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Sharpes Flucht

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Erster Teil
  7. KAPITEL 1
  8. KAPITEL 2
  9. KAPITEL 3
  10. KAPITEL 4
  11. KAPITEL 5
  1. Zweiter Teil
  2. KAPITEL 6
  3. KAPITEL 7
  4. KAPITEL 8
  5. KAPITEL 9
  6. KAPITEL 10
  1. Dritter Teil
  2. KAPITEL 11
  3. KAPITEL 12
  4. KAPITEL 13
  1. HISTORISCHE ANMERKUNGEN

Über den Autor

Bernard Cornwell wurde 1944 in London geboren. Er arbeitete lange für die BBC, unter anderem in Nordirland, wo er seine Frau kennenlernte. Heute lebt er die meiste Zeit in den USA. Er ist Autor zahlreicher international erfolgreicher historischer Romane und Thriller. Die Sharpe-Serie, die er in den 80er-Jahren zu schreiben begann, hat Kultstatus erreicht und wurde von der BBC mit Sean Bean in der Hauptrolle verfilmt.

Weitere Informationen finden Sie auf
www.bernardcornwell.net

Bernard Cornwell

SHARPES
FLUCHT

Richard Sharpe und der
Bussaco-Feldzug, 1811

Ins Deutsche übertragen von
Irene Anders

KAPITEL 1

Mister Sharpe hatte schlechte Laune. Allerschlechteste Laune. Er suchte Streit, hätte Sergeant Harper gesagt, und mit seiner Meinung über Captain Sharpe lag Sergeant Harper selten falsch. Sergeant Harper wusste nur allzu gut, dass er seinen Captain besser nicht in ein Gespräch verwickelte, wenn Sharpe in derart düsterer Stimmung daherkam. Andererseits liebte Harper die Gefahr. »Wie ich sehe, ist Ihre Uniform geflickt worden«, bemerkte er aufgeräumt.

Sharpe ignorierte die Bemerkung. Er marschierte einfach weiter, erklomm unter sengender Sonne den portugiesischen Berghang. Es war September des Jahres 1810, schon fast Herbst, doch die Hitze des Spätsommers lag wie ein Schmelzfeuer über der Landschaft. Auf dem Gipfel des Hügels, von dem Sharpe noch etwa eine Meile entfernt war, stand ein scheunenartiges, steinernes Gebäude neben einer dürren Signalstation. Die Station bestand aus einem schwarzen Lattengerüst, das einen hohen Mast stützte. Vom Mast aus ragten Signalarme bewegungslos in die Gluthitze des Nachmittags.

»Eine selten hübsche Flickarbeit ist das auf diesem Rock«, fuhr Harper fort, wobei er sich anhörte, als hätte er nicht eine Sorge auf der Welt. »Und ich erkenne, dass Sie das keineswegs selbst gemacht haben. Es sieht aus wie die Arbeit einer Frau, oder etwa nicht?« Die letzten drei Worte sprach er mit fragendem Unterton aus.

Sharpe sagte noch immer nichts. Während er den Hang hinaufstieg, schlug der schwere Kavalleriedegen gegen den Oberschenkel seines linken Beins. Um seine Schulter hatte er sein Baker-Gewehr geschnallt. Es war nicht vorgesehen, dass ein Offizier ebenso wie seine Männer ein Gewehr mit gezogenem Lauf bei sich trug, aber Sharpe war früher selbst einfacher Soldat gewesen, er war es gewohnt, mit einer ordentlichen Feuerwaffe in den Krieg zu ziehen.

»War es denn jemand, den Sie in Lissabon getroffen haben?«, ließ Harper nicht locker.

Sharpe kochte innerlich, tat aber so, als habe er nichts gehört. Sein Uniformrock, der, wie Harper bemerkt hatte, anständig geflickt worden war, wies die grüne Farbe der Schützen auf. Und ein Schütze war er gewesen. Besser gesagt, er betrachtete sich noch immer als Schütze, einen der Elite-Männer, die mit dem Baker-Gewehr ausgerüstet waren und statt des Rot das dunkle Grün am Leib trugen. Aber die Wellen des Krieges hatten ihn und ein paar seiner Männer in ein Regiment von Rotröcken verschlagen. Inzwischen befehligte er die Leichte Kompanie des South Essex Regiments, die ihm den Hügel hinauf folgte. Die meisten der Männer trugen die roten Röcke der britischen Infanterie und waren mit Musketen mit glattem Lauf ausgerüstet, doch die Schützen hatten ihre alten grünen Röcke behalten und kämpften weiter mit dem Baker-Gewehr.

»Wer also war sie?«, fragte Harper schließlich.

»Sergeant Harper.« Endlich hatte er Sharpe zum Sprechen gebracht. »Wenn Sie sich verdammten Ärger einhandeln wollen, dann reden Sie verdammt noch mal weiter.«

»Sehr wohl, Sir«, erwiderte Harper grinsend. Er war ein Mann aus Ulster, ein Katholik und ein Sergeant, und als solcher hätte er mit einem Engländer, einem Heiden und Offizier, nicht befreundet sein sollen, aber er war es dennoch. Er mochte Sharpe und wusste, dass auch Sharpe ihn mochte, auch wenn er

jetzt so schlau war, kein Wort mehr zu sagen. Stattdessen pfiff er die Anfangstakte von »I Would That the Wars Were All Done«.

Unvermeidlich musste Sharpe an den Text denken, der mit der Melodie einherging: »Eines Morgens in den Wiesen, auf denen der Tau nur so perlte, pflückte ein reizendes Mädchen ach so blaue Veilchen. Ich wollt’, die Kriege wären alle vorbei.« Harpers subtile Unverschämtheit ließ ihn in Gelächter ausbrechen. Dann verfluchte er den Sergeant, der ein triumphales Grinsen aufsetzte. »Es war Josefina«, gab Sharpe sich geschlagen.

»Miss Josefina also – wie geht es ihr denn?«

»Nicht schlecht«, äußerte sich Sharpe vage.

»Es freut mich, das zu hören«, erwiderte Harper mit echtem Gefühl. »Sie haben also Ihren Tee mit ihr eingenommen, ist das richtig, Sir?«

»Ich habe meinen verdammten Tee mit ihr eingenommen, ja, Sergeant, das ist richtig.«

»Selbstredend taten Sie das«, sagte Harper. Ein paar Schritte legte er schweigend zurück, dann beschloss er, erneut sein Glück zu versuchen. »Und ich dachte, Sie hätten eine Schwäche für Miss Teresa, Sir.«

»Miss Teresa?«, fragte Sharpe, als wäre ihm der Name geradezu unbekannt. Dabei hatte er in den letzten paar Wochen beinahe unaufhörlich an das Mädchen mit dem Habichtgesicht, das mit den Partisanentruppen an der Grenze zu Spanien ritt, gedacht. Er blickte den Sergeant an, auf dessen breitem Gesicht ein Ausdruck friedvoller Unschuld lag. »Ja, ich kann Teresa recht gut leiden«, erwiderte Sharpe trotzig. »Aber ich weiß ja nicht einmal, ob ich sie überhaupt je wiedersehe.«

»Aber Sie würden gern«, stellte Harper klar.

»Natürlich würde ich gern. Na und? Mädchen, die man wiedersehen will, gibt es nun einmal, aber deshalb benimmt man sich doch noch lange nicht wie ein verdammter Heiliger und wartet auf sie.«

»Auch wieder richtig«, gestand Harper ein. »Und jetzt verstehe ich auch, weshalb Sie nicht zu uns zurückkommen wollten, Sir. Sie haben dort gesessen und Ihren Tee getrunken, während Miss Josefina nähte, und ich bin sicher, Sie haben sich beide prächtig unterhalten.«

»Ich wollte nicht zurückkommen«, fiel Sharpe ihm scharf ins Wort, »weil mir verdammt noch mal ein Monat Urlaub versprochen worden war. Ein Monat! Und bekommen habe ich eine Woche!«

Harper hegte nicht das geringste Mitgefühl. Der Monat Urlaub war Sharpe als Belohnung zugedacht gewesen, weil er hinter den feindlichen Linien einen Goldschatz erobert und zurückgebracht hatte, aber an diesem Einsatz hatte die gesamte Leichte Kompanie teilgenommen, und niemand hatte vorgeschlagen, auch der Rest von ihnen solle einen Monat Urlaub bekommen. Andererseits konnte Harper Sharpes Ärger verstehen, denn der Gedanke, einen ganzen Monat in Josefinas Bett zu verbringen, hätte selbst einen Bischof dazu gebracht, sich dem Trunk zu ergeben.

»Eine verdammte Woche«, knurrte Sharpe. »Verdammte Armee von Bastarden.« Er trat einen Schritt vom Weg herunter und wartete, bis die Kompanie zu ihm aufgeschlossen hatte. In Wahrheit hatte seine schlechte Laune mit seinem gekürzten Urlaub wenig zu tun, aber er konnte Sergeant Harper gegenüber nicht zugeben, was sie wirklich verursachte. Er starrte auf den Zug, suchte nach der Gestalt von Lieutenant Slingsby. Das war das Problem. Der verdammte Lieutenant Cornelius Verdammt-noch-mal-Slingsby.

Die Kompanie erreichte Sharpe, und die Männer setzten sich am Rand des Weges nieder. Sharpe befehligte jetzt eine Einheit von vierundfünfzig Mann, was einem Sonderkommando aus England zu verdanken war. Die Neuankömmlinge stachen aus der Menge heraus, weil sie leuchtend rote Röcke trugen. Die Uniformen der übrigen Männer waren in der Sonne ausgeblichen und mit braunem portugiesischen Stoff so achtlos geflickt, dass sie von Weitem eher wie Vagabunden und nicht wie Soldaten wirkten. Natürlich hatte Slingsby dagegen aufbegehrt. »Neue Uniformen, Sharpe«, hatte er begeistert geschnattert, »ein paar neue Uniformen, und die Männer werden fescher aussehen. Schöner neuer Baumwollstoff wird ihnen ein bisschen Schwung verleihen. Wir sollten welche bestellen.« Verdammter Narr, hatte Sharpe gedacht. Die neuen Uniformen würden schon rechtzeitig kommen, im Winter vermutlich, es hatte überhaupt keinen Sinn, früher danach zu fragen. Außerdem mochten die Männer ihre alten, bequemen Röcke, genau wie sie ihre französischen Tornister aus Ochsenleder mochten. Die neuen Männer hatten alle britische, von Trotters gefertigte Tornister, die über der Brust festgeschnallt wurden, bis man auf einem langen Marsch feststellen musste, dass ein glühend heißes Band aus Eisen einem die Rippen zusammenpresste. »Trotters Qualen« wurde dieses verdammte Ding genannt, und die französischen Tornister waren bedeutend bequemer.

Sharpe schritt die Kompanie ab, befahl jedem der Neuankömmlinge, ihm seine Feldflasche zu geben, und wie er erwartet hatte, war jede einzelne leer. »Ihr seid Narren«, sagte Sharpe. »Einteilen solltet ihr das. Nur einen Schluck auf einmal! Sergeant Read!«

»Sir?« Read, ein Rotrock und Methodist, salutierte vor Sharpe.

»Sorgen Sie dafür, dass niemand den Männern Wasser gibt, Sergeant.«

»Das werde ich tun, Sir, das werde ich tun.«

Die neuen Männer würden sich trocken wie Staub fühlen, kaum dass der Nachmittag vorüber war. Keuchend, mit zugeschwollenen Kehlen, würden sie nach Luft schnappen, aber zumindest würden sie sich nie wieder so töricht verhalten. Sharpe schritt die Kompanie weiter ab bis zu der Stelle, an die Lieutenant Slingsby die Nachhut geführt hatte. »Keine Nachzügler«, berichtete Slingsby mit dem Eifer eines Terriers, der glaubt, eine Belohnung zu verdienen. Er war ein kleiner Mann mit geradem Rücken und eckigen Schultern, der vor Tatendurst schier barst. »Mister Iliffe und ich haben sie angetrieben.«

Sharpe sagte nichts. Er kannte Cornelius Slingsby seit einer Woche, und in dieser Woche hatte er einen Hass auf den Mann entwickelt, der an Mordlust grenzte. Es gab keinen Grund für diesen Hass, es sei denn, man ließe Abneigung auf den ersten Blick als Grund gelten. Aber alles an Slingsby regte Sharpe auf, ob es sich um den Hinterkopf des Mannes handelte, der flach wie ein Schaufelblatt war, um seine hervorquellenden Augen, seinen schwarzen Schnurrbart, die geplatzten Äderchen auf seiner Nase, sein schnaufendes Lachen oder um seinen stolzierenden Gang. Bei seiner Rückkehr aus Lissabon hatte Sharpe feststellen müssen, dass sein Lieutenant, der verlässliche Robert Knowles, zum Adjutanten des Regiments ernannt und ersetzt worden war. »Cornelius ist so etwas Ähnliches wie ein Verwandter«, hatte der Lieutenant Colonel, der ehrenwerte William Lawford, Sharpe vage erklärt, »und Sie werden feststellen, dass er ein sehr angenehmer Mann ist.«

»Werde ich das, Sir?«

»Er ist erst spät der Armee beigetreten«, war Lawford fortgefahren, »deshalb ist er nicht mehr als Lieutenant. Gut, er wurde vorübergehend zum Captain ernannt, aber Lieutenant ist er immer noch.«

