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New Orleans Gentlemen: Shayne – Der Verführer

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

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1. KAPITEL

Bliss Fortune sah nicht wie eine Juwelendiebin aus. Könnte man allerdings Diebe an ihrem Aussehen erkennen, wären sie bereits alle hinter Gittern gelandet und Shayne O’Malley wäre arbeitslos gewesen.

Er beobachtete die rothaarige Fremde schon seit einer Stunde, wie sie mit den reichen Teilnehmern dieser Party umging. Die Franzosen – und ganz besonders die Pariser – waren dafür bekannt, dass sie Ausländern reserviert gegenüberstanden. Bliss Fortune gelang es jedoch eindeutig, sowohl Männer als auch Frauen mit ihrem strahlenden Lächeln zu verzaubern.

Es war Frühling in Paris. Die grauen Wolken des Winters hatten sich verzogen, der kalte Aprilregen war überstanden. Jetzt blühten die Kastanienbäume, und die Pariser genossen die schönen Tage und sternklaren Nächte in Cafés, auf den Straßen und in den Parks.

Die Farbe der Saison war das klassische Schwarz, doch heute Abend hielten die Gäste sich nicht an diese Vorschrift. Die Damen trugen bunte Kleider, die mit den Blumen im Jardin du Luxembourg um die Wette leuchteten.

Die Party fand in einem luxuriösen Apartment in einem Haus aus dem siebzehnten Jahrhundert statt, das auf der Ile Saint-Louis stand, einer winzigen Insel in der Seine. Früher hatten auf der Insel die Rothschilds und Madame Pompadour gewohnt. Fast vierhundert Jahre später gehörte sie zu einer der begehrtesten Wohngegenden der Lichterstadt an der Seine.

Shayne schätzte, dass man von den Juwelen der Damen mühelos eine zweite Französische Revolution hätte finanzieren können. Gold, Diamanten und Perlen funkelten und schimmerten im Licht der Kristalllüster um die Wette. Keine Juwelendiebin konnte einer solchen Versuchung widerstehen.

Bliss Fortune trug ein ärmelloses weißes Seidenkleid mit tief angesetzter Taille. Es schmiegte sich um ihre Rundungen und enthüllte schlanke, wohlgeformte Beine. An ihren Ohren funkelten zwei herrliche Diamantstecker. Shayne hätte gern gewusst, aus welcher gestohlenen Halskette oder aus welchem Diadem sie stammten.

Seit zehn Tagen folgte er dieser Frau durch Paris. Sie schien genau das zu sein, was sie angeblich war – eine Antiquitätenhändlerin, die in regelmäßigen Abständen zum Einkaufen nach Paris kam. Vermutlich hatte sie mittlerweile alle Antiquitätenläden von Paris abgeklappert. Shayne war es ein Rätsel, wie sie tagsüber die Konkurrenz besuchen und abends noch so energiegeladen wirken konnte. Müde wurde diese Frau offenbar nie.

Es war höchste Zeit, ihre Bekanntschaft zu machen. Er nahm zwei Gläser Champagner von dem Tablett eines Kellners und ging auf sie zu.

Verdammt, verdammt, verdammt! Bliss konnte es einfach nicht glauben. In Paris fanden so viele Partys statt! Wieso musste diese Ratte von Exmann ausgerechnet auf dieser auftauchen?

Sie verkrampfte sich, als er die Unterhaltung mit einer attraktiven Brünetten abbrach und auf sie zukam.

“Hallo, Bliss!” Alan Fortune umarmte sie, als wäre das sein gutes Recht.

Bliss hielt sich steif wie eine Statue. Alan gab sie zwar sofort wieder frei, wich jedoch nicht von ihrer Seite. Sein umwerfend charmantes Lächeln hatte noch vor relativ kurzer Zeit ihr Herz zum Schmelzen gebracht.

“Du siehst wundervoll aus, Liebling.” Mit seinen dunklen Augen betrachtete er sie vom Scheitel bis zur Sohle.

Als er sich zu ihr beugte, als wollte er sie küssen, wich Bliss zwei Schritte zurück. “Du brauchst gar nicht so überrascht zu klingen.” Es freute sie, dass man ihr nicht anhörte, wie sehr sie sich über das Zusammentreffen ärgerte.

