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Seraphim

Inhaltsübersicht

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

Nachwort

Danksagung

Leseprobe aus "Cherubim"

Kein andrer Schmerz ist größer,
als zu gedenken an des Glückes Zeiten im Elend.

Dante, La Divina Commedia, 5. Gesang

Seine Augen, die vorher die himmlische Herrlichkeit
geschaut hatten, erloschen; seine Galle wurde
in Bitterkeit umgewandelt und die Schwarzgalle
in die Finsternis der Gottlosigkeit. So wurde der
Mensch ganz und gar in eine andere Existenz umgewandelt.
Da befiel ihn eine große Traurigkeit.

Hildegard von Bingen

Karte

1. Kapitel

Nürnberg, 1491 n. Chr.

Gespenstische Ruhe lag über dem Predigerkloster an der Burgstraße, und die Hitze des vergangenen Augusttages hockte noch immer auf den Dächern und zwischen den dicken Mauern. Die Nacht hatte keine Abkühlung gebracht, und sogar im Inneren der Klosterkirche, zwischen den schlanken Säulen der dreischiffigen Basilika, konnte man die drückende Schwüle der letzten Tage noch spüren.

Das erst vor wenigen Jahren neu erbaute Dormitorium, das sich zwischen dem östlichen Kreuzgang und dem Nordhof erstreckte, hallte nicht wie sonst vom Schnarchen der Mönche wider. In dieser Nacht war es erfüllt von der großen Unruhe, die die Klosterinsassen erfasst hatte. Ab und zu seufzte einer der Männer, während sich ein anderer auf der mit Schafswolle gefüllten Matratze hin und her warf. Es war keiner unter ihnen, dem die Ankunft von vier Inquisitoren an diesem Nachmittag entgangen war.

Gegen Mitternacht öffnete sich eine der Zellentüren. Für einen kurzen Moment rührte sich nichts, nur der Schein einer flackernden Kerze fiel auf den Gang. Dann erschien einer der Mönche. Mit aufgerissenen Augen warf er hastige Blicke den Korridor entlang, und als er sich allein wähnte, eilte er auf nackten Füßen davon. Das Licht seiner Kerze zuckte über die Bemalungen der hölzernen Zwischenwände, die das Dormitorium in Zellen unterteilten. Es riss Einzelheiten der Verzierungen aus der Finsternis. Der Sündenfall und die Schlange, auf deren Leib sonderbare, fast magisch anmutende Zeichen abgebildet waren. Moses, der mit hoch erhobenem Arm und herrischer Miene das Meer teilte. Daniel in einer Grube voller Löwen, deren Zähne in dunklem Rot glänzten.

Der Mönch verließ das Dormitorium durch eine niedrige Tür, durchquerte den Kreuzgang und öffnete dann eine versteckt liegende Pforte, die ihn auf den Nordhof und schließlich zu den im hinteren Teil der Klosteranlage befindlichen Latrinen führte. Der Kerzenschein störte eine Ratte bei ihrem Beutezug. Sie erhob sich auf die Hinterbeine, stieß ein wütendes Quieken aus und huschte dann am aus groben Steinen gemauerten Fundament des Abtritts entlang in die Finsternis.

Der Mönch schickte ihr einen leisen Fluch hinterher, schlug rasch ein Kreuz und verschwand in der Latrina. Nachdem er seiner Notdurft Abhilfe geschaffen hatte, machte er sich – langsamer nun – auf den Weg zurück in das Dormitorium. Auf dem Hof kam ihm eine Gestalt entgegen, und er blieb wie angewurzelt stehen.

»Wer ist da?«, fragte er mit zittriger Stimme.

»Ich bin es.« Ein Mann trat aus den Schatten in den helleren Lichtschein des Mondes. Er trug ein Gefäß, das er mit beiden Händen vor die Brust gepresst hatte. »Ich wurde geschickt, um für meinen Herrn Wasser zu holen.« Zu seiner Legitimation hob er den Krug ein Stück an.

»Ihr seid einer der Inquisitoren, nicht wahr?«, fragte der Mönch atemlos.

»Ja. Geh zurück in deine Zelle, Bruder! Ich werde es auch gleich tun. Gott behüte deinen Schlaf!« Der Inquisitor ließ den Mönch stehen und trat an den Brunnen.

Der Mönch zögerte kurz, dann setzte er seinen Weg fort. Diesmal warf er kurze Seitenblicke um sich, wenn seine Kerze die Bemalungen im Schlafhaus aufleuchten ließ, und einmal, als aus dem Dunkel unvermittelt die Hand auftauchte, die Belsazar mit flammender Schrift den Untergang prophezeite, fuhr er mit einem leisen Aufschrei zurück.

Es war dieser unterdrückte Schrei, der Johannes Schedel, den Bruder Infirmarius des Klosters, aus seinem von schweren Träumen geplagten Schlaf riss.

Mit klopfendem Herzen und geschlossenen Augen lauschte er, wie der Mönch auf dem Gang ein leises Gebet murmelte und dann auf nackten Sohlen an Johannes’ Zelle vorbeiging. Als eine Tür ins Schloss gedrückt wurde, seufzte Johannes erleichtert. Bruder Ezechiel musste in jeder Nacht einmal seine Zelle verlassen, um den Abtritt aufzusuchen. Kein Grund zur Beunruhigung.

Johannes öffnete die Augen. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, aber sein Herz beruhigte sich jetzt langsam. Er versuchte, sich den Traum ins Gedächtnis zurückzurufen, aus dem er soeben gerissen worden war, aber es gelang ihm nicht. Alles, an was er sich noch erinnerte, war ein vages Gefühl von Bedrohung, ein namenloser Schrecken, der in der Finsternis hinter ihm gelauert hatte.

Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und starrte gegen die Balken der Decke, an denen das Licht einer einzelnen Kerze, die er beim Zubettgehen hatte brennen lassen, zuckende Schatten warf. Zwei Fliegen krabbelten über das Holz, vollführten Kreise und Bögen, entfernten sich voneinander und trafen sich erneut, eine jede ihrer Bewegungen rasch und sicher und kopfunter. Eine uralte geheimnisvolle Schrift, die sie auf den Balken malten. Feines, flirrendes Leuchten umgab sie bei jeder ihrer Bewegungen.

Johannes blinzelte. Irgendwo in der Ferne schlug eine Glocke die Nachtstunde, doch es war noch Zeit bis zum Garaus, jenem Läuten, das den Aufgang der Sonne und damit den Beginn des Tages ankündigte.

Die Schatten in den Ecken und Winkeln der Zelle wollten näher rücken, drohten Johannes einzuhüllen. Seine Augen brannten. Er schloss sie und überließ sich den flimmernden Mustern aus Farben und Licht hinter seinen Lidern. Erst als er es nicht mehr aushielt, öffnete er die Augen wieder. Er war ein grüblerischer Mensch, und es kam häufig vor, dass er nächtens stundenlang wach lag und Probleme wälzte, die sich bei Tageslicht als völlig belanglos herausstellten. Heute hatte er allerdings wirklich etwas zum Nachdenken.

Die Inquisitoren.

Aus Italien waren sie gekommen, um mit Claudius von Kirchschlag, dem Prior des Klosters, über den Inhalt eines neuen Buches zu disputieren, das vor vier Jahren in den Druck gegangen war.

Johannes rieb sich mit dem Ärmel seiner Kutte über Gesicht und Hals. War Prior Claudius nicht nach dem Gespräch mit den vier Männern auffallend nachdenklich gewesen?

