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Sex oder Lüge

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der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alison Kent

Sex oder Lüge

Erotischer Roman

Aus dem Amerikanischen von
Johannes Heitmann

PROLOG

April

„… wurde durch eine Anhörung eine Wiederaufnahme des Falls des Geschäftsmannes E. Marshall Gordon aus Baltimore ermöglicht. Der Geschäftsführer von EMG Enterprises war Mitglied des fünfköpfigen Vorstands, dem Betrug und Bestechlichkeit vorgeworfen wurden. Mehr darüber in unseren Nachrichten nach dem Werbeblock. Dann auch Neues von Stars und Sternchen. Laut Max Savage hat der Abgeordnete Teddy Eagleton sich nach zwölf Jahren Ehe von seiner Frau scheiden lassen und ist jetzt mit Ravyn Black, der Sängerin der erfolgreichen Band Evermore, zusammen. Er hat …“

„Jetzt reicht’s.“ Corinne Sparks schaltete den kleinen Fernseher aus, der im Hinterzimmer des Blumengeschäfts „Under the Mistletoe“ stand. Dabei warf sie beinahe eine Vase mit Hyazinthen und Lilien um.

Miranda Kelly, Corinnes Chefin und Besitzerin des Blumengeschäfts, hatte auch gerade die Hand nach dem Aus-Knopf ausstrecken wollen. Erst eine Nachricht über Mirandas Exmann, dann eine über Corinnes Tochter, mit der Corinne den Kontakt abgebrochen hatte – das war zu viel. Keine der beiden Frauen wollte etwas aus ihrem Privatleben im Fernsehen hören und sehen.

„Wem sagst du das.“ Miranda hatte den ruhigen Frühlingstag für die Buchhaltung nutzen wollen, doch sie konnte sich nicht konzentrieren, wenn sie an ihre Vergangenheit erinnert wurde. „Ich bin extra aus Baltimore weggezogen, um nicht ständig wegen Marshall von den Medien bedrängt zu werden, die alles über ihn erfahren wollen. Da will ich ganz sicher nicht an ihn denken müssen, wenn ich Rechnungen sortiere.“

Mit gerunzelter Stirn richtete Corinne zwei Lilien in der Vase, die beinahe umgefallen wäre. „Bist du nicht weggezogen, weil der saubere Herr Geschäftsführer die Finger nicht von anderen Frauen lassen konnte?“

Das war auch ein Grund, dachte Miranda und drehte sich auf dem Barhocker, den sie am Ende des langen L-förmigen Arbeitstisches aufgestellt hatten. „Deshalb habe ich mich von ihm scheiden lassen. Und wenn ich sein Gesicht jetzt ständig in den Nachrichten sehe, sobald ich den Fernseher anschalte, frage ich mich, wieso ich ihn überhaupt geheiratet habe.“

„Damals ist er sicher noch nicht fremdgegangen.“

„Ach. Es muss immer schon in ihm gesteckt haben.“ Miranda klopfte mit dem Bleistift auf den Tisch und versuchte, die schmerzhaften Erinnerungen an Marshalls Untreue zu verdrängen. Auch wenn es vielleicht absurd klang: Diese Untreue hatte sie mehr verletzt als seine kriminellen Machenschaften. „Aber ich kann dir versichern, dass es in der Presse falsch dargestellt wurde: Er ist nicht zu anderen Frauen gegangen, weil er zu Hause keinen Sex bekam.“

„Mir brauchst du nicht zu erzählen, wie sehr die Presse die Fakten verdreht.“ Corinne stellte ein fertiges Gesteck in den Kühlraum, wo es bis zur Auslieferung am späten Nachmittag bleiben würde. „Ich weiß aus erster Hand, wie viel Müll als vermeintliche Wahrheit abgedruckt wird. Allerdings muss ich zugeben, dass in Brennas Fall viel von dem Gerede den Tatsachen entspricht.“

Seit fünf Jahren arbeitete Corinne jetzt in dem Blumengeschäft. Damals war Miranda gerade in ihren kleinen Heimatort in den Rocky Mountains zurückgekehrt und hatte das Geschäft dem Vorbesitzer abgekauft, der sich in den Ruhestand zurückziehen wollte.

Miranda war mit Corinne schon lange genug befreundet, um zu wissen, wie sehr Corinne darunter litt, ständig neue Gerüchte und Vermutungen über das Privatleben ihrer Tochter Brenna zu hören, die unter dem Künstlernamen Ravyn Black auftrat. Schon seit Jahren hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter.

