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Sex bitte!

1. KAPITEL

“Für die Handschellen und die Ledermaske kann es viele Erklärungen geben.” Bill Henley drehte sich mit seinem Sessel herum und blickte aus dem Bürofenster. Die Straßen von Philadelphia waren noch neblig, doch Bürgermeister Henley dachte im Moment weder ans Wetter noch an den Straßenverkehr dort draußen.

Detective Brady O’Keefe von der Mordkommission wartete ungeduldig darauf, dass der Bürgermeister der Realität endlich ins Auge sah. Was die Handschellen und die Ledermaske betraf, hatte Mr Henley zwar recht, aber wie wollte er das pinkfarbene Ballettröckchen und das Hemdchen aus Satin erklären, das sein Freund ebenfalls getragen hatte? Oder die Peitsche mit den langen Federn? Brady wollte nicht länger beim Bürgermeister Händchen halten. Er wollte los und Verbrechen aufklären.

Nach ein paar Minuten seufzte Brady. “Sir, ich habe getan, was ich konnte, um die Presse erst mal hinzuhalten. Aber Sanderson war sehr bekannt und …” Er brauchte dem Bürgermeister nicht zu erklären, wie schlimm es war, wenn die Geschichte mit allen pikanten Details in die Zeitungen kam. Früher oder später würde die Presse sich ohnehin begierig auf diese Story stürzen. Morton Sanderson war hier in Philadelphia ein bekannter Geschäftsmann, und er hatte Henleys Wahlkampf für die Wiederwahl als Bürgermeister großzügig unterstützt. Außerdem war er ein selbstgerechter, halsstarriger Moralist gewesen, der jedoch offenbar seinen hohen Ansprüchen selbst nicht gerecht geworden war.

Das Ballettröckchen wirkte in diesem Zusammenhang wie der reinste Hohn.

“Niemand kann diesen Vorfall unter den Tisch kehren”, stellte Brady abschließend fest. Er verabscheute das scheinheilige Getue, das in der Politik so wichtig zu sein schien. Er konnte nur schwer um den heißen Brei herumreden, und es gelang ihm einfach nicht, etwas Negatives positiv darzustellen. Was er im Leben erreicht hatte, verdankte er nur seiner Liebe zur Wahrheit. Jetzt richtete er sich auf. “Und jetzt muss ich zurück auf die Wache und mich um die Ermittlungen kümmern. Ich kann mich nicht länger damit befassen, was morgen in den Zeitungen stehen wird.”

Der Bürgermeister fuhr herum und wollte sich anscheinend über Bradys direkte Art beschweren, doch dann hielt er inne. Schlagartig wirkte er erschöpft, doch letztendlich lag es an Henleys aufrichtiger Trauer, dass Brady seine Ungeduld beherrschte.

“Finden Sie einfach heraus, wer für diese Maskerade hier verantwortlich ist, O’Keefe”, sagte Henley leise. “Um die Presse kümmere ich mich selbst.”

“Bei allem Respekt, Sir, hier gibt es keinerlei Hinweis darauf, dass die Szene gestellt ist. Jedenfalls noch nicht.”

“Ich weiß, dass viele Leute sich über Morton aufgeregt haben, aber die wenigsten kannten ihn so gut wie ich. Es kann einfach nicht sein, dass er ums Leben kam, während er in einem schäbigen Motel irgendwelchen sexuellen Spielchen nachging. Es steckt etwas anderes dahinter. Finden Sie die Wahrheit heraus, Detective O’Keefe. Und zwar schnell.”

“Ja, Sir.”

Henley telefonierte bereits wieder, als Brady die Tür hinter sich schloss.

“Ich werde die Wahrheit herausfinden”, murmelte Brady. “Die Frage ist nur, ob sie Ihnen gefallen wird.”

Brady trank die letzte kalte Kaffeepfütze aus seinem Becher und wusste, dass er besser nach Hause gehen sollte. Er schlug den Ordner vor sich zu und schob den Stuhl zurück. “Ich haue ab”, sagte er leise. Schon vor Stunden waren die anderen aus seiner Schicht gegangen, und die Nachtschicht arbeitete bereits fleißig, ohne ihn groß zu beachten. Und genau deshalb machte er so oft Überstunden. Niemand wollte etwas von ihm, und das Telefon schwieg. In diesen Stunden konnte er immer viel erledigen.