Ruckartig setzte Johannes sich auf. Ein Schrei hallte durch die Gänge und Gewölbe des Klosters: langgezogen und schrill. So voller Qual, dass er nichts Menschliches an sich hatte.

Johannes’ Brustkorb zog sich zusammen, als sei er unvermittelt in eisiges Wasser gefallen. Einen Lidschlag lang vertiefte sich die unheimliche Stille noch. Johannes bekam keine Luft mehr, und in seinen Ohren begann es zu klingeln.

Durch das Geräusch hindurch hörte er, wie die Türen der anderen Mönchszellen aufgerissen und auf dem Gang des Dormitoriums hastige Schritte laut wurden. Stimmen erklangen, besorgte Fragen und ängstliches Gemurmel mischten sich mit geflüsterten Klagen.

»Was war das?«

»Es kam aus dem Gästehaus!«

»Unheimlich, dieser Schrei, wie ein Ruf aus der Hölle!«

Johannes quälte sich auf die Beine. Seine Knie zitterten. Er musste sich an der Wand abstützen, um nicht zu taumeln. Wurde er etwa krank? Er durchforstete sein Gedächtnis. Gab es Fälle von Pest in der Gegend? Er wusste es nicht.

Tief holte er Luft, dann stieß er sich von der Wand ab und durchquerte seine Zelle. Mit jedem Schritt, den er tat, ging es ihm ein wenig besser, und als er die Hand nach dem Riegel ausstreckte, da hatte er sich wieder in der Gewalt. Er öffnete die Tür und trat auf den Gang hinaus.

Prior Claudius, ein hochgewachsener, drahtiger Mann mit schwarzen Haaren, die an den Schläfen zu ergrauen begannen, stand direkt vor ihm.

Das Gemurmel der anderen Brüder schmerzte in Johannes’ Ohren.

»Ruhe!«, befahl der Prior.

Die Mönche verstummten.

Johannes blickte der Reihe nach in ihre Mienen. Alle Männer waren bleich, und auf ein paar Gesichtern stand Schweiß; flackernde Augenpaare starrten Johannes an, als erwarteten sie von ihm eine Antwort auf all ihre Fragen.

»Wer hat da so furchtbar geschrien?«, murmelte er. Seine Zunge lag dick und aufgequollen in seinem Mund, unfähig, die Silben deutlich zu formen.

Neuerliches Gemurmel scholl ihm entgegen.

Prior Claudius beendete es mit einer harschen Handbewegung, die aussah wie ein Fausthieb. »Zum Gästehaus!«, befahl er. Seite an Seite mit einem der Mönche, einem kleingewachsenen, kugelrunden Mann namens Friedrich, lief Johannes hinter dem Prior und den anderen her, hinaus aus dem Dormitorium, den Kreuzgang entlang und vorbei an den dort aufgestellten Grabplatten von Männern, die schon vor Hunderten von Jahren gestorben waren. Dann eine hölzerne Treppe hinauf, auf der ihre Schritte dumpf hallten, und im oberen Stockwerk zurück ins Schlafhaus, in jenen Teil, in dem Gäste des Klosters untergebracht wurden.

»Ich habe die halbe Nacht wach gelegen, Ihr auch? Es herrscht eine seltsame Stimmung im Kloster, nicht wahr? Und wie unirdisch dieser Schrei geklungen hat! Ich sage Euch, da geht etwas nicht mit rechten Dingen zu«, plapperte Bruder Friedrich auf Johannes ein. »Habt Ihr mit angehört, worum es bei diesem Besuch geht? Im Kloster kursiert das Gerücht, dass Rom plant, neue Wege in der Hexenverfolgung zu gehen.« Es war deutlich, dass er versuchte, mit den Worten einen Schutzwall um sich zu errichten.

Aus den Augenwinkeln warf Johannes kurze Blicke in das Gesicht Bruder Friedrichs und fragte sich, ob er selbst ebenso blass und fahrig aussah wie dieser. Der Schwindel, der ihn nach dem Aufstehen ergriffen hatte, war jetzt fort, aber das Ohrenklingeln und das Brennen seiner Augen waren geblieben.

»Diese Schrift ...«, hob Bruder Friedrich erneut an, brach jedoch ab, denn in diesem Moment erklang der Schrei erneut, sehr viel lauter noch als beim ersten Mal, da sich nun keine Mauern und Wände mehr zwischen seinem Verursacher und den Mönchen befanden. Zitternd hing er in der Luft, wandelte sich von einem schmerzerfüllten Brüllen bis hin zu einem irrsinnigen Kreischen, das die Luft vibrieren und Johannes’ Herz stocken ließ.

Wie auf ein Zeichen blieben die Mönche stehen.

Johannes schlug das Kreuz. Er war nicht der Einzige.

»Barmherzige Maria, Mutter Gottes!«, hörte er jemanden flüstern.

Vor ihnen befand sich eine hohe, doppelflüglige Tür. Johannes wollte gerade den Mund öffnen, als etwas mit brutaler Wucht von innen dagegen krachte. Das Türblatt erzitterte in seinen Angeln, und Johannes wich einen Schritt zurück.

Wieder brach ihm der Schweiß am gesamten Leib aus. Die Gesichter seiner Mitbrüder verschwammen vor seinen Augen, und ganz kurz glaubte der Infirmarius hinter den bleichen Mienen verzerrte Fratzen zu entdecken, hohlwangige Masken, die ihn aus brennenden Augen anstarrten. Er blinzelte, und fort war die Vision.

Auf der anderen Seite der Tür war es still geworden. Eine der Fackeln, die in eisernen Haltern an der Wand steckten, zischte leise. Ihr Licht zuckte unruhig über die Wände, die man hier oben nur roh verputzt hatte.

Johannes holte tief Luft und ließ seinen Blick über die versammelte Menge der Mönche schweifen. »Helft mir!«, befahl er. Dann streckte er die Hand nach dem Türriegel aus.

»Ihr wollt doch nicht ...«

Er achtete nicht auf des Priors ungläubige Frage und öffnete stattdessen die Tür. Sie schwang ein kleines Stück nach innen und kam mit einem Ruck zum Stillstand. Ein säuerlicher Geruch lag in der Luft.

Urin. Einer der Gäste hatte einen bereits benutzten Nachttopf gegen die Tür geworfen. Die Scherben hatten sich unter dem Türblatt verkeilt, und Johannes musste seine ganze Kraft aufwenden, um sich Eintritt zu verschaffen. Mit einem zornigen Kreischen schrammte die Tonscherbe über den Steinfußboden.

Johannes erschauerte.

»Herr im Himmel!«, hörte er einen der jungen Mönche murmeln. Es war Guillelmus, sein Famulus, der ihm als Assistent in der Krankenstube des Klosters diente und gleichzeitig sein Schüler war.

Hinter der Tür war es finster.

Finster und totenstill.

»Heda!«, rief Johannes. Seine Stimme wollte ihm nicht recht gehorchen, auch wenn seine Zunge jetzt weniger dick schien als zuvor. »Hohe Herren?«

Er bekam keine Antwort. Und das weckte seine Neugier.

Bevor er es sich versah, hatte er einen Schritt über die Schwelle getan und streckte die Hand nach hinten aus. »Licht!«, befahl er.

Der Geruch von Urin brannte ihm in der Nase. Um ein Niesen zu unterdrücken, knetete er sich die Nasenflügel, und als er die Hand wieder sinken ließ, war da plötzlich ein ganz anderer, ihm sehr vertrauter Geruch.

