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Sex-Star

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Erstes Kapitel
  5. Zweites Kapitel
  6. Drittes Kapitel
  7. Viertes Kapitel
  8. Fünftes Kapitel
  9. Sechstes Kapitel
  10. Siebtes Kapitel
  11. Achtes Kapitel
  12. Neuntes Kapitel
  13. Zehntes Kapitel
  14. Elftes Kapitel
  15. Zwölftes Kapitel
  16. Dreizehntes Kapitel
  17. Vierzehntes Kapitel
  18. Fünfzehntes Kapitel

Erstes Kapitel

Santosh hatte schon einige schwierige Situationen in ihrem Leben überstehen müssen. Sie hatte schwer bewaffnete Terroristen interviewt, sich mit Grenzsoldaten angelegt, sie war beschossen worden, und sie hatte sich vor ›friendly fire‹ in Sicherheit bringen müssen. Aber nichts davon bereitete sie auf das Trauma vor, das sie erlebte, als sie auf dem Londoner Flughafen Heathrow melden musste, dass ihr Gepäck verloren gegangen war. Ganz egal, wie viele Sprachen sie beherrschte - der Internationalen Sprache der Dummheit war sie nicht gewachsen.

»Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich brauche diese Gepäckstücke. Ich habe einen Monat lang an dieser Filmdokumentation gearbeitet, und der Film befindet sich in meinem Gepäck.«

Das Mädchen hinter dem Schalter hob die Schultern. »Tut mir leid. Welcher Flug?«

Wenn man bedenkt, wie viele Flüge tagtäglich in Heathrow landen, gab einem das kein großes Vertrauen. »Das war ein Flieger mit zwei Flügeln«, sagte Santosh und klopfte mit der Bordkarte auf den Tresen.

»Ah, ja.« Das Mädchen warf einen Blick auf die Bordkarte und nickte allwissend. »Ja, tut mir leid. Es ist sogar gesetzlich festgelegt, glaube ich, dass die Gepäckstücke von Passagieren aus dieser Region besonders überprüft werden. Wegen Terrorgefahr, verstehen Sie?«

»Gut. Wissen Sie, wann ich mein Gepäck abholen kann?«

»Kommt darauf an.«

»Okay. Ungefähr wann?«

»Kommt darauf an. Tut mir leid.«

»Worauf kommt es an?«

»Ob es eine Bombe an Bord gab.«

»Ich glaube, wenn es eine Bombe an Bord gegeben hätte, wäre sie inzwischen explodiert, glauben Sie nicht auch?«, fragte Santosh. »Um eine maximale Wirkung zu erreichen, sollte die Bombe doch in der Luft explodieren, oder?«

Das Mädchen sah besorgt aus, und Santosh fiel ein, dass sie noch ihren Kampfanzug trug und wahrscheinlich wie eine islamistische Militaristin aussah. »Lassen Sie sich davon nicht einschüchtern«, sagte Santosh und zeigte auf ihre Kleidung. »In Kabul braucht man so was. Ich bin Journalistin. Ich komme aus Bethnal Green, bin Britin und kenne den Text von ›Land of Hope and Glory‹ auswendig.«

Ihr war die wachsende Schlage hinter ihr peinlich bewusst, denn sie bestand aus ungeduldigen, verärgerten Reisenden. Sie fragte sich, wieso sie mit einem bewaffneten US-Marine-Lieutenant fertig wurde, aber keine überzeugenden Argumente fand, wenn sie vor einem gleichgültig schauenden Mädchen von vielleicht zwanzig Jahren namens Joanne stand.

Plötzlich hörte Santosh Schreie. Nicht die Art Schreie, die ›Los, runter‹ meinten und dir signalisierten, dich sofort flach auf den Boden zu werfen oder ins Unterholz oder in einen Fuchsbau zu robben. Nein, dies waren Schreie, die man aus Filmausschnitten mit den Beatles kannte, als die jungen Mädchen an ihren eigenen Haaren zogen und Gesichter im Hormon gesteuerten Wahnsinn zeigten.

Joanne sah zum ersten Mal munter aus. Alle Augen waren auf vier oder fünf menschliche Wesen gerichtet, die von einer Gruppe schwarz gekleideter Männer und Frauen umringt wurden. Sie trugen Kopfhörer, dunkle Brillen und bedrohliche Mienen.

»Oh, Mann.«

»Ist das Madonna?«

»David und Victoria?«

»Nein, das muss Kylie sein.«

Santosh fragte sich, wie die Leute reagieren würden, wenn in Wirklichkeit der Premierminister, der französische Präsident oder der deutsche Kanzler auf dem Flughafen eingetroffen war. Sie nahm an, dass die Gaffer dahin zurückgingen, wo sie hergekommen waren, sie stellten sich wieder in die jeweilige Schlange, überlegten, ob sie die Zeit für einen Sprung in den Krawattenshop nutzen konnten, ohne den Platz in ihrer Schlange zu verlieren.

Als Joanne den Hals verrenkte, um vielleicht doch noch einen Blick auf den vermeintlichen Promi zu erhaschen, begriff Santosh, dass sie vielleicht eine Ebene gefunden hatte, auf der sie mit dem Mädchen kommunizieren konnte.

»Sie kennen mich vielleicht aus dem Fernsehen«, sagte sie voller Hoffnung.

Joanne gab sich Mühe, tüchtig auszusehen, auch wenn sie immer noch hinüber zum Promi schaute. »Es tut mir leid, Miss Kapoor, aber ich kann Ihr Gepäck auf dem Computer nicht finden, was in erster Linie an fehlenden Daten liegt.«

Santosh stieß einen grunzenden Laut aus und fragte sich, wieso sie sich dazu hatte überreden lassen, die Bänder der Dokumentation in ihrer Wäsche zu verstauen. Saubere Schlüpfer waren zum Überleben nicht erforderlich, aber die Bänder mussten bearbeitet werden und zum vereinbarten Termin fertig sein.

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Der Promi war jemand namens Fred Hill, der Santosh nichts sagte, wohl aber vielen Menschen, die länger als sechs Monate in ihrem Land blieben. Die Leibwächter hatten ihren Schützling wieder in die Mitte genommen und hasteten auf einen Ausgang mit der Aufschrift VIP zu, wobei sie versuchten, den Blitzen der Fotografen zu entkommen.

Santosh erinnerte sich, dass sie versprochen hatte, am nächsten Tag mit Claire essen zu gehen. Dass sie den mutmaßlichen Fred Hill gesehen oder fast gesehen hatte, gab ihr doch ein bisschen Gesprächsstoff, sodass sie nicht nur uralte Universitätsgeschichten anhören musste.