»Ich bin der Armee früh beigetreten, Sir«, hatte Sharpe erwidert, »und ich bin nicht mehr als Lieutenant. Vorübergehend zum Captain ernannt, natürlich, aber immer noch Lieutenant.«

»Ach, Sharpe.« Lawford schien leicht verzweifelt. »Niemand ist sich Ihrer Qualitäten mehr bewusst als ich. Wenn es einen freien Posten für einen Captain gäbe …« Er ließ diese Bemerkung in der Luft hängen, aber Sharpe kannte den Rest des Satzes zur Genüge. Er war zum Lieutenant befördert worden, und das kam bei einem Mann, der als des Lesens und Schreibens nicht mächtiger Private in die Armee eingetreten war, einem Wunder gleich. Man hatte ihn vorübergehend zum Captain ernannt, was bedeutete, dass er dementsprechend besoldet wurde, aber sein wahrer Rang blieb der eines Lieutenants. Die tatsächliche Beförderung konnte er nur erlangen, wenn er sich einen freien Posten als Captain kaufte oder – was weit weniger wahrscheinlich war – wenn Lawford ihn beförderte. »Ich schätze Sie, Sharpe«, war der Colonel fortgefahren. »Aber ich hege auch Hoffnungen für Cornelius. Er ist dreißig. Oder vielleicht einunddreißig. Alt für einen Lieutenant, doch er ist so spitz wie ein Wiesel, Sharpe, und er besitzt Erfahrung. Jede Menge Erfahrung.« Das war das Problem. Ehe er dem South Essex Regiment beitrat, war Slingsby im 55. gewesen, einem Regiment, das auf den Westindischen Inseln diente. Das Gelbfieber hatte die Reihen der Offiziere gelichtet, und so war Slingsby vorübergehend zum Captain aufgestiegen. Genauer gesagt hatte er als Captain die Leichte Kompanie des 55. Regiments befehligt, was ihn zu der Ansicht brachte, er verstünde vom Soldatenleben so viel wie Sharpe. Was womöglich stimmte, aber vom Kämpfen verstand er deutlich weniger. »Ich möchte, dass Sie ihn unter Ihre Fittiche nehmen«, hatte der Colonel seine Rede beendet. »Bringen Sie ihn weiter, Sharpe.«

Ins frühe Grab kann ich ihn bringen, hatte Sharpe säuerlich gedacht, aber er musste seine Gedanken für sich behalten. Noch immer tat er sein Bestes, um seinen Hass nicht durchblitzen zu lassen, als Slingsby jetzt hinauf zur Telegrafenstation wies. »Mister Iliffe und ich haben dort oben Männer gesehen, Sharpe. Etwa ein Dutzend, denke ich. Und einer sah aus, als trüge er eine blaue Uniform. Da oben sollte jetzt eigentlich niemand sein, oder etwa doch?«

Sharpe bezweifelte, dass Ensign Iliffe, ein Offizier, der gerade erst aus England herübergekommen war, irgendetwas gesehen hatte, wohingegen er selbst die Männer und ihre Pferde bereits fünfzehn Minuten zuvor entdeckt und sich seither gewundert hatte, was die Fremden dort oben auf dem Hügel zu suchen hatten. Offiziell galt die Telegrafenstation nämlich als verlassen. Für gewöhnlich war sie mit einer Hand voll Soldaten bemannt. Sie bewachten den Marine-Ensign, der die schwarzen Säcke bediente. Diese wurden an dem hohen Mast hinauf- und herabgezogen, um auf diese Weise Nachrichten von einem Ende Portugals zum anderen zu senden. Die Franzosen aber hatten die Kette bereits weiter im Norden durchtrennt, die Briten hatten sich von den Hügeln zurückgezogen, und aus irgendwelchen Gründen war diese Station nicht zerstört worden. Es war wenig sinnvoll, sie intakt zu belassen, sodass die Franzmänner sie benutzen konnten, also war Sharpes Kompanie vom Bataillon getrennt und damit beauftragt worden, die Station niederzubrennen.

»Könnte es ein Franzose sein?«, fragte Slingsby, eingedenk der blauen Uniform. Er klang beflissen, als wolle er den Hügel hinauf zum Angriff schreiten. Er war nur um drei Zoll größer als fünf Fuß und von einer Aura ständiger Bereitschaft umgeben.

»Macht nichts, wenn es ein verdammter Franzmann ist«, sagte Sharpe säuerlich. »Wir sind in der Überzahl. Ich werde Mister Iliffe nach oben senden, um ihn zu erschießen.«

Iliffe wirkte erschrocken. Er war siebzehn Jahre alt und sah aus wie vierzehn, ein grobknochiger Jüngling, dessen Vater ihm ein Patent gekauft hatte, weil ihm nichts anderes eingefallen war, was sich mit dem Jungen anfangen ließ. »Zeigen Sie mir Ihre Feldflasche«, befahl Sharpe.

Jetzt wirkte Iliffe wirklich schreckensstarr. »Sie ist leer, Sir«, gestand er und krümmte sich zusammen, als erwarte er, dass Sharpe ihn bestrafte.

»Sie wissen, was ich den Männern mit den leeren Feldflaschen gesagt habe?«, fragte Sharpe. »Dass sie Idioten sind. Aber Sie sind kein Idiot, denn Sie sind ja Offizier, und Offiziere, die Idioten sind, gibt es nicht.«

»Gut gesagt, Sir«, warf Slingsby ein und schnaufte gleich darauf. Er schnaufte immer, wenn er lachte, und Sharpe unterdrückte den Wunsch, dem Bastard die Kehle durchzuschneiden.

»Da, nehmen Sie Ihr Wasser«, sagte Sharpe und warf die Feldflasche Iliffe wieder zu. »Sergeant Harper! Weitermarschieren!«

Es dauerte eine weitere halbe Stunde, bis sie die Kuppe des Hügels erreichten. Bei dem scheunenähnlichen Gebäude handelte es sich offenbar um eine Kapelle, denn in eine Nische über der Tür war eine lädierte Statue der Jungfrau Maria montiert. Der Mast des Telegrafen war gegen den Ostgiebel der Kapelle gebaut worden, der half, das Gitterwerk aus dicken Latten zu stützen. Dieses trug wiederum die Plattform, auf der der Ensign seine obskure Tätigkeit ausgeübt hatte. Der Mast war jetzt verlassen, seine zerschlissenen Signalseile schlugen im scharfen Wind, der um die Hügelkuppe blies, gegen den geteerten Mast. Die schwarz gestrichenen Säcke waren abgenommen worden, aber die Seile, um sie in die Höhe zu ziehen und wieder herabzulassen, waren noch vorhanden. An einem von ihnen hing ein quadratisches weißes Tuch. Sharpe fragte sich, ob die Fremden auf dem Hügel diese provisorische Flagge wohl als Signal gehisst hatten.

Diese Fremden, ein Dutzend Zivilisten, standen neben der Tür der Kapelle. Bei ihnen befand sich ein Offizier der portugiesischen Infanterie. Sein blauer Mantel war zu einer Farbe verblichen, die dem französischen Blau täuschend ähnlich sah. Der Offizier trat jetzt vor, um sich Sharpe vorzustellen. »Ich bin Major Ferreira«, sagte er in gutem Englisch. »Und Sie sind?«

»Captain Sharpe.«

»Und Captain Slingsby.« Lieutenant Slingsby hatte darauf bestanden, Sharpe bei der Begegnung mit dem portugiesischen Offizier zu begleiten, genau wie er darauf bestand, seinen vorübergehenden Rang zu nennen, auch wenn er nicht länger das Recht hatte, ihn zu führen.

»Ich führe hier das Kommando«, bemerkte Sharpe lakonisch.

»Und was haben Sie vor, Captain?«, forderte Ferreira zu wissen. Er war ein hochgewachsener Mann, schlank und dunkel, mit einem sorgsam gestutzten Schnurrbart. Er legte das Verhalten und die Haltung eines privilegierten Mannes an den Tag, und dennoch bemerkte Sharpe an dem portugiesischen Major eine gewisse Beklommenheit, die Ferreira durch Schroffheit zu verbergen suchte. Und eben das reizte Sharpe zur Unverschämtheit. Er widerstand der Versuchung und sagte stattdessen die Wahrheit.

»Wir haben Befehl, den Telegrafen niederzubrennen.«

Ferreira wandte den Blick hinüber zu Sharpes Männern, die sich über die Kuppe des Hügels verteilten. Sharpes Worte schienen ihn zu erstaunen, dann aber bemühte er sich um ein Lächeln, das wenig überzeugend geriet. »Ich übernehme das für Sie, Captain. Es wird mir ein Vergnügen sein.«

»Ich führe meine Befehle selbst aus, Sir«, widersprach ihm Sharpe.

Ferreira nahm die Frechheit zur Kenntnis und bedachte Sharpe mit einem zweifelnden Blick. Eine Sekunde lang dachte Sharpe, der portugiesische Major habe vor, ihn zu tadeln, doch stattdessen nickte Ferreira knapp. »Wenn Sie darauf bestehen«, sagte er. »Aber tun Sie es schnell.«

»Schnell, Sir«, fiel Slingsby enthusiastisch ein. »Warum noch warten?« Er wandte sich Harper zu. »Sergeant Harper! Den Brennstoff, wenn Sie so freundlich sein wollen. Beeilung, Mann, Beeilung!«

Harper wandte den Blick Sharpe zu, um zu sehen, ob der die Befehle des Lieutenants guthieß, aber Sharpe ließ sich keine Reaktion anmerken. Also brüllte der große Ire das Dutzend Männer an, die mit Futternetzen der Kavallerie beladen waren. Die Futternetze waren mit Stroh vollgestopft, und sechs weitere Männer trugen Krüge mit Terpentin. Das Stroh wurde um die vier Träger der Telegrafenstation herum ausgebreitet und mit dem Terpentin getränkt. Eine Zeitlang sah Ferreira ihnen bei der Arbeit zu, dann ging er zurück zu den Zivilisten, die seit der Ankunft der britischen Soldaten einen beunruhigten Eindruck machten. »Alles bereit, Sir!«, rief Harper zu Sharpe hinüber. »Soll ich anzünden lassen?«

Slingsby ließ Sharpe nicht einmal genug Zeit für eine Antwort. »Keine Trödeleien, Sergeant!«, kommandierte er brüsk. »Zünden Sie an!«

»Warten Sie«, knurrte Sharpe in so schroffem Ton, dass Slingsby vor Schrecken blinzeln musste. Von Offizieren wurde erwartet, dass sie vor ihren Männern höflich miteinander umgingen, Sharpe aber hatte Slingsby wutschnaubend angefahren, und der Blick, den er ihm zuwarf, ließ den Lieutenant überrascht zurückweichen. Slingsby runzelte die Stirn, doch er sagte nichts, als Sharpe die Leiter zur Plattform des Mastes hinaufstieg, welche fünfzehn Fuß über dem Gipfel des Hügels schwebte. Drei Kerben in den Dielenbrettern verrieten, wo der Ensign seinen Dreifuß abgestellt hatte, um die benachbarten Telegrafenstationen zu beobachten und ihre Nachrichten zu entziffern. Die Station im Norden war bereits zerstört worden, doch sobald sich Sharpe nach Süden wandte, konnte er ein Stück hinter dem Fluss Criz und noch hinter den britischen Linien das nächste Telegrafengerüst erkennen. Lange würde er nicht mehr hinter den Linien liegen, dachte er. Marschall Massénas Armee flutete ins portugiesische Inland, und die Briten würden sich auf ihre jüngst errichteten Verteidigungslinien in Torres Vedras zurückziehen. Geplant war der Rückzug auf die neuen Befestigungsanlagen, wo man auf die Franzosen warten und ihre Angriffe entweder zurückschlagen oder zusehen wollte, wie die Gegner verhungerten.

Und um ihnen beim Verhungern zu helfen, ließen die Briten und Portugiesen ihnen nichts zurück. Jede Scheune, jede Speisekammer, jedes Vorratslager wurde leer geräumt. Das Getreide wurde auf den Feldern verbrannt, Windmühlen wurden zerstört und Brunnen mit Kadavern vergiftet. Die Einwohner jeder Stadt und jeden Dorfes im portugiesischen Inland wurden evakuiert und nahmen ihr Vieh mit. Sie erhielten Anweisung, sich hinter die Linien in Torres Vedras zu begeben oder sich ins Hochland zu schlagen, wohin die Franzosen ihnen schwerlich folgen würden. Man wollte erreichen, dass der Feind ein versengtes Land vorfand, in dem es nichts mehr für ihn zu holen gab, nicht einmal Telegrafenseile.

Sharpe löste eines der Signalseile und holte die weiße Fahne daran herab, die sich als großes Taschentuch aus feinem Leinen entpuppte – sorgsam umsäumt und mit den blau eingestickten Initialen PAF in einer Ecke. Ferreira? Sharpe blickte hinunter auf den portugiesischen Major, der ihn beobachtete. »Ihres, Major?«, fragte er.

»Nein«, rief Ferreira zurück.

»Dann ist es meines«, sagte Sharpe und steckte das Taschentuch ein. Er sah den Zorn in Ferreiras Gesicht und hatte sein Vergnügen daran. »Sie sollten vielleicht diese Pferde wegführen«, er nickte in Richtung der Tiere, die neben der Kapelle angepflockt standen, »ehe wir den Mast niederbrennen.«

»Danke, Captain«, erwiderte Ferreira eisig.

