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Shadownight

Inhalt

1. Die Entführung

2. Launische Gezeiten

3. Gestrandet

4. Lost Island

5. Das Tor nach Kemet

6. Die Throndiebin

7. Blutende Wunden

8. Die Arena

9. Die zerbrochene Maske

10. Kontrolle

11. Die Frau mit verschleiertem Blick

12. Verführerische Nachbarn

13. Tanzende Schneekristalle

14. Bodenlose Gitter

15. Der eisige Schlund Ragnaröks

16. Der Wille zu kämpfen

17. Der Vampir von nebenan

18. Entscheidungen

19. Des Mörders Spiel

20. Die Royal Gala

21. Die Nacht, so hell

22. Wo der Wahnsinn haust

23. In letzter Sekunde

24. Flug nach Irland

25. Gibt es einen Preis?

26. Der Weg zur Unsterblichkeit

27. Der Schlüssel und das unsichtbare Schloss

28. Das Labyrinth in dir

29. Lass mich raus!

30. Ewiges Leben oder ewiger Tod?

31. Dies ist die Bedingung, dies ist der Fluch

32. Smaragdgrün und Azurblau

33. Requiem

Epilog

Glossar

Nachwort

Leseprobe: Shadownight Entfesselt

Die Autorin

1

Die Entführung

Langsam, ganz langsam, rührt sich das alte und doch so stabile Rat des Schicksals. Ein jeder würde es gerne in Händen halten und Herr über den Verlauf des Lebens sein. Aber niemand kann dem Schicksal vorgreifen oder es gar kontrollieren. Und so fügt ihr euch dem Unvermeidlichen.

„Jeremy… wirst du ihn gehen? Deinen Weg des Schicksals? Obwohl er doch auf deinem Weg wartet…“, flüsterte die einsame, zerbrechliche und zierliche Gestalt in ihr zwielichtiges Spiegelbild hinein und verschwand im Nebel der Welt, die eigentlich nicht existieren dürfte.

2008: Kanames Villa / Speisesaal /  6:15pm

Oktober

Kaname warf sich hinter seine Barriere, welche er aus fünf Stühlen erbaut hatte. Vorsichtig lugte er über den Rand und hielt seine Pistole bereit. Von seinem Gegner war nichts zu sehen. Achtsam wartete er ab. Ich wette, der verkriecht sich irgendwo…

Er grinste und setzte sich mit seinem Rücken gegen den Schutzwall. Den ganzen Raum erfüllte das Grauen erregende Heulen einer Sirene.

Plötzlich ertönte ein Schuss und eine Bleipatrone sauste knapp an Kanames Hand vorbei, auf die er sich unachtsam außerhalb der Barriere gestützt hatte. Schnell drehte er sich um und feuerte zurück.

„Friss Blei!“, rief Kaname kämpferisch, während er seine Munition weiter sinnlos verschoss. Schnell lud er nach. Die leeren Patronenhülsen fielen klirrend zu Boden.

„Vielleicht solltest du versuchen besser zu zielen!“, rief Jeremy gehässig hinter der Eingangstür hervor.

„Wie wäre es mit einem Mexican Standoff?”, schlug Kaname irgendwann vor, um seinen Gegner herauszulocken.

„Ich gehe auf keine Forderungen ein! Diese Chance bekommst du nicht!“

Okay, ich brauche eine neue Strategie… Ich muss versuchen hinter den Tisch zu kommen, aber so, dass Kaname es nicht merkt, dann kann ich mir auch eine Schutzbarriere bauen, überlegte Jeremy und schaute vorsichtig hinter der rechten, geschlossenen Tür hervor. Die linke Türseite hatte er offen gelassen, um auf Kanames Schüsse schnell reagieren zu können.

Jeremy wartete, bis sein Feind etwas unaufmerksam wurde, und rannte hinter den Tisch. Dort schob er schnell zwei Stühle zusammen und beobachtete das feindliche Lager.

Unvermittelt erhob sich Kaname und feuerte Kugeln auf die Eingangstür ab. Jeremy beäugte das Geschehen von seinem neuen Posten aus und musste lachen.

Schnell nahm er seine Waffe und zielte auf Kanames Arm. Dieser hielt inne und spähte zu den zwei Stühlen.

„Du!“, rief Kaname mit überraschter Miene und richtete seine Waffe auf die zwei Stühle. Jeremy versuchte sich so gut es ging hinter seiner Barriere zusammen zu kauern.

Kaname schob seine Stühle so um, dass sie genau gegenüber von Jeremys standen. Beide luden sie nach.

Dann erhoben sie sich und schossen zu ihrem Gegenüber. Eine von Kanames Kugeln sah Jeremy erst im letzten Augenblick.

Schnell wich er zur Seite aus, und die Kugel streifte seinen Arm. Sein Kapuzenpullover war an der Stelle zerrissen. Er sah seinen Feind böse an und schoss seine Kugeln nun noch schneller ab.

„Das kannst du vergessen!“, schrie Jeremy.

Rae lief zur Tür herein und erschrak. Den Lärm hatte sie bereits bei ihrer Ankunft vernommen.

„Was ist denn hier los?“, fragte sie aufgebracht und ließ ihre Einkaufstüten fallen. Jeremy und Kaname betrachteten sie kurz aus den Augenwinkeln, schenkten ihr aber nicht weiter Beachtung.

Rae sah mit fassungsloser Miene zu und hielt sich, wegen des Lärms der Sirene, die Ohren zu.

Kaname verschwand. Jeremy sah sich verwirrt um und ließ seine Pistole sinken.

Auf einmal spürte er Kanames Pistole an seinem Rücken und erschrak.

„Kaname! Tu es nicht!“, rief Rae und rannte los.

„Gewonnen!“, grinste Kaname und drückte ab. Jeremy schrie auf und fiel zu Boden. Rae kniete sich vor ihn und legte ihre Hände auf seinen Rücken. Dabei sah sie Kaname wütend an.

„Was hat er dir denn getan!? Was soll das alles?“

Kaname zog Jeremys Kapuzenpullover nach oben und griff in seine Schusswunde, die heftig blutete. Jeremy stöhnte vor Schmerz und krallte sich am Boden fest. Rae sah weg.

„Da ist sie schon“, sprach Kaname und hielt die Kugel in der Hand, die zuvor in Jeremys Rücken gesteckt hatte.

„Was tust du denn da?“, fragte Rae mit Argwohn in der Stimme. Kaname stand auf.

„Wenn man die Kugeln nicht schnell genug herausholt, dann verheilt die Wunde und die Kugeln bleiben trotzdem dort stecken.“ Rae wollte Jeremy aufhelfen, aber er rührte sich nicht.

„Was ist mit ihm? Hast du ihn etwa verletzt?“

„Ach was, der macht bloß Theater!“, rief Kaname und fing an, die Stühle wieder an den Tisch zu schieben.

Dann nahm er eine kleine silberne Fernbedienung aus seiner Hosentasche, richtete sie auf die hohe Decke und betätigte den roten Knopf oben links. Die Sirene verstummte. Währenddessen verschwand Kaname in der Küche.

„Ich verstehe das nicht! Ich war doch nur ein paar Stunden weg!“

Jeremy drehte sich stöhnend auf den Rücken und richtete sich langsam auf. Wütend zog er seinen Kapuzenpullover über den Kopf.

„Wir spielen das nie wieder, klar! Den Pullover kann ich jetzt in den Müll werfen!“

„Aber…“, stammelte Rae, noch immer ahnungslos.

„Wir hatten Langeweile, da hat Kaname vorgeschlagen ein Spiel zu spielen. Wer zuerst stirbt, verliert“, erklärte Jeremy und befühlte die Eintrittsstelle an seinem Rücken, die schon fast wieder verheilt war. Rae atmete hörbar aus und verdrehte die Augen. Auf so etwas Kindisches konnte auch nur Kaname kommen.

Kaname kehrte mit einem Cupcake in der Hand zurück, blieb stehen und runzelte die Stirn.

„Das darf doch nicht wahr sein…“, flüsterte er und blickte zur Tür hinüber.

Der rechte Türflügel öffnete sich, sodass nun beide geöffnet waren. Eine junge Frau, ungefähr neunzehn Jahre alt, trat ein. Sie hatte ein schmales, zierliches Gesicht, das mit einer hauchdünnen Schicht Rouge bedeckt war, um die Blässe zu kaschieren. Ihre Augen wurden hinter einer Sonnenbrille mit weißen Rändern versteckt. Sie hatte eine spitze Nase und auf ihren dünnen Lippen war blutroter Lippenstift aufgetragen. Ihre glänzenden, glatten, schwarzen Haare reichten bis zu ihrer Hüfte und ein gerader Fransenpony überdeckte ihre Stirn. Sie trug ein ärmelloses, hautenges, gefährlich kurzes schwarzes Kleid. Und schwarze Highheels aus echtem Leder. Die junge Frau war so schön wie Kaname.

„Hallo, Kaname. Was treibst du so die Tage?“ Sie musterte Rae.

„Ist das dein neues Spielzeug?“ Kaname sah sie entnervt an und fragte:

„Was machst du denn hier?“ Die junge Frau lächelte und trat vor.

„Falls du es vergessen hast, das hier ist auch meine Villa. Außerdem habe ich dich schrecklich vermisst“, antwortete sie mit ironischem Unterton.

„Kaname, wer ist sie?“ Rae sah den blonden Vampir fragend an.

„Das ist meine Schwester.“ Er wandte sich wieder der Frau zu. „Nein, Lucia, Rae ist eine gute Freundin und kein Spielzeug.“ Dann begann Kaname die Glasur des kleinen Kuchens rundherum abzulecken. Lucia lächelte freundlich und umarmte Rae.

„Freut mich dich kennenzulernen. Mein Name lautet Lucia Catherine Thornton. Ich wurde nach unserer Grandma Catherine benannt. Leider.“

„Freut mich auch. Ich heiße Raelle Kurenai.“ Rae freute sich, endlich einmal eine von Kanames Geschwistern kennenzulernen. Lucia schien sehr… aufbrausend und belebt zu sein.

Im nächsten Moment fiel ihr Jeremy auf, der offenbar versuchte sich hinauszuschleichen. Er hatte die Tür schon fast erreicht. Doch dann erschien Lucia direkt vor ihm und drückte ihre rechte Handfläche gegen seine Brust.

Die Sonnenbrille nahm sie ab, um mit ihren langen Wimpern zu klimpern und Jeremy direkt durch ihre schwarz umrandeten, grünen Augen anzustrahlen.

„Hallo, Jeremy. Es freut mich dich wiederzusehen. Ich mag deine neue Frisur. Damit siehst du so schneidig aus. Ich fühle mich geehrt, dass du dein Hemd extra für mich ausgezogen hast“, begrüßte Lucia ihn vergnügt und ließ ihren Zeigefinger über Jeremys Brust wandern. Der Vampir trat einen Schritt zurück und rief nervös:

„Also eigentlich habe ich den Pullover ausgezogen, weil Kaname mich mit einer Kugel durchlöchert hat. Ich muss ihn in den Müll werfen.“ Lucia setzte eine besorgte Miene auf und schritt galant hinter ihn, während sie mit ihrer Hand über seinen Körper nach hinten glitt.

