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Sharpes Trafalgar

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Karte
  7. KAPITEL 1
  8. KAPITEL 2
  9. KAPITEL 3
  10. KAPITEL 4
  11. KAPITEL 5
  12. KAPITEL 6
  13. KAPITEL 7
  14. KAPITEL 8
  15. KAPITEL 9
  16. KAPITEL 10
  17. KAPITEL 11
  18. KAPITEL 12
  19. HISTORISCHE ANMERKUNG

Über den Autor

Bernard Cornwell wurde 1944 in London geboren. Er arbeitete lange für die BBC, unter anderem in Nordirland, wo er seine Frau kennenlernte. Heute lebt er die meiste Zeit in den USA. Er ist Autor zahlreicher international erfolgreicher historischer Romane und Thriller. Die Sharpe-Serie, die er in den 80er-Jahren zu schreiben begann, hat Kultstatus erreicht und wurde von der BBC mit Sean Bean in der Hauptrolle verfilmt.

Weitere Informationen finden Sie auf
www.bernardcornwell.net

Bernard Cornwell

SHARPES
TRAFALGAR

Richard Sharpe und die Schlacht
von Trafalgar,
21. Oktober 1805

Aus dem Englischen von
Joachim Honnef

Sharpes Trafalgar ist Wanda Pan, Anne Knowles,
Janet Eastham, Elinor und Rosemary Davenhill
und Maureen Shettle gewidmet

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KAPITEL 1

»Hundertfünfzehn Rupien«, sagte Ensign Richard Sharpe und zählte das Geld auf den Tisch.

Nana Rao verschob einige Perlen auf seinem Rechenbrett und schüttelte missbilligend den Kopf. »Hundertachtunddreißig Rupien, Sahib.«

»Verdammte hundertfünfzehn!«, beharrte Sharpe. »Es waren vierzehn Pfund, sieben Schilling, drei Pence und ein halber Penny.«

Nana Rao musterte seinen Kunden und überlegte, ob er den Streit fortsetzen sollte. Er sah einen jungen Offizier, nur ein Ensign ohne große Bedeutung, doch dieser rangniedrige Engländer mit dem harten Gesicht und der Narbe auf der rechten Wange zeigte sich kein bisschen von den hünenhaften Leibwächtern beeindruckt, die Nana Rao und sein Lagerhaus beschützten.

»Hundertfünfzehn, wie Sie sagen«, räumte der Händler ein und warf die Münzen in eine große schwarze Geldkiste. Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Ich werde älter, Sahib, und da fällt mir das Rechnen manchmal schwer.«

»Sie können gut rechnen«, sagte Sharpe, »aber Sie glauben, ich könne das nicht.«

»Aber Sie werden sehr zufrieden mit Ihren Einkäufen sein«, sagte Nana Rao. Sharpe hatte soeben eine Hängematte, zwei Decken, eine Reisetruhe aus Teak, eine Laterne und eine Schachtel Kerzen, ein großes Fass Arrak, einen hölzernen Eimer, eine Kiste mit Seife, eine mit Tabak und eine Filtermaschine erworben. Der Händler hatte ihm versichert, dass sie Wasser aus den dreckigsten Fässern, die in der finstersten Ecke des Laderaums eines Schiffs vergammelten, in eine köstliche und schmackhafte Flüssigkeit verwandelten.

Nana Rao hatte die Filtermaschine vorgeführt und erklärt, dass sie aus London gekommen sei, als Teil des Gepäcks eines Direktors der East India Company, der Wert auf die beste Ausrüstung gelegt hatte. »Sie füllen das Wasser hier rein, sehen Sie?« Der Händler hatte einen Becher trübes Wasser in die obere, mit Messing verkleidete Kammer der Filtermaschine geschüttet. »Und dann lassen Sie es sich setzen, Mister Sharpe. In fünf Minuten wird es glasklar sein. Sehen Sie das?« Er hob die obere Verkleidung ab, um zu zeigen, wie das Wasser durch die Musselinschichten des Filters tröpfelte. »Ich habe persönlich den Filter gereinigt, Mister Sharpe, und ich garantiere für die Wirksamkeit des Geräts. Es wäre eine elende Schande, an einer Darmerkrankung zu sterben, nur weil Sie diese Maschine nicht gekauft haben.«

So hatte Sharpe sie gekauft. Er hatte sich geweigert, einen Stuhl, ein Sofa, einen kleinen Schrank und einen Waschständer zu kaufen, Dinge, die von Passagieren auf der Fahrt von London nach Bombay benutzt worden waren, doch er hatte für die Filtermaschine und all die anderen Dinge gezahlt, weil sonst seine Heimreise äußerst unbehaglich gewesen wäre. Von Passagieren auf den großen Handelsschiffen der East India Company wurde erwartet, dass sie sich mit eigenen Möbelstücken ausrüsteten. »Es sei denn, Sie würden es vorziehen, auf dem Deck zu übernachten, Sahib. Das ist hart! Sehr hart!« Nana Rao hatte gelacht. Er war ein rundlicher und scheinbar freundlicher schnurrbärtiger Mann, der oft lächelte. Sein Geschäft war es, den eintreffenden Passagieren die Reiseutensilien abzukaufen und dann die Waren und Güter den Heimreisenden zu verkaufen. »Ich werde die von Ihnen gekauften Dinge für Sie aufbewahren«, erklärte er Sharpe, »und am Tag Ihrer Einschiffung wird mein Cousin sie bei Ihrem Schiff abliefern. Welches Schiff ist das?«

»Die Calliope«, sagte Sharpe.

»Ah! Die Calliope! Captain Cromwell. Leider ankert die Calliope in der Reede. Und so müssen die Güter per Boot zum Schiff gebracht werden, aber mein Cousin berechnet für diesen Dienst sehr wenig, und wenn Sie glücklich in London eintreffen, können Sie die Dinge mit viel Profit verkaufen!«

Was wahrscheinlich nicht stimmte, aber es spielte ohnehin keine Rolle, denn in dieser Nacht, zwei Tage vor Sharpes Einschiffung, brach in Nana Raos Lagerhaus ein Feuer aus, und es brannte bis aufs Fundament nieder. All die Güter, die Betten, Tische und Stühle, Bücherregale, Laternen, Wasserfilter, Decken, Schachteln, Arrak, Seife, Tabak, Brandy und Wein wurden vermutlich vom Feuer verzehrt. Am Morgen gab es nur noch verkohlte Trümmer, Asche, Rauch und jammernde Trauernde, die beklagten, dass der freundliche Nana Rao in der Feuersbrunst ums Leben gekommen war. Zum Glück gab es ein anderes Lagerhaus, keine dreihundert Yards von Nana Raos ruiniertem Geschäft entfernt, in dem es alle Utensilien für die Reise zu kaufen gab, und dieses zweite Geschäft verkaufte seine begehrten Güter zu fast den doppelten Preisen, die Nana Rao verlangt hatte.

Richard Sharpe kaufte nichts von dem zweiten Geschäft. Er war fünf Monate in Bombay gewesen, viele Wochen davon mit Schüttelfrost im Fieber im Hospital, doch als sich das Fieber gelegt hatte und während der Wartezeit auf den jährlichen Schiffskonvoi hatte er die Stadt erkundet, von den Villen der Reichen in Malabar Hills bis zu den verpesteten Gassen im Hafenviertel.

In diesen Gassen hatte er Gesellschaft gefunden, und es war einer dieser Bekannten gewesen, der ihm für eine Guinee eine Information gegeben hatte, die er für weitaus wertvoller hielt. Deshalb hielt er sich bei Einbruch der Nacht in einer Gasse am östlichen Rand der Stadt auf. Er trug seine Uniform, doch darüber einen weiten Mantel aus billigem Sackleinen, der fleckig und an einigen Stellen mit Schlamm bedeckt war. Er humpelte und schlurfte vornübergebeugt und hatte eine Hand ausgestreckt, als bettele er. Er murmelte vor sich hin, und manchmal fuhr er herum und knurrte etwas, als schnauze er unsichtbare Leute an. Niemand schenkte dem »irren Bettler« Aufmerksamkeit.

Er fand das Haus, das er suchte, und kauerte sich an die Wand. Eine Schar Bettler, einige schrecklich verstümmelt, war mit fast hundert Bittstellern, die auf den Hausbesitzer warteten, am Tor des Hauses versammelt. Es war ein reicher Händler, der nach Einbruch der Dunkelheit in einer Sänfte eintraf, die von acht Männern getragen wurde, während weitere Männer, fast ein Dutzend, die Bettler mit langen Stöcken aus dem Weg prügelten. Als die Sänfte des Händlers im Hof war, wurden die Tore jedoch offen gelassen, sodass die Bittsteller und Bettler folgen konnten. Die Bettler, Sharpe unter ihnen, wurden zu einer Seite des Hofes geschoben, während sich die Bittsteller am Fuß der breiten Treppe versammelten, die zur Haustür führte. Laternen hingen in den Kokospalmen im Hof, und aus den mit Filigranarbeiten verzierten Fensterläden des großen Hauses schimmerte gelbes Kerzenlicht.

Sharpe schob sich so nahe ans Haus, wie er konnte, und blieb im Schatten der Palmenstämme. Unter dem verschmutzten Mantel trug er seinen Kavalleriesäbel und eine geladene Pistole, hoffte jedoch, dass er keine der Waffen zu benutzen brauchen würde.

Der Händler hieß Panjit, und er ließ die Bittsteller und Bettler warten, bis er seine Abendmahlzeit verzehrt hatte. Dann wurde die Haustür geöffnet, und Panjit, prächtig gekleidet in einem langen Gewand aus bestickter gelber Seide, erschien auf der obersten Treppenstufe. Die Bittsteller riefen laut, während die Bettler aufs Haus zuschlurften, bis sie von den Leibwächtern mit den Stöcken zurückgetrieben wurden.

Der Händler lächelte und läutete eine kleine Handglocke, um die Aufmerksamkeit eines grell bemalten Gottes zu gewinnen, der in einer Nische an der Wand im Hof saß. Panjit verneigte sich vor dem Gott, und ein zweiter Mann in einem roten Seidengewand tauchte in der Haustür auf.