»Wird jetzt angezündet, Sharpe?«, fragte Slingsby von unten herauf.

»Nicht, bis ich von dieser verdammten Plattform herunter bin«, bellte Sharpe zurück. Ein letztes Mal blickte er sich um und entdeckte in der Ferne, in südöstlicher Richtung, eine kleine Wolke grauweißen Pulverrauchs. Er zog sein Fernrohr heraus, das kostbare Glas, das Sir Arthur Wellesley – der jetzige Lord Wellington – ihm geschenkt hatte, stützte es auf die Balustrade und kniete dann nieder, um nach dem Rauch zu sehen. Er konnte wenig erkennen, vermutete aber, dass er die britische Nachhut in Aktion beobachtete. Die französische Kavallerie musste ihnen zu nahe gekommen sein, und eins der Bataillone feuerte Salven ab, unterstützt von den Kanonen der Royal Horse Artillery. Er konnte den leisen Donner der weit entfernten Geschütze gerade noch ausmachen. Dann richtete er das Glas nach Norden, ließ die Linsen über eine raue Landschaft aus Hügeln, Felsen und kahl gefressenen Weiden wandern. Es war nichts zu sehen, nicht das Geringste, bis er plötzlich die Spur eines anderen Grüntons erkannte. Er riss das Glas zurück, brachte es in Position, und dann sah er sie.

Kavallerie. Französische Kavallerie. Dragoner in ihren grünen Röcken. Sie befanden sich mindestens eine Meile weit weg in einem Tal, bewegten sich aber auf die Telegrafenstation zu. Glänzend brach sich das Sonnenlicht auf ihren Schnallen, Verschlüssen und Steigbügeln, während Sharpe versuchte, sie zu zählen. Vierzig? Sechzig vielleicht, es ließ sich schwer schätzen, denn die Schwadron bewegte sich zwischen den Felsen im Herzen des Tals im Zickzack und entglitt immer wieder aus der Sonne in den Schatten. Sie schienen keine besondere Eile zu haben, und Sharpe fragte sich, ob sie entsandt worden waren, um die Telegrafenstation einzunehmen, die den vorstoßenden Franzosen genauso gute Dienste leisten würde wie zuvor den Briten.

»Wir bekommen Gesellschaft!«, rief Sharpe hinunter zu Harper. Anstand und Höflichkeit geboten, dass er es Slingsby mitteilte, aber er konnte sich kaum dazu durchringen, mit dem Mann ein Wort zu wechseln, also sprach er stattdessen mit Harper. »Mindestens eine Schwadron von grün berockten Bastarden. Etwa eine Meile entfernt, aber in ein paar Minuten könnten sie hier sein.« Er schob das Fernrohr zusammen, stieg die Leiter hinab und nickte dem irischen Sergeant zu.

»Stecken Sie’s an«, sagte er.

Die mit Terpentin getränkten Strohballen gingen lichterloh in Flammen auf, doch es dauerte ein paar Augenblicke, ehe die dicken Latten des Gerüsts Feuer fingen. Wie immer fasziniert von mutwilliger Zerstörung, sah Sharpes Kompanie hingerissen zu und ließ ein wenig Jubel ertönen, als die hohe Plattform endlich zu brennen begann. Sharpe war zum östlichen Rand des kleinen Gipfelplateaus gegangen, aber ohne die Höhe der Plattform konnte er die Dragoner nicht länger ausmachen. Hatten sie sich verzogen? Wenn sie gehofft hatten, den Signalmast intakt einzunehmen, beschlossen sie jetzt, wo sie den Rauch auf dem Gipfel sahen, vielleicht, sich die Mühe zu sparen.

Lieutenant Slingsby schloss sich ihm an. »Ich möchte keine große Sache daraus machen«, sagte er mit gesenkter Stimme, »aber Sie haben gerade äußerst grob mit mir gesprochen, Sharpe, in der Tat, äußerst grob.«

Sharpe sagte nichts. Er stellte sich vor, was es für ein Vergnügen sein musste, den kleinen Bastard auszuweiden.

»Das missfällt mir nicht um meinetwillen«, fuhr Slingsby, der noch immer gedämpft sprach, fort. »Aber es bekommt den Männern nicht gut. Überhaupt nicht gut. Es mindert ihren Respekt vor dem Patent des Königs.«

Sharpe wusste, dass er den Tadel verdiente, aber er war nicht gewillt, Slingsby auch nur um einen Zoll nachzugeben. »Sind Sie der Ansicht, die Männer respektieren das Patent des Königs?«, fragte er stattdessen.

»Selbstverständlich.« Die Frage schien Slingsby zu schockieren. »Ohne Zweifel.«

»Ich habe es nicht getan«, sagte Sharpe und fragte sich, ob das, was er in Slingsbys Atem witterte, Rum war. »Ich habe das Patent des Königs nicht respektiert«, fuhr er fort und beschloss zu glauben, dass er sich den Geruch nur eingebildet hatte. »Nicht, als ich noch zu den Mannschaften gehörte. Für mich waren die meisten Offiziere überbezahlte Bastarde.«

»Sharpe«, protestierte Slingsby, doch was immer er hatte sagen wollen, blieb ihm im Halse stecken, als er die Dragoner am Fuß des Hügels auftauchen sah.

»Ungefähr fünfzig von ihnen«, informierte ihn Sharpe. »Und sie kommen hierher.«

»Wir sollten vielleicht in Stellung gehen?« Slingsby wies auf den Hang im Osten, der mit Felsblöcken übersät war und somit eine Schützenlinie höchst effizient verbergen würde. Der Lieutenant straffte den Rücken und schlug die Hacken seiner Stiefel zusammen. »Es wäre mir eine Ehre, die Männer den Hügel hinabzuführen, Sharpe.«

»Es mag ja eine verdammte Ehre sein«, entgegnete Sharpe sarkastisch, »aber verdammter Selbstmord wäre es trotzdem. Wenn wir mit den Bastarden kämpfen«, fuhr er fort, »möchte ich lieber auf dem Gipfel sein statt verstreut an einem Hang. Dragoner mögen Schützenlinien, Slingsby. Da haben sie endlich mal Gelegenheit, ihre Säbel einzusetzen.« Er drehte sich zur Kapelle um. Die ihm zugewandte Mauer hatte zwei verrammelte Fenster, die seiner Einschätzung nach gute Schießscharten abgeben würden, falls er den Hügel verteidigen musste. »Wie lange haben wir noch bis zum Sonnenuntergang?«

»Zehn Minuten weniger als drei Stunden«, erwiderte Slingsby prompt.

Sharpe brummte. Er bezweifelte, dass die Dragoner angreifen würden, aber wenn sie es taten, konnte er sie leicht bis zur Dämmerung hinhalten, und nach Einbruch der Dunkelheit würde kein Dragoner in feindlichem Gebiet bleiben, weil er die Angriffe der Partisanen fürchtete. »Sie bleiben hier«, befahl er Lieutenant Slingsby. »Beobachten Sie sie, und tun Sie nichts, ohne mich zu fragen. Haben Sie mich verstanden?«

Slingsby wirkte gekränkt, wozu er durchaus ein Recht hatte. »Natürlich habe ich verstanden«, antwortete er mit Protest in der Stimme.

»Ziehen Sie keine Leute vom Gipfel ab, Lieutenant«, sagte Sharpe. »Und das ist ein Befehl.« Er schritt auf die Kapelle zu und fragte sich, ob seine Männer wohl in der Lage wären, in die vorsintflutlichen Wände ein paar Schießscharten zu hämmern. Das richtige Werkzeug hatten sie nicht dabei, weder Vorschlaghämmer noch Brecheisen, aber das Mauerwerk wirkte alt, und der Mörtel bröckelte.

Zu seiner Verblüffung vertraten Major Ferreira und einer der Zivilisten ihm den Weg zur Kapelle. »Die Tür ist verschlossen, Captain«, sagte der portugiesische Offizier.

»Dann trete ich sie ein«, erwiderte Sharpe.

»Aber es ist eine Kapelle«, sagte Ferreira tadelnd.

»Dann bete ich eben um Vergebung, nachdem ich sie eingetreten habe«, entgegnete Sharpe und versuchte, sich an dem Major vorbeizudrängen. Dieser hob eine Hand, um ihn aufzuhalten. Zornig starrte Sharpe ihn an. »Fünfzig französische Dragoner sind auf dem Weg hierher, Major«, sagte er. »Und ich werde diese Kapelle benutzen, um meine Männer zu schützen.«

»Ihre Arbeit hier ist erledigt«, gab Ferreira brüsk zurück. »Sie sollten jetzt gehen.« Sharpe sagte nichts. Stattdessen versuchte er noch einmal, an den beiden Männern vorbeizugelangen, aber sie schnitten ihm den Weg ab. »Ich erteile Ihnen einen Befehl, Captain«, beharrte der portugiesische Offizier. »Gehen Sie.«

Der Zivilist, der neben Ferreira stand, hatte seine Jacke ausgezogen und sich die Hemdsärmel aufgekrempelt, wobei enorme Arme zum Vorschein kamen, die beide mit zerbrochenen Ankern tätowiert waren. Bisher hatte Sharpe dem Mann wenig Beachtung geschenkt, er war höchstens beeindruckt von seiner imposanten Statur gewesen, jetzt aber sah er dem Zivilisten ins Gesicht und stieß auf pure Feindseligkeit. Der Mann war gebaut wie ein Preisringer, tätowiert wie ein Seemann, und in seinem vernarbten, brutalen Gesicht, das von atemberaubender Hässlichkeit war, stand eine unmissverständliche Botschaft. Er hatte eine breite Stirn, mächtige Kiefer, eine abgeflachte Nase und Augen, die Tieraugen glichen. Sie verrieten nichts als die Gier zu kämpfen, und diesen Kampf wünschte er sich Mann gegen Mann, Faust gegen Faust. Als Sharpe einen Schritt zurückwich, sah er enttäuscht aus.

»Ich sehe, Sie nehmen Vernunft an«, bemerkte Ferreira seidenglatt.

»Ich bin dafür bekannt«, entgegnete Sharpe, dann hob er die Stimme. »Sergeant Harper!«

Der große Ire kam um die Kapelle herum und erkannte die Lage. Der bullige Mann, noch größer und breiter als Harper selbst, der zu den stärksten Männern der Armee gehörte, hatte die Hände zu Fäusten geballt. Er sah aus wie eine Bulldogge, die darauf wartete, von der Leine gelassen zu werden, und Harper wusste, wie man tollwütige Hunde behandelte. Er ließ seine Salvenbüchse von der Schulter gleiten. Es war eine merkwürdige Waffe, die für die Royal Navy gefertigt worden und dazu gedacht war, vom Deck eines Schiffes aus benutzt zu werden. Die Schützen des Gegners sollten damit von ihren Kampfplattformen geschossen werden. Sieben Halbzoll-Läufe waren gebündelt, sie wurden durch ein einziges Flintenschloss abgefeuert, und für den Einsatz auf See hatte sich die mächtige Büchse als zu kraftvoll erwiesen. In bald der Hälfte der Fälle hatte sie dem, der sie abfeuerte, die Schulter gebrochen, aber Patrick Harper war groß genug, um die siebenläufige Büchse in seinen Händen klein erscheinen zu lassen. Wie beiläufig richtete er sie jetzt auf den viehischen Riesen, der Sharpes Weg blockierte. Der Hahn der Waffe war nicht gespannt, aber keiner der Zivilisten schien das zu bemerken. »Haben Sie Schwierigkeiten, Sir?«, fragte Harper unschuldig.

Ferreira wirkte erschrocken, wozu er allen Grund hatte. Harpers Erscheinen hatte ein paar der übrigen Zivilisten dazu gebracht, ihre Pistolen zu ziehen, und auf einmal sorgte das Entsichern der Waffen für Lärm auf dem Hügel. Major Ferreira, der ein Blutbad fürchtete, fuhr sie an, sie sollten die Waffen herunternehmen. Niemand gehorchte, bis der große Mann, der Bulle mit den mächtigen Fäusten, sie anbrüllte. Da erst sicherten sie hastig ihre Schlösser, nahmen die Waffen herunter und sahen verängstigt nach der Miene des großen Mannes. Bei allen Zivilisten handelte es sich um abgebrüht wirkende Kerle – sie erinnerten Sharpe an das Verbrecherpack, das den Osten Londons regierte, in dem er aufgewachsen war. Ihr Anführer aber, der Mann mit dem viehischen Gesicht und dem muskelbepackten Körper, war der merkwürdigste und Furcht einflößendste von ihnen allen. Er war ein Straßenkämpfer, davon kündeten die gebrochene Nase und die Narben auf Stirn und Wangen mehr als deutlich, aber Geld musste er auch besitzen, denn sein Leinenhemd war von guter Qualität, seine Hose aus dem besten Baumwollstoff geschneidert, und seine Stiefel mit ihren goldenen Troddeln waren aus weichem, teurem Leder gefertigt. Er sah aus, als sei er um die vierzig Jahre alt, auf dem Zenit seiner Lebenskraft, und seine schiere Größe verlieh ihm Selbstbewusstsein. Der Mann warf Harper einen Blick zu, allem Anschein nach schätzte er den Iren als möglichen Gegner ein, dann lächelte er unverhofft und hob seinen Mantel auf, den er, ehe er ihn anzog, abklopfte. »Was sich in dieser Kapelle befindet«, der große Mann machte einen Schritt auf Sharpe zu, »ist mein Eigentum.« Er sprach Englisch mit schwerem Akzent, und seine Stimme klang rau wie Schotter.

