Logo weiterlesen.de
Sharpes Rivalen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. VORWORT
  8. Teil I
  9. KAPITEL 1
  10. KAPITEL 2
  11. KAPITEL 3
  12. KAPITEL 4
  13. KAPITEL 5
  14. KAPITEL 6
  15. KAPITEL 7
  1. Teil II
  2. KAPITEL 8
  3. KAPITEL 9
  4. KAPITEL 10
  5. KAPITEL 11
  1. Teil III
  2. KAPITEL 12
  3. KAPITEL 13
  4. KAPITEL 14
  5. KAPITEL 15
  6. KAPITEL 16
  7. KAPITEL 17
  8. KAPITEL 18
  9. KAPITEL 19
  10. KAPITEL 20
  1. Teil IV
  2. KAPITEL 21
  3. KAPITEL 22
  4. KAPITEL 23
  5. KAPITEL 24
  6. KAPITEL 25
  7. KAPITEL 26
  8. KAPITEL 27
  9. KAPITEL 28
  10. KAPITEL 29
  1. EPILOG
  2. HISTORISCHE ANMERKUNG
  3. Leseprobe – Steels Entscheidung

Über den Autor

Bernard Cornwell wurde 1944 in London geboren. Er arbeitete lange für die BBC, unter anderem in Nordirland, wo er seine Frau kennenlernte. Heute lebt er die meiste Zeit in den USA. Er ist Autor zahlreicher international erfolgreicher historischer Romane und Thriller. Die Sharpe-Serie, die er in den 80er-Jahren zu schreiben begann, hat Kultstatus erreicht und wurde von der BBC mit Sean Bean in der Hauptrolle verfilmt.

Weitere Informationen finden Sie auf
www.bernardcornwell.net

Bernard Cornwell

SHARPES
RIVALEN

Richard Sharpe und die Belagerung
von Badajoz, Januar bis April 1812

Aus dem Englischen von
Bernd Müller

»Sharpes Rivalen«
ist der Harper-Familie gewidmet,
Charlie und Marie,
Patrick, Donna und Terry,
in Zuneigung und Dankbarkeit

»Zu einem Fest des Todes kommst du nun …«

William Shakespeare
Henry VI., Erster Teil, Vierter Aufzug,
Fünfte Szene

VORWORT

Die Geschichte der Belagerung von Badajoz, der Gegenstand von »Sharpes Rivalen«, ist eine der großen, dramatischen Geschichten des Krieges auf der Iberischen Halbinsel sowie ein Ereignis, über das die britische Armee aufgrund der damit verbundenen Schrecken gerne den Mantel des Schweigens gebreitet hätte.

Badajoz war und ist eine große Festungsstadt, die einst die Südstraße über die bergige Grenze zwischen Portugal und Spanien bewacht hat. Es ist zwar eine stark vereinfachte Darstellung, aber sehr hilfreich, wenn man sagt, dass es zwei Straßen über diese Grenze gab, und beide Straßen wurden von mächtigen Stadtfestungen gesichert: die nördliche von Ciudad Rodrigo und die südliche von Badajoz. Solange diese beiden Festungen nicht in Wellingtons Hand waren, konnte er seine Armee nicht nach Spanien führen. Also mussten sie genommen werden.

Badajoz war die düstere der beiden Städte. Nicht viele Touristen verirren sich dorthin, denn es gibt nur wenig, was Fremde als anziehend empfinden könnten. Die Burg steht noch, und die Stadtmauern ragen finster in den Himmel, aber anderswo in Spanien gibt es schönere Burgen, und Avilas Mauern zum Beispiel sind weitaus pittoresker. Badajoz wirkt dagegen eher unglücklich. Es ist eine schmutzige Industriestadt, die nichts von der sonnigen Lebendigkeit der berühmteren Städte Spaniens hat.

Badajoz’ unglücklichste Nacht war der 6. April 1812, ein Montag. Die Stadt wurde von einer britischen Armee belagert, der es bereits gelungen war, drei Breschen in die hohen Stadtmauern zu schlagen. Viele Leute glauben, eine Bresche sei eine Lücke, die man in die Mauer geschossen hat, doch tatsächlich handelte es sich mehr um ein Mauerstück, das in sich zusammengefallen war. Die Trümmer bilden dann eine steile Rampe zu den Resten der Mauer, und auf der anderen Seite geht es genauso steil wieder hinab. Solch eine Bresche war im Ernstfall mit Fallen übersät, vermutlich vermint, und hinter ihr hatte man neue Verteidigungsstellungen errichtet, um die Angreifer zu begrüßen. In Europa gibt es keine Breschen mehr. Sie sind alle repariert worden, sodass die Mauern wieder verteidigt werden konnten, doch viele Jahre, nachdem ich »Sharpes Rivalen« geschrieben hatte, war ich in der Festung von Gawilgarh im Süden Indiens. Ich folgte noch immer den Spuren von Sharpe und Wellington, und dort konnte ich tatsächlich eine nicht reparierte Bresche hinaufklettern. Zugegeben, ich bin nicht mehr so rank und schlank wie damals, als ich in der 3. Klasse zum Stammspieler unseres Rugbyteams avancierte, aber auch damals wäre es mir verdammt schwergefallen, diese Rampe hinaufzusteigen. Man konnte nicht einfach gehen, sondern musste auf allen vieren hinauf. Eine Bresche galt als begehbar, wenn ein Mann sie nur mit Muskete und Bajonett ausgerüstet erklimmen konnte, aber auch dann musste er sich immer wieder auf dem lockeren Untergrund abstützen oder festhalten, während die gut verschanzten Verteidiger ihn unter schweren Beschuss nahmen. Eine Bresche zu durchschreiten war, als klettere man unter konzentriertem Feuer auf einen Berg. Es war eine furchtbare Angelegenheit.

Und die französischen Verteidiger von Badajoz waren auf den Angriff vorbereitet. Ihre Moral war gut, denn Badajoz war eine ungewöhnliche Stadt. Dort lebte eine große Zahl von Afrancesados, von Spaniern, die mit den Franzosen sympathisierten. Und die Garnison wurde von einem intelligenten und gerissenen Kommandeur geführt, der die Breschen in Todesfallen verwandelt hatte. Die Franzosen waren selbstbewusst und das aus gutem Grund. Sie waren fest davon überzeugt, dass die Rotröcke es nie in die Stadt schaffen würden. Der Angriff war in vielerlei Hinsicht verrückt, doch mehr will ich an dieser Stelle nicht dazu sagen, denn was in jener finstern Nacht geschah, ist Gegenstand dieses Buches. Ich will lediglich hinzufügen, dass diese Nacht durch die Anwesenheit meines Lieblingsschurken sogar noch dunkler wird: Sergeant Obadiah Hakeswill, der vielleicht schlimmste Feind, dem Sharpe je wird gegenübertreten müssen.

Teil I

JANUAR 1812

KAPITEL 1

Wenn man bei Sonnenaufgang ein helles Pferd auf eine Meile Entfernung erkennen kann, heißt das, die Nacht ist vorbei. Späher dürfen sich nun entspannen, Wachbataillone abtreten, denn der Moment für einen Überraschungsangriff im Morgengrauen ist vorüber.

Nicht jedoch an diesem Morgen. Ein Grauschimmel wäre kaum auf einhundert Schritt zu erkennen gewesen, von einer Meile ganz zu schweigen, und die Dämmerung war von schmutzigem Kanonenrauch durchzogen, der von den Schneewolken farblich nicht zu unterscheiden war. Nur ein einziges Lebewesen regte sich im grauen Niemandsland zwischen den britischen und den französischen Linien, ein kleiner dunkler Vogel, der emsig durch den Schnee hüpfte. Captain Richard Sharpe beobachtete in seinen Mantel gehüllt den Vogel und wünschte sich, er würde davonfliegen. Beweg dich, du Halunke! Flieg! Er hasste den Aberglauben, den er nicht loswerden konnte. Er hatte den winzigen Vogel entdeckt, und plötzlich und unverhofft war ihm der Gedanke gekommen, dass der Tag einen bösen Ausgang nehmen müsse, wenn der Vogel nicht binnen dreißig Sekunden davonflog.

Er zählte. Neunzehn, zwanzig, und immer noch hüpfte der vermaledeite Vogel durch den Schnee. Er konnte nicht erkennen, welcher Gattung der Vogel angehörte. Sergeant Harper hätte natürlich Bescheid gewusst. Der hünenhafte Ire kannte alle Vögel, aber das Wissen, um was für einen Vogel es sich handelte, hätte ohnehin nicht geholfen. Beweg dich! Vierundzwanzig, fünfundzwanzig. Verzweifelt formte er rasch einen Schneeball und ließ ihn den Abhang hinunterrollen, sodass sich der kleine Vogel Sekunden vor Ablauf der Frist erschrocken aufschwang, hinein in den wabernden Rauch. Ein Mann musste eben manchmal seines eigenen Glückes Schmied sein.

Gott! Wie kalt es doch war! Den Franzosen machte das nichts aus. Sie saßen hinter den mächtigen Verteidigungsanlagen von Ciudad Rodrigo im Schutze der Häuser und wärmten sich an lodernden Kaminen, aber die britischen und portugiesischen Soldaten kampierten im Freien. Sie schliefen an großen Lagerfeuern, die in der Nacht verloschen, und tags zuvor hatte man bei Tagesanbruch vier portugiesische Wachtposten erfroren aufgefunden. Sie hatten mit am Boden festgefrorenen Mänteln am Ufer des Agueda gelegen. Man hatte sie in den Fluss geworfen, sodass die dünne Eisdecke brach, denn niemand war bei diesem Wetter bereit, Gräber auszuheben. Die Soldaten hatten genug vom Graben. Zwölf Tage lang hatten sie nichts anderes getan. Batterien, Stellungen, Schützengräben – am liebsten hätten sie nie mehr gegraben. Sie wollten kämpfen. Sie wollten mit ihren langen Bajonetten das Glacis, die flach ansteigende Erdaufschüttung vor dem Festungsgraben von Ciudad Rodrigo, erstürmen, wollten sich in die Bresche werfen, wollten die Franzosen vernichten und die Feuerstellen und Häuser für sich erobern. Sie sehnten sich nach Wärme.