Als sie endlich zu Hause eintraf, war der Goldfisch verschwunden, und sie fühlte sich stark depressiv. Die meisten ihrer Freundinnen hatten längst Hypotheken abzuzahlen, Ehemänner und Kinder. Andere - wie Claire - hatten es zu erfolgreichen Karrieren gebracht. Nun, auch Santoshs Karriere war erfolgreich. In den letzten beiden Jahren war es sogar spektakulär gut gelaufen, aber wenn sie auch in der Lage war, ihren Kopf aus den verschiedenen Schusslinien zu halten, so war sie doch völlig hilflos, als sie den Kühlschrank sah, der sich in einen Gletscher verwandelt hatte. Sie war nach eigener Aussage eine häusliche Katastrophe.

Claire hatte immer gesagt, es wäre chauvinistischer Schwachsinn, von jeder Frau zu erwarten, dass sie die geborene Hausfrau wäre. Claire hatte leicht reden: Sie hatte keine indische Abstammung, und sie hatte keine Hausgöttin als Mutter. Santosh hatte Schuldgefühle, wenn sie zu müde (oder zu faul, wie die Mutter meinte) war, um sich in der Küche ein Sandwich zu machen - was aber auch an dem Wissen lag, dass die Mutter glücklich war, wenn sie den ganzen Tag in der Küche verbringen konnte.

Ihre Wohnung sah aus, als sollte sie den Studentinnen nebenan gehören und nicht einer zweiunddreißigjährigen Frau, die ihr Elternhaus mit achtzehn verlassen hatte. Sie war derart unorganisiert, dass ihre CDs in einer Ecke auf dem Boden lagen, denn sie hatte zwar ein Regal gekauft, war aber noch nicht dazu gekommen, es zusammenzubauen.

Sie war davon überzeugt, dass ihre Wohnung schlimmer aussah als bei ihrer Abreise, und sie war auch sicher, dass sie mit zwei Goldfischen gelebt hatte.

Rosencrantz und Guildenstern waren die einzigen Tiere, die sie laut Mietvertrag in der Wohnung haben durfte, und nach ihrer Erinnerung waren die beiden nicht tot gewesen, als sie abgereist war. Sie war noch nicht so verkalkt, dass sie Daniel gebeten hatte, zwei tote Goldfische zu füttern.

Sie hatte keine Zeit, über das Geheimnis der fehlenden Goldfische nachzudenken, denn ein Geräusch im Schlafzimmer rief sie zu besonderer Wachsamkeit auf. Es musste noch jemand in der Wohnung sein. Daniel hatte einen Schlüssel, aber es war ziemlich entnervend, nach Hause zu kommen und jemanden in deiner Wohnung zu finden. Besonders, wenn sie die Goldfische vermisste.

Sie musste zugeben, dass es ziemlich bizarr war, Goldfische als Diebesgut bei der Polizei zu melden. Aber in der Gegend hatte es schon eigenartige Einbrüche gegeben. Kurz vor ihrer Abreise hatte Santosh von einem Einbruch gehört, der sich zwei Straßen weiter ereignet hatte. Die einzigen Dinge, die gestohlen wurden, waren ein Sandwichtoaster und eine künstliche Marihuanapflanze gewesen. Die Leute stibitzten, was sie kriegen konnten.

Der Diebstahl des Sandwichtoasters beeindruckte sie; offenbar wollte jemand krachend knackig zubeißen, doch dann fragte sie sich, welche Schule die Verbrecher so dumm ins Leben entließ, dass sie den Unterschied zwischen einer echten Hanfpflanze und einer künstlichen nicht erkennen konnten. Der Diebstahl von zwei Goldfischen blieb aber unerklärlich.

Sie überlegte, die Polizei anzurufen, aber dann fand sie, dass sie auch allein damit fertig wurde. Wenn ein schießwütiger US-Gefreiter dir seinen Revolver an den Kopf hält, weil er sich seine Streifen damit verdienen will, einen Terroristen zu bündeln und abzuliefern, führt das dazu, dass du das Wort Angst noch einmal neu definieren musst, und außerdem betrachtest du dann den normalen Einbrecher als eine relativ harmlose Gestalt.

Santosh öffnete die Tür zum Schlafzimmer und nahm sich fest vor, den Typen dingfest zu machen, der sich bei ihr eingenistet hatte. Aber ihre Absicht fiel in sich zusammen, kaum dass sie die Tür geöffnet hatte und sah, was sich in ihrem Schlafzimmer abspielte.

Daniel von nebenan war da und fütterte die Fische, die sich bester Gesundheit zu erfreuen schienen, abgesehen davon, dass sie hungrig waren. Daniel trug ein enges Lederkorsett, Fischnetzstrümpfe, Schuhe mit unglaublichen Keilabsätzen, eine lederne Unterhose mit Nieten, eine Perücke mit krausen und wahnsinnig hochstehenden Haaren sowie ein Perlenhalsband. Hätte sie solche Kleidungsstücke besessen, würde Santosh ihn beschuldigt haben, ihre Wäscheschublade ausgeräumt zu haben, aber das konnte nicht sein, denn solche Sachen besaß sie nicht. In den letzten Monaten hatte ihre ›Unterwäsche‹ aus einem zusätzlichen T-Shirt unter der Flakjacke bestanden.

»Oh, hi. Du bist zurück«, sagte er, als ob das alles völlig normal wäre. Er schraubte den Deckel wieder aufs Fischfutter, tänzelte auf seinen zehn Zentimeter hohen Absätzen durchs Schlafzimmer und küsste sie auf die Lippen. Sie war zu erstaunt, um ihm auszuweichen.

Irgendwann hatte Daniel den Eindruck verbreitet, dass sie eine Beziehung hatten, trotz ihrer Einwände, dass man keine Beziehung mit einer zwölf Jahre älteren Frau haben konnte, die auch noch die Angewohnheit hatte, regelmäßig in weit entfernte und hochgefährliche Gegenden dieser Welt zu verschwinden.

»Hallo«, sagte sie, was das einzig intelligente Wort zu sein schien, das ihr einfiel. »Weißt du eigentlich, dass du ein Korsett trägst?«

Er lachte und zeigte einen Mund mit perfekten Zähnen. »Oh, ja. Ich bin nur auf einen Sprung rein zu dir, um die Fische zu füttern. Wir feiern eine Rocky Horror Party. Hast du Lust, dabei zu sein?«

»Ich wusste gar nicht, dass eine verschlafene Alte in der Rocky Horror Show mitspielt.«

»Ach, wir finden schon ein Kostüm für dich.«

»Aber in meinem Wäschefach wirst du nichts Entsprechendes finden. Sehe ich wie eine Frau aus, die über die Tracht eines französischen Dienstmädchens verfügt?«, fragte sie. Ich habe nicht einmal einen Staubwedel.

»Du könntest Janet sein, wenn du einen weißen BH und einen weißen Schlüpfer hast«, meinte er.