Jetzt nahm Miranda den Beitrag im Fernsehen als Aufhänger. „Ich hatte mich schon gefragt, wann die Scheidung des Abgeordneten rechtskräftig wird.“

„Was für ein Moment des Stolzes!“, sagte Corinne sarkastisch. „Meine Tochter hat sich mit einem verheirateten Mann eingelassen.“

Und jetzt ist Teddy Eagleton nicht mehr verheiratet. Miranda seufzte. „Ravyn, also Brenna, ist eine erwachsene Frau und steht schon lange auf eigenen Füßen. Sie muss ihr Handeln selbst verantworten.“

„Ach ja? Wer zieht sie denn zur Verantwortung?“ Corinne setzte sich wieder an ihr Ende des Arbeitstisches und ging noch einmal prüfend die Bestellungen für den kommenden Tag durch. „Im Gegensatz zu deinem Ex wird sie vielleicht niemals für das geradestehen müssen, was sie getan hat.“

Miranda wusste, worauf Corinne anspielte. Vier Jahre lang hatte Corinne ihrer Tochter das College finanziert. Brenna hatte behauptet, sie habe das Hauptfach gewechselt, müsse das Apartment wechseln und umziehen – und hatte all das Geld in die Gründung ihrer Band gesteckt.

Brenna hatte Ausrüstung und Instrumente gekauft, einen Proberaum angemietet, sich Bühnenoutfits angeschafft und Reisekosten gedeckt. Nicht mal das erste Semester hatte sie zu Ende gebracht, und Corinne hatte sich wie eine Närrin gefühlt, zumal Brenna ihre kleine Schwester Zoe dazu angestiftet hatte, die Briefe von der Washington-State-Universität abzufangen, damit ihre Mutter nicht die Wahrheit erfuhr.

Andererseits wusste Miranda auch, dass Brenna im Verlauf der letzten sechs Jahre, seit dem ersten erfolgreichen Album von „Evermore“, versucht hatte, ihrer Mutter das veruntreute Geld zurückzugeben. Doch Corinne hatte das „schmutzige Geld“, wie sie es nannte, immer abgelehnt.

Ganz begreifen konnte Miranda diese Haltung nicht, zumal Corinne jetzt, da ihre jüngere Tochter Zoe aufs College gehen wollte, Probleme hatte, ihr auch nur das Nötigste zu finanzieren. Obendrein fiel es Corinne nach allem, was vorgefallen war, schwer, ihrer jüngeren Tochter zu vertrauen.

„Musst du bei dem neuen Verfahren aussagen?“

Corinnes Frage riss Miranda aus ihren Gedanken. „Ich weiß es nicht. Mein Anwalt meint, es könne dazu kommen, aber er versucht es zu verhindern. Eines kannst du mir glauben: Wenn ich nach Baltimore fliegen muss, dann komme ich so schnell wie möglich wieder hierher zurück.“

„Eigentlich seltsam, dass sich hier bisher kaum ein Journalist hat blicken lassen. Schließlich ist Mistletoe deine Heimatstadt.“

„Das überrascht mich auch.“ Ganz leicht aufzuspüren war Miranda allerdings nicht. Um sich zumindest ein bisschen vor neugierigen Reportern zu verbergen, hatte sie bei ihrer Rückkehr nach Mistletoe den Mädchennamen ihrer Mutter angenommen. Das war ihr zu jener Zeit notwendig erschienen, um sich zu schützen.

„Ich hätte gedacht, dass ein paar dieser Schreiberlinge hier auftauchen, um wenigstens eine Stellungnahme von dir zu bekommen.“ Corinne hob die Schultern. „Besonders wenn man bedenkt, welches Ausmaß die kriminellen Machenschaften deines Exmanns hatten.“

Durch Marshall hatten Tausende von EMG-Angestellten ihre Pension und fast genauso viele Kleinanleger ihr Geld verloren.

„Marshall hat immer gesagt, man müsse in großem Rahmen denken. Mehr Geld, mehr Macht und öfter auf dem Titelblatt der ‘Forbes’.“

„Ja, entsprechend geht’s auch mehr Jahre in den Knast. Ich schätze, damit hat er nicht gerechnet.“ Corinne nahm sich die nächste Bestellung vom Stapel und suchte aus der Vasensammlung eine edle Kristallvase heraus. „Glaubst du, das Berufungsgericht kommt zu einem anderen Urteil?“

Miranda wandte sich wieder ihrem Laptop zu. „An seiner Schuld gibt es keinen Zweifel. Ich kann nur hoffen, dass das Urteil diesmal nicht anzufechten ist, denn ich habe wenig Lust, alle fünf Jahre von schmierigen Reportern belästigt zu werden, die mir ihr Mikro und eine Kamera ins Gesicht halten.“

1. KAPITEL

November

Normalerweise gehörte es nicht zu Caleb McGregors Reportertricks, an eine Story zu kommen, indem er sich hemmungslos betrank. Jetzt aber saß er hier im Club des einzigen Hotels in Snow Falls und trank. Das Romantik-Skihotel lag in den Bergen von Colorado und wurde aus dem Ort Mistletoe, der am Fuß des Bergs lag, mit allem Nötigen versorgt.