Er ignorierte ihren ironischen Ton wie damals ihren Wutausbruch, als sie ihn mit ihrer besten Freundin im Bett ertappte. Erst danach hatte sie erfahren, dass er sie schon mehrmals betrogen hatte, unter anderem bereits in den Flitterwochen.

“An dir haben schon immer billige Sachen elegant gewirkt.” Alan lächelte, als hätte sie nicht bei ihrem letzten Zusammentreffen eine Vase nach ihm geworfen.

Bliss überlegte gerade, wie sie von hier verschwinden konnte, ohne eine Szene zu machen, als sich das Problem von selbst löste. Eine hoch gewachsene Frau in einem Corsagenkleid, das sicher mehr als Bliss’ Wagen gekostet hatte, unterbrach das Gespräch.

“Alan, Schatz”, beklagte sie sich lächelnd, “ohne dich fühle ich mich schrecklich allein.”

“Ich habe dich noch nie allein gesehen, Monique”, erwiderte er lachend.

Monique war ein Supermodel und Liebling der internationalen Modeszene. Offenbar war sie momentan auch Alans Liebling.

“War nett, dich zu treffen, Alan”, meinte Bliss lässig. “Aber jetzt kümmere ich mich lieber wieder um die anderen Gäste.”

“Das ist ganz meine Bliss. Immer denkt sie ans Geschäft.”

Er betrachtete sie, als wäre sie etwas Besonderes. Früher hatte er ihr dieses Gefühl vermittelt, für ihn etwas Besonderes zu sein. Erst im Lauf der Zeit hatte sie herausgefunden, dass er und seine gelangweilten Bekannten ihre Arbeitswut nur verächtlich belächelten.

Sie zeigte ihm ein gespielt reizendes Lächeln. “Es gibt eben Menschen, die nicht mit einem antiken Silberlöffel im Mund und etlichen goldenen Kreditkarten in der Hand geboren werden.”

Wie hätte er wohl reagiert, wenn sie ihm verriet, dass sie seine wahre Identität entdeckt hatte? Bestimmt hätte sie nur noch mehr Lügen zu hören bekommen, weil er garantiert alles abstritt. Und das war ihr das Vergnügen nicht wert, seine Fassade zum Einsturz zu bringen.

“Du könntest mir beinahe Leid tun”, erwiderte er locker.

Bevor sie ihm eine Champagnerflasche aus einem der Silberkühler über den Kopf schlug und damit ihr Ansehen einbüßte, ließ sie ihn stehen und entfernte sich so würdevoll wie nur möglich.

Nach diesem Zusammentreffen brauchte Bliss dringend frische Luft. Sie stand am offenen Fenster, als jemand hinter sie trat. Hastig drehte sie sich um und wollte ihren verlogenen und betrügerischen Exmann schon zum Teufel jagen, als sie einem Fremden gegenüberstand.

“Von dem vielen Sprechen müssen Sie durstig sein. Champagner?” Shayne fand zwar seine Bemerkung selbst nicht sonderlich originell, aber Bliss Fortune lächelte verhalten.

“Danke.” Sie nahm das Glas an und trank einen Schluck, um den schlechten Nachgeschmack von der Unterhaltung mit Alan zu vertreiben. “Ich bin schrecklich, nicht wahr?”

“Finden Sie?” fragte er leise.

“Man sollte auf einer Party nicht über Geschäfte sprechen, nicht einmal in Amerika. Und hier in Paris tut man das einfach nicht.”

“Mag sein”, erwiderte er und betrachtete sie über den Rand seines Glases hinweg. “Aber in Ihrem Fall stört sich offenbar niemand daran.”

“Alle waren sehr höflich und sogar erstaunlich freundlich, wenn man bedenkt, gegen wie viele Regeln ich heute Abend verstoßen habe. Mit Höflichkeit kann man allerdings keine Rechnungen bezahlen.”

Er streckte die Hand aus und berührte mit einer Fingerspitze ihr Ohrläppchen. Der Einkaräter funkelte bläulich weiß, ein makelloser Stein. “Ich glaube nicht, dass Sie sich wegen Ihrer Rechnungen Sorgen machen müssen.”