„Schöner Rücken.“ Jeremy fuhr herum und versuchte Lucia von sich fernzuhalten. Sie lachte und ließ von ihm ab. Dann stöckelte sie zur Tür und bevor sie den Raum verließ, drehte sie sich noch einmal um und schnurrte: „Falls du mich mal besuchen willst, Jeremy, du weißt ja, wo mein Zimmer ist.“ Jeremys Lächeln wirkte eingefroren.

Kaum war sie in der Tür verschwunden, atmete er erleichtert auf. Rae hatte ein breites Grinsen aufgesetzt.

„Jeremy, was war das denn gerade? Hast du was mit ihr?“ Die Augen des Vampirs weiteten sich.

„Bitte? Mit Lucia? Nein, niemals! Es scheint nur so, dass sie an mir interessiert ist. Aber für mich ist sie … nur die Schwester meines besten Freundes.“

„Deines einzigen Freundes“, korrigierte Kaname und steckte sich das letzte bisschen Cupcake in den Mund.

„Danke, dass du mich erinnert hast“, zischte Jeremy sarkastisch. Kaname nickte.

„Immer wieder gerne“, grinste er. Rae schlug Kaname gegen den Arm und sah ihn mit böser Miene an. Dann ging sie zu ihren Einkäufen, hob sie auf und verließ den Raum.

„Ich geh mir jetzt etwas anziehen“, rief Jeremy und verschwand ebenfalls in der Tür. Kaname setzte sich auf den Tisch und flüsterte:

„Wenn meine Schwester noch länger hier bleibt, dann werde ich einen Strick brauchen.“

Als Rae an Jeremys Zimmer vorbeikam, hörte sie wie er seine Schranktür schloss. Die Tür war einen Spalt geöffnet. Kaum war sie an seinem Zimmer vorbei, hörte sie eilige Schritte. Jeremy bremste ab, als sie sich zu ihm umdrehte.

Der Vampir lächelte sie an.

„Was machst du jetzt noch so?“

„Kaname hat mich, bevor ich in die Stadt gegangen bin, zum Essen eingeladen. Sehe ich gut aus?“ Jeremy musterte seine Freundin. Sie trug ein einfaches blaues Abendkleid, welches ihr bis kurz über die Knie reichte. Um den Rumpf schlang sich ein satinblaues breites Band, welches mit einer glänzenden Brosche veredelt wurde. Rae trug dazu passende, ebenfalls blaue Pumps und spielte mit einem kleinen Täschchen in ihren Händen. Sie hatte gehofft damit Kanames Geschmack zu treffen.

„Du siehst wunderschön aus“, lächelte Jeremy. Rae strahlte nun vor Selbstbewusstsein und stieg in den Aufzug.

Sie betätigte den gläsernen Knopf EG und die Türen schlossen sich. Jeremys Lächeln verschwand.

Rae konnte immer noch nicht glauben, wie sehr sich Jeremy verändert hatte. Vor einem Jahr noch glaubte sie, dass er nicht einmal lachen konnte. Und jetzt sah er sie stets mit diesem glücklichen Blick an. Zwar war er immer noch ziemlich zurückhaltend und ruhig, aber das war vielleicht sein wahres Ich. Obwohl, dachte Rae. Vielleicht irre ich mich auch…

Raes Gesicht schmückte sich mit einem glücklichen Ausdruck. Als die Türen sich aufschoben, klopfte ihr Herz wie verrückt.

Kaname stand neben der Eingangstür und sah sie mit seinem wunderschönen Lächeln an. Es fühlte sich an wie ein Traum. Langsam schritt sie zu ihm. Kaname hatte sich auch umgezogen. Er trug einen Anzug, mit einem dunkelroten Hemd und einem Jackett, das ihm bis zu den Oberschenkeln reichte.

„Sieh mal an. Die Göttin der Schönheit!“, schmeichelte Kaname und küsste Raes Handrücken. Zusammen gingen sie zur Limousine und stiegen ein.

Es wird wahrscheinlich nicht mehr lange dauern … Bald wird Kaname auch Rae erobert haben, dachte Jeremy, als er hörte, wie Kanames Limousine die Straße entlangfuhr.

Schon immer war ihm klar gewesen, dass er keine Chance hatte. Er fand es mittlerweile naiv zu glauben, dass Rae sich auch für ihn hätte entscheiden können. Kaname war ein Reinblüter. Reich und schön.

Eigentlich dachte er, Rae würde verstehen, dass Kaname kein Beziehungstyp war. Zu lange mit einer einzigen Frau zusammen zu sein, langweilte ihn. Statt seine Beziehung zu beenden begann Kaname dann üblicherweise eine Affäre und bisher kam er damit fast immer durch.

Jeremys Herz brannte vor Wut. Er schlug mit aller Kraft gegen die Wand.

„Verdammt!“ Etwas Putz bröselte von der Decke herunter. Aber es ist auch meine Schuld… hätte ich meine Gefühle zu ihr früher bemerkt, hätte ich mich um sie bemühen können, gab Jeremy zu und fuhr über sein Gesicht.

Langsam rutschte er an der Wand hinunter. Nun saß er auf dem Boden.

Jeremy verdeckte sein linkes Auge mit seiner Hand, eine Geste, die er schon fast nicht mehr wahrnahm.

„Ich habe Durst…“, flüsterte er und fuhr mit der Zunge über seine Vampirzähne. „Wie immer.“

Ein paar Minuten saß er nur dort auf dem Boden. Er spürte seine Traurigkeit in jedem Winkel seines Körpers.

Wankend stand er auf. Seine Augen färbten sich für einen kurzen Moment dunkelrot. Langsam ging er in sein Zimmer. Plötzlich schreckte er auf. Jemand lag auf seinem Bett.

„Was zum…“ Er trat näher. „Lucia, was machst du hier?“ Lucia lächelte und fuhr über ihre Hüfte bis hinunter zu ihren Beinen.

„Wenn du nicht zu mir kommst, dann komme ich eben zu dir.“ Jeremy wurde etwas wütend.

„Was willst du eigentlich von mir? Einem Hybriden, der sich nicht unter Kontrolle hat?“ Lucia richtete sich auf und zog den Vampir auf das Bett.

Abweisend versuchte er aufzustehen, aber Lucia war stärker.

„Reinblüter sind stärker als Hybriden. Mir ist egal, was du nun genau bist. Du bist doch eigentlich ganz nett … und sexy.“ Die Vampirin lächelte verschmitzt und küsste Jeremy.

Vollkommen irritiert starrte er gegen die Wand. Es war zu lange her, dass ihn eine Frau geküsst hatte. Die einzigen Male waren die gewesen, in denen er Frauen verführt hatte, um später ihr Blut zu trinken. Das hatte er vielleicht drei – viermal getan, weil er diese Vorgehensweise entschieden ablehnte.

Kaname hatte ihm damals beigebracht, wie man so etwas tat. Immer wieder musste Jeremy bei diesem Gedanken lächeln, denn so eine Vorgehensweise war schließlich Kanames Natur. Wenn Jeremy jedoch diese Taktik anwendete, musste die Frau sterben. Er schaffte es nicht, rechtzeitig aufzuhören.

Natürlich hatte er auch mal ein-zwei Freundinnen gehabt. Aber das hatte nicht funktioniert.

Schließlich hörte er auf, sich so viele Gedanken zu machen, und erwiderte ihren Kuss. Lucia drückte Jeremy nach unten, lag nun auf ihm und schlich langsam mit ihrer Hand unter sein T-Shirt. Ihr Haar fiel ihr verführerisch über die Schulter. Es verströmte den süßlichen Geruch nach Rosen. Auch wenn Jeremy nicht genau wusste, ob er sie wegschicken oder sie bitten sollte zu bleiben. Doch zu lange hatte er nur zugesehen, wie Kaname und Rae sich einander annäherten. Vielleicht musste er sich auch mal etwas Spaß gönnen. Auch er hatte Bedürfnisse.

Jeremy rollte sich in Sekundenschnelle nach oben. Lucia lächelte über ihren Triumph und ließ sich von ihm ihr violettes Satinnachtkleid ausziehen. Jeremy spürte, wie Verlangen in ihm aufstieg. Hastig stülpte er sein T-Shirt über seinen Kopf, entblößte so seinen schlanken, muskulösen Oberkörper und warf es in hohem Bogen auf den Boden. Lucia stöhnte, als er ihren Körper mit Küssen bedeckte.

„Du bist aber resolut. Das hätte ich dir nie zugetraut“, hauchte Lucia mit schwerem Atem, als Jeremy innehielt, um seine Jeans und seine Boxershorts auszuziehen.

„Das liegt daran, dass mich niemand wirklich kennt“, grinste er und beugte sich erneut über sie.

Rae schlug die Augen auf. Sie streckte und aalte sich unter der Bettdecke. Lächelnd erinnerte sie sich an den gestrigen Abend. Und an einen Kuss. Kaname hatte sie wieder geküsst. In letzter Zeit hatte sie sich viel zu leichtsinnig verhalten. Sie liebte die Abende mit Kaname. Aber trotzdem musste sie versuchen Kaname zu widerstehen. Immerhin kannte sie ihn nur zu gut.

Gut gelaunt stand sie auf und sah aus dem Fenster. Das Sonnenlicht blendete sie ein wenig. Rae nahm Kleidung aus dem Schrank und verließ ihr Zimmer. Leichtfüßig tippelte sie zum Bad, öffnete die Tür und schloss sie hinter sich wieder.

Rae zog die Arme aus den Spagettiträgern ihres satinroten Nachthemdes und ließ es zu Boden fallen. Langsam ging sie zur Dusche und stellte das Wasser an. Nachdem es eine angenehme Temperatur erreicht hatte, stieg sie hinein und zog die gläserne Schutzwand zu.

Jeremy vernahm das Prasseln von Wasser. Vorsichtig öffnete er seine azurblauen Augen. Jeremy blickte sich in seinem Zimmer umher und stellte fest, dass er alleine war. Mit einem Satz drehte er sich auf seinen Bauch und steckte, mit einem langen Stöhnen den Kopf in sein Kissen.

„Ich habe mit der Schwester meines besten Freundes geschlafen….“, analysierte er und hob seinen Kopf. Bei dem Gedanken an Kanames Reaktion lachte er freudlos und wollte sich wieder auf seinen Rücken legen. Doch er befand sich zu weit am Rand und fiel bei dem Versuch aus dem Bett. „Au …“, flüsterte der Vampir.

Mühselig richtete er sich auf. Jeremy sah seine Kleidung auf dem Boden. Sie lag zerstreut im ganzen Raum. Er beugte sich hinunter und hob alles auf, dann zog er die Sachen an.

Jemand klopfte an die Tür. Jeremy durchquerte den kleinen Raum und öffnete sie. Rae lächelte ihn an. Sie hatte nur ein großes weißes Handtuch um ihren Körper gewickelt und ihre dunkelbraunen Haare trieften. Jeremy beäugte Rae mit gerunzelter Stirn.

„Alles in Ordnung, Jer? Ich habe einen Knall gehört.“

„Ja, ich bin … aus dem Bett gefallen.“ Rae musste lachen und fragte:

„Gehst du jetzt auch frühstücken? Dann warte auf mich, ich zieh mir nur schnell etwas an und föhne mir die Haare.“ Jeremy rieb eine von Raes Haarspitzen zwischen den Fingern.