»Und wer sind Sie?«, verlangte Sharpe zu wissen.

»Gestatten Sie mir, senhor …«, begann Ferreira mit einer Vorstellung.

Der große Mann unterbrach ihn: »Mein Name ist Ferragus.«

»Ferragus«, wiederholte Ferreira, dann stellte er Sharpe vor: »Capito Sharpe.« Er starrte Sharpe an und zuckte dann mit den Schultern, wie um ihn wissen zu lassen, dass er auf die Ereignisse keinerlei Einfluss hatte.

Ferragus richtete sich vor Sharpe zu voller Größe auf. »Ihre Arbeit hier ist erledigt, Captain. Den Mast gibt es nicht mehr, also können Sie gehen.«

Sharpe trat aus dem Schatten des großen Mannes, setzte einen Schritt zur Seite, um ihn zu umrunden, und ging dann auf die Kapelle zu, wobei er das unverkennbare kratzende Geräusch vernahm, mit dem Harper den Hahn der Salvenbüchse entsicherte. »Vorsicht«, warnte der Ire. »Ein Zittern genügt, und dieses verfluchte Ding geht los. Es würde eine fürchterliche Schweinerei auf Ihrem Hemd anrichten, Sir.« Ferragus hatte sich umgedreht, um Sharpe aufzuhalten, aber die mächtige Büchse hielt ihn in Schach.

Die Tür der Kapelle war nicht verschlossen. Sharpe schob sie auf und brauchte einen Moment, bis sich seine Augen vom gleißenden Sonnenlicht auf die schattige Dunkelheit im Innern der Kapelle umgestellt hatten. Dann aber sah er, was sich darin befand, und fluchte.

Er hatte eine kärglich ausgestattete Landkapelle erwartet, wie er ihrer Dutzende gesehen hatte, doch stattdessen war das kleine Gebäude mit Säcken gefüllt – und zwar mit so vielen Säcken, dass nur ein schmaler Gang frei blieb, der zu einem roh gezimmerten Altar mit dem Bild einer blau gekleideten Jungfrau Maria führte. Diese war übersät mit kleinen Fetzen Papier, hinterlassen von verzweifelten Bauern, die auf der Suche nach einem Wunder auf den Gipfel des Hügels gepilgert waren. Jetzt richtete sich der Blick der Jungfrau traurig auf die Säcke. Sharpe zog seinen Degen und stach in einen hinein. Ein wenig Mehl, das aus dem Spalt rieselte, war sein Lohn. Er versuchte es bei einem anderen Sack und sah noch mehr Mehl auf die nackte Erde rieseln. Ferragus hatte beobachtet, was Sharpe getan hatte, und appellierte an Ferreira, der widerwillig die Kapelle betrat. »Meine Regierung hat Kenntnis davon, dass sich dieses Mehl hier befindet«, sagte er.

»Können Sie das beweisen?«, fragte Sharpe. »Sie haben doch sicher ein Dokument dafür, oder?«

»Es ist Angelegenheit der portugiesischen Regierung«, erwiderte Ferreira steif. »Und Sie gehen jetzt.«

»Ich habe Befehle«, konterte Sharpe. »Wir alle haben Befehle. Für die Franzosen sollen keine Nahrungsmittel zurückgelassen werden. Keine.« Er stach in einen weiteren Sack, dann fuhr er herum.

Ferragus betrat die Kapelle, sein Körper warf einen Schatten in den Eingang. In bedrohlicher Weise bewegte er sich durch den schmalen Gang zwischen den Säcken, den er in Gänze ausfüllte. Sharpe begann plötzlich laut zu husten und mit den Füßen zu scharren, während Ferreira sich zwischen die Säcke quetschte, um Ferragus an sich vorbeizulassen.

Der riesige Mann streckte Sharpe eine Hand entgegen. Darauf lagen Münzen, vielleicht ein Dutzend dicker Goldmünzen, größer als englische Guineen und vermutlich dem Gegenwert von Sharpes Sold für drei Jahre entsprechend. »Wir zwei können miteinander reden«, sagte Ferragus.

»Sergeant Harper«, rief Sharpe an dem aufragenden Ferragus vorbei nach draußen. »Was machen diese verdammten Franzmänner?«

»Halten Abstand, Sir. Bleiben uns hübsch vom Leib.«

Sharpe sah zu Ferragus auf. »Es überrascht Sie nicht, dass französische Dragoner im Anmarsch sind, habe ich recht? Sie haben sie erwartet, oder?«

»Ich bitte Sie, zu gehen«, sagte Ferragus und rückte näher an Sharpe heran. »Ich bin höflich, Captain.«

»Das schmerzt, was?«, fragte Sharpe. »Und was tun Sie, wenn ich nicht gehe?«

Ferragus war sichtlich keine Herausforderungen gewohnt, denn er schien zu zittern, als müsse er sich zwingen, Ruhe zu bewahren. »Ich habe Zugang zu Ihrer kleinen Armee, Captain«, sagte er mit seiner tiefen Stimme. »Ich kann Sie finden und dafür sorgen, dass Sie diesen Tag bereuen.«

»Wollen Sie mir drohen?«, fragte Sharpe ungläubig.

Major Ferreira, der hinter Ferragus stand, gab besänftigende Laute von sich, aber die beiden Männer ignorierten ihn.

»Nehmen Sie das Geld«, sagte Ferragus.

Als Sharpe gehustet und mit den Füßen gescharrt hatte, war er laut genug gewesen, um das Geräusch zu übertönen, das der Hahn seines Gewehrs beim Spannen machte. Es hing ihm von der rechten Schulter, die Mündung neben seinem Ohr, und jetzt bewegte er die rechte Hand auf den Abzug zu. Er sah auf die Münzen hinab. Ferragus musste den Eindruck gewonnen haben, Sharpe sei in Versuchung, denn er schob das Gold näher zu ihm. Sharpe sah ihm in die Augen und drückte ab.

Das Geschoss schlug in eine der Dachschindeln und füllte die Kapelle mit Rauch und Getöse. Das Geräusch machte Sharpe vorübergehend taub und lenkte Ferragus eine halbe Sekunde lang ab – die halbe Sekunde, die Sharpe brauchte, um sein Knie hochzuziehen und es dem großen Mann in die Lenden zu stoßen, gefolgt von einem Hieb der linken Hand, die er mit gestreckten Fingern in die Augen des Gegners stach. Dann traf die geballte Rechte auf den Adamsapfel. Er vermutete, dass er in einem fairen Kampf keine Chance gehabt hätte, aber genau wie Ferragus fand auch Sharpe, faire Kämpfe seien etwas für Narren. Er wusste, dass er Ferragus schnellstens niederringen und ihm so erheblichen Schmerz zufügen musste, dass sich der Riese nicht wehren konnte, und eben das hatte er innerhalb eines einzigen Herzschlags getan. Der große Mann beugte sich vor Qual vornüber und rang nach Luft. Sharpe schaffte ihn aus dem Weg, indem er ihn vor den Altar zerrte, dann ging er an dem entsetzten Ferreira vorüber. »Haben Sie mir etwas zu sagen, Major?«, fragte Sharpe, und als Ferreira wie betäubt den Kopf schüttelte, setzte er seinen Weg fort und trat hinaus ins Sonnenlicht. »Lieutenant Slingsby?«, rief er. »Was machen diese verdammten Dragoner?«

»Sie halten Abstand, Sharpe«, antwortete Slingsby. »Was war das für ein Schuss?«

»Ich habe einem portugiesischen Kumpan gezeigt, wie so ein Gewehr funktioniert«, erwiderte Sharpe. »Wie viel Abstand halten sie denn?«

»Mindestens eine Meile. Sie sind am Fuß des Hügels.«

»Behalten Sie sie im Auge«, wies Sharpe ihn an. »Und ich will dreißig Mann in dieser Kapelle. Sofort! Mister Iliffe! Sergeant McGovern!«

Er übertrug Ensign Iliffe das Kommando über die dreißig Männer, die die Säcke aus der Kapelle tragen sollten. Draußen sollten die Säcke aufgeschlitzt und ihr Inhalt über den Gipfel des Hügels verstreut werden. Ferragus humpelte aus der Kapelle. Seine Männer wirkten verstört und wütend, aber sie waren bei Weitem in der Unterzahl und konnten nichts tun. Ferragus vermochte wieder zu atmen, hatte jedoch noch immer Schwierigkeiten, aufrecht zu stehen. Erbittert sprach er auf Ferreira ein, doch dem Major gelang es, den Riesen zur Vernunft zu bringen. Endlich bestiegen sie alle ihre Pferde und ritten mit einem letzten zornigen Blick auf Sharpe den westlich gelegenen Weg hinunter.

Sharpe sah ihrem Rückzug zu, dann ging er, um sich zu Slingsby zu gesellen. Hinter ihm brannte der Telegrafenmast noch immer lichterloh, bis er plötzlich mit einem gewaltigen splitternden Geräusch und einer Explosion von Funken zur Seite krachte. »Wo sind die Franzmänner?«

»Dort in der Rinne.« Slingsby wies auf ein Stück totes Land beim Fuß des Hügels. »Sie sind vom Pferd gestiegen.«

Sharpe benutzte sein Fernrohr und entdeckte zwei der grün uniformierten Männer, die hinter ein paar Felsblöcke krochen. Einer von ihnen hatte ein Fernrohr dabei und beobachtete den Gipfel. Fröhlich winkte Sharpe dem Mann zu. »Nicht viel los mit denen, was?«, fragte er.

»Sie könnten vorhaben, uns anzugreifen«, mutmaßte Slingsby beflissen.

»Nur wenn sie lebensmüde sind«, erwiderte Sharpe. Er vermutete, dass sich die Dragoner von der weißen Fahne am Telegrafenmast hatten westwärtslocken lassen und dass sie jetzt, da ihnen statt der Fahne eine Rauchwolke entgegenwehte, nicht wussten, was sie tun sollten. Er richtete das Glas weiter nach Süden und entdeckte in dem Tal, wo die Hauptstraße am Fluss entlangführte, noch immer Rauch. Offensichtlich schlug sich die Nachhut wacker, doch schon bald würde sie sich zurückziehen müssen, denn der Hauptteil der feindlichen Armee kam jetzt als eine Anzahl dunkler Säulen, die durch die Felder marschierten, in Sicht. Sie waren noch weit entfernt, sogar durch das Glas kaum auszumachen, aber sie waren da, eine umschattete Horde, die gekommen war, um die Briten aus dem portugiesischen Binnenland zu vertreiben. L’Armée de Portugal nannten es die Franzosen, die Armee, die die Rotröcke bis nach Lissabon und von dorthinaus aufs Meer jagen sollte, sodass Portugal endlich unter die Trikolore gestellt werden konnte. Aber die Armee von Portugal sollte ihr blaues Wunder erleben. Marschall Masséna würde über leer gefegtes Land marschieren und sich dann jäh den Verteidigungslinien von Torres Vedras gegenüberfinden.

»Können Sie etwas sehen, Sharpe?« Slingsby trat näher, offenbar wartete er auf eine Gelegenheit, sich das Fernrohr zu borgen.

»Haben Sie Rum getrunken?«, fragte Sharpe, der schon wieder eine Fahne witterte.

Slingsby schien erst erschrocken, dann beleidigt. »Ich reibe ihn mir auf die Haut«, antwortete er verstimmt und klatschte sich ins Gesicht. »Es hält die Fliegen fern.«

»Sie tun was?«

»Ist ein Trick, den ich auf den Inseln gelernt habe.«

»Zum Teufel noch mal.« Sharpe schob das Glas zusammen und steckte es zurück in seine Tasche. »Da drüben sind Franzmänner«, sagte er und wies nach Südosten. »Tausende von gottverdammten, verfluchten Franzmännern.«

Er ließ den Lieutenant, der in die Ferne nach der Armee starrte, stehen und ging, um die Rotröcke anzutreiben, die eine Kette gebildet hatten und die Säcke am Hang des Hügels entleerten. Es sah inzwischen aus, als stünden sie knöcheltief im Schnee. Wie Pulverrauch rieselte das Mehl vom Gipfel, fiel weich, bildete Mulden, und noch immer wurden weitere Säcke aus der Tür geschleppt. Sharpe nahm an, dass es noch zwei Stunden dauern würde, ehe die Kapelle leer war. Er befahl zehn Schützen, bei den Arbeiten zu helfen, und schickte dafür zehn der Rotröcke, die sich Slingsby auf seinem Beobachtungsposten anschließen sollten. Er wollte vermeiden, dass seine Rotröcke in Klagen ausbrachen, sie hätten die ganze Arbeit zu machen, während die Schützen mit den leichten Aufgaben davonkamen. Er packte selbst mit an, stellte sich in die Reihe und warf Säcke aus der Tür, während der zusammengebrochene Telegrafenmast vor sich hin brannte. Vom Wind verstreute verkohlte Holzstücke übersäten das weiße Mehl mit schwarzen Flecken.