Auch mit Alkohol.

Eigentlich wusste Caleb, dass Alkohol niemals weiterhalf. Leider hatte ihn dieses Wissen nicht davon abgehalten, vor Kurzem den größten Fehler seines Lebens zu machen. Er konnte auch nicht leugnen, dass er schon oft Antworten auf seine Fragen gefunden hatte, indem er seine Nase in Dinge gesteckt hatte, die ihn nichts angingen – oder indem er zusammen mit den richtigen Leuten ein Glas zu viel getrunken hatte.

Auch in nüchternem Zustand besaß Caleb fast so viel Intuition wie die weibliche Bevölkerung von Baltimore, der Stadt, in der er lebte, die er aber nicht direkt als Zuhause betrachtete. Ein Zuhause war eher etwas, das mit tieferen Emotionen verbunden war, und so sah er Baltimore als eine Art Basis an, von der aus er seine Reisen unternahm.

Als er hier in Snow Falls im „Club Crimson“ die Sängerin auf der Bühne zum ersten Mal gehört hatte, war sein sechster Sinn sofort zum Leben erwacht.

Unglücklicherweise hatte er mittlerweile schon so viel Scotch getrunken, dass er nur den vagen Eindruck hatte, dicht an einer großen Story zu sein. Einer Story, die vielleicht genauso viel Aufsehen erregen konnte wie der eigentliche Grund seiner Reise hierher, nämlich die Exklusiveinladung von Ravyn Black.

Tief durchatmend blickte er sich um.

Club Crimson, die Bar, die zum Romantikhotel gehörte, war vollkommen in Rottönen eingerichtet. Die Teppiche waren weinrot, die Polster der Barhocker und die Stühle scharlachrot, die Sofas und Sessel rot und pink gemustert.

An sich störte Caleb sich nicht an einer Einrichtung in Rot. Das kannte er aus seinen italienischen oder chinesischen Lieblingsrestaurants, und dort gefiel es ihm ganz gut. Sogar sein Lieblingsverein im Baseball, der „Boston Red Sox“, lief bei jedem Spiel in Rot auf.

Aber wenn das ganze Ambiente in einem Club romantisch und erotisch wirken sollte, jedoch jede Sinnlichkeit fehlte, dann ärgerte ihn so etwas.

Anscheinend reichte es den Betreibern des Clubs nicht, sich bei der gesamten Einrichtung auf die Farbe Rot zu beschränken. Um die Romantik noch stärker hervorzukehren, hatten sie auch noch eine rothaarige Sängerin engagiert, die sich Candy Cane nannte.

Ja, dachte Caleb, so viel schlechter Geschmack grenzt schon an Beleidigung. Noch dazu trug die Sängerin einen schmalzigen Song nach dem anderen vor.

Das allerdings tat sie großartig. Sie besaß das Talent, einen Song wie eine Geschichte zu erzählen. Ihre leicht heisere Soulstimme klang nach Rhythm and Blues, und seltsamerweise kam Caleb die Stimme bekannt vor, auch wenn er in seinem Zustand nicht sagen konnte, woher.

In seinen Ohren klang der Text verführerisch, das Kostüm der Sängerin war sexy, und ihr gesamter Auftritt erregte ihn wie einen Teenager. Oder wie einen erwachsenen Mann, der etwas zu viel getrunken hatte.

Bei den vielen Drinks, die er bereits geleert hatte, war es im Grunde erstaunlich, dass er überhaupt noch bemerkte, wie übertrieben er reagierte.

Zum Glück war er bereits beim Betreten der Bar so klug gewesen, sich ganz hinten in einer Ecke einen Platz in einer Nische auszusuchen. Hier saß er abseits und war gleichzeitig in der Lage, den ganzen Raum im Auge zu behalten. Jetzt gerade konnte er allerdings den Blick nicht von der Sängerin abwenden und genoss jede Sekunde.

Candy Cane sah fantastisch aus, obwohl Caleb in dieser Umgebung der künstlichen Romantik bezweifelte, dass an dieser Frau irgendetwas echt war. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, ungehemmt ihr Dekolleté in dem engen roten Kleid zu bestaunen.