„Du brauchst doch sicher noch etwas länger. Ich gehe lieber schon mal vor.“ Rae lächelte und verschwand noch einmal im Bad.

Kaname nippte an seinem Kristallglas, welches mit Blut gefüllt war. Jeremy setzte sich auf seinen Stammplatz und nahm eine Herzkirsche aus der gläsernen Schale vor sich. Das waren seine Lieblingsfrüchte.

„Morgen“, grüßte Jeremy halblaut und vermied den Blickkontakt.

„Morgen“, echote Kaname lächelnd und nippte ein weiteres Mal an seinem Glas. Jeremy sah sich nervös um und fragte:

„Ist Lucia hier irgendwo?“

„Du weißt doch, sie kommt nur ungern tagsüber zum Vorschein. Die Gläser sind zwar so angefertigt worden, dass sie kein direktes Sonnenlicht hereinlassen, aber sie fühlt sich nachts trotzdem wohler. Was logisch ist. Normalerweise würde ich auch tagsüber schlafen und nur nachts mein Leben leben, aber wegen meinem Geschäftsleben habe ich das umgestellt. Meistens schlafe ich sowieso überhaupt nicht.“ Jeremy lächelte.

„Tja, und ich scheine mich immer noch nicht daran gewöhnt zu haben, tagsüber zu schlafen. Das muss ich jetzt auch nicht mehr.“ Gut. Ich wäre vor Scham im Boden versunken, wenn Lucia hier auf einmal aufgetaucht wäre. Ich kenne sie doch, sie hätte unterschwellige Bemerkungen gemacht.

Der Vampir atmete erleichtert auf.

Plötzlich ertönte eine kurze Melodie aus Jeremys Hosentasche. Schnell nahm er sein schwarzes Smartphone hervor. Jeremy tippte auf das Display, betrachtete diesen mit großer Skepsis und öffnete mit ein paar kurzen Handgriffen die MMS. Auf dem beigefügtem Bild sah er Lucia, die nichts weiter als Unterwäsche trug, auf einem Bett saß und der Kamera einen Kuss zuwarf. Jeremy konnte nicht anders als breit zu grinsen.

Hey Jeremy,

mir hat die Nacht gefallen. Wenn du willst, können wir das in Zukunft öfter tun. Du hast meine Erwartungen mehr als

erreicht, Süßer.

Sag Bescheid XX

Kaname runzelte die Stirn und fragte:

„Hast du eine SMS bekommen?“

„Nein, eine MMS. Da ist ein Bild dabei.“ Jeremy hätte sich auf die Zunge beißen können. Damit weckte er sicher Kanames Aufmerksamkeit. Er musste sich schleunigst dieses Grinsen aus dem Gesicht wischen!

„Kann ich mal sehen?“, grinste Kaname und beugte sich über den Tisch. Jeremy versteckte sein Handy hinter seinem Rücken und rief nervös:

„Nein! Das geht dich gar nichts an!“ Kaname bewegte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit, hielt hinter Jeremy inne und nahm ihm das Handy aus der Hand. Schnell sprang Jeremy auf und wollte es ihm entreißen. Kaum hatte er sich jedoch seinem Freund genähert, lief Kaname schnell davon.

Jeremy verdrehte die Augen. Es bringt nichts ihm hinterherzulaufen… Soll er sie doch lesen!

Kaname tauchte eine Weile nicht mehr auf. Jeremy betrachtete mit einer schrecklichen Vorahnung die Tür.

Plötzlich erschien Kaname wieder im Eingang.

„Du Perversling schläfst mit meiner Schwester!“, wetterte Kaname, stapfte wütend zu seinem Freund und warf ihm sein Handy über.

„Na und? Ist doch nichts dabei. Du machst dich ununterbrochen an Rae heran, dann kann ich auch mit deiner Schwester schlafen! “, verteidigte sich Jeremy.

„Das ist nicht dasselbe.“ Kaname lehnte sich mit dem Rücken über den Tisch und legte leidend den Arm über die Stirn. „Mein Leben hast du zerstört! Schluchz! Heul!“

„Jetzt hör auf mit dem Theater! Außerdem bin ich ja nicht du. Erinnerst du dich an die Eine? Wie war ihr Name noch gleich? Sie hat dich geliebt, du warst genervt von ihr, weil sie so aufdringlich war und um sie loszuwerden, hast du mit ihrer besten Freundin geschlafen. Und als sie ein Jahr später gesagt hat, sie verzeihe dir, hast du wieder mit ihr geschlafen.“

„Ja, entschuldige! Du weißt, dass ich keine Frauen weinen sehen kann!“

„Du kannst ganz schön grausam sein, weißt du das?“

„Ja, ja.“

„Also, was ist jetzt wegen Lucia? Bist du sauer?“ Kaname setzte sich seufzend.

„Nein. Ihr könnt tun, was ihr wollt, solange ihr nicht vor meinen Augen herummacht.“

Rae trat in den Raum. Dann setzte sie sich auf einen der edlen Stühle. Sie trug ein dunkelblaues, ärmelloses Top und, wie sonst auch, eine blaue Röhrenjeans.

Kaname versuchte Jeremy mit einem wilden Gestikulieren klar zu machen, dass das Gespräch über sein ausschweifendes Liebesleben jetzt beendet sein sollte, da Rae sich nun in Hörweite befand.

„Guten Morgen. Wie habt ihr geschlafen?“ Kaname setzte sich geschwind neben sie und antwortete:

„Guten Morgen, Göttin der Schönheit. Weißt du, ich habe gar nicht geschlafen. Ich habe die ganze Nacht nur an dich gedacht.“ Jeremy verdrehte die Augen und räusperte sich leise. Es sah so aus, als ob Kaname und Rae jetzt zusammen wären. Sollte das wirklich stimmen? Leider traute sich Jeremy nicht Rae zu fragen, ob er sie ausführen dürfte, weil er nicht wusste, ob sie zusagen würde. Er hatte Angst. Angst davor, zu erfahren, dass Rae nichts weiter für ihn empfand. Angst vor der möglichen Wahrheit. Außerdem stand es ihm nicht zu sie zu fragen. Immerhin hatte Kaname sie zuerst kennengelernt.

Raes Wangen färbten sich rosarot und sie lächelte verlegen. Kaname blickte sie verführerisch an. Jeremy beobachtete das Geschehen und er spürte ein unangenehmes Gefühl in sich aufsteigen.

Er zog lautstark den Stuhl zurück, stand auf und polterte aus der Tür. Als er davoneilte, konnte er noch hören, wie Rae sagte:

„Ich werde mal mit ihm reden. Vielleicht ist irgendetwas passiert.“

„Nein, bleib hier!“, rief Kaname flehend. Doch sie folgte Jeremy. Stur beschleunigte Jeremy seinen Schritt, er wollte nicht mit ihr reden.

Jeremy warf sich Wasser ins Gesicht. Wütend schlug er gegen die Wand neben dem Waschbecken, sodass Risse entstanden und Putz hinunter bröselte. Dann stützte er die Arme auf den Rand des Waschbeckens und betrachtete den Abfluss.

„Verdammt…“ Rae trat in den Türrahmen und hatte eine besorgte Miene aufgesetzt.

„Was ist denn los, Jer? Bedrückt dich etwas?“ Jeremy sah sie nicht an und antwortete mit ruhiger Stimme:

„Alles in Ordnung. Lass gut sein, okay?“ Doch Rae gab nicht auf. Sie wusste, dass etwas nicht in Ordnung war.

„Ich sehe es dir doch an. Rede mit mir!“

Plötzlich ertönte ein lauter Knall, der mit Sicherheit aus einem anderen Stockwerk stammte. Jeremy und Rae erschraken und schauten aufmerksam zum Aufzug.

„Kaname!“, riefen sie zeitgleich und rannten los, um mit dem Aufzug nach unten zu fahren.

„Was zum…“ Der Esstisch war gegen die Wand geschleudert worden. Essen und Besteck lagen vollkommen zerstreut im Raum. Ein Blatt Papier segelte von der Mitte des Raumes aus herab, bis es schließlich auf dem Boden landete. Jeremy nahm es vom Boden auf und betrachtete es. Auf der Oberseite war es beschrieben:

Kaname Jasper Thornton wurde hiermit entführt. Er befindet sich zur Zeit in der geheimen Stadt Kemet. Reisen Sie zur Sphinx, um ihn zu retten, dort wird Sie jemand erwarten, der Sie nach Kemet geleitet.

Jeremy konnte es nicht fassen. Sie waren nicht einmal fünf Minuten weggewesen!

„Soll das ein Scherz sein? Warum sagen sie uns, wo Kaname ist? Und das, ohne Lösegeld oder sonst etwas zu verlangen! Ich verstehe das nicht…“ Rae sah sich die Einrichtung an.

„Hoffentlich tun sie ihm nichts! Er ist doch Reinblüter, da wird er doch mit so ein paar Entführern fertig!“ Jeremy sah seine Freundin ernst an.

„Rae, ich will dir keine Angst machen, aber wenn sie es geschafft haben, ihn zu entführen, dann können sie ihm auch etwas antun.“ Rae war den Tränen nahe. Doch sie nahm sich zusammen und rief:

„Wir müssen sofort nach Ägypten! Koste es, was es wolle!“ Der Vampir nickte entschlossen.

Im selben Moment bequemte sich endlich auch Sebastian zum Ort des Geschehens. Er zog eine Augenbraue nach oben und seufzte genervt. So als ob er schon ahnte, was auf ihn zukomme.

„Ganz toll. Und ich muss das wieder aufräumen! Was ist passiert?“

„Wir müssen deinen Herrn zurückholen, Sebastian. Dafür brauchen wir ein Transportmittel nach Ägypten. Kannst du uns etwas organisieren?“

„Ich gehe davon aus, dass ihr beide keine geldlichen Besitztümer habt. Deshalb müsstet ihr ein Verkehrsmittel benutzen, dass meinem Herrn gehört. Der Privatjet ist leider in der Werkstatt. Das einzige funktionstüchtige Verkehrsmittel wäre dann die kleine Jacht.“ Jeremy legte seine Hand auf Raes Schulter.

„Dann los! Packen wir unsere Sachen, Rae!“

2

Launische Gezeiten

New Yorker Hafen /Jacht / 8:05pm

Die kleine weiße Jacht White Ladylief aus dem Hafen aus. Sie hatte zwei Stockwerke und große Fenster aus dickem Glas. Die Jacht wurde mit einer kleinen Turbine angetrieben und hielt eine gute Geschwindigkeit.

Jeremy warf seinen grauen Rucksack auf das kleine Bett, welches aus einer dünnen Matratze und einer kleinen Decke bestand.

Er bemerkte Rae, die am Fenster stand und mit besorgter Miene auf das offene Meer hinausschaute. Der Vampir atmete tief durch und ging zu ihr.

„Ich mache mir auch Sorgen. Aber nicht nur um Kaname selbst. Ich begreife einfach nicht, warum diese Leute ihn entführt haben. Vielleicht kommen eine Menge Probleme auf uns zu. Aber wir holen ihn zurück, das verspreche ich dir.“ Rae nickte lächelnd und gab Jeremy einen Kuss auf die Wange. Der Vampir sah sie überrascht an.