“Ist Detective O’Keefe noch im Haus?”

Brady drehte sich zum Großraumbüro um. “Wer will das denn wissen?”

Sergeant Ross kam auf ihn zu. “Eine Frau namens Mahoney steht am Empfang. Sie sagt, der Bürgermeister schickt sie.”

“Henley hat mich gar nicht angerufen.” Noch während er den Satz beendete, wühlte Brady in einem Stapel Notizzettel, den ihm seine Sekretärin vorhin in die Hand gedrückt hatte. Er war so beschäftigt gewesen, dass er sie noch nicht durchgesehen hatte. Henleys Nachricht war die sechste von oben. Während des Lesens zog er sich das Jackett an, ließ die Krawatte aber weg. Er war todmüde und hungrig, und am liebsten wäre er mit seinen Kollegen zusammen beim Ende der Schicht nach Hause gegangen. Erin Mahoney. Er musste lächeln. Bei dem Namen kamen ihm viele Erinnerungen, und keine davon war angenehm. Während seiner Kindheit hatte er eine Erin Mahoney gekannt. Sie war zwei Jahre jünger als er gewesen, trotzdem hatte sie ihm während der Grundschulzeit das Leben zur Hölle gemacht. Erst als sie in ein anderes Stadtviertel zog, hatte der Terror ein Ende gehabt.

Einen Moment fragte er sich, was aus ihr geworden sein mochte. Wahrscheinlich brachte sie ihren Ehemann, einen Versicherungsvertreter, zum Wahnsinn und machte jeden Elternabend zum Horrortrip. Brady musste lächeln. Schließlich hatte er es jetzt nur noch mit Mördern und unwilligen Zeugen zu tun. Und mit dem Bürgermeister.

Immer noch lächelnd ging er zur Tür, doch dann erstarrte er. Die Frau drehte ihm den Rücken zu, und der war wirklich ansehnlich. Sie war groß und schlank, hatte dunkelbraunes Haar und trug ein elegantes Kostüm, das perfekt saß.

Sein anerkennendes Lächeln erstarb, als sie aufhörte, sich mit dem Wachhabenden hinter dem Schreibtisch zu unterhalten, und sich zu ihm umdrehte.

“Hexe Mahoney.” Er hatte es nur ganz leise ausgesprochen, doch sie musste es gehört haben, denn der Blick ihrer grünen Augen bekam einen belustigten und spöttischen Ausdruck.

“Na, wenn das nicht O’Keefe, das Ekel, ist.” Sie lachte, als er das Gesicht verzog, dann wandte sie sich wieder dem Polizisten hinter dem Schreibtisch zu. “Vielen Dank, Sergeant Ross.” Anmutig bückte sie sich und hob ihre Aktentasche hoch. Brady war wie erstarrt und folgte jeder ihrer Bewegungen. Ihre wundervollen Beine wirkten durch die hochhackigen schwarzen Pumps, die sie trug, noch länger.

Sie ging an Brady vorbei in sein Büro. “Können wir uns hier irgendwo ungestört unterhalten?”

Ihr strahlendes Lächeln und ihr wissender Blick bewiesen ihm, dass sie wusste, wo er hingesehen hatte. Anscheinend war genau das ihre Absicht gewesen. Ihm kam es vor, als hätte es die vergangenen zwanzig Jahre überhaupt nicht gegeben. Keine Minute lang war sie jetzt in seiner Nähe, und schon fühlte er sich wieder in die Enge getrieben. Mittlerweile benutzte sie andere Waffen als früher, aber das änderte nichts daran, dass sie Krieg führte.

Andererseits war sie kein dünnes kleines Mädchen mehr, und Brady glaubte auch nicht mehr daran, dass ein Mann sich gegen eine Frau nicht durchsetzen durfte. Diese Überzeugung hatte er in dem Moment aufgegeben, als zum ersten Mal eine Frau ihn mit einer Waffe bedrohte. Und Erin hatte ihn immer mit Worten bekämpft.