“Muss das nicht jeder?” Sie unterdrückte bei der leichten Berührung einen wohligen Schauer. “Ich bin Antiquitätenhändlerin. Mir gehört die Treasure Trove, die Schatztruhe, in New Orleans. In meinem Beruf muss ich Geld investieren, um welches zu verdienen. Bei der großen Konkurrenz ist es wichtig, beste Qualität und erlesene Stücke anzubieten. Darum bin ich auch so begeistert über die Funde, die ich auf dieser erfolgreichen Reise gemacht habe.” Erfolgreich bis zu dem Moment, dachte sie, in dem ich Alan traf. “Mein Kreditkarteninstitut wird sich allerdings nicht darüber freuen, dass ich mein Limit stark überzogen habe. Ich wollte die Ausgaben auf ein Minimum beschränken, aber hier ist alles schrecklich teuer, und ich besitze leider keine Selbstdisziplin.” Offenbar reichte ihre Selbstdisziplin nicht einmal dazu aus, dass sie den Mund hielt. Sie hatte schon immer zu viel geredet, und das wurde noch schlimmer, wenn sie verunsichert wurde. Das war im Moment eindeutig durch diese hellblauen Augen, die unverwandt auf sie gerichtet waren, der Fall. “Wussten Sie, dass Hemingway, als er in Paris lebte, ein hervorragendes Essen für zwei Personen mit Wein für nur zwölf Francs bekam?”

“Nein.”

“Heute kostet schon ein einfaches Käsesandwich fast dreimal so viel.” Sie warf einen verstohlenen Blick zum Büffet. Auf weißem Damast und im Schein von Kandelabern stand genug Essen, um Napoleons Armeen zu versorgen.

“Hier gibt es ein reichliches Angebot”, bemerkte Shayne.

“Ja, nicht wahr? Ich fürchte nur, dass ich wie ein Fernfahrer zuschlage, wenn ich erst einmal einen Teller fülle.” Seufzend strich Bliss sich über die rötlich blonden Locken. “Französinnen essen nie etwas. Sie sitzen ständig hochelegant in Straßencafes und haben Teller vor sich stehen, aber man sieht nicht, wie sie einen Bissen nehmen. Bestimmt verstößt das gegen das Gesetz.” Sie ließ den Blick durch den Raum wandern und zu dem Tisch zurückkehren, der sich unter Delikatessen bog. “Im Moment würde ich für ein Steak morden.”

“Ich könnte doch einen Teller füllen”, schlug Shayne vor. “Sie nehmen sich ganz damenhaft nur ein Stückchen Käse oder Obst. Dann gehen wir auf die Terrasse hinaus, und Sie essen, so viel Sie wollen, ohne dass es jemand merkt.”

Sie lächelte ihn so reizend an, dass er sie für völlig harmlos gehalten hätte, wenn er es nicht besser gewusst hätte.

“Das ist reizend von Ihnen. Normalerweise bin ich gar nicht so gierig, aber seit gestern habe ich kaum etwas gegessen. Man könnte meinen, ich wäre in der Bastille eingesperrt gewesen.” Sie stockte kurz. “Ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle. Ich weiß nicht einmal, wer Sie sind.”

“Ich bin Shayne Broussard.” Das war der Mädchenname seiner Mutter, ein typischer Cajun-Name aus der Gegend von New Orleans, der aber auch gut nach Paris passte.

“Bliss Fortune.” Sie reichte ihm die Hand.

Als ihre Finger sich berührten, durchzuckte es Shayne so heftig, dass er beinahe sein Glas fallen gelassen hätte.

Bliss fühlte es offenbar auch. Ihre Augen weiteten sich, und als er mit dem Daumen ihr Handgelenk berührte, spürte er, wie ihr Puls heftig klopfte.

“Das liegt am Teppich”, meinte sie, weil sie nicht glauben wollte, dass zwischen zwei Menschen im wahrsten Sinn des Wortes Funken sprühen konnten.

“Sicher”, bestätigte er, ließ den Blick über ihr Gesicht gleiten und betrachtete ihren Mund. Shayne musste sich ernsthaft daran erinnern, dass er auf Bliss Fortune angesetzt war. Wenn er diesen Auftrag erfolgreich erledigte, landete die hübsche Dame zwar nicht in der Bastille, aber in einem netten Gefängnis in den Vereinigten Staaten.