»Oh, ja«, sagte sie mit einem Seufzer. Sie konnte sich an Janets Rolle erinnern. »Aber ich bin nicht so bescheuert, in Unterwäsche irgendeine Party zu besuchen.«

»Oh, warum denn nicht?«, fragte Daniel und setzte sich auf ihr Bettende. »Ich meine, du siehst doch noch hundertprozentig vögelbar aus.«

Sie blinzelte, schälte sich aus ihrer Jacke und schüttelte den Kopf. »Nein, im Gegenteil, ich würde lächerlich aussehen. Außerdem kann ich mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal meine Beine rasiert habe. Man hat keinen Bedarf, sich die Beine zu wachsen, wenn man aus einem Bombentrichter kraxelst.«

Er nickte, und dabei fielen die schwarzen Locken in seine Augen. Sie verfingen sich in seinen falschen Wimpern. Er nahm die Perücke ab und zeigte seine normalen zerzausten braunen Haare, dann starrte er in den Spiegel, um die falschen Wimpern wieder zu kleben. »Oh, Himmel, das kann ich mir gut vorstellen. Wie ist es dir ergangen?«

»In Kabul? Großartig. Ich habe nur das Pech, dass die Filme in meinem Gepäck liegen, und das Gepäck wird noch in Heathrow gesucht.«

»Du machst Witze!«

»Leider nicht.«

Daniel seufzte schwer. »Das ist ja wie … wow!«

»Ja, das ist wie …« Sie hörte sich offenbar sarkastischer an, als sie beabsichtigt hatte, denn er sah verletzt aus. Seine rot glänzende Unterlippe wölbte sich schürzend vor. Sie wusste, dass sie ihm ordentlich zusetzte; sie verhöhnte seinen Sprachschatz und sagte ihm oft genug, dass er sich eine Freundin in seinem Alter suchen sollte.

Wann immer er Sätze mit ›wie‹ konstruierte, blieben sie genau da hängen, weil ihm der Vergleich eben nicht einfiel. Außerdem zog er sie in lange frustrierende Argumente politischer Art (Daniel protestierte gern gegen Studiengebühren und gegen den Krieg im Vorderen Orient und für das Landrecht der Palästinenser, aber er kriegte den Arsch nicht früh genug aus dem Bett, um wählen zu gehen). Nun, es war ja nicht seine Schuld, so jung zu sein.

»Es tut mir leid«, sagte sie, »aber ich bin hundemüde, wahrscheinlich rieche ich ein bisschen streng, und ich bin wütend wegen meines verlorenen Gepäcks. Nein, das sind keine guten Voraussetzungen für ein Partymädchen.«

»Ja, okay«, sagte er, stand auf und rückte die Perücke wieder zurecht. »Ich muss gehen. Ich habe das schon seit Wochen geplant.«

»Okay.«

Er wackelte ein paar Schritte und hielt sich an ihrer Schulter fest. »Wie können Frauen nur in Schuhen mit solchen Absätzen laufen?«

Santosh zeigte auf ihre Doc Martins. »Ich kann es nicht. Deshalb kann ich deine Frage nicht beantworten.«

»Richtig«, sagte er und lächelte wieder.

Er sah lächerlich aus und trotzdem hübsch. Mit den Keilabsätzen war er etwa einsneunzig groß, und sie starrte in sein spärliches Dekollete.

»Geh zu deiner Party«, sagte sie, als wäre sie seine Mutter, die ihr Kind zum Spielen schickte.

»Ja, gut. Kann ich dich später noch mal besuchen?«

»Dann werde ich schlafen.«

»Das ist mir egal. Ich will dann nur ein bisschen kuscheln. Ich habe dich vermisst.«

Sie hätte jammern können, dass sie keine Lust hatte, auf ihn zu warten, aber selbst dazu fühlte sie sich zu müde. Deshalb sagte sie zu Daniel, dass er tun könnte, was er wollte.

Santosh duschte schnell und wäre beinahe schon beim Trockenrubbeln eingeschlafen. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis sie ihre langen Haare geflochten hatte (mit ihren zweiunddreißig Jahren brachte sie nicht die Courage auf, ihrer Mutter zu trotzen und sie abschneiden zu lassen. Wie tot fiel sie schließlich ins Bett. Sie schlief ein zum Geräusch der Kinder nebenan.

Sie wachte auf und hörte, dass diesmal ein Chor Betrunkener lauthals sang, und dann wurde sie auch noch von Daniel gestört, der sich all seiner Kleider entledigte und zu ihr ins Bett stieg.

»Alles klar, Lara?«, fragte er und zog liebevoll an ihrem langen schwarzen Zopf. Daniel nannte sie Lara Croft wegen ihrer Frisur, ihrer Kleidung, die fast immer in Tarnfarben angelegt war, und wegen ihrer stabilen Stiefel.

Sie rollte sich zur Seite. Die Augen noch geschlossen, schlang sie die Arme um seinen nackten Körper. Er war so verdammt jung - kein Gramm Fett an ihm. Er hatte einen jener makellosen Surferkörper, den man erwirbt, wenn man den ganzen Sommer lang auf den Wellen reitet. Seine Faulheit wurde unterstützt von Mummy und Daddy und ihrem großen Haus in Cornwall. Es schien, dass in Großbritannien die Armen von ihrem billigen Fast Food fett wurden, während die Höhergestellten organische Nahrung kauften und Geld hatten für die Mitgliedschaft im Fitness Club. In vielen Teilen der Welt, die Santosh besucht hatte, ging es anders zu.

Daniels Körper war einer der gepflegten Mittelklasse, sanft und Trost spendend mit seinen angenehmen Bauchmuskeln, den festen knackigen Arschbacken und dem unermüdlichen zwanzig Jahre alten Schwanz. Alles zusammen war er ein Kuschelpaket, das sie mehr befriedigte und größere Lust brachte als jeder Teddybär.

Sie dachte oft, sie sollte endlich erwachsen werden und jemanden in ihrem Alter kennen lernen, aber ihre Einwände verflogen, wenn sie mit Daniel im Bett lag. Er war gleichzeitig hart und seidig, seine Haut glänzte, und er war gesegnet mit der unbezwingbaren Schönheit der Jugend - unwiderstehlich, wie auch ein Welpe unwiderstehlich ist. Selbst wenn du nichts für Hunde übrig hast, kannst du dich nicht davon lossprechen, dass du dich von den leuchtenden Augen und dem seidenweichen Fell eines jungen Hündchens bezaubern lässt.

»Wie war deine Party?«, fragte sie. Seine Haare fühlten sich weicher als sonst in ihren Händen an, verschwitzt von der Perücke und diesmal ohne den üblichen Klatsch Gel.