“Wahrscheinlich hat es keinen Sinn, wenn ich dich bitte, diese kleine Plauderei auf morgen zu verschieben, oder? Ich bin eigentlich nicht mehr im Dienst seit …” Er sah auf die Uhr. “Seit gestern.”

“Ich weiß, dass es spät ist, aber den ganzen Tag lang war ich zusammen mit dem Bürgermeister in Besprechungen. Gleich morgen früh erwartet er mich in seinem Büro, und vorher muss ich unbedingt mit dir sprechen.”

Seufzend deutete er auf seinen Schreibtisch. “Da, der zweite Schreibtisch rechts.”

Prüfend sah sie sich um. “Gibt es hier kein ungestörteres Plätzchen? Es geht um … heikle Dinge.”

Wie gut sie duftete! Natürlich gab eine Frau wie Hexe Mahoney sich nicht mit Blümchenduft zufrieden. Sie griff die Männerwelt mit einem würzigen und zimtartigen Parfüm an. Nach vierzehn Stunden Arbeit mit schlechtem Kaffee kam ihm allerdings so ziemlich jeder Duft himmlisch vor. Das versuchte er wenigstens sich einzureden. “Du bist wegen des Mordes an Sanderson hier, stimmt’s?”

“Ja. Können wir uns nicht in eines der Verhörzimmer setzen?”

“Alle hier kennen die Einzelheiten, Miss Mahoney.”

“Erst bin ich die Hexe, und jetzt nennst du mich Miss?”

Sein Lächeln wirkte etwas angespannt. “Als ich dich gesehen habe, musste ich daran denken, was für eine Plage du mit acht Jahren warst. Jetzt bist du eine achtundzwanzigjährige Plage, aber ich bin reifer geworden.” Er deutete auf einen Stuhl. “Bitte setz dich doch.”

Lachend betrachtete sie ihn von Kopf bis Fuß. “Reifer bist du wirklich geworden. Und es steht dir fantastisch.” Sie lächelte. “Und nenn mich doch bitte nicht Miss Mahoney. Erin reicht.”

Sicher fiel ihr auf, dass er nicht rasiert war. Er fühlte sich unendlich schlapp. “Du hast dich auch blendend entwickelt.”

Wieder lachte sie. “Na, tat das weh, es auszusprechen?” Sie wartete nicht auf eine Antwort und nahm auf dem Metallstuhl Platz. Langsam schlug sie die Beine übereinander, und kein Mann hätte den Blick von diesen Beinen losreißen können.

Brady wandte den Blick vom Saum ihres dunkelgrünen Kostüms ab und räusperte sich. Erst jetzt fiel ihm auf, dass seine Kleidung zerknittert war, und er fühlte sich unwohl. Auch daran war nur Erin schuld.

Während er sich setzte, rieb er sich den Nacken. Zum Friseur musste er auch mal wieder. Im Moment kam er zu gar nichts, weil er bis zum Hals in Arbeit steckte. Dieser Mord war mit Abstand das aufregendste Ereignis, das in der Stadt geschehen war. Und da blieb ihm einfach keine Zeit für jemanden wie Erin Mahoney. Offenbar hatte sie in den vergangenen Jahren an der Wirksamkeit ihrer Waffen gefeilt, und sie wusste genau, wie sie ihre weiblichen Reize einsetzen musste.

“Was will der Bürgermeister denn von dir wissen?”, fragte er, um die Unterhaltung auf das Berufliche zu beschränken. Sachlich, knapp und nicht zu freundlich. “Seit wann arbeitest du für ihn?”

“Er will wissen, wer Morton Sanderson umgebracht hat und warum. Heute Morgen hat er meine Agentur damit beauftragt, ihm beim Umgang mit den Medien behilflich zu sein.”

“Du hast eine Agentur?”

“Nicht nur du hast einen anständigen Job, O’Keefe. Wir heißen ‘Mahoney und Briggs’ und kümmern uns um Public Relations. Hast du schon von uns gehört?”

Hexe Mahoney betrieb PR-Arbeit? Fast hätte er gelacht, aber darauf schien sie nur zu warten. Also zuckte er nur mit den Schultern. “Tut mir leid, nein.”

