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Sexy muss er sein

1. KAPITEL

“Ich brauche jetzt einen Mann. Nicht morgen Nachmittag und auch nicht übermorgen. Sondern jetzt!”

Mit diesem knappen Befehl griff Caroline Reed, von allen nur Liney genannt, in ihre Handtasche, öffnete eine Schachtel und zog eine Zigarette heraus. Sie klemmte sie zwischen Zeige- und Mittelfinger und schwang sie wie einen Taktstock, während sie dem Agenten aus New York am anderen Ende der Leitung lauschte.

“Nein”, unterbrach sie ihn und zerbrach energisch die Zigarette. “Das Fotomodell Ihrer Agentur entsprach ganz und gar nicht meiner Beschreibung. Ich hatte John Wayne angefordert, und Sie haben mir Lord Byron geschickt. Das ist so, als würde ich Fleisch verlangen und ein Soufflé bekommen.”

Liney warf die zerbrochene Zigarette auf den heißen Asphalt, zertrat sie sorgfältig mit der Spitze ihres Lederpumps und schaute dann sehnsüchtig auf das kleine Häufchen. In diesem Moment würde sie, ohne zu zögern, ihren BMW gegen einen einzigen Zug Nikotin eintauschen.

Abrupt wandte Liney sich um, presste das Handy ans Ohr und marschierte auf dem Parkplatz auf und ab. “’Cooking Fantasies’ hat einen engen Zeitplan – wir müssen diese Fotosession bis Freitag durchgezogen haben. Nicht Samstag. Freitag! Ich habe Lord Byron in ein Taxi gesetzt und zum Flughafen geschickt, damit er nach New York zurückkehrt. Und das bedeutet, dass ich den angeforderten Mann, einen rauen, umwerfend aussehenden John-Wayne-Typ bei Tagesanbruch morgen früh brauche, also Dienstag. Andernfalls ist der Name Ihrer Agentur nichts mehr wert!”

Sie drehte sich wieder um, ging ein paar Schritte zurück und hörte sich die Beteuerungen des Agenten an, dass John Wayne so gut wie auf dem Weg sei. Obwohl Liney nahe daran war, die Beherrschung zu verlieren, wusste sie, dass sie kein weiteres Ultimatum stellen durfte. Wenn diese Agentur ihr rechtzeitig einen John Wayne hierher nach Wyoming schickte, dann würde sie ihren Zeitplan einhalten können. Und das war im Moment das Wichtigste in ihrer von Nikotin befreiten Welt.

“Wunderbar”, sagte sie. “Rufen Sie mich an, sobald Mr. Raubein im Flugzeug sitzt. Ich lasse mein Handy an – die ganze Nacht.” Sie verabschiedete sich, beendete die Verbindung und stopfte ihr Handy zurück in die Handtasche. Seufzend meinte sie zu niemandem im Besonderen: “Warum muss ich mich nur immer um alles selbst kümmern?”

“Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?” Ein Cowboy in ausgeblichenen Jeans und Stiefeln, die aussahen, als hätte er sie fast sein Leben lang getragen, stieß sich von dem rostigen roten Pick-up ab, an dem er gelehnt hatte.

“Nein, Gomer. Ich lass nur Dampf ab.” Während sie eine lose Locke zurück in ihren Zopf steckte, dachte Liney an ihre Mitarbeiter, die im Moment weit außerhalb der Stadt Cheyenne inmitten von vertrocknetem Gras und verkümmerten Büschen die Aufbauten für die Fotos zu “Kochen im Wilden Westen mit einem Raubein” wieder abbauten. Und das alles nur, weil ein Agent in New York den Unterschied zwischen rau und zerzaust nicht kannte.

Gomer navigierte seinen Zahnstocher von einem Mundwinkel in den anderen. “Meinen Sie, die finden, was Sie brauchen?”

Liney betrachtete den alten Cowboy. Wenn man ihn dreißig Jahre jünger machen könnte und eine Woche in ein Fitnessstudio steckte, wäre Gomer der richtige Mann. Sie unterdrückte einen Seufzer und den Wunsch, erneut nach einer Zigarette zu greifen. “Vielleicht. Der Agent schwört, dass sie den passenden Mann bis morgen früh herschicken.”