»Ja, okay«, murmelte er, was sich nicht sehr begeistert anhörte. »Aber ich bin lieber hier.«

»Das ist schön.«

»Mmm.«

Sie drückte seine schmale, fleischlose Taille in ihre Arme und barg ihre Nase an seiner Schulter. Er roch nach Alkohol, Tabak und Hasch, dazu noch eine Mischung aus Schweiß und Deo. Seine Erektion drückte steif gegen ihren Oberschenkel - wie gewöhnlich. Zwanzig Jahre alt, und alles, was er brauchte, war eine leichte Brise, die in seine Richtung wehte, und schon war er steinhart.

»Warum bist du mit den Fischen umgezogen?«

»Was?«

»Die Goldfische. Was haben sie hier zu suchen?«

»Der Tierarzt hat gesagt, ich soll sie vom Fensterbrett nehmen, weil die Sonne die grünen Algen im Tank wie verrückt wachsen ließ, und die Fische sahen nicht so aus, als würde ihnen das bekommen.«

»Du hast meine Fische zum Tierarzt gebracht?« Sie rollte sich auf die andere Seite und ließ zu, dass Daniel sofort in die Löffelchenstellung ging. »Das sind keine seltenen japanischen Edelfische. Ich habe sie bei einem Dartspiel auf der Kirmes gewonnen.«

»Es sind trotzdem Lebewesen«, protestierte Daniel.

Sie lächelte in der Dunkelheit und rutschte mit dem Po gegen seinen Schoß. »Hör auf damit, immer das Richtige zu sagen, sonst kann ich gar nicht mit dir streiten.«

»Ich weiß. Deshalb tue ich das ja.« Er küsste ihre Schulter und schlang seinen Arm um ihre Taille; entschlossen, irgendwie seine Stiefel unter ihr Bett zu stellen. Daniel konnte sehr beharrlich sein.

Sie brauchte nicht lange, um wieder einzuschlafen, und diesmal war es der totenähnliche Schlaf, den nur die Zeitumstellung bewirken kann. Das Telefonklingeln, das sie acht Stunden später weckte, war die laute Erinnerung, dass sie zurück in London war, wo immer und überall die Telefone schrillten, aggressiv und drängend, und wo es sinnlose, planlose Plaudereien über nichts gab, ganz im Gegensatz zu den vitalen Dingen des Lebens, die sie in ihrem Beruf kennen gelernt hatte; Tod, Medikamente, Überleben und Geheimnisse.

Daniel drehte sich kurz auf die andere Seite und zog das Kissen über den Kopf. Santosh hoffte, eine positive Nachricht über ihr Gepäck auf ihrem Anrufbeantworter zu haben, aber stattdessen war es nur Claire.

»Darling, hast du meine Nachricht nicht erhalten? Wo bist du gewesen?«

»Kabul.«

»Richtig, ja, aber danach, meine ich. Bleibt es bei heute Abend?«

»Ja, ich glaube ja. Wie spät ist es?«

»Mittag. Bist du gerade erst aufgestanden?«

»Ja«, antwortete sie reuelos. »Ich habe einen langen Flug hinter mir und musste mich erst einmal ausschlafen.« In der Begleitung eines nackten Zwanzigjährigen. Die Decke war von Daniels Rücken gerutscht und zeigte genau die Stellen, wo seine Sonnenbräune endete. Manchmal war das Leben gut zu einem, dachte Santosh.

»Oh. Ja, gut.« Claire hörte sich sogar noch heiserer an, als Santosh erinnerte. Die Stimme wie eine Betonmaschine, Kettenraucherin und stets beschäftigt, das war Claire. »Richtig - lass mich mal nachdenken, meine Liebe … Ich muss jetzt weg, ich habe ein Essen mit Neil Savage.«

Santosh konnte nicht widerstehen. Sie hustete geräuschvoll und versuchte nicht einmal, ihre Beschimpfung im Husten untergehen zu lassen. »Schreiberling.«

»Ach, meine Liebe, aus dir spricht doch nur der Neid«, sagte Claire fröhlich. »Ich weiß, dass er ein entsetzlicher Arsch ist, aber du würdest dich ihm auch an den Hals werfen, wenn er für den verdammten Grauniad schriebe.«

»Nein, das würde ich verdammt noch mal nicht tun. Er ist ein halb gebildeter Schuft mit der sexuellen Blasiertheit eines konservativen Hinterbänklers.«

Dies war der Moment, in dem Daniel den Kopf aus dem Kissen zog und wissen wollte, über wen sie redete. Santosh legte eine Hand über die Muschel und sagte es ihm. Daniel raunte das Wort ›Wichser‹ und legte sich wieder hin.

Claire lachte, es klang wie ein Gurgeln einer Altstimme à la Lauren Bacall. »Oh, Mann, Tosh, es tut so gut, dich wieder im Land der Lebenden zu haben. Ich muss jetzt weg. Nach dem Treffen mit Neil bin ich zu einem Bikini-Wachsen verabredet, dann sehe ich Justin Vercoe, falls nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt. So gegen sieben müsste ich die Arbeit des Tages hinter mir haben. Was hältst du davon, wenn wir uns in Covent Garden treffen? Beim ewigen Streichquartett?«

Das ewige Streichquartett hatte sich als immer wiederkehrender Witz aus ihren Collegetagen hinübergerettet. Ganz egal, zu welcher Jahreszeit, ganz egal, wie das Wetter war, es spielte immer ein Streichquartett auf dem Markt im Covent Garden.

Die Verabredung stand, und Claire legte rasch auf, nachdem sie die für sie typischen Situationsbeschreibungen abgegeben hatte - »muss weg«, »hab's schrecklich eilig«, »ich liebe dich zu Tode, Darling«. Dazwischen klickte das Feuerzeug, und sie saugte eine Zigarette nach der anderen zu Asche.

»Deine Freundin ist zum Mittagessen mit Neil Savage verabredet?«, fragte Daniel gähnend. Er versuchte, nicht beeindruckt zu sein.

»Ja. Das macht sie wegen der PR.«

Daniel verdrehte die Augen. Als Politikstudent hatte er sehr wenig Zeit für Zeitungen. »Er ist ein Wichser. Ich habe ihn in Fragen und Antworten gesehen.«

»Ist diese Talkshow nicht zu politisch für dich?«, neckte Santosh ihn. Als Politikstudent hatte Daniel noch weniger Zeit für Politik.