Dieser zweite Mann war Nana Rao. Er lächelte breit und war – kein Wunder – vom Feuer verschont geblieben. Sharpes Guinee hatte herausgefunden, dass er der Cousin von Panjit war, dem Händler, der so gewaltig als Besitzer des zweiten Lagerhauses vom katastrophalen Brand bei Nana Rao profitiert hatte. Es war ein raffinierter Betrug, der es den Cousins erlaubt hatte, dieselben Güter zweimal zu verkaufen, und heute Abend, nach ihrem großen Profit, wählten sie die Männer aus, die den lukrativen Job erhielten, die Passagiere und ihren Besitz zu den großen Schiffen hinaus zu rudern, die vor dem Hafen vor Anker lagen. Diese ausgewählten Männer würden für das Privileg zahlen und somit Panjit und Nana Rao noch mehr bereichern, und die beiden Cousins, die um ihr Glück wussten, wollten den Göttern danken, indem sie einige kleine Münzen an die Bettler verteilten.

Sharpe nahm an, dass er, als demütiger Bettler getarnt, zu Nana Rao vordringen konnte. Dann würde er den dreckigen Mantel abwerfen und von dem Mann sein Geld zurückverlangen. Die kräftigen Leibwächter am Fuß der Treppe ließen darauf schließen, dass sein dürftiger Plan sich als komplizierter erweisen würde, als er gedacht hatte, doch Sharpe hoffte, dass Nana Rao alles daransetzen würde, dass sein Betrug nicht publik gemacht und er deshalb froh sein würde, ihn ausbezahlen zu können.

Sharpe war jetzt nahe beim Haus. Er hatte bemerkt, dass die leere Sänfte durch einen engen und dunklen Durchgang neben dem Gebäude zu einem Hof hinter dem Haus getragen worden war und man sich von dort aus Nana Rao von hinten nähern konnte. Aber jeder der Bettler, der es wagte, sich dem Durchgang zu nähern, wurde von den Leibwächtern mit Prügeln vertrieben. Die Bittsteller durften in kleinen Gruppen die Treppe hinaufgehen, doch die Bettler mussten warten, bis das Hauptgeschäft des Abends abgewickelt war.

Sharpe nahm an, dass es eine lange Nacht werden würde. Er zog die Kapuze des Mantels tiefer über den Kopf, um sein Gesicht zu verbergen, hockte sich an die Wand und wartete auf eine Gelegenheit, in den Durchgang neben dem Haus zu schlüpfen.

Ein Diener, der das äußere Tor bewacht hatte, schob sich jetzt durch die Menge und flüsterte etwas in Panjits Ohr. Für einen Moment wirkte der Händler alarmiert, und Stille senkte sich über den Hof, dann flüsterte er etwas zu Nana Rao, der daraufhin mit den Schultern zuckte. Panjit klatschte in die Hände und rief nach den Leibwächtern, die daraufhin energisch die Bittsteller so zurückdrängten, dass sie eine Gasse zwischen dem Tor und der Treppe bildeten.

Jemand näherte sich dem Haus, und Nana Rao trat nervös in den tiefen Schatten hinten auf der Veranda zurück.

Der Weg in den Durchgang neben dem Haus wäre jetzt für Sharpe frei gewesen, doch die Neugier ließ ihn verharren.

In der Gasse entstand Lärm. Es klang wie das Stimmengewirr und Gedränge, das stets einen Trupp Polizisten begleitete, der durch die engen Straßen von London marschierte. Dann wurde das äußere Tor ganz aufgeschoben, und Sharpe starrte erstaunt hin.

Eine Gruppe britischer Seeleute stand in dem Tor, angeführt von einem Captain, tadellos gekleidet mit Zweispitz, blauem Gehrock, Seidenhose und Strümpfen, Schuhen mit Silberschnallen und einem Degen. Die goldenen Litzen glitzerten auf seinen Epauletten. Er nahm seinen Zweispitz ab und enthüllte dichtes blondes Haar, lächelte und verneigte sich.

»Habe ich die Ehre, das Haus von Panjit Lashti zu besuchen?«, fragte er.

Panjit nickte vorsichtig. »Dies ist das Haus«, antwortete er auf Englisch.

Der Captain setzte seinen Zweispitz auf. »Ich bin wegen Nana Rao gekommen«, erklärte er freundlich und mit unverkennbarem Devonshire-Akzent.

»Er ist nicht hier«, sagte Panjit.

Der Captain blickte zu der Gestalt im roten Gewand im Schatten der Veranda. »Sein Geist reicht schon.«

»Ich habe Ihnen geantwortet«, sagte Panjit, und seine Stimme klang jetzt wütend. »Er ist nicht hier. Er ist tot.«

Der Captain lächelte. »Mein Name ist Chase«, stellte er sich höflich vor, »Captain Joel Chase von der Marine Seiner britannischen Majestät, und ich wäre Ihnen zu Dank verpflichtet, wenn Sie Nana Rao bitten würden, mit mir zu kommen.«

»Seine Leiche ist verbrannt und die Asche im Fluss verstreut. Warum suchen Sie ihn nicht dort?«

»Er ist so wenig tot wie Sie und ich«, sagte Chase, und dann winkte er seinen Männern. Er hatte ein Dutzend Matrosen mitgebracht, alle identisch gekleidet mit weißer Leinenhose und Hemd und Strohhüten mit roten und weißen Bändern. Sie hatten lange Zöpfe und trugen dicke Stöcke, die Sharpe für Belegnägel hielt. Ihr Anführer war ein Hüne, auf dessen nackten Unterarmen Tätowierungen zu sehen waren. Neben ihm stand ein Neger, genauso groß, der seinen Belegnagel hielt, als sei er ein Zauberstab. »Nana Rao …«, Chase gab nicht mehr vor, zu glauben, dass der Händler tot war, »… Sie schulden mir eine Menge Geld, und ich bin gekommen, um es zu kassieren.«

»Mit welcher Befugnis sind Sie hier?«, fragte Panjit.

Die Menge – die meisten der Männer verstanden kein Englisch – beobachtete nervös die Matrosen, aber Panjits Leibwächter, Chases Männern zahlenmäßig überlegen und ebenso gut bewaffnet, schienen begierig darauf zu sein, auf die Matrosen losgelassen zu werden.

»Meine Befugnis«, sagte Chase lässig, »ist meine leere Brieftasche.« Er lächelte. »Sicherlich wollen Sie nicht, dass ich Gewalt einsetze.«

»Setzen Sie nur Gewalt ein, Captain Chase«, erwiderte Panjit ebenso lässig, »und im Morgengrauen werden Sie vor einem Richter stehen.«

»Ich werde freudig vor Gericht erscheinen«, sagte Chase, »wenn ich Nana Rao neben mir habe.«

Panjit gestikulierte, als wolle er Chase und seine Männer von seinem Hof scheuchen. »Sie werden jetzt gehen, Captain. Verlassen Sie mein Grundstück.«

»Das werde ich nicht«, sagte Chase.

»Hauen Sie ab. Oder ich rufe die Polizei!«

Chase wandte sich zu dem tätowierten Riesen um. »Nana Rao ist der Scheißkerl mit dem Schnurrbart und dem roten Seidengewand, Bootsmann. Holen Sie ihn.«

Die britischen Matrosen setzten sich in Bewegung, voller Vorfreude auf eine Keilerei, doch Panjits Leibwächter waren ebenso begierig darauf, und die beiden Gruppen trafen sich in der Mitte des Hofes.

Stöcke prallten aufeinander, Fäuste knallten auf Schädel. Die Matrosen waren zuerst im Vorteil, denn sie hatten mit einer Wildheit angegriffen, von der die Leibwächter bis zum Fuß der Treppe zurückgetrieben wurde, doch Panjits Männer waren nicht nur in der Überzahl, sondern auch mehr an das Kämpfen mit langen Knüppeln gewohnt. Sie sammelten sich an der Treppe und benutzten ihre Stöcke wie Speere, die sie nach den Beinen der Matrosen stießen. Einer der Matrosen nach dem anderen geriet ins Stolpern und wurde niedergeknüppelt. Der Bootsmann und der Neger waren die Letzten, die zu Boden gingen. Sie versuchten ihren Captain zu schützen, der seine Fäuste geschickt einsetzte, doch die britischen Matrosen hatten gegen die unterschätzten Gegner keine Chance.

Sharpe schob sich zur Treppe vor, stieß die Bettler mit den Ellbogen beiseite. Die Menge johlte und spottete über die besiegten britischen Matrosen, Panjit und Nana Rao lachten, und einige der Bittsteller, ermutigt durch den Erfolg der Leibwächter, traten nach den Gefallenen. Einige der Leibwächter trugen nun die Hüte der Matrosen, und einer hatte sich Chases Zweispitz auf den Kopf gesetzt. Der Captain war ein Gefangener, von zwei Männern an den Armen festgehalten.

Einer der Leibwächter war bei Panjit geblieben und sah, wie Sharpe sich an der Treppe vorbeistahl. Er rannte auf ihn zu und schrie ihn an, zurückzubleiben, und als der vermeintliche Bettler nicht gehorchte, holte er zum Tritt aus.

Sharpe packte den vorschnellenden Fuß und riss ihn hoch. Der Leibwächter stürzte auf den Rücken und sein Kopf schlug auf eine Treppenstufe. Der dumpfe Aufprall ging in der geräuschvollen Feier über die britische Niederlage unter.

Panjit hob die Hände und rief um Ruhe. Nana Rao lachte vor Freude, während Sharpe im Schatten der Büsche an der Seite der Treppe angelangt war.

Die siegreichen Leibwächter schoben die Bittsteller und Bettler von den blutigen und zusammengeschlagenen Matrosen fort, die nur zuschauen konnten, wie ihr zerzauster Captain zu Panjit gezerrt wurde.

Panjit schüttelte in gespielter Traurigkeit den Kopf. »Was soll ich nur mit Ihnen machen, Captain?«

Chase riss sich aus der Umklammerung los. »Ich schlage vor, Sie übergeben mir Nana Rao und beten, dass ich Sie nicht vor Gericht bringe.«

Panjit blickte gequält drein. »Sie werden es sein, der vor Gericht steht«, sagte er. »Und wie wird das aussehen? Captain Chase von der Marine Seiner britannischen Majestät, verurteilt wegen Hausfriedensbruchs und Ruhestörung wie ein Säufer. Ich finde, Captain Chase, wir sollten besser beraten, mit welchen Bedingungen wir Ihnen dieses Schicksal ersparen können.«

Panjit wartete, doch Chase erwiderte nichts. Er war geschlagen. Panjit blickte stirnrunzelnd zu dem Leibwächter, der sich den Zweispitz des Captains aufgesetzt hatte, und befahl dem Mann, ihn zurückzugeben. Dann lächelte er.