“Wollen wir essen?”

Sein eindringlicher Blick hatte nichts mit Essen zu tun, doch Bliss dachte daran, dass alle Männer und Frauen in Paris ständig flirteten. Schließlich hatten die Franzosen den Ausdruck le coup de foudre, Liebe auf den ersten Blick, erfunden. Aber warum sollte sie es nicht genießen, dass sie einem so sagenhaften Mann gefiel?

“Ich bin am Verhungern.”

Shayne blickte zu dem Mann, der sie vorhin begrüßt hatte. “Was ist mit Ihrem Freund?”

“Freund?” Sie folgte seinem Blick. “Ach, Alan. Er ist ganz sicher kein Freund, bloß ein Geist aus einer früheren Ehe.” Um sich die Stimmung nicht zu verderben, dachte sie nicht weiter über ihre kurze gescheiterte Ehe nach, sondern ging zum Büffet.

Shayne folgte ihr. Ohne das geringste schlechte Gewissen genoss er den reizvollen Schwung ihrer Hüften unter dem kurzen weißen Kleid. Cunningham hatte von ihm verlangt, Bliss Fortune zu beobachten. Und genau das tat er. Eine angenehme Aufgabe, fand er, als Bliss nach einem Teller griff und dabei das Kleid noch etwas höher rutschte.

Die Nacht war kühl und feucht. Als sie mit den Tellern auf die Terrasse traten, fröstelte Bliss leicht.

“Hier.” Shayne zog sein Jackett aus und legte es ihr um die Schultern. “Ich kann nicht zulassen, dass Sie sich eine Lungenentzündung holen. Wenn Sie schon das Essen teuer finden, können Sie sich vorstellen, was ein Arzt für einen Hausbesuch in Ihrem Hotel verlangt.”

“Das möchte ich mir gar nicht vorstellen.” Sie setzte sich auf einen schmiedeeisernen Stuhl, nahm eine Muschel von Shaynes Teller und schloss beim Kauen die Augen. “Himmlisch!”

“Das sind moules brules doigts. Sie werden in Salzwasser gezüchtet. Dann legt man sie auf eine sehr heiße Eisenplatte. Dadurch öffnen sie sich, und der Geschmack wird besonders intensiv.”

“Himmlisch”, wiederholte sie und nahm sich noch eine.

Shayne sah ihr beim Essen zu. Wenn sie schon dermaßen verzückt auf eine Muschel reagierte, wie war sie dann erst im Bett?

“Woher wissen Sie das?” fragte sie.

Er hatte sich soeben vorgestellt, wie das Seidenkleid an ihrem Körper zu Boden glitt. “Woher ich was weiß?” fragte er und schrak aus seiner Fantasie hoch.

“Das von den Muscheln. Wollen Sie den Käse?”

“Bedienen Sie sich.” Er reichte ihr den Teller und setzte sich. “Ich koche gern. Es entspannt. Vor einigen Jahren habe ich einen Kurs im ‚Cordon Bleu’ mitgemacht. Daher weiß ich Bescheid.”

Bliss strich den weichen Camembert auf eine knusprige Brotscheibe. “Sie hatten wirklich einen Kochkurs im ‚Cordon Bleu”?”

“Warum nicht? Ich sagte doch, kochen entspannt. Und wenn ich mich schon an die französische Küche heranwagte, wollte ich auch die beste Ausbildung.”

Sie genoss den Käse genau wie zuvor die Muscheln. “Wahrscheinlich haben Sie sich wegen Ihrer Herkunft für Französisch entschieden. Sie sind doch Amerikaner, nicht wahr?”

“Ja, und ich habe Französisch als Herausforderung betrachtet.”

“Sie mögen Herausforderungen?”

“Für mein Leben gern.”

“Ich auch. In letzter Zeit gab es zwar mehr als nötig, aber ohne diese kleinen Bewährungsproben wäre das Leben unglaublich langweilig, finden Sie nicht?”

“Genau meine Meinung.”