Sein Nacken versteifte sich.

Jemand legte ihm eine Fackel in die Hand, und er zögerte. Dann hob er den Arm.

Und prallte zurück.

»Heilige Mutter Gottes!« Guillelmus wimmerte auf wie ein kleines Kind.

Johannes begann zu schwanken, doch er fing sich. Das Licht der Fackel riss Einzelheiten aus der Finsternis. Ein langer, leuchtend roter Streifen an der weißen Wand des Schlafsaales. Eine klaffende Wunde.

Und in diesem Moment drang der andere Geruch mit voller Wucht auf Johannes ein. Es war Blut.

Zur gleichen Zeit

Der Hall von Matthias’ Schritten brach sich in einiger Entfernung und wurde als Flüstern zu ihm zurückgeworfen.

Er blieb stehen, kratzte sich am Hinterkopf und lauschte. Außer seinem eigenen Atem und dem stetigen und unregelmäßigen Klicken, mit dem Wasser von den gemauerten Decken tropfte, war kein weiteres Geräusch zu vernehmen. Gut so.

Die Luft hier unten, in den Gängen unter der Stadt, war kühl und feucht. Hierhin drang die Hitze des Sommers niemals, selbst wenn über der Erde ein glühender Höllensturm losbrechen sollte: Hier würde nichts davon zu spüren sein. Matthias legte eine Hand gegen die Seitenwand des Stollens und ließ die steinerne Kälte in seine Haut eindringen. Ein Wassertropfen löste sich von einem Vorsprung über seinem Handgelenk, traf auf seinen Zeigefinger und rann daran herunter, bis er fast den Ärmel erreicht hatte. Er schüttelte ihn fort. Sein Hinterkopf juckte jetzt stärker. Ob er sich im Gedränge der Gaststube gestern Abend einen Floh geholt hatte?

Der Gang war schmal, aber hoch genug, um aufrecht darin zu gehen. Gewachsenes Felsgestein begrenzte ihn nach rechts und links, und an etlichen Stellen konnte man noch die Spuren der Werkzeuge erkennen, mit denen Männer vor vielen Jahren die Stollen gegraben hatten. Ab und an zweigte ein schmalerer Gang nach rechts oder links ab und verlor sich in der Finsternis. Steinplatten bildeten den Boden, und ein leises Glucksen verriet, dass unter ihnen Wasser floss.

Matthias lächelte. Dies war sein Reich: die Wasserleitungen Nürnbergs. In die Felsen unter den Straßen waren sie gebaut und versorgten die Brunnen der Sebaldus-Stadt mit frischem Quellwasser, das teilweise in hölzernen Rohren, teilweise aber auch in den offenen Rinnen der Felsengänge zu den Menschen geleitet wurde.

Im Licht einer Laterne, die er mit einem eigens dafür vorgesehenen Ledergeschirr an seiner Schulter befestigt hatte, ließ Matthias seinen Blick den langen, sanft abfallenden Gang entlangschweifen. Der Felsen der Wände ging hier in einen gemauerten Tunnel über, und ein Stück weiter hatte man die Wände roh verputzt. Das Muster, das die Oberfläche bildete, erinnerte an die Schuppen irgendeines riesigen, unter dem Burgberg schlafenden Tieres. Manchmal, wenn Matthias die Augen zusammenkniff, fiel es ihm leicht, sich vorzustellen, wie die Wände und Decken rings herum sich in langsamem Rhythmus hoben und senkten.

Er kicherte leise. Das Geräusch seiner Stimme verlor sich vor ihm, aber anders als vorhin wurde seine Stimme plötzlich um ein Vielfaches verstärkt zu ihm zurückgeworfen.

Matthias zuckte zusammen, und seine Faust krampfte sich um den Griff des kurzen Schwertes, das er an seiner Seite trug.

Das Echo ebbte ab, wurde abgelöst von unheimlichem Gelächter, hohl und schrill und beängstigend.

Matthias spürte, wie an seinem Hals ein Muskel zu beben begann. Dann hörte er ein anderes Geräusch. Ein Steinchen, das einige Handbreit den Gang hinunterkullerte. Vor Erleichterung sackten Matthias’ Schultern nach vorne. »Faro, du Schwachkopf!«, rief er. »Glaubst du allen Ernstes, dass ich auf deine uralten Späße reinfalle?«

»Uralte Späße?« Die Stimme, die ihm nun antwortete, war langgezogen, klang fast wie ein Heulen. »Warte, du Ungläubiger!« Und im selben Moment sprang eine Gestalt aus einem der schmalen Seitengänge hervor. Bevor Matthias reagieren konnte, war sie bei ihm und riss ihn beinahe von den Füßen.

Matthias taumelte einen Schritt rückwärts. Er drehte die Hüfte ein und wehrte auf diese Weise den Aufprall ab. Seine Faust schoss vor, traf Leder und klirrende Kettenglieder eines an der Brust gepanzerten Hemdes.

»Aber für einen Augenblick hast du geglaubt, ich sei der Röhrenteufel, gib es zu!« Lachend hob der Angreifer beide Arme.

Matthias schüttelte den Kopf. »Nein. Ich dachte eher, dass dir die Arbeit hier unten endgültig den Verstand geraubt hat.«

Faro ließ die Hände sinken, dann reichte er Matthias die Rechte. »Kann ja nicht jeder die Felsengänge so sehr lieben wie du. Mir jedenfalls ist es hier unten zu dunkel, zu kalt und auch zu feucht.«

Matthias schüttelte seinem Freund und Gefährten die Hand. »Langsam kann ich dein Gemaule nicht mehr hören, mein Lieber!«

Faro zog den Kopf ein, als ein Wassertropfen direkt auf seine Stirn fiel. »Manchmal verursachen die Gänge mir einfach ein ungutes Gefühl.«

»Musst die Arbeit ja nicht machen.«

Faro schnaubte. »Klar! Damit Verräter wie dieser Joachim Gunther noch leichteres Spiel haben, oder was?«

Joachim Gunther war einer der Gefangenen, die im Kerker unter dem Rathaus, dem sogenannten Loch, saßen und auf ihren Rechtstag warteten. Man warf ihm vor, für Friedrich, den Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, den Eingang zu einem der unterirdischen Felsengänge ausspioniert zu haben. Da diese alten Felsengänge zum Teil außerhalb der Stadtmauern begannen, boten sie für Feinde ideale Möglichkeiten, heimlich bis in das Herz der Stadt vorzudringen. Friedrich, der für seinen ausschweifenden Lebensstil bekannt war, hatte offenbar geplant, die Nürnberger Burg unter seine Kontrolle zu bringen – und damit jenen Einfluss über die reiche Stadt zurückzuerlangen, den das Geschlecht der Zollern einst dem Stadtrat verkauft hatte.

Gunther war von einem der vom Stadtrat vereidigten Röhrenmeister gefasst worden, als er die Stollen erkundete.

Matthias sah sich um. »Woher kommst du?«

Faro deutete zu der schmalen Abzweigung, hinter deren Ecke er sich eben versteckt hatte. »Aus Richtung Süden. Ich wollte zur Burg hoch.«

»Mein Weg.« Matthias wies den abschüssigen Gang entlang. Auf einmal überkam ihn ein vages Gefühl von Enge. Warum fühlte er sich plötzlich unbehaglich? Er warf Faro einen kurzen Blick zu und war froh, den Freund an seiner Seite zu haben.

»Zum Lochgefängnis runter?«, fragte Faro. »Dann hast du den Abschnitt zwischen Burg und hier heute schon kontrolliert?«

Matthias nickte.

