpunkt in einer sich wandelnden Zeit …

Daniel Stashower

New York City

12. Februar 1985

EINFÜHRUNG

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In den vielen gemeinsamen Jahren mit Sherlock Holmes bin ich nur einer Hand voll Menschen begegnet, deren Eigensinn und Brillanz der von Holmes in nichts nachstand. Einer von ihnen war William Gladstone, der frühere Premierminister. Ein anderer war ein Herr in Cornwall, der aus getrockneten Früchten winzige Waffen herstellte. Doch der bei weitem Außergewöhnlichste von allen war Harry Houdini, der berühmte Zauberer und Entfesselungskünstler.

Sherlock Holmes und Harry Houdini lernten sich im April des Jahres 1910 kennen. Holmes, der sich aus dem Berufsleben zurückziehen wollte, war damals auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Houdini, der zwanzig Jahre jünger war, hatte noch nicht die bemerkenswerte internationale Anerkennung erlangt, die ihm bald darauf zuteil wurde. Die erste Begegnung dieser beiden Männer war alles andere als herzlich, doch wenn sie auch nie Freunde wurden, so verband sie gleichwohl ein unausgesprochener Respekt voreinander, dass jeder von ihnen der unerreichte Meister seiner Kunst war.

Ihr Zusammentreffen und die erstaunlichen Ereignisse, die es begleiteten, bilden einen der einzigartigen Fälle in der Karriere meines Freundes. Houdini, der sein Privatleben immer schon zu verbergen wusste, untersagte mir, zu seinen Lebzeiten über diese Angelegenheit zu schreiben. Bedauerlicherweise hält mich dieses Verbot nicht mehr: Houdini ist viel zu früh von uns gegangen, und das auf eine Weise, die für mich eigentlich vorhersehbar war.1

Ich kehre also zurück ins Jahr 1910. Ich nenne das Jahr ausdrücklich, da ich mir durchaus bewusst bin, dass sich einige meiner Leser über meine Sorglosigkeit im Umgang mit Daten beschwert haben. Es war das Jahr, in dem Georg V. den Thron bestieg; und eine Zeit, in der – wenn es uns auch damals nicht bewusst war – ein dunkler Widerhall davon kündete, dass wir dem Großen Krieg immer näher kamen.

John H. Watson, M. D.

2. November 1926

KAPITEL 1

Das Verbrechen des Jahrhunderts

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»Das Verbrechen des Jahrhunderts?«, fragte Sherlock Holmes und stocherte mit dem Schüreisen im Kamin. »Sind Sie sich da sicher, Lestrade? Das Jahrhundert ist noch recht jung, oder?« Er wandte sich dem Inspektor zu, dessen Gesicht noch immer rot vor Aufregung über seine Äußerung war. »Vielleicht, mein Guter, wäre es doch weiser, vom Verbrechen des Jahrzehnts oder möglicherweise vom bislang bedeutendsten Verbrechen des Jahres zu sprechen, aber Sie sollten wirklich versuchen, diese Übertreibungen zu vermeiden.«

»Sie sollten die Angelegenheit nicht zu leicht nehmen, Mr Holmes«, sagte Inspektor Lestrade, der am Erkerfenster stand. »Ich bin nicht zu Ihrer Unterhaltung durch die halbe Stadt gefahren. Der Fall, von dem ich spreche, hat Dimensionen, die selbst Sie nicht im Ansatz begreifen können. Eigentlich überschreite ich schon meine Kompetenzen, indem ich Sie überhaupt zurate ziehe, aber da ich nun einmal gerade zufällig Watson traf …«

»Tatsächlich.« Holmes stellte das Schüreisen in den Ständer am Kamin zurück und wandte sich uns zu. Er trug einen dunkelgrauen Gehrock, der seine Körpergröße und seine steife Haltung betonte. Holmes war, wie ich bereits mehrfach beschrieben habe, ein wenig mehr als sechs Fuß groß, fast skeletthaft dürr und hatte ein scharf geschnittenes Gesicht mit einer Hakennase, die ihm das Aussehen eines Falken verlieh. Wie er so dastand, den Rücken zum Feuer und die Ellbogen an den Sims gelehnt, war es schwierig zu beurteilen, ob es eine entspannte oder eine aufmerksame Haltung war. »Ich glaube, es wäre das Beste, Lestrade, wenn Sie Ihre Geschichte von Anfang an erzählten. Sie sagen, Sie verdächtigen diesen jungen Amerikaner, ein schweres Verbrechen begangen zu haben, nicht wahr?«