»Ich will ebenso wenig einen Skandal wie Sie, Captain, aber ich werde nach diesen traurigen Ereignissen jeden Skandal überleben, Sie jedoch nicht. So halte ich es für besser, Sie machen mir ein Angebot.«

Ein lautes helles Geräusch unterbrach Panjit. Es war das metallische Klicken einer Pistole. Panjits Kopf ruckte herum. Er sah einen britischen Offizier mit rotem Rock. Der Mann mit schwarzem Haar und einer Narbe im Gesicht stand neben seinem Cousin und hielt Nana Rao die Mündung einer Pistole an die Schläfe.

Die Leibwächter blickten zu Panjit, sahen seine Unsicherheit, und einige von ihnen packten ihre Knüppel fester und bewegten sich auf die Treppe zu, doch Sharpe packte mit der linken Hand Nana Raos Haar und trat ihm in die Kniekehlen, sodass der Händler mit einem Aufschrei zu Boden stürzte. Die plötzliche Brutalität und Sharpes offensichtliche Entschlossenheit, abzudrücken, stoppte die Leibwächter.

»Ich finde, Sie machen besser mir ein Angebot«, sagte Sharpe zu Panjit, »denn dieser ach so tote Cousin von Ihnen schuldet mir vierzehn Pfund, sieben Schilling, drei Pence und einen halben Penny.«

»Nehmen Sie die Pistole weg«, sagte Panjit und winkte seine Leibwächter zurück. Er war nervös. Mit einem höflichen Captain, offenbar ein Gentleman, zu verhandeln, war die eine Sache, aber mit diesem rot berockten Ensign zurechtzukommen, war eine völlig andere, denn er wirkte wild und entschlossen. »Nehmen Sie nur die Pistole fort«, wiederholte Panjit besänftigend.

»Halten Sie mich für blöde?« Sharpe grinste höhnisch. »Außerdem kann mich kein Richter verurteilen, wenn ich Ihren Cousin erschieße. Er ist bereits tot! Das haben Sie selbst behauptet. Er ist nichts als Asche im Fluss.« Er zog an Nana Raos Haar, und der kniende Mann stöhnte auf. »Vierzehn Pfund«, sagte Sharpe, »sieben Schilling, drei Pence und ein halber Penny.«

»Ich werde zahlen«, keuchte Nana Rao.

»Und Captain Chase will sein Geld auch zurückhaben«, sagte Sharpe.

»Zweihundertsechzehn Guineen«, sagte Chase und rieb über seinen Zweispitz, »obwohl ich glaube, wir haben ein bisschen mehr verdient, weil wir das Wunder bewirkt haben, Nana Rao wieder lebendig zu machen!«

Panjit war kein Dummkopf. Er sah, dass Chases Matrosen ihre Belegnägel aufhoben und sich darauf vorbereiteten, den Kampf fortzusetzen.

»Keine Behörden?«, fragte er Sharpe.

»Ich hasse Behörden«, erwiderte Sharpe.

Panjits Miene zeigte die Spur eines Lächelns. »Wenn Sie die Haare meines Cousins loslassen«, sagte er, »dann können wir vernünftig miteinander reden.«

Sharpe ließ Nana Rao los und trat zurück. Er stand kurz vor Captain Chase still. »Ensign Sharpe«, stellte er sich vor.

»Sie sind kein Ensign, Sharpe, sondern mein rettender Engel.« Chase ging Sharpe entgegen und streckte ihm die Hand hin. Trotz des Bluts auf seinem Gesicht war er ein gut aussehender Mann mit einem Selbstvertrauen und einer Freundlichkeit, die auf einen gutmütigen Charakter schließen ließen. »Sie sind der deus ex machina, Ensign, so willkommen wie eine Brise in einer windstillen Zone.« Er sagte es leichthin, doch es gab keinen Zweifel an der Aufrichtigkeit seines inbrünstigen Danks, und anstatt Sharpe die Hand zu schütteln, umarmte er ihn. »Danke«, flüsterte er und trat zurück. »Hopper!«

»Sir?« Der riesige Bootsmann mit den tätowierten Armen, der viele Gegner flachgelegt hatte, bevor er überwältigt worden war, trat vor.

»Machen Sie sich bereit, Hopper. Unsere Feinde wollen über unsere Kapitulationsbedingungen sprechen.«

»Aye, aye, Sir.«

»Und dies ist Ensign Sharpe, Hopper, und er soll als ehrbarer Freund behandelt werden.«

»Aye, aye, Sir«, sagte Hopper grinsend.

»Hopper hat das Kommando über die Barkassen-Mannschaft«, erklärte Chase. »Und diese verbeulten Gentlemen sind seine Ruderer. Diese Nacht wird nicht als unsere ruhmreichste Siegesnacht verzeichnet werden, Gentlemen …«, Chase wandte sich an seine grün und blau geschlagenen Männer, »… aber es ist immerhin ein Sieg, und ich danke euch.«

Der Hof war geräumt, Bedienstete brachten Stühle aus dem Haus, und dann wurde über die Bedingungen gesprochen.

Die Ausgabe der Guinee hat sich gelohnt, dachte Sharpe.

»Eigentlich mag ich die Typen«, sagte Chase.

»Panjit und Nana Rao? Sie sind Schurken«, sagte Sharpe. »Eigentlich mag ich sie auch.«

»Sie haben ihre Niederlage wie Gentlemen hingenommen.«

»Sie sind glimpflich davongekommen, Sir«, sagte Sharpe. »Mit der Brandstiftung müssen sie ein Vermögen verdient haben.«

»Heiß saniert, der älteste Trick in der Kiste«, sagte Captain Chase. »Da war ein Typ auf der Insel der Hunde, der in der Nacht vor der Abreise eines ausländischen Schiffes stets behauptete, Diebe hätten seine Lagerhalle ausgeraubt, und die Opfer fielen immer darauf herein.« Chase lachte, und Sharpe schwieg. Er hatte den Mann gekannt, von dem Chase gesprochen hatte. Er hatte ihm in einer Nacht sogar geholfen, das Lagerhaus auszuräumen, und er hielt es für das Beste, darüber zu schweigen. »Aber Sie und ich sind wohlauf, Sharpe, außer ein paar Beulen und Schrammen«, fuhr Chase fort, »und das ist alles, was zählt, nicht wahr?«

»Ja, mit uns ist alles in Ordnung«, stimmte Sharpe zu.

Die beiden Männer, gefolgt von Chases Barkassen-Mannschaft, spazierten zurück durch die Gassen von Bombay, und beide hatten Geld in den Taschen. Chase hatte ursprünglich mit Rao vereinbart, dass der Händler sein Schiff mit Rum, Brandy, Wein und Tabak belieferte, jetzt hatte er statt der zweihundertsechzehn Guineen, die er dem Händler bezahlt hatte, noch dreihundert in der Tasche, während Sharpe zweihundert Rupien besaß. Sharpe nahm an, dass er alles in allem an diesem Abend gut verdient hatte, besonders, weil Panjit versprochen hatte, ihm die Hängematte, Decken, Laterne, Arrak, Tabak und Filtermaschine im Morgengrauen kostenlos zur Calliope zu liefern.

Die beiden Inder waren begierig gewesen, die Engländer versöhnlich zu stimmen. Als ihnen klar wurde, dass Chase und Sharpe nicht beabsichtigten, dem Rest der geschröpften Opfer zu verraten, dass Nana Rao noch lebte, hatten die Händler ihre unerwünschten Gäste beköstigt, ihnen reichlich Arrak eingeschenkt, das Geld ausbezahlt, ewige Freundschaft geschworen und ihnen eine gute Nacht gewünscht.

Jetzt schlenderten Chase und Sharpe durch die dunkle Stadt.

»Himmel, stinkt es hier!«, sagte Chase.

»Sind Sie noch nicht hier gewesen?«, fragte Sharpe überrascht.

»Ich bin fünf Monate in Indien gewesen«, sagte Chase, »aber immer auf See. Jetzt lebe ich seit einer Woche an Land, und überall riecht es übel. Mein Gott, wie diese Stadt stinkt!«

»Nicht mehr als London«, sagte Sharpe.

Das stimmte zwar, aber die Gerüche waren verschieden. Statt nach Kohlenrauch stank es nach Ochsendungrauch, Kräutern und Abwässern. Es war ein süßes Gemisch, jedoch nicht unangenehm. Sharpe erinnerte sich, wie er bei seiner Ankunft vor dem Geruch zurückgeprallt war, der jetzt sogar etwas Anheimelndes für ihn hatte.

»Ich werde den Duft vermissen«, gab er zu. »Manchmal wünschte ich, nicht nach England zurückzukehren.«

»Mit welchem Schiff reisen Sie?«

»Mit der Calliope.«

Chase fand das anscheinend amüsant. »Und was halten Sie von Mister Seltsam?«

»Mister Seltsam?«

»Ich meine natürlich den seltsamen Cromwell, den Kapitän.« Chase sah Sharpe an. »Sie haben ihn doch gewiss kennen gelernt!«

»Nein, habe ich nicht. Ich habe noch nie von ihm gehört.«

»Aber der Konvoi muss schon vor zwei Monaten eingetroffen sein«, sagte Chase.

»So ist es.«

»Dann hätten sie ihn sehen müssen. Peculiar (seltsam, sonderbar) ist übrigens sein richtiger Name. Peculiar Cromwell. Komisch, wie? Er war einst bei der Marine wie die meisten Kapitäne in Ostindien, aber Peculiar nahm seinen Abschied, weil er reich werden wollte. Und weil er glaubte, Admiral werden zu können, ohne lange Jahre als Captain zu dienen. Er ist eine seltsame Seele. Aber er segelt ein prächtiges, schnelles Schiff. Ich kann kaum glauben, dass Sie sich nicht um seine Bekanntschaft bemüht haben.«

»Warum sollte ich?«, fragte Sharpe.