Sharpe, Captain der Leichten Kompanie des Regiments South Essex, lag im Schnee und beobachtete durch sein Fernrohr die größte Bresche. Viel konnte er nicht erkennen. Selbst vom Hang aus, ganze fünfhundert Yards von der Stadt entfernt, verbarg das Glacis bis auf deren oberste Spitze fast die gesamte Stadtmauer von Ciudad Rodrigo. Er stellte fest, dass die britischen Kanonen einigen Schaden angerichtet hatten, und er wusste, dass sich Steine und Schutt in den unsichtbaren Graben ergossen haben mussten. Dadurch war eine provisorische Rampe von etwa dreißig Yards Breite entstanden, die die Angreifer zu erklimmen hatten, um ins Innere der Festungsstadt zu gelangen.

Er wünschte sich, jenseits der Bresche die Gassen am Fuße des zerschossenen Kirchturms dicht an der Mauer einsehen zu können. Sicher waren die Franzosen dort emsig dabei, neue Verteidigungsanlagen zu bauen und die zerstörten Kanonen zu ersetzen, sodass dem Angriff, wenn er über die Geröllhalde an der Bresche erfolgte, mit präzise geplantem Grauen, mit Feuer und Kartätschen und mit nächtlichem Tod begegnet werden konnte.

Sharpe hatte Angst.

Er schämte sich dieser seltsamen, nur ihm bekannten Tatsache. Er war sich nicht sicher, dass der Angriff an diesem Tag erfolgen würde, doch die Soldaten hatten das Gespür von Männern, die wussten, wann die Zeit reif war, und sie waren überzeugt, dass Wellington noch in dieser Nacht den Angriff einleiten würde.

Niemand wusste, welche Bataillone er dazu beordern würde, aber welchen Einheiten es auch bestimmt sein würde, die Attacke zu übernehmen, sie würden nicht die Ersten sein, die diese Bresche angingen. Das war eine Aufgabe, die ausschließlich für Freiwillige geeignet war, ein »Himmelfahrtskommando«, dessen selbstmörderische Pflicht darin bestand, das Feuer der Verteidiger auf sich zu ziehen, sie zu zwingen, dass sie ihre sorgsam vorbereiteten Fallen zuschnappen ließen. Sie mussten den Bataillonen, die ihnen folgten, einen blutigen Pfad ebnen.

Nicht viele der am Himmelfahrtskommando Beteiligten würden überleben. Der befehlshabende Lieutenant würde, wenn er noch lebte, auf der Stelle zum Captain ernannt werden und seine beiden Sergeants zu Ensigns. Die Versprechen auf Beförderung wurden leichten Herzens gegeben, da sie selten eingelöst werden mussten. Dennoch fehlte es nie an Freiwilligen.

Das Himmelfahrtskommando war etwas für die Tapferen. Diese Tapferkeit mochte aus Verzweiflung geboren sein oder aus Torheit, doch Tapferkeit war es in jedem Fall. Männer, die ein solches Unternehmen überlebten, waren fürs Leben gezeichnet. Sie waren berühmt bei ihren Kameraden, wurden von geringeren Männern beneidet. Nur die Schützenregimenter verliehen allen Überlebenden ein Abzeichen, einen Lorbeerkranz, der auf den Ärmel genäht wurde. Aber Sharpe ging es nicht um Auszeichnungen. Ihm ging es darum, eine Mutprobe zu bestehen, eine entscheidende Mutprobe, die beinahe mit Sicherheit den Tod brachte. Er hatte noch nie an einem Himmelfahrtskommando teilgenommen. Der Wunsch, es zu tun, war töricht, dessen war er sich bewusst, doch er war unleugbar vorhanden.

Und es war nicht die Mutprobe allein. Richard Sharpe war auf Beförderung aus. Er war mit sechzehn Jahren als einfacher Soldat in die Army eingetreten und hatte sich durch die Mannschaftsränge hochgedient, bis er Sergeant geworden war. Auf dem Schlachtfeld von Assaye hatte er Sir Arthur Wellesley das Leben gerettet und war mit dem Fernrohr und einem Offizierspatent belohnt worden. Ensign Sharpe, aufgestiegen aus der Gosse, aber nach wie vor ehrgeizig, musste immer noch Tag für Tag beweisen, dass er ein besserer Soldat war als die Söhne privilegierter Familien, die sich ihre Beförderung erkauften und mit ihrem Vermögen im Rücken mühelos aufstiegen.

Aus Ensign Sharpe wurde Lieutenant Sharpe, und in der neuen, dunkelgrünen Uniform der 95th Rifles hatte er sich durch Spanien und Portugal gekämpft – beim Rückzug von La Coruña, Rolica, Vimeiro, bei der Überquerung des Duero und in Talavera. Bei Talavera hatte er den französischen Adler erbeutet. Damals hatten Sergeant Harper und er sich inmitten eines feindlichen Regiments den Weg frei gehackt, hatten den Standartenträger niedergemacht und Wellesley die Trophäe überbracht. Der war zum Viscount Wellington of Talavera ernannt worden, und Sharpe hatte man kurz vor der Schlacht zum Captain befördert. Das hatte er sich am meisten gewünscht: Gelegenheit, seine eigene Kompanie zu befehligen. Doch seine Ernennung lag jetzt zweieinhalb Jahre zurück und war immer noch nicht bestätigt worden.

Er konnte es kaum glauben. Im Juli war er nach England heimgekehrt und hatte die letzten sechs Monate des Jahres 1811 damit verbracht, in London und den südenglischen Grafschaften Männer für das schrumpfende Regiment South Essex zu rekrutieren.

In London hatte man ihn gefeiert, der Patriotische Verein hatte ihm zu Ehren ein Festessen gegeben und ihm als Belohnung für die Eroberung des französischen Adlers einen Degen im Wert von fünfzig Guineen überreicht. Der Morning Chronicle hatte ihn den »narbenbedeckten Helden des Schlachtfeldes von Talavera« getauft, und plötzlich war, wenigstens ein paar Tage lang, jedermann darauf erpicht gewesen, den hoch gewachsenen, dunkelhaarigen Rifleman kennenzulernen und die Narbe zu sehen, die seinem Gesicht einen unnatürlich spöttischen Ausdruck verlieh.

Er hatte sich in der überdekorierten Weichlichkeit der Londoner Salons fehl am Platz gefühlt und hatte sein Unbehagen kaschiert, indem er sich schweigsamer Distanz befleißigte. Seine Zurückhaltung war von seinen Gastgeberinnen als gefährlich attraktiv empfunden worden. Sie hatten ihre Töchter ins obere Stockwerk verbannt und den Captain der Rifles für sich vereinnahmt.

Doch der Held des Schlachtfeldes von Talavera war dem Generalstab der Armee bei den Horse Guards nur zur Last gefallen. Es war ein Fehler gewesen, ein dummer Fehler, aber er hatte in Whitehall vorgesprochen und war dort in einen kahlen Warteraum geführt worden. Durch eine hohe, zerbrochene Fensterscheibe hatte er einige Tropfen herbstlichen Regens abbekommen, während er mit seinem mächtigen Kavalleriesäbel über den Knien da saß und ein pockennarbiger Mann aus der Schreibstube festzustellen versuchte, was aus seiner Ernennungsurkunde geworden war. Sharpe wollte einfach wissen, ob er tatsächlich Captain war, sanktioniert durch die Bestätigung der Horse Guards, oder nur ein Lieutenant mit geborgtem Rang. Der Schreiber hatte ihn drei Stunden warten lassen, war jedoch schließlich auf ihn zurückgekommen. »Sharpe? Mit ›e‹ am Ende?«

Sharpe hatte genickt. Um ihn herum hatte eine Schar auf halben Sold gesetzter Offiziere, die krank, lahm oder halb erblindet waren, neugierig zugehört. Sie waren alle auf der Suche nach einem Posten und hofften, dass Sharpe eine Enttäuschung erleben würde. Der Schreiber hatte Staub von den Papieren in seiner Hand geblasen.