»Ich habe politische Ansichten«, sagte er und hielt die Nase hoch. »Abschaffung der Monarchie, kostenloser Tauchunterricht in allen Schulen und ›Ace of Spades‹ von Motorhead als neue Nationalhymne.«

Sie seufzte spöttisch und warf sich zurück in die Kissen. »Ah, die erhabenen Ideale der Jugend.« Sie strich mit einer Hand über seine wie in Stein gehauenen Bauchmuskeln und blinzelte unter das Oberbett. Dort sah sie, dass die Ideale nicht allein erhaben waren. »Meinst du nicht, dass ›Gott schütze die Königin‹ besser passen würde?«

»In schottischen Ohren klingt das rassistisch, und außerdem kennt keiner den Text.«

»Ich meinte auch eher die Version der Sex Pistols.«

Er lachte. »Cool. Was hältst du von einem Joint?«

»Oh, ja, verdammt.«

Daniel war erstaunt zu sehen, dass jemand noch Alben auf Kassetten besaß. Für sie war das eine weitere unbehagliche Erinnerung daran, wie jung er war. Santosh konnte sich in zwanzig Jahren sehen; sie trug einen eng anliegenden catsuit im Leopardenfellmuster, als sie sich um einen etwa zwanzigjährigen portugiesischen Spielfreund drapierte. Sie war ziemlich sicher, dass ihre Mutter sie umbringen würde, aber sie schaffte es nicht, sich deshalb graue Haare wachsen zu lassen, denn sie lag um die Mittagszeit im Bett, absolut high, im Hintergrund krähten die Sex Pistols, und neben ihr lag der nackte Daniel.

Er war so ein hübscher Kerl, und sie war solo.

Und er hatte gesagt, dass er sie vermisst hatte, und er hätte sich Sorgen um sie gemacht. Dann war er noch so anständig gewesen, ihr nicht zu sagen, dass er sie liebte, wodurch die Dinge zwischen ihnen unkompliziert blieben. Im Bett war er ausdauernd und großzügig. Zuerst war es ihm schwergefallen, nicht zu schnell zu kommen, wenn sie ihn blies, schließlich war es neu für ihn, von einer erfahrenen älteren Frau verwöhnt zu werden. Bisher kannte er nur die verzweifelten Bemühungen der Mädchen, die den deep throat aus den Videofilmen kannten und den Fehler begingen, die Schauspielerinnen nachahmen zu wollen.

Es hatte den Anschein, dass Daniel in seinem Leben noch keinen ordentlichen Blowjob gekannt hatte. Er erzählte nicht viel über seine bisherigen Erfahrungen, und Santosh war nicht sicher, ob er die Wahrheit gesagt hatte, als er behauptete, nicht mehr Jungfrau zu sein.

Er hatte gelernt, sein Timing zu kontrollieren. »Bring mir Tantra bei«, hatte er gekichert, als sie ihn angewiesen hatte, tief einzuatmen, und er sollte ihr sagen, dass sie aufhören sollte, wenn er spürte, dass er bald kommen würde. Er keuchte auf, als sie ihre Lippen um seinen Schaft drückte, dann fühlte sie, wie sich seine Schenkel anspannten und er die Fersen in die Matratze grub.

Sie rutschte mit den Hüften übers Kissen und ließ sich in die übliche Position nieder - umgekehrt auf ihm. Sie hatte herausgefunden, dass dies nicht nur eine lustvolle Stellung war, sondern auch ideal für das richtige Zeitgefühl. Seine Hände steuerten ihre Hüften zu seinem Mund, während sie einen Schenkel höher schraubte und um seinen prallen Schaft zu stöhnen begann, als seine Zunge rund um die Klitoris zu schlecken anfing.

Sie liebte das - ein einfacher, oft geübter Austausch von Lust. Direkt zum Ziel, eine Vereinbarung auf Gegenseitigkeit. Als sie die Lippen fester um den Kolben spannte und mit dem Kopf schneller auf und ab fuhr, grub er mit Zunge und Fingern tiefer. Er stieß die Finger tief in sie hinein und suchte nach dem Punkt, der sie zittern ließ. Für sie war dies ein Signal, mit einer Hand seine Hoden zu umfangen und leicht zuzudrücken. Sie spielte mit einem Finger in seiner Kerbe, die warm und behaart war.

Alles, was sie unternahm, fand sein Echo in Daniels Reaktionen und umgekehrt. Es funktionierte jedes Mal und war so verlässlich wie eine mathematische Formel.

Daniel leckte und schlürfte gierig; seine Zunge zuckte, und die Finger klammerten. Ihre Schamhaare fühlten sich vom Speichel und ihren gemeinsamen Säften schwer und buschig an; die Innenseiten ihrer Schenkel waren nass und warm von seinem Atem. Das Band war schon lange abgelaufen, was es durch ein altmodisches lautes Klicken angekündigt hatte, und jetzt füllten die weichen flüssigen Geräusche ihrer Münder den Raum.

Sie ließ die Zunge über die empfindliche Eichel wirbeln und wollte ihn damit zum Kommen bringen, denn sie selbst befand sich auch nicht mehr weit entfernt. Sein Schnaufen wurde von ihrem geschwollenen Geschlecht geschluckt, aber er verlor nicht die Kontrolle. Sie wand sich voller Ungeduld und wollte unbedingt kommen, aber gleichzeitig wollte sie auch nicht vor ihm durchs Ziel rasen, und sie wollte ihn schmecken.

Sie schob ihren Finger tiefer zwischen seine Backen, streichelte und presste, bis sie den Weg zu seiner hinteren Öffnung gefunden hatte. Die Hitze wirkte genau dort wie ein Glutofen, schwüler noch und moschusartiger als die Hitze, die von seinem Schaft ausging. Er rutschte herum, damit sie leichter an ihn herankam, und sie spürte Schweiß, der von seinen Schenkeln auf ihr Gesicht tropfte.

Seine Finger bohrten sich tiefer in sie hinein, und seine Lippen schlossen sich um ihre Klitoris. Er setzte die Zunge zu einem tiefen, alles verzehrenden Kuss ein, dann begann er zu lutschen. Wenn er so entschlossen saugte, wusste sie, dass er sie zum Kommen bringen wollte, aber dieses Spiel beherrschte sie auch, und so drückte sie ihren Finger in die Mulde seines Anus.

»Komm, bitte«, wisperte er, als er seinen Mund für ein paar Sekunden von ihrer Pussy gelöst hatte. »Bitte.«

Sie lächelte um seinen Schaft und neckte ihn, indem sie den Finger sanft hin und her schob, als ob er tatsächlich den Zugang zur hinteren Öffnung suchte. Er war verschwitzt zwischen den Schenkeln, und von ihrem Speichel rannen dünne Fäden hinunter zu den Hoden und weiter. Der nasse Muskel gab unter ihrer Fingerspitze nach, und Daniel schien keinen Widerstand zu leisten und genoss.

Als der Finger am glatten Muskelring vorbeiglitt, stieß er einen entsetzten Schrei aus, und sie war sicher, seine Schamröte zwischen ihren Beinen spüren zu können. Sie war über sich selbst erstaunt, dass sie das getan hatte. Als sie tiefer stieß und fühlte, wie seidig und verletzlich er dort war, genau wie eine Frau, konnte sie die ersten Schauer ihres eigenen Orgasmus nicht mehr zurückhalten.