“Gibt es denn John Waynes in New York?” Er zog fragend eine weiße, buschige Augenbraue in die Höhe.

Sie und Gomer hatten erst neun Stunden miteinander verbracht, seit acht Uhr heute Morgen, aber Liney hatte festgestellt, dass er es verstand, Fragen zu stellen, die peinlich genau den Kern der Dinge trafen. Wenn New York keinen John-Wayne-Verschnitt zu bieten hatte, dann konnte sie ihre Karriere bei Harriman Enterprises gleich an den Nagel hängen. Eine Karriere, die gerade mal einen Monat alt war. Eine Karriere, die keiner der anderen Vorstandsmitglieder in Los Angeles ihr gönnte, weil sie sie mit siebenundzwanzig für zu jung hielten, um Vorstandsmitglied eines Verlages für Printmedien zu sein. Ihre erste Bewährungsprobe sollte die Neugestaltung der Zeitschrift “Cooking Fundamentals” sein, deren Auflage rapide sank.

Liney war mit Feuereifer ans Werk gegangen. Ihr Ziel war es, die Frauen anzusprechen, die achtzig Prozent der Leserschaft ausmachten, und sie wollte mehr deren Fantasie als deren Herde anfeuern. Als Erstes hatte sie die Zeitschrift in “Cooking Fantasies” umbenannt. Das Kernstück der ersten Ausgabe sollte nun “Kochen im Wilden Westen mit einem Raubein” sein – mit aufreizenden Fotos eines unheimlich maskulinen Cowboys. Und außerdem wollte Liney dieses Projekt persönlich von Anfang bis Ende überwachen. Vorstandsmitglieder mischten sich normalerweise zwar nicht in das Tagesgeschäft ein, aber sie hielt das für ihre einzige Chance. Um es allen zu beweisen, musste sie nicht nur erfolgreich sein, sondern sich auszeichnen.

Was alles nicht so schlimm gewesen wäre, wenn Dirk Harriman sich nicht urplötzlich von Los Angeles verabschiedet hätte, um sich in einem Restaurant am Rande von Cheyenne niederzulassen. Dirk Harrimans Gegenwart in den Büros und Besprechungen war eine ständige Mahnung an die anderen Vorstandsmitglieder gewesen, dass sie einen mächtigen Fürsprecher besaß. Ohne ihn hatte Liney das Gefühl, nackt in einem Becken voller Haifische zu schwimmen. Daher hatte sie entschieden, die Fotos in Cheyenne zu machen, weil sie insgeheim hoffte, den Vorstandsvorsitzenden überreden zu können, wieder zur Vernunft und zurück nach Los Angeles zu kommen.

Liney erwachte aus ihren Gedanken und bemerkte, dass die Augenbrauen des alten Cowboys noch immer hochgezogen waren. “Ob es John Waynes in New York gibt?”, wiederholte sie. Als er nickte, erwiderte sie: “Das hoffe ich, Gomer, denn sonst wäre ich gezwungen, Sie herauszuputzen und Ihnen eine Bratpfanne in die Hand zu drücken.”

Er lachte schallend. “Ich und Ihr John-Wayne-Model? Dann sollten Sie die Fotos lieber von weit weg aufnehmen oder reichlich Vaseline auf die Linse schmieren.” Gomer zeigte auf das Restaurant “Blue Moon”. “Diese Hitze macht mich durstig. Ich werd mal einen Eistee trinken. Schlag vor, Sie kommen mit, bevor Sie hier wie eine hübsche Eistüte schmelzen.” Er schob seinen Hut zurück und machte sich auf den Weg zum Lokal.

Hübsche Eistüte. Liney lächelte. Das war das netteste Kompliment, das ein Mann ihr seit Langem gemacht hatte. In den Büros von Harriman Enterprises hatte man ihr bereits den Spitznamen “Drachenlady” gegeben.

Das tat weh. Okay, sie verlangte zwar viel, die anderen sollten ihre hohen Erwartungen erfüllen, aber erkannten die denn nicht, dass es nur zum Wohl der Firma war? Spätabends, wenn Liney aus dem Büro nach Hause kam, tröstete sie sich damit, dass solch ein Spitzname nun mal der Preis des Erfolges war. Und man hatte ihn ihr deshalb verpasst, weil sie eine Frau war.