»Ihre Uniform entspricht nicht den Vorschriften.« Er hatte Sharpes dunkelgrüne Jacke mit einem Seitenblick bedacht. »Das South Essex Regiment, sagten Sie?«

»Jawohl.«

»Aber das ist doch, wenn ich mich nicht irre, und ich irre mich selten, die Uniform des 95th Regiments?« Der Schreiber hatte ein leises, selbstzufriedenes Lachen von sich gegeben, als ginge es darum, einen kleineren Sieg zu feiern. Sharpe hatte nichts gesagt. Er trug die Uniform der Rifles, weil er stolz war auf sein altes Regiment, weil seine Abstellung zum South Essex nur als vorübergehende Angliederung gedacht war. Wie hätte er diesem beschränkten Bürokraten klar machen sollen, was es bedeutet hatte, eine kleine Schar von Rifles aus den Schrecken des Rückzugs nach La Coruña zu retten? Sich mit ihnen der Armee in Portugal anzuschließen, wo sie willkürlich den Rotröcken des South Essex zugeteilt worden waren? Der Schreiber hatte die Nase gerümpft und geschnüffelt. »Vorschriftswidrig, Mister Sharpe, in hohem Maße vorschriftswidrig.« Mit tintenbefleckten Fingern hatte er das oberste Blatt Papier aufgenommen. »Dies ist das fragliche Dokument.«

Er hatte Sharpes Ernennungsurkunde so angefasst, als könne er sich davon ein zweites Mal die Pocken holen. »Ihnen wurde 1809 der Rang eines Captains verliehen?«

»Von Lord Wellington.«

Mit diesem Namen war in Whitehall kein Staat zu machen. »Der es besser hätte wissen müssen. Meine Güte, Mister Sharpe. Er hätte es wirklich besser wissen müssen! Die Angelegenheit ist höchst irregulär.«

»Aber doch sicherlich nicht ohne Präzedenzfall?« Sharpe hatte dem Drang widerstanden, seinen Ärger an dem Schreiber auszulassen. »Ich dachte, es wäre Ihre Aufgabe, solche Dokumente zu bestätigen.«

»Oder abzulehnen!« Der Schreiber hatte wieder gelacht, und die auf halben Sold gesetzten Offiziere hatten gegrinst. »Oder sie abzulehnen, Mister Sharpe!«

Durch den Schornstein war Regen eingedrungen, sodass das kärgliche Kohlenfeuer im Kamin zischte. Der Schreiber, dessen magere Schultern vom lautlosen Gelächter zuckten, hatte einen Kneifer aus den Falten seiner Kleidung hervorgezogen und ihn sich aufgesetzt, als könne die Ernennungsurkunde, wenn man sie durch verschmierte Gläser betrachtete, neuen Anlass zur Heiterkeit bieten. »Wir lehnen sie ab, Sir, die meisten lehnen wir ab. Man lässt sie einmal durchgehen, und schon muss man sie immer durchgehen lassen. Das bringt das System durcheinander. Sie wissen schon. Es gibt gewisse Regeln, Vorschriften, Dauerbefehle!« Der Schreiber hatte den Kopf geschüttelt, weil offensichtlich war, dass Sharpe nicht verstanden hatte, wie es bei der Army zuging.

Sharpe hatte gewartet, bis das Kopfschütteln vorbei war. »Sie scheinen lange gebraucht zu haben, um über diese Ernennung zu entscheiden.«

»Und die Entscheidung ist noch nicht gefallen!«, hatte der Schreiber stolz gesagt, als sei die Tiefe der bei den Horse Guards versammelten Weisheit am Faktor der Zeit zu ermessen. »Um die Wahrheit zu sagen, Mister Sharpe, es wurde ein Fehler gemacht. Ein bedauerlicher Fehler, aber Ihr Besuch hat diesen Fehler rektifiziert.« Er hatte über den Rand seines Kneifers hinweg zu dem hoch gewachsenen Rifleman aufgeblickt. »Wir sind Ihnen wirklich höchst dankbar, dass Sie uns darauf aufmerksam gemacht haben.«

»Was für ein Fehler?«

»Die Akte war falsch abgelegt.« Der Schreiber hatte ein zweites Blatt Papier von der linken in die rechte Hand genommen. »Unter Lieutenant Robert Sharp, ohne ›e‹ am Ende, der 1810 am Fieber verstorben ist. Ansonsten waren seine Papiere in bester Ordnung.«

»Meine etwa nicht?«

»In der Tat, nein, aber Sie sind ja auch noch am Leben.« Der Schreiber hatte Sharpe verdrießlich angesehen. »Wenn ein Offizier in die Ewigkeit eingeht, gibt uns das Gelegenheit, seine Papiere zu ordnen.« Er hatte den Kneifer abgenommen und ihn an Sharpes gefalteter Ernennungsurkunde abgewischt. »Wir werden uns darum kümmern, Mister Sharpe, und zwar prompt. Das verspreche ich Ihnen. Prompt!«

»Bald?«

»Sagte ich das nicht? Es wäre falsch, mehr zu sagen.« Der Schreiber hatte seinen Kneifer weggesteckt. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen, es herrscht Krieg, und ich habe noch andere Pflichten zu erfüllen!«

Nachträglich hatte Sharpe eingesehen, dass es falsch gewesen war, Whitehall einen Besuch abzustatten, aber es war nun einmal geschehen, und ihm blieb nichts anderes übrig, als weiterhin zu warten. Gewiss, hatte er sich jeden Tag ein Dutzend Mal gesagt, konnten sie die Ernennung nicht einfach ablehnen. Doch nicht, nachdem er den Adler erbeutet hatte! Nachdem er das Gold aus der brennenden Stadt Almeida geschafft hatte, nachdem er die besten französischen Truppen in den Todesfallen von Fuentes de Onoro niedergemetzelt hatte?

Er starrte niedergeschlagen über das verschneite Land auf die Bresche in den Verteidigungsanlagen von Ciudad Rodrigo. Er wusste, dass er sich zu dem Himmelfahrtskommando hätte melden müssen. Hätte er es befehligt und dabei überlebt, hätte ihm niemand mehr den Rang eines Captains streitig machen können. Damit hätte er sich bewiesen, sich den Rang erobert, und die pockennarbigen Bürokraten von Whitehall hätten sich bis in die wohl geordnete Ewigkeit den Kopf kratzen können, weil sie nichts, aber auch gar nichts hätten tun können, um ihm die Ernennung zu verweigern. Sollten sie doch allesamt die Krätze kriegen!

»Richard Sharpe!« Hinter ihm ertönte freudig eine ruhige Stimme, und Sharpe drehte sich um.

»Sir!«

»Hab ich’s doch geahnt! Wusste ich doch, dass du wieder bei der Armee eingetrudelt bist.« Major Michael Hogan rutschte durch den Schnee auf ihn zu. »Wie geht es dir?«

»Mir geht es gut.« Sharpe richtete sich mühsam auf. Er wischte sich den Schnee vom Mantel und schüttelte Hogans behandschuhte Hand.

Der Pionier lachte ihn an. »Du siehst aus wie ein ersoffener Kesselflicker, wahrhaftig, aber ich freue mich, dich zu sehen.« Die Stimme des Iren klang tief und warm. »Wie war es in England?«

»Kalt und feucht.«

»Ah, na ja, England ist Protestantenland.« Hogan zog es vor, zu ignorieren, dass die spanische Landschaft um ihn herum ebenfalls eisig und nass war. »Und wie geht es Sergeant Harper? Hat ihm England gefallen?«

»Allerdings. Und was ihm daran besonders gefallen hat, war drall und hat gekichert.«

Hogan lachte. »Ein vernünftiger Mann. Wirst du ihn von mir grüßen?«

»Das werde ich.« Die beiden Männer blickten zur Stadt hinüber. Die britischen Belagerungsgeschütze, lange Vierundzwanzigpfünder, feuerten ununterbrochen. Ihr Krachen wurde vom Schnee gedämpft, und ihre Geschosse ließen von den Mauern zu beiden Seiten der Hauptbresche Schnee und Steinsplitter aufstieben. Sharpe warf Hogan einen Seitenblick zu. »Ist es Geheimsache, dass wir heute Nacht angreifen?«

»Ja, es wird geheim gehalten. Natürlich wissen wie immer alle Bescheid. Noch vor dem General. Gerüchteweise ist von sieben Uhr die Rede.«

»Ob in dem Gerücht wohl auch vom South Essex die Rede ist?«

Hogan schüttelte den Kopf. Er gehörte Wellingtons Stab an und wusste, was geplant war. »Nein, aber ich hatte gehofft, euren Colonel zu überreden, dass er mir deine Kompanie ausleiht.«

»Meine?« Sharpe war erfreut. »Warum?«

»Eine Kleinigkeit. Ich will dich und deine Jungs nicht etwa in die Bresche jagen, aber den Pionieren fehlt es wie immer an Personal, und es gibt einen Haufen Gerätschaften, die das Glacis hinaufgeschafft werden müssen. Wäre dir das recht?«

»Natürlich.« Sharpe fragte sich, ob er Hogan von seinem Wunsch erzählen sollte, sich zum Himmelfahrtskommando zu melden, aber er wusste, dass der irische Pionier ihn für verrückt halten würde, daher sagte er nichts. Stattdessen überließ er Hogan sein Fernrohr und wartete schweigend ab, während der Pionier die Bresche in Augenschein nahm. Hogan grunzte. »Die ist längst begehbar.«

»Ganz sicher?« Als Sharpe das Glas zurücknahm, tasteten seine Finger instinktiv über die eingelassene Messingplakette: »In Dankbarkeit. AW. 23. September 1803.«

»Sicher sind wir nie. Aber meiner Meinung nach besteht keine Aussicht, dass es besser wird.« Die Pioniere hatten die Aufgabe, Meldung zu machen, sobald eine Bresche »begehbar« war, sobald sich ihrer Meinung nach die Schutthalde von der angreifenden Infanterie erklimmen ließ. Sharpe blickte den kleinen, ältlichen Major an.

»Glücklich scheinen Sie darüber nicht zu sein.«

»Natürlich bin ich nicht glücklich. Niemand ist glücklich über eine Belagerung.« Wie vor ihm Sharpe versuchte sich nun Hogan vorzustellen, was für Schrecken die Franzosen jenseits der Bresche bereithielten.

Eine Belagerung war theoretisch die wissenschaftlichste aller Kampfformen. Die Angreifer schlugen Breschen in die Verteidigungsanlagen, und beide Seiten wussten, wann diese Breschen begehbar waren, doch alle Vorteile lagen auf Seiten der Verteidiger. Sie wussten, wo der Hauptangriff erfolgen würde und wann, und sie wussten ungefähr, wie viele Soldaten auf einmal durch die Bresche eindringen konnten.

An diesem Punkt hörte die Wissenschaft auf. Es erforderte großes Geschick, die Batterien aufzustellen und die Schützengräben richtig anzuordnen, aber wenn die Wissenschaft der Pioniere erst die Bresche geschlagen hatte, blieb es der Infanterie überlassen, die Mauern zu stürmen und im Schutt zu sterben.