»Um sicherzustellen, dass Sie einige Privilegien an Bord bekommen, meine ich natürlich. Kann ich davon ausgehen, dass Sie auf dem Zwischendeck reisen?«

»Ich reise billig, falls Sie das meinen.« Sharpes Stimme klang bitter. Der niedrigste Fahrpreis hatte immer noch hundertsieben Pfund und fünfzehn Schilling gekostet. Er hatte angenommen, die Armee würde für die Reise zahlen, doch sie hatte sich geweigert, hatte gesagt, dass Sharpe eine Einberufung der 95th Rifles nachkommen würde, und wenn die 95th Rifles seine Passage nicht zahlen wollten, dann zum Teufel mit ihnen, mit ihren schrecklichen grünen Uniformröcken, und zum Teufel mit Sharpe. So hatte er einen der kostbaren Diamanten aus dem Saum seines roten Rockes genommen und die Reise selbst bezahlt. Er besaß immer noch die wertvollen Steine, die er von Tippu Sultans Leiche in Seringapatam erbeutet hatte, doch es widerstrebte ihm, den Schatz für die East India Company auszugeben. Britannien hatte ihn nach Indien geschickt, und Sharpe war der Ansicht, dass das Land ihn dann auch zurückholen sollte.

»Es wäre clever gewesen, Sharpe, wenn Sie sich Peculiar vorgestellt hätten, während er sich an Land aufhielt, und dem gierigen Kerl ein Geschenk gemacht hätten, damit er Ihnen ein anständiges Quartier zuweist. Aber wenn Sie Peculiar nicht geschmiert haben, wird er Sie höchstwahrscheinlich im Unterdeck mit den Ratten einquartieren. Das Hauptdeck ist viel besser und kostet keinen Penny mehr, aber das Unterdeck ist nichts außer Furzen, Kotzen und dem Anblick von Elend auf dem ganzen Heimweg.«

Die beiden Männer hatten die schmalen Gassen verlassen und führten die Barkassen-Mannschaft durch eine Straße, die von Abwasserrinnen gesäumt war. Es war ein Viertel mit Blechschmieden. Die Schmiedefeuer brannten bereits hell und Hammerschläge erfüllten die Dunkelheit. Kühe beäugten die vorbeigehenden Matrosen, und Hunde kläfften wütend und weckten die obdachlosen Armen zwischen den Abwasserrinnen und den Hauswänden.

»Ein Jammer, dass Sie in einem Konvoi segeln«, sagte Chase.

»Warum, Sir?«

»Weil ein Konvoi nur mit dem Tempo seines langsamsten Boots vorankommt!«, erklärter Chase. »Die Calliope würde es in drei Monaten bis England schaffen, wenn sie fliegen dürfte, aber sie wird humpeln müssen. Ich wünschte, ich könnte mit Ihnen segeln. Ich würde Ihnen die Überfahrt als Dank für Ihre heutige Rettungstat spendieren, aber ich bin leider auf Geisterjagd.«

»Auf Geisterjagd, Sir?«

»Haben Sie von der Revenant gehört?«

»Nein, Sir.«

»Die Unwissenheit von euch Soldaten ist erstaunlich«, sagte Chase belustigt. »Die Revenant, mein lieber Sharpe, ist ein französischer 74-Kanonen-Dreidecker, der den Indischen Ozean unsicher macht. Er verbirgt sich vor Mauritius, segelt los, um Prise zu machen und zieht sich wieder zurück, bevor wir ihn schnappen können. Ich bin hier, um ihm Einhalt zu gebieten, doch bevor ich ihn jagen kann, muss ich mit meinem Schiff nach acht Monaten auf See schneller werden.«

»Ich wünsche Ihnen viel Glück, Sir«, sagte Sharpe. Dann runzelte er die Stirn. »Aber was hat das mit Geistern zu tun?« Sharpe stellte für gewöhnlich nicht gern solche Fragen. Er war einst in den Reihen eines Rotrock-Bataillons marschiert und war aus den Mannschaften zum Offizier aufgestiegen, und so hatte er sich in einer Welt wiedergefunden, in der fast jeder gebildeter war als er selbst. Er hatte sich daran gewöhnt, zu überspielen, was ihm ein Rätsel war, doch jetzt machte es ihm nichts aus, sich bei einem gutmütigen Mann wie Chase zu seiner Unwissenheit zu bekennen.

»Revenant ist die Bezeichnung der Franzmänner für Gespenst«, sagte Chase. »Substantiv, männlich. Ich hatte einen Lehrer für diese Dinge, der mir die Sprache einpeitsche, und ich möchte sie jetzt aus ihm herauspeitschen.« In einem nahen Hof krähte ein Hahn, und Chase blickte zum Himmel auf. »Fast Morgendämmerung«, sagte er. »Vielleicht erlauben Sie mir, Ihnen ein Frühstück auszugeben? Dann werden meine Jungs sie zur Calliope hinausbringen. Gott stehe Ihnen auf Ihrer Heimreise bei.«

Heimreise. Das Wort kam Sharpe sonderbar vor, denn er hatte kein anderes Heim als die Armee und England seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Sechs Jahre! Dennoch empfand er keine Vorfreude bei der Aussicht, nach England zu segeln. Er betrachtete es nicht als Heim, hatte keine Ahnung, wo sein Zuhause war, aber wo auch immer dieser schwer zu definierende Ort war, er fuhr dorthin.

Chase lebte an Land, während sein Schiff vom Tang gesäubert wurde. »Wir schrubben ihr bei Ebbe den kupferbeschlagenen Hintern, bevor wir sie wieder schwimmen lassen«, erklärte er, als Kellner Kaffee, gekochte Eier, Brot, Schinken, kalte Hähnchenteile und einen Korb mit Mangos servierten.

»Hintern schrubben ist verdammt lästig. Alle Geschütze müssen beiseite und der halbe Laderaum muss ausgeräumt werden, aber sie wird danach wieder wie der Teufel segeln. Essen Sie noch ein Ei, Sharpe! Sie müssen Hunger haben. Ich bin jedenfalls hungrig. Gefällt Ihnen dieses Haus? Es gehört einem Cousin meiner Frau. Er ist hier Händler, und im Augenblick ist er in den Hügeln und tut, was immer Händler tun, wenn sie reich werden wollen. Es war sein Steward, der mich vor Nana Raos Tricks warnte. Setzen Sie sich, Sharpe, setzen Sie sich. Essen Sie.«

Sie frühstückten im Schatten einer breiten Veranda, die auf einen kleinen Garten, eine Straße und die See hinausblickte. Chase war freundlich, großzügig, und offenkundig machte ihm die Kluft zwischen einem einfachen Ensign, dem niedrigsten Offiziersrang der Armee, und einem Captain – offiziell gleichbedeutend mit einem Colonel der Armee, an Bord seines eigenen Schiffes allmächtig – nichts aus. Zuerst hatte Sharpe diese Kluft gespürt, doch dann war ihm allmählich klar geworden, dass Joel Chase wirklich gutmütig war, und er hatte begonnen, den Marineoffizier zu mögen, dessen Verhalten offen und herzlich war.

»Ist Ihnen klar, dass dieser verdammte Panjit mich tatsächlich vor Gericht hätte bringen können?«, fragte Chase. »Lieber Gott, Sharpe, das wäre eine böse Sache gewesen! Nana Rao wäre verschwunden, und wer hätte mir geglaubt, dass er noch lebt? Nehmen Sie mehr Schinken, bitte. Es hätte zumindest eine Untersuchung und höchstwahrscheinlich einen Kriegsgerichtsprozess gegeben. Ich hätte verdammt Glück gehabt, wenn ich überlebt und mein Kommando behalten hätte. Aber wie hätte ich ahnen können, dass er eine Privatarmee hat?«

»Wir sind alle unbeschadet davongekommen, Sir.«

»Das haben wir Ihnen zu verdanken, Sharpe, nur Ihnen.« Chase schauderte es. »Mein Vater sagte immer, ich würde tot sein, bevor ich dreißig bin, und ich habe das schon um fünf Jahre überlebt, aber eines Tages werde ich in einer Klemme stecken, aus der mich kein Ensign rausholen kann.« Er klopfte gegen den Beutel mit dem Geld, das er von Nana Rao und Panjit erhalten hatte. »Und zwischen uns beiden, Sharpe, dieses Geld ist ein Glücksfall. Ein Geschenk des Himmels! Meinen Sie, man kann Mangos in England anpflanzen?«

»Ich weiß nicht, Sir.«

»Ich werde es versuchen. Ein paar an einer warmen Stelle des Gartens anpflanzen, und wer weiß? Vielleicht gelingt das.« Chase schenkte Kaffee ein und streckte die langen Beine aus. Er war neugierig, warum ein Mann Ende zwanzig ein Ensign war, und er stellte die Frage sehr taktvoll. Als er herausfand, dass Sharpe aus den Mannschaften aufgestiegen war, war seine Bewunderung echt. »Ich hatte einst einen Captain, der vom Matrosen aufgestiegen war«, erzählte er Sharpe. »Und der war verdammt gut! Kannte sein Geschäft. Verstand, was in den dunkelsten Ecken vorging, in die die meisten Captains nicht zu gucken wagten. Ich nehme an, die Armee kann sich glücklich mit Ihnen preisen, Sharpe.«

»Ich bin mir nicht so sicher, dass es so ist, Sir.«

»Ich werde es einigen Leuten ins Ohr flüstern, Sharpe. Aber wenn ich die Revenant nicht erwische, werden mir nur wenige zuhören.«

»Sie werden sie erwischen, Sir.«

»Ich bete darum, aber sie ist höllisch schnell. Schnell und kaum zu schnappen. Alle französischen Schiffe sind das. Gott weiß, dass die Scheißer sie nicht segeln können, aber sie wissen, wie man sie baut. Französische Schiffe sind wie französische Frauen, Sharpe. Schön und schnell bereit, aber hoffnungslos bemannt. Nehmen Sie etwas Senf.« Chase schob das Senftöpfchen über den Tisch, dann tätschelte er ein mageres Kätzchen, während er an den Palmen vorbei zum Meer blickte. »Ich möchte noch einen Kaffee«, sagte er. Dann wies er zur See. »Da ist die Calliope.«

Sharpe hielt Ausschau, konnte jedoch nur eine Masse von Schiffen weit draußen jenseits des Hafens erkennen, der voller Proviantboote, Barkassen und Fischerboote war.

