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She, the President.

She, the President.

Inhalt

PROLOG

Alte (Un-)Ordnung

Risse an der Oberfläche

Strukturelle Scheiße

Katastrophen und Kritik

Natur pur!

Mal was starten

Im Grünen Haus?

Und noch mal was Neues versuchen

L.A. Disput

Grüner Block als Massenbewegung

Teamwork im Berggasthof

Blühende Bürokratie und wackerer Wahlkampf

Ein Land führen

Von Intrigen und öffentlichem Druck

Notrecht beugen

American Dream – reloaded

Auf lange Sicht: Die Früchte der Arbeit

EPILOG

FÜR JACK

PROLOG

Die Amtszeit eines Staatsführers oder einer Staatsführerin reicht kaum aus, um wirklich neue Wege zu beschreiten, ohne politischen Selbstmord zu begehen.

Die Notwendigkeit, Kompromisse zu schließen, parteipolitische Scharmützel, alte Seilschaften und Lobbyisten erschweren auch in demokratisch organisierten Staaten die Umsetzung erfrischend wirkender und möglicherweise lebensnotwendiger Reformen für das Fortbestehen einer Gesellschaft.

Was aber geschieht, wenn ein Präsidentschaftskandidat oder eine Präsidentschaftskandidatin eine Kehrtwende in der Politik im Wahlkampf ausruft und damit tatsächlich die große Mehrheit der WählerInnen für sich gewinnen kann?

Verführt eine solche außergewöhnliche Legitimation dazu, die Demokratie auszuhöhlen? Kann er oder sie mit diesem Wählerauftrag und mit Hilfe der Straße eine Politik gegen die Widerstände in Kongress oder Senat durchsetzen? Oder kann er oder sie seine ParteigenossInnen und vielleicht sogar PolitikerInnen anderer Parteien für die Sache gewinnen? Oder muss er oder sie sich beugen, verbiegen und wird eine Vision schlussendlich von den etablierten Kräften in Politik und Wirtschaft zermürbend zermahlen?

Was geschieht, wenn er oder sie dem heute allgegenwärtigen Diktat destruktiver Branchen und global agierender Konzernstrukturen einen Möglichkeitsraum mit friedvollen, der Menschheit in seiner Gänze dienlichen, Produkten und Branchen entgegensetzt? Warum wird immer noch unser Geld in die Rüstungs- statt in die Bildungsindustrie investiert? Warum werden Geldströmen und Investmentgefäßen keine Grenzen gesetzt, aber Arbeitskräfte und Menschen in ihrer Bewegungs- und Reisefreiheit eingeschränkt?

Steigen wir also ein in einen Traum. Und so möge sich ein mögliches positives Weltbild in das Bewusstsein aller Menschen einbrennen, um gemeinsam eine friedliche und gerechte Welt zu schaffen.

KAPITEL 1: Die heile Welt?

„Wer glaubt, dass exponentielles Wachstum in einer begrenzten Welt unbegrenzt fortgesetzt werden kann, ist entweder verrückt oder Wirtschaftswissenschaftler.“

Attributed to Kenneth Boulding in: United States. Congress. House (1973) Energy reorganization act of 1973: Hearings, Ninety-third Congress, first session, on H.R. 11510. p. 248; https://en.wikiquote.org/wiki/Exponential_growth

Alte (Un-)Ordnung

Die Geschäfte laufen prächtig. Die Familie meines Vaters ist im Rüstungsgeschäft tätig. Unser Großvater hatte sich im Zweiten Weltkrieg mit der Produktion von MK-II Handgranaten finanziell saniert und darüber hinaus einen beträchtlichen Gewinn eingefahren. Diesen investierte er nach dem Krieg in den Ausbau seiner Firma in Boston. Gut angelegtes Geld. Es versorgt bis heute alle Söhne und Töchter, sodass diese studierten, was immer sie wollten. Während diese sich bis heute weich gebettet mit Ideen auf ihrem Fachgebiet versuchen oder es gleich bleiben lassen und Golf spielen, Rosé schlürfen und ihren Rasen pflegen, blicke ich, Polly, Person of Color, Kurzhaarschnitt, permanent auf Draht, mein Gegenüber mit Blicken durchbohrend, jeden Menschen mit einem Lächeln begrüßend, erste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika, auf gut 40 aufwühlende Lebensjahre zurück. Heute möchte ich mit euch ein paar wichtige Erfahrungen teilen.