Die Belagerungsgeschütze taten, was sie konnten. Sie würden bis zum allerletzten Augenblick schießen, wie sie jetzt schossen, doch bald würden die Bajonette ihre Arbeit übernehmen, und die Angreifer würden allein von roher Wut durch das lauernde Entsetzen getrieben werden. Sharpe empfand erneut die Angst, die mit dem Sturm auf eine Bresche verbunden war.

Der Ire schien seine Gedanken zu erahnen. Er klopfte Sharpe auf die Schulter. »Ich hab diesmal ein gutes Gefühl, Richard. Es wird schon alles gut gehen.« Er wechselte das Thema. »Hast du von deiner Frau gehört?«

»Von welcher?«

Hogan schnaubte. »Von welcher! Von Teresa natürlich!«

Sharpe schüttelte den Kopf. »Seit sechzehn Monaten nicht mehr. Ich weiß nicht, wo sie sich aufhält.« Ja, dachte er, nicht einmal, ob sie noch lebt. Sie kämpfte in der »Guerilla« gegen die Franzosen, im sogenannten »Kleinen Krieg«, und die Hügel und Felsen ihres Kampfgebietes waren nicht weit von Ciudad Rodrigo entfernt. Er hatte sie nicht wiedergesehen, seit sie sich vor Almeida getrennt hatten. Als er nun an sie dachte, spürte er in seinem Innern ein plötzliches Verlangen. Sie hatte das Gesicht eines Falken, schmal und grausam, schwarzes Haar und dunkle Augen. Teresas Schönheit war die eines edlen Degens: schlank und hart.

Seither hatte er in England Jane Gibbons kennengelernt, deren Bruder Lieutenant Gibbons versucht hatte, ihn bei Talavera umzubringen. Nun war Gibbons selbst tot. Jane Gibbons war eine Schönheit in dem Sinne, wie sich Männer Schönheit erträumen: blond und feminin und so schlank wie Teresa, doch da hörte die Ähnlichkeit schon auf. Die Spanierin konnte innerhalb von dreißig Sekunden das Schloss eines Baker-Gewehrs reinigen, konnte auf zweihundert Schritt einen Mann töten, konnte einen Hinterhalt legen und wusste, wie man einem gefangenen Franzosen einen langsamen Tod bereitete, als Vergeltung für die Vergewaltigung und Ermordung ihrer eigenen Mutter. Jane Gibbons dagegen verstand es, das Pianoforte zu spielen und einen wohlgesetzten Brief zu schreiben, sie wusste, wie man bei einem ländlichen Ball einen Fächer einsetzt, und fand Vergnügen daran, ihr Geld bei den Hutmacherinnen von Chelmsford zu lassen. Sie waren so gegensätzlich wie Stahl und Seide, doch Sharpe begehrte sie beide, obwohl ihm klar war, dass derlei Träume aussichtslos waren.

»Sie lebt«, sagte Hogan leise.

»Lebt?«

»Teresa.« Hogan musste es wissen. Trotz des Mangels an Pionieren hatte Wellington Hogan in seinen Stab aufgenommen. Der Ire sprach Spanisch, Portugiesisch und Französisch, konnte die feindlichen Codes entschlüsseln und verwandte viel Zeit darauf, mit den Guerilleros zusammenzuarbeiten oder mit Wellingtons Erkundungsoffizieren, die allein und in voller Uniform hinter den französischen Linien umher ritten. Hogan sammelte das, was Wellington als »Erkenntnisse« bezeichnete, und Sharpe wusste, dass Hogan Bescheid wissen musste, wenn Teresa noch am Kampf beteiligt war.

»Was genau haben Sie gehört?«

»Nicht viel. Sie hat sich längere Zeit allein im Süden aufgehalten, aber nun soll sie wieder in den Bergen sein. Ihr Bruder befehligt den Kampftrupp, nicht sie. Aber sie wird nach wie vor ›La Aguja‹ genannt.«

Sharpe lächelte. Er selbst hatte ihr diesen Beinamen verliehen: die Nadel. »Warum ist sie nach Süden gegangen?«

»Ich weiß es nicht.« Hogan lächelte ihm zu. »Kopf hoch. Du wirst sie wiedersehen. Außerdem würde ich sie selbst gern kennenlernen.«

Sharpe schüttelte den Kopf. Es war lange her, und sie hatte keine Anstrengungen unternommen, ihn zu finden. »Es muss eine letzte Frau geben, Sir, genau wie eine letzte Schlacht.«

Hogan brüllte vor Lachen. »Gott im Himmel! Eine letzte Frau. Du ewiger Pessimist! Als Nächstes wirst du mir mitteilen, dass du dich zur Priesterlaufbahn entschlossen hast.« Er wischte sich eine Träne von der Wange. »Eine letzte Frau, so was!« Er wandte sich ab, um noch einmal zur Stadt hinüber zu blicken. »Hör zu, mein Freund, ich muss mich nützlich machen, sonst bin ich der letzte Ire in Wellingtons Stab gewesen. Wirst du auch gut auf dich aufpassen?«

Sharpe grinste und nickte. »Ich werd’s schon überleben.«

»Eine nützliche Selbsttäuschung. Ich freue mich, dass du wieder da bist.« Er lächelte und begann durch den Schnee zu stapfen auf Wellingtons Hauptquartier zu.

Sharpe richtete erneut seine Aufmerksamkeit auf Ciudad Rodrigo. Überleben. Dies war eine schlechte Zeit, um zu kämpfen. Die Jahreswende war die Zeit, in der die Männer in die Zukunft blickten, in der sie von fernen Freuden träumten, von einem kleinen Haus und einer guten Frau, von abendlichen Freundesbesuchen. Der Winter war die Zeit, in der ganze Armeen in ihren Unterkünften blieben und darauf warteten, dass der Frühlingssonnenschein die Straßen trocknete und die Flüsse schrumpfen ließ. Doch Wellington war in den ersten Tagen des neuen Jahres abmarschiert, und die französische Garnison von Ciudad Rodrigo war eines kalten Morgens erwacht, um festzustellen, dass Krieg und Tod im Jahre 1812 früh eingetroffen waren.

Und Ciudad Rodrigo war erst der Anfang. Es gab nur zwei Straßen von Portugal nach Spanien, die das Gewicht der schweren Artillerie standhielten, das endlose Mahlen der Räder an den Munitionskarren, den stampfenden Marschtritt von Bataillonen und Schwadronen. Ciudad Rodrigo sicherte die nördliche Straße, und am heutigen Abend, wenn die Kirchenglocke siebenmal läutete, gedachte Wellington die Festung einzunehmen. Als Nächstes, wusste die gesamte Armee, wusste ganz Spanien, galt es die südliche Straße zu erobern. Aus Gründen der Sicherheit, um Portugal zu beschützen, um nach Spanien eindringen zu können, mussten die Briten beide Straßen kontrollieren. Und wenn sie die südliche Straße kontrollieren wollten, mussten sie zunächst Badajoz einnehmen.

Badajoz. Sharpe war dort gewesen, nach Talavera und bevor die spanische Armee die Stadt auf jämmerliche Weise den Franzosen überlassen hatte. Ciudad Rodrigo war groß, jedoch klein im Vergleich zu Badajoz. Im Schnee sahen die Mauern eindrucksvoll aus, doch neben den Bastionen von Badajoz hätten sie kümmerlich gewirkt. Richard Sharpe ließ seine Gedanken mit dem Kanonenrauch über Ciudad Rodrigo gen Süden ziehen, über die Berge hinweg, dorthin, wo die mächtige Festung dunkle Schatten auf die kalten Wasser des Rio Guadiana warf. Badajoz. Zweimal war es den Briten misslungen, den Franzosen die Stadt abzuringen. Bald mussten sie es wieder versuchen.

Er wandte sich ab und begab sich zurück zu seiner Kompanie am Fuße des Hügels.

Natürlich konnte es sein, dass ein Wunder geschah. Die Garnison von Badajoz konnte vom Fieber befallen werden, das Magazin konnte in die Luft fliegen, der Krieg konnte beendet werden, aber Sharpe wusste, dass das vergebliche Hoffnungen waren, beflügelt vom kalten Wind.

Er dachte an seinen Offiziersrang, an seine Beförderung, und obwohl er wusste, dass Lawford, sein Colonel, ihm niemals das Kommando über die Kompanie entziehen würde, fragte er sich immer noch, warum er sich nicht zu dem Himmelfahrtskommando gemeldet hatte. Dieser Schritt hätte seinen Rang gesichert. Obendrein hätte er damit die Probe bestanden, mit der Angst fertig zu werden, die jeden Mann ergriff, wenn er als Erster eine mit aller Macht verteidigte Bresche stürmte.

Aber er hatte sich nun einmal nicht gemeldet, und wenn er seine Tapferkeit, die er in der Vergangenheit so oft bewiesen hatte, bei der Erstürmung von Ciudad Rodrigo nicht beweisen konnte, würde er den Beweis eben später antreten.

In Badajoz.

KAPITEL 2

Die Befehle trafen am Spätnachmittag ein. Sie überraschten niemanden, ließen jedoch bei den Bataillonen stille Geschäftigkeit aufkommen. Bajonette wurden geschliffen und geölt. Musketen ein ums andere Mal überprüft. Währenddessen schlugen die Geschosse der Belagerungsgeschütze weiter in die französischen Bastionen ein, um die unsichtbar wartenden Kanonen zu zerstören. Grauer Rauch stieg von den Batterien auf und vereinigte sich mit den niedrigen, brodelnden Wolken, die von der Farbe her nassem Schießpulver glichen.

Sharpes Leichte Kompanie sollte, wie Hogan verlangt hatte, zusammen mit den Pionieren auf die größte Bresche vorrücken. Sie sollten riesige Säcke Heu mit sich führen, die man in den abschüssigen Graben werfen würde, um so ein mächtiges Polster zu schaffen, auf dem das Himmelfahrtskommando und die angreifenden Bataillone unversehrt landen konnten.