»Es ist das, bei dem die Topsegel trocknen«, sagte Chase, und Sharpe sah, dass bei einem der fernen Schiffe die obersten Segel von den Rahen hingen und im leichten Wind flatterten. Auf diese Distanz wirkte die Calliope wie eines der anderen Dutzend Schiffe der East India Company, die zusammen heimsegeln würden, um sich im Verbund gegen die Freibeuter verteidigen zu können, die den Indischen Ozean unsicher machten. Von Land aus sahen sie wie Kriegsschiffe aus, denn ihr Rumpf war schwarz und weiß gestrichen, um vorzutäuschen, dass massive Breitseiten hinter geschlossenen Stückpforten verborgen waren, doch die List würde keinen Freibeuter täuschen. Diese Schiffe, vollgestopft mit den Reichtümern Indiens, waren die größten Prisen, die sich jeder Korsar oder französische Marine-Kapitän wünschen konnte. Wenn man gut leben und reich sterben wollte, dann brauchte man nur einen Ostindienfahrer aufzubringen. Deshalb segelten die großen Schiffe im Konvoi.

»Wo ist Ihr Schiff, Sir?«, fragte Sharpe.

»Kann es von hier nicht sehen«, sagte Chase. »Es liegt auf einer Sandbank auf der fernen Seite von Elephant Island auf der Seite.«

»Auf der Seite?«

»Ja, wir haben es auf die Seite gelegt, damit wir ihr den Hintern polieren können.«

»Wie heißt es?«

Chase blickte beschämt. »Pucelle«, sagte er.

»Pucelle? Klingt französisch.«

»Es ist französisch, Sharpe. Es heißt Jungfrau.« Chase tat, als wäre er beleidigt, als Sharpe lachte. »Sie haben schon von la Pucelle d’Orleans gehört?«, fragte er.

»Nein, Sir.«

»Die Jungfrau von Orleans, Sharpe, war Jeanne d’Arc, und das Schiff wurde nach ihr benannt, und ich vertraue darauf, dass es nicht endet wie Jeanne, also nicht verbrannt wird.«

»Aber warum hat man ein englisches Schiff nach einer Französin benannt, Sir?«, fragte Sharpe.

»Wir haben es nicht so getauft. Die Franzmänner haben das getan. Es war ein französisches Schiff, bis Nelson es bei Abukir aufbrachte. Wenn ein Schiff aufgebracht wird, Sharpe, behält es den alten Namen, bis er wirklich verhasst wird. Nelson brachte bei Abukir am Nil auch die Franklin auf, ein Schiff von großer Schönheit mit achtzig Geschützen, aber die Marine will verdammt sein, wenn sie ein Schiff hat, das nach einem verdammten, verräterischen Yankee benannt ist, und so heißt es jetzt Canopus. Aber mein Schiff behielt seinen Namen, und es ist ein hübsches Ding. Und schnell. O mein Gott, nein.« Er setzte sich aufrecht und starrte zur Straße. »Mein Gott, nein!«

Eine offene Kutsche hatte diesen Ausruf ausgelöst, die ihre Fahrt verlangsamt hatte und jetzt jenseits des Gartentors hielt. Chase, der bis zu diesem Moment freundlich gewesen war, blickte plötzlich böse drein.

Ein Mann und eine Frau saßen in der Kutsche, die von einem Inder gefahren wurde, der mit gelbschwarzer Livree gekleidet war. Zwei eingeborene Lakaien in derselben Livree eilten jetzt zur Kutschentür, klappten die Treppe herunter und ließen den Mann, der ein weißes Leinenjackett trug, aussteigen. Sofort schleppte sich ein Bettler auf kurzen Krücken auf die Kutsche zu, doch einer der Lakaien versetzte ihm einen Tritt, und der Kutscher beendete das Vertreiben des Bettlers mit einem Peitschenhieb.

Der Mann mit dem weißen Jackett war in mittlerem Alter, und sein Gesicht erinnerte Sharpe an Sir Arthur Wellesley. Vielleicht lag es an der vorspringenden Nase oder an der kalten und hochmütigen Art des Mannes. Oder vielleicht, weil einfach alles um ihn, von der Kutsche bis zu den livrierten Dienern, privilegiert wirkte.

»Lord William Hale«, sagte Chase, und aus jeder Silbe klang Abneigung.

»Nie von ihm gehört.«

»Er ist im Kontrollausschuss«, erklärte Chase. Dann sah er Sharpes fragenden Blick und fügte hinzu: »Sechs Männer, von der Regierung ernannt, um sicherzustellen, dass die East India Company keine Dummheiten macht. Oder eher, wenn sie welche macht, dafür zu sorgen, dass auf die Regierung keine Schuld fällt.« Er blickte an Lord William vorbei, der sich zu der Frau in der Kutsche umgedreht hatte und mit ihr sprach. »Das ist seine Gattin. Ich habe die beiden gerade von Kalkutta hergebracht, damit sie mit demselben Konvoi heimkehren können wie Sie. Sie sollten beten, dass sie nicht auch auf der Calliope sind.«

Lord William war grauhaarig, und Sharpe nahm an, dass seine Frau ebenfalls in mittlerem Alter war. Doch als sie ihren weißen Sonnenschirm sinken ließ, hatte er freie Sicht auf sie, und ihm stockte der Atem. Sie war viel jünger als Lord William, und ihr blasses, schmales Gesicht war von einer melancholischen, fast traurigen Schönheit, die Sharpe faszinierte. Er starrte sie hingerissen an.

Chase lächelte, als er Sharpes begeisterte Miene sah. »Sie wurde als Grace de Laverre Gould geboren, die dritte Tochter des Earl of Selby. Sie ist zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, aber ebenso kalt.«

Sharpe konnte nicht den Blick von Ihrer Ladyschaft nehmen. Sie war wirklich atemberaubend schön, eine ätherische, unerreichbare Schönheit. Ihr Gesicht war elfenbeinfarben und von einer Fülle schwarzen Haars umgeben, dessen Lockenpracht ganz natürlich wirkte, jedoch von ihrer Zofe kunstvoll hergerichtet worden sein musste. Sie lächelte nicht, sondern blickte ernst zu ihrem Mann auf.

»Sie sieht eher traurig als kalt aus«, sagte Sharpe.

Chase machte sich über den sehnsüchtigen Klang von Sharpes Stimme lustig. »Worüber sollte sie denn traurig sein? Ihre Schönheit ist ihr Glück, und ihr Mann ist so reich wie ehrgeizig und clever. Sie ist auf dem Weg, Frau Premierminister zu werden, solange Lord William keinen falschen Schritt macht, und glauben Sie mir, er tritt so leise auf wie eine Katze.«

Lord William beendete die Unterhaltung mit seiner Frau und forderte einen Lakai mit einer Geste auf, das Tor zu öffnen.

»Sie hätten ein Haus mit einem Zufahrtsweg nehmen sollen«, sagte der Lord leicht tadelnd, als er über den kurzen Weg zu Chase schritt. »Es ist ein großes Ärgernis, jedes Mal, wenn man einen Besuch macht, von Bettlern belästigt zu werden.«

»Leider kennen wir Matrosen uns an Land nicht so gut aus. Darf ich Ihrer Frau eine Tasse Kaffee anbieten?«

»Ihre Ladyschaft fühlt sich nicht wohl.« Lord William stieg die Verandatreppe hinauf, warf Sharpe einen gleichgültigen Blick zu und streckte Chase die Hand hin, als erwarte er, von ihm etwas zu bekommen. Er musste das Blut, das auf Chases Haar verkrustet war, gesehen haben, erwähnte jedoch nichts davon. »Nun, Chase, können Sie Ihre Schuld begleichen?«

Chase nahm widerwillig den Lederbeutel, der die Münzen von Nana Rao enthielt, zählte eine wesentliche Summe davon ab und gab sie Lord William. Seine Lordschaft schauderte es bei dem Gedanken, das schmuddelige Geld anzufassen, zwang sich jedoch, es anzunehmen, und schob es in die Taschen seines Gehrocks.

»Ihre Quittung«, sagte er und gab Chase einen Zettel. »Sie haben keine neuen Befehle erhalten, nehme ich an?«

»Leider nein, Mylord. Wir haben immer noch den Befehl, die Revenant aufzuspüren.«

»Ich hatte gehofft, dass Sie stattdessen heimfahren. Es ist ungemein wichtig, dass ich London schnell erreiche.« Er runzelte die Stirn und wandte sich dann ohne ein weiteres Wort ab.

»Sie haben mir keine Gelegenheit gegeben, Mylord, Ihnen meinen besonderen Freund, Mister Sharpe, vorzustellen«, sagte Chase.

Lord William schenkte Sharpe einen zweiten kurzen Blick. Seine Lordschaft sah nichts, was seinen ersten Eindruck von dem Ensign änderte, dass dieser mittellos und ohne Macht war, doch er blickte nun zu ihm, schätzte ihn ein und blickte wieder fort, ohne sich zu äußern. In diesem kurzen Blickkontakt erkannte Sharpe Macht, Selbstsicherheit und Arroganz. Lord William war ein Mann, der sich seiner Macht bewusst war, mehr wollte und keine Zeit mit jemandem verschwendete, der ihm nichts zu geben hatte.

»Mister Sharpe diente unter Sir Arthur Wellesley«, sagte Chase.

»Wie viele tausend andere, glaube ich«, sagte Lord William gleichgültig. Dann runzelte er die Stirn. »Sie könnten mir einen Gefallen tun, Chase.«

»Ich stehe Eurer Lordschaft selbstverständlich zur Verfügung«, sagte Chase höflich.

»Sie haben eine Barkasse und eine Mannschaft?«

»Ja, das haben alle Captains«, sagte Chase.

»Wir müssen zur Calliope. Könnten Sie uns dorthin bringen?«

»Leider, Mylord, habe ich die Barkasse Mister Sharpe versprochen«, sagte Chase, »aber ich bin überzeugt, dass er sie gern mit Ihnen teilen wird. Er fährt auch zur Calliope.«

»Ich würde gern helfen«, sagte Sharpe.