Der große Freundes- und Bekanntenkreis meines Großvaters umfasst Regierungsmitglieder und Industriekapitäne. Sie gehen auf unserer alten verwunschenen Farm an Wochenenden ein und aus wie in einem Taubenschlag. Die Farm war schon in den siebziger Jahren nur noch Wochenendsitz. Sie hatte keinerlei wirtschaftliche Bedeutung mehr, seitdem Felder, Äcker und Wiesen an einen der ersten im industriellen Stil produzierenden Futtermittelhersteller verkauft worden waren. Deren Forscher manipulieren Saatgut in Laboren dermaßen, dass inzwischen die vierfache Erntemenge eingefahren wird. Der monetäre Ertrag dieses Saatguts jedoch vervierfacht sich deswegen nicht für die Farmer. Denn das Hybridsaatgut ist nur noch einjährig und muss von den Farmern teuer eingekauft werden. Zudem müssen sie Jahr für Jahr mehr und mehr teuren Dünger zukaufen, um die von der Monokultur ausgelaugten Böden irgendwie noch fruchtbar zu halten. Und die Verkaufspreise der Ernteprodukte sinken aufgrund des Überangebots. Leider trifft die Theorie, dass bei sinkenden Preisen die Nachfrage steigt und dann die Preise wieder angehoben können, in der Realität so nicht ein.

All das interessiert den alten Herrn jedoch die Bohne. Denn er widmet sich immer ganz und gar seinen Geschäften und sucht am Wochenende Entspannung am Kamin oder auf der Loggia mit Blick in die Weite der ausgelaugten, gehölzfreien Landschaft – je ungestörter, desto besser.

„Du machst Geschäfte mit dem Tod!“, schleudere ich ihm als 16-Jährige wieder und wieder entgegen. Meine Worte dringen nicht zu ihm durch. Er arbeite mit Präzision an der Sicherung der Weltordnung. „Das verstehst du in deinem Alter noch nicht. Pauk Mathematik, damit du eines Tages meine Geschäfte übernehmen kannst! Und respektiere, was ich für unsere Familie aufgebaut habe! Nur deshalb können wir uns dieses Luxusleben leisten! Und genieß du das gefälligst auch!“ Dies ist seine übliche Antwort. Ein sturer alter Dickschädel eben.

An ihrem sechzehnten Geburtstag lade ich meine Freundin Jessica zu einem Mädels-Wochenende mit vollem Verwöhnprogramm auf unsere Farm ein. Wir werden das riesige Haus für uns allein haben und die Abwesenheit der Erwachsenen genießen. Die niedrigstehende Frühlingssonne blendet uns, als wir mit meinem japanischen Kleinwagen in die bunt blühende Allee zur Kiesvorfahrt einbiegen. Wir klettern sofort wie eh und je auf den wunderprächtigen, alten Kirschbaum und baden uns im Blütenmeer. Jessica kenne ich seit dem Kindergarten und sie ist meine beste Freundin. Wir vertrauen uns alles an, seitdem wir uns immer wieder als Kinder gegenseitig aus der Patsche geholfen haben. An diesem Samstagnachmittag sprechen wir das erste Mal offen über die Geschäfte meiner Familie. Mit Unbehagen, Scham und einem tiefen dumpfen Schmerz im Bauch eröffne ich einen ausführlichen Monolog. Ich berichte, was ich seit Kindertagen von der Rüstungsspirale und der Verstrickung meiner Familie darin weiß:

„Die Rüstungsspirale in den Zeiten des Kalten Kriegs war wie ein Sechser im Lotto für die Kriegsindustrie und ihre Aktionäre. In den Vorstandsetagen von Lockheed, Colt und all den anderen Rüstungskonzernen wird um die jährlichen Bilanzsummen gewettet, den Entscheidungsträgern von Regierungen und Militärs werden exotische Reisen spendiert, und die kubanischen Zigarren der Herren werden täglich dicker und länger. Und mein Großvater und mein Vater hängen da voll drin.“ Jessica verstummt, aber ihre Augen lassen im Grunde Verständnis ahnen. Sie weiß in diesem Moment einfach nicht, was sie zu dieser heftigen Geschichte meiner Familie sagen soll. So habe ich uns die in Vorfreude zelebrierte, fröhliche Leichtigkeit ihres Geburtstags für ein paar Stunden genommen. Aber ich habe es endlich einmal loswerden müssen. Und geteiltes Leid ist halbes Leid.

Meine Rolle ist schon seit der Primary School eigenartig. Alle scheinen mich ständig zu beobachten. Ich suche Anschluss und möchte Teil der Gemeinschaft zu werden, spüre jedoch täglich Abneigung und Zurückweisung durch meine MitschülerInnen. In der Highschool wird dies noch stärker spürbar und offensichtlich. Durch Engagement im Unterricht und bei außerschulischen Aktivitäten versuche ich, mich einzubringen und den Anderen Gutes zu tun. Aus der Erkenntnis meiner Familiengeschichte stelle ich in diesen Sommerferien meine eigenen Recherchen zur Rüstungsindustrie auf die Beine. Jessica hilft mir dabei, Unfassbares zu Tage zu fördern. Mittags klettern wir mit meinem Bruder auf den alten knorrigen Kirschbaum im verwunschenen Garten unserer Farm, pflücken dessen Früchte und genießen sie anschließend in dessen Schatten.