Daniel war bedenklich still geworden, sein Gesicht immer noch zwischen ihren Schenkeln, der Körper steif. Für einen Moment war sie besorgt, dass sie ihn beleidigt hatte. War seine Männlichkeit verunglimpft, weil sie in ihn eingedrungen war? Aber dann schrie er so laut, dass es auch Agonie hätte sein können - war es aber nicht, denn seine Hüften bewegten sich unfreiwillig und bäumten sich auf. Er stieß in ihren Mund, und sie sägte mit dem Finger vor und zurück. Er keuchte, fluchte und ergoss sich warm in ihren Mund; er gab ihr, was sie haben wollte: im Moment ihres Orgasmus den Geschmack von ihm auf der Zunge. Diese Lust raubte ihr den Rest an Kontrolle.

Nachdem sie sich irgendwie entwirrt hatten, war es Daniel, der sich zu Wort meldete. »Wow«, sagte er jungenhaft, »das war aber eine Wucht.«

Sie drehte sich auf dem Bett herum und sah ihm ins Gesicht. »Hat es dir gefallen?«

Seine Augen weiteten sich. »Klar«, sagte er, dann hob er die Stimme zu einem Geräusch, das sich fast wie eine sarkastische Frage anhörte. Er war wirklich viel zu jung.

»Ich kann kaum glauben, dass du das zugelassen hast«, murmelte Santosh.

»Ich auch nicht.« Er blinzelte und rieb sich die Augen wie ein Kind. Sein Gesicht hatte eine rosa Farbe angenommen, und seine Lippen waren tiefrot. Weil die Augen so groß waren, erinnerte er an ein Baby, aber die Länge und Form seiner Nase gaben seinem Profil einen Ausdruck von Kraft, die sich aber erst richtig zeigen würde, wenn er dreißig war.

»Aber es hat dir gefallen?«, fragte sie und lehnte sich über ihn.

»Du kannst es irgendwann noch mal machen«, antwortete er grinsend.

»Ja, gut möglich.« Sie küsste ihn und drückte ihn im klebrigen Bett, in dem es nach Sex roch. Mit seinem glatten Körper und dem Schwall rotbrauner Schamhaare um den langsam abflachenden Schaft war er einfach unwiderstehlich. Eine Weile kuschelte sie sich an ihn und genoss die leisen, zufriedenen Geräusche, die er ausstieß. Sie verlor das Gefühl für Zeit, bis sie sich daran erinnerte, dass sie verabredet war und bald aufbrechen musste.

»Ich könnte mit dir kommen«, schlug er vor, als sie aus dem Bett aufstand.

»Du würdest dich zu Tode langweilen«, sagte sie, überrascht von ihrer raschen Ausrede. »Wir zerreißen uns die Mäuler über Leute, die du nicht kennst.«

»Okay.« Er streckte sich und gähnte. »Ich sollte sowieso gehen und mich mit meinem Essay beschäftigen.«

»Ach, erinnere mich doch nicht daran - meine Essays liegen schon Jahre zurück.«

Daniel streckte ihr die Zunge heraus. »Das ist doch kein Beweis dafür, dass du alt bist. Deine Uni-Zeit liegt noch gar nicht so lange hinter dir.«

»Um was geht es bei dem Essay?«

»Der Internationale Geldfond und sein Beitrag zur Entschuldung der Dritten Welt.«

Santosh warf sich einen Bademantel über und lief kopfschüttelnd zur Dusche. »Meiner Meinung nach sollte die Aufgabe lauten: ›Der Internationale Geldfond und sein Beitrag zur Verschlimmerung der Schulden der Dritten Welt.‹ Ich wüsste mal gern, was sie einem heute in der Schule beibringen.«

Daniel folgte ihr in die Dusche und sagte, er wollte tatsächlich über eine Veränderung der Aufgabenstellung nachdenken. Er war wirklich leicht formbar und ganz einfach zu beeinflussen. Das war auch ein Grund, warum sie sich davor fürchtete, sich zu eng an ihn zu binden.

Sie schickte ihn mit einem langen, tiefen Kuss und einem Stapel von Antiglobalisierungsliteratur aus der Wohnung. Ihr blieb der Trost, wenn sie auch das junge Fleisch eines Zwanzigjährigen korrumpierte, dann sorgte sie wenigstens dafür, dass er mehr über die Welt wusste als die anderen in seinem Alter.

Zweites Kapitel

Neil Savage bezeichnete sich selbst gern als ›Der letzte Gentleman der Fleet Street‹ und kultivierte diese Beschreibung, indem er sich ihr mit der Kleidung annäherte. Anzüge aus der Saville Row, Schuhe aus der Jermyn Street, für ihn eigens hergestelltes Eau de Cologne aus Mayfair und der Akzent aus Balham. Er versuchte, den Akzent zu verbergen, aber Claire hatte immer schon ein gutes Gehör gehabt.

Sie hatte den ganzen Morgen damit verbracht, sich die Forderungen der letzten Gewinnerin der Reality Show anzuhören, deren Enttäuschung groß war, dass sie nur wenig Publicity erhielt. Sie verlangte einen Champagner Brunch und eine Menge Streicheleinheiten, damit sie endlich auf die Titelseiten der Zeitschriften kam, die ihr zustanden.

»Spurt sie nicht?«, fragte Neil mit Bedauern in der Stimme. Er legte die Weinkarte mit auffälliger Lässigkeit beiseite. »Und was will sie haben?«

»Schmeicheleien. Liebe. Das Übliche«, sagte Claire.

»Liebe?« Neil hob die Augenbrauen und winkte einen der Weinkellner heran. »Sagen Sie, ist der Chablis so ausgezeichnet, wie er sein soll, oder habt ihr wieder eine Katze über dem Bottich ausgewrungen?«

»Der Chablis ist ein 2002er, ein ausgezeichnetes Jahr, Sir«, sagte der Kellner und lächelte gläsern. »Angenehm frisch mit dem Duft von Zitronen und einem Hauch von Vanille, Sir.«

»Fein, den nehmen wir.« Der Kellner verbeugte sich und zog sich zurück.