»Ja.«

»Und wie, sagten Sie doch gleich, hieß der Bursche?«

»Houdini.«

»Ja, Houdini. Watson, würden Sie einmal einen Blick in den Index werfen?«

Ich nahm eines der dickleibigen Notizbücher aus dem Regal und blätterte es durch. »H – o – u, oder? Hier haben wir den Herzog von Holderness, und hier – ah ja! Houdini, Harry. Geboren am 24. März 1874 in Budapest. Das ist aber merkwürdig … Hier ist ein weiterer Eintrag, dass er am 26. April gleichen Jahres in Appleton, Wisconsin, USA, geboren wurde.«

»In der Tat merkwürdig.«

»Er ist ein amerikanischer Zauberkünstler, bekannt geworden durch seine bemerkenswerten Entfesselungsnummern. Es heißt, er sei bislang aus jeder Fessel entkommen. Besonders gerne fordert er Polizeibeamte heraus, sie möchten ihn in offiziellen Gewahrsam nehmen, und dann befreit er sich daraus.«

Ich vernahm ein unterdrücktes Kichern vom Kamin her.

»Houdini interessiert sich außerdem für diese neuartigen Flugmaschinen und hat sogar selbst schon einige kurze Flüge gemacht.«

Lestrade schnaufte verächtlich. »Das ist genau das, wovon ich rede! Was für ein Mensch muss das sein, der sich mit so widernatürlichen Maschinerien abgibt!«

»Ganz im Gegenteil, Lestrade. Ich würde sagen, Mr Houdini zeigt ein waches Interesse am Fortschritt der Wissenschaft und gleichzeitig großen Abenteurergeist. Er klingt nach einer äußerst überraschenden Persönlichkeit. Gibt es sonst noch etwas über ihn, Watson?«

»Nichts«, sagte ich und stellte den schweren Band zurück.

»Ich nehme also an, dass Sie Watsons Beschreibung etwas hinzuzufügen haben, Lestrade?«

»Allerdings, Mr Holmes«, sagte der Inspektor und entnahm seiner Brusttasche ein kleines Notizheft. »Lassen Sie mich sehen … wo ich anfangen soll … ah, richtig!« Lestrade stach mit seinem Zeigefinger in das Heft. »Vorgestern taucht dieser Bursche beim Yard auf und verlangt, in eine unserer Zellen gesperrt zu werden! Also, ich bin jetzt bald dreißig Jahre im Dienst, aber das ist wirklich das erste Mal, dass jemand freiwillig eingesperrt werden wollte. Also haben wir ihn uns erst einmal genau angesehen, da sagt er: ›Ich will eingesperrt werden, damit ich entkommen kann!‹ Wir haben uns alle köstlich amüsiert, das kann ich Ihnen sagen. Aber der Bursche gab einfach nicht auf! Er beharrte darauf, dass er das Gleiche schon in Deutschland und Frankreich gemacht habe, und er kramte Zeitungsartikel hervor, um es zu beweisen!« Lestrade schlug das Notizheft in seine Handfläche.

»Nun, Mr Holmes, es ist eine Sache, aus diesen Blechbüchsen auszubrechen, die sie da drüben haben, aber unsere britischen Gefängnisse sind die besten auf der Welt. Wenn dieser kleine Amerikaner glaubte, er brauche da nur hinein- und wieder herauszuspazieren, wie es ihm gefällt, so wollten wir ihm gerne den Gefallen tun. Also haben wir ihn in den Block im Erdgeschoss gebracht und in eine freie Zelle gesteckt. Unter uns gesagt, hatte ich gedacht, er würde schon zurückschrecken, wenn er das Schloss an der Tür sieht, aber das tat er nicht, also haben wir ihn fest eingesperrt. Ich habe ihm noch versprochen, ihn in ein paar Stunden abzuholen, wenn er genug hat.«