Rae ging die kleine Treppe hinunter zum Kontrollraum. Jeremy folgte ihr. Dort sah man einen Computer, auf dessen Bildschirm die Koordinaten und Geschwindigkeit eingetragen wurden. Rae setzte sich auf den Stuhl, der davor stand und betrachtete alles misstrauisch.

„Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dem trauen sollte… Die Koordinaten sind zwar eingegeben, aber was ist, wenn wir vor etwas ausweichen müssen?“

„Diese Jacht ist technisch auf dem höchsten Stand, Rae. Sie gehört ja auch der Familie Thornton. Hier ist ein Radar eingebaut, der nicht nur Dinge in der Umgebung wahrnimmt, sondern auch umschiffen kann. Und erst, wenn dieser Radar ausfallen sollte, oder die automatische Steuerfunktion, dann sind wir verloren, denn ich habe noch nie ein Schiff gesteuert und keine Ahnung wie es möglicherweise funktionieren könnte“, entgegnete Jeremy. Sofort stand Rae auf, wobei sie genau darauf achtete nichts zu berühren.

Zusammen gingen sie wieder nach oben und setzten sich auf ihre Betten.

„Wann werden wir ankommen, was meinst du?“, fragte Rae und nahm eine Flasche Wasser aus ihrer Umhängetasche.

„Mit dem Tempo… vielleicht in drei Tagen. Wenn wir in ein Unwetter geraten, könnte es länger dauern.“ Jeremy schluckte. Dann legte er seine Hand um seinen Hals. Rae beobachtete ihn und bemerkte seinen merkwürdigen Gesichtsausdruck.

„Jeremy? Ist irgendetwas?“ Der Vampir erschrak und versteckte seine verzerrte Miene hinter einem Lächeln.

„Nein, was soll sein? Es ist alles in Ordnung.“ Warum lässt er sich nicht helfen? Rae sah ihren Freund besorgt an. In letzter Zeit hatte Jeremy sich öfters so verhalten. Außerdem wirkten seine Augen welk und krank. Was es auch war, Rae konnte es nicht verstehen. Warum nahm er ihre Hilfe nicht an?

„Bitte rede mit mir, Jer!“ Jeremy legt sich hin und drehte ihr den Rücken zu. Es machte sie traurig ihn so zu sehen. Vor allem, dass sie ihm nicht helfen konnte, war kaum zu ertragen.

„Na gut … ich versuche jetzt ein wenig zu schlafen. Bitte überleg dir noch mal, ob du nicht doch mit mir reden willst. Ich würde dir so gerne helfen.“ Rae legte sich ebenfalls auf ihre Matratze und zog die Decke bis zu den Schultern. Dann schloss sie die Augen.

„Du kannst mir nicht helfen…“, flüsterte Jeremy.

Rae warf ein Kissen nach Jeremy. Träge öffnete er die Augen und blickte sie an.

„Warum bewirfst du mich mit einem Kissen?“, fragte der Vampir heiser. Rae lachte und setzte sich auf ihr Bett, gegenüber von ihm.

„Ich bin schon lange wach. Und ich fand, dass du jetzt genug geschlafen hast.“ Jeremy richtete sich auf und fuhr sich durch die Haare. Seine Augen waren blutunterlaufen. Er fand nicht, dass er genug geschlafen hatte. Eigentlich fühlte es sich an, als hätte er überhaupt nicht geschlafen.

„Und da bombardierst du mich mal einfach mit einem Kissen? Kaum ist Kaname weg, musst du mirauf die Nerven gehen“, nörgelte er. Rae setzte sich neben ihn und legte ihre Hand auf seine Wange. Jeremy sah sie mit erstaunter Miene an. Ihre Berührung fühlte sich unfassbar gut an. In seinem Bauch stieg ein Kribbeln empor und er musste sich etwas schütteln. Rae sah ihn besorgt an.

„Was ist mit deinen Augen? Jeremy, ich bitte dich mit mir zu reden.“ Der Vampir nahm ihre Hand sanft von seinem Gesicht.

„Du willst es wirklich wissen?“ Rae nickte und Jeremy fuhr fort. „Ich habe seit viel zu langer Zeit kein Blut mehr getrunken. Ich wundere mich selbst, dass ich noch aufrecht stehen kann.“

„Aber warum hast du denn nichts gesagt?“

„Was hätte das geändert?“

Die Vormittagssonne verschwand hinter einer mächtigen, dunkelgrauen Wolkenwand. Jeremy blickte an Rae vorbei, aus der Glaswand hinaus und sah, wie sich die Dunkelheit auf dem Meer ausbreitete.

„Rae…“, flüsterte er, während er seine Augen nicht von dem Geschehen draußen abwenden konnte.

„Du brauchst gar nicht zu versuchen, mich abzulenken!“

„Da draußen!“, rief Jeremy. Rae sah nun Jeremys beunruhigte Miene und folgte seinem Blick.

Ein mächtiges Wolkengewirr, indem es andauernd blitzte, bewegte sich auf die Jacht zu. Sie waren nun auf offener See und konnten beide die Jacht nicht steuern.

Jeremy überlebte diesen Taifun vielleicht, wenn die Jacht sank, Rae jedoch, würde ertrinken.

„Sag mir bitte, dass das keine Probleme bereiten wird…“ Rae sah Jeremy erwartungsvoll an.

„Das ist kein normales Unwetter… Das ist ein Taifun. Wenn wir den passieren, dann ist es vorbei. Das hier ist eine Jacht, mit der man angeben und einen schönen Südseeurlaub unternehmen kann. Aber für so was großes, ist sie nicht gebaut worden. Das übersteht sie nicht“, mutmaßte der Vampir abwesend. Rae geriet in Panik.

„Dann teleportiere uns hier weg! Das kannst du doch!“ Jeremy schüttelte den Kopf.

„Ich bin nicht in der Lage mich zu teleportieren. Ich bin ein Hybride. Außerdem sind wir hier mitten auf dem Nordatlantik. Ich habe, wie du weißt, vor Jahren an einer Kreuzfahrt teilgenommen. Die Titanic rammte einen Eisberg und ist gesunken. Natürlich hat Kaname versucht, uns weg zu teleportieren. Aber es funktionierte einfach nicht.

Nach ein paar Recherchen konnte ich herausfinden, dass die Energie, die für das Teleportieren zuständig ist, bei solchen Temperaturen zu schwach ist. Also selbst, wenn ich es könnte, würde es uns hier nichts nutzen.“ Jeremy sah dem Unwetter bereitwillig entgegen. „Wir müssen versuchen die Jacht eigenhändig zu steuern. Wenn das nicht funktioniert… müssen wir dort hindurch…“

Schnell stürmten sie zum Kontrollpult. Unzählige rote Knöpfe blinkten und der Radar zeigte als einziges die White Lady an. Jeremy beobachtete alles sorgfältig. Dann erblickte er einen Schalthebel und legte seine rechte Hand um ihn. Vorsichtig bewegte er ihn nach vorne. Die Jacht nahm etwas an Geschwindigkeit zu. Als Rae dies bemerkte, nahm sie Jeremys Arm, riss an ihm herum und rief:

„So fahren wir doch schneller! Beweg ihn zu dir! Schnell!“ Der Vampir zog den Schalthebel langsam nach hinten. Sie wurden etwas langsamer. Doch Jeremy blieb weiterhin angespannt.

„So fahren wir zwar langsamer, aber wie steuere ich nach links oder rechts?“ Sie sahen sich um. Der Computer. Jeremy schob den Stuhl vor dem Computer weg und betrachtete den Bildschirm. Er löschte die Zahl, die bei Breitengrad eingetragen war und setzte die nächsthöhere ein. Die Jacht fuhr nun etwas weiter nach rechts. Jeremy betrachtete alles aufgewühlt.

„Das bringt doch alles nichts! Der Taifun ist viel zu groß!“, schrie Jeremy. Wütend schlug er gegen die Glaswand. Rae zuckte zusammen.

„Jeremy? Weißt du wo wir sind? Könnte es nicht sein, dass hier irgendwo Land ist?“

„Nein, ich habe keine Ahnung…“

Plötzlich schlugen große Wellen gegen die Jacht. Sie schaukelte heftig hin und her. Rae fiel zu Boden. Jeremy konnte sich am Kontrollpult festhalten. Schnell beugte er sich zu Rae herunter und half ihr aufzustehen.

„Ich habe mir den Kopf gestoßen…“, flüsterte sie, rieb sich den Kopf und richtete sich auf. Jeremy hielt sie fest und gemeinsam betrachteten sie den Taifun, der sie nun erreicht hatte. Harte, durcheinanderwirbelnde Wassertropfen trafen die Jacht und liefen hinab. Zuckende Blitze und Donner griffen ineinander über. Man spürte die starke Spannung, die in der Luft lag.

Der Radar zeigte einen zweiten, grünen Punkt an. Der Vampir sah ihn mit überraschter Miene an und rief:

„Rae! Der Radar zeigt etwas an! Es ist ein grüner Punkt… das bedeutet… oh Gott! Das bedeutet Land!“ Über Raes Gesicht zog ein Lächeln. Sie schöpfte wieder etwas Hoffnung. Jeremy löschte die Zahl im Breitengrad erneut und befahl der Jacht, mit der neuen Zahl weiter nach rechts zu drehen. So näherten sie sich dem grünen Punkt.

Rae hob den Kopf mit angsterfüllter Miene langsam nach oben. Jeremy sah vom Bildschirm hoch und bemerkte den Grund, welcher Rae solche Angst einjagte. Eine mächtige Welle, aus schwerem dunkelblauem Wasser, kam auf sie zu. Jeremy sah sich panisch um und erblickte einen roten Feuerlöscher an der Wand. Schnell riss er ihn aus der Halterung und schlug damit gegen die Glasscheiben. Doch die Scheibe wollte einfach nicht zerspringen. Jeremy versuchte es immer wieder.

„Nein!“ Er schrie und entblößte seine Vampirzähne und dunkelroten Augen. Ein weiteres Mal schlug er den Feuerlöscher gegen das Fenster. Diesmal zerfiel die Scheibe in tausende Splitter. Ein Gemisch aus Regen und Hagel drang in das Boot ein und stach auf der Haut. Sofort warf Jeremy den Feuerlöscher weg, kletterte in hoher Geschwindigkeit auf das Dach der Jacht und streckte Rae die Hand aus.

„Rae! Komm!“ Rae trat auf das untere Ende des Fensterrahmens und ergriff Jeremys Hand. Vorsichtig versuchte er sie heraufzuziehen. Seine Haare klebten an seinem Gesicht. Die Augen konnte er nur schwer aufhalten, denn der harte Regen brannte unerbittlich.

Plötzlich rutschte sie ab und Jeremy entglitt ihre Hand.

„Rae!“, rief er entsetzt und sprang ins Wasser. Schnell ergriff er erneut ihre Hand und hielt sie an ihrem Bauch an sich gedrückt. Als sie wieder die Oberfläche erreicht hatten, schnappte Rae verzweifelt nach Luft und hustete.

„Sie kommt!” Die riesige Welle erfasste sie und die Jacht.