»Jetzt wird er die Katze holen und sie in den Wein pissen lassen«, sagte Claire und griff nach ihrem Wasserglas. »Man sollte niemanden verärgern, der einem das Essen zubereitet.«

»Der kleine Scheißer wird sich nicht trauen«, schniefte Neil und zündete sich eine Zigarette an. »Was ist denn nun mit dieser Frau? Hat sie Talent, abgesehen davon, dass sie laut kreischen kann und sich im Fernsehen entblößt?«

»Sie war in einer Reality Show und nicht in einer Talent Show. Kreischen und entblößen an sich ist noch kein Talent, aber es bringt dir viele PR-Zeilen in Tageszeitungen und Zeitschriften, wenn sie durch einen nationalen Sender bekannt geworden ist.«

»Ich glaub's ja nicht.« Neil schüttelte den Kopf. »Warum gibst du dich mit solchen Idioten ab?«

»Das ist mein Job, mein Schatz.« Claire lächelte und bemühte sich um einen verlockenden Ausdruck. Sie zupfte unauffällig unter dem Tisch am Saum ihres Tops, um den Ausschnitt ein bisschen zu vergrößern. Neil und Brüste, das war eine lange Geschichte. Zu seinem Glück war er als Journalist nicht bedeutend genug, deshalb wurden seine kleinen Verfehlungen nicht ausgebreitet, aber Claire hatte Storys von vielen Go-go-Tänzerinnen in den Nachtbars gehört, um zu wissen, dass Neil Savage ein berüchtigter ›Tittengrabscher‹ war. Je größer, desto besser.

»Steck sie weg, Claire. Du weißt, dass ich keinen Artikel schreiben kann, wenn ich keine Story habe. Meine Leser akzeptieren das nicht.«

Claire seufzte und schloss einen Knopf. »Ach, es war den Versuch wert. Was sagst du denn zu einer beträchtlichen Gewichtsabnahme?«

»Sarah Riley?«

»Ja.«

Neil blies den Rauch durch die Luft und schüttelte den Kopf. »Zu wenig. Schätzchen, ich schreibe für eine große Zeitung. Da reicht keine Meldung über die neue Frisur irgendeines Flittchens.«

»Okay.« Claire stibitzte eine seiner Zigaretten, nippte am Mineralwasser und hoffte, dass es mit keiner Katze in Berührung gekommen war. »Was wäre, wenn sie sich die Brüste vergrößern ließe?«

Neil sah ein wenig interessierter aus. »Ja, das passt. Schöne neue Titties. Plant sie tatsächlich eine Vergrößerung?«

»Könnte schon sein«, antwortete Claire zurückhaltend. Sie nahm sich vor, einen Platz in der Klinik zu buchen und dann Sarah Riley anzurufen.

»Gut, gut.« Neil grinste. »Mit neuen Titten können wir was anfangen. Und eine Schwangerschaft garantiert dir einen Platz auf Seite eins. Besonders, wenn der Vater verheiratet, berühmt oder beides ist.«

»Hm.« Claire schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass sie schwanger ist.«

»Kannst du das herausfinden?«

»Natürlich«, sagte Claire selbstsicher. »Ich gestatte meinen Klienten keine Geheimnisse. Das ist der einzige Weg, wie ich verhindern kann, dass Leute wie du und deine Kollegen mich dumm aussehen lassen.«

»Du verhätschelst sie«, schnaufte Neil. »Manchmal glaube ich sogar, dass du sie magst.«

»Ich bin nicht so hartgesotten wie du, mein Schatz. Ich habe mir einen Hauch von Lauterkeit bewahrt.«

»Ja, ich glaube, damit solltest du mal zum Arzt gehen. Sollen wir bestellen? Sosehr ich auch deine süße Gesellschaft genieße - ich habe nicht den ganzen verdammten Tag Zeit, meine Liebe.«

Neil hatte mehr Zeit als Claire. Neil hatte auch mehr speichelleckende Helfer als Claire, und sie waren auf verschiedenen Gebieten klüger als Claire und auch böser. Hinzu kam, dass Claire in der Öffentlichkeit stand, was Zeit raubend sein konnte. Neils modische Pracht wurde in erster Linie von Eitelkeit geprägt. Als Mann hätte er sich auch verschwitzte Achseln, fettige Haare und schwarze Härchen, die aus der Nase sprossen, leisten können, und er wäre immer noch der respektierte und angesehene Redakteur einer erfolgreichen Boulevardzeitung geblieben.

Claire wurde gerade bewusst, dass die Zitronenschaumtorte, die sie zum Nachtisch gegessen hatte, am Abend wenigstens eine Stunde im Fitness-Center bedeutete, aber dafür hatte sie nicht die Zeit. Schlimm genug, dass sie vom Mittagessen zum Schönheitssalon hetzen musste. Sie würde ihre Telefonate auf dem Rücken führen müssen, die Beine gespreizt und hoch in der Luft, während sie nackt von der Taille abwärts dalag, die unteren Regionen mit Wachs eingeschmiert.

Zum Glück kannte sie die meisten Kliniken für plastische Chirurgie in den umliegenden Grafschaften. Es war ein weiterer Aspekt ihres Jobs, so zu tun, als würden ihre Klienten nicht einmal in die Nähe solcher Einrichtungen kommen wollen, um sie dann heimlich und vermummt hinzubringen, und nicht einmal Neils habgierige Paparazzi fanden etwas heraus.

Sie rief die nächstgelegene Klinik an und buchte die Konsultation für diesen Nachmittag, während sie das Höschen wieder anzog. Erst dann nahm sie sich die wichtige Aufgabe vor, Sarah Riley Honig um den nicht vorhandenen Bart zu schmieren.

Sarah war damit beschäftigt, sich die Augen aus dem Kopf zu heulen und ihren Champagnerbrunch auszukotzen: Ihr Freund hatte sich von ihr getrennt, ein Installateur aus Haringey.

»Nichts geschieht ohne Grund, Liebling«, sagte Claire, spreizte die Beine und schaute argwöhnisch auf die neue Kosmetikerin - eine große Ukrainerin namens Veronika, die so aussah, als hätte sie ihre eigene Bikinilinie nie gewachst, ganz zu schweigen von einer anderen Frau. »Ich meine, wenn er sich auch noch mit anderen Frauen traf, dann ist er es nicht wert, oder?«

Sarah schluckte einen Schwall Tränen hinunter und schnüffelte ins Telefon: »Nein, aber ich fühle mich jetzt so erniedrigt. Er hat mit einer Schlampe aus dem Peppermint Hippo gepoppt.«

Claire zuckte zusammen, als Veronika ungeschickt heißen Wachs auf den Busch schmierte. »Einen Augenblick, Liebling …« Sie bedeckte das Telefon mit einer Hand. »Wo ist eigentlich Donatella?«

»Sie ist krank«, antwortete Veronika brüsk. »Weit öffnen.«

»Ich bin weit geöffnet. Nur beim Gynäkologen müsste ich mich noch weiter öffnen.«

»Wollen Sie glatte Vagina oder nicht?«, fragte Veronika und blickte drohend.

»Ja.« Claire seufzte und kehrte zur hoffnungslos flennenden Sarah zurück.