Oder wurde je ein männlicher Manager als “Drache” bezeichnet? Nein, Männern war es erlaubt, hart und zielstrebig zu sein. Aber wehe, eine Frau besaß diese Eigenschaften! Doch nachdem ihr ihr Spitzname einmal zu oft zu Ohren gekommen war, hatte Liney zumindest mit dem Rauchen aufgehört. Wenn man sie nicht mehr inhalieren und Rauch ausstoßen sah, würde man sie mit der Zeit vielleicht auch nicht mehr heimlich “Drachenlady” nennen.

Ein entferntes Dröhnen unterbrach ihre Gedanken. Als sie sich zur Zufahrt wandte, die vom Highway zum Restaurant führte, sah sie eine Staubwolke, die sich rasch näherte und von einem riesigen, schwarz verchromten Ungetüm verursacht wurde. Je näher es kam, desto lauter wurde es und vermittelte Liney das Gefühl, ein Wirbelsturm käme auf sie zu.

Inmitten des Dröhnens und der Staubwolke saß ein Mann, dessen schwarze Mähne im Wind wehte. Sein großer, muskulöser Körper war zurückgelehnt, und er saß mit solch lässiger Haltung auf dem Ungetüm, dass sich auf Lineys Rücken Schweiß zu sammeln begann. Kräftige Arme hielten den hochgezogenen Lenker. Auf einem Oberarm war eine bunte Tätowierung. Es war zwar nicht zu erkennen, um was es sich handelte, doch sie war auffällig, so als interessierte es den Mann nicht im Geringsten, was andere von ihm hielten.

Als er auf den Parkplatz fuhr, wusste Liney nicht, ob sie weglaufen oder nicht von der Stelle weichen sollte. Sie tat Letzteres, weil ihre Beine sich weigerten, ihren Dienst zu tun.

Das Motorrad brummte wie ein an die Kette gelegter Löwe, während sein Fahrer langsam über den Parkplatz kreiste. Liney beobachtete ihn gespannt und kramte in ihrer Tasche nach den Zigaretten. Als sie die harte Kante der Schachtel berührte, war der Motorradfahrer so nah, dass sie die straffe Oberschenkelmuskulatur unter der eng sitzenden Jeans erspähen konnte.

Ein Mann dieser Größe – wo kaufte der ein? Sie hatte diversen Freunden dabei geholfen, ihren Sinn für gute Kleidung zu kultivieren. Aber dieser Mann hier? Wahrscheinlich musste man mit ihm in eine Stofffabrik fahren, ihn nackt ausziehen und ihn dann in Ellen von rauem Gewebe einwickeln. Wie sollte er sonst Sachen finden, die ihm passten?

Unwillkürlich erinnerte Liney sich an ihre eigene Aufmachung. Hätte sie doch bloß keine Seide angezogen! Ohne an sich herabzublicken, wusste sie, dass ihr Kleid auf unmögliche Weise an ihrer verschwitzten Brust klebte. Sie beugte sich ein wenig vor, um es unauffällig zu lösen, doch das verflixte Kleid saß weiterhin wie eine zweite Haut.

Als er anhielt und einen Fuß auf den Asphalt stellte, senkte sie den Blick. Der Stiefel war schwarz wie die Maschine – und rau wie der Mann. Als der Motor endlich stoppte, fürchtete Liney, dass auch ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen.

Er schwang ein Bein über das Motorrad und stellte sich auf. Er war groß. Sehr groß. Über ein Meter neunzig groß. Nachdem er seine baumgroßen Arme ausgestreckt hatte, schüttelte er den Kopf, so wie ein Tier, das Wasser abschüttelt. Ein weißes T-Shirt spannte sich über einem muskulösen Oberkörper. Und auf dem T-Shirt standen die Worte “Ganz oder gar nicht”.