„Im Jahr 1950 lagen die Verteidigungsausgaben der USA inflationsbereinigt (zum Jahr 2003) bei rund 111,1 Milliarden US-Dollar, die der UdSSR bei etwa 118,4 Milliarden US-Dollar. In den Jahren des Kalten Krieges wuchsen die Verteidigungsausgaben immens: Bis zum Jahr 1985 stiegen die amerikanischen Ausgaben auf 419,1 Milliarden US-Dollar, die der Sowjetunion sogar auf 470,1 Milliarden.

Die steigenden Verteidigungsausgaben der beiden Supermächte waren mit massiver nuklearer Aufrüstung verbunden: So besaßen die USA im Jahr 1950 rund 379 Atombomben, während die UdSSR zu dem Zeitpunkt lediglich über fünf Atomwaffen verfügte. Im Jahr 1986 - bevor der INF-Vertrag zur nuklearen Abrüstung in Kraft trat - betrug die Zahl der amerikanischen Nuklearwaffen mehr als 23.250, während die Sowjetunion ihr Arsenal auf mehr als 40.700 Stück aufgerüstet hatte.“

Bernhard Weidenbach, Verteidigungsausgaben der USA und der UdSSR bis 1990 (6.2.2020), URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/935886/umfrage/verteidigungsausgaben-der-usa-und-der-udssr/ (Stand: 15.10.2020)

„Zwischen 1950 und 1990 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA von mehr als 1,45 Billionen auf rund 5,8 Billionen Internationale Dollar an. Im selben Zeitraum stieg das sowjetische BIP von rund 510,24 Milliarden auf rund 1,99 Billionen Internationale Dollar an. Während sich das BIP beider Staaten demnach in dem Zeitraum rund vervierfachten, war die Wirtschaftskraft der USA der UdSSR zu jedem Zeitpunkt weit überlegen.

In beiden Staaten wuchs im Zeitraum von 1950 bis 1990 die Bevölkerungszahl erheblich. Dadurch zeigt sich, dass auch das BIP pro Kopf in den USA weit über dem BIP pro Kopf der Sowjetunion lag: Zwischen 1950 und 1990 wuchs das BIP pro Kopf in den Vereinigten Staaten von rund 9.561 auf 23.214 Internationale Dollar an, während im selben Zeitraum das sowjetische BIP pro Kopf von rund 2.834 auf 6.871 Internationale Dollar anstieg.“

Statista Research Department, BIP-Wachstum in den USA und der UdSSR 1950-1990 (1.1.2001), URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/ 935320/umfrage/bip-wachstum-in-den-usa-und-der-udssr/ (Stand: 15.10.2020)

Am ersten Tag nach den Sommerferien 1997 halte ich in meiner Klasse, die noch von den Ferien am Meer, am Pool oder Übersee träumt, mein kurzes Referat:

„Nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des Kalten Kriegs stiegen die Rüstungsausgaben der ‚Supermächte' USA und UdSSR massiv an. Nach der Kubakrise 1962 gab es zwar sowohl im Westen als auch im Osten andere militärische Strategien, allerdings wollte Reagan in den 80ern mit dem Aufrechterhalten der Rüstungsspirale den Ostblock wirtschaftlich in die Knie zwingen.

Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks gingen auf den ersten Blick die Argumente der Regierung für Rüstungsausgaben verloren. Allerdings war unser System, dessen Maschinen und Menschen, durstig nach Wachstum. Durstig nach Ressourcen. Diese mussten wir immer wieder unter Einsatz von Kriegsmaterial unter dem Vorwand verschiedenster Gründe – Putsch, Massenvernichtungswaffen, Demokratie-Export usw. – teuer erschließen. Nicht zuletzt der Einmarsch im Irak wurde mit diesen Motiven begründet. Großes Elend in der unschuldigen Zivilbevölkerung war Folge dieser dreisten Interventionen. Sich aus diesen tödlichen und chaotischen Verhältnissen ohne Perspektive auf Frieden auf die Flucht zu begeben ist da in meinen Augen tatsächlich nur naheliegend und nachvollziehbar.“

Der Lehrer ist irritiert. Die Klasse schweigt. Die erste Reihe schaut auf den Boden.

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