Sie hob auch die Schultern. Anscheinend war sie nicht gekränkt. “Wir sind eine kleine Agentur, aber wir haben einen guten Ruf.”

“Was genau macht ihr denn?”

“Ich bin eine Beraterin. Die Leute engagieren mich aus vielerlei Gründen. Um ihre Bekanntheit zu steigern, ihr Geschäft zu fördern, Kontakte zu den Medien zu knüpfen. In diesem Fall geht es darum zu verhindern, dass die Medien Sandersons Tod als pikanten Sexskandal ausschlachten.” Als sie seinen ungläubigen Blick sah, fügte sie hinzu: “Jedenfalls nicht mehr als ohnehin schon.” Sie hob eine Hand. “Auf keinen Fall will ich dir das Leben schwer machen.”

Jetzt musste er lachen. “So lange ich dich kenne, hast du alles versucht, um mir das Leben so schwer wie möglich zu machen. Heute wirst du dafür lediglich bezahlt.” Er verschränkte die Arme. “Klingt nach einem sehr angenehmen Job.”

“Es macht auch Spaß”, erwiderte sie lächelnd. “Und es wird tatsächlich ganz gut bezahlt.” Sie verlagerte das Gewicht, und Brady musste sich sehr konzentrieren, um den Blick weiterhin auf ihr Gesicht zu richten. “Gerade wegen der guten Bezahlung nehme ich meine Arbeit sehr ernst. Ich verlange nicht mehr von dir, als mich auf dem Laufenden zu halten. Teil mir jeden Fortschritt der Ermittlungen mit, damit ich öffentliche Stellungnahmen vorbereiten kann, sowohl die von der Polizei als auch die aus dem Büro des Bürgermeisters. Niemand spricht mit der Presse, bevor ich dem zugestimmt habe.”

“Wer sagt das?”

“Ich. Natürlich mit dem Einverständnis des Bürgermeisters.”

“Da musst du mit dem Polizeichef reden.”

“Das hat der Bürgermeister sicher schon erledigt.”

Brady unterdrückte einen Fluch. Commissioner Douglas war von Henley ernannt worden, und kurz vor der Wiederwahl stand Douglas natürlich voll und ganz hinter Henley. Hier ging es nicht mehr um Richtig und Falsch, sondern nur noch um die Sicherung des eigenen Arbeitsplatzes.

“Sieh mich als deine Verbündete an.” Sie verschränkte die Beine. “Im Grunde bin ich hier, um dir das Leben leichter zu machen, O’Keefe. Du musst dich nicht mehr mit der Presse abgeben, sondern nur noch mit mir.”

Brady sah sie nur starr an. Sie war wirklich erstaunlich. Und anscheinend auch verrückt, wenn sie annahm, dass er sich wie ein artiger Junge an ihre Anweisungen hielt. “Komisch. Ich hätte nie gedacht, dass mir der direkte Umgang mit der Presse irgendwann einmal so verlockend erscheint.”

Offenbar konnte sie nichts erschüttern. Ihr Lächeln war ganz offen und natürlich. “So schlimm ist es doch gar nicht, Detective. Ich bin sicher, dass wir gut miteinander zurechtkommen.”

“Das siehst du aber sehr optimistisch.” Er stand auf.

Zum ersten Mal wirkte sie etwas verunsichert. Brady musste sich merken, wie er das geschafft hatte, um es dann in Zukunft immer bei Bedarf einsetzen zu können.

“Moment noch. Ich muss deine Berichte noch durchsehen.” Sie klang leicht nervös, während sie ihm beim Aufräumen des Schreibtischs zusah.

“Ich muss nach Hause und mich ausschlafen.” Er steckte die letzten Unterlagen in die Schublade und verschloss sie. Dann kam er um den Schreibtisch herum und blieb kurz bei ihrem Stuhl stehen. “Und wenn du vorhast, mir ins Bett zu folgen, weil ich vielleicht im Schlaf rede, dann muss ich dich enttäuschen.”