Holmes sah zum Inspektor hinüber. »Und dann?«

Lestrade verschränkte seine Hände hinter dem Rücken und sah zum Fenster hinaus. »Dreißig Minuten später erhielten wir einen Telefonanruf im Büro. Es war Houdini. Er sagte, er sei gut wieder in seinem Hotel angekommen und wollte uns nur wissen lassen, dass er eine kleine Überraschung für uns im Zellenblock vorbereitet hätte. Natürlich haben wir das nicht geglaubt, aber als wir dort ankamen, sahen wir, dass er nicht nur ausgebrochen war, sondern auch alle Gefangenen im Flügel vertauscht hatte! Siebzehn Gefangene, und keiner war mehr in der richtigen Zelle! Es war eine ganz schöne Arbeit, nur die … Mr Holmes! Ich weiß nicht, was daran so komisch sein soll!«

»Ganz recht, Lestrade«, sagte Holmes mit einem kurzen Hüsteln, »verzeihen Sie. Allerdings sehe ich nicht, dass Sie da ein besonders schwerwiegendes Problem haben. Ich bin mir sicher, dass es damit getan wäre, die Sicherheit des Gefängnisses zu verbessern. Vielleicht ließe sich Mr Houdini überzeugen, bei solchen Maßnahmen Ratschläge …«

»Mein Gott, Mr Holmes!«, rief Lestrade ungeduldig. »Glauben Sie wirklich, ich bin so dumm? Es geht nicht um die Zellen! Das war nur der Anfang! Aber wenn er aus unseren Gefängniszellen hinausspazieren kann, kann er überall hinein- und wieder herauskommen. Überall! Einige unserer Männer vermuten sogar … also, sie vermuten …« Er hielt inne und sah in sein Notizheft.

»Ja?«

»Ach, nichts.«

»Aber, Lestrade, Sie wollten gerade etwas sagen.«

Lestrade warf erst Holmes, dann mir einen wachsamen Blick zu. »Ich glaube natürlich nichts davon, aber einige unserer Männer sagen, dass Houdini ein … ein spiritistisches Medium sei.«

»Ach was!«

Lestrade hielt seine Hände abwehrend nach vorn. »Ich kann Ihnen versichern, dass es nicht meine Theorie ist, aber man muss sie in Betracht ziehen. Ich habe ein paar Ermittlungen über den Burschen angestellt, und die Ergebnisse sind sehr überraschend. Wirklich sehr überraschend. Bedenken Sie nur für einen Augenblick die Tatsachen, Mr Holmes, und schauen Sie, was Sie davon halten. Jeden Abend, auf Bühnen in der ganzen Welt, lässt Houdini sich fesseln, in Ketten legen, in Transportkisten nageln und was sonst noch alles, und immer kann er sich befreien. Woran lässt Sie das denken?«

»An großes Talent und technischen Sachverstand?«

»Vielleicht, aber finden Sie es nicht seltsam, dass er nie versagt? Nicht ein einziges Mal? Können Sie das auch von sich behaupten?« Lestrade spielte damit – recht taktlos, wie ich fand – auf den Diebstahl der schwarzen Perle der Borgias an, eine Angelegenheit, in die Holmes kein Licht zu bringen vermocht hatte. Auch wenn er wenig später im Rahmen eines Falles, den ich an anderer Stelle aufgezeichnet habe, die Perle wiederbeschaffen konnte,2 so lastete die Sache zu diesem Zeitpunkt schwer auf ihm. Mir wurde klar, wie empfindlich Lestrade in dieser Angelegenheit war, da er sonst nicht dazu neigte, alte Wunden aufzureißen.

Holmes griff in die Kohlenkiste und warf etwas Steinkohle ins Feuer. »Gelegentlich versagen meine Methoden«, bemerkte er ruhig, »aber ich erhalte freilich auch keine Unterstützung aus dem Jenseits.«

Lestrade sah schnell zur Seite. »Nichts für ungut, Mr Holmes, ich wollte Sie nur bitten, in dieser Frage offen zu bleiben, genau wie ich.« Er blätterte durch die Seiten in seinem Heft. »Also, es gibt eine Organisation in Amerika, die sich ›Gesellschaft zur Erforschung des Übersinnlichen‹ nennt. Das ist keine Gruppe von Hexenmeistern, sondern von Wissenschaftlern und Ärzten, vernünftige Männer wie Sie und ich. Diese Gesellschaft schwört Stein und Bein, dass Houdini seine Resultate auf übersinnliche Weise erzielt. Sie sagen, es gebe keine andere Möglichkeit.«