Zu seiner Erleichterung grinste Faro. »Dann würde ich sagen, ich spare mir den Weg. Bist du heute wieder mit Sebald verabredet?«

»Natürlich.«

»Und hat er noch immer dieses Fass mit Heidelbeerwein vom letzten Herbst?«

Jetzt lächelte Matthias. »Was glaubst du?«

Faro schlug ihm auf den Rücken. »Ich glaube, ich werde dich begleiten, mein Lieber!«

Nachdem sie eine Weile über Joachim Gunther und seinen Verrat geredet hatten, hatte Matthias das Bedürfnis, das Thema zu wechseln. »Diese Kerle, die gestern bei den Predigern in der Burgstraße eingetroffen sind«, sagte er, »weißt du, wer sie sind?«

Faro zuckte die Achseln. »Inquisitoren. Mehr weiß ich auch nicht.«

»Das ganze Viertel redet über sie.«

Faro grunzte. »Na und?« Er hatte weiche Züge, die um die Kinnpartie bereits ein wenig erschlafften.

»Ich meine ja nur! Inquisitoren in Nürnberg, und das so kurz nachdem König Maximilian den Reichstag beendet hat. In der Stadt sind noch überall Spuren der hohen Herren zu sehen. Und jetzt Inquisitoren! Ich frage mich, ob die Bürger je zur Ruhe kommen.« Matthias überlegte einen Moment. »Ich habe munkeln gehört, dass eine der Wäscherinnen von der Heubrücke vom Teufel besessen sein soll«, fügte er hinzu.

Es gab in der Stadt immer wieder einmal Fälle von Besessenheit, das war nichts Besonderes, und wie Matthias schon erwartet hatte, winkte Faro ab. »Wahrscheinlich hat eine ihrer Nachbarinnen sie sogar um Mitternacht mit dem Besen aus dem Schornstein fliegen sehen, was?«

Faros Worte verstärkten das Unbehagen in Matthias’ Brust. Er musste sich zusammennehmen, um sich nicht alle paar Augenblicke ängstlich umzusehen. »Im Viertel am Spittlertor sind Streitschriften aufgetaucht, diese Dinger, du weißt schon, die sie auf ihren Druckerpressen neuerdings zu Hunderten herstellen können. Irgendwelche Auszüge aus einem neuen Buch standen darauf, das zwei Dominikaner geschrieben haben sollen. Ich habe nicht alles verstanden, aber im Kern ging es darin wohl um die Frage, ob es ketzerisch ist, an Hexen und Dämonen zu glauben.«

»Ach!« Faro wischte sich mit der flachen Hand über das Gesicht. »Kirchengeschwätz! Einmal behaupten sie, es sei nicht gut katholisch, an Zauberei zu glauben, weil es gegen Gottes Plan von der Welt sei. Dann wieder sagen sie, dass«, er hob das Kinn und blickte an die Decke, dann zitierte er mit verstellter Stimme: »Hexerei und Zauberkünste bisweilen unter heimlicher Zulassung von Gottes gerechtem Urteile und unter Beihilfe des Satans möglich sind.«

Matthias musste lachen, denn Faros Nachahmung der einfältigen Stimme eines Priesters von St. Sebald gelang beinahe perfekt. Rasch wurde er jedoch wieder ernst. »Mich macht es irgendwie unruhig, dieses ganze Gerede von Dämonen.« Vielleicht war das der Grund für sein Unbehagen? Es war wohl besser, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

Zu seiner Erleichterung schien Faro das Gleiche zu denken. Er reckte sich und fuhr sich über die Kehle. »Bei den blinden Augen meiner alten Mutter«, brummelte er. »Hast du auch so einen Durst wie ich?«

Matthias feixte. »Nein. Du hättest gestern eben nicht so viel von Judiths Selbstgebranntem trinken sollen!«

Der Gang, in dem sie sich jetzt befanden, war breiter als die anderen. Ein kurzes Stück voraus machte der Weg eine Biegung. Wie an zwei oder drei anderen Stellen auch, hatten die Röhrenmeister hier eine der Steinplatten herausgehoben, um die Möglichkeit zu haben, in den langen Gängen ihren Durst zu löschen, ohne dafür eine schwere Wasserflasche mit sich tragen zu müssen.

Faro überwand die Lücke mit einem kurzen Sprung und blieb stehen. Er sank auf ein Knie und schöpfte eine Handvoll Wasser aus der Rinne. Dann trank er ein paar Schlucke, verzog das Gesicht und wischte sich ein paar Tropfen vom Kinn. »Schmeckt wie aus einem Sumpfloch!«

Matthias verzog das Gesicht. Aber der Anblick Faros hatte auch bei ihm Durst wachgerufen, und so trank er ebenfalls. Faro hatte recht, das Wasser schmeckte übel. Sie standen wieder auf, klopften sich den Schmutz von den Knien und setzten ihren Rundgang fort.

Diesmal begann Faro das Gespräch von Neuem. »Wie geht es Katharina?«, fragte er so beiläufig wie möglich.

Matthias warf ihm einen Seitenblick zu. »Gut soweit.« Katharina war seine Halbschwester. Sie und er hatten den gleichen Vater. Es war noch nicht sehr lange her, dass Katharinas Ehemann Egbert Nürnberg verlassen hatte und in der Fremde umgekommen war.

Faro nickte bedächtig. Vor ein paar Wochen hatte er begonnen, immer häufiger von ihr zu reden, und Matthias wusste, dass er sie schon als seine Verlobte ansah, auch wenn er es bisher noch kaum gewagt hatte, um sie zu werben. »Lebt sie noch immer in dem Haus nahe der Kartäusergasse?«

»Natürlich.« Matthias löste einen Schlüsselbund vom Gürtel. Sie waren inzwischen ganz in der Nähe des Lochgefängnisses, wo sie ihren Kontrollgang beenden wollten.

Faro hob die Schultern. »Ich könnte mir vorstellen, dass das Vermögen, das Egbert ihr hinterlassen hat, bald aufgebraucht sein wird.«

Jetzt blieb Matthias stehen. »Wenn du um ihre Hand anhalten willst«, sagte er, »dann rede mit ihr. Ich bin nur ihr Bruder.«

»Eben.« Faro zwirbelte eine Locke um den Zeigefinger. »Und euer Vater ist tot, wenn ich mich richtig erinnere.«

Womit die Vormundschaft über Katharina, rechtlich gesehen, auf Matthias übergegangen war. Nur, dass Katharina eine Frau war, die sich einen Dreck um etwas für sie so Lästiges wie einen Vormund scherte.

»Du kennst Katharina«, sagte Matthias. »Sie hört nicht mehr auf mich, seit wir beide den Windeln entwachsen sind. Glaubst du, sie würde es ausgerechnet tun, wenn es um die Frage geht, ob sie wieder heiraten soll?« Während er sprach, wandte er den Kopf und blickte in die Tiefe des Ganges hinter ihnen. Jetzt hob er eine Hand, brachte Faro damit zum Schweigen und griff nach seinem Schwert. Mit einer langsamen Bewegung tat es ihm Faro gleich, den Blick fragend auf seinen Freund gerichtet.

Der Gang hatte angefangen zu atmen! In langsamem, aber stetigem Rhythmus zogen sich die Felsen zusammen und weiteten sich wieder. Matthias’ Mund wurde trocken. Auf einmal fühlte er sich eingeschnürt. Bedroht. In seinen Ohren summte es. Der Boden unter seinen Füßen bebte.