Lord Williams Miene verriet, dass Sharpes Hilfe das Letzte war, was er jemals erbitten würde. »Wir belassen es bei unserer gegenwärtigen Vereinbarung, Chase«, sagte er und schritt davon, als hätte er bereits genug Zeit verschwendet.

Chase lachte leise. »Ein Boot mit Ihnen teilen, Sharpe? Lieber lässt er sich Flügel wachsen und fliegt.«

»Es wäre eine Freude für mich gewesen, mit ihr ein Boot zu teilen«, sagte Sharpe und starrte zu Lady Grace, die starr geradeaus blickte, als eine Schar Bettler in sicherer Entfernung unter den Peitschenhieben des Kutschers wimmerte.

»Mein lieber Sharpe«, sagte Chase und blickte der Kutsche nach, »Sie werden die Gesellschaft dieser Dame wenigstens vier Monate lang teilen, und ich bezweifle, das Sie sie jemals zu Gesicht bekommen werden. Lord Williams behauptet, sie leide an einer Nervenkrankheit und verabscheue Gesellschaft. Ich hatte sie fast einen Monat an Bord der Pucelle und habe sie gerade zwei Mal gesehen. Sie bleibt in ihrer Kabine oder wandert des Nachts übers Achterdeck, wenn niemand sie ansprechen kann. Ich wette einen Monatssold von Ihnen gegen einen Jahressold von mir, dass sie nicht einmal Ihren Namen kennen wird, wenn Sie in England eintreffen.«

Sharpe lächelte. »Ich halte nicht viel von Wetten.«

»Gut für Sie«, sagte Chase. »Ich Dummkopf habe letzten Monat zu viel Whist gespielt. Ich hatte meiner Frau versprochen, nicht zu viel zu riskieren, und Gott hat mich dafür bestraft. Mann, war ich ein Narr! Fast jede Nacht habe ich zwischen Kalkutta und hier gespielt und hundertsiebzig Guineen an diesen reichen Bastard verloren. Mein eigener Fehler«, gab er reumütig zu, »und ich werde nicht noch einmal der Versuchung erliegen.« Er klopfte auf die Tischplatte, wie um das zu bekräftigen. »Aber Geld ist immer knapp, nicht wahr? Ich werde einfach die Revenant aufbringen und mir ein anständiges Prisengeld verdienen müssen.«

»Das werden Sie schaffen«, sagte Sharpe zuversichtlich.

Chase lächelte. »Ich hoffe es. Ich hoffe es sehnlichst, aber manchmal machen die verdammten Franzmänner selbst einem richtigen Seemann einen Strich durch die Rechnung. Und die Revenant ist in den Händen von Capitaine Louis Montmorin. Er ist gut, seine Mannschaft ist gut und das Schiff ist gut.«

»Aber Sie sind Brite«, sagte Sharpe, »also müssen Sie besser sein.«

»Amen darauf«, sagte Chase. »Amen.« Er schrieb seine englische Adresse auf einen Zettel. Dann bestand er darauf, dass Sharpe zur Festung ging und sein Gepäck abholte, und danach gingen die beiden Männer an der immer noch rauchenden Ruine von Nana Raos Lagerhaus vorbei zum Kai, wo Chases Barkasse wartete.

Der Captain schüttelte Sharpe die Hand. »Ich stehe für immer in Ihrer Schuld, Sharpe.«

»Das ist überhaupt nicht der Rede wert, Sir.«

Chase schüttelte den Kopf. »Ich war gestern Nacht ein Narr, und wenn Sie nicht gewesen wären, wäre ich heute Morgen ein noch größerer gewesen. Ich bin Ihnen dankbar, Sharpe, und ich werde es nicht vergessen. Wir sehen uns wieder, dessen bin ich mir sicher.«

»Ich hoffe es, Sir«, sagte Sharpe. Dann ging er die schmutzige Treppe hinunter. Es war Zeit, heimzufahren.

Die Mannschaft von Captain Chases Barkasse hatte immer noch blaue Flecken und blutige Schrammen, war nach ihrem Abenteuer in der Nacht jedoch guter Laune. Hopper, der Bootsmann, der so tapfer gekämpft hatte, half Sharpe hinab in die Barkasse, die strahlend weiß angestrichen war. Sie hatte einen roten Streifen unter dem Dollbord, passend zu den roten Streifen auf den Riemen.

»Sie haben gefrühstückt, Sir?«, fragte Hopper.

»Captain Chase hat sich um mich gekümmert.«

»Er ist ein guter Mann«, sagte Hopper. »Ich kenne keinen besseren.«

»Sie kennen ihn schon lange?«, fragte Sharpe.

»Seit er so alt wie Mister Collier war«, sagte der Bootsmann und nickte zu einem schmächtigen Jungen hin, der wie ein Zwölfjähriger wirkte und neben ihm im Heck saß. Mister Collier war Midshipman, und wenn Sharpe zur Calliope gebracht worden war, trug er die Verantwortung dafür, den Rum und Cognac für Captain Chases privaten Vorrat zu besorgen. »Mister Collier«, fuhr der Bootsmann fort, »hat das Kommando über dieses Boot, ist es nicht so, Sir?«

»Stimmt«, sagte Collier und reichte Sharpe die Hand. »Harry Collier, Sir.« Er hatte es nicht nötig, Sharpe mit »Sir« anzusprechen, denn sein Rang kam dem eines Ensign gleich, aber Sharpe war viel älter und außerdem ein Freund des Captains.

»Mister Collier hat das Kommando«, sagte Hopper noch einmal. »Wenn er uns befiehlt, ein Schiff anzugreifen, dann greifen wir an. Wir gehorchen ihm bis in den Tod, ist es nicht so, Mister Collier, Sir?«

»Wenn Sie es sagen, Mister Hopper.«

Die Mannschaft grinste.

»Wischt dieses blöde Grinsen aus euren Visagen!«, rief Hopper und spuckte einen Strahl Tabaksaft übers Dollbord. Seine beiden Schneidezähne fehlten, was ihm das Spucken sehr erleichterte. »Ja, Sir«, fuhr er fort und sah Sharpe an. »Ich habe mit Captain Chase gedient, seit er ein junger Hüpfer war. Wir waren zusammen, als er die Bouvines aufbrachte.«

»Die Bouvines?«

»Eine französische Fregatte, Sir, zweiunddreißig Kanonen, und wir waren auf der Spritely, achtundzwanzig Kanonen, und wir feuerten zweiundzwanzig Minuten. Blut sickerte aus ihrem Speigatt, als wir sie erledigt hatten. Und eines Tages, Mister Collier, Sir …«, er blickte ernst auf den kleinen Mann, dessen Gesicht fast ganz von einem viel zu großen Zweispitz verdeckt war, »… werden Sie das Kommando über eines der Schiffe Seiner Majestät haben, und es wird Ihre Pflicht und Ihr Privileg sein, ein Schiff der Froschfresser fertigzumachen.«

»Das hoffe ich, Mister Hopper.«

Die Barkasse schnitt durch das Hafenwasser, auf dem Müll, Farnwedel und aufgedunsene Kadaver von Ratten, Hunden und Katzen schwammen. Viele andere Boote, einige mit Gepäckstücken vollgepackt, ruderten ebenfalls zu dem wartenden Konvoi. Die glücklichsten Passagiere waren die, deren Schiffe an den Kais der Company ankerten, doch diese Kais waren nicht groß genug für jedes Handelsschiff, das in die Heimat fuhr, und so wurden die meisten der Reisenden zu den Liegeplätzen auf der Reede hinausgefahren.

»Ich habe Ihre Sachen auf ein Eingeborenenboot verladen lassen, Sir«, sagte Hopper, »und den Bastarden gesagt, dass ich ihnen die Hölle heiß machen werde, wenn nicht alles tipptopp abgeliefert wird. Sie lieben ihre Spielchen und kennen alle Tricks, Sir.« Er spähte voraus und lachte. »Sehen Sie da vorne? Einer der Scheißer zieht gerade seine üble Schau ab.«

»Üble Schau?« Sharpe konnte nur zwei kleine Boote sehen, die unbeweglich im Wasser lagen. Auf einem war ledernes Gepäck aufgestapelt, in dem anderen befanden sich drei Passagiere.

»Der Kerl sagt vorher, dass es eine Rupie bis zum Schiff kostet, Sir«, erklärte Hopper, »wenn er dann auf halbem Weg ist, verdreifacht er den Preis, und wenn sie den nicht zahlen wollen, rudert er zurück zum Kai. Unsere Jungs tun das Gleiche, wenn sie Reisende für Geld aufnehmen, um sie hinauszurudern.«

Er gab Anweisungen, und die Barkasse wich den beiden Booten aus.

Sharpe sah, das sich Lord William Hale, seine Frau und ein junger Mann im ersten Boot befanden, während zwei Diener, eingezwängt zwischen einem Haufen Gepäck, im zweiten saßen. Lord William sprach ärgerlich mit einem grinsenden Inder, der vom Zorn Seiner Lordschaft unbeeindruckt wirkte.

»Seine verdammte Lordschaft wird eben zahlen müssen«, sagte Hopper, »sonst wird er an Land zurückgebracht.«

»Lassen Sie nahe heranrudern«, sagte Sharpe.

Hopper blickte ihn an und zuckte mit den Schultern, wie um zu sagen, dass es ihn nichts anging, wenn Sharpe sich zum Narren machen wollte. Er gab Kommandos, und die Mannschaft befolgte sie. Die Barkasse glitt dicht neben die stillliegenden Boote und hielt an.

Sharpe stand auf. »Haben Sie Probleme, Mylord?«

Lord William blickte Sharpe stirnrunzelnd an, sagte jedoch nichts, während seine Frau äußerte, dass ihr der noch üblere Gestank als sonst im Hafen in die empfindliche Nase gestiegen sei. Sie blickte nur zum Heck, ignorierte die indische Mannschaft, ihren Mann und Sharpe. Es war der dritte Passagier, der junge Mann, der unauffällig wie ein Hilfspfarrer gekleidet war, der aufstand und ihre Schwierigkeiten erklärte. »Sie wollen sich nicht bewegen«, beklagte er sich.