Das Boot schien zu zerreißen. Die riesigen Wassermaßen drückten sie nach unten. Jeremy versuchte Rae immer weiter festzuhalten. Sie schleuderten umher und Rae bewegte sich bald nicht mehr. Der Vampir kämpfte, um gegen das Wasser anzukommen, doch seine Gliedmaßen gehorchten ihm nicht.

Auf einmal spürte Jeremy Boden unter den Füßen. Schnell drückte er sich mit beiden Füßen, so fest er konnte, ab und wirbelte in einer Spirale, ohne Rae loszulassen, wieder weiter nach oben. Der Vampir wehrte sich gegen die Ohnmacht, die ihn versuchte zu ergreifen.

Als er kurz die Augen aufschlug, konnte er die unruhige Wasseroberfläche sehen. Jeremy tauchte auf und schnappte nach Luft. Wäre er ein Mensch gewesen, würde er jetzt nicht mehr leben.

Der Vampir erspähte nicht weit vor ihnen Land. Sofort schwamm er mit letzter Kraft darauf zu. Bald konnte er sich auf die Knie stützen und kroch aus dem flachen Wasser auf den Strand zu. Sicher im etwas harten, grobkörnigen Sand, legte er Rae ab und betrachtete ihr Gesicht. Jeremy wollte ihren Namen aussprechen, aber er konnte nicht. Vor seinen Augen verschwamm alles. Doch er hielt Rae weiter fest. Der Vampir beugte sich über sie und legte seinen Mund auf ihren. Dann versuchte er ihr seinen letzten verbliebenen Atem zu schenken.

Auf einmal riss Rae die Augen auf, rollte sich zur Seite und spuckte Wasser aus. Jeremy warf sich schwer atmend in den feuchten Sand.

Nach kurzer Zeit schloss er die Augen und Ohnmacht beschlich ihn.

3

Gestrandet

 ? / 4:38pm

Die Sonne brannte in Jeremys Gesicht. Vorsichtig öffnete er die Augen und machte sich mit seinem Arm Schatten. Mit der anderen Hand betastete er den weichen Sand, auf dem er lag. Er fühlte sich wundervoll an. Es gab keinen Autolärm, kein irritierendes Menschengewirr, nur das Zwitschern von Vögeln und das Rauschen der Wellen.

Würde sein Körper durch die überstandenen Tortouren und seinen Blutdurst nicht rebellieren, hätte er sich unglaublich wohl gefühlt. Nun wollte er nur eine heiße Dusche nehmen und dann in sein Bett in New York sinken.

Langsam stellte er sich auf seine Beine und beäugte den azurblauen Ozean, in dem das Sonnenlicht glitzerte. Darüber lag der strahlend blaue Himmel, über den lauter flauschige Wolken zogen, die aussahen wie schwebende Inseln. Jeremy sah nach links. Dort prangte ein von der Brandung ausgehöhlter Fels. Er wandte sich weiter nach links und sah einen riesigen Wald aus Palmen.

„Beeindruckend…“, flüsterte der Vampir beeindruckt, voller Hochachtung vor der Schönheit dessen, was vor ihm lag. Die Schatten der Palmen glitten über seinen Körper. Langsam knöpfte Jeremy sein schwarzes Hemd auf. Der kühle Wind strich über seinen nackten Oberkörper, das Hemd flatterte. Er hob etwas Sand auf und ließ ihn in seiner Hand wieder hinunter rieseln.

Auf einmal fanden seine staunenden Augen Rae, welche weiter hinten am Strand lag. Sie schlug gerade die Augen auf und hielt sich den Kopf. Jeremy verließ den Schatten der Palmen. Er spürte die brennende Sonne auf seiner Haut. Schnell knöpfte er sein Hemd wieder zu und lief zu Rae. Vorsichtig half er ihr auf.

„Danke“, sagte sie und umarmte ihn. „Du hast mir das Leben gerettet. Schon wieder.“

„Ist schon in Ordnung.“ Plötzlich schnappte er nach Luft und Jeremy ging zügig Richtung Wald. Schwindel erfasste ihn und ihm wurde es übel. Rae rief ihm hinterher:

„Was machst du? Wo willst du hin?“

„In den Schatten.“ Schnell lief sie zu ihm und blickte in seine Augen. Sie hatten ein dunkles Rot angenommen. Rae wich erschrocken zurück.

„Was ist mit dir?“

„Rae, du musst gehen! Sofort! Mach dir keine Sorgen um mich. Ich brauche…“ Jeremy zögerte weiterzusprechen und stützte sich an einen Stamm. Ein starkes Verlangen stieg in ihm empor. Mit aller Kraft versuchte er sich dagegen zu wehren. Die ganze Zeit über ungeschützt in der Sonne zu liegen, hatte ihm schwer zugesetzt.

„Verdammt….“ Seine Kehle schnürte sich zu.

Rae blickte ihn verängstigt an. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Eines war ihr klar, Jeremy brauchte Blut. Und auf dieser fremden, verlassenen Insel fanden sie sicher keine anderen Menschen. Rae setzte eine entschlossene Miene auf. Sie nahm ihre Haare über die linke Schulter und hielt den Kopf etwas zur Seite.

„Hier! Trink!“ Jeremy wandte sich um und blickte sie mit seinen grauenerregenden, in tiefes Rot getränkten Augen an.

„Rae, nein! Ich könnte nicht aufhören! Ich würde dich töten!“ Sie blieb entschlossen. Dies war der einzige Weg ihn zu retten. Wenigstens das konnte sie für ihn tun. Jetzt musste Rae nicht mehr nur tatenlos zusehen, wie Jeremy litt. Jetzt konnte sie ihm etwas von ihrem Leben abgeben. Rae nahm den Vampir in die Arme. Schon seit Längerem hatte sie im Stillen die Entscheidung gefasst, ihr Blut herzugeben, wenn es tatsächlich so weit kommen würde.

„Ich vertraue dir. Trink!“ Jeremy wehrte sich noch immer mit all seiner verbliebenen Kraft. Doch trotzdem näherte er sich ihrem Hals. Langsam öffnete er den Mund und Rae spürte seinen Atem. Jeremy bleckte die Zähne.

Dann war es soweit, er schlug seine Zähne in ihren Hals. Sie drangen ein und zähflüssiges Blut rann aus den zwei Wunden. Rae stöhnte vor Schmerz. Der Vampir begann gierig zu saugen. Sie spürte die Intimität, die dem zu Grunde lag. War es immer so? Oder kam es ihr nur so vor, weil Jeremyihr Blut saugte? Raes Herz klopfte wie wild. Sie hatte Angst, aber dort war noch ein anderes Gefühl. Ein unglaublich starkes Gefühl, das sich kribbelnd in ihrem Bauch ausbreitete.

Ein weiteres Stöhnen entglitt ihr und sie bemerkte, wie ihre Kräfte sie verließen.

„Jeremy… das ist… zu viel…“, brachte Rae gerade so heraus. Ihr Griff lockerte sich. Sie versuchte ihn von sich wegzuschieben, aber Jeremy war stärker. Er hatte sich vollkommen im süßen Geschmack des Blutes verloren. Rae wehrte sich mit allem, was sie noch aufbringen konnte. Vergebens.

„Jeremy!“, schrie sie noch einmal, bevor sie endgültig das Bewusstsein verlor.

Das erste, was Rae hören konnte, waren die rauschenden Wellen des Ozeans. Langsam hob sie den Kopf an und setzte sich auf. Vorsichtig betastete sie Jeremys Bissspuren. Sie schmerzten noch ein wenig. Rae versuchte aufzustehen, wankte aber ein Bisschen. Sie musste sich am Stamm einer Palme festhalten. Noch etwas benommen tat sie einen Fuß vor den anderen. Es war finster und doch schien alles durch den Mond hell erleuchtet.

Nicht lange und Rae hatte den Strand erreicht. Die frische Seeluft half ihr, wieder zu klarem Verstand zu kommen.

Plötzlich erkannte sie Jeremy, der, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, im weichen Sand lag und in den Himmel hinauf sah.

Fast geräuschlos trat sie vor ihn. Vor den Vampir, der sie um ein Haar getötet hätte. Und doch verspürte sie kein Gefühl von Angst. Rae wusste, das, was geschehen war, bedeutete ihnen beiden etwas. Auch wenn sie im Moment nicht sagen konnte, was genau. So konnte sie Jeremy wenigstens helfen. Von nun an tat sie etwas für eine Person, die sie liebte. Rae öffnete den Mund. Doch was sollte sie sagen? Etwa: Danke, dass du mich nicht getötet hast?

„Hey.“ Jeremy verlor seinen abwesenden Blick und sprang auf. Er musterte sie mit besorgter Miene und fragte:

„Bist du in Ordnung? Vielleicht hättest du noch ein kleines Bisschen liegen bleiben sollen.“

„Mir geht’s gut, mach dir keine Sorgen.“

„Es tut mir leid. Du musst mich jetzt wohl hassen.“ Rae sah ihn fassungslos an.

„Hassen? Wo denkst du bloß hin? Ich könnte dich nie hassen. Das ist das Mindeste, was ich für dich tun kann, wo ich doch die ganze Zeit über nur zusehen konnte, wie du dich quälst.“

„Fühle dich mir gegenüber nicht verpflichtet.“

„Ich hasse dich nicht!“, erklärte sie gedehnt.

„Schon gut, schon gut. Aber jetzt mal was anderes, darf ich dich fragen welche Blutgruppe du hast?“ Rae musterte ihn fragend.

„Meine Blutgruppe? Aber wieso?“

„Dein Blut hat anders geschmeckt als jedes andere, was ich je getrunken habe. Es war unglaublich berauschend und so köstlich. Es schmeckte ein wenig nach A0 Negativ. Nur noch… viel viel besser. Einfach unbeschreiblich.“ Jeremy schüttelte den Kopf. „Ich schweife ab, tut mir leid. Das ist widerlich.“ Jetzt war Rae vollkommen verwirrt. Sollte das etwa heißen, dass sie eine ganz eigene Blutgruppe besaß, die niemand sonst hatte?

„Ich weiß nicht, welche Blutgruppe ich habe. Du weißt doch, dass es in Iyoso keine Bluttests gibt.“

„Das ist alles ganz schön merkwürdig.“ Rae bemerkte auf einmal die Kälte und rieb sich die Oberarme. Jeremy bemerkte dies und fragte:

„Ist dir kalt? Ich mache uns ein Feuer.“ Rae nickte.

Der Vampir ging los, um Feuerholz zu suchen, Rae wollte nicht alleine bleiben, also hielt sie sich an Jeremys Arm fest und kam mit.

Der Vampir nahm ein paar Stöcke vom Rande des Waldes auf. Rae half ihm dabei.

Kurze Zeit später, als sie genug zusammen hatten, warfen sie das Holz an eine geeignete Stelle am Strand auf einen Haufen. Rae betrachtete alles nachdenklich und meinte:

„Wäre es denn nicht sinnvoller, wenn wir im Wald ein Lager aufschlagen und nicht hier am ungeschützten Strand?“

„Nein, ich glaube, wir sollten hier bleiben. Von hier aus können Schiffe das Feuer besser sehen. Außerdem wollen wir ja nicht von wilden Tieren attackiert werden“, erklärte Jeremy und kramte ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche. Er hielt es über den kleinen Stapel Holz und versuchte das Feuerzeug zu entzünden. Als keine Flamme erschien, steckte er es zurück.