Liney seufzte und versuchte, nicht daran zu denken, wie lange sie es schon ganz und gar nicht gemacht hatte. Während sie sich dann bemühte, das Zittern ihrer Knie zu unterdrücken, erkannte sie, dass sie keinen John Wayne aus New York mehr brauchte. Mr. Raubein – das raueste, wildeste Exemplar von Mann – stand vor ihr wie ein Geschenk des Himmels. Er war genau das, was sie brauchte. Ein Rezept all der ungezügelten Fantasiemänner, die sie sich je vorgestellt hatte – ein Teelöffel vom bösen Buben Bruce Willis, eine Prise des dunklen, ernsten John Travolta, eine Tasse von George Clooney.

Die Leserinnen würden nicht nur die Rezepte probieren, sie würden die Zeitschrift im wahrsten Sinn des Wortes verschlingen. Die Verkaufszahlen würden sprunghaft steigen. Ihre Karriere wäre gerettet.

Der Mann kam auf sie zu und zog seine Lederhandschuhe aus. Er ließ den Blick seiner kohlrabenschwarzen Augen an ihr hinabgleiten und schaute ihr dann wieder ins Gesicht.

“Sind Sie okay?”, fragte er mit einer tiefen Stimme, die erstaunlich samtig war.

Jetzt aus der Nähe konnte sie den erregenden Duft von Schweiß und Aftershave wahrnehmen, der von seiner erhitzten Haut ausströmte. Langsam schloss sie die Augen und öffnete sie wieder. Wunderbar: er war echt, keine Fata Morgana.

“Ja, mir geht es gut”, erwiderte sie, wobei ihre Stimme jedoch kaum hörbar war. “Und Sie sind perfekt.”

Er zögerte, anscheinend ein bisschen überrascht von ihrer Antwort. Während er die Lederhandschuhe in seine hintere Jeanstasche steckte, murmelte er: “Ich frag ja nur, weil …” Er schaute zu ihrer Hand.

Sie folgte seinem Blick. In der linken Hand hielt sie vier zerdrückte Zigaretten. “Ich habe sie wohl …” während meiner Stofffantasien zerbröselt “… versehentlich zerdrückt.” Hastig wischte sie die Überreste weg und hustete ein wenig, um ihn abzulenken.

Er betrachtete sie besorgt. “Wie viele rauchen sie auf einmal?”

Abwehrend straffte sie die Schultern – und bereute es sofort. Wenn er vorher noch nicht bemerkt hatte, dass ihr Kleid an ihr klebte, dann tat er es mit Sicherheit jetzt. “Ich rauche nicht”, erklärte sie schnell und verschränkte die Arme vor der Brust. “Ich habe sie nur als Glücksbringer dabei.” Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie damit sagen wollte, aber statt das zuzugeben, schaute sie ihn ruhig an, als wüsste sie genau, wovon sie redete. Bei Kollegen klappte das. Vielleicht klappte es auch bei Mr. Raubein.

“Diese Glücksbringer verkürzen Ihr Leben. Ich war selbst Raucher, kenne also den Kampf.” Bevor sie entgegnen konnte, dass sie sie nur zerbrach, aber nicht rauchte, deutete er auf das Restaurant und fragte: “Kennen Sie Belle, die Besitzerin?”

Nicht persönlich, aber sie und der Rest von Harriman Enterprises hatten davon gehört, dass Dirk sich in ein Revuegirl namens Belle O’Leary verliebt und sie geheiratet hatte. Und Belle war die Besitzerin des “Blue Moon”.

“Belle und Dirk sind unterwegs.” Liney wusste das, weil Gomer sie den ganzen Weg hierher zurückgefahren hatte, damit sie mit Dirk über das Lord-Byron-Fiasko reden konnte, nur um dann festzustellen, dass Belle und Dirk sich wieder einmal zurückgezogen hatten. Die beiden schienen nicht die Finger voneinander lassen zu können, und so langsam kam sie zu der Überzeugung, dass Dirk nicht nur seinen Geschäftssinn, sondern auch seinen Verstand verloren hatte.

Ein Schatten flog über das Gesicht des Mannes. “Ich bin drei Tage lang gefahren, um Belle zu sehen – nun muss ich wohl noch ein Stündchen länger warten.”