Diese Frau besaß eine unglaubliche Fähigkeit, zu genießen und sich zu freuen. Sie wirkte absolut nicht wie eine Verbrecherin. Doch dann dachte er daran, wie geschickt sie sich um die Gäste gekümmert hatte. Offenbar war sie wesentlich raffinierter, als sie aussah.

“Sind Sie reich?”

Ihre direkte Frage überraschte ihn. “Spielt das eine Rolle?” fragte er, nahm noch einen Schluck Champagner und sehnte sich nach einem schönen kalten Bier. Die Rolle des Playboys hinderte ihn an so manchen einfachen Freuden des Lebens. Dazu gehörten ein kaltes Bier an einem heißen Sommertag, ein Hotdog beim Baseball oder Angeln im Bayou. Unvermittelt befiel ihn Heimweh.

“Es ist nur so, dass ich Sie sympathisch finde”, erklärte Bliss. “Schließlich würde nicht jeder Mann diese wundervollen Muscheln mit einer Fremden teilen. Aber was Beziehungen zu reichen Männern angeht, so bleibe ich strikt bei meinem Grundsatz, Zurückhaltung zu üben.”

“In Ihrem Beruf sind Sie meiner Meinung nach auf reiche Leute angewiesen”, entgegnete Shayne. Arme besaßen schließlich keine kostbaren Juwelen. “Und glauben Sie, dass zwischen uns eine Beziehung besteht?”

“Ich habe immer versucht, Beruf und Vergnügen zu trennen. Eine Beziehung zwischen uns? Nein”, wehrte sie lächelnd ab. “Es hätte sich aber vielleicht eine entwickeln können.” Sie stand auf und reichte ihm die Hand. “Gute Nacht, Mr. Broussard. Es war mir ein Vergnügen.”

Er hielt ihre schlanke Hand fest. “Sie gehen doch nicht schon vor dem Dessert?”

“Tut mir Leid, aber ich lasse mich mit reichen Männern grundsätzlich auf nichts ein.”

“Wir müssen uns auf nichts einlassen.”

“Aber das ist mein Problem.” Sie richtete ernst die grünen Augen auf ihn. “Ich sagte doch schon, dass ich keine Selbstdisziplin besitze. Das heißt, ich bin diszipliniert, wenn es um mein Geschäft oder Wahlen oder Steuern geht. In meinem Privatleben war ich leider immer sehr impulsiv. Ich gebe zu, dass ich mich zu Ihnen hingezogen fühle, seit Sie auf der Party erschienen …”

“Ich wusste gar nicht, dass Sie mich überhaupt zur Kenntnis genommen haben.”

“Es ist schwer, einen so umwerfend gut aussehenden Mann zu übersehen, der einen nicht aus den Augen lässt”, erwiderte Bliss.

“Sie boten den reizvollsten Anblick im ganzen Raum.” Er sah auf den Fluss hinunter, auf dem ein Schiff vorbeiglitt, das wie die Bourbon Street in New Orleans beleuchtet war. “Sie haben die Lichterstadt nicht wirklich gesehen, wenn Sie sie nicht vom Fluss aus betrachtet haben. Machen Sie mit mir eine Schiffsfahrt, Bliss. Die Touristen werden als Leibwächter dienen. Und wenn Sie sich dadurch sicherer fühlen, behalte ich die Hände die ganze Zeit in den Hosentaschen.”

Er schlug ihr ausgerechnet eine Bootsfahrt vor, die sie mehr als alles andere in Paris lockte. Einmal war sie mit Alan hier gewesen, und er hatte ihr die Bitte abgeschlagen, weil er die Rundfahrten als typische Touristenattraktion abtat.

Bliss betrachtete Shayne nachdenklich. Trotz der starken Anziehung zwischen ihnen hatte sie beschlossen, der Versuchung nicht nachzugeben. Shayne Broussard war zu charmant, zu weltgewandt und zu selbstbewusst. Und darüber hinaus auch noch zu reich!

“Tut mir Leid”, wiederholte sie. “Ihre Absichten mögen absolut ehrlich sein, aber letztlich würde ich mich doch auf eine Beziehung mit Ihnen einlassen, und dann läuft es wieder schief.” Ihr trauriges Lächeln erinnerte an ein hungriges Kind, das in das Schaufenster einer Bäckerei blickt. “Es ist besser, wenn ich jetzt gehe, bevor es zu Komplikationen kommt.”