»Seien Sie ruhig, Braithwaite, seien Sie ruhig und setzen Sie sich«, blaffte Seine Lordschaft und hielt es für unter seiner Würde, Sharpe um Hilfe zu bitten.

Nicht, dass Sharpe Lord William helfen wollte, aber bei seiner Frau war das was anderes, und um ihretwillen zog er seine Pistole.

»Rudert weiter!«, befahl er dem Inder, der als Antwort über Bord spuckte.

»Was in Gottes Namen tun Sie da?«, fragte Lord William und starrte Sharpe entgeistert an. »Meine Frau ist an Bord! Passen Sie mit dieser Waffe auf, Sie Narr. Wer, zum Teufel, sind Sie?«

»Man hat uns vor einer knappen Stunde miteinander bekannt gemacht, Mylord. Mein Name ist Richard Sharpe.« Er feuerte, und die Kugel fetzte eben über der Wasserlinie des Bootes zwischen dem widerspenstigen Skipper und seinen Passagieren einen Splitter aus dem Holz. Lady Grace schlug alarmiert eine Hand vor den Mund, doch die Kugel hatte niemanden gefährdet, nur das Boot gelöchert, sodass sich der Inder bückte und einen Daumen in das Loch steckte. Sharpe begann wieder zu laden. »Rudern Sie weiter, Mann!«, rief er.

Der Inder blickte hinter sich, als schätze er die Entfernung zum Land ein, doch Hopper befahl seiner Mannschaft, die Barkasse hinter die beiden Boote zu rudern und ihnen den Weg zum Land zu versperren. Lord William war sprachlos vor Staunen. Er starrte nur empört drein, als Sharpe eine neue Kugel in den kurzen Lauf rammte.

Der Inder wollte vermeiden, dass Sharpe noch einmal auf sein Boot schoss. Er setzte sich hastig und schrie seinen Männern etwas zu, die daraufhin kräftig zu rudern begannen.

Hopper nickte zufrieden. »Captain Chase wäre stolz auf Sie, Sir. Sie haben das Boot an der Wasserlinie durchlöchert. Es wird sinken, wenn der Bastard das Loch nicht verstopft hält.«

Sharpe blickte zu Ihrer Ladyschaft, die sich endlich umdrehte, um ihren Retter zu betrachten. Sie hatte große, seelenvolle Augen, die melancholisch blickten, und Sharpe war immer noch so sehr von ihrer Schönheit fasziniert, dass er ihr zuzwinkerte. Sie blickte schnell weg.

»Jetzt wird sie meinen Namen in Erinnerung behalten«, sagte er.

»Haben Sie ihr deshalb zugezwinkert?«, fragte Hopper und lachte, als Sharpe keine Antwort gab.

Lord Williams Boot erreichte die Calliope zuerst. Die Diener aus dem zweiten Boot kletterten mühsam an der Schiffsseite hoch, während Matrosen das Gepäck in Netzen an Bord hievten. Lord William und seine Frau traten auf eine schwimmende Plattform, von der sie über die Gangway zum Mitteldeck hochstiegen. Sharpe, der wartete, bis er an der Reihe war, konnte das Kielwasser, Salz und Teer riechen. Ein Strom Schmutzwasser floss aus einem Loch hoch oben im Rumpf. »Die Bilge wird leer gepumpt«, sagte Hopper.

»Sie meinen, es gibt Lecks?«

»Alle Schiffe haben Lecks. Das ist die Natur der Schiffe, Sir.«

Ein anderes Boot hatte längsseits des Bugs der Calliope angelegt, und Matrosen hievten Netze mit Ziegen und Kisten mit gackernden Hühnern hinauf. »Milch und Eier«, sagte Hopper vergnügt, dann bellte er seine Mannschaft an, dass sie ihre Riemen einziehen sollten, damit die Barkasse an der Plattform anlegen konnte. »Ich wünsche Ihnen eine schnelle, sichere Reise, Sir«, sagte der Bootsmann. »Zurück nach England, wie?«

»Zurück nach England«, sagte Sharpe und beobachtete, wie die Riemen angehoben wurden und Hopper den letzten Schwung der Barkasse nutzte, um längs der schwimmenden Plattform anzulegen. Sharpe gab Hopper eine Münze, tippte grüßend vor Mister Collier an seinen Hut, dankte der Bootsbesatzung und trat auf die Plattform. Von dort stieg er zum Hauptdeck, vorbei an einer offenen Stückpforte, in der ein poliertes Kanonenrohr zu sehen war.

Ein Offizier wartete hinter der Eingangsluke.

»Ihr Name?«, fragte er gebieterisch.

»Richard Sharpe.«

Der Offizier schaute auf eine Liste. »Ihr Gepäck ist bereits an Bord, Mister Sharpe, und dies ist für Sie.« Er nahm ein gefaltetes Blatt Papier aus der Tasche und reichte es Sharpe. »Die Regeln des Schiffes. Lesen, markieren, lernen und genau befolgen. Ihre Position ist Geschütz Nummer fünf.«

»Meine was?«, fragte Sharpe.

»Von jedem männlichen Passagier wird erwartet, dass er hilft, das Schiff zu verteidigen, Mister Sharpe. Geschütz Nummer fünf.« Der Offizier winkte über das Deck, auf dem sich die Gepäckstücke so häuften, dass keines der Geschütze auf der anderen Seite zu sehen war, und rief: »Mister Binns!«

Ein sehr junger Offizier bahnte sich eilig einen Weg durch das aufgestapelte Gepäck. »Sir?«

»Bringen Sie Mister Sharpe ins Steuerdeck. Sieben mal sechs für ihn, Mister Binns, sieben mal sechs. Hammer und Nägel, flott jetzt.«

»Hier entlang«, sagte Binns zu Sharpe und wandte sich schnell nach achtern. »Den Hammer und die Nägel habe ich, Sir.«

»Die was?«

»Hammer und Nägel, Sir, damit Sie Ihre Möbelstücke festnageln können. Wir wollen vermeiden, dass sie bei rauem Wetter verrutschen, Sir. Bei rauer See könnte das ein Chaos geben, Sir. Wenn wir die Straße von Madagaskar erreichen, kann es dort unruhig werden, Sir, sehr unruhig.« Binns eilte weiter, verschwand einen Niedergang hinab wie ein Kaninchen, das in seinen Bau stürzt.

Sharpe folgte ihm, doch bevor er den Niedergang erreichte, wurde er von Lord William Hale angesprochen, der hinter einem Stapel Kisten hervortrat.

»Ihr Name?«, fragte Hale.

In Sharpe stieg Zorn auf. Er wusste, dass es das Vernünftigste gewesen wäre, klein beizugeben, denn Hale war in London offenbar ein einflussreicher Mann, doch Sharpe hatte eine starke Abneigung gegen den Lord entwickelt.

»Derselbe wie vor zehn Minuten«, antwortete er schroff.

Lord William blickte in Sharpes sonnenverbranntes, hartes Gesicht mit der Narbe.

»Sie sind impertinent, und ich dulde keine Impertinenz«, sagte Lord William. Sein Blick glitt zum schmuddelig weißen Besatz auf Sharpes Uniformrock. »Vierundsiebzigstes? Ich bin bekannt mit Colonel Wallace und werde ihn von Ihrer Unbotmäßigkeit wissen lassen.« Bis jetzt hatte Lord William die Stimme, die ohnehin kalt und hart war, noch nicht erhoben, doch jetzt klang eine Spur von Empörung darin mit. »Sie hätten mich mit dieser Pistole töten können!«

»Sie töten?«, fragte Sharpe. »Nein, das konnte ich nicht. Ich habe nicht auf Sie gezielt.«

»Sie werden gleich an Colonel Wallace schreiben, Braithwaite«, sagte Lord William zu dem jungen Mann in der schwarzen Kleidung, »und dafür sorgen, dass der Brief noch an Land kommt, bevor wir absegeln.«

»Selbstverständlich, Mylord. Sofort, Mylord«, sagte Braithwaite. Er war offenkundig der Sekretär von Lord William, und er warf Sharpe einen mitleidigen Blick zu, der sagte, dass er sich gegen Kräfte aufgelehnt hatte, die zu stark für einen Ensign waren.

Lord William trat zur Seite, und Sharpe konnte Binns folgen, der die Konfrontation vom Niedergang aus beobachtet hatte.

Sharpe war nicht besorgt wegen Lord Williams Drohung. Seine Lordschaft konnte tausend Briefe an Colonel Wallace schreiben und würde damit nicht viel erreichen, denn er war nicht länger in dessen Einheit. Er trug die Uniform nur noch, weil er keine andere hatte, aber wenn er erst wieder in Britannien war, würde er sich den 95. Schützen mit ihrer sonderbar grünen Uniform anschließen. Die Vorstellung, Grün zu tragen, gefiel ihm nicht sonderlich. Er hatte immer Rot getragen.

Binns wartete am Fuß des Niedergangs. »Steuerdeck, Sir«, sagte er. Dann schob er sich durch einen Segeltuchvorhang in einen dunklen, feuchten und übel riechenden Raum. »Dies ist der Steuerraum, Sir.«

»Warum wird er so genannt?«

»Von hier aus pflegte man die Schiffe zu steuern, Sir, in den alten Tagen, bevor es das Steuerrad auf dem Quarterdeck gab. Kolonnen von Männern zogen an Tauen, Sir, es muss die Hölle gewesen sein.« Der Raum sah immer noch höllisch aus. Das trübe Licht von ein paar Laternen kämpfte gegen die Düsternis an, in der ein Dutzend Matrosen Trennwände aus Segeltuch nagelten, um den stinkenden Raum in ein Gewirr von kleinen Kammern aufzuteilen.

»Eins sieben mal sechs!«, rief Binns, und ein Matrose wies zur Steuerbordseite, wo die Trennwände bereits standen. »Treffen Sie Ihre Wahl, Sir«, sagte Binns, »denn Sie sind einer der ersten Gentlemen an Bord, aber wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, dann würde ich mir das Quartier so weit wie möglich achtern suchen und am besten nicht mit einem Geschütz teilen, Sir.« Er wies zu einer 18-Pfünder-Kanone, die eine der Kabinen halb ausfüllte. Die Kanone war festgezurrt und auf eine geschlossene Stückpforte gerichtet.