Wie schafften Frauen es bloß, dass ihre Brüste trotz solcher tiefen Ausschnitte im Kleid blieben? Zugegeben, manche hatten da nicht viel zu befürchten, aber die Sängerin auf der Bühne musste schon vorsichtiger sein. Egal, ob diese Brüste von Mutter Natur oder vom Chirurgen stammten, die Frau war gut bedacht worden.

Ihre schlanke Taille ging in sinnlich gerundete Hüften über mit einem wundervollen Po. Genau so mochte Caleb einen Frauenkörper. Mit runden Hüften und rundem Po. Wenn er die Welt regieren würde, würde er per Gesetz dafür sorgen, dass Frauen mehr waren als nur zwei große Brüste an einem schmalen, androgynen Körper. Diese Frau auf der Bühne würde er jederzeit Ravyn Black vorziehen. Die gertenschlanke Sängerin der Band Evermore, deretwegen er hier in Mistletoe war, stellte optisch das genaue Gegenteil dieser Frau dar. Sie war …

Caleb verlor gedanklich den Faden. Zeit fürs Bett, sagte er sich, aber in diesem Augenblick stimmte der Mann am Piano das letzte Lied der Sängerin an, und das Publikum, das die ganze Zeit über schon wie gebannt zugehört hatte, verstummte vollkommen.

Erregt beobachtete Caleb, wie Candy das Mikrofon vom Ständer zog, wo sie es während ihres Auftritts fast sinnlich liebkost hatte, und ihren letzten Song begann.

Mit wiegenden Hüften kam sie an den Bühnenrand und stieg die Stufen hinunter zu ihrem Publikum, das zum Großteil aus verliebten Pärchen bestand.

Auf ihrem langen, welligen rotblonden Haar reflektierten die Lichtpunkte der Discokugel, genau wie auf den Pailletten ihres Kleids.

Sie trägt eine Perücke, dachte Caleb, doch dann konnte er den Blick nicht mehr von ihrem roten Kleid abwenden. Es lag so eng an, dass sie ohne den seitlichen Schlitz sicher keinen einzigen Schritt hätte gehen können.

Er sah zu, wie sie sich einen Weg durchs Publikum bahnte. Mal berührte sie einen Mann an der Krawatte, einem anderen strich sie eine Strähne aus der Stirn, legte jemandem die Hand auf die Schulter oder ließ einen Finger über den Arm seiner Begleiterin gleiten. Ob Mann oder Frau, die Sängerin verführte sie alle. Auch Caleb verfiel ihrem Charme.

Alles an ihr wirkte erotisch. Jeder Schritt, ihre rauchige Stimme, ihr Augenaufschlag und die Art, wie sie mit der Zungenspitze über ihre Lippen glitt.

Caleb war klar, dass er nicht der einzige Mann hier im Raum war, der weiche Knie und feuchte Hände bekam. Sein Puls raste. Mit ihrem Auftritt erregte Candy Cane mühelos jeden Mann im Raum.

Zwar saß er als Einziger im Publikum ohne Partnerin am Tisch, doch ihm war klar, dass er selbst in Begleitung seiner Mutter, eines Priesters oder einer Partnerin durch Candy Canes Ausstrahlung eine Erektion bekommen hätte.

Dann geschah etwas Merkwürdiges. Candy Cane stellte sich an eine ganz bestimmte Stelle und lehnte sich im perfekt ausgerichteten Scheinwerferlicht rücklings an ein Sofa.

Obwohl der Moment sofort wieder vorbei war, weil die Sängerin sich zum nächsten Gast hinunterbeugte, erstarrte Caleb innerlich.

Anstatt wegzusehen, musterte er sie. Er war sich sicher, dass es nichts damit zu tun hatte, dass er auf leeren Magen zu viel Scotch getrunken hatte. Ihr Gesicht kam ihm bekannt vor, genau wie er zu Beginn ihres Auftritts ihre Stimme wiedererkannt hatte.

Er sehnte sich nach einem starken Kaffee, um wieder nüchtern und wach zu werden, damit er die Eindrücke, Erinnerungen und Gedanken sortieren konnte, die ihm durch den Kopf gingen.

In seinem Job war er auf Gerüchte angewiesen. Er hörte zu, prüfte, recherchierte und verwarf. Das tat er jetzt seit zehn Jahren für seine Kolumne über die Welt der Stars und Sternchen. Anfangs waren seine Beiträge noch klein und bescheiden erschienen, hatten sich im Lauf von zwei Jahren aber zu einer landesweiten Institution entwickelt. Mittlerweile war seine Kolumne so bekannt, dass es sogar eine eigene Website dazu gab. Immer wieder beriefen Fernsehsender sich in ihren Reportagen auf seine Texte.