Sharpe sah zu, wie seine Männer nacheinander in die vordersten Schützengräben stiegen, jeder mit einem der grotesken vollgestopften Säcke in der Hand. Sergeant Harper ließ seinen Sack fallen, setzte sich darauf, knuffte ihn zurecht, bis er es bequem hatte, und lehnte sich dann zurück. »Besser als ein Federbett, Sir.«

Fast jeder Dritte in Wellingtons Armee stammte wie der Sergeant aus Irland. Patrick Harper war ein hünenhafter Mann, sechseinhalb Fuß muskelbepackter Selbstzufriedenheit, dem es längst nicht mehr seltsam vorkam, dass er in einer Armee kämpfte, die nicht seine eigene war. Der Hunger hatte ihn aus dem heimischen Donegal rekrutiert. In seinem Kopf hielten sich die Erinnerungen an seine Heimat, die Liebe zu ihrer Religion und Sprache und ein finsterer Stolz auf ihre alten Kriegshelden. Er kämpfte nicht für England, und schon gar nicht für das South Essex Regiment, sondern für sich und für Sharpe. Sharpe war sein Offizier, ein Rifleman wie er – und sein Freund, falls Freundschaft zwischen einem Captain und einem Sergeant überhaupt möglich war.

Harper war stolz, Soldat zu sein, und sei es in der Armee seiner Feinde, denn ein Mann konnte Stolz empfinden, wenn er gute Arbeit leistete. Eines Tages würde er vielleicht für Irland kämpfen, aber wie das geschehen sollte, konnte er sich nicht vorstellen, denn das Land wurde ständig niedergehalten und drangsaliert, jeder Funken Widerstand ausgelöscht.

Um die Wahrheit zu sagen, verschwendete er an diese Aussicht wenig Gedanken und Hoffnung, im Augenblick war er in Spanien, und seine Aufgabe bestand darin, die Leichte Kompanie des South Essex anzufeuern, zu disziplinieren, bei Laune zu halten und auf Vordermann zu bringen. Und diese Arbeit beherrschte er brillant.

Sharpe wies mit dem Kopf auf den Heusack. »Steckt vermutlich voller Flöhe.«

»Jawohl, Sir, vermutlich ja.« Harper grinste. »Aber an mir ist kein Platz für einen weiteren Floh.« Die ganze Armee war davon befallen, von Läusen heimgesucht, von Flöhen zerbissen, allerdings so an das unangenehme Gefühl gewöhnt, dass es kaum auffiel.

Morgen, dachte Sharpe, im warmen Ciudad Rodrigo, konnten sie sich allesamt nackt ausziehen, die Läuse und Flöhe ausräuchern und die Säume ihrer Uniformen mit einem heißen Eisen bearbeiten, damit die Nissen platzten. Aber das war morgen.

»Wo ist der Lieutenant?«

»Dem ist schlecht, Sir.«

»Betrunken?«

Harpers Gesicht nahm einen finsteren Ausdruck an. »Das steht mir nicht zu sagen an, Sir.« Und das, wusste Sharpe, sollte heißen, dass Lieutenant Harold Price in der Tat betrunken war.

»Wird er’s überstehen?«

»Wie immer, Sir.«

Lieutenant Price war neu in der Kompanie. Er stammte aus der englischen Grafschaft Hampshire, war der Sohn eines Schiffszimmermanns. Seine Spielschulden und mehrere ungewollte Schwangerschaften unter den Mädchen der Umgebung hatten seinen ernsthaften, frommen Vater überzeugt, dass der beste Ort für den jungen Price die Armee sei. Der Schiffszimmermann hatte für seinen Sohn ein Offizierspatent im Rang eines Ensigns gekauft, und vier Jahre später hatte er frohgemut die fünfhundertfünfzig Pfund ausgelegt, die dessen Beförderung zum Lieutenant sicherten. Der Vater hatte sich deshalb so gefreut, weil die freie Stelle für einen Lieutenant beim South Essex war, einem Regiment, das sich in sicherer Entfernung im Ausland aufhielt. Und er war froh über die Gelegenheit, den Abstand zwischen sich und seinem jüngsten Sohn so groß wie nur möglich zu halten.

Robert Knowles, Sharpes ehemaliger Lieutenant, war nicht mehr dabei. Er hatte den Rang eines Captains bei einem Füsilierbataillon erworben, sodass die freie Stelle entstand, in die Price nachgerückt war. Zunächst hatte Sharpe diese Änderung gar nicht bemerkt. Er hatte Price gefragt, warum er als Sohn eines Schiffszimmermanns sich nicht zur Marine gemeldet habe.

»Seekrank, Sir. Konnte nie aufrecht stehen.«

»Das kannst du doch nicht mal an Land.«

Price hatte ein paar Augenblicke gebraucht, um zu begreifen, dann hatte sich sein rundes, freundliches, auf irreführende Weise unschuldiges Gesicht zu einem Grinsen verzogen. »Sehr gut, Sir, sehr drollig. Aber, Sir, an Land, wenn Sie verstehen, hab ich wenigstens ständig festen Boden unter den Füßen. Ich meine, wenn man umfällt, weiß man immerhin, dass es am Schnaps liegt, nicht an dem verdammten Schiff.«

Sharpes Abneigung hatte nicht lange angehalten. Es war unmöglich, Lieutenant Price nicht gern zu haben. Sein Leben bestand darin, zielstrebig den Ausschweifungen nachzugehen, die ihm seine strenge, gottesfürchtige Familie untersagt hatte. Dabei bewahrte er sich genügend Vernunft, um sicherzustellen, dass er sich, wenn man von ihm erwartete, nüchtern zu sein, zumindest auf den Beinen halten konnte.

Die Männer von Sharpes Trupp mochten ihn und versuchten ihn zu beschützen, weil sie überzeugt waren, dass er nicht lange am Leben bleiben würde. Sie meinten, wenn er nicht durch eine französische Kugel starb, dann am Suff oder am Quecksilbersalz, das er gegen die Pocken schluckte, oder an einem eifersüchtigen Ehemann oder, wie Harper voller Bewunderung anmerkte, an schlichter Erschöpfung. Der große Sergeant blickte von seinem Heusack auf und wies auf den Schützengraben. »Da kommt er schon, Sir.«

Price grinste sie kläglich an und zuckte zusammen, als über seinen Kopf hinweg eine Kanonenkugel in Richtung Stadt jaulte. Dann starrte er Harper mit offenem Mund an. »Worauf sitzt du da, Sergeant?«

»Auf einem Heusack, Sir.«

Price schüttelte bewundernd den Kopf. »Himmel! So was könnte ruhig jeden Tag ausgegeben werden. Dürfte ich ihn mir ausleihen?«

»Mit Vergnügen, Sir.« Harper stand auf und winkte den Lieutenant großzügig heran.

Price brach zufrieden seufzend darauf zusammen. »Weck mich auf, wenn Glanz und Gloria rufen.«

»Jawohl, Sir. Welche ist noch mal Gloria?«

»Der irische Humor, o Gott, der irische Humor.« Price schloss die Augen.

Der Himmel verdunkelte sich. Die grauen Wolken wurden finster und brachten den unausweichlichen Moment immer näher.

Sharpe zog seinen mächtigen Kavalleriesäbel ein Stück aus der Scheide, fuhr prüfend über die geschärfte Schneide und steckte ihn wieder ein. Der schwere gerade Säbel war neben dem Gewehr eines der Symbole, die ihn zum Kämpfer machten. Als Offizier einer Leichten Kompanie hätte er sich an die Tradition halten müssen, die besagte, dass er einen Säbel der Leichten Kavallerie zu tragen habe. Doch ihm war die gebogene Klinge zuwider. Er benutzte stattdessen den geraden Säbel der Schweren Kavallerie mit schlechter Balance. Es war ein wahres Ungetüm von einer Waffe, fast vierzig Zoll klobigen Stahls, aber Sharpe war hoch gewachsen und kräftig genug, um ihn mühelos zu handhaben. Harper sah zu, wie Sharpe die Schneide mit dem Daumen prüfte. »Rechnen Sie damit, ihn zu brauchen, Sir?«

»Nein, wir müssen nicht weiter als bis zum Glacis.«

Harper grunzte. »Wer’s glaubt.« Er war dabei, sein Salvengewehr mit den sieben Läufen zu laden, eine extrem unorthodoxe Waffe. Ursprünglich für den Enterkampf entworfen bestand sie aus sieben Halbzoll-Läufen, die über eine einzige Zündpfanne gezündet wurden. Es war eine Art Miniaturkanone, und nur die größten und stärksten Männer konnten die Waffe abfeuern, ohne sich schwer die Schulter zu verstauchen. Der Gewehrbauer Henry Nock hatte davon nur sechshundert Stück angefertigt und der Royal Navy geliefert, aber der ungeheure Rückstoß hatte den Soldaten die Schulter zerschmettert, daher hatte man diese Erfindung in aller Stille ausrangiert. Der Büchsenmacher hätte sich gefreut, wenn er den riesigen Iren gesehen hätte, einen der wenigen Männer, die stark genug waren, um mit seiner Waffe fertig zu werden – wenn er gesehen hätte, wie dieser sorgfältig jeden der zwanzig Zoll langen Läufe lud. Harper gefiel die Waffe, sie zeichnete ihn ähnlich aus wie Sharpes schwerer Säbel, außerdem war das Gewehr ein Geschenk seines Captains gewesen, gekauft bei einem Krämer in Lissabon.