Als er zurück zu seinem Motorrad ging, folgte sie ihm. Schließlich musste sie anfangen, ihn davon zu überzeugen, dass er der ideale Mr. Raubein war. “Warum gehen wir nicht hinein und trinken einen Eistee?”, fragte sie.

Er blickte über die Schulter und hob eine schwarze Augenbraue. “Tee?”

Sie zuckte mit den Achseln und versuchte zu ignorieren, dass feste schwarze Locken über den Ausschnitt seines T-Shirts fielen. Versuchte, sich nicht vorzustellen, dass dieses dichte schwarze Haar wahrscheinlich seinen ganzen Brustkorb zierte.

“Sicher”, meinte sie heiser. “Tee.”

An seinem Motorrad angekommen, holte der Mann eine Brieftasche aus einer der Ledertaschen. Ohne sich umzudrehen, meinte er: “Tee ist schon okay. Aber ist es wirklich das, was Sie wollen?”

Was war nur heute mit den Männern los? Genau wie Gomer den Kern der Sache getroffen hatte, tat es nun auch dieser Mann. Bevor sie sich beherrschen konnte, entgegnete sie: “Wenn Sie mir keine Gesellschaft leisten wollen, brauchen Sie es nur zu sagen. Aber hören Sie auf, mir etwas zu unterstellen, als wäre ich ein Kind, das versucht, vom Thema abzulenken.”

Er hielt in seiner Bewegung inne und stand stocksteif da – bis auf einen Halsmuskel, der zuckte. Langsam richtete er sich dann zu seiner vollen Größe auf und drehte sich herum. Es war, als würde man einem Berg zusehen, der in Bewegung geriet.

Raven starrte auf den Kopf der Frau. Ihr rotbraunes Haar war zu einem dieser modernen Knoten zusammengebunden, die auch Charlotte, seine ehemalige Verlobte, immer getragen hatte. Und nun schien diese Frau, genau wie Char, überhaupt keinen Respekt vor einem Mann zu haben, der gerade nach einer langen, harten Motorradfahrt am Ziel angekommen war. Aber anders als bei Char, die ihre Lebensaufgabe darin gesehen hatte, ihn zu “kultivieren”, würde er sich jetzt wehren. Denn niemandem, schon gar nicht einem weiblichen Wesen mit Haarknoten und Designerklamotten, würde er jemals wieder gestatten, ihn zu verändern.

Er baute sich vor ihr auf, sodass sie den Kopf zurücklegen musste, um ihm ins Gesicht zu sehen. In dem gewählten Tonfall, den Char ihm eingetrichtert hatte, sagte er: “Während der letzten drei Tage bin ich Tausende von Meilen von Los Angeles bis hierher gefahren. Ich bin durch einen Regenguss gefahren, der mich fast ertränkt hätte, habe meine Nase im Teer gehabt, als mein Motorrad auf einem Ölfleck ins Rutschen kam, und wäre beinahe auf einen Wagen aufgefahren, der sich in einer Haarnadelkurve quer gestellt hatte. Und nach all dem spielen Sie sich auf, weil ich Sie frage, warum Sie, als völlig Fremde, mich bitten, mit Ihnen Tee zu trinken?” Er senkte seine Stimme zu einem dumpfen Grollen. “Was auch immer Sie wirklich wollen, Lady, Sie scheinen es verdammt dringend zu wollen.”

Eine leichte Röte überzog ihre Wangen. Diese Augen, die aussahen wie zwei Tropfen geschmolzener Schokolade, sahen ihn flehentlich an. Nachdem sie mit der Zunge über ihre Lippen gefahren war, flüsterte sie zögernd: “Ich möchte Ihnen einen geschäftlichen Vorschlag unterbreiten.”

Er blickte hinüber zu dem Restaurant, über dem in grellen Neonfarben “Blue Moon Diner” stand. Dann schaute er zurück zu der gut frisierten Frau mit den Perlenohrringen. Dank Charlotte hatte er sofort erkannt, dass ihr Kleid und ihre Schuhe von bekannten Designern waren.