Sie zog die Hand zurück, legte sein Jackett über die Stuhllehne und kehrte zur Party zurück. Durch die Terrassentür beobachtete Shayne, wie sie im Schlafzimmer verschwand, in dem die Mäntel abgelegt worden waren.

“Diesmal hat der Broussard-Charme versagt”, stellte er fest. Da er ein Mikrophon am Körper trug, hatte sein Vorgesetzter alles mitgehört und lachte jetzt bestimmt schallend los.

Shayne nickte einer Frau am Büffet kaum merklich zu. Sie verschwand daraufhin im Schlafzimmer, um ihr Zielobjekt nicht aus den Augen zu lassen, während er das Haus verließ.

“Was für eine hübsche Jacke.”

Bliss lächelte der Frau mittleren Alters zu, die nach einem Nerzmantel auf dem Bett griff. “Danke.” Sie schlüpfte in die rote Baseballjacke, auf die sich die Bemerkung bezogen hatte. “Sicher nicht passend für eine solche Party, aber ich reise gern mit leichtem Gepäck.”

“Sehr klug”, meinte die äußerst elegante Frau lächelnd.

“Sind Sie Amerikanerin?” erkundigte sich Bliss.

“Aus Seattle, aber ich lebe seit zehn Jahren in Paris. Habe ich vorhin richtig gehört, dass Sie Antiquitätenhändlerin sind?”

“Ja.” Bliss holte eilig eine Geschäftskarte aus der Handtasche. “Sollten Sie jemals nach New Orleans kommen, schauen Sie doch mal bei mir vorbei.”

“Vielleicht mache ich das.” Die Frau steckte die Karte in ihre elfenbeinfarbene Handtasche, ohne einen Blick darauf zu werfen. “Bleiben Sie lange in der Stadt? Wir könnten zusammen zum Essen gehen.”

“Ich reise morgen ab.”

“Ach, dann haben Sie erfolgreiche Geschäfte getätigt?”

“Eigentlich nicht.” Bliss unterdrückte ein Seufzen. “Aber ich habe meinen Laden schon zu lange allein gelassen.” Möglicherweise hatte Zelda, die in ihrer Abwesenheit aushalf, bereits das halbe Inventar verschenkt. Ihre geliebte Großmutter schätzte zwar schöne Gegenstände, besaß jedoch keinen Geschäftssinn.

“Dann wünsche ich Ihnen eine gute Heimreise. Und sollte ich jemals nach New Orleans kommen, besuche ich Sie bestimmt.”

“Das würde mich freuen.” Mit einem freundlichen Lächeln verließ Bliss das Schlafzimmer.

Während sie auf den Aufzug wartete, bedauerte sie, dass sie kein Essen mitgenommen hatte. Dann hätte sie auf dem Flughafen nichts kaufen müssen, während sie auf ihre Maschine wartete. Leider hatte sie das Zusammentreffen mit Shayne Broussard von allem anderen abgelenkt.

Er machte eigentlich einen netten Eindruck, aber warum sollten reiche Leute nicht nett sein? Wenn man sich keine Sorgen um Hypothekenzahlungen, Stromrechnungen und tägliche Einkäufe machen musste, hatte man weniger Grund, gereizt zu sein.

Anfangs hatte auch Alan nett gewirkt. Und Shayne Broussard war genauso weltgewandt und charmant wie ihr Exmann. Er sah allerdings noch besser aus. Während sie den altmodischen Fahrstuhl betrat, dachte sie, dass ihr noch nie ein so attraktiver Mann begegnet war.

Sein Haar war pechschwarz, seine Augen himmelblau. Die Nase war gerade, die Lippen perfekt geformt, und wenn seine Zähne nicht von einem Fachmann hergerichtet worden waren, bewiesen sie einmal mehr, wie ungerecht im Leben alles verteilt war.

Shayne war sehr groß. Sie selbst war ein Meter siebzig groß und hatte den Kopf in den Nacken legen müssen, um zu ihm aufzublicken. Seine tiefe Bräune deutete darauf hin, dass er sich viel in der Sonne aufhielt, vermutlich an den Nacktbadestränden in Südfrankreich. Der italienische Maßanzug hatte seinen schlanken, sportlichen Körper betont.