“Aber …”

“Gute Nacht, Erin. Sag Bürgermeister Henley, dass ich meinen Bericht so bald wie möglich bei meinem Captain abgebe. Bis dahin kann er sich bei Fragen zur Untersuchung jederzeit an Commissioner Douglas wenden.” Lieber wollte Brady sich direkt mit den beiden als mit Erin auseinandersetzen. Früher oder später würden sie sich streiten, auch wenn es im Moment noch nicht danach aussah.

Er hob die Hand, als sie etwas erwidern wollte. “Und wegen der Presse brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Mit den Kerlen rede ich sowieso nie.” Erst auf halbem Weg zur Tür fiel ihm auf, dass Erin ihm nicht folgte. Hexe Mahoney hatte doch nie schnell aufgegeben. Als er sich umdrehte, musste er lächeln. Auf Erin war immer Verlass. Sie blickte gerade zum Schlüsselbrett. Die Schreibtischschlüssel waren zwar nicht dabei, aber das konnte sie nicht wissen.

“Mahoney”, rief er, und sie gab sich vollkommen unschuldig. Er klopfte sich auf die Brusttasche. “Hier sind die Schlüssel, und es gibt davon keinen zweiten Satz.” Grüßend hob er die Hand. “Gute Nacht.”

Mit leicht gezwungenem Lächeln erwiderte sie den Gruß.

Brady fühlte, dass sie ihm beim Weggehen mit ihren Blicken folgte. Ihm wurde heiß, doch er musste grinsen, als er zu seinem Wagen ging.

2. KAPITEL

Erin Mahoney blickte Brady O’Keefe nach, als er über die Straße auf das Rathaus zuging. Sie musste zugeben, dass er blendend aussah, und ihr war sofort aufgefallen, dass er sich in der Zwischenzeit rasiert hatte.

Bis gestern hatte sie keine Ahnung gehabt, dass er bei der Polizei war. Eigentlich hatte sie seit Jahren überhaupt nicht mehr an ihn gedacht. Aber die Überraschung war umso angenehmer gewesen. Leider schien Brady anders darüber zu denken.

Natürlich hatte er allen Grund dazu, ihr nicht zu trauen. Sie war als Kind wirklich grauenhaft gewesen. Als drittes Kind von sieben war sie von ihren Eltern nur wenig beachtet worden. Damals war ihr das nur recht gewesen, denn es reichte ihr, dass ihre sechs Brüder sie ständig im Auge behielten. Trotz allem war es ihr gelungen, sich zu einem verantwortungsbewussten Menschen zu entwickeln.

Eigentlich hätte sie es sich denken können, dass Brady Polizist geworden war. Sein Dad, sein Großvater und auch sein Onkel waren bei der Polizei gewesen. Gerade eben hatte sie sich mit dem Bürgermeister unterhalten, und der Polizeichef, der an einer Grippe litt, war per Telefon zugeschaltet gewesen. Beide hatten Brady in den höchsten Tönen gelobt und ihr erzählt, wieso er zu den besten Kräften der hiesigen Polizei gehörte. Das Ganze klang recht eindrucksvoll für jemanden, der gerade erst dreißig geworden war.

Andererseits hatten sie Erins Vermutung bestätigt, dass Brady sich nur unwillig auf den Plan einließ. Es hing viel davon ab, dass der ganze Fall nicht zu sehr an die Öffentlichkeit gezerrt wurde. Die beiden Männer hatten Erin aufgefordert, ihren guten Ruf als geschickte PR-Agentin unter Beweis zu stellen und ihren Job zu erledigen. Jedes Mittel sei recht.

Erin wollte sich mit Brady unterhalten, wenn sie beide ausgeruht waren und klar denken konnten. Deshalb stand sie jetzt hier und beobachtete ihn. Er wich einem Auto aus, und Erin bewunderte seine Reflexe. Aus dem mageren Jungen war ein muskulöser Kerl geworden. Fast hätte sie gelacht, weil sie sich gerade erst vorgenommen hatte, klar zu denken. Doch davon konnte keine Rede sein, wenn ihr beim Anblick dieses Mannes heiß wurde. Sie war sich ziemlich sicher, dass es ihm mit ihr ähnlich ging. Als Frau spürte man so etwas. Außerdem hatte man es als Frau im Beruf schon schwer genug, da war es oft hilfreich, wenn sie ihre körperlichen Reize geschickt einsetzte.