Sharpe zog seinen schweren Mantel fester um sich und spähte über den Wall hinweg in Richtung Stadt. Es gab wenig zu sehen. Der Schnee schien aus unzähligen metallischen Funken zu bestehen und zog sich glitzernd bis zum schrägen Glacis hin, einer Fortsetzung des Hügels, auf dem Ciudad Rodrigo erbaut war. An den dunklen Flecken im Schnee, wo die Artillerie der Belagerer nicht weit genug geschossen hatte, konnte er erkennen, wo die Bresche hinter dem Glacis verborgen lag. Das Glacis selbst war nicht geeignet, einem Infanterieangriff standzuhalten. Es handelte sich um einen Erdwall, der leicht zu erklimmen war. Er war vor den Verteidigungsanlagen aufgeschüttet worden, damit die Kanonenkugeln davon abprallen und kreischend über die Köpfe der Verteidiger hinwegfegen sollten. Außerdem hatte er Wellington gezwungen, die französischen Forts im umgebenden Hügelland einzunehmen. Dort konnte er die britische Artillerie hoch platzieren, sodass sie von oben herab über den Wall auf die Mauern schoss.

Hinter dem Glacis befand sich ein Graben, den Sharpe nicht sehen konnte, breit und mit Steinverkleidung, und hinter dem Graben befanden sich die neuen Befestigungen, die wiederum die mittelalterliche Stadtmauer verbargen. Die Kanonenkugeln waren in beide Mauern eingeschlagen, in die neue ebenso wie in die alte, und hatten eine Geröllhalde entstehen lassen. Aber die Verteidiger hatten mit Sicherheit grauenhafte Fallen aufgestellt, um die Lücke zu schützen.

Es war neun Jahre her, seit Sharpe an einer Belagerung teilgenommen hatte, dennoch konnte er sich noch deutlich an den heftigen Kampf erinnern, als die Briten den Hang hinauf in Richtung Gawilgarh gestürmt waren und sich in ein Labyrinth aus Mauern und Gräben geworfen hatten, das von den Indern mit ungestümem Heldenmut verteidigt worden war.

In Ciudad Rodrigo, dessen war er sich bewusst, würde es schwieriger werden. Nicht, weil die Männer, die diese Stadt verteidigten, bessere Soldaten waren, sondern weil sie wie Badajoz mithilfe modernster technischer Erkenntnisse verteidigt wurde.

Diese Verteidigungsanlagen hatten etwas schrecklich Präzises an sich, mit ihren Mauerattrappen und Vorschanzen, ihren mathematisch berechneten Bastionen und verborgenen Kanonen.

Sharpe wusste, dass die angreifenden Soldaten mit ihrem bis zum Äußersten erhöhten Pulsschlag, sobald sie durch die Bresche waren, in den Straßen der Stadt nicht mehr zu bremsen sein würden. Das war eine alte Erfahrung. Wenn sich eine Festung nicht ergab und ihre Verteidiger die Angreifer zwangen, im Ansturm ihr Blut zu vergießen, war nach altem Brauch – Soldatenbrauch – innerhalb der Festung jedermann der Rache der Angreifer ausgesetzt. Ciudad Rodrigo konnte nur hoffen, dass der Kampf kurz und schmerzlos ausfallen würde.

In der Stadt läuteten die Glocken zum Abendgebet. Die Katholiken der Kompanie, ausnahmslos Iren, bekreuzigten sich flüchtig und rappelten sich auf, als der Befehlshaber des South Essex erschien, der ehrenwerte William Lawford. Er bedeutete den Männern, sitzen zu bleiben, grinste beim Anblick des schnarchenden Price, nickte Harper freundlich zu, kam herüber und gesellte sich zu Sharpe.

»Alles bestens?«

»Jawohl, Sir.«

Sie waren im selben Alter, fünfunddreißig, aber Lawford war in die Offiziersmesse hineingeboren. Als er noch Lieutenant war, verloren und ängstlich in seiner ersten Schlacht, hatte Sergeant Richard Sharpe ihm ermutigend zur Seite gestanden, wie es Sergeants häufig mit jungen Offizieren tun. Später, als beide Männer in den Folterkammern von Tippu Sultan saßen, hatte Lawford Sharpe Lesen und Schreiben beigebracht. Diese Kenntnisse hatten es Sharpe ermöglicht, nachdem er einen Akt selbstmörderischer Tapferkeit begangen hatte, zum Offizier befördert zu werden.

Lawford starrte über den Wall zum Glacis hinüber. »Ich werde heute Abend dabei sein.«

»Jawohl, Sir.« Sharpe war sich darüber im Klaren, dass Lawford nicht mitzukommen brauchte, aber zugleich wusste er, dass er ihn nicht davon abbringen konnte. Er warf einen Seitenblick auf seinen Colonel. Wie üblich war Lawfords Uniform makellos. Über den sauberen gelben Besätzen seiner scharlachroten Jacke blitzte goldene Spitze. »Ziehen Sie sich einen Mantel über, Sir.«

Lawford lächelte. »Ich soll mich tarnen?«

»Nein, Sir, aber es wird sicher verdammt kalt werden, und wir alle schießen mit Vorliebe auf einen schmucken Colonel.«

»Ich werde das hier anziehen.« Lawford hielt einen reich geschmückten, mit Pelz besetzten Kavallerieumhang hoch. Er war nur mit einer Goldkette um den Hals zu befestigen, und Sharpe war sich sicher, dass er irgendwann aufwehen musste, sodass darunter die Uniform zum Vorschein kam.

»Damit können Sie Ihre Uniform nicht verbergen, Sir.«

»Nein, Captain.« Lawford lächelte. Er hatte leise gesprochen, und die Bemerkung hatte zu bedeuten, dass ihr Verhältnis zueinander trotz aller Beförderungen weiter bestand. Lawford war ein guter Offizier, der das South Essex von einem Regiment ängstlicher Männer in eine zähe, selbstbewusste Kampfeinheit verwandelt hatte. Aber das Soldatentum war nicht Lawfords Lebenszweck, vielmehr war es Mittel zum Zweck, zum politischen Zweck, und er wollte erreichen, dass seine Erfolge in Spanien ihm den Weg zur Macht in der Heimat ebneten. Wenn es ums Kämpfen ging, verließ er sich nach wie vor auf Sharpe, den geborenen Soldaten, und Sharpe war dankbar für das Vertrauen und die Freiheit, die er ihm ließ.

Jenseits des Flusses, in Portugal, glühten die Feuer des britischen Feldlagers hell im Dämmerlicht. In den Schützengräben fröstelten die Bataillone, die auf den Angriff warteten. Sie tranken dankbar den Rum, der an sie ausgeteilt wurde, und widmeten sich den kleinen Ritualen, die immer einer Schlacht vorangingen. Uniformen wurden zurechtgerückt, Gürtel bequemer gemacht, Waffen akribisch kontrolliert. Und immer wieder tasteten die Männer in Laschen und Beuteln nach den Talismanen, die sie am Leben erhielten. Eine Glück bringende Hasenpfote, eine Kugel, an der sie fast gestorben wären, ein Andenken an daheim oder nur ein blanker Kieselstein, der ihnen aufgefallen war, als sie unter schwerem Beschuss auf einem Schlachtfeld gelegen hatten.

Die Uhrzeiger rückten von der halben auf die volle Stunde vor.

Generäle versuchten sich voller Nervosität einzureden, dass ihre Pläne so perfekt seien wie nur irgend möglich. Brigadekommandeure machten viel Wind mit Befehlen in letzter Minute, und die Soldaten selbst hatten eine wachsame, angestrengte Miene aufgesetzt, wie sie an ihnen vor einem Ereignis zu beobachten ist, das ihren Tod verlangt, um denkwürdig zu sein. Tornister wurden aufgestapelt, um von Männern bewacht zu werden, die im Schützengraben zurückblieben. Bajonette wurden auf Musketenläufe geschoben und mit einer Umdrehung arretiert. Die Aufgabe, hatte General Picton angewiesen, sei mit kaltem Eisen zu erledigen, und in der Bresche würden sie keine Zeit zum Nachladen ihrer Musketen finden, mussten mit vorgestrecktem Bajonett nur immer weiter vorwärts drängen, dem Feind entgegen. Sie warteten auf den Einbruch der Nacht, rissen Witze, kämpften mit der eigenen Fantasie.

Um sieben Uhr war es ganz dunkel. Die große Kirchenglocke im Turm, der von Kanonenkugeln angeschlagen und narbenbedeckt war, schickte sich mit surrender Mechanik an, die volle Stunde zu schlagen. Der Laut war über die Schneefläche hinweg deutlich zu hören. Nun musste bald der Marschbefehl ergehen. Die Belagerungsgeschütze hörten auf zu schießen, und auf einmal trat Stille ein, die nach tagelangem Einhämmern auf die Verteidigungsanlagen unnatürlich erschien. Sharpe hörte vereinzelt Männer husten, mit den Füßen aufstampfen, und die leisen Geräusche erinnerten ihn auf entsetzliche Weise daran, wie klein und schwach die Menschen gegenüber den Mauern einer Festung waren.

»Vorwärts!«, befahlen die Brigadekommandeure. »Vorwärts!«

Lawford legte Sharpe die Hand auf die Schulter. »Viel Glück!«

Dem Schützen fiel auf, dass der Colonel immer noch keinen Mantel an hatte, aber nun war es zu spät. In den Schützengräben kam Bewegung auf, und ein gedämpftes Rascheln ertönte, als die Heusäcke herausgehoben wurden. Dann stand Harper neben ihm, und daneben, auf der anderen Seite des Sergeants, war Lieutenant Price aufgetaucht, blass und mit weit aufgerissenen Augen. Sharpe grinste ihnen zu. »Los jetzt.«

Sie stiegen auf den Schützentritt, kletterten über den Wall und marschierten schweigend auf die Bresche zu.

Das Jahr 1812 war angebrochen.