Ob er regelmäßig trainierte? Nein, sie konnte sich nicht vorstellen, dass er in einem gewöhnlichen Fitnessstudio schwitzte. Polo, Fechten oder Skilaufen in einem berühmten Wintersportort in den Alpen passte schon besser zu ihm.

Er ist nichts für mich, erinnerte sie sich, als der Aufzug das Erdgeschoss erreichte. Ich habe die Reichen und Berühmten kennen gelernt und teuer dafür bezahlt.

Die ersten drei Monate ihrer Ehe waren die schönste Zeit ihres Lebens gewesen. Die Flitterwochen hatte sie mit Alan auf einer Yacht vor Griechenland verbracht. In der Provence hatten sie sich in alten Bauernhäusern geliebt. Bei den Filmfestspielen von Cannes hatten sie Filmstars getroffen. Und kurz vor dem bitteren Ende hatten sie in New York eine Party besucht, an der John Kennedy jr. und Madonna teilnahmen – wenn auch nicht zusammen.

Das Leben war ein einziges Fest gewesen, und sie hatte sich wie Aschenputtel gefühlt. Leider hatte sie nicht geahnt, dass ihr Märchenprinz sich um Mitternacht in eine Ratte verwandeln würde.

2. KAPITEL

Als Bliss das Haus verließ, wartete Shayne auf sie. Das überraschte sie nicht so sehr wie die Freude, die sie bei seinem Anblick empfand. “Wie viel wäre nötig?” fragte er, als hätte Bliss nicht oben auf der Party die Unterhaltung so abrupt beendet.

Sie betrachtete ihn vorsichtig. Trotz seiner lässigen Art fühlte sie unnachgiebige Stärke in ihm. Vermutlich war dieser Mann für Frauen extrem gefährlich.

“Wie viel sollte wofür nötig sein?”

“Wie viel Geld müsste ich weggeben, damit Sie mit mir Nachtisch essen?”

“Ich sagte schon …”

“Ich weiß, was Sie gesagt haben.” Er passte sich ihrem Tempo an. “Sie lassen sich mit reichen Männern auf nichts ein. Ich weiß nicht, wieso Sie so denken, aber finden Sie diese Einstellung nicht etwas streng? Vor allem hier in Paris?”

Ihre hohen Absätze klapperten auf dem Pflaster des Bürgersteigs. Das Geräusch erinnerte Bliss daran, dass sie nachts allein mit einem Unbekannten in einer fremden Stadt unterwegs war. “Genau das meine ich. In Paris lassen sich die Menschen leicht auf Affären ein.”

“Dann sind Sie auch gegen Affären mit reichen Männern? Ich dachte, Sie wollten nur feste Bindungen vermeiden.”

Bliss blieb unter einer Straßenlaterne stehen. “Sind Sie immer so starrsinnig?”

“Ja, wenn ich etwas unbedingt will.”

Ehrlich war er, das musste sie ihm zugestehen. “Und Sie wollen mich?”

“Meine Liebe, ein Mann müsste schon tot sein, um Sie nicht erobern zu wollen. Im Moment wäre ich allerdings mit einem Spaziergang an der Seine zufrieden. Wir könnten etwas Süßes essen, uns freundlich unterhalten und einander dabei besser kennen lernen.”

“Und wenn ich Sie nicht besser kennen lernen will?”

“Natürlich wollen Sie”, erwiderte er lachend. “Ich mache Ihnen ein Angebot.”

“Als das letzte Mal jemand diese Worte zu mir sagte, kaufte ich eine gefälschte Schäferin aus Meißen.”

“Ich verkaufe keine Fälschungen”, behauptete er.

In Wahrheit war alles, was er erzählte, falsch. Sein Leben bildete seit Jahren ein Netz aus Lügen. Sogar ihm fiel es manchmal schwer, sich daran zu erinnern, wer er wirklich war, und das gefiel ihm nicht. Allerdings konnte er Bliss nicht die Wahrheit sagen. Schließlich war sie selbst eine perfekte Lügnerin.

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