Jedes Mittel sei recht, hatte der Bürgermeister gesagt, und als Erin Brady auf sich zukommen sah, fielen ihr viele Mittel ein, die sie einsetzen konnte, um bei ihm ihr Ziel zu erreichen.

“Guten Morgen.”

Er wirkte nicht gerade sehr froh, sie zu sehen. “Wie dieser Morgen wird, das bleibt noch abzuwarten.”

“Ich muss mit dir reden.”

“Dann kann ich das mit dem guten Morgen vergessen.”

Ihr fiel auf, dass seine Stimme genauso rau klang wie gestern Nacht. Sprach er immer so? Sofort verdrängte sie diesen Gedanken. Das hatte nichts mit ihrer Zusammenarbeit zu tun. “Komm schon, so schlimm bin ich doch auch wieder nicht, oder?”

Brady sah auf ihre Aktentasche und wieder in ihr Gesicht. Aus seinen strahlend blauen Augen sprach auch ein bisschen Belustigung. “Kommt drauf an, was in dieser Tasche steckt.”

Jetzt musste sie lachen. “Die Zeit der albernen Scherze ist für mich seit Langem vorbei, versprochen.”

“Tja, ein Beweis ist mir immer lieber als ein Versprechen. Blindes Vertrauen bringt einem nur Ärger ein.”

“Ein gutes Motto, Brady.” Schluss mit dem Flirten, sagte sie sich, aber die Versuchung war einfach zu groß. Und das hier war ja eigentlich kein richtiges Flirten. Nach all den Jahren musste sie doch herausfinden, ob sie ihn immer noch hochnehmen konnte. Lächelnd streckte sie die Arme zur Seite. “Willst du mich durchsuchen?”

Nur einen kurzen Augenblick lang wirkte er überrascht, doch er hatte sich sofort wieder unter Kontrolle. Anscheinend war er heute noch schwerer aus der Fassung zu bringen als damals mit zehn. Wahrscheinlich hatte sie es genau aus diesem Grund auch damals schon immer versucht.

“Dazu muss ich mir erst einen Durchsuchungsbefehl holen”, erwiderte er gelassen, doch irgendetwas an seinem Gesichtsausdruck ließ sie ihn weiter reizen.

Sie neigte den Kopf leicht zur Seite. “Der große Jäger ist heute nicht auf der Pirsch?”

“Das zarte Reh kauft dir doch sowieso niemand ab.” Er wollte an ihr vorbei, aber sie hielt ihn am Arm fest, und Brady blieb eine Stufe über ihr stehen.

Sofort erkannte Erin, dass das ein Fehler gewesen war, denn jetzt blickte er von oben auf sie herab und lächelte auch noch. Es war ein strahlendes Lächeln.

“Ich werde weder jetzt noch später mit dir über den Fall sprechen, Erin. Erst muss ich mit meinen Untersuchungen fertig sein.”

Sie ließ ihn los und stellte sich mit ihm auf dieselbe Stufe. Das half ihr aber auch nicht viel weiter. Er lächelte zwar nicht mehr, aber sein Blick drückte immer noch Belustigung aus.

“Willst du zum Bürgermeister?”, fragte sie und versuchte, ihrer Stimme auch einen belustigten Tonfall zu geben.

“Allerdings. Wieso fragst du?”

Lass dich nicht beirren, sagte sie sich. Denk an dein Ziel. “Dann begleite ich dich”, antwortete sie schnell.

“Dazu besteht kein Grund.”

Bevor er noch etwas erwidern konnte, hakte Erin sich bei ihm ein und rief sich in Erinnerung, dass man die Gegenseite immer verunsichern musste. “Ich wollte ohnehin zu ihm, da kann ich dich auch begleiten.” Sie schenkte ihm ein überwältigendes Lächeln und hielt ihm die Eingangstür auf. “Nach dir.”

Er nickte nur und ging hinein. “Danke.” Die zweite Tür hielt er ihr auf. “Nach dir.” Es wirkte fast unverschämt, wie er ihr Lächeln nachmachte.