Caleb McGregor schrieb unter dem Pseudonym Max Savage. Max Savage wurde geliebt, verehrt und gefürchtet. Politiker, Prominente und Großindustrielle, niemand war vor seinen bissigen Kommentaren sicher, wenn er ein Ereignis für würdig befand, darüber zu berichten.

Hier im Hotel und im Club wusste niemand, wer er war, geschweige denn, dass er exklusiv zu einem sehr privaten und geheimen Ereignis eingeladen war – zur Hochzeit von Ravyn Black und Teddy Eagleton. Während der nächsten Tage würde er über die Vorbereitungen für dieses wichtige Event berichten. Wie üblich in solchen Situationen behauptete er, ein Mitglied des Teams von Max Savage zu sein. Nicht einmal Ravyn wusste, dass er selbst Max war.

Seine Identität kannten nur sein Agent, sein Anwalt und sein Herausgeber.

Im Lauf der Jahre hatte er gelernt, wie vorteilhaft es war, das Privatleben aus dem Rampenlicht der Öffentlichkeit herauszuhalten. Dadurch würde es ihm auch leichter fallen, die Rolle als Max Savage aufzugeben und einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Nur noch diese Hochzeit und ein letzter Paukenschlag, dann würde Max Savage auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Gelangweilt auf eine große Story zu warten, das war nie etwas für ihn gewesen. Lieber jagte er Gerüchten nach, auch wenn die sich als falsch herausstellten. Allerdings hatte er nie damit gerechnet, dass er letztlich auf dem Niveau landen würde, das heutzutage zu seinem Arbeitsalltag gehörte. Er war es leid, über Prominente zu berichten, die ohne Unterwäsche aus dem Haus gingen oder private Sexvideos drehten, um auf diesem Weg ins Rampenlicht zu kommen.

Genauso wenig hätte er geglaubt, jemals das Vertrauen eines Freundes zu enttäuschen, weil er nur noch an die Story gedacht und alles andere vergessen hatte. Mit seinem Bericht hatte er eine Karriere zerstört und einen Freund verloren.

Leider konnte er das, was im letzten Monat geschehen war, nicht mehr rückgängig machen. Er hatte seinen besten Freund Del, einen sehr bekannten Musiker, bloßgestellt, weil der ihm im Vertrauen vom Drogenproblem seiner Verlobten erzählt hatte.

Die Vergangenheit konnte Caleb nicht ändern, aber er konnte zumindest dafür sorgen, dass es nicht wieder geschah.

Im Moment jedoch musste er sich ganz auf die Gegenwart konzentrieren, denn Candy hatte ihre Runde durch den Club beendet und kam jetzt auf ihn zu.

Als männlicher Single, allein an einem der kleinen Tische, gab er das perfekte Opfer ab. Obwohl er wusste, dass sie die Rolle der Verführerin nur spielte, konnte er sich ihrem Bann nicht entziehen. Wenn er jetzt aufstehen würde, könnten alle Gäste im Club sehen, wie sehr Candy ihn erregte.

Bevor sie ihn erreichte und damit auch ihn ins Licht des Scheinwerfers rückte, zog er sich hastig die Hose im Schritt zurecht.

Dann stand sie vor ihm, sang verführerisch und lehnte aufreizend die Hüfte gegen den kleinen Tisch, um sich dann langsam zu ihm zu beugen.

Ihr Dekolleté war so nah! Caleb schluckte. Der Schwung ihrer Schultern, ihr schlanker Hals, ihr zierliches Kinn, zusammen mit ihrem sinnlichen Gesang, war aufreizender als alles, was er je im Entertainment erlebt hatte. Und die ganze Zeit über bekam er den Eindruck nicht aus dem Kopf, dass er diese Frau von irgendwo her kannte.

Er nahm sich vor, jede Einzelheit von ihr im Gedächtnis abzuspeichern. Besonders an den Klang ihrer Stimme wollte er sich genau erinnern können, wenn er wieder nüchtern war und nicht mehr so berauscht von der Nähe dieser Frau.

Lässig und aufreizend wand sie sich halb auf dem Tisch. Fast hätte Caleb aufgestöhnt, aber zum Glück brachte er sowieso keinen Ton heraus.

Dann ließ sie sich auf seinen Schoß gleiten.

Eigentlich saß sie eher auf seinem Bein, dennoch presste sie ihren Po vorn an seine Hose, und Caleb konnte nur hoffen, dass sie seine Erregung nicht spürte.