Binns führte Sharpe in eine leere Kabine neben der Tür, wo er einen Leinenbeutel auf den Boden warf. »Darin sind ein Hammer und Nägel, Sir, und sobald Ihre Sachen geliefert werden, können sie alles tipptopp sichern.« Er schlug eine Segeltuchseite der Kabine zurück und band sie fest, sodass etwas trübes Laternenlicht in die Kabine fallen konnte, dann stampfte er leicht mit dem Fuß auf den Boden. »Da drunter ist all das Geld, Sir«, sagte er heiter.

»Das Geld?«, fragte Sharpe.

»Eine Fracht von Indigo, Sir, Salpeter, Silberbarren und Seide. Genug, um uns alle tausend Mal reicher zu machen.« Er grinste, dann ließ er Sharpe in der winzigen Segeltuchkabine zurück, die in den nächsten vier Monaten sein Heim sein würde.

Die hintere Wand seiner Kabine war die gewölbte Seite des Schiffes. Die Decke war niedrig und wurde gekreuzt von schweren, schwarzen Balken, in denen einige Haken rosteten. Der Boden war das Deck, übersät mit alten Nagellöchern, wo frühere Passagiere ihre Truhen angenagelt hatten. Die verbleibenden drei Wände bestanden aus schmutzigem Segeltuch, doch es war himmlisch im Vergleich zu dem Komfort, den er gehabt hatte, als er von Britannien nach Indien gesegelt war. Da war er ein Private gewesen und hatte mit einer Hängematte und nur so viel Platz, wie er zum Schwingen brauchte, vorlieb nehmen müssen.

Er hockte sich vor seine Kabine, wo eine Laterne etwas Licht bot, und entfaltete den Zettel mit den Regeln des Schiffes. Sie waren gedruckt, doch nachträglich waren einige Bemerkungen mit Tinte dazugeschrieben worden. Es war ihm verboten, über das Achterdeck zu gehen, es sei denn, der Kapitän oder der Offizier der Wache forderte ihn dazu auf. Und zu diesem Verbot hatte jemand die Warnung hinzugefügt, dass er – selbst wenn er sich mit Genehmigung des Kapitäns auf dem Achterdeck aufhielt – niemals zwischen den Kapitän und die Wetter-Reling treten durfte. Sharpe wusste nicht einmal, was die Wetter-Reling war.

Wenn man an Deck trat, musste man seinen Hut zum Achterdeck hin ziehen, selbst wenn der Kapitän nicht in Sicht war. Das Spielen war verboten. Der Zahlmeister würde, wenn das Wetter es zuließ, jeden Sonntag Gottesdienst abhalten, und die Passagiere mussten ihn besuchen, wenn sie nicht mit einem Attest vom Schiffsarzt entschuldigt waren.

Frühstück wurde um 8 Uhr am Morgen ausgegeben, Mittagessen um 12 Uhr, Tee gegen 16 Uhr und das Abendessen um 20 Uhr. Alle männlichen Passagiere mussten sich mit der Quartiermarke ausweisen, die ihnen ihre Dienst-Station zuwies. Auf den unteren Decks durften keine abgeschirmten Flammen angezündet und alle Laternen mussten um neun Uhr abends gelöscht sein. Das Rauchen war wegen der Brandgefahr verboten, und Passagiere, die Kautabak kauten, mussten die Spucknäpfe benutzen. Das Spucken auf Deck war strikt verboten.

Kein Passagier durfte ohne Genehmigung eines Schiffsoffiziers die Takelage erklettern. Es war keine schmutzige Sprache an Bord erlaubt.

»Allmächtiger!«, grollte ein Matrose, als er sich mit Sharpes Arrak-Fass abschleppte. Zwei andere Seeleute trugen sein Bett, und ein anderes Paar seine Truhe.

»Haben Sie ein Tau, Sir?«, fragte einer von ihnen.

»Nein.«

Der Matrose gab Sharpe ein Hanfseil und zeigte ihm, wie er die hölzerne Truhe und das schwere Holzfass, das fast seine kleine Kabine ausfüllte, sichern sollte. Sharpe gab dem Mann eine Rupie als Dankeschön und hämmerte dann Nägel durch die Ecken der Truhe ins Deck und zurrte das Fass an einem der Balken auf der Bordwandseite fest. Das Bett war eine hölzerne Koje von der Größe eines Sarges, das er an den verrosteten Haken in den Balken aufhängte. Er hängte den Eimer daneben.

»Es ist am besten, durch die Stückpforte achtern zu pissen, wenn sie nicht unter Wasser ist«, sagte ihm der Matrose, »und den Eimer für härtere Sachen zu benutzen, wenn Sie verstehen, was ich meine, Sir. Oder an Deck zu gehen und über die Reling Wasser zu lassen, aber nicht gegen den Wind und nicht bei schwerer See, denn sonst gehen Sie über Bord, und niemand wird Sie jemals finden. Viele gute Männer haben die Engel gesehen, weil es sie in einer schlimmen Nacht erwischt hat.«

Eine Frau protestierte lautstark auf der anderen Seite des Schiffes über die miese Unterbringung, während ihr Mann demütig bekannte, dass sie sich nichts Besseres leisten konnten. Zwei kleine Kinder, erhitzt und verschwitzt, heulten. Ein Hund kläffte, bis er mit einem Tritt zum Verstummen gebracht wurde. Staub rieselte von einem Balken an der Decke, als ein Passagier auf dem Hauptdeck auf einen Nagel hämmerte. Ziegen meckerten. Die Lenzpumpe klapperte, saugte und spuckte rülpsend Schmutzwasser in die See.

Sharpe setzte sich auf seine Truhe. Es war gerade genügend Licht, um die Schrift auf dem Papier zu erkennen, das Captain Chase ihm aufgedrängt hatte. Es war ein Empfehlungsschreiben für Sharpe bei Florence, Chases Frau, die er im Haus des Captains bei Topsham in Devon aufsuchen sollte.

»Gott weiß, wann ich Florence und die Kinder wiedersehen werde«, hatte Chase gesagt, »aber wenn Sie zu Hause sind, Sharpe, besuchen Sie sie und stellen sich vor. Das Haus ist nichts Besonderes. Ein Dutzend Morgen Land, heruntergekommene Stallungen und ein paar Scheunen, aber Florence wird Sie willkommen heißen.«

Niemand sonst wird mich willkommen heißen, dachte Sharpe. Niemand wartete in England auf ihn, kein Herd würde bei seiner Rückkehr glühen und keine Familie ihn begrüßen. Aber es war die Heimat. Und ob er es wollte oder nicht, er würde dorthin zurückkehren.

KAPITEL 2

An diesem Abend, als die letzten Boote ihre Passagiere und das Gepäck beim Konvoi abgeliefert hatten, befahl der Bootsmann der Calliope seine Männer in die Takelage. Dreißig andere Seeleute kamen aufs untere Deck und lichteten den Anker. Die Passagiere im unteren Zwischendeck durften ihr Quartier erst verlassen, als die Segel gesetzt waren, und Sharpe saß auf seiner Truhe und lauschte den Schritten über ihm, dem Scharren von Tauen an Deck und dem Ächzen der Holzbalken des Schiffs.

Eine halbe Stunde nach dem Lichten des Ankers rief Binns, der junge Offizier, dass das Deck betreten werden durfte, und Sharpe stieg die Treppe hinauf und sah, dass das Schiff noch nicht auf dem offenen Meer war. Schwarze Wolken trieben vor einer roten Sonne, die über den Dächern und Palmen von Bombay zu schweben schien. Sharpe nahm den Geruch des Landes stark wahr. Er bezweifelte, dass er es wiedersehen würde, und er bedauerte, es zu verlassen.

Das Takelwerk knarrte und das Wasser gurgelte an der Seite des Schiffes. Auf dem Achterdeck, wo die wohlhabenderen Passagiere Luft schöpften, winkte eine Frau zur zurückbleibenden Küste. Das Schiff neigte sich unter einer Böe, und die Lafettenräder einer Kanone schrammten auf dem Deck, bis sie von den Brooktauen gestoppt wurden.

Die Fahrrinne führte näher an die Küste heran und brachte das Schiff in die Nähe eines Tempelturms mit bunt bemalten Schnitzereien von Affen, Göttern und Elefanten.

Hinter der Calliope verließen die anderen großen Schiffe des Konvois ihren Ankerplatz. Eine Fregatte der East India Company, die den Konvoi bis zum Kap der Guten Hoffnung eskortieren würde, segelte vor der Calliope, und die dreizehn Streifen von Rot und Weiß mit der Unionsflagge im linken oberen Feld leuchteten im Glühen des Abendrots.

Sharpe hielt nach Captain Joel Chases Schiff Ausschau, aber das einzige Schiff der Königlichen Marine, das er sehen konnte, war ein kleiner Schoner mit vier Kanonen.

Die Matrosen der Calliope brachten das Deck in Ordnung und überprüften die Sicherung der Beiboote, die auf den Ersatzmasten wie auf großen Flößerholzstämmen zwischen dem Achterdeck und dem Vordeck lagerten.

Ein dunkelhäutiger Mann in einem Fischerkanu paddelte dem Schiff aus dem Weg und starrte dann offenen Mundes zu der großen schwarzweißen Wand empor, die an ihm vorbeizog. Der Tempel verblasste jetzt in der Abendsonne, aber Sharpe sah den dunklen Umriss des Turms und empfand so etwas wie Abschiedsschmerz. Er hatte Indien gemocht, es als Spielplatz für Krieger, Prinzen, Schufte und Abenteurer kennen gelernt. Er hatte hier Wohlstand gefunden, war hier zum Offizier geworden, hatte in den Hügeln und auf den alten Brustwehren seiner Festungen gekämpft. Er verließ dort Freunde und Geliebte und mehr als einen Feind in seinem Grab. Aber wofür? Für Britannien, wo niemand auf ihn wartete, keine Feinde von den Hügeln ritten und keine Tyrannen hinter Festungswällen lauerten?

Einer der wohlhabenden Passagiere kam mit einer Frau am Arm die steile Treppe vom Achterdeck herab. Wie die meisten Passagiere der Calliope

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