»Und Houdini selbst? Behauptet er auch, mit den Geistern zu reisen?«

»Nein, er hat es mehrfach bestritten. Aber verstehen Sie denn nicht? Selbst das passt zur Theorie. Wenn er tatsächlich besondere übersinnliche Fähigkeiten nutzt, um als Zauberkünstler arbeiten zu können, muss er sein Talent verborgen halten, um sich seinen Lebensunterhalt zu sichern!« Lestrade lachte nervös. »Ich weiß, dass es unglaublich klingt, aber vor zwei Tagen ist dieser Bursche aus einer unserer sichersten Zellen hinausspaziert, ohne jemandem auch nur ein Haar zu krümmen. Das hat noch keiner getan, und ich zweifle daran, dass es jemals wieder einer tun wird. So etwas bringt einen schon auf den Gedanken, dass wir es vielleicht mit etwas … nun, mit etwas Unbekanntem zu tun haben. Wohlgemerkt, ich sage nicht, dass ich an diesen ganzen übersinnlichen Mumpitz glaube, aber nachdem Houdini beim Yard gewesen war, bin ich ins Savoy gegangen, um mir eine seiner Vorstellungen anzusehen. Was glauben Sie, was ich da gesehen habe?«

»Erzählen Sie es uns.«

»Es war verblüffend. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Während seiner Zaubervorstellung ließ Houdini seine Arbeiter hinter sich auf der Bühne eine stabile Ziegelsteinmauer errichten. Da war kein Schwindel möglich, dessen bin ich mir sicher. Die Mauer wurde Stein für Stein aufgebaut; sie stand felsenfest. Und er hatte sie so aufstellen lassen, dass er in keiner Weise daran hätte vorbeilaufen können. Aber irgendwie hat er es geschafft, von einer Seite zur anderen zu gelangen, direkt vor meinen Augen. Direkt durch die Mauer. Wie um alles in der Welt soll er das gemacht haben?«

»Mit der Unterstützung von Elfen?«

»Der ›Gesellschaft zur Erforschung des Übersinnlichen‹ zufolge kann Houdini dieses Kunststück nur vollbringen, indem er seinen gesamten Körper in Ektoplasma verwandelt.«

»Ektoplasma?«

»Die Materie, die Geister ausströmen – aus der sie bestehen. Ich weiß, dass das ungeheuerlich klingt, aber wie sonst sollte ein Mann durch einen festen Gegenstand hindurchgehen können? Bei Scotland Yard war wenigstens eine Tür in der Zelle, aber das hier war eine massive Ziegelsteinmauer. Deshalb war es nur natürlich, als ich von dem Diebstahl hörte …«

»Diebstahl?« Holmes horchte augenblicklich auf. »Ist das zufällig das Verbrechen des Jahrhunderts, von dem sie vorhin sprachen?«

»Eben dies. Ich kann Ihnen im Moment noch nicht die Einzelheiten nennen, weil die Angelegenheit streng vertraulich ist und gewisse hoch stehende Persönlichkeiten betrifft. Aber ich bin der Überzeugung, dass das Verbrechen nur von jemandem begangen worden sein kann, der durch Wände gehen kann. Verstehen Sie mich richtig, ich sage nicht, dass er wirklich durch Wände geht, aber es macht auf jeden Fall den Eindruck, als könne er es. Wenn Sie also mit mir runter ins Savoy fahren würden und sich die Sache ansehen …«

»Lestrade, dieses Verbrechen …«

Der Inspektor hob die Hände. »Es tut mir leid, ich habe Ihnen alles gesagt, was ich kann. Sie sind kein amtlicher Detektiv, Mr Holmes, und diese Angelegenheit ist höchst vertraulich.«

»Dann fürchte ich, dass ich Ihnen nicht helfen kann.«

»Wie bitte?«

Holmes warf einen weiteren Kohlenklumpen in das Feuer. »Das übersteigt offensichtlich mein Begriffsvermögen, Lestrade. Männer aus Ektoplasma, Diebstähle von solch strenger Vertraulichkeit.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Das ist mir zu viel. Watson, hätten Sie Lust auf einen Spaziergang im Botanischen Garten?«

Lestrades Mund klappte auf. »Aber … aber Sie verstehen mich nicht! Das Einzige, um das ich Sie bitte, ist, dass Sie mit mir zum Theater fahren und sich diesen Houdini selbst einmal ansehen. Was kann das schon schaden? Ist das denn so viel verlangt?«