Sie wirkte ganz in ihrem Element. Langsam legte sie ihm einen Arm um den Nacken, blickte tief in seine Augen und sang die letzten Zeilen ihres Songs so dicht an seinem Gesicht, dass ihr Atem seine Wange streifte.

In diesem Moment setzte der Applaus ein.

Und die Sängerin küsste ihn.

Damit hatte Caleb nun überhaupt nicht gerechnet. Ihre weichen Lippen an seinem Mund zu spüren, gehörte sicher auch zur Show, aber so etwas hatte Caleb nicht kommen sehen. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Seine Widerstandskraft war ohnehin bereits auf ein Minimum gesunken, und so tat er, was jeder Mann tun würde, wenn eine schöne Frau ihn küsste.

Er erwiderte den Kuss.

Das wiederum kam für sie völlig unerwartet.

Bei ihrer Show musste sie darauf hoffen, dass die Männer mitspielten, doch Caleb ging einen Schritt weiter, denn Candy Cane zu küssen machte ihm großen Spaß. Zumindest bis ihm klar wurde, wie sehr er sich gehen ließ.

Er öffnete den Mund und schmeckte ihre Lippen. Tastend schob er die Zunge vor, und Candy Cane ließ es zu. Spielerisch strich sie mit der Zungenspitze über seine.

Vage registrierte er, dass das Publikum klatschte und begeistert pfiff, um sie anzustacheln. Der Pianist verlängerte den Schlussakkord des Songs, um diesen Abschluss der Show musikalisch zu untermalen und kräftig auszudehnen.

Caleb nahm kaum etwas davon wahr. Er atmete Candys Duft ein, der ihn an ein Feld voller Sommerblumen erinnerte, und er spürte ihre Finger im Nacken, wo Candy ihn, unbemerkt vom Publikum, gefühlvoll massierte.

Ich muss es abbrechen, dachte er, sonst verliere ich die Beherrschung. Schlagartig nüchtern, löste er den Mund von ihren Lippen und neigte den Kopf nach hinten, um ihr direkt in die Augen zu sehen.

Aus ihrem Blick sprach erst Überraschung, doch dann wirkte sie ängstlich, und sofort war der Spürhund in ihm geweckt: Was hatte sie zu befürchten?

„Wer bist du?“, fragte er, als sie sich aufrichtete.

Ihr Lächeln wirkte aufgesetzt und galt eher dem Publikum als ihm. „Die Frau, die du niemals wieder vergessen wirst.“ Nach einem flüchtigen Luftkuss in seine Richtung kehrte sie zur Bühne zurück.

Dort verbeugte sie sich ein letztes Mal tief vor den Gästen, dankte mit einer Geste dem Pianisten und zog sich hinter den Vorhang zurück, der sich in diesem Moment vor der Bühne herabsenkte.

Ja, dachte Caleb, sie hat recht. Ich werde sie nie vergessen. Aber was sie nicht weiß, ist, dass ich – obwohl ich meinen Job an den Nagel hängen werde und obwohl ich beim letzten Mal so großen Mist verzapft habe – eine ganze Menge über sie herausfinden kann, was bereits in Vergessenheit geraten ist. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Miss Candy Cane nicht erfreut darüber sein wird, wenn es ans Tageslicht kommt.

Sehr interessant, dachte Miranda Kelly. Sie stand in ihrer Garderobe und sah im Spiegel die Figur Candy Cane.

Sie musste sich noch umziehen. Nach ihren Auftritten legte sie nicht nur das Kostüm und die Schuhe ab. Mit der Perücke und den Kontaktlinsen streifte sie auch jedes Mal die gesamte Person Candy Cane von sich ab.

Miranda trug eine Brille, wobei sie darauf achtete, dass der Farbton des Gestells das Grün ihrer Augen betonte. Im Gegensatz zu Candys rotblondem langen Haar war ihr eigenes dunkelbraun, kurz und verwuschelt wie bei einer wilden Elfe.

Ihre Haut war übersät mit Sommersprossen, die sie bei ihren Auftritten als Candy Cane sorgfältig überschminkte. Auch während ihrer Jahre in Baltimore hatte niemand aus der gehobenen Gesellschaft jemals ihre Sommersprossen zu sehen bekommen. Dort hatte sie das Haus nie ungeschminkt verlassen. Immer makellos, immer gelassen, das Haar glatt nach hinten frisiert und immer in perfekter Haltung, so gehörte es sich für die Upper Class.

Miranda war es gewohnt, sich zu verstellen.