Was, zum Teufel, trieb eine augenscheinlich reiche Frau vor einem drittklassigen Restaurant am Rande von Cheyenne? Und warum schlug sie ihm ein Geschäft vor? Er war erledigt. Es war heiß. Um das Ganze hier abzukürzen, bedachte er sie mit einem bösen Blick, von dem er wusste, dass er erwachsene Männer in Angst und Schrecken versetzte. Überraschenderweise blinzelten diese schokoladenbraunen Augen nicht einmal. Er hatte das Gefühl, dass sie darin geübt war, einer Sache auf den Grund zu gehen. Wäre sie ein Werkzeug, wäre sie ein verdammt guter Bohrer.

Da kam ihm die Erleuchtung. Geschäft. Vorschlag. Charlotte und ihre Freundinnen hatten über eine kürzlich verhaftete Beverly-Hills-Dame geredet, die mit ihrem Geschäft mehr Geld verdient hatte als der gesuchteste Schönheitschirurg der Stadt. Er betrachte die Frau vor sich. Auch wenn sie große runde Augen und einen üppigen Mund hatte und auch wenn er aus Los Angeles kam und einiges gewöhnt war, dieses starrsinnige, elegante Ding konnte er sich trotzdem nur sehr schwer als Callgirl vorstellen.

Doch da die Frau geradeheraus mit ihm gewesen war, würde er dieselbe Taktik bei ihr anwenden. Hier in Cheyenne schienen schlechte Zeiten zu herrschen, wenn die Ladys der Nacht schon am helllichten Tag in abgelegenen Restaurants arbeiten mussten.

“Tut mir leid”, sagte er in dem zivilisierten Ton, der seinem Stimmtrainer die Freudentränen in die Augen getrieben hätte. “Aber ich bin nicht an … Sex interessiert.”

Sie hob ihr herzförmiges Gesicht noch ein klein wenig mehr und kniff die Augen zusammen. “Entschuldigen Sie bitte”, erwiderte sie pikiert. “Ich bin geschäftlich hier, nicht zum Vergnügen.”

Das glaubte er ihr sogar, wie auch immer sie es meinte.

Sie seufzte, doch nachdem sie einige Male heftig geblinzelt hatte, schien sie die Situation überdacht zu haben. “Lassen Sie uns noch einmal von vorn beginnen. Ich bin Caroline Reed. Aber alle nennen mich Liney. Ich bin Vorstandsmitglied für Printmedien bei Harriman Enterprises. Mein Vorschlag ist völlig legal und rein geschäftlich. Ich würde Sie gern für ein paar Tage engagieren, nicht andersherum …” sie lächelte gezwungen, “… als Star meines Zeitschriftenprojekts. Ich glaube, dass Sie der Mann sind, der auf Frauen besonders gut wirkt.” Sie ließ den Blick an ihm auf- und abgleiten und holte dann tief Luft, bevor sie fortfuhr: “Lassen wir das. Es ist zu heiß, und wir hatten schon genügend Missverständnisse. Darf ich Sie einladen, drinnen einen Eistee mit mir zu trinken, damit wir das alles vernünftig besprechen können?”

Als sie zum Restaurant deutete, sah er, dass ihr Seidenkleid an ihrem schlanken Körper klebte. Kühle, professionelle Callgirls gerieten nicht so in Aufregung, wenn sie einen einsamen Motorradfahrer aufrissen. Ihr vehementes Abstreiten überzeugte ihn zudem davon, dass sie wirklich eine Geschäftsfrau war, die alles ordnungsgemäß erledigte.

Was sie offenbar nicht verstand, war die Tatsache, dass er Tausende von Meilen gereist war, um nicht länger den Launen und Tricks einer kultivierten, anständigen Frau ausgesetzt zu sein, die meinte, dass er ihr Projekt wäre. Um Charlotte zu gefallen, hatte er Kurse – unter anderem im Tanzen – belegt, um zu dem Mann zu werden, den sie sich wünschte. Nachdem ihre Beziehung in die Brüche gegangen war, hatte er erkannt, dass der einzige Mensch, den man ändern konnte, man selber war.