»Hör zu, Sarah, er war einfach nicht gut genug für dich. Er hat sich deinem neuen Lebensstil nicht anpassen wollen. Ich habe eine solche Entwicklung schon hunderte Male erlebt; eine Frau wird berühmt, und der Mann kann damit nicht umgehen. In der Öffentlichkeit macht er sich zum Narren, weil er sich neben ihr unzulänglich fühlt.«

»Tatsächlich?« Sarah schnüffelte leiser, und in ihre Stimme drang ein bisschen Optimismus.

»Natürlich.« Claire starrte Veronika an. Statt den Anstand zu haben, sich umzudrehen, bis der Wachs abgekühlt war, stand Veronika wie ein in einen weißen Bademantel gehüllter Monolith da, die Arme über den Brüsten verschränkt, der Blick zwischen Claires Beine gerichtet, und der Blick war beunruhigend sadistisch, fand Claire.

»Erfolglose Männer werden mit erfolgreichen Frauen nicht fertig. Du hast ihn mit zu den Partys geschleppt, durch dich hat er Karten für die Premieren erhalten. Du hast das alles erreicht, Liebling. Du brauchst ihn nicht, Süße.«

»Richtig«, sagte Sarah wütend. »Er ist ein Bastard. Ich hasse ihn. Er war immer eifersüchtig auf mich.«

Sarah begann wieder zu weinen. Es war ein monotones Geräusch, das sich aber langsam zu einem hysterischen Schrei aufbaute. Am liebsten hätte Claire sie dabei begleitet, als Veronika das Wachs von den Innenseiten von Claires Schenkeln riss.

Claire knirschte mit den Zähnen. »Sarah? Was ist los?«

Neues Schnüffeln und Heulen, das aber leiser wurde, und schließlich konnte Sarah wieder sprechen. »Aber ich kann nicht.«

»Was kannst du nicht, Süße?«

»Ich kann nicht ausgehen.«

»Natürlich kannst du.«

»Ich kann nicht. Ich bin doch so fett.«

»Du bist nicht fett«, versicherte Claire ihr. In Wirklichkeit hatte Sarah ganz schön zugelegt. Endlose Partys und Premieren und die damit verbundenen kalorienreichen Häppchen und Cocktails hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Sie bewegte sich auf beängstigende Weise vom ›Mädchen nebenan‹ zu Herman Melville und seinem Moby Dick. Wenn es vor Weihnachten ein Fitness-Video von Sarah Riley geben sollte, musste etwas Drastisches geschehen.

»Doch, doch! Ich bin massig fett!«

Claire zuckte. Veronika jagte einzelne Härchen mit einer Pinzette. Die verdammte Frau war eine Sadistin. Claire wollte sie wegscheuchen, aber sie traute sich nicht. Es war nicht leicht, sich gegen eine verrückte ehemalige ukrainische Kugelstoßerin durchzusetzen, wenn es in ihrer Macht stand, dein zweitliebstes Organ auf schreckliche Weise zu beschädigen.

»Liebling«, gurrte sie beruhigend. »Du bist eine Frau. Du hast Kurven!«

»Ich bin eine fette Sau! Deshalb hat Kevin mich verlassen!«

»Du hast Kevin in die Wüste geschickt, weil er sich wie ein Idiot aufgeführt hat«, sagte Claire, damit der Ball wieder in Sarahs Spielfeld lag. Sarah würde zu gar nichts zustimmen, wenn sie sich wie ein Opfer fühlte. Dann würde sie wimmern, heulen, trinken und Schokolade essen. Das wusste Claire. Sie hatte die Frau fast den ganzen Sommer lang im Fernsehen verfolgt, um sie sich leichter als Klientin angeln zu können. »Und du bist keine fette Sau.«

»Ich will eine liposuction«, wimmerte Sarah.

Bingo. Hundert Punkte. Claire lächelte vor sich hin, trotz Veronika, die da unten immer noch zugange war. Mit liposuction meinte Sarah eine Operation, bei der das Fett abgesaugt wird. Es war wunderbar, wenn ihre Klienten von sich aus das wollten, was Claire für sie geplant hatte.

»Bist du sicher?«, fragte Claire. »Das ist eine ziemlich drastische Maßnahme. Ich bin nicht sicher, ob so etwas hier gemacht werden kann.«

»Ich will es aber! Mir sind die Kosten verdammt noch mal egal. Ich will diesem Bastard zeigen, dass ich viel besser aussehe als diese Schlampe, die er jetzt vögelt! Sofort will ich besser aussehen! Du bist doch meine verdammte Agentin, da kann ich das verlangen!«

»Sarah, Liebling, natürlich bin ich für dich da - und für alles, was mit deiner Karriere zu tun hat.«

»Alles fertig«, sagte Veronika abrupt und ließ Claires linkes Bein mit einem verächtlichen Ausdruck sinken.

Claire grinste sie sarkastisch an. »Weißt du, im Moment habe ich ziemlich viel zu tun …«

»Ho«, schnaufte Veronika.

»Ho?«, fragte Sarah.

»Aber ich glaube, wenn wir uns beeilen, könnten wir es schaffen … Ich kenne da eine Klinik am Stadtrand von Romford.« Claire schwang die Beine vom Tisch und betrachtete das Ergebnis des Wachsens. Oh, verdammt.

»Eine Klinik?« Sarah schluckte.

»Sehr diskret. Professionell. Nicht zu teuer. Ich kann nicht erwähnen, wer sonst noch da war, denn im Moment bin ich nicht allein, aber glaube mir, Liebling, das sind Promis der ersten Kategorie.«

Sarah jammerte. »Heu … heute Nachmittag?«

»Das muss sein«, sagte Claire entschlossen. Sie schaute auf die Wanduhr. Ihr lief die Zeit davon. Um vier traf sie Justin Vercoe (er stand nie vor zwei Uhr nachmittags auf), und es war ausgeschlossen, Tosh abzusagen. »Es wird nicht lange dauern. Nur ein Konsultationsgespräch.«

»Oh … ja, gut.«

»Ausgezeichnet. Es handelt sich um die Winstanley Klinik.« Sie ratterte die Adresse hinunter und starrte Veronika an. »Wir treffen uns da, Liebling.«

»Einen schönen Tag für Sie«, sagte Veronika mit ausdruckslosem Gesicht.

»So schön ein Tag sein kann mit einer Muschi wie ein erfrorenes Hühnchen«, schnarrte Claire, warf sich die Handtasche über die Schulter und musste ihr Höschen verrutschen, um die Stellen zu meiden, an denen der Stoff scheuerte.

Als Claire sie in der Klinik traf, hatte Sarah vom ständigen Heulen ein fleckiges Gesicht. Sie befand sich genau in der geistigen Verfassung, in der sie Claire brauchte, um den spektakulären Knüller zu erzielen, der die Titelseite garantieren würde.

Claire kannte ihren Job - schmeicheln, gut zureden, aufpäppeln, ihnen geben, was sie wollen, und sie dahin zu bringen, dass ...

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