Doch Erin fühlte sich nicht gekränkt, sondern eher beflügelt. Erregung war auch dabei, aber diese Empfindung verdrängte sie schnell wieder.

Hastig legte sie sich einen Plan für diese Besprechung zurecht, zu der sie nicht eingeladen war. Der Bürgermeister würde sie sicher nicht hinauswerfen lassen. Sie musste das Gespräch von Anfang an lenken, das war letztendlich auch im Sinne des Bürgermeisters, denn als ihr Auftraggeber wollte er schließlich, dass sie gewisse Ergebnisse erzielte.

Als die Empfangsdame sie zu Henleys Büro führte, sah Erin Brady ins Gesicht. Er sah aus, als würde er in den Krieg ziehen, und vielleicht lag er damit gar nicht so falsch.

Nur über den Bürgermeister konnte Erin Brady dazu bringen, mit ihr zusammenzuarbeiten, auch wenn er das nicht ausstehen konnte. Soll er sich doch aufregen, dachte sie. Dann lässt dieses Prickeln zwischen uns vielleicht etwas nach, und wir können uns beide auf unseren Job konzentrieren.

Diese erotische Spannung musste aufhören. Nicht zuletzt, weil sie sie viel zu sehr genoss.

Brady schloss die Bürotür hinter ihnen, und diesen Moment nutzte Erin gnadenlos aus. Er war selbst schuld, wenn er immer den Gentleman spielen wollte.

Als Brady die Tür geschlossen hatte und sich umdrehte, ging Erin bereits auf Henley zu. Ganz schön clever, dachte er anerkennend. Dem anderen den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem man ihn überrumpelte, diesen Trick hatte er auch schon oft angewandt. Allerdings lächelte er dabei nicht so strahlend und wiegte auch nicht die Hüften bei jedem Schritt.

Sie versperrte ihm die Sicht auf den Bürgermeister, trotzdem hatte Brady den Eindruck, als habe Henley nicht mit ihnen beiden gerechnet. Hat Erin mich draußen abgefangen, um durch mich in dieses Büro zu kommen? fragte er sich. Oder ist sie gerade aus dem Gebäude gekommen und hat mich zufällig getroffen?

Brady musste lächeln. Bestimmt hatte Erin schon vorhin mit dem Bürgermeister gesprochen und mit ihm einen Schlachtplan entwickelt, der natürlich auf seine, Bradys, Kooperation hinauslief. Und sicher dachte sie, es sei ein glücklicher Zufall, dass sie ihn dann draußen vor dem Rathaus traf. Aber er war auf der Hut und hatte es nicht zugelassen, dass ihre sinnliche Ausstrahlung seinen Verstand benebelte. Dennoch hatte sie nicht geschmollt, sondern lediglich ihre Taktik geändert.

So etwas gefiel Brady.

Und was ihre Ausstrahlung betraf, die war unbestreitbar vorhanden. Umso wichtiger war es, dass er Distanz wahrte und ruhig und besonnen vorging. Er konnte sich nicht vorstellen, was ihn dazu bewegen sollte, bei diesem Fall mit ihr zusammenzuarbeiten. Höchstens sein eigener Chef, der Commissioner. Wenn der ihm befahl …

“Detective O’Keefe? Bitte setzen Sie sich. Ich habe gerade eine Telefonkonferenz mit Commissioner Douglas angefangen.”

Brady wich Erins Blick aus und unterdrückte den derben Fluch, der ihm durch den Kopf schoss. Bewusst entspannt setzte er sich auf den Stuhl. “Guten Morgen, Herr Bürgermeister. Guten Morgen, Commissioner.”

“O’Keefe?” Aus dem Lautsprecher drang Douglas’ raue Stimme.

“Ja, Sir?”

“Um zwölf möchte ich einen aktuellen Bericht auf meinem Schreibtisch haben. Lassen Sie ihn mir bringen. Und in der Zwischenzeit machen Sie Miss Mahoney das Leben nicht unnötig schwer. Heute Nachmittag findet eine Pressekonferenz statt, und wir brauchen einen Plan, wie wir der Presse begegnen ...

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