Slingsby erschien, gerade als die letzten Säcke aufgeschlitzt wurden. »Die Dragoner sind weg, Sharpe«, berichtete er. »Ich denke, sie haben uns gesehen und sind ihres Weges geritten.«

»Gut.« Sharpe zwang sich zu einem höflichen Tonfall. Dann ging er hinüber zu Harper, der zusah, wie die Dragoner von dannen ritten. »Hatten die keine Lust, mit uns zu spielen, Pat?«

»Dann hatten sie mehr Verstand als dieser Riese von einem Portugiesen«, sagte Harper. »Sie haben ihm ganz schön Kopfschmerzen verpasst, was?«

»Der Bastard wollte mich bestechen.«

»Ach ja, die Welt ist schlecht«, sagte Harper. »Und dabei träume ich ständig davon, mal ein kleines Bestechungsgeld abzustauben.« Er schlang sich das siebenläufige Gewehr um die Schulter. »Was haben diese Kerle also hier oben gemacht?«

»Nichts Gutes«, antwortete Sharpe und klopfte sich die Hände ab, ehe er seinen geflickten Rock zurechtzupfte, der jetzt mit Mehl bedeckt war. »Der verdammte Mister Ferragus hat dieses Mehl den Franzen verkauft, Pat, und dieser verdammte portugiesische Major steckt bis über seinen Arsch mit drin.«

»Haben sie Ihnen das jetzt erzählt?«

»Natürlich nicht«, erwiderte Sharpe. »Aber was sollten sie wohl sonst gemacht haben? Jesus! Sie haben eine weiße Fahne gehisst, um die Franzmänner wissen zu lassen, dass hier oben die Luft rein ist, und wenn wir nicht gekommen wären, Pat, dann hätten sie ihnen dieses Mehl verkauft.«

»Gott und die Heiligen bewahren uns vor dem Bösen«, murmelte Harper belustigt. »Wie schade, dass die Dragoner nicht zum Spielen gekommen sind.«

»Schade? Warum zum Teufel sollten wir ohne Grund kämpfen wollen?«

»Damit Sie sich eins ihrer Pferde hätten verschaffen können«, sagte Harper. »Deshalb natürlich.«

»Und weshalb sollte ich ein verdammtes Pferd wollen?«

»Weil Mister Slingsby eines bekommt, jawohl. Er hat es mir selbst erzählt. Der Colonel gibt ihm ein Pferd, jawohl.«

»Das geht mich verdammt noch mal nichts an«, erwiderte Sharpe, aber die Vorstellung von Lieutenant Slingsby hoch zu Ross ärgerte ihn nichtsdestotrotz. Ein Pferd, ob Sharpe eines wollte oder nicht, war ein Statussymbol. Verdammter Slingsby, dachte er, starrte auf die Hügel in der Ferne und sah, wie tief die Sonne schon gesunken war. »Gehen wir nach Hause«, sagte er.

»Ja, Sir«, sagte Harper. Er wusste genau, weshalb Mister Sharpe so schlechter Laune war, aber er durfte davon nichts verlauten lassen. Offiziere hatten gefälligst Waffengefährten zu sein, keine Erzfeinde.

Sie marschierten in die Dämmerung und ließen den weißen, von Rauch umwölkten Gipfel hinter sich. Vor ihnen lag die Armee und hinter ihnen der Franzose.

Der nach Portugal zurückgekommen war.

Miss Sarah Fry, die ihren Nachnamen immer gehasst hatte, klopfte mit der Hand auf den Tisch. »Auf Englisch«, beharrte sie, »auf Englisch.«

Tomas und Maria, die acht beziehungsweise sieben Jahre alt waren, blickten missmutig drein, gehorchten aber und wechselten von ihrer portugiesischen Muttersprache ins Englische. »Robert hat einen Ring«, las Tomas. »Sieh mal, der Ring ist rot.«

»Wann kommen die Franzosen?«, fragte Maria.

»Die Franzosen kommen überhaupt nicht«, erwiderte Sarah brüsk. »Weil nämlich Lord Wellington sie aufhalten wird. Welche Farbe hat der Ring, Maria?«

»Rouge«, erwiderte Maria auf Französisch. »Wenn also die Franzosen gar nicht kommen – weshalb beladen wir dann die Wagen?«

»Französisch haben wir dienstags und donnerstags«, sagte Sarah wiederum brüsk. »Und heute ist?«

»Mittwoch«, antwortete Tomas.

»Lies weiter«, sagte Sarah und blickte aus dem Fenster, wo die Bediensteten Möbelstücke auf einen Wagen luden. Die Franzosen kamen, und jeder war angewiesen worden, Coimbra zu verlassen und sich nach Süden in Richtung Lissabon zu begeben. Manche Leute behaupteten, bei der Ankunft der Franzosen handle es sich lediglich um ein Gerücht, und weigerten sich, aufzubrechen. Andere waren längst unterwegs. Sarah wusste nicht, was sie glauben sollte, sie war nur verblüfft, weil all die Aufregung ihr nicht unwillkommen war. Erst seit drei Monaten war sie als Gouvernante im Haushalt der Ferreiras, und sie vermutete, dass sie sich vom Einmarsch der Franzosen die Möglichkeit erhoffte, aus ihrer Stellung, die, wie sie inzwischen wusste, ein Fehler gewesen war, zu entkommen. Sie dachte über ihre ungewisse Zukunft nach, als sie bemerkte, dass Maria kicherte, weil Tomas gerade gelesen hatte, der Esel sei blau. Das war Unsinn, und Miss Fry war keine junge Frau, die Unsinn duldete. Sie schlug Tomas ihre Fingerknöchel auf den Kopf. »Welche Farbe hat der Esel?«, fragte sie.

»Braun«, antwortete Tomas.

»Braun«, stimmte Sarah zu und versetzte ihm einen weiteren gehörigen Schlag. »Und was bist du?«

»Ein Dummkopf«, sagte Tomas und fügte leise zischend hinzu: Cadela.

Das bedeutete »Hündin«, und Tomas hatte es ein wenig zu laut gesagt, was ihm einen kräftigen Hieb gegen die Wange eintrug. »Hässliche Sprache ist mir zuwider«, bekannte Sarah wütend und ließ einen zweiten Hieb folgen. »Und Unhöflichkeit ist mir ebenfalls zuwider, und wenn du keine guten Manieren an den Tag legst, werde ich deinen Vater bitten, dir Prügel zu verabreichen.«

Bei der Erwähnung von Major Ferreira waren die beiden Kinder mit einem Schlag aufmerksam. Düstere Stimmung senkte sich über den Unterrichtsraum, während sich Tomas durch die nächste Seite kämpfte. Für ein portugiesisches Kind war es unerlässlich, Englisch und Französisch zu lernen, wenn es als Erwachsener zu den Edelleuten gezählt werden wollte. Sarah fragte sich, warum sie nicht Spanisch lernten, aber als sie dem Major diesen Vorschlag unterbreitet hatte, hatte er sie wutschnaubend angesehen. Die Spanier, so hatte er erläutert, stammten von Ziegen und Affen ab, und seine Kinder würden ihre Zungen nicht mit der Sprache dieser Wilden beschmutzen. Also wurden Tomas und Maria von ihrer zweiundzwanzigjährigen, blauäugigen, blonden Gouvernante, die sich um ihre eigene Zukunft sorgte, in Englisch und Französisch unterrichtet.

Ihr Vater war gestorben, als Sarah zehn Jahre alt gewesen war. Ein Jahr darauf starb auch ihre Mutter, und Sarah war von einem Onkel aufgezogen worden, der widerwillig ihr Schulgeld bezahlt hatte, sich jedoch weigerte, ihr irgendeine Art von Mitgift zur Verfügung zu stellen, als sie achtzehn wurde. Mithin blieb ihr der lukrativere Teil des Heiratsmarkts versperrt, und sie wurde stattdessen Kindermädchen für die Sprösslinge eines englischen Diplomaten, der in Lissabon stationiert war. Dort hatte Major Ferreiras Frau sie kennengelernt und ihr angeboten, ihr ein doppelt so hohes Gehalt zu zahlen, wenn sie ihre beiden Kinder unterrichten würde. »Ich möchte, dass unsere Kinder Schliff erhalten«, hatte Beatriz Ferreira gesagt.

So war Sarah nach Coimbra gekommen, verpasste den Kindern Schliff und zählte die schweren Schläge der großen Uhr in der Halle, während Tomas und Maria abwechselnd aus »Frühe Freuden für kindliche Seelen« vorlasen. »Die Kuh ist nacktfarben«, las Maria.

»Nachtfarben«, verbesserte Sarah.

»Was ist nachtfarben?«

»Schwarz.«

»Und warum steht da dann nicht schwarz?«

»Weil da eben nachtfarben steht. Lies weiter.«

»Warum brechen wir nicht auf?«, fragte Maria.

»Diese Frage musst du deinem Vater stellen«, erwiderte Sarah und wünschte, sie hätte die Antwort selbst gekannt. Coimbra sollte allem Anschein nach den Franzosen überlassen werden, aber die, die das Sagen hatten, bestanden darauf, dass der Feind nichts als nackte Gebäude in der Stadt vorfinden durfte. Jedes Warenlager, jede Vorratskammer, jedes Geschäft sollte leer sein wie das Loch von Kirchenmäusen. Die Franzosen sollten in ein geplündertes Land einmarschieren und Hunger leiden, aber als Sarah sich mit ihren beiden jungen Schützlingen zu ihrem täglichen Spaziergang aufmachte, kam es ihr vor, als wären die meisten Lagerhäuser noch voll, und an den Kais am Fluss häuften sich britische Besitztümer zu Bergen. Ein paar der reichen Leute waren aufgebrochen und hatten ihren Besitz auf Wagen mitgenommen, doch Major Ferreira hatte offenbar beschlossen, bis zum letzten Augenblick zu warten. Er hatte Anweisung gegeben, das beste Mobiliar zur Vorbereitung auf einen Wagen laden zu lassen, aber er schien merkwürdig widerwillig, Coimbra zu verlassen. Bevor der Major nach Norden geritten war, um sich der Armee anzuschließen, hatte Sarah ihn gefragt, warum er den Haushalt nicht nach Lissabon schickte, und er hatte sie mit seinen glühenden Augen angestarrt, sichtlich verstört von ihrer Frage, dann aber hatte er ihr gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen.

Sie tat es aber trotzdem, und um Major Ferreira war sie ebenfalls besorgt. Er war ein großzügiger Arbeitgeber, doch der obersten Schicht der portugiesischen Gesellschaft entstammte er nicht. Unter Ferreiras Vorfahren befanden sich keine Aristokraten, es gab keine Titel und keinen größeren Landbesitz. Sein Vater war ein Professor der Philosophie gewesen, der unerwartet das Vermögen eines entfernten Verwandten geerbt hatte. Dieses Erbe ermöglichte es Major Ferreira, gut, aber keinesfalls im Überfluss zu leben. Eine Gouvernante wurde nicht danach beurteilt, wie gut sie mit den ihr anvertrauten Kindern zurechtkam, sondern nach dem sozialen Status der Familie, bei der sie angestellt war, und in Coimbra konnte Major Ferreira weder die Vorzüge der Aristokratie vorweisen, noch verfügte er über die Gabe großer Intelligenz, wie sie in der Universitätsstadt zutiefst bewundert wurde. Und dann erst sein Bruder! Sarahs Mutter, Gott sei ihrer Seele gnädig, hätte Ferragus als »gewöhnlich wie Straßendreck« beschrieben. Er war das schwarze Schaf der Familie, der mutwillige, missratene Sohn, der als Kind von zu Hause weggelaufen und als reicher Mann zurückgekehrt war, nicht um sich niederzulassen, sondern um die Stadt zu terrorisieren wie ein Wolf, der im Schafstall eine Heimat gefunden hat. Sarah hatte Angst vor Ferragus. Jeder mit Ausnahme des Majors hatte Angst vor Ferragus, und das war kein Wunder. Die Gerüchteküche in Coimbra nannte Ferragus einen üblen Gesellen, einen unehrlichen Gesellen, sogar einen Verbrecher, und dieser Schmutz färbte auf Major Ferreira ab, und sogar Sarah wurde ihrerseits davon beschmutzt.

Aber sie saß bei dieser Familie in der Falle, denn genug Geld, um ihre Rückreise nach England zu bezahlen, besaß sie nicht, und selbst wenn sie auf irgendwelchen Wegen dorthin gelangt wäre, wie hätte sie sich eine neue Stellung verschaffen sollen, ohne ein glänzendes Zeugnis von ihrem früheren Arbeitgeber vorzuweisen? Es war ein Dilemma, aber Miss Sarah Fry gehörte nicht zu den jungen Frauen, die sich leicht einschüchtern ließen. Sie sah dem Dilemma ins Auge, wie sie der französischen Invasion ins Auge sah – mit dem Gefühl, dass sie überleben würde. Das Leben war nicht dazu gedacht, es zu durchleiden, es war dazu gedacht, es zu genießen.

»Reynard ist rot«, las Maria.

Die Uhr tickte weiter.