KAPITEL 3

Der Schnee war harsch und knirschte unter Sharpes Stiefeln. Hinter sich konnte er die Geräusche von Männern hören, die auf der weißen Fläche ausrutschten, deren Atem in der kalten Luft heiser klang und deren Ausrüstung klirrte, während sie den Aufstieg zum Glacis begannen.

Der obere Rand der Verteidigungsanlagen zeichnete sich vor einem schwach erhellten rötlichen Dunst ab, wo die Lichter der Stadt, Feuer und Wandfackeln, im nächtlichen Nebel glühten. Das erweckte einen unwirklichen Eindruck, aber Sharpe war es gewohnt, dass ihm in der Schlacht alles unwirklich erschien, vor allem im Augenblick, da er über den schneebedeckten Hang der schweigenden, erwartungsvollen Stadt entgegeneilte. Bei jedem Schritt rechnete er damit, dass plötzlich Geschützfeuer ausbrechen würde, begleitet vom Kreischen der Schrapnells. Doch die Verteidiger verhielten sich still, als wüssten sie nichts von der Menschenmenge, die sich schwerfällig über den Schnee nach Ciudad Rodrigo vorkämpfte. In höchstens zwei Stunden, wusste Sharpe, würde alles vorbei sein. Talavera war in einem Tag und einer Nacht eingenommen worden, bei Fuentes de Onoro hatte es fast drei Tage gedauert, aber kein Mann konnte den höllischen Sturm auf eine Bresche länger als ein bis zwei Stunden aushalten.

Lawford hielt sich neben ihm, seinen Umhang immer noch über dem Arm. Seine Goldspitze reflektierte das schwache rötliche Licht weiter vorn. Der Colonel grinste Sharpe an. Er sieht, dachte der Rifleman, ausgesprochen jung aus.

»Vielleicht schaffen wir’s, sie zu überraschen, Richard.«

Er brauchte nicht lange auf Antwort zu warten. Rechts und links vor ihnen hielten die französischen Kanoniere ihre Lunten an die Zündlöcher. Die Kanonen wurden von der Wucht der Detonationen zurückgeworfen und spuckten Kartätschen über das Glacis. Über den Mauern stiegen dichte, brodelnde Rauchwolken auf, die durch Stichflammen von innen heraus erleuchtet wurden. Die Flammen fauchten über den Graben hinweg und bohrten ihre Lichtzungen in den schneebedeckten Hang.

Auf den Kanonendonner, der so nahe war, dass einzelne Geräusche nicht mehr zu unterscheiden waren, folgten die Explosionen der Kartätschen. Es handelte sich um Metallhülsen, die bis zum Rand mit Musketenkugeln gefüllt waren und mit einer Pulverladung gezündet wurden. Die Kugeln jaulten herab. Der Schnee wies karmesinrote Sprenkel auf.

Ganz links wurden Rufe laut, und Sharpe wusste, dass die Leichte Division, die es auf die kleinere Bresche abgesehen hatte, über das Glacis stürmte, hinab in den Graben. Er glitt auf dem Schnee aus, fing sich und rief seinen Männern zu: »Vorwärts!«

Der Rauch wallte langsam vom Glacis herab, vom nächtlichen Wind gen Süden getrieben. Dann wurde er von der nächsten Salve der Kanoniere aufgehalten. Wieder barsten die Kartätschen, und die Masse der Männer eilte, angefeuert durch die Rufe ihrer Offiziere und Sergeants, den Hang hinauf in die trügerische Sicherheit des Festungsgrabens. Weiter hinten, jenseits der ersten Parallellinie, spielte eine Kapelle. Sharpe hörte einen Fetzen Musik, dann hatte er die Spitze des Hangs erreicht, und vor ihm lag finster der Graben.

Man war versucht, ein Stück vor dem höchsten Punkt stehen zu bleiben und die Säcke auf gut Glück in die Dunkelheit zu werfen, aber die Erfahrung hatte Sharpe gelehrt, dass die paar Schritte, vor denen ein Mann sich fürchtet, jene Schritte sind, auf die es ankommt. Er stellte sich neben Lawford auf die Kuppe und rief seinen Männern zu, sie sollten sich beeilen. Die Heusäcke verschwanden mit dumpfem Aufprall in der schwarzen Tiefe.

»Hier entlang! Hier entlang!« Er führte sie nach rechts, weg von der Bresche. Ihre Aufgabe war beendet. Nun sprang das Himmelfahrtskommando in den Graben, und Sharpe empfand einen Anflug von Neid.

»Hinlegen! Hinlegen!« Er veranlasste seine Männer, am oberen Rand des Glacis zu Boden zu gehen. Die Kanonen donnerten so dicht über ihren Köpfen, dass die Leichte Kompanie die Berührung ihres heißen Atems spürte. Nun rückten von hinten die Bataillone nach, um dem Himmelfahrtskommando zu folgen. »Behaltet die Mauer im Auge!« Die Leichte Kompanie konnte den Angriff jetzt am besten dadurch unterstützen, dass man über den Graben schoss, sobald ein Ziel zu erkennen war.

Es herrschte vollkommene Finsternis. Aus dem Graben waren Geräusche zu hören. Scharrende Stiefel, kratzende Bajonette, ein gedämpfter Fluch und dann das Knirschen zahlreicher Füße auf Schutt. Sharpe schloss daraus, dass das Kommando die Bresche erreicht hatte und die Rampe aus zertrümmertem Mauerwerk erklomm. Am oberen Ende der Bresche blitzte grelles Musketenfeuer auf, die erste Gegenwehr, auf die das Himmelfahrtskommando traf, aber der Beschuss schien nicht schwer zu sein. Sharpe konnte hören, dass die Männer ihren Aufstieg fortsetzten.

»Bis jetzt …« Lawford ließ den Satz unvollendet.

Hinter ihnen kam Lärm auf. Sharpe drehte sich um und sah, dass die Angreifer die Kuppe erreicht hatten und sich kühn in den Graben warfen. Das Geschrei rührte daher, dass einzelne Männer die Heusäcke verfehlten oder ihren Kameraden auf dem Rücken landeten. Aber immerhin waren die vordersten Bataillone angekommen und rückten in der Dunkelheit vor. Sharpe vernahm das Knurren, das er aus Gawilgarh kannte. Dieser gespenstische Laut entstand, wenn sich Hunderte von Männern zusammendrängten und innerlich darauf vorbereiteten, in eine enge Bresche einzudringen, und er würde anhalten, bis die Schlacht entschieden war.

»Bis jetzt läuft alles gut!« Lawfords Gesicht zeigte einen nervösen Ausdruck. Es lief einfach zu gut. Das Kommando war wohl inzwischen dem Ende seines langen Aufstiegs nahe, die 45th und 88th waren ihm auf den Fersen, und die Franzosen hatten bisher nur mit ein paar Musketenschüssen reagiert und mit den Kartätschen, die weit hinten über den heraneilenden Reserveeinheiten explodierten. Sie mussten damit rechnen, dass in der Bresche noch etwas anderes auf sie wartete.

Auf der Mauer loderte eine Flamme auf und breitete sich aus wie ein Feuer, das trockenes Stroh erfasst. Dann erhob sie sich schwerfällig in die Luft und stürzte hinab in den Graben. Eine zweite Flamme folgte, dann noch eine. Die Bresche wurde taghell erleuchtet, als die Karkassen, ölgetränkte, feste Strohballen, die mit geteerter Leinwand festgezurrt waren, angezündet und in den Graben geworfen wurden, damit die Verteidiger ihre Ziele ausmachen konnten. Die Franzosen jubelten, ein triumphierender, verächtlicher Jubel, und die Musketenkugeln hieben in das Himmelfahrtskommando, das sich kurz vor dem höchsten Punkt der Geröllhalde zeigte. Doch der Jubel wurde vom 45th und vom 88th Bataillon erwidert, die nun heranstürmten, eine dunkle Masse im komplizierten Labyrinth des Grabens, und der Angriff begann wieder wie ein Kinderspiel auszusehen.

»Rifles!«, brüllte Sharpe. Ihm waren außer Harper elf Scharfschützen geblieben von den dreißig Angehörigen der Rifles, die er drei Jahre zuvor aus den Schrecken des Rückzugs von La Coruña gerettet hatte. Sie waren das Kernstück seiner Kompanie, die Spezialisten mit den grünen Jacken, deren moderne Baker-Gewehre auf dreihundert Schritt oder noch weitere Entfernung töten konnten, während die Muskete mit dem glatten Innenlauf, die Brown Bess, auf mehr als fünfzig Yards Entfernung praktisch nutzlos war. Er hörte das unverkennbare Krachen der Waffen, die weniger dumpf klangen als die Musketen, und sah einen Franzosen rückwärts umfallen, gerade als er versuchte, eine weitere Karkasse in die Bresche hinab zu werfen. Sharpe wünschte sich, mehr Schützen zur Verfügung zu haben. Er hatte einige seiner Rotröcke im Umgang mit der Waffe unterwiesen, hätte jedoch gern mehr gehabt.

Sharpe ging neben Lawford in Deckung. Die Franzosen schossen nun mit Schrapnell, das sich aus den Kanonenrohren ergoss wie Entenschrot aus einer Jagdflinte. Er hörte, wie die Kugeln über ihn hinwegpfiffen, entdeckte eine weitere Flamme, die den dicht gedrängten Bataillonen entgegen in den Graben stürzte. Aber im Feuerschein konnte er sehen, dass die rotberockten Briten bereits die Hälfte ihres Anstiegs hinter sich hatten. Das nahezu unversehrte Himmelfahrtskommando mit seinen vorgestreckten Bajonetten war nur noch wenige Schritte vom oberen Rand entfernt, während die untere Hälfte des Hangs von der dichten Marschformation der angreifenden Soldaten verdunkelt wurde.