»Leider ja, Inspektor«, sagte Holmes gleichmütig. »Sie bitten mich, Ermittlungen zu einem Verbrechen anzustellen, ohne dass ich etwas über das Verbrechen weiß. Sie bitten mich, einer Theorie zu folgen, in der Männer durch Wände gehen. Ich bin kein amtlicher Detektiv, woran Sie mich so gewissenhaft erinnert haben, aber ich bin auch kein Hellseher. Wenn Sie meine Dienste in Angelegenheiten des Diesseits benötigen, steht meine Tür Ihnen offen. Bis dahin guten Tag.«

Lestrade stieß einen langen Seufzer aus und wandte sich zur Tür. »Vielleicht ist es besser so«, sagte er, während er Hut und Mantel nahm. »Wir hatten sogar ausdrücklichen Befehl erhalten, Sie in diesem Fall nicht hinzuzuziehen. Ich dachte nur …«

»Befehl?« Holmes wirbelte herum. Seine Züge waren verzerrt. »Befehl von wem?«

»Nun, natürlich von der Regierung!«

Holmes versteifte sich. »Welches Ressort?«

»Die Nachricht kam aus Whitehall. Sie war nicht unterschrieben.«

Sherlock Holmes’ magere Wangen nahmen eine dunklere Farbe an. »Lestrade«, sagte er mit vor Erregung bebender Stimme, »entweder sind Sie der hinterhältigste Mann vom Yard oder ein unverzeihlicher Schafskopf.«

»Wie …?«, stotterte der Inspektor, doch Holmes war bereits aus dem Zimmer, rannte die Treppe hinunter auf die Baker Street und stieß zwei grelle Pfiffe auf seiner Droschkenpfeife aus.

KAPITEL 2

Der Mann aus Ektoplasma

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Holmes schwieg, während unsere Kutsche zum Savoy eilte, und es gereicht Lestrade zur Ehre, dass er bewusst nicht nach der Quelle für Holmes’ plötzliche Aufregung forschte. Was mich betrifft, so hatte ich diesen Zustand plötzlicher Gereiztheit schon mehrfach bei Holmes beobachtet und wusste, dass er eher von persönlicher als beruflicher Verärgerung herrührte. Da Holmes inzwischen seine Fassung wiedergewonnen zu haben schien, hielt ich es für das Beste, nicht auf die Angelegenheit zu sprechen zu kommen, denn ich wusste – vorausgesetzt, mein Verdacht traf zu –, dass sich in Kürze alles klären würde.

So verbrachte ich die Fahrt damit, mich zu fragen, was für ein Mann das war, der sich so mühelos aus Zwangsjacken befreien und durch massive Steinmauern laufen konnte. Während meiner langen Partnerschaft mit Holmes waren wir mit einer ganzen Reihe von Fällen befasst gewesen, die anfangs so aussahen, als seien übersinnliche Wesen am Werk gewesen. Amateurkriminologen werden sich noch an die makabre Affäre um den Grafen, das Halstuch und die schwere Feder erinnern, an der einige unserer besten Ermittler verzweifelt waren. Nur Holmes hatte den Beweis erbringen können, dass Mörder aus Fleisch und Blut am Werk gewesen waren und nicht etwa die rachsüchtigen Urahnen, die Scotland Yard zunächst in Verdacht gehabt hatte.

Ob Holmes mit gleichem Erfolg die Geheimnisse von Houdini ergründen könnte? Oder hatte Lestrade ihn letzten Endes doch noch mit einem Problem konfrontiert, das nicht logisch zu lösen war? Das war die Herausforderung, die mein Gefährte an jenem Nachmittag unfreiwillig angenommen hatte. Um Lestrade Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Ich glaube nicht, dass er jemals wirklich an den spiritistischen Aufruhr glaubte, den man um Houdini machte. Er war aber jemand, der es sehr schätzte, zu jedem Schloss den passenden Schlüssel zu haben, egal wie unhandlich dieser zu werden drohte.