Dies war kein Krieg, wie Sharpe ihn kannte. Das South Essex Regiment, das sich in Richtung Westen ins portugiesische Binnenland zurückzog, war nun die Nachhut der Armee, obwohl sich zwei Regimenter der Kavallerie und ein Trupp berittener Gewehrschützen hinter ihnen befanden. Diese dienten als Schutzschild, das die Vorposten der gegnerischen Kavallerieeinheiten abwehren sollte. Die Franzosen übten nicht viel Druck aus, somit hatte das South Essex Regiment Zeit, zu vernichten, was immer sie an Vorräten fanden, ob es sich um eine eingefahrene Ernte handelte, um eine Obstplantage oder um Vieh, denn nichts von alledem sollte dem Feind überlassen bleiben. Im Grunde hätte sich jeder Bewohner und jeder essbare Krumen bereits im Süden befinden sollen, um hinter den Linien von Torres Vedras Zuflucht zu suchen, aber es war verblüffend, wie viele zurückgeblieben waren. In einem Dorf fanden sie eine Herde Ziegen in einer Scheune versteckt, und in einem anderen entdeckten sie einen großen Bottich mit Olivenöl. Die Ziegen fielen ihren Bajonetten zum Opfer, woraufhin die Kadaver eiligst in einer Grube vergraben wurden, und das Öl wurde auf dem Boden ausgeschüttet. Die Franzosen waren dafür bekannt, dass sie vom Land lebten und stahlen, was sie in die Finger bekamen, also musste das Land verwüstet werden.

Es gab keine Anzeichen dafür, dass Franzosen sie verfolgten. Keines der kleinen Artilleriegeschütze wurde abgefeuert, und keine in kurzen Säbelgefechten verwundeten Kavalleristen tauchten auf. Sharpe sah so gut wie ständig nach Osten und glaubte, am Himmel eine Staubwolke zu erkennen, wie Armeestiefel sie aufwirbelten, aber es konnte sich genauso gut um ein Hitzeflimmern handeln. Am Vormittag gab es eine Explosion, doch sie kam von vorn, wo britische Ingenieure in einem tiefen Tal eine Brücke gesprengt hatten. Die Männer des South Essex Regiments murrten, denn sie mussten durch den Fluss waten, statt ihn auf der Straße zu überqueren. Wäre die Brücke jedoch erhalten geblieben, hätten sie gemurrt, weil sie keine Gelegenheit hatten, beim Waten durch den Fluss Wasser zu schöpfen.

Lieutenant Colonel William Lawford, der befehlshabende Offizier des Ersten Bataillons des South Essex Regiments, verbrachte einen Großteil des Tages am Ende der Reihe, wo er sein neues Pferd ritt, einen schwarzen Wallach, auf den er in geradezu absurder Weise stolz war. »Portia habe ich Slingsby gegeben«, ließ er Sharpe wissen. Portia war sein früheres Pferd gewesen, eine Stute, auf der nun Slingsby ritt, was jemandem, der zufällig vorüberkam, den Eindruck vermitteln musste, er sei der Befehlshaber der Leichten Kompanie. Lawford musste sich des Unterschieds bewusst sein, denn er erklärte Sharpe, dass alle Offiziere beritten sein sollten. »Es gibt den Männern etwas, zu dem sie aufschauen können, Sharpe«, sagte er. »Sie können sich doch ein Pferd leisten, oder etwa nicht?«

Was Sharpe sich leisten oder nicht leisten konnte, gehörte nicht zu den Dingen, die er mit dem Lieutenant Colonel zu teilen wünschte. »Ich ziehe es vor, wenn sie zu mir aufsehen, nicht zu dem Pferd, Sir«, gab er stattdessen zurück.

»Sie wissen sehr wohl, was ich meine.« Lawford weigerte sich, auf die Provokation einzugehen. »Wenn Sie wollen, kann ich mich für Sie umsehen und etwas Geeignetes für Sie finden, Sharpe. Major Pearson von den Schützen sprach davon, er wolle eines seiner Pferde verkaufen, und ich kann vermutlich einen fairen Preis mit ihm aushandeln.«

Sharpe sagte nichts. Er hatte für Pferde nicht viel übrig, aber nichtsdestotrotz fühlte er einen Anflug von Eifersucht, weil der verdammte Slingsby auf einem ritt. Lawford wartete auf eine Antwort, und als keine kam, gab er dem Wallach die Sporen, der sofort ein paar Schritte weit voraustrabte, sodass Sharpe die Beine in die Hand nehmen musste, um ihm zu folgen. »Also, was halten Sie nun von ihm, Sharpe, he?«, verlangte der Lieutenant Colonel zu wissen.

»Was ich von ihm halte, Sir?«

»Von Lightning! So heißt er nämlich. Lightning.« Der Lieutenant Colonel klopfte dem Pferd den Hals. »Ist er nicht großartig?«

Sharpe starrte das Pferd an, ohne ein Wort zu sagen.

»Jetzt kommen Sie schon, Sharpe«, ermunterte ihn Lawford. »Können Sie etwa seine Qualität nicht erkennen?«

»Er hat vier Beine«, erwiderte Sharpe.

»Ach, Sharpe«, entrüstete sich der Lieutenant Colonel, »ist das wirklich alles, was Sie dazu zu sagen haben?« Lawford wandte sich stattdessen Harper zu. »Und was halten Sie von ihm, Sergeant?«

»Er ist wundervoll, Sir«, antwortete Harper mit ehrlicher Begeisterung. »Einfach wundervoll. Er stammt wohl aus irischer Zucht?«

»Das tut er!« Lawford war hingerissen. »Das tut er in der Tat. Er ist im County Meat gezüchtet worden. Ich erkenne, dass Sie etwas von Pferden verstehen, Sergeant.« Der Lieutenant Colonel kraulte die Ohren des Wallachs. »Er springt über Zäune wie der Wind. Er wird ein fantastisches Jagdpferd abgeben. Ich kann es kaum noch erwarten, ihn nach Hause zu bringen und ihn an ein paar verdammt hohen Hecken auszuprobieren.« Er beugte sich hinüber zu Sharpe und senkte die Stimme. »Er hat mich ein paar Pennys gekostet, das kann ich Ihnen sagen.«

»Ich bin sicher, das hat er, Sir«, entgegnete Sharpe. »Und meine Nachricht wegen der Telegrafenstation, haben Sie die weitergegeben?«

»Das habe ich«, antwortete Lawford. »Aber sie haben viel zu tun im Hauptquartier, verdammt viel zu tun, deshalb habe ich meine Zweifel, dass sie sich wegen ein paar Pfund Mehl die Köpfe zerbrechen werden. Dennoch haben Sie natürlich richtig gehandelt.«

»Ich habe nicht an das Mehl gedacht, Sir«, sagte Sharpe. »Sondern an Major Ferreira.«

»Ich bin sicher, es gibt für alles eine harmlose Erklärung«, erwiderte Lawford nonchalant, dann ritt er voraus und ließ Sharpe in missmutiger Stimmung zurück. Er mochte Lawford, den er Jahre zuvor in Indien kennengelernt hatte und der ein gewitzter, begabter Mann war. Seine einzige Schwäche war möglicherweise die Neigung, Ärger aus dem Weg zu gehen. Ärger im Kampf war damit nicht gemeint. Lawford wäre niemals einen Kampf mit den Franzosen ausgewichen, aber eine Auseinandersetzung mit seinesgleichen versuchte er zu vermeiden. Von Natur aus war er ein Diplomat, der stets versuchte, Kanten zu glätten und zu einer Einigung zu gelangen. Somit konnte es Sharpe kaum überraschen, dass der Lieutenant Colonel davor zurückschreckte, Major Ferreira der Unehrlichkeit zu bezichtigen. In Lawfords Welt war es grundsätzlich das Beste, anzunehmen, dass bellende Hunde in Wahrheit nicht bissen.

Also versuchte Sharpe, sich die Auseinandersetzung des Vortags aus dem Sinn zu schlagen, und trottete weiter. Seine Gedanken beschäftigten sich zur Hälfte mit dem, was die einzelnen Männer der Kompanie gerade taten, und zur anderen Hälfte mit Teresa und Josefina. An die beiden dachte er noch immer, als ein Reiter aus entgegengesetzter Richtung an ihm vorüberritt, in einer Staubwolke herumwirbelte und nach ihm rief. »Wieder in Schwierigkeiten, Richard?«

Sharpe schreckte aus seinem Tagtraum, blickte auf und erkannte Major Hogan, der unverschämt gut gelaunt dreinschaute. »Ich bin in Schwierigkeiten, Sir?«

»Sie hören sich grimmig an«, erwiderte Hogan. »Sie sind wohl mit dem falschen Fuß aus dem Bett gestiegen, was?«

»Mir war ein Monat Urlaub versprochen worden, Sir. Ein ganzer verdammter Monat. Und eine Woche habe ich bekommen.«

»Ich bin sicher, die haben Sie nicht verschwendet«, bemerkte Hogan. Er war ein Ire, Captain der Königlichen Pioniere, dessen Durchtriebenheit ihn von seinen Pflichten als Ingenieur weggeführt hatte, sodass er nun Wellington diente, indem er jeden Fetzen Information über den Feind zusammentrug. Hogan musste Gerüchte durchsieben, die ihm von Hausierern, Händlern und Deserteuren zugetragen wurden, er musste jede einzelne Nachricht überprüfen, die von den Partisanen gesandt wurde, die die Franzosen auf beiden Seiten der Grenze zwischen Spanien und Portugal bedrängten, und er musste die Depeschen entziffern, die die Partisanen von französischen Kurieren abfingen und von denen manche noch mit Blut befleckt waren. Darüber hinaus war er ein alter Freund von Sharpe, einer, der den Schützen jetzt mit gerunzelter Stirn betrachtete.

»Letzte Nacht kam ein Gentleman ins Hauptquartier«, sagte er, »um eine offizielle Beschwerde gegen Sie einzureichen. Er wollte den Peer sprechen, aber Wellington hat viel zu viel damit zu tun, diesen Krieg auszufechten, also wurde der Mann mir aufgehalst. Das war Ihr Glück.«

»Ein Gentleman?«

»Ich dehne den Begriff bis an seine äußersten Grenzen aus«, sagte Hogan. »Ferragus.«

»Der Bastard.«

»Uneheliche Geburt ist vermutlich das Einzige, dessen man ihn nicht beschuldigen kann«, bemerkte Hogan.

»Was hat er also gesagt?«

»Dass Sie ihn geschlagen haben«, antwortete Hogan.

»Dann ist er also in der Lage, die Wahrheit zu sagen«, bekannte Sharpe.

»Guter Gott, Richard!« Hogan musterte Sharpe. »Sie scheinen unverletzt. Und Sie haben ihn wirklich geschlagen?«

»Flachgelegt habe ich den Bastard«, antwortete Sharpe. »Hat er Ihnen auch gesagt, warum?«

»Nicht in Einzelheiten, aber das kann ich mir denken. Hatte er vor, Lebensmittel an den Feind zu verkaufen?«

»Nahezu zwei Tonnen Mehl«, sagte Sharpe. »Und er hatte einen gottverdammten portugiesischen Offizier bei sich.«

»Seinen Bruder«, sagte Hogan. »Major Ferreira.«

»Seinen Bruder?«

»Sie sehen sich nicht besonders ähnlich, was? Aber trotzdem, sie sind Brüder. Pedro Ferreira blieb zu Hause, ging zur Schule, schloss sich der Armee an, ging eine anständige Ehe ein und führt ein respektables Leben. Sein Bruder dagegen riss von zu Hause aus, um sein Heil in Missetaten zu suchen. Ferragus ist nur sein Spitzname, den er sich von irgendeinem legendären portugiesischen Riesen geborgt hat, der angeblich eine Haut hatte, die von keiner Klinge durchbohrt werden konnte. Nützlich so etwas. Aber sein Bruder ist nützlicher. Major Ferreira tut für die Portugiesen, was ich für den Peer tue, obwohl ich mir einbilde, er ist nicht ganz so effizient wie ich. Aber er hat Freunde im Hauptquartier der Franzosen.«

»Freunde?« Sharpe klang skeptisch.