Er zwang sich weiterzugehen, bis er vor einer eisenbeschlagenen Tür stand. Mühsam nur bekam er den Schlüssel ins Schloss, doch als er ihn herumdrehen wollte, erstarrte er mitten in der Bewegung. Er senkte den Kopf, ließ den Schlüssel los. Seine Hand krampfte sich um den Schwertgriff. Sein Oberkörper begann leicht hin- und herzuschwanken.

Faro blinzelte und wedelte vor seinen Augen umher, als müsse er lästige Fliegen verjagen. »Was zum ...«

Er unterbrach sich, denn jetzt waren hinter ihnen deutlich Schritte zu hören. Seite an Seite drehten sie sich um.

»Ist da wer?« Matthias’ Stimme trug weit in den Gängen, und sie brach sich an den rauen Wänden, so dass sie als vielfaches Echo zu ihnen zurückgetragen wurde.

Die Schritte verstummten.

Matthias schloss die Tür auf, doch kaum hatte er sie einen Fingerbreit aufgezogen, erschollen die Schritte erneut.

»Gebt Euch zu erkennen!« Matthias’ Zunge wollte ihm nicht richtig gehorchen, sein Befehl klang, als habe er den Mund voller Sägemehl. Wieder schwankte er, und diesmal musste er sich an der Wand Halt verschaffen. Er zog Luft durch die Zähne.

»Matthias?«

Faros Stimme drang wie aus weiter Ferne an sein Ohr, doch im nächsten Moment rückte die gesamte Welt dicht an ihn heran. Schlagartig bekam er keine Luft mehr. Das Blut rauschte in seinem Kopf, nur mit Mühe konnte er das Flüstern verstehen, das Faro über die Lippen presste.

»Was, bei allen Heiligen, ist das?«

Er wandte sich um, ihn schwindelte. Dann riss er die Augen auf. Im Gang vor ihm stand eine Gestalt, hochaufgerichtet, lichtumflossen. Blendend weiße Flügel bauschten sich im Luftzug, und glühende Augen richteten den Blick direkt in sein Gesicht.

* * *

Johannes Schedel hob die Fackel höher. Ohne dass er es wollte, formten seine Lippen Wort um Wort ein Gebet.

Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde ...

»... unseres Todes!« Die letzten beiden Worte schrie er heraus. Dann prallte er mit der Schulter gegen den Türrahmen.

Hände griffen nach ihm, hielten ihn aufrecht, so dass sich jede Einzelheit in seinen Geist brennen konnte.

Der rote Streifen an der Wand: Blut. Frisches Blut. Der Mann darunter: die Beine verdreht und gespreizt, als habe er weglaufen wollen und sei mitten in der Bewegung niedergestreckt worden. Ein tiefer Schnitt in seiner Kehle, und dann dieser Ausdruck auf dem Gesicht des Toten. Die Augen so weit aufgerissen, dass sie aus den Höhlen quollen, der Mund ein riesiges Loch.

»Da ist noch einer!«

Johannes wollte den Kopf wenden, doch es ging nicht. Tief holte er Luft, und das half ihm, seine Selbstbeherrschung zurückzuerlangen.

Auf einem der Betten rechts von dem Toten lag ein zweiter, ähnlich zugerichtet wie der erste. Diesem war der Tod nicht in die Kehle, sondern in den Leib gefahren und hatte ihn aufgeschlitzt. Noch im Sterben waren seine Hände auf die Wunde gepresst, und zwischen all dem düsteren Rot sah seine Haut milchweiß und rein aus.

Johannes stützte sich auf die Hände, die ihn hielten. Er sog so viel Luft in die Lungen, wie er konnte, und die Vorstellung, dass er etwas einatmete, was die Sterbenden in ihren letzten Zügen von sich gegeben hatten, ließ ihn würgen. Dann machte er sich los. Ging ein paar Schritte in den Gästetrakt hinein.

Zu viert waren sie gewesen.

Er sah sich suchend um.

Der dritte Tote lag hinter einem der schmalen Betten, halb unter dem herabgerissenen Laken verborgen, in das er sich verkrallt hatte. Das weiße Leinen verdeckte gnädig seine Wunden, nur ein feiner Sprühregen, der darauf niedergegangen war und es mit unzähligen roten Punkten benetzt hatte, sprach eine deutliche Sprache.

Johannes drehte sich einmal um die eigene Achse. Vier Mann. Wo ...?

Der Anblick all des Blutes, das gegen die Wände und die Decke gespritzt war, das Kissen und Decken durchtränkte und den Fußboden bedeckte, ließ ihn aufstöhnen. Er zwang sich zur Besonnenheit.

Vier Männer ...

Die Mönche auf dem Gang waren in stummem Entsetzen erstarrt. Alles, was Johannes hören konnte, war das leise Schluchzen eines der Jüngeren. Guillelmus, vermutete er.

»Scht!«, machte jemand. Guillelmus verstummte.

Es wurde still. So grauenvoll still, dass man das leise Geräusch hören konnte, mit dem Blutstropfen um Blutstropfen aus der Leiche des zweiten Inquisitors auf den Boden auftraf.

In diesem Moment erklang eine Stimme.

»Nun geschah es eines Tages, da kamen die Gottessöhne, um vor den Herrn hinzutreten. Unter ihnen kam auch der Satan.«

»O mein Gott«, wimmerte jemand. »Das ist aus dem Buch Hiob!«

Johannes hatte die Worte längst selbst erkannt. Er schob die Zunge zwischen die Zähne und biss darauf. Der Schmerz wappnete ihn. Dann hob er die Fackel höher, die er beim Anblick all der Gräuel hatte sinken lassen, und leuchtete in den Winkel hinter dem letzten Bett.

Ein bleiches, schweißüberströmtes Gesicht starrte zu ihm auf. Dunkle Augen flackerten in unheimlichem Feuer, und aufgesprungene Lippen formten Wort um Wort, von denen keines mehr zu verstehen war. Der vierte Inquisitor war am Leben. Jetzt richtete er sich auf, bis er vor Johannes kniete, die Arme in die Höhe gereckt, den Kopf in den Nacken geworfen. Als sein Blick den des Infirmarius traf, ließ er die Rechte sinken.

In ihr lag der Griff eines blutigen Messers, und noch während der Mann Johannes mit verzerrtem Gesicht anstarrte, wich das Feuer aus seinen Augen. Er verkrampfte die Hände zu Fäusten. Dann brach er leblos zusammen.

Die Messerklinge traf klirrend auf dem Boden auf.

Plötzlich war jemand neben Johannes. Der Prior.

»Was ist das für ein Wahn?«, flüsterte er. »Was bringt einen Mann dazu, so etwas zu tun?«

Das Wort Wahn brachte Unruhe in die Menge der Mönche vor der Tür. Johannes konnte hören, wie Füße zu scharren begannen. Jemand flüsterte: »Der Teufel! Er muss besessen sein, nicht wahr, Bruder Infirmarius?«

Er schüttelte den Kopf. Es fiel ihm schwer; sein gesamter Körper fühlte sich an, als sei er von einer grässlichen Lähmung befallen worden. Zweimal musste er schlucken, bevor er eine Antwort geben konnte. »Nicht jeder Wahn wird von Dämonen ausgelöst.«

»Sondern?« Prior Claudius sah ihn fragend an.

Er betrachtete seine eigene Hand. Der Schweiß, den er sich kurz nach dem Aufwachen abgewischt hatte, war wieder da. Er richtete den Blick auf das ebenfalls schweißüberströmte Gesicht des letzten Inquisitors.