Seit dem Tod meiner geliebten Frau Mary war ich nicht mehr im Savoy Theater gewesen. Wir hatten uns dort gemeinsam viele der komischen Opern von Gilbert und Sullivan angesehen, und auch wenn sie schon vor vielen Jahren von mir gegangen war, so weckte der Ort doch noch immer schmerzliche Erinnerungen. Meine Stimmung wurde durch das Aussehen des Theaters kaum verbessert: Es war dunkel und düster. Das feudale Foyer, das ich nur hell erleuchtet und von fröhlichen Theatergästen bevölkert kannte, war jetzt finster und verlassen. Durch die Türen am anderen Ende konnte ich die Reihen leerer Sitze sehen, die sich unendlich weit fortzusetzen schienen und ein Gefühl unheimlicher Erwartung hervorriefen. In der Regel neige ich nicht zum Fantasieren, aber ich glaubte, in dieser luxuriösen Gruft die Gegenwart meiner Frau zu spüren. Wenn ich jemals einen Geist sehen sollte, so musste ich gestehen, dass es höchstwahrscheinlich an diesem Ort sein würde.

»Sehen Sie das?«, sagte Lestrade gerade. »Sehen Sie das, Mr Holmes?« Er wies auf eines der zehn oder zwölf Theaterplakate, die an den Wänden des Foyers hingen. »Houdini behauptet, nichts mit Spiritismus zu tun zu haben, und doch wirbt er mit solch einem Plakat für sich! Ich sage Ihnen, da steckt mehr dahinter, als wir ahnen.«

Auf dem Plakat war ein gewöhnliches Holzfass abgebildet, das mit Ketten und schweren Vorhängeschlössern gesichert war. Darüber schwebte ein Ebenbild von Houdini, der offensichtlich gerade aus dem Fass entwichen war wie Rauch aus einem Schornstein. Die Abbildung zeigte deutlich, dass seine Beine noch nebelhaft waren. Um den übernatürlichen Eindruck noch zu verstärken, sah man, dass der junge Mann Hilfe von einer kleinen Truppe roter Teufelchen erhalten hatte, die um seinen Körper flitzten, während im Hintergrund ein paar verwirrt dreinschauende Beamte standen und sich den Kopf kratzten. Unterhalb des Bildes stand gedruckt: »Houdini!!! Der Welt größter Entfesselungskönig!!!«

»Sie haben völlig Recht, Lestrade«, sagte Holmes. »Das ist ein schlagender Beweis dafür, dass der Mann übersinnliche Kräfte hat. Was bin ich doch für ein Narr gewesen, an Ihren Aussagen zu zweifeln. Jetzt aber zu den Einzelheiten dieses Verbrechens, von dem Sie gesprochen haben …«

»Genug davon, Mr Holmes. Sie werden gleich alles selbst sehen können. Denken Sie aber daran, dass Houdini noch nicht weiß, dass er in der Sache verdächtigt wird. Verraten Sie also nichts!«

Holmes wandte sich um und ging zum leeren Theatersaal. »Im Augenblick wüsste ich nicht, was ich verraten könnte«, sagte er.

Als die Bühne in unser Blickfeld kam, sah ich auf dieser eine Gruppe von vier Arbeitern, die große Packkisten hin und her trugen. Auf Grund seiner Ähnlichkeit mit den Abbildungen auf den Plakaten folgerte ich, dass der Mann, der das Treiben beaufsichtigte, kein Geringerer war als Houdini persönlich.

Houdini war ein kleiner, aber kräftig gebauter junger Mann. Sein schwarzes, drahtiges Haar war von der Mitte her zu zwei spitz zulaufenden Büscheln gekämmt, die ihm in Verbindung mit seinen schwarzen, schlitzförmigen Augenbrauen etwas Teuflisches gaben. Jede seiner Bewegungen war präzise und entschlossen, aber doch so flüssig und voller Grazie, dass ich mich an die geschmeidigen Dschungelkatzen erinnert fühlte, die ich während meiner afghanischen Feldzüge gesehen hatte. Er trug einen rabenschwarzen Anzug, der seine eindrucksvolle Erscheinung unterstrich, und auch wenn er kleiner war als alle seine Arbeiter, bestand er gleichwohl darauf, die größte Last zu tragen.

Einer von Houdinis Assistenten wies ihn auf unser Eintreffen hin. Als er Lestrade sah, stieß Houdini einen Schrei der Überraschung aus und setzte seine Ladung ab. Dann sprang er über den Orchestergraben und bahnte sich seinen Weg zu uns, indem er über die Arm- und Rückenlehnen der Zuschauersitze flog, als ob er mithilfe von Trittsteinen einen Fluss überquerte. Diese Zurschaustellung von Geschicklichkeit und Gleichgewichtssinn war nicht etwa reine Prahlerei, sondern vielmehr die ganz natürliche Handlungsweise eines Mannes, dessen Kontrolle über den eigenen Körper so vollständig war, dass derartige Übungen für ihn ebenso selbstverständlich waren wie ein Spaziergang.