»Mehr als nur eine Hand voll Portugiesen haben sich den Franzosen angeschlossen«, sagte Hogan. »Zum größten Teil handelt es sich dabei um Idealisten, die glauben, sie kämpften für Freiheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und all diesen hohlen Unsinn. Major Ferreira schafft es irgendwie, mit ihnen in Verbindung zu bleiben, was verdammt nützlich ist. Was nun aber diesen Ferragus betrifft …« Hogan machte eine Pause und starrte den Hügel hinauf, wo ein Habicht über dem ausgedörrten Gras seine Kreise zog. »Unser Riese ist ein übler Geselle, Richard, übler als der geht es kaum noch. Wissen Sie, wo er Englisch gelernt hat?«

»Woher soll ich das denn wissen?«

»Er heuerte als Matrose auf einem Schiff an, nachdem er von zu Hause weggerannt war«, sagte Hogan und ignorierte Sharpes übellaunige Antwort. »Und dann hatte er das Pech, in die Royal Navy gepresst zu werden. Er hat das Englisch der unteren Decks gelernt, hat sich einen Ruf als brutalster Faustkämpfer der gesamten atlantischen Flotte erworben und ist dann auf den westindischen Inseln desertiert. Angeblich hat er auf einem Sklavenschiff angeheuert und ist dort Rang um Rang aufgestiegen. Jetzt bezeichnet er sich selbst als Händler, aber dass er mit irgendetwas Legalem handelt, glaube ich kaum.«

»Mit Sklaven?«

»Jetzt nicht mehr«, antwortete Hogan. »Aber damit hat er sein Vermögen gemacht. Er hat die armen Teufel von der Küste von Guinea nach Brasilien verschifft. Jetzt lebt er als reicher Mann in Coimbra, wo er sein Geld auf mysteriöse Weise vermehrt. Er ist ein ziemlich imposanter Kerl und nicht ohne Vorzüge, meinen Sie nicht auch?«

»Vorzüge?«

»Major Ferreira behauptet, sein Bruder verfüge über Kontakte in ganz Portugal und Westspanien, was sich ziemlich wahrscheinlich anhört.«

»Also lässt man ihn mit Verrat davonkommen?«

»Das könnte man ungefähr so sehen«, stimmte Hogan gleichmütig zu. »Zwei Tonnen Mehl sind nicht gerade viel, nicht wenn man die größeren Zusammenhänge im Auge hat, und Major Ferreira hat mich davon überzeugt, dass sein Bruder auf unserer Seite steht. Wie auch immer, ich habe mich also bei unserem Riesen entschuldigt, habe ihm gesagt, Sie wären ein ungehobelter Bursche ohne jede Erziehung, und habe ihm versichert, dass Sie strengstens getadelt werden würden, was Sie hiermit als erledigt betrachten dürfen. Ich habe ihm auch versprochen, dass er Sie nie wieder zu Gesicht bekommen würde.«

»Ich tue also meine Pflicht«, bemerkte Sharpe, »und lande dafür in der Scheiße.«

»Nun haben Sie also endlich den eigentlichen Sinn des Soldatenlebens erfasst«, erwiderte Hogan fröhlich. »Und Marschall Masséna landet dort ebenfalls.«

»Tut er das?«, fragte Sharpe nach. »Ich dachte, wir wären auf dem Rückzug und er auf dem Vorstoß?«

Hogan lachte. »Es gibt drei Wege, die er hätte wählen können, Richard, drei ausgezeichnete und einen ziemlich fürchterlichen, und in seiner Weisheit hat er sich für diesen hier, für den fürchterlichen, entschieden.« Die Straße war in der Tat fürchterlich, sie bestand aus nicht viel mehr als zwei ausgefahrenen Radfurchen zu beiden Seiten eines mit Gras und Unkraut bewachsenen Streifens. Darüber hinaus war sie mit Steinen übersät, die groß genug waren, um die Räder eines Wagens oder einer Kanone zum Bersten zu bringen. »Und diese üble Straße«, fuhr Hogan fort, »führt geradewegs zu einem Ort mit Namen Bussaco.«

»Sollte dieser Ort mir bekannt sein?«

»Ein höchst übler Ort«, berichtete Hogan weiter, »übel für alle, die versuchen, ihn anzugreifen. Und der Peer zieht ebenda Truppen zusammen, weil er hofft, Monsieur Masséna dort eine blutige Nase zu verpassen. Das ist doch ein Grund zur Vorfreude, Richard, ein Grund, gespannt zu sein.« Er hob die Hand, trat mit den Absätzen zu und sprengte voraus, wobei er Major Forrest, der aus der anderen Richtung kam, zunickte.

»Im nächsten Dorf gibt es zwei Backöfen, Sharpe«, teilte Forrest ihm mit. »Und der Lieutenant Colonel hätte gern, dass sich Ihre Leute damit befassen.«

Bei diesen Backöfen handelte es sich um große Hohlräume aus Ziegeln, in denen die Dorfbewohner ihr Brot zu backen pflegten. Die Männer der Leichten Kompanie benutzten Spitzhacken, um sie zu Geröll zu zerschlagen, sodass die Franzosen sie nicht mehr nutzen konnten. Sie ließen die wertvollen Öfen zerstört zurück und marschierten weiter.

Einem Ort mit Namen Bussaco entgegen.

KAPITEL 2

Robert Knowles und Richard Sharpe standen auf dem Höhenzug von Bussaco und starrten hinunter auf die l’Armée de Portugal, die portugiesische Armee, die Bataillon für Bataillon, Batterie für Batterie und Schwadron für Schwadron zwischen den im Osten gelegenen Hügeln hervorströmte und das Tal ausfüllte.

Die britischen und portugiesischen Armeen hatten einen großen Höhenzug eingenommen, der sich sowohl nach Norden als auch nach Süden erstreckte und damit die Straße blockierte, die die Franzosen auf ihrem Vorstoß nach Lissabon benutzten. Der Höhenzug, so schätzte Knowles, erhob sich nahezu tausend Fuß über der umliegenden Landschaft, und seine Ostflanke, die den Franzosen zugewandt lag, war halsbrecherisch steil. Zwei Straßen führten in Serpentinen diesen Abhang hinauf, schlängelten sich durch Heide, Stechginster und Felsen, bis die bessere der beiden Straßen schließlich am nördlichen Ende die Kuppe des Höhenzugs erreichte, ein kurzes Stück über einem kleinen Dorf, das sich auf einen Felsvorsprung am Hang schmiegte. Unten im Tal, hinter einem glitzernden Fluss, lagen eine Reihe weiterer kleiner Dörfer verstreut, und die Franzosen marschierten die Wege der Bauern entlang, um diese tiefer gelegenen Siedlungen einzunehmen.

Die Briten und Portugiesen konnten den Feind somit aus der Vogelperspektive betrachten. Die Franzosen kamen aus einem bewaldeten Hohlweg, marschierten an einer Windmühle vorüber und wandten sich dann nach Süden, wo sie ihre Stellungen bezogen. Sie konnten von dort den hohen, nackten Hang hinaufblicken und eine Hand voll britischer und portugiesischer Offiziere ausmachen, die sie beobachteten. Die Armee selbst blieb den Franzosen mit dem Großteil ihrer Waffen verborgen. Der Höhenzug war zehn Meilen lang, ein natürlicher Schutzwall, und General Wellington hatte seinen Männern befohlen, sich von seinem breiten Kamm fernzuhalten, sodass die Franzosen bei ihrer Ankunft keine Ahnung haben würden, welcher Teil der Anhöhe am heftigsten verteidigt werden würde.

»Ein ziemliches Privileg«, bemerkte Knowles ehrfürchtig.

»Ein Privileg?«, fragte Sharpe übellaunig.

»So etwas zu sehen zu bekommen«, erklärte Knowles und vollführte eine Geste in Richtung der Feinde. Er hatte recht, es war wirklich ein prächtiger Anblick, so viele Tausende von Männern auf einmal zu sehen. Die Infanterie marschierte in lockeren Formationen, ihre blauen Uniformen wirkten gegen das Grün des Tals blass. Die Reiter dagegen, befreit von der Disziplin des Marsches, galoppierten am Ufer des Flusses entlang und wirbelten Wolken von Staub auf. Und noch immer quollen sie – die Stärke Frankreichs – in Scharen aus dem Hohlweg. Nahe bei der Windmühle spielte eine Kapelle, und obwohl die Musik zu weit weg war, um sie zu hören, bildete sich Sharpe ein, er könne das Dröhnen der großen Trommel vernehmen wie einen entfernten Herzschlag. »Eine komplette Armee«, begeisterte sich Knowles. »Ich hätte meinen Zeichenblock mitbringen sollen, das wäre wirklich ein schönes Bild geworden.«

»Ein noch schöneres Bild würde sich ergeben«, sagte Sharpe, »wenn die Kerle diesen Hügel hochmarschierten und hingemetzelt würden.«

»Glauben Sie, das werden sie nicht?«

»Ich denke, sie könnten verrückt genug sein, es zu versuchen«, antwortete Sharpe, dann runzelte er in Knowles’ Richtung die Stirn. »Gefällt es Ihnen, Adjutant zu sein?«, fragte er abrupt.

Knowles zögerte, weil er spürte, dass sich das Gespräch auf gefährliches Terrain zubewegte, aber er war Sharpes Lieutenant gewesen, bevor er Adjutant wurde, und er mochte den Befehlshaber seiner alten Kompanie gern. »Nicht besonders«, gab er zu.

»Das war immer der Job eines Captains«, sagte Sharpe. »Warum hat er ihn also Ihnen übertragen?«

»Der Colonel hat wohl das Gefühl, die Erfahrung könne von Vorteil für mich sein«, erwiderte Knowles steif.

»Von Vorteil«, wiederholte Sharpe bitter. »An Ihrem Vorteil ist er überhaupt nicht interessiert, Robert. Er will, dass dieses Stück Scheiße meine Kompanie übernimmt. Das ist es, was er will. Er will, dass der verdammte Slingsby Captain der Leichten Kompanie wird.« Sharpe hatte dafür keinerlei Beweise, der Colonel hatte nie etwas davon gesagt, aber es war die einzige Erklärung, die in seinen Augen einen Sinn ergab. »Also musste er Sie aus dem Weg schaffen«, beendete Sharpe seine Rede, wohl wissend, dass er zu viel gesagt hatte, aber die Bitterkeit nagte an ihm, und Knowles war ein Freund, der Sharpes Wutausbruch diskret behandeln würde.

Knowles furchte die Brauen, dann schlug er eine hartnäckige Fliege beiseite. »Ich glaube wirklich«, sagte er, nachdem er einen Augenblick lang nachgedacht hatte, »dass der Colonel annimmt, er tue Ihnen einen Gefallen.«

»Mir? Einen Gefallen? Indem er mir Slingsby aufdrängt?«

»Slingsby verfügt über Erfahrung, Richard«, sagte Knowles. »Über viel mehr Erfahrung als ich.«

»Aber Sie sind ein guter Offizier, und er ist ein Weichei. Wer zum Teufel ist er überhaupt?«

»Er ist der Schwager des Colonels«, erklärte Knowles.

»Das weiß ich auch«, knurrte Sharpe ungeduldig. »Aber wer ist er?«

»Der Mann, der Mrs Lawfords Schwester geheiratet hat«, antwortete Knowles, der sich weigerte, sich provozieren zu lassen.

»Das sagt einem alles, was man verdammt noch mal wissen muss«, bemerkte Sharpe grimmig. »Aber mir kommt er nicht wie die Art von Kerl vor, die sich Lawford als Schwager wünschen würde. Er hat zu wenig Substanz.«

»Wir können uns unsere Verwandten nicht aussuchen«, entgegnete Knowles. »Und ich bin sicher, er ist ein Gentleman.«

»Zum Teufel noch mal«, brummte Sharpe.

»Und er muss heilfroh gewesen sein, aus dem 55. Regiment herauszukommen«, fuhr Knowles fort, indem er Sharpes Missmut ignorierte. »Bei Gott, der größte Teil dieses Regiments ist auf den Westindischen Inseln am Gelbfieber krepiert. Er ist wesentlich sicherer hier, auch wenn diese Kerle uns bedrohen.« Mit einem Kopfnicken wies Knowles auf die französischen Truppen.

»Warum zum Teufel hat er sich denn kein Captainspatent gekauft?«

»Ihm fehlen sechs Monate an der geforderten Zeit«, antwortete Knowles. Einem Lieutenant war es nicht gestattet, ein Captainspatent zu erwerben, ehe er nicht drei Jahre lang in einem der unteren Ränge gedient hatte. Diese gerade neu eingeführte Vorschrift war Anlass zu heftigem Murren unter den wohlhabenden Offizieren, die sich einen schnelleren Aufstieg wünschten.

»Und warum ist er der Armee erst so spät beigetreten?«, wollte Sharpe wissen. Wenn Slingsby jetzt dreißig war, hätte er Lieutenant werden können, noch ehe er siebenundzwanzig war, also in einem Alter, in dem manch anderer Mann bereits Major war. Die meisten Offiziere, wie beispielsweise der junge Iliffe, traten, lange bevor sie zwanzig waren, in die Armee ein, und es war merkwürdig, auf einen Mann zu treffen, der sich der Armee erst so spät angeschlossen hatte.

»Ich glaube …«, begann Knowles, dann errötete er und überdachte seine Worte. »Neue Truppen«, sagte er stattdessen und wies den Hang hinab auf eine Stelle, wo ein französisches Regiment, dessen blaue Röcke unnatürlich hell waren, an der Windmühle vorbeimarschierte. »Ich habe gehört, der Kaiser soll Verstärkung nach Spanien geschickt haben«, fuhr Knowles fort. »Die Franzosen haben im Moment ja sonst keinen Ort, wo sie kämpfen können. Die Österreicher sind aus dem Krieg draußen, und die Preußen tun nichts, was bedeutet, dass Boney lediglich uns zu besiegen hat.«

Sharpe ignorierte Knowles Zusammenfassung der Strategie des Kaisers. »Sie glauben was?«, fragte er.

»Nichts. Ich habe schon zu viel gesagt.«

»Sie haben nicht ein verdammtes Wort gesagt«, widersprach Sharpe und wartete ab, aber Knowles blieb bei seinem Schweigen. »Wollen Sie, dass ich Ihnen Ihre dürre Kehle aufschlitze, Robert?«, fragte Sharpe. »Und zwar mit einem äußerst stumpfen Messer?«

Knowles lächelte. »Sie brauchen das nicht zu wiederholen, Richard.«

»Sie kennen mich, Robert. Ich sage nie irgendwas zu irgendwem. Ich lege die Hand aufs Herz und schwöre, wie ein Grab zu schweigen, also erzählen Sie es mir jetzt, bevor ich Ihnen die Beine abschneide.«

»Ich glaube, Mrs Lawfords Schwester steckte in Schwierigkeiten. Sie musste feststellen, dass sie ein Kind erwartete, sie war nicht verheiratet, und der Mann, um den es ging, war allem Anschein nach ein Wüstling.«

»Ich war es nicht«, warf Sharpe hastig ein.