Doch einen Gast aus dem Publikum hatte sie bisher noch nie geküsst. Wie hatte sie so unvorsichtig sein können! Erst vor ein paar Monaten hatte sie Corinne gestanden, es sei ihre größte Sorge, bei Marshalls Revisionsverfahren erneut aussagen zu müssen und entsprechend die endlosen Reporterfragen und das Blitzlichtgewitter zu ertragen. Dadurch würde sie vor allem ihren Schlupfwinkel hier in Mistletoe verlieren.

Um all das zu verhindern, durfte sie keinerlei Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Jeden Abend flirtete sie mit den Männern im Publikum, doch das tat sie in ihrer Rolle als Candy Cane und nicht als Miranda. Nur in dieser Rolle konnte Miranda etwas von den Sehnsüchten ausleben, die sie im richtigen Leben beiseiteschob.

In den fünf Jahren, die sie bereits hier in Mistletoe lebte, hatte sie kein einziges Date gehabt. Sie hatte natürlich mit einigen Männern zu tun, aber mehr als nette Unterhaltungen gab es da nicht. Sexy, intelligente und ledige Männer waren in Mistletoe, Colorado, ohnehin eher Mangelware.

Im Romantikhotel, zu dem der Club Crimson gehörte, wohnten hauptsächlich Pärchen, und während ihrer Auftritte als Candy stellte Miranda immer wieder fest, dass die Gäste ihr zwar zuhörten, in erster Linie aber ihre Partner ansahen.

Und genau so sollte es auch sein.

Jetzt machte sie sich Vorwürfe, weil sie sich hatte mitreißen lassen. Gerade jetzt, wo wieder über Marshall berichtet wurde, musste Miranda in Deckung bleiben.

Wer war dieser Mann, der ihren Kuss so sinnlich erwidert hatte? Was tat er ganz allein an einem Ort, an den sonst nur Liebespärchen reisten? Die meisten dieser Pärchen suchten sich Mistletoe gerade deswegen als Ziel aus, weil sie hier mit Diskretion rechnen konnten.

Immer noch fassungslos, sank Miranda auf den Hocker vor dem Schminktisch. Sie hatte einen großen Fehler gemacht.

Niemand kam zufällig nach Mistletoe. Und wer den Abend im Club Crimson verbrachte, der wohnte auch im Hotel, hier in Snow Falls. Der Ort lag abseits jeglicher Verkehrsrouten. Jeder, der hierherkam, hatte einen bestimmten Grund dafür.

Daher würde sie dem Mann aus dem Club höchstwahrscheinlich erneut begegnen. So, wie es zwischen ihnen geknistert hatte, konnte es durchaus passieren, dass sie wieder die Beherrschung verlor.

Und das durfte auf keinen Fall geschehen, nicht zuletzt wegen Marshalls anstehendem Verfahren und dem damit verbundenen Medienrummel.

Als Einzelkind von Eltern, die beide für die Schulbehörde arbeiteten, hatte sie eine sehr behütete Kindheit hier in Mistletoe verbracht. Vor zehn Jahren war Miranda von Denver nach Baltimore gezogen, wo sie Marshall getroffen und in derselben Kirche geheiratet hatte, in der sie im Kirchenchor sang.

Die Freude am Leben als Mrs. Gordon war ihr schon bald vergangen. Was nicht sehr überraschend war, zumal ihr Ehemann sich wegen Betrugs vor Gericht zu verantworten hatte und während des Verfahrens seine zahllosen Affären aufgedeckt wurden. Da hatte Miranda sich nach dem schlichten und unverfälschten Zauber des Ortes zurückgesehnt, den sie immer noch als ihre Heimat ansah.

Diskretion stand in Mistletoe an oberster Stelle, ganz besonders in dem Hotel in Snow Falls. Bei der Belegschaft wurden alle Zeugnisse und Referenzen sehr genau geprüft, und den Medien gegenüber gab man sich mehr als verschlossen.

Genau dieser Ruf absolut verlässlicher Diskretion ließ Berühmtheiten und Leute, die beruflich oft im Rampenlicht standen, hierherkommen, wenn sie ein Wochenende mit jemandem verbringen wollten, ohne anschließend befürchten zu müssen, Fotos davon in jeder Illustrierten zu sehen.

Diese Verschwiegenheit hatte auch Miranda gesucht, und mithilfe guter Freunde war ihr die Flucht vor den Medien an der Ostküste und dem nie endenden Getratsche gelungen.

Noch monatelang hatten Skandalreporter nach ihr gesucht, um sie aufzuspüren und exklusiv berichten zu können.