»Mr Lestrade!«, rief Houdini, als er in den Gang sprang, in dem wir standen. »Ich freue mich, Sie zu sehen!« Er klopfte dem Inspektor jovial auf den Rücken. »Ich hatte nicht erwartet, Sie schon vor der Vorstellung heute Abend hier herumschnüffeln zu sehen! Sie sind mir doch wegen dieses kleinen Ausbruchs nicht mehr böse, oder?«

»Nein, nein«, sagte Lestrade schnell, »ich wollte Ihnen lediglich diese beiden Herren vorstellen. Sherlock Holmes und Dr. Watson, dies ist Mr Harry Houdini.«

Als er den Namen meines Freundes hörte, konnte der junge Zauberkünstler seine Freude nur schlecht verbergen. »Ich bin hocherfreut, Sie kennen zu lernen, Sir«, sagte er und packte Holmes an Hand und Schulter. »Ich bin seit Jahren einer Ihrer größten Bewunderer.«

»Die Ehre ist ganz auf meiner Seite«, entgegnete Holmes. »Ich nehme an, Sie haben die Schwierigkeiten mit der Entfesselungsnummer in den Griff bekommen?«

»Ja, natürlich, ich … Augenblick mal, woher wussten Sie, dass ich Probleme mit einer Entfesselungsnummer hatte?« Vor lauter Überraschung über diese Feststellung vergaß Houdini ganz, auch meine Hand zu schütteln und auf meine Schulter zu klopfen. »Ich habe immer darüber gelesen, dass Sie so etwas tun, aber ich hätte nie gedacht, einmal selbst Zeuge Ihrer Kunst zu werden! Woher wussten Sie es?«

»Völlig simpel, mein Bester. Sie haben an beiden Handgelenken mehrere Schürfwunden. Ich kenne derartige Wunden von Raub- und Entführungsopfern, die sich stundenlang gegen ihre Fesseln gewehrt haben. Die natürliche Schlussfolgerung daraus ist, dass Sie einige Stunden damit zugebracht haben, sich aus einer vergleichbaren Situation zu befreien, und dabei vielleicht weniger erfolgreich waren als erhofft.«

»Wunderbar!«, rief Houdini. »Was für ein Trick! Aber ich bin aus den Fesseln herausgekommen. Ich habe einen neuen Knoten geübt. Es ist immer besser, wenn es mal bei einer Probe nicht klappt, als während einer Vorstellung davon überrascht zu werden.« Er führte uns zur Bühne. »Ich wünschte nur, dass Bess hier wäre, um Ihre Bekanntschaft zu machen, Mr Holmes.« Er hielt kurz inne und nahm eine pathetische Haltung ein. »Für Harry Houdini«, deklamierte er, »bleibt sie immer die Frau.«

Zweifellos wollte er dem Detektiv mit dieser kurzen Anspielung auf eine meiner frühen Holmes-Erzählungen3 schmeicheln. Houdini konnte nicht wissen, dass Holmes selten mehr als die Titel meiner Erzählungen behielt, wenn er es überhaupt über sich brachte, sie zu lesen; daher verstand Holmes den Hinweis nicht. Stattdessen kam er gleich auf den Grund unserer Anwesenheit zu sprechen.

»Sagen Sie, Mr Houdini, stimmt es, dass Sie Ihren Körper auf Ektoplasma reduzieren können?«

Der Amerikaner lachte. »Sind Sie deshalb gekommen? Nein, Mr Holmes, wie ich bereits Mr Lestrade zu erklären versucht habe, hat meine Zauberei nichts mit Hexen und Geistern zu tun.«

»Hexen und Geister haben auch nichts damit zu tun«, sagte Lestrade nachdrücklich. »Das habe ich nie behauptet. Ich habe nur angedeutet, dass Sie, wenn Sie ein Spiritist wären, Ihre Fähigkeiten vor der Öffentlichkeit geheim halten müssten. Wenn es bekannt würde, dass Sie sich entmaterialisieren können, wären Ihre Entfesselungsnummern nicht mehr dramatisch. Was wäre aufregend an einem Entfesselungskünstler, der einfach so durch seine Ketten spazieren kann?«

»Ganz im Gegenteil«,

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