»Keine Dämonen«, wiederholte er leise. »Ich fürchte, dies hier ist viel schlimmer!«

2. Kapitel

Fingernägel krallten sich in Katharinas Oberarm, und sie blieb wie erstarrt stehen.

Ihr Herz vollführte einen Sprung, dann schlug es mit doppelter Geschwindigkeit weiter. Betont langsam wandte sie sich um und blickte in ein schmutziges Gesicht mit schweren Lidern und brennenden Augen.

Vor Erleichterung sank sie in sich zusammen: nur ein Bettler.

Kein Stadtbüttel!

So unauffällig wie möglich atmete Katharina die warme Augustluft ein, dann hob sie das Kinn und kniff die Augen zusammen. Zwei Marktfrauen, die auf dem Platz vor dem Weißen Turm ihre Körbe aufgebaut hatten und dort Gemüse und Eier verkauften, waren bereits aufmerksam geworden und starrten mit neugierigen Blicken zu ihr herüber.

»Hab ich Euch!« Der Mann, der nach Katharinas Arm gegriffen hatte, grinste breit und blöde und entblößte dabei Zähne, die in seinem vor Schmutz starrenden Gesicht auffällig weiß leuchteten. Katharina presste die Kiefer zusammen. Manche der ihr anvertrauten kranken Frauen hätten ihre rechte Hand gegeben für solche Zähne! Sie verspürte einen Anflug von Neid. Ihr fehlte bereits ein Backenzahn, was man aber zum Glück nur sah, wenn sie gähnte.

Behutsam griff sie nach der Hand des Bettlers und löste einen seiner Finger nach dem anderen aus ihrem Fleisch.

Gestank stieg von ihm auf, so streng, dass er ein Kratzen in ihrem Hals verursachte. Kot und Urin.

Seine Augen weiteten sich. »Anna?«, lallte er. Es klang wie ein Wimmern, erschrocken und enttäuscht, als sei er ein kleiner Junge und sie habe ihm eben sein Spielzeug fortgenommen. »Mama?«, fügte er an.

Katharinas Maske der hochmütigen Bürgersfrau fiel von ihr ab. Sie brachte es nicht fertig, seine Finger loszulassen. Als sie sah, wie sich die Miene des Mannes verzog, wie er jeden Anflug von Erwachsensein verlor und plötzlich auch äußerlich zu dem Kind wurde, das er im Geist geblieben war, tat es ihr in der Seele weh. Nur mit Mühe wahrte sie den Schein. Sie durfte nicht auffallen!

Die schmalen Schultern des Bettlers sanken vornüber, sein Kinn wanderte auf die Brust. Noch einmal blickte er hoch, und da glitzerten Tränen in seinen langen, dunklen Wimpern. »Willst du nicht mehr mit mir Fangen spielen, Anna?«, flüsterte er. Sein zerschlissenes Hemd enthüllte eine eingefallene Brust und hervorstechende Rippen.

Katharina schluckte.

Die beiden Marktfrauen hatten die Köpfe zusammengesteckt und tuschelten leise. Immer wieder warfen sie dabei giftige Blicke in die Richtung des Irren. Eine von ihnen wies die Straße hinunter, und erneut durchfuhr ein Schreck Katharina. Zwei Büttel näherten sich der Ecke, an der der Bettler Katharina aufgehalten hatte.

Sie musste hier weg!

»Es tut mir leid«, sagte sie und strich dem Mann über den Handrücken. Aus den Augenwinkeln sah sie die Büttel auf die Marktfrauen zugehen, sah sie stehenbleiben und mit ihnen reden. Da endlich ließ sie die Hand des Bettlers fahren.

Sie wollte gerade in einer der engeren Seitengassen untertauchen, als ein Ruf sie auf der Stelle festnagelte.

»Heda! Frau!« Es war einer der Büttel.

Katharina blieb stehen. Das Herz flatterte ihr jetzt im Brustkorb wie ein Vogel, den es nach Freiheit verlangte. Als sie sich umdrehte, um den Männern entgegenzutreten, war ihr schlecht. Nur mit Mühe gelang es ihr, eine freundliche Miene aufzusetzen und die beiden anzulächeln. Der schwarze Schleier, den sie zum Zeichen ihrer Witwenschaft über den Haaren trug, war ein wenig verrutscht, und sie zog ihn höher, so dass die Männer nur noch wenige ihrer blonden Haarsträhnen zu sehen bekamen.

»Ja?«, fragte sie, und ihre Stimme kippte beinahe dabei. »Was ist denn?« Sie hielt den Blick geradeaus gerichtet, direkt in die Gesichter der beiden. Hagere Züge mit schiefen Zähnen und aufgeworfenen Lippen und ein runder Kopf, von dem die blonden Haare wirr abstanden und durch den Helm nur unzureichend gebändigt wurden.

Diesen Männern war sie noch nie zuvor begegnet, also hatte sie vielleicht doch die Möglichkeit, ihr Spiel aufrechtzuerhalten. Ihnen zu entkommen ...

Auf keinen Fall Demut zeigen, mahnte Katharina sich.

Der Büttel wies mit dem Daumen über seine Schulter auf den Irren, der mit leerem Blick den Oberkörper vor- und zurückwiegte. »Hat er Euch belästigt?«

Das Haus, vor dem sie standen, hatte ein hölzernes Vordach, das weit über die Gasse hinausragte und einen wohltuenden Schatten auf die bereits zu dieser frühen Stunde von der Sonne erhitzten Pflastersteine warf. In diesem Schatten hatte sich der Irre zusammengekauert, als könne er sich dadurch unsichtbar machen.

Katharina richtete den Blick auf ihn. Sein Hemd entblößte eine schiefe, knochige Schulter, und sie sah, dass er sich einmal das Schlüsselbein gebrochen hatte.

Sie hatte das Bedürfnis, draufloszuplappern, den Bütteln wortreich zu versichern, dass nichts gewesen war, dass der Bettler sie überhaupt nicht belästigt habe. Sie beherrschte sich. Einige Lidschläge lang betrachtete sie das Häufchen aus Elend, Lumpen und Dreck, als müsse sie über die Frage des Büttels nachdenken. Dabei rückte sie ihre Schaube zurecht, so dass ihr Gegenüber nicht anders konnte, als den Pelzbesatz an ihrem Kragen zu bemerken. Nur reiche Bürger trugen auch im Sommer Pelz. Sie war eine ehrbare Nürnberger Frau. Sie musste es nur selbst glauben, dann würde man es ihr auch abnehmen!

»Der arme Irre?« Sie lachte leise, froh darüber, dass sie ihre Stimme jetzt wieder unter Kontrolle hatte. »Er kann mich gar nicht belästigen. So einen wie den übersehe ich einfach.« Sie lauschte ihren eigenen Worten nach und fühlte den Schmerz, den sie tief in ihrem Inneren verursachten.

Wie sie es hasste, sich immerzu verstellen zu müssen!

Der Büttel mit den schiefen Zähnen wandte den Kopf und musterte den Bettler. Katharina ballte die Hände zu Fäusten und lächelte weiter. Endlich nickte der Mann. »Dann ist es ja gut.« Er tippte sich grüßend an die Stirn, gab seinem Begleiter einen knappen Befehl und stiefelte schließlich davon.