Aus der Sicherheit ihres Verstecks heraus hatte Miranda die Suche beobachtet, und aus dem Wirrwarr ihrer Gefühle hatte sich eine Empfindung herausgeschält: Sie hasste Reporter und ihre angeblichen journalistischen Prinzipien. Sie waren wie Geier, die sich nach Marshalls Verfahren und der Scheidung auf sie gestürzt hatten. Nicht nur ihr Ex, sondern auch diese Widerlinge hatten ihr das Leben zur Hölle gemacht.

Doch damit war jetzt Schluss. Miranda wollte sich nie wieder entblößt und verletzlich fühlen, weil ganz Amerika jedes Detail aus ihrem Leben erfuhr.

Ja, sie war ein paarmal bei Rot über eine Ampel gefahren. Ja, sie hatte zunehmend mehr Zeit mit Wohltätigkeitsarbeit verbracht, anstatt bei Marshall oder zu Hause zu sein. Und es stimmte, dass sie nach einer Stunde Ashtanga-Yoga nicht mehr wie frisch geduscht duftete. Anscheinend war es auch von großem öffentlichem Interesse, an welchen Körperstellen sie sich im Kosmetikstudio die Haare entfernen ließ. Es war in aller Öffentlichkeit heftig darüber debattiert worden, ob sie durch all diese Dinge vielleicht selbst die Schuld daran trug, dass Marshall in den Betten anderer Frauen gelandet war.

Jetzt trat Miranda regelmäßig im Club Crimson auf, und trotzdem hatte sie noch kein Pressevertreter aufgespürt. Das lag zum einen an der Verkleidung, die sie – genau aus diesem Grund – auf der Bühne trug, und zum anderen daran, dass die Bewohner von Mistletoe abgeschieden lebten und es gewohnt waren, neugierige Fragen von Fremden abzuwimmeln.

Hauptsächlich jedoch war ihre Identität bislang nicht aufgedeckt worden, weil sie ihren Mädchennamen wieder angenommen hatte und nur mit ortsansässigen Kunden zu tun hatte, die in ihrem Blumengeschäft Bestellungen aufgaben.

Und jetzt hatte sie diesen umwerfend gut aussehenden Fremden geküsst, als sei es ihr letzter Kuss auf Erden. Wirklich clever, dachte sie, du bist ein echtes Genie.

Entnervt stöhnend ließ sie die Stirn auf den Schminktisch sinken, als ihr wieder durch den Kopf ging, was für Gefühle dieser Kuss in ihr ausgelöst hatte. Wie hatte sie vergessen können, wie fantastisch es sich anfühlte, mit der Zungenspitze die Zunge eines Mannes zu umspielen!

Dieses sanfte, verführerische Gleiten, so warm und feucht!

Den Sex mit Marshall hatte sie genossen, jedenfalls bis er angefangen hatte, sich den Spaß woanders zu suchen. Doch einen solchen Kuss hatte sie noch nie erlebt.

Daran könnte ich mich gewöhnen, dachte sie und betrachtete sich im Spiegel, als suche sie nach den Anzeichen einer Veränderung. Konnte ein einziger Kuss eine Frau verändern?

Nein, sie hatte ja nur ein paar Sekunden lang auf dem Schoß des Mannes gesessen und ihn geküsst. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sie nach fünf Jahren der Vernunft jetzt den Verstand verloren hatte. Wenn sie mit dieser einen dummen Aktion ihr ganzes Leben gefährdete, das sie sich hier in Mistletoe aufgebaut hatte, dann konnte sie daran niemandem außer sich selbst die Schuld geben.

„Verdammt!“ Sie stand auf.

Mit irgendwem musste sie jetzt sprechen. Jemand musste sie darin bestärken, dass sie auf Küsse von Fremden lieber verzichtete, auch wenn es sich noch so fantastisch anfühlte.

2. KAPITEL

„Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick?“

Alan Price, der als Manager den Club Crimson leitete und bei Bedarf auch als Barkeeper aushalf, stand hinter dem Tresen und sah Miranda an, als sei sie ein Alien. Er gehörte zu den wenigen Menschen, die sie sowohl als Miranda als auch als Candy Cane kannten. Als Kinder waren sie Nachbarn gewesen, und hier im Club erlebte er sie in ihrer Rolle.

„Willst du von mir wissen, ob Patrice und ich uns auf den ersten Blick verliebt haben?“ Er hielt noch den Schreibblock in der Hand, auf dem er die aktuellen Bestände an Getränken notiert hatte. Sein von der Sonne gebleichtes Haar fiel ihm in die Stirn. „Ist es das, was du von mir hören willst?“

Miranda machte es sich auf dem Barhocker am Tresen des leeren Clubs bequem und stützte das Kinn auf die Hand. „Erzähl mir von deinem ersten Treffen mit ihr.

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