„Verdammt, das ist Schrott. Ich hatte mir schon gedacht, dass es durch die Schwimmaktion kaputt gegangen sein muss.“

„Aber Jeremy, mir ist so unheimlich kalt.“ Jeremy knöpfte sein Hemd auf und zog es aus. Dann hängte er es über Raes Schultern. Sie sah ihn mit überraschter Miene an und lächelte.

„Was ist jetzt mit dir? Dir ist doch sicher auch kalt.“

„Mach dir um mich keine Sorgen. Ich muss damit anfangen meine Schuld zu begleichen.“

Rae bemerkte, dass Jeremy, nachdem sie ihm ihr Blut gegeben hatte, wieder gesund aussah. Seine azurblauen Augen strahlten wieder wunderschön im Vollmondlicht und seine Haut gewann ihre alte Farbe zurück. Auch wenn sie immer noch etwas blass war. Aber wie Rae schon längst wusste, war die Haut von Vampiren ohnehin etwas blasser.

Zusammen legten sie sich in den feinen, weichen Sand. Sie kuschelte sich ganz nah an ihn heran, um sich warm zu halten. Rae dachte immer, Jeremy wäre eiskalt, so wie es den Vampiren nachgesagt wurde, aber er war überraschend warm. Sie fühlte sich in seinen Armen geborgen und sicher. Rae fand es seltsam, dass sie sich noch immer müde fühlte, selbst nachdem sie ein paar Stunden ohnmächtig gewesen war. Schon bald schlief sie ein.

Jeremy schaute weiter in den dunkelblauen, mit Sternen übersäten Himmel, der durch den Mondschein gar nicht so finster zu sein schien. Die Sterne können uns sicher eine Menge erzählen. Nur schade, dass man nicht mit ihnen reden kann. Ob sie auch wissen, wo mein wahres Zuhause ist?Jeremy lächelte und schloss die Augen. Er war keinesfalls müde, aber er fühlte sich unter dem Sternenhimmel so wohl, dass auch er bald einschlief.

„Er kehrt zurück. Jeremy, er kehrt zurück! Aber warum bist du nicht da? Warum bist du nicht da? Er wird alles zerstören! Du bist doch der einzige, der… du bist doch der einzige…“, hallte eine zarte Stimme durch Jeremys Traum.

Eine weite grüne Wiese umgab einen gläsernen Sarg auf einem schwarzen Podest mit goldenen, verschnörkelten Verzierungen. Ein kleines Mädchen mit langen, schwarzen Haaren lag in den weichen, karmesinroten Kissen. Sie trug ein feines, königsblaues Kleid aus Samt, welches aus der Barockzeit stammen könnte und edle Schuhe aus dem Schwarz, dass ihren Haaren glich. Die Haut des Mädchens war schneeweiß und ihre Miene wie versteinert. Neben ihr ruhte eine einfache, aber sehr schöne silberne Krone.

Der Sarg wurde vom dunkelblauen Nachthimmel umgeben, der mit bunten Nordlichtern und tausenden von Sternen durchzogen war. Jeremy stand neben dem Sarg und betrachtete das Mädchen.

Plötzlich zogen von Norden schwarze Wolken auf und all die schönen Farben des Nachthimmels verschwanden. Jeremy spürte die eiskalte Luft, die auf einmal wehte. Am Horizont erschien ein junger Mann in einem leichten, schwarzen Umhang. Sein Gesicht versteckte er unter einer Kapuze. Jeremy wandte nur für einen kurzen Moment die Augen ab, und der Fremde stand auf der anderen Seite des Sarges. Wie konnte er diese Entfernung nur so schnell überwinden? Er hatte ungefähr dieselbe Größe wie Kaname, war also um eine Stirnesbreite größer als Jeremy und Jeremy konnte unter der Kapuze schwarze Haare erkennen.

Mit seiner Hand, die er in einem schwarzen Handschuh versteckte, fuhr der Fremde über den Glasdeckel des Sarges. Ein breites Grinsen erschien unter seinen schwarzen Haaren.

Langsam hob er den Kopf. Er schien Jeremy zu bemerken, wie konnte das möglich sein? Jeremy zuckte innerlich zusammen und trat einen Schritt zurück.

„Jeremy. Hey? Bist du wach?“ Raes Stimme durchschnitt das Heulen des kalten Windes. Ihre Stimme wurde immer lauter und Jeremy wachte langsam auf. So, als wäre seine Seele auf ferner Reise gewesen und nun in ihren Körper zurückgekehrt. Er spürte den Schweiß, der um ihn lag, wie ein unangenehmer Mantel.

„Hey…“ Jeremy setzte sich auf und blickte mit abwesenden Augen auf den Ozean. Der Himmel ging von einem hellen Gelb in Orange über. Und dort wirkte der Himmel leicht violett. Die Sonne lugte über den Rand des Ozeans und sorgte für ein angenehmes Licht.

„Was ist passiert? Du bist ja ganz durchgeschwitzt.“

„Ich habe nur etwas geträumt.“

„Erzähl es mir…“, bat Rae neugierig und setzte sich neben ihn. Jeremy sah sie für einen Moment unschlüssig an, doch dann sprach er:

„Ich war auf einer grünen Wiese. Aber dieses Grün wirkte so strahlend, als ob die Welt gerade erst geschaffen worden wäre. Und in mitten dieser Wiese stand ein Podest mit einem Sarg. In diesem Sarg lag ein kleines Mädchen. Nicht älter als zwölf. Irgendwie glaubte ich, sie zu kennen. Ich habe sie irgendwo schon einmal gesehen…“ Jeremy stoppte, um zu überlegen. Ein Mädchen mit langem schwarzem Haar? „Ich kenne sie irgendwo her. Ich weiß es. Aber ich habe sie noch nie zuvor gesehen. Was hat das alles zu bedeuten?“ Rae beugte sich etwas vor.

„Ist denn in diesem Traum nichts passiert, dass deine Frage beantworten könnte?“ Jeremy scheute sich davor zu antworten.

„Es ging noch weiter. Irgendwann kam ein Kerl. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, weil er einen Umhang getragen hat. Aber auch er war mir nicht fremd. Plötzlich wurde alles kalt und diesen Kerl umgab eine dunkle, starke Macht. Stärker, als die, die der Teufel besitzt. Das war unbeschreiblich.

Das, was mir solche Angst einjagt hatte, war aber nicht der Kerl, sondern diese Macht, die mir so bekannt vorkam. Ich weiß, man sollte Träumen nicht so viel Beachtung schenken… Aber dieser hatte etwas zu bedeuten.“ Rae betrachtete ihn nachdenklich. Dann stand sie auf.

„Mach dir nicht so viele Sorgen. Ich bin sicher, es gibt für alles eine Erklärung. Aber jetzt sollten wir uns vielleicht um unser größtes Problem kümmern. Nämlich dass wir hier gestrandet sind und keiner nach uns sucht.“ Jeremy nickte zustimmend und richtete sich auf. Dann klopfte er den Sand von seinem Rücken, seiner Hose und versuchte auch seine Haare davon zu befreien.

Der Vampir schaute sich auf dem Ozean um, um vielleicht ein Schiff zu entdecken, obwohl er wusste, dass dort keines war. Rae betrachtete die mächtigen Palmen mit ihren grünen, im Wind wehenden Blättern.

„Heute ist Sonntag… da fahren sicher kaum Schiffe. Ich würde vorschlagen, wir bauen uns einen kleinen Unterschlupf. Wir können ja nicht dauernd am Strand schlafen.“

„Gute Idee. Aber ich muss erst mal diesen Sand loswerden.“ Schneller, als Rae schauen konnte, hatte Jeremy seine Jeans ausgezogen, lief ins Wasser und tauchte unter. Sie lachte und sah sich um. Er tauchte wieder auf. Das Wasser reichte ihm, dort wo er stand, bis zum Bauchnabel.

„Komm rein! Das erfrischt!“

„Du verrückter! Das Wasser ist doch sicher eiskalt!“

„Ja, und? Hast du Angst vor Wasser?“ Jeremy überredete sie mit seiner guten Laune und dem Glitzern in seinen Augen, das wohl ausdrückte, dass er sich hier wohl fühlte.

Rae knöpfte Jeremys Hemd auf, das sie als einziges anbehalten hatte und stand nun in ihrer dunkelroten, mit Straß Steinen verzierten, Unterwäsche da. Der Vampir geriet in Panik und drehte sich schnell um.

„Was… was tust du denn da?“, fragte er nervös. Raes Wangen färbten sich rosa-rot als sie bemerkte, wie Jeremy reagierte. Sie trat langsam auf den feuchten Sand und schrie auf, als das kalte Wasser über ihre Füße lief.

„Ich kann doch schlecht mit meiner Kleidung ins Wasser gehen, oder?“ Sie lachte. „Du kannst dich ruhig wieder umdrehen, ich erlaube es dir.“ Jeremy betrachtete sie lächelnd und versuchte durch das schwere Wasser zu ihr zu gelangen.

„Komm schon weiter rein. Na los!“ Rae zierte sich, aber der Vampir nahm sie am Arm und zog sie weiter ins Wasser hinein. Sie lachten. Rae spritzte ihn mit Wasser nass und schrie, als er sich wehrte. Jeremy tunkte sie kurz unter Wasser. Als Rae sich wieder aufgerichtet hatte, sah sie ihn beleidigt an.

„Jeremy, das war aber nicht nett von dir.“ Der Vampir sah sie mit besorgter Miene an und kam etwas näher.

„Oh Gott, es tut mir Leid, habe ich dir etwa wehgetan?“ Da grinste Rae hämisch und stieß Jeremy ins Wasser. Er stand auf und schüttelte fassungslos den Kopf.

„Du kleine, hinterlistige…“ Rae nieste. Jeremy hielt in der Bewegung inne. „Vielleicht sollten wir jetzt wieder aus dem Wasser gehen, bevor du noch eine Erkältung bekommst.“ Rae nickte und zusammen kehrten sie zum Strand zurück.

„Weißt du, früher, wenn ich im Wasser schwimmen war, konnte ich es richtig fühlen. Wie die Wellen sich bewegten und die Wassertropfen auf meiner Haut. Aber jetzt…“

Die Beiden legten sich in den Sand und ließen sich von der Sonne trocknen. Rae betrachtete Jeremy eingehend. Sie begann bei seinen mit Sand bedeckten Beinen über seine leichten Konturen der Muskeln auf seinem Bauch bis hin zu seinem hübschen, wohlproportioniertem Gesicht.

„Ich weiß, dass wir nie wieder über die damaligen Zeiten reden wollten, jedenfalls was den Teufel betrifft… aber kann ich dich trotzdem etwas fragen?“. Jeremy wirkte immer noch ziemlich entspannt. Er öffnete die Augen, ließ die Finger auf seinem Bauch ineinandergreifen und sah sie an.

„Frag, was du willst. Wenn ich nicht antworten möchte, dann tue ich das auch nicht.“ Rae drehte ihren Körper zur Seite und stützte ihren Kopf in ihre Handfläche.

„Damals hast du dieses ganze Dorf ausgelöscht. Ich möchte den Grund wissen.“ Jeremy runzelte für einen kurzen Moment die Stirn.