Katharina schloss erleichtert die Augen, riss sie aber sofort wieder auf, als hinter ihr schon wieder eine Stimme ertönte. »Ihr hättet den Kerl festnehmen lassen sollen!«

Es war eine der beiden Marktfrauen, jene mit dem Eierkorb, ein kräftiges Weib mit von der Sonne dunkelbraun gebranntem Gesicht, in dem eine breite Nase und ein dünnlippiger, missgünstiger Mund saßen.

Bevor Katharina sich darüber klar wurde, was sie tat, wich sie einen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände. Sie schluckte. Hatte sie sich jetzt verraten?

Zu ihrer Erleichterung jedoch missverstand die Marktfrau ihre Geste. Ein verständnisvolles Glitzern trat in ihre Augen. »Er hat Euch ganz schön erschreckt, nicht wahr? Ihr seid viel zu gutmütig gewesen, das ist Euch klar oder?«

Katharina wusste, dass es das Beste war, ihre Maske der hochmütigen Patrizierin aufrechtzuerhalten. »Die einzige, die mich wirklich erschreckt hat, das seid Ihr«, zischte sie die Frau an. Schlagartig wichen aus deren Blick alles Verständnis und alle Freundlichkeit.

»Ich mein’ ja nur!«, murmelte sie und kehrte zu ihrer Nachbarin zurück. Über die noch fast vollen Körbe hinweg steckten die beiden Frauen erneut die Köpfe zusammen. Diesmal hatten ihre giftigen Blicke Katharina zum Ziel.

Sie wehrte sich gegen das Gefühl der Verzweiflung, das sie zu überkommen drohte, zog den Kragen ihrer Schaube fester um den Hals und machte, dass sie davonkam.

Überall in der Stadt waren noch Spuren des soeben beendeten Reichstags zu sehen, den König Maximilian in Vertretung seines kranken Vaters geleitet und der mehr als fünf Monate gedauert hatte.

Katharina ließ den Weißen Turm hinter sich, durchquerte eine schmale Gasse, deren Häuser allesamt mit dem Rücken an die alte Stadtbefestigung gebaut worden waren, die man nach dem Bau der neuen Stadtmauer aufgegeben hatte. Vorbei an dem stattlichen Eckhaus des Roten Ochsen, dessen sechs Stockwerke im Licht der Morgensonne glänzten. An seinem Dachfirst war eine Handvoll Handwerker damit beschäftigt, neue Reiter aufzusetzen, die das Gebäude noch imposanter erscheinen lassen sollten, als es ohnehin schon wirkte. Katharina schenkte den in schwindelnder Höhe arbeitenden Männern nur einen kurzen Blick. Wie gewöhnlich hielt sie kurz an einem Apfelbaum ganz in der Nähe an, um die Hand an seine Rinde zu legen. Der Baum stand wie ein einsamer Wächter mitten auf einem kleinen Platz und erinnerte daran, dass noch vor gar nicht allzu langer Zeit an dieser Stelle Gärten und Wiesen gewesen waren. Warum er bei der Erweiterung der Stadtgrenzen nicht wie seine Kameraden gefällt worden war, wusste niemand mehr, aber an Tagen wie diesem war er ein willkommener Ruheplatz für die alten Leute des Viertels.

Ihr Weg führte sie jetzt in schrägem Winkel auf die neue Stadtmauer zu, deren hölzernen Wehrgang man zu Ehren des Königs und anderer hoher Würdenträger in leuchtendem Rot und Weiß bemalt hatte. Als Katharina einen gemauerten Ziehbrunnen passierte, konnte sie die Soldaten auf den Wehranlagen patrouillieren sehen. Die Stadtmauer machte hier einen Knick, und Katharina musste ebenfalls ihre Richtung ändern, denn die Häuser waren an dieser Stelle bis an die Mauern herangebaut und gewährten keinerlei Durchgang. So lenkte Katharina ihre Schritte tiefer ins Innere der Stadt. Sie überquerte zwei Gassen, in denen die Häuser schmal und eng gestaffelt standen und mit ihren Toreinfahrten erkennen ließen, dass hier hauptsächlich Händler wohnten. Ein halbes Dutzend Mühlräder erfüllte die Luft mit Knarren und Quietschen. Katharina bog noch einmal nach rechts ab und erreichte schließlich die Pegnitz, den Fluss, der die Stadt in zwei fast gleich große Teile zerschnitt. Sie überquerte ihn auf einer breiten steinernen Brücke, an deren Geländer noch immer Reste der bunten Wimpel hingen, mit denen man zu Maximilians Auszug vor ein paar Tagen die ganze Stadt geschmückt hatte.

Ganz kurz nur warf sie einen Blick nach rechts, wo sich in knapper Entfernung eine überdachte und mit Fachwerk verkleidete Brücke über den Fluss spannte, die in einem ebenfalls holzverkleideten Turm mit spitzem Dach endete. Der Henkersteg.

Eilig ließ Katharina ihn hinter sich.

Sie befand sich jetzt in den älteren Teilen Nürnbergs, der sogenannten Sebalder Stadt. Von hier aus erreichte sie die Kirche, die dem Viertel seinen Namen gegeben hatte. Auch ihr schenkte sie keinen zweiten Blick.

Ihr Ziel lag in der Krämersgasse, ganz in der Nähe des Predigerklosters. Es war ein dreistöckiges Haus mit gemauertem Fundament und schwarzen Fachwerkbalken, die sich unter der Traufe in einem filigranen Muster mit den Dachbalken verbanden. Ein Hausstein mit sieben Stufen führte zu der doppelflügligen Haustür hinauf, doch Katharina ging daran vorbei.

Sie sah sich einmal kurz nach allen Seiten um, bevor sie in einem Gässchen rechts des Hauses verschwand und ihm bis auf einen Hinterhof folgte. Hier befand sich ein weiterer Eingang, niedriger als der vordere und weniger prächtig. Ein Scheuereimer und ein Schrubber standen auf dem Hausstein, über dem eisernen Treppengeländer hing ein Teppich zum Lüften.

Katharina erklomm die Stufen, zögerte einen Moment und klopfte dann an.

Die Tür wurde so rasch geöffnet, als habe man nur auf Katharinas Erscheinen gewartet. Ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen und tiefblauen Augen erschien in dem Spalt zwischen Türblatt und Rahmen.

»Edith!« Katharina lächelte das Dienstmädchen an. »Deine Herrin hat mich rufen lassen.«

Auf Ediths Gesicht lag ein geringschätziger Ausdruck. »Ich weiß. Kommt rein.«

Die Tür schwang ein kleines Stück auf, gerade so weit, dass Katharina sich hindurchzwängen konnte. Edith war einen ganzen Kopf kleiner als sie, obwohl ihr dichtes blondes Haar zu einer für ein Dienstmädchen unziemlich hohen Frisur aufgetürmt worden war. Bettine Hoger, die Herrin des Hauses, liebte es, ihre Dienstmädchen zu kämmen und zu frisieren, als seien sie ihre erwachsenen Töchter.

Ohne ein weiteres Wort führte Edith Katharina durch einen mit weißen und schwarzen Fliesen ausgelegten Gang, dann durch eine Tür, die in den vorderen Teil des Hauses führte. Hier lagen Teppiche auf dunkelroten Holzdielen, und Dutzende von Familienportraits zierten die weißgetünchten Wände. Peter Hoger, Bettines Mann, war ein angesehener Nürnberger Handwerker, ein Messingschläger, der sich durch Fleiß und Geschick ein Vermögen erwirtschaftet hatte. Es war ansehnlich genug, ihn zu einem Genannten des Großen Rates zu machen, zu einem Mitglied jenes mehrere Hundert Männer zählenden Kollegiums, das beim Erlassen von Gesetzen und Verordnungen mitwirken durfte.