Lawford berührte Sharpes Arm. »Das geht mir zu einfach!«

Musketen beschossen die Angreifenden, aber nicht genug, um ihr Vordringen aufzuhalten. Die Männer im Graben glaubten sich einem leichten Sieg nahe, und die Marschkolonne näherte sich der Bresche wie eine Schlange, die sich aus dem Graben wand. Der Sieg war nahe, nur Sekunden entfernt, und das Knurren wurde zum Jubel, der sich über der aufsteigenden Kolonne erhob.

Die Franzosen hatten sie kommen lassen. Sie gestatteten dem Kommando, bis zur Spitze der zerschmetterten Mauer vorzudringen, dann erst gaben sie ihre Verteidigung preis. Es erfolgte eine doppelte Explosion, grässlich und ohrenbetäubend, und Flammen schossen durch die Bresche.

Sharpe verzog das Gesicht. In den Jubel mischten sich Schreie und das Rasseln von Kartätschen. Da entdeckte Sharpe, dass die Franzosen zwei Kanonen aufgefahren hatten, in verborgenen Stellungen, tief im Innern der Mauern, zu beiden Seiten der Bresche, deren Schusslinie quer zum Angriff der Briten verlief. Es handelte sich nicht um kleine Kanonen, um Feldgeschütze, sondern um wahre Ungetüme, deren Flammen bis auf die andere Seite der dreißig Yards weiten Bresche reichten.

Das Himmelfahrtskommando verschwand, fortgerissen von einem Strudel aus Feuer und Kartätschen, und die Spitze der Marschkolonne wurde von den Schüssen der Kanonen zerfetzt, die die obere Hälfte der Bresche aufrissen und mit verächtlicher Leichtigkeit frei räumten. Das Knurren stockte, verwandelte sich in angstvolles Geschrei, und dann trat die Kolonne den Rückzug an, nicht vor den Kanonen, sondern vor einer neuen Gefahr.

Im rauchverhangenen Geröll tauchten Flammen auf, bläulichen Schlangen gleich, die zwischen den Steinen aufleuchteten, gezackte Blitze, die sich durch die angesengten Steine fortsetzten und die Minen berührten, die man in der Bresche vergraben hatte. Die Explosionen rissen den unteren Teil des Hangs auseinander, ließen Männer und Mauerwerk durch die Luft fliegen und sorgten mit ihrem Bersten dafür, dass der erste Angriff fehlschlug. Das Blutbad in der Bresche hatte begonnen, sich gegen die Briten zu wenden.

Noch war das Knurren zu hören. Die Männer aus Connaught und Nottinghamshire warfen sich erneut in die Bresche, stiegen über die verstümmelten Toten hinweg, vorbei an den geschwärzten, noch rauchenden Vertiefungen, wo die Minen hochgegangen waren, und die Franzosen riefen ihnen Beschimpfungen zu. Sie nannten sie Knabenschänder und Schwächlinge und ließen den Schimpfworten weitere brennende Karkassen, Holzscheite und Steinbrocken folgen, die über den Abhang rollten und einzelne Männer mitrissen in die blutgetränkte Tiefe der Bresche.

Die mächtigen Kanonen in ihren verborgenen Flankenstellungen wurden nachgeladen und auf ihre nächsten Ziele vorbereitet, und da kamen sie auch schon, hangelten sich die vor lauter Blut glitschige Rampe empor, bis wieder der Donner krachte, die Flammen der Bresche entgegenzüngelten und Myriaden von Splittern aus den Kartätschen das Geröll freiräumten.

Auch dieser Angriff war blutig abgeschlagen worden, aber es gab keinen anderen Gedanken als den, weiter voranzustürmen. Am Fuß der Rampe drängten sich die Männer der beiden Bataillone, die nun erneut mit vernunftwidrigem, überschwänglichem Heldenmut, wie ihn das Belagerungshandwerk verlangte, mit dem Aufstieg begannen.

Lawford hatte Sharpes Arm gepackt und beugte sich nun dicht an sein Ohr. »Diese verdammten Kanonen!«

»Ich weiß!« Sie schossen wieder, einige Augenblicke zu früh, und es war nicht zu übersehen, dass kein Soldat an ihrem Feuer vorbeikommen konnte. Sie waren im Herzen der dicken, niedrigen Stadtmauern vergraben, wo sie kein britisches Belagerungsgeschütz je erreichen konnte, es sei denn, Wellington hätte jede verborgene Stellung eine Woche lang unter Beschuss genommen, bis die gesamte Mauer, wie die Bresche selbst, in sich zusammenbrach. Im Licht der brennenden Karkassen zeigte sich, dass sich vor jeder Kanone ein Graben befand, der den Kanonieren Schutz vor ihren Feinden in der Bresche gewährte, und solange die beiden Kanonen schossen, quer und leicht gegeneinander versetzt, konnte es keinen Sieg geben.

Die Soldaten hatten erneut mit dem Aufstieg begonnen, langsamer diesmal, denn sie versuchten, auf der Hut vor den Kanonen zu sein und den Granaten zu entgehen, die die Franzosen den Hang herabschleuderten. Rötliche Explosionen trieben die verstreuten Angreifer noch weiter auseinander. Sharpe wandte sich an Harper. »Hast du geladen?«

Der hünenhafte Sergeant nickte, grinste und hielt das siebenläufige Salvengewehr hoch. Sharpe grinste ebenfalls. »Sollen wir mitmachen?«

Lawford brüllte sie an. »Was habt ihr vor?«

Sharpe zeigte auf die ihnen zugewandte Seite der Bresche. »Wir nehmen uns die Kanone vor. Was dagegen?«

Lawford zuckte mit den Schultern. »Seid vorsichtig!«

Zum Nachdenken war keine Zeit, sie konnten nur in den Graben springen und beten, dass sie sich nicht die Knöchel verrenkten oder brachen. Sharpe kam ungeschickt auf, rutschte auf dem Schnee aus, aber eine mächtige Hand packte seinen Mantel und riss ihn hoch. Dann rannten die beiden Männer am Boden des Grabens entlang.

Sie waren fast zwanzig Fuß tief gesprungen und hatten das Gefühl, als seien sie auf dem Grunde eines riesigen Kessels gelandet, in der Feuerschale eines Alchimisten, in die sich von oben herab die Flammen ergossen. Karkassen kamen herabgerollt, Musketen-und Kanonenfeuer wurde in die Tiefe gespuckt, und das Feuer erfasste das lebendige und tote Fleisch im Graben und erzeugte einen roten Widerschein an der Unterseite der niederen Wolken, die sich gen Badajoz wälzten.

Es gab nur einen Weg, in diesem Kessel zu überleben, und der bestand darin, hinaufzuklettern. Während Sharpe und Harper die Masse der Männer umrundeten, machten diese sich erneut an den Aufstieg, und dann meldeten sich die Kanonen zu Wort, und der Angriff wurde von Kartätschen abgeschlagen, die auf lodernden Schwingen heransausten.

Sharpe hatte die Abstände zwischen den Schüssen geschätzt und wusste, dass die französischen Kanoniere ungefähr eine Minute brauchten, um jede der gigantischen Kanonen zu laden. Er zählte im Kopf die Sekunden, während sich die beiden Männer zur Linken der Bresche an der massierten irischen Truppe vorbeidrängten.

Sie kämpften sich durch die Menge, hielten auf den äußersten Rand des Abhangs zu, doch der Ansturm der Männer riss sie mit, sodass Sharpe einen Augenblick lang annahm, sie müssten dabei auf die eigentliche Geröllhalde geraten. Dann schossen die Kanonen erneut, und die Männer wichen zurück. Etwas Nasses schlug Sharpe ins Gesicht. Der Angriff löste sich in kleine Gruppen auf. Ihm blieb eine Minute. »Patrick!«

Sie warfen sich in die Vertiefung neben der Bresche, hinein in den Schützengraben, hinter dem die Kanone versteckt lag. Er war bereits angefüllt mit Männern, die vor den Kartätschen Schutz suchten. Über ihnen waren die französischen Kanoniere höchstwahrscheinlich dabei, die Rohre zu säubern und in verzweifelter Hast die Beutel mit dem Pulver in die riesigen Mündungen zu stopfen, während andere Männer mit den sperrigen schwarzen Kartätschen warteten.

Sharpe gab sich Mühe, nicht an sie zu denken. Er spähte die Mauer empor, zum Rand der Brustwehr. Der befand sich hoch über ihnen, weit über mannshoch. Darum lehnte er sich gegen die Mauer, verschränkte die Hände und nickte dem Sergeant zu. Harper setzte den riesigen Stiefel auf Sharpes Hände, spannte den Hahn seines siebenläufigen Gewehrs und nickte zustimmend. Sharpe hob ihn an, und Harper stemmte sich hoch.

Der Ire wog so viel wie ein Bullenkalb. Sharpe schnitt vor lauter Anstrengung eine Grimasse, und dann kamen zwei der Connaught Rangers heran, als ihnen klar wurde, was er und Harper vorhatten, packten Harpers Beine und schoben ihn hinauf.

Plötzlich ließ das Gewicht nach. Harper hatte mit einer Hand den Rand der Brustwehr gepackt, ohne auf die Musketenkugeln zu achten, die neben ihm von der Mauer abprallten, legte mit der anderen das mächtige Gewehr auf den Rand, zielte blind und betätigte den Abzug.

Der Rückstoß warf ihn nach hinten, sodass er schmerzhaft am gegenüberliegenden Rand des Schützengrabens auftraf, aber er kam unter gälischen Flüchen wieder auf die Beine. Sharpe schrie seinen Landsleuten zu, auf die Mauer zu klettern und die Kanonenmannschaft anzugreifen, solange sie von dem ohrenbetäubenden Knall noch benommen war.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Sharpes Rivalen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen