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Sharpes Lösegeld

Über den Autor

Bernard Cornwell wurde 1944 in London geboren. Er arbeitete lange für die BBC, unter anderem in Nordirland, wo er seine Frau kennenlernte. Heute lebt er die meiste Zeit in den USA. Er ist Autor zahlreicher international erfolgreicher historischer Romane und Thriller. Die Sharpe-Serie, die er in den 80er Jahren zu schreiben begann, hat Kultstatus erreicht und wurde von der BBC mit Sean Bean in der Hauptrolle verfilmt.

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Richard Sharpe streifte die Stiefel von den Füßen, fasste sich mit beiden Händen ins Kreuz, beugte den Rücken nach hinten und grunzte vor Schmerz. »Ich hasse die verdammten Zahnräder«, sagte er.

»Was ist denn mit den verdammten Zahnrädern?«, fragte Lucille.

»Festgerostet«, sagte Sharpe und vertrieb eine Katze von dem Küchenstuhl, indem er ihn ankippte. »Das Schütz arbeitet nicht, ehe der Rost entfernt ist, und die Zahnräder sind seit Jahren nicht mehr geschmiert worden.« Ächzend setzte er sich. »Ich muss die Dinger bis aufs nackte Metall freiklopfen, und dann muss der Graben auch noch geräumt werden.«

»Das Schütz?« Lucille wusste nicht, was er meinte. Sie lernte die englische Sprache noch.

»Mit dem das Wasser gestaut wird, das im Graben zur Mühle fließt, Liebchen. Und der Graben ist voll mit Abfall.« Sharpe schenkte sich Rotwein ein. »Dafür brauche ich eine Woche.«

»Übermorgen ist Weihnachten«, sagte Lucille.

»Und?«

»Also ruhst du dich an Weihnachten aus«, bestimmte Lucille, »und der Graben und das Schütz und die verdammten Zahnräder ruhen sich auch aus. Schließlich ist es ein Feiertag. Ich brate dir eine Gans.«

Lucille nahm einen Haufen schmutziges Geschirr vom Tisch und folgte dem Gang zur Spülküche. Sharpe kippte den Stuhl zurück und beobachtete sie, und Lucille, die wusste, dass sie beobachtet wurde, wiegte betont die Hüften.

»Wenn du Essen willst«, rief sie dann aus dem Raum am Ende des Gangs, »der Herd braucht Holz.«

Sharpe sah auf, als eine Bö um die hohen Giebel des Bauernhauses pfiff. Vor einem Jahr, bei seiner Rückkehr aus dem Waterloo-Feldzug, war das große Giebeldach undicht gewesen, und an jeder Tür und jedem Fenster hatte es gezogen. Sharpe hatte das Dach neu gedeckt, die Fensterrahmen frisch verputzt und die Türen abgedichtet. Das hatte eine Stange Geld gekostet, das komplett aus dem Halbsold stammte, den er als pensionierter britischer Offizier erhielt, denn der Hof warf keinerlei Gewinn ab. Jedenfalls noch nicht, und ob er es je tun würde, stand zu bezweifeln.

»Verdammte Froschfresser mit ihren Steuern«, murrte Sharpe, als er Holz im Herd nachlegte. Er schloss die Tür der Feuerung und hängte seine nassen Stiefel zum Trocknen an den Kaminsims. Sie durften nicht allzu nah an die Wärmequelle gebracht werden, sonst wurde das Leder rissig, aber er hatte sein altes Gewehr über dem Kaminsims aufgehängt, und indem er einen Stiefel von der Mündung und den anderen vom Schloss baumeln ließ, stellte er sicher, dass sie am nächsten Morgen trocken sein würden. Er hielt inne, berührte den Gewehrkolben und versank in Erinnerungen.

»Vermisst du es?« Lucille war in die Küche zurückgekehrt.

»Ich habe gar nicht an die Army gedacht«, antwortete Sharpe, »sondern überlegt, morgen ein paar Füchse zu schießen, bevor sie uns die letzten Hühner und Enten wegholen. Danach muss ich wieder an die verdammte Mühle. Weihnachten hin oder her, ich muss die Zahnräder blank kriegen, den Graben ausräumen und die Radschaufeln erneuern. Gott allein weiß, wie lange das dauert.«

»Früher hätte uns das ganze Dorf geholfen, und am Ende der Arbeit hätten wir für die Leute ein Festessen gegeben.«

»Das war die gute alte Zeit«, erwiderte Sharpe, »und sie war zu gut, um Bestand zu haben. Ich brauche doch im Dorf gar nicht erst um Hilfe zu fragen, oder? Die erschießen mich eher, als dass sie mir zur Hand gehen.«

»Du musst ihnen Zeit lassen«, sagte Lucille. »Sie sind Bauern. Wenn du erst mal zwanzig Jahre hier gelebt hast, werden sie dich kennen.«

»Oh, die kennen mich ganz genau«, erwiderte Sharpe. »Sie weichen auf die andere Straßenseite aus, damit sie nicht dieselbe Luft atmen müssen wie ich. Es liegt an diesem verfluchten Malan. Der hasst mich wie die Pest.«

Lucille zuckte mit den Schultern. »Der arme Jacques ist noch immer ein treuer Anhänger Bonapartes«, sagte sie. »Er war gern bei der Armee. Und außerdem …« Sie zögerte.

»Außerdem was?« Sharpe sah sie auffordernd an.

»Es ist lange her, ich war noch ein Mädchen, und Jacques Malan dachte, er liebt mich. Er hat mir nachgestellt. In einer Nacht war er sogar auf dem Dach!« Sie klang empört. »Er hat durch mein Schlafzimmerfenster geguckt!«

»Und, hat er was Schönes gesehen?«

»Mehr, als er sehen sollte!«, rief Lucille. »Mein Vater war furchtbar wütend, dass Jacques es überhaupt wagte, an mich zu denken. Jacques war ein Bauer, und mein Vater war der Vicomte de Seleglise.« Sie lachte. »Aber Jacques ist kein schlechter Mensch. Er ist nur enttäuscht.«

»Er ist ein fauler Hund«, erwiderte Sharpe. »Ich habe das Holz für den Pfarrer geschlagen, und Jacques sollte es abholen, aber hat er das getan? Teufel, er tut nichts weiter, als das Geld seiner Mutter zu versaufen.« Wenn Sharpe an Jacques Malan dachte, wurde er jedes Mal wütend, denn Malan schien entschlossen zu sein, Sharpe durch seine Unfreundlichkeit aus dem Dorf zu ekeln. Der große Kerl war geschlagen von Waterloo heimgekehrt und saß seitdem schmollend im Dorf herum. Er arbeitete nicht, er hatte keine Einkünfte, er hockte nur herum und betrachtete wütend die Welt, die an ihm vorüberzog, träumte von der Zeit, als die Soldaten des Kaisers durch ganz Europa marschiert waren. Das übrige Dorf hatte Angst, sich mit ihm anzulegen, denn Jacques Malan besaß zwar weder Land noch Vermögen, aber er hatte einen unleugbar zwingenden Charakter und war stark wie ein Ochse. »Er war Sergent, richtig?«, fragte Sharpe.

»Ein Sergent der Kaiserlichen Garde«, bestätigte Lucille. »Der Alten Garde sogar.«

»Und ich bin der einzige Feind, der ihm geblieben ist, also besteht keine große Hoffnung, dass er mir hilft, den Graben zu säubern. Zur Hölle mit ihm«, sagte Sharpe. »Schläft Patrick?«

»Tief und fest«, sagte Lucille, dann runzelte sie die Stirn. »Warum sagt ihr, jemand schläft fest? Warum schlafen sie nicht locker? Ich finde eure Sprache verrückt.«

»Fest oder locker, wen kümmert es? Solange das Kind schläft, ist alles gut, oder? Also, was machen wir heute Abend?«

Lucille löste sich aus seinen Armen. »Erst einmal essen wir.«

»Und danach?«

Lucille ließ sich von ihm fangen. »Wer weiß?«, fragte sie, obwohl sie es wusste. Sie schloss die Augen und betete, dass Sharpe in der Normandie blieb, denn sie befürchtete, dass das Dorf ihn doch noch vertrieb. Ein Mann konnte ohne Freunde nicht leben, und Sharpes Freunde waren weit weg, zu weit weg, und sie wollte, dass er glücklich war.

Doch es war ihr Hof und das Haus ihrer Ahnen, und sie konnte den Gedanken, Seleglise zu verlassen, nicht ertragen. Lass uns bleiben, lieber Gott, betete sie, mach Richard hier glücklich und lass uns bleiben.

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An Heiligabend wachte Sharpe frühmorgens auf. Er schwang sich aus dem Bett, nahm seine Kleidung vom Stuhl neben der Tür, blieb stehen und warf einen Blick auf seinen Sohn, der in seiner Wiege am Fußende des Bettes schlief, dann verließ er das Zimmer auf Zehenspitzen, um Lucille nicht zu wecken. Er eilte in die Küche, wo er sich, noch immer nackt, vor den Herd kauerte, am Aschenrost rüttelte und Holz nachlegte.

»Bonjour, Monsieur!« Die alte Marie, die einzige Dienstbotin, die sie noch beschäftigten, sah ihn aus der Speisekammer an.

»Du bist aber früh auf«, erwiderte Sharpe und bedeckte seine Blöße mit dem Hemd.

»Wer früh aufsteht, bekommt das Beste zu sehen«, entgegnete die alte Frau, »und ziehen Sie sich warm an, Monsieur, es wird schneien.«

»Hier schneit es nie«, sagte Sharpe.

»Genug, um des Teufels Schritte zu dämpfen«, sagte Marie unheilvoll und schloss die Tür der Speisekammer, damit Sharpe sich anziehen konnte.

Er zog sich sehr warm an, denn er wusste, dass die Kälte draußen brutal sein würde. Er nahm sein Gewehr vom Kaminsims und steckte ein paar Patronen ein.

Dann streifte er sich eine Wollmütze über, entriegelte die Hintertür und trat in den Hof, wo die Kälte ihn traf wie ein Keulenschlag. Er zog die Stalltür auf und ließ Nosey hinaus. Der Hund tollte und sprang, bis Sharpe ihm den Befehl zuknurrte, bei Fuß zu gehen.

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