»Natürlich waren Sie es nicht«, sagte Knowles. Er konnte zuweilen auf pedantische Weise alles wörtlich nehmen.

Sharpe grinste. »Also wurde Slingsby rekrutiert, um eine ehrenwerte Frau aus ihr zu machen?«

»Genau. Er entstammt natürlich nicht gerade der obersten Schublade, aber seine Familie ist mehr als akzeptabel. Sein Vater ist Priester irgendwo an der Küste von Essex, glaube ich, aber vermögend sind sie nicht, also belohnte Lawfords Familie Slingsby mit der Aufnahme ins 55. Regiment und dem Versprechen, er dürfe ins South Essex wechseln, sobald dort eine Position frei würde. Was der Fall war, als der arme Herrold starb.«

»Herrold?«

»Dritte Kompanie«, antwortete Knowles. »Am Montag kam er an, am Dienstag hat ihn ein Fieber erwischt, und am Freitag war er tot.«

»Geplant ist also«, murmelte Sharpe, während er zusah, wie unten ein französisches Geschütz den Weg am Fluss entlanggezerrt wurde, »geplant ist, dass dieser verdammte Slingsby rasch zu einer Beförderung kommt, damit er für die Frau, die ihre Beine nicht zusammenhalten konnte, einen würdigen Ehemann abgibt.«

»So würde ich es nicht sagen«, erwiderte Knowles entrüstet, dann dachte er eine Sekunde lang nach. »Nun schön, ich würde es so sagen. Aber der Colonel will, dass er sich bewährt. Schließlich hat Slingsby der Familie einen Gefallen getan, und nun wollen sie ihm ebenfalls einen tun.«

»Indem sie ihm meinen verdammten Job geben«, knurrte Sharpe.

»Benehmen Sie sich nicht absurd, Richard.«

»Weshalb ist der Idiot denn sonst hier? Erst schaffen sie Sie aus dem Weg, dann geben sie dem Bastard ein Pferd, und jetzt hoffen sie nur noch, dass die Franzosen mich kaltmachen.« Er verfiel in Schweigen, nicht nur, weil er bereits zu viel gesagt hatte, sondern auch weil sich Patrick Harper zu ihnen gesellte.

Der große Sergeant grüßte Knowles gut gelaunt. »Wir vermissen Sie, Sir. Das tun wir wirklich.«

»Dasselbe gilt für mich, Sergeant«, antwortete Knowles mit echter Freude. »Geht es Ihnen gut?«

»Ich atme noch, Sir, und nur darauf kommt es an.« Harper drehte sich um und blickte hinunter ins Tal. »Sehen Sie sich doch nur diese dämlichen Bastarde an. Da stellen sie sich in Reihen auf, um abgeschlachtet zu werden.«

»Sie werden nur einen Blick diesen Hügel hinaufwerfen«, sagte Sharpe, »und dann einen anderen Weg suchen.«

Es gab jedoch keine Anzeichen dafür, dass die Franzosen vorhatten, diesen klugen Rat zu befolgen, denn die blau uniformierten Bataillone marschierten stetig weiter aus dem Osten auf, und die französischen Geschütze trafen mit Staub aufwirbelnden Rädern in den tiefer gelegenen Dörfern ein. Ein paar der französischen Offiziere ritten auf einem Vorsprung entlang, der sich östlich des Höhenzugs erstreckte. Durch ihre Ferngläser beobachteten sie die paar britischen und portugiesischen Offiziere, die dort, wo die bessere Straße den Kamm des Höhenzuges überquerte, sichtbar wurden. Jene Straße, die nördlichere der beiden, führte in Serpentinen den Hang herauf, wand sich zunächst durch Stechginster und Heide und schnitt dann zwischen den kleinen Dörfern, die sich an den Hang schmiegten, durch die Weingärten. Es war die Straße, die nach Lissabon führte – und zur Ausführung der Befehle des Kaisers, die sie anwiesen, die Briten aus Portugal zu vertreiben, sodass die gesamte Küste des europäischen Kontinents in französischer Hand sein würde.

Lieutenant Slingsby, der seinen roten Rock frisch aufgebürstet und seine Rangabzeichen poliert hatte, kam hinzu, um seine Meinung über den Feind zu äußern, und Sharpe, der die Gesellschaft des Mannes einfach nicht ertrug, trollte sich in Richtung Süden. Er sah zu, wie die Franzosen Bäume fällten, um Feuer zu machen und Unterstände zu bauen. Ein paar kleine Wasserfälle stürzten von den entfernten Hügeln und vereinigten sich zu einem größeren Fluss, der nach Süden floss, dem Fluss Mondego entgegen, der das südliche Ende der Anhöhe streifte. Die Ufer des größeren Flusses wurden jetzt von Pferden zertrampelt, von denen einige zu den Geschützeinheiten, andere zur Kavallerie gehörten. Wieder andere waren die Pferde der Offiziere, und sie alle wurden nach dem Ritt getränkt.

Die Franzosen sammelten sich vor allem an zwei Stellen. Eine Anzahl von Bataillonen scharte sich um das Dorf, von dem aus sich die bessere Straße zum nördlichen Ende der Anhöhe emporschlängelte, während sich andere etwa zwei Meilen weiter südlich trafen. Sie sammelten sich bei einem anderen Dorf, von dem aus ein Weg, der für Packpferde und Männer zu Fuß passierbar war, hinauf zum Kamm der Anhöhe führte. Eine richtige Straße war es nicht, es gab keine Wagenspuren, und hier und dort verschwand der Pfad nahezu völlig im Heidekraut, aber er zeigte den Franzosen, dass es durchaus einen Weg gab, auf dem man den steilen Hang hinaufgelangen konnte. Französische Geschütze wurden jetzt an allen Seiten des Dorfes aufgestellt, sodass die Kanonen den vorstoßenden Truppen ihren Weg bereiten konnten.

Hinter sich hörte Sharpe den Lärm von Axthieben und fallenden Bäumen. Eine Kompanie aus jedem Bataillon war abgestellt worden, um kurz hinter dem Kamm der Anhöhe eine Straße zu bauen, eine Straße, die es Lord Wellington ermöglichen würde, seine Streitkräfte überallhin entlang des zehn Meilen langen Hügels zu verlagern. Bäume wurden gefällt, Büsche entwurzelt, Felsbrocken wurden beiseitegerollt und die Erde geglättet, sodass britische oder portugiesische Geschütze schnell zu jedem Ort, an dem Gefahr im Verzug war, verlegt werden konnten. Es war ein gewaltiges Stück Arbeit, und Sharpe vermutete, sie würden es völlig umsonst tun, da die Franzosen unmöglich so verrückt sein konnten, den Hügel heraufzumarschieren.

Sofern man von denen absah, die bereits mit dem Aufstieg begonnen hatten. Eine Gruppe berittener Offiziere, die aus der Nähe einen Blick auf die Stellungen der Briten und Portugiesen werfen wollten, trieben ihre Pferde oben auf dem Vorsprung entlang, der aus dem langen Hang herausragte. Der Vorsprung war nicht einmal halb so hoch wie der Kamm der Anhöhe, aber er bot ihnen eine Plattform, und die portugiesischen Kanoniere hatten ihn eindeutig als ihr Ziel markiert. Als sich die französischen Reiter dem Punkt näherten, wo der Vorsprung in den Hang überging, wurde eine Kanone abgefeuert. Das Geräusch schreckte Tausende von Vögeln aus den Bäumen auf, die auf dem hinteren Hang der Anhöhe dicht beieinander wuchsen. Der Rauch der Kanone ballte sich in einer grau-weißen Wolke, die vom leichten Wind ostwärts davongetragen wurde. Die Granate ließ von ihrer brennenden Zündschnur eine kleine Spur Pulverrauch zurück, während sie im Bogen niederging und ein paar Schritte hinter den französischen Reitern explodierte. Eines der Pferde geriet in Panik und stürmte den Weg zurück, den es gekommen war, doch die anderen schienen unbeeindruckt. Ihre Reiter nahmen ihre Ferngläser heraus und starrten zu den Feinden über ihren Köpfen hinauf.

Zwei weitere Kanonen wurden abgefeuert. Ihr Echo schallte von den Hügeln im Osten zurück. Bei einer handelte es sich offensichtlich um eine Haubitze, denn der Rauch ihrer brennenden Zündschnur fuhr hoch in den Himmel, bevor er den Franzosen entgegenstürzte. Dieses Mal wurde ein Pferd zur Seite geschleudert und hinterließ eine Blutspur auf dem ausgetrockneten, farblosen Heidekraut. Sharpe beobachtete die Szene durch sein Fernglas und entdeckte den aus dem Sattel geworfenen, aber dem Augenschein nach unverletzten Franzosen, der sich auf die Füße rappelte. Er klopfte sich den Staub ab, zog eine Pistole und erlöste sein zuckendes Pferd von seinen Leiden. Dann kämpfte er darum, den teuren Sattel unter dem Kadaver hervorzuziehen.

Weitere Franzosen, einige zu Pferd und andere zu Fuß, erreichten den Vorsprung. Es schien Wahnsinn, sich genau an den Ort zu begeben, den die Kanonen im Visier hatten, aber Dutzende von Franzosen wateten durch den Fluss und stiegen dann den niedrigen Hügel hinauf, um zu den Briten und Portugiesen nach oben zu starren. Das Kanonenfeuer wurde fortgesetzt. Es handelte sich nicht um das Stakkato eines Beschusses in der Schlacht, sondern um vereinzelte Schüsse, wobei die Kanoniere mit verschiedenen Pulverladungen und Zündschnurlängen experimentierten. Nahm man zu viel Pulver, konnte das Geschoss über den Vorsprung hinwegfegen und irgendwo oberhalb des Flusses explodieren. War hingegen die Zündschnur zu lang geschnitten, würde die Granate zu kurz landen, nachfedern und mit noch rauchender Zündschnur zum Stillstand kommen, sodass die Franzosen Zeit hatten, aus dem Weg zu springen, ehe die Granate explodierte. Jede Detonation erfolgte mit einem Ausstoß von schmutzigem Rauch, verblüffend klein zwar, aber Sharpe konnte nicht sehen, wie die tödlichen Splitter der explodierten Granate nach jedem Schuss davonzischten.

Weitere französische Männer oder Pferde wurden nicht getroffen. Sie hatten sich in großen Abständen verteilt, und die Granaten gingen hartnäckig in den Lücken zwischen den kleinen Gruppen von Männern nieder, die so sorglos wie Leute auf einem Spaziergang durch den Park wirkten. Sie starrten zur Anhöhe hinauf und versuchten auszumachen, wo die Verteidigungslinien am dichtesten standen, auch wenn es offensichtlich war, dass die Stellen, an denen sich die beiden Straßen trafen, wohl auch die Stellen waren, die verteidigt werden mussten. Ein weiterer Trupp Kavalleristen, einige in grünen Röcken und einige in Himmelblau, platschte durch den Fluss und stürmte den niedrigeren Hügel hinauf. Die Sonne spiegelte sich glitzernd auf Messinghelmen, polierten Säbelscheiden, Steigbügeln und Kandarenketten. Es war, stellte Sharpe fest, als würden die Franzosen mit dem sporadischen Granatenfeuer Katz und Maus spielen. Er sah, wie eine Granate nahe bei einer Gruppe von Infanteristen explodierte, aber als sich der Rauch legte, standen sie alle noch aufrecht, und obwohl sie so weit entfernt waren, kam es ihm vor, als lachten sie. Sie waren zuversichtlich, stellte er fest, hielten ihre Truppen zweifellos für die besten der Welt, und dass sie den Beschuss überlebten, überschüttete die Verteidiger oben auf dem Hügelkamm mit Spott.

Der Spott wurde offenbar zu weit getrieben, denn ein Bataillon der braun gewandeten portugiesischen Leichten Infanterie tauchte auf dem Hügelkamm auf und stieß, in eine doppelte Gefechtsreihe aufgeteilt, hinunter auf den Vorsprung vor. Stetig bewegten sie sich in zwei aufgelösten Linien hügelabwärts, die eine etwa fünfzig Schritte hinter der anderen und beide weit auseinandergezogen. So demonstrierten sie, wie Plänkler in die Schlacht marschierten. Die meisten Truppen kämpften Schulter an Schulter, aber Plänkler wie Sharpe gingen ihrer Linie voran und versuchten auf dem zum Töten geeigneten Boden zwischen den beiden Heeren die Plänkler des Gegners abzufangen und dann die Offiziere direkt dahinter niederzumachen, damit der Feind bereits ohne Führer war, wenn die beiden Heere – Linien gegen massive Aufstellung – aufeinanderprallten. Plänkler rückten nur selten dicht zusammen. Sie kämpften in unmittelbarer Nähe des Feindes, wo eine Gruppe von Männern ein leichtes Ziel für feindliche Schützen abgegeben hätte. Deshalb kämpften die Leichten Truppen in aufgelöster Formation, in Paaren, wobei der eine Mann schoss und dann seine Waffe nachlud, während sein Gefährte ihm Feuerschutz gab.

Die Franzosen sahen zu, wie die Portugiesen näher kamen. Sie wirkten nicht beunruhigt und schickten auch keine eigenen Plänkler los. Die Granaten flogen weiter im Bogen die Hänge hinunter, und das Echo ihrer Explosionen hallte dumpf von den Hügeln im Osten wider.

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