„Ich dachte Kaname hätte dir alles erklärt.“

„Er hat mir gar nichts erzählt. Und ich wollte dich nicht fragen… ich dachte du wolltest nicht darüber reden.“

„Ist schon gut. Luzifer gab Haven und mir damals den Auftrag es auszulöschen. Und es musste unbedingt mit Feuer geschehen. Natürlich war ich auch neugierig. Warum das ganze Dorf? Plains, so hieß es, war vor einiger Zeit von Ignis heimgesucht worden. Das sind böse Seelen, die ewiger Verdammnis in der Hölle ausgesetzt sind.

Sicher hast du schon einmal von dem Begriff Exorzismus gehört. So einen habe ich durchgeführt. Ich musste das Höllenfeuer heraufbeschwören, um auch wirklich alle Seelen zurückschicken zu können. Die Menschen hätte ich selbst dann nicht retten können, wenn ich es gewollt hätte. Sie waren schon längst tot. Nur dieser eine Junge hat es geschafft zu entkommen. Denn in ihm steckte ein besonders starker Ignis. Wir hätten sie nicht unterschätzen dürfen. Luzifer sagte zwar, die Seelen hätten einen Weg gefunden, um zu entkommen, aber ich glaube, er hat das Portal absichtlich offen gelassen, um Chaos auf der Erde zu verbreiten. Ihm ist viel zu oft langweilig.“ Rae wurde wütend und rief:

„Das kann nicht sein! Wie kann man nur so herzlos sein! Das ist doch undenkbar!“

„Rae, hast du es denn immer noch nicht verstanden? Luzifer ist kein Mensch! Er ist der Teufel. Gefühle wie Liebe, Mitleid oder Angst sind ihm vollkommen fremd. Er ist boshaft, schadenfroh und liebt es, anderen Schmerz zuzufügen. Menschen leiden zu sehen, macht ihm Spaß. Es gibt sicher noch andere Wesen, die so denken.“

„Solche Wesen sind schrecklich“, urteilte sie.

„Ach, meinst du? Und was ist mit uns? Wir jagen Menschen wie Freiwild. Manche halten sich sogar Menschen als Haustiere. Auch wir sind nicht unschuldig. Trotzdem fühlst du dich bei uns so unsagbar sicher. Aber jeder ist zu so etwas fähig. Menschen entführen sich, töten, foltern. Es war schon immer so gewesen. Die Welt ist ein grausamer Ort und wird es immer bleiben.“ Rae sah Jeremy mit trauriger Miene an. Sie wusste es. Sie wusste, dass Grausames auf dieser Welt geschah. Aber sie wollte es nicht glauben. Sondern einfach verdrängen. So wie es die Menschen seit je her getan hatten. Denn das war, so schrecklich es auch klang, einfach nur menschlich. Jeremy verzog seinen Mund kurz zu einem schiefen Lächeln.

„Tut mir leid. Vielleicht hätte ich einfach nicht antworten sollen. Ich dachte nur, ich wäre dir jetzt etwas schuldig wegen… des Blutes, dass du mir gegeben hast“, erklärte er zögerlich und stand auf. „Jetzt lass uns anfangen zu bauen.“ Rae erhob sich ebenfalls und lächelte.

Jeremy ging voran und suchte die geeignete Stelle für ein Lager. Er drehte sich immer wieder um, um zu prüfen, ob man den Strand noch sehen konnte. Schließlich wollte er sich nicht, wie damals in Iyoso, noch mal in einem Wald verlaufen und sie mussten den Ozean im Auge behalten, damit sie auch kein Schiff verpassten.

Rae betrachtete freudig die tanzenden Sonnenflecken auf ihrer Haut und beäugte die hohen Palmen, deren Blätter sich leise im Wind wiegten. Nun gingen sie durch ein wenig Farn. Jeremy riss sich ein Farnblatt ab, um damit herumzuspielen und Rae strich mit ihren Fingerspitzen durch die Pflanzen.

Plötzlich entdeckte Jeremy etwas, das weiter links von ihnen hinter ein paar Gebüschen versteckt lag.

„Rae!“, rief er und zeigte in die Richtung, in die er dann lief.

Als sie ankamen, trauten sie ihren Augen nicht. Ein stabil aussehendes Baumhaus ragte aus der Baumkrone einer großen Palme mit mächtigem Stamm. Es war aus einzelnen dünnen Stämmen gebaut und das Dach großzügig mit kaum verdorrten Farn- und Palmblättern ausgelegt worden. Die Leiter, aus dicken Stöcken zusammengebunden, begann aber bereits auseinanderzufallen.

„Hallo! Hallo, ist hier jemand?“ Jeremy betrat die erste Stufe der Leiter.

„Nicht!“, rief Rae besorgt. „Sie sieht nicht sehr stabil aus.“ Jeremy lächelte sie an, drehte sich wieder um und kletterte vorsichtig weiter. Langsam setzte Jeremy seinen rechten Fuß auf die nächste Stufe. Man konnte ein leises Knacken hören. Rae zuckte zusammen. Nun hob er den linken Fuß und setzte ihn eine Stufe höher. So ging es immer weiter. Die nächste Stufe fehlte, also überging er sie einfach. Die letzte Sprosse der Leiter war in dreieinhalb Metern Höhe. Bald konnte Jeremy das Baumhaus erreichen. Noch einen Schritt… Der Vampir nahm Schwung und die Stufe unter ihm brach zusammen. Er wankte nach hinten, versuchte sich noch im letzten Moment festzuhalten.

„Jeremy!“, schrie Rae und trat einen Schritt vor.

Jeremy fand Halt auf der Stufe darunter und atmete tief ein. Sein Herz raste vor Schreck. Aber plötzlich gab auch diese Stufe nach. Die ganze Leiter stürzte in sich zusammen. Jeremy fiel nach hinten. Trotzdem schrie er nicht. Mit einem dumpfen Geräusch fiel er schließlich zu Boden und mit dem Genick direkt auf einen mittelgroßen Stein. Man konnte hören, wie es brach.

Jeremy zitterte vor Schmerz. Rae lief zu ihm und warf sich neben ihm auf die Knie.

„Alles in Ordnung? Hey! Steh doch auf!“ Der Vampir biss die Zähne zusammen und spürte, wie heißes Blut aus seinem Kopf und seiner Nase strömte.

„Ich bin gerade gestorben…“, grummelte er, während er versuchte sich aufzurichten. Rae half ihm dabei. Sie sah das Blut, welches auf dem Stein trocknete oder noch weiter hinunterlief. Angewidert wendete sie die Augen ab und umarmte ihren Freund. Jeremy spürte, wie die inneren und äußeren Wunden verheilten, und atmete erleichtert auf.

„Vielleicht hätte ich zuerst ein bisschen daran wackeln sollen“, grinste er.

Die Sonne stand nun fast am obersten Punkt des Himmels. Man konnte spüren, dass es langsam Mittag wurde. Ein Kranich flog über die Insel hinweg und ließ einen lauten Schrei los. Die Wellen wurden immer größer, der Wind stärker und der blaue Himmel färbte sich im Osten grau.

Ein Schleier schien in den Ozean zu greifen, um ihm jenes Wasser zu geben, welches er anderen Seen, Bächen und Ozeanen genommen hatte. Jeremy lauschte den Insekten und Vögeln, während er versuchte, die gesammelten Äste mit einem dünnen Seil zusammenzubinden.

Rae hob gerade die dritte Kokosnuss vom Waldboden auf, die sie vorher hinunter geschüttelt hatte. Stolz auf ihre Beute, kehrte sie zum Baumhaus zurück.

„Hey…“, rief Rae und untersuchte Jeremys Seil.

„Wo hast du denn das gefunden?“

„Ich bin ins Baumhaus gesprungen. Dort lagen ein paar Sachen… eine große Feldflasche mit ungefähr einem Liter Wasser, eine Decke, eine Lampe und ein Rucksack.“ Rae runzelte die Stirn.

„Warum wolltest du dann zuerst die morsche Leiter benutzen?“ Jeremy sah sie mit einem wunderschönen Lächeln an.

„Ich wollte wissen, ob du sie gefahrlos benutzen kannst.“ In Raes Bauch kribbelte es schon wieder. Mit einem verlegenen Lächeln ging sie zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Das ist ja süß von dir!“ Jeremy versuchte sich nichts anmerken zu lassen und widmete sich weiter seiner Arbeit. Rae legte die Kokosnüsse vorsichtig auf den Boden und sprach:

„Ich habe drei mitgebracht. Ich habe eigentlich noch nie zuvor Kokosmilch probiert. Wie sie wohl schmeckt?“ Mit fröhlicher Miene musterte sie die harten Kokosnüsse.

„Ich habe auch noch nie richtige Kokosmilch getrunken. Nur die chemisch hergestellte aus dem Supermarkt.“ Jeremy band die letzte Sprosse fest. Dann prüfte er als Letztes, ob die neue Leiter stabil genug war.

Vorsichtig stellte er sie in die Senkrechte und lehnte sie an den Stamm der Palme. Mit einem Satz sprang Jeremy hinauf und landete gekonnt im Baumhaus. Er hatte das letzte Stück Seil mitgenommen, dass er benutzte, um die Leiter am Baumhaus zu befestigen. Dann richtete Jeremy sich auf. Die Decke aus langen dünnen Stäben und großen Blättern war hoch genug, dass er gerade so aufrecht stehen konnte.

„Komm hoch! Diesmal ist die Leiter stabil. Immerhin habe ich sie gebaut“, prahlte Jeremy grinsend.

Rae griff nach den Sprossen und fing an, die Leiter hinauf zu klettern. Sie vertraute ihm. Deshalb zweifelte sie keinen Moment an der Stabilität der Leiter. Tatsächlich kam sie heil oben an.

Erstaunt entdeckte Rae den Rucksack in der linken hinteren Ecke, die Öllampe, die daneben stand, und die dicke Wolldecke, die zusammengerollt da lag.

„Wo der Besitzer dieses Rucksacks wohl ist. Ihm ist sicher etwas zugestoßen, sonst wäre er schon längst zurückgekommen“, folgerte Rae, während sie in den Rucksack hineinsah.

„Ein Apfel, Taschentücher, ein großes, langes Messer, drei Sandwiches, ein Buch…“ Rae sah sich den Einband des Buchs an.

„Stephen Kings Das Mädchen.“ Jeremy runzelte die Stirn.

„Das ist wohl kaum die richtige Lektüre für jemanden, der alleine auf einer Insel gestrandet ist.“ Er nahm das Buch und blätterte es durch.

„Wieso? Worum geht es denn da?“, fragte Rae und setzte sich neben den Rucksack.

„Es geht um ein kleines Mädchen, dass sich während eines Ausflugs der Familie im Wald verirrt. Zuerst bemerkt es gar keiner, aber als es ihrer Mutter endlich auffällt, ist es schon zu spät.“ Raes Augen weiteten sich.

„Was ist mit dem Mädchen passiert?“, fragte sie neugierig. Doch Jeremy schüttelte nur den Kopf und entgegnete:

„Wenn du es wissen willst, dann musst du das Buch lesen.“ Rae lächelte, nahm das Buch und legte es zurück in den Rucksack. Jeremy blickte aus dem Baumhaus hinaus, an den unzähligen Palmen vorbei, bis hin zum weiten, glänzenden Ozean.