Um sein Leben nun zu verbessern, hatte er während der Fahrt in den letzten Tagen Kassetten aufgelegt, die Ratschläge gaben, wie man seine Träume verwirklichen und mehr Freude am Leben haben konnte. Immer wieder hatte er sich dann angehört, dass man sich in jedem Moment neu erschaffen würde. Also hatte er im Alter von jetzt fünfunddreißig Jahren beschlossen, genau das zu tun – einen neuen Raven zu schaffen. Nicht nur äußerlich einen neuen Mann aus sich zu machen, so wie Char das versucht hatte, sondern von innen her. Einen Mann, der auf die Stimme seines Herzens hörte.

Er träumte davon, eine Motorradwerkstatt zu eröffnen, aber statt der typischen Bude mit fettem Essen und Postern von nackten Frauen, würde er gesundes Essen und Selbstfindungsbücher anbieten. Er würde nicht nur die Motorräder – also das Äußerliche –, sondern auch die Seele – das Innere – seiner Kunden heilen. Um sich diesen Traum zu erfüllen, musste er allerdings erst einmal einen Job in Cheyenne finden. Aber er hätte nie gedacht, dass sein erstes Jobangebot ein …

“Was soll ich in Ihrem Zeitschriftenprojekt sein?”, fragte er nach, während er sie misstrauisch betrachtete.

“Sie sollen der Star sein.”

“Warum?”

Sie schluckte nervös. “Weil Sie das perfekte Raubein sind.”

Wieder wurde er an Char erinnert. Sie hatte ihn auch als den großen, bösen Jungen gewollt, bis sie es sich anders überlegt hatte. “Ich bin kein Schauspieler.”

“Model”, korrigierte Liney.

“Egal. Ich bin dabei, mich zu ändern, aber nicht in irgendein Raubein für eine Zeitschriftenanzeige, um Dinge zu vermarkten, von denen die Leute nicht einmal wissen, dass sie sie wollen.”

Mit einem energischen Blick streckte Liney ihm die Hand entgegen. “Ich habe Ihren Namen nicht verstanden.”

Weil ich ihn nicht genannt habe, lag ihm auf der Zunge zu sagen, aber er hatte gelernt, dass Unhöflichkeit ziemlich schmerzhaft sein konnte. Also nahm er ihre Hand und kam sich plötzlich riesig und unbeholfen vor, als er ihre kleinen zarten Finger in seinen hielt. So wie ein Bär, der ein Rehkitz berührte.

Vorsichtig schüttelte er ihre Hand. “Raven. Raven Doyle.”

Einen Augenblick lang standen sie einfach regungslos da. Die Wärme ihrer Haut durchdrang seine Haut und schien seinen ganzen Körper zu erwärmen. Während er ein merkwürdiges Ziehen im Bauch verspürte, nahm er ein kleines Zucken in ihren Fingern wahr. Empfand sie das Gleiche wie er?

Mit einem nervösen Lachen entzog sie ihm ihre Hand. “Raven, es geht nicht um Werbung, sondern ums Kochen.”

“Kochen?” Sie war wieder ganz auf das Geschäft konzentriert. Das Ziehen in seinem Bauch war wahrscheinlich Hunger gewesen. “Ich mag alles, was mit Küche zu tun hat”, gab er zu.

Liney witterte eine Chance. “Und genau darum geht es. Kochen im Freien. Ich leite ein Projekt für eine Zeitschrift namens ‘Cooking Fantasies’, früher hieß sie ‘Cooking Fundamentals’.”

“’Cooking Fundamentals’.” Er nickte. “Die war nicht schlecht, aber ein bisschen altmodisch. Char und ich haben mal eines der Rezepte ausprobiert.”

Sie warf interessiert einen Blick auf seine Schulter, bevor sie ihm wieder in die Augen sah. “Also kennen Sie die Zeitschrift?” Sie strahlte. Ihm gefiel, wie ihr Gesicht aufleuchtete, wenn sie lächelte. Ihre ganze Anspannung verschwand, sodass sie viel weicher aussah.

Liney deutete mit dem Kopf Richtung Restaurant. “Lassen Sie uns hineingehen und reden. Es wird Ihnen gefallen zu hören, wie die Zeitschrift ihr langweiliges, altmodisches Image verlieren wird.” Sie wandte sich um und ging zum Eingang.

Raven schaute ihr hinterher. Wenn er sich nicht sehr täuschte, redete sie noch immer über die Zeitschrift, als wäre er direkt hinter ihr.

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