„Von hier aus können wir immer beobachten, ob ein Schiff vorbeifährt.“ Rae wollte aufstehen, um auch einmal einen Blick hinaus zu werfen. Doch plötzlich wurde ihr schwindelig und sie ließ sich wieder auf den Boden fallen. Jeremy kehrte sich zu ihr herum und blickte sie mit fragender Miene an.

„Mir ist nur ein bisschen schwindelig.“ Jeremy kniete vor ihr, musterte sie besorgt und strich eine dunkelbraune Strähne aus ihrem Gesicht. Sie war viel zu blass.

„Das ist alles meine Schuld! Dir fehlt einfach zu viel Blut! Ich gehe kurz nach unten und hole eine Kokosnuss.“ Rae hielt Jeremy am Ärmel fest. „Du musst etwas essen!“ Sie ließ ihn los.

Jeremy sprang hinunter und tauchte kurz darauf wieder mit einer Kokosnuss auf. Schnell nahm er das Messer aus dem Rucksack und rammte es in Sekundenschnelle durch die Kokosnuss. Die zwei makellosen Hälften fielen wankend zur Seite. Nur wenig Kokosmilch wurde dabei verschüttet.

Rae nahm eine Hälfte und nippte daran. Die Milch war angenehm kühl. Sofort hob sie die Schale erneut an. Dann trank sie die ganze Milch. Erst jetzt bemerkte sie ihren Hunger und ihren Durst. Ihr Bauch grummelte gierig nach mehr. Jeremy setzte sich ihr gegenüber und sprach:

„Nimm dir ein Sandwich aus dem Rucksack. Oder vielleicht auch den Apfel. Worauf du jetzt eben mehr Lust hast. Das Wichtigste ist, dass du etwas in den Magen bekommst.“

Er stützte seinen rechten Arm auf sein angewinkeltes Bein und schaute über Rae hinaus in den Himmel, der an manchen Stellen von Palmenkronen bedeckt wurde. Die weißen Wolken zogen langsam vorbei. Er schien verträumt und abwesend. Seine Augen besaßen ein trauriges, Schicksal behaftetes Schimmern. Rae beobachtete ihn, während sie aß. Ihr fiel auf, dass Jeremy immer dieses Schimmern in den Augen hatte, aber dass sie es nie richtig bemerkt hatte. Ihre Gliedmaßen zuckten zusammen, als ihre Blicke sich plötzlich trafen. Und sie schaute verlegen auf ihr Sandwich. Ich hatte gedacht, dass ich Jeremy mit der Zeit besser verstehen würde. Aber es hat sich gezeigt, dass er eigentlich undurchschaubar ist. Auch wenn er fröhlich wirkt, heißt das noch lange nicht, dass er es auch ist. Ich kann mir nicht vorstellen, was er gerade denkt oder fühlt. Ich dachte, wenn ich ihn frage, warum er damals diesen Pakt geschlossen hat, könnte ich seine Gedanken und Gefühle nach vollziehen. Trotzdem ist sein Innerstes von vollkommener Dunkelheit umschlossen. Selbst sein Charakter scheint sich immer ein wenig zu verändern, so als wäre er noch nicht vollendet… Rae steckte sich das letzte Stück Sandwich in den Mund und schüttelte über ihre Gedanken den Kopf.

4

Lost Island

 ?/ Drei Tage später / 11:08pm

„Eure Hoheit? Es gibt anscheinend ein paar Komplikationen bezüglich Jeremy Monroe und Raelle Kurenai. Offensichtlich sind sie in einen Taifun geraten…“ Die Mundwinkel der Frau zogen sich nach unten. Ihre schönen Züge verdunkelten sich.

„Soll das etwa heißen, sie sind tot?“

„Wir wissen es nicht. Aber wir haben keine Leichen gefunden.“ Ein Lächeln machte sich in ihrem Gesicht breit.

„Ich habe es gewusst. Sie sind noch am Leben. Jeremy ist ein Überlebenskünstler, wenn es darauf ankommt. Es scheint so, als würde die Frucht, auf die wir gewartet haben, endlich beginnen zu reifen…“

„Eure Hoheit?“

„Oh, tut mir leid, das war nur ein Selbstgespräch. Du darfst gehen, Shukran.“ Der Mann verbeugte sich und verließ den Thronsaal. Der Frau entglitt ein lautes, unheilverkündendes Lachen und sie überkreuzte ihre langen, mit Goldschmuck verzierten, Beine.

Rae nahm einen flachen Kieselstein vom Boden auf und versuchte ihn über das Wasser hüpfen zu lassen. Leider machte er nur einen Satz und fiel dann mit einem kleinen Platschen in die Tiefen des Ozeans. Mit einem lauten Seufzen drehte sie sich zum Strand zu ihrer Rechten um und ging an ihm entlang.

„Die Wolken versperren mir die Sicht…“, grummelte Jeremy und setzte sich auf.

Er entdeckte Rae und beobachtete sie eine Weile. Dann stand er auf. Der Vampir schüttelte den Kopf, um den Sand aus seinen Haaren zu bekommen.

Langsam schritt er voran, während er die vorbeiziehenden Wolken betrachtete. Nie hätte er geglaubt, dass er die Ruhe Iyosos so sehr vermissen würde. Genau wie in dieser Welt existierten hier nur die Geräusche der Natur.

„Woran denkst du gerade?“, fragte der Vampir, als er Rae eingeholt hatte.

„Mir fehlt Kaname“, gab Rae zu und sah Jeremy mit einem leidendem Lächeln an.

„Ach, wirklich? Ich finde, dass es schön ruhig ohne ihn ist.“ Rae runzelte etwas aufgebracht die Stirn.

„Aber wie kannst du so etwas sagen? Er ist dein bester Freund!“

„Das stimmt schon, aber du weißt doch, wie er ist. Jeden Tag hat er neue Sprüche für mich parat.“ Jeremy hielt einen Augenblick inne. „Ich weiß, dass ich ihm finanziell ganz schön zur Last falle, aber deshalb muss er mir nicht immer sagen, wie viel ich ihm schulde. Ich bin ihm trotzdem sehr dankbar für alles. Immerhin war er auch derjenige, der mir geholfen hat, als Vampir besser klarzukommen.“

„Genau wie du weiß auch ich, wie Kaname ist. Man kann ihn leicht durchschauen. Und auch ich schulde ihm meinen Dank. Immerhin hat er mir das Leben gerettet und mich bei sich aufgenommen. Doch manchmal tut er Dinge, die ich einfach nicht verstehe“, erklärte Rae. Ihre Wangen färbten sich rot. Jeremy fragte sich, ob sie wohl an die Momente dachte, in denen Kaname sie umwarb… oder sie küsste.

„Genau weil ich weiß, wie er ist, kann ich manches nicht verstehen. Aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: Ich werde ihm immer vertrauen, selbst dann, wenn er etwas Unverzeihliches tun würde.“ Jeremy blieb stehen. Sie vertraute ihm also. Sie vertraute Kaname, der normalerweise nur Dinge tat, die ihm selbst einen Vorteil brachten. Selbst, dass er Rae aus Iyoso mitnahm und sie dadurch vor dem sicheren Tod bewahrte, tat er nur, um sie seiner Sammlung hinzufügen zu können. Jeremy konnte sich einfach nichts anderes vorstellen. Es sei denn, Kaname wäre in Rae… Diesen Gedanken verbannte Jeremy schnell aus seinem Kopf. Das konnte nicht sein, durfte nicht sein.

Schon damals, als Rae noch vollkommen neu in der Menschenwelt war, fragte Kaname ihn, warum er sich in ihrer Gegenwart so merkwürdig fühlte. Und Jeremy wusste die so absurde Antwort.

Doch zu diesem Zeitpunkt war ihm nicht klar, was er eigentlich empfand. Der Vertrag mit Luzifer hatte seine positiven Gefühle zu weit abgestumpft, als dass er sie hätte bemerken können.

„Was ist? Geht es dir gut?“, fragte Rae und wedelte mit der Hand vor Jeremys Gesicht herum, der sie offenbar die ganze Zeit über entsetzt angestarrt hatte.

„Ja, alles in Ordnung. Wir können ruhig weiter gehen“, antwortete Jeremy und sie setzten sich wieder in Bewegung.

„Mir ist aufgefallen, dass ich ihn zwar schon ein Jahr kenne, ich aber kaum etwas über seine Familie und seine Vergangenheit weiß.“

„Ich muss zugeben, auch er hatte es in seinem Leben nicht immer einfach. Seine Mutter Rubina und sein Vater Jasper stritten sich fast jeden Tag. Sie beschwerte sich immerzu, dass Jasper nach seiner Arbeit immer so lange wegblieb und sie angeblich betrog, dabei betrog sie ihn selbst. Sie sind wahrhaftig Kanames Eltern…

Kaname liebte seinen Vater über alles. Aber eines Tages, Kaname war vor einigen Monaten sechs geworden, wachte er auf und seine Mutter erklärte ihm, dass sein geliebter Vater sie alle verlassen hätte. Du kannst dir sicher vorstellen, wie Kaname sich da gefühlt haben muss.

Schon acht Wochen später schleppte Rubina einen neuen Kerl an. Den Vater von Lucia. Mit dem hat sie es nicht mal halb solange ausgehalten wie mit Jasper. Danach folgten die sicherlich schlimmsten fünf Jahre in Kanames Leben.

Während Jaden bei seinem Vater wohnte und nur an Wochenenden in die Villa zurückkam, musste Kaname mit ansehen, wie seine Mutter ständig einen neuen Kerl mit nach Hause brachte. Keiner blieb länger als eine Woche. Dazu kam noch, dass Rubina für ihn und Lucia ein Kindermädchen engagiert hatte, das er nicht leiden konnte. Mit dreizehn Jahren hat er sie dann die Treppen hinuntergestoßen und es wie einen Unfall aussehen lassen.

Dann ging es ihm immer besser denn…“ Jeremy stoppte und betrachtete den feuchten Sand unter seinen Füßen.

„Was denn?“ Der Vampir schluckte und fuhr fort.

„… denn dann tauchte eine Frau auf, die ihn unter ihre Fittiche nahm und viel Zeit mit ihm verbrachte. Rainbow.“ Raes Augen weiteten sich und sie blickte Jeremy mit entsetzter Miene an.

„Die Frau, die dir so viel angetan hat, hat…“

„Sie wurde sein Mentor und seine Freundin in einer Person. Am Ende seines vierzehnten Lebensjahres hat sie ihn sogar entjungfert. Du kannst dir sicher vorstellen, dass ihre Beziehung sehr… freizügig war. Sie waren zwanzig Jahre lang ein Paar. Zwischendurch ist Rainbow auch mal für ein paar Monate verschwunden. Kaname hatte, während sie noch zusammen waren, tausende Affären und kurze Beziehungen. Ich bin mir sicher, Rainbow hat sich auch in keiner Weise zurückgehalten. Über die späteren Jahre hat sie ihn immer mal wieder besucht. Sie hatten ein paar Tage Spaß und sie verschwand wieder. Das ging solange weiter, bis sie vor ungefähr hundert Jahren verschwand. Es hieß, sie sei in fremde Welten gereist.

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