Das unverschämte Schweigen Ediths bereitete Katharina Unbehagen. »Warum braucht deine Herrin meine Hilfe?«, fragte sie, um eine möglichst ruhige Stimme bemüht. Edith sollte auf keinen Fall merken, dass sie Angst hatte. Angst, bei dem, was sie hier tat, erwischt zu werden.

Das Dienstmädchen zuckte die Achseln. Ein feiner Stich fuhr Katharina durch das Herz. Früher hätte sie ein solches Verhalten nicht durchgehen lassen, doch heute ... Energisch schob sie den Gedanken von sich, denn zu schmerzhaft war das, zu dem er sie führen würde. Ihre Kehle wurde eng, und sie atmete gegen den Widerstand an, der sich um ihren Brustkorb legen wollte wie ein Band aus Blei. Wie sehr sie sich doch nach früher sehnte, nach einer Zeit, in der sie keine Angst vor Entdeckung hatte haben müssen. In der sie eine angesehene Bürgersfrau gewesen war. Doch das war in einem anderen Leben gewesen. Weit entfernt von Nürnberg.

Zu ihrer Erleichterung erreichten sie endlich Bettines Gemach, und als Edith anklopfte, wich Katharinas Beklemmung ein Stück weit zurück.

»Katharina!« Die Stimme von Bettine klang matt, beinahe zu Tode erschöpft, und Katharina wusste im selben Moment, was sie erwartete. Sie wappnete sich und folgte Edith in das düstere Zimmer.

»Frau Bettine!« Sie zwang ein Lächeln auf ihre Lippen.

Bettine Hoger lag in einem großen Bett, mit einer dicken gesteppten Decke bis unter das Kinn zugedeckt und von einem Berg an Kissen umgeben, die ihre Gestalt aussehen ließen, als sei sie in einem Schneesturm verlorengegangen. Auf dem Nachtkästchen stand eine glänzende Messingschale, in der Kirschen und Granatäpfel lagen, und daneben brannte eine einzelne Kerze und verbreitete flackerndes Licht. Eine Handvoll Fläschchen mit Medizin stand herum, einige davon waren leer.

Katharina trat an das Bett. Es war aus dunklem geschnitzten Holz und mit einem Baldachin versehen, der vor lauter wallenden Bahnen aus dickem blauen Samt schier zusammenzubrechen drohte. Wie auch ihr Mann kam Bettine Hoger aus einfachen Verhältnissen und hatte es nie gelernt, mit ihrem Reichtum Maß zu halten. Katharinas Blick streifte die silbernen Kordeln, die den Baldachin an den Bettpfosten festhielten. Früher hätte sie selbst ein solches Bett haben können. Früher. Als Egbert noch lebte.

Hastig wischte Katharina sich über die Stirn, als könne sie so diesen unerwünschten Gedanken aus ihrem Kopf vertreiben. Die Erinnerung an Egbert fuhr ihr wie ein Dorn durch das Herz. Sie öffnete die Lippen, schnappte unauffällig nach Luft. »Warum liegt Ihr hier im Finstern? Draußen scheint die Sonne!«

Bettine kämpfte einen ihrer Arme unter der Decke hervor und wies auf die Bettkante. Katharina setzte sich, und die Handwerkersfrau griff nach ihren Händen. Ihre Haut war trocken wie Pergament und sehr kühl. »Ich konnte das Licht nicht ertragen«, flüsterte sie. »Joachim wird es niemals wiedersehen.«

Katharinas Finger wurden schmerzhaft zusammengequetscht bei diesen Worten. »Wurde sein Rechtstag angeordnet?«

»Ja.« Bettine hauchte das eine Wort nur. In ihren Augen standen Tränen.

Katharina nickte. Es hatte so kommen müssen. Joachim Gunther war ein Verräter. Wer Geheimnisse über die Stadtbefestigung an Feinde Nürnbergs verkaufte, verdiente den Tod. Jedenfalls sahen das die meisten Bürger der Stadt so.

Bettine seufzte. »Ich hatte ihm versprochen, seine letzte Nacht bei ihm im Kerker zu verbringen, er hat sonst niemanden in der Stadt. Und jetzt sieh mich an: Nicht mal einen Arm kann ich richtig rühren.«

Es war schwer mit anzusehen, wie sehr sich Bettine damit quälte, dass sie ihr Versprechen nicht einhalten konnte. »Er ist ein Verbrecher«, versuchte Katharina es ihr wenigstens ein bisschen zu erleichtern.

»Ich weiß doch! Ich weiß, dass er schuldig ist. Er hat es gestanden, Katharina, und sie mussten ihm dafür nur ein wenig mit der Folter drohen. Und er wird es auch an seinem Rechtstag neu gestehen.«

Was die Voraussetzung war – das wusste Katharina –, dass man ihn hinrichten konnte. »Er hat seinen Frieden gemacht«, erklärte sie Bettine. »Das solltet Ihr auch.«

»Ich weiß.« Unter der Decke hob und senkte sich Bettines Busen. »Aber es fällt mir so schwer. In mir«, sie löste ihre Hand aus der Katharinas, tippte sich an die Stirn, zögerte dann und legte ihre Hand auf den Busen, »ist es plötzlich so finster.« Sie bemerkte, dass Edith noch in der Tür stand, und wedelte sie wortlos hinaus. Dabei fiel Katharina der Verband auf, den sie um das Handgelenk trug. Erst als das Dienstmädchen verschwunden war, richtete Bettine den Blick auf Katharina. In ihren ehemals dunkelbraunen, im Laufe der Jahre zu einem schmutzigen Ockerton verblassten Augen glitzerten Tränen.

Katharina unterdrückte ein Seufzen. »Meint Ihr nicht, Ihr solltet Eure Besuche im Lochgefängnis einstellen, wenn sie Euch so sehr belasten?«

»Wahrscheinlich.«

Katharina wusste, dass Bettine diesem Rat nicht folgen würde. Sie tat es nie. Sie gehörte zu einer Gruppe von Frauen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Gefangenen im Loch zu besuchen, um mit ihnen zu reden und zu beten und ihnen in ihren schweren Stunden beizustehen. Zwar gab es einen Priester, der das Gefängnis regelmäßig aufsuchte, aber er war dafür bekannt, dass er den Menschen darin mit blumigen Worten von der Hölle predigte. Aus diesem Grund hatten sich die Frauen, allesamt Angehörige des Stadtadels, zusammengetan, um wenigstens ein bisschen Trost in das Loch zu bringen. Sie glaubten, auf diese Weise etwas für ihr Seelenheil tun zu können. Auf den Nürnberger Straßen wurden sie nur »die Lochengel« genannt.

»Ihr würdet diese Arbeit nie aufgeben, auch wenn sie Euch stets aufs Neue niederzwingt«, sagte Katharina leise. Sie hatte es lange hingenommen. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, konnte sie Bettine verstehen. Manchmal tat es gut, einfach nur den Grund für die eigene Traurigkeit zu wissen ... »Stattdessen lasst Ihr lieber mich rufen, wenn es Euch schlecht geht. Die Arbeit als Lochengel verstärkt nur die melancholia, unter der Ihr ohnehin zu leiden habt!«

Bettine nickte nur. »Ich weiß.« Sie senkte die Lider, die Tränen quollen zwischen ihren Wimpern hervor und rannen ihr über das Gesicht. Dann schaute sie Katharina an. »Mein Mann behauptet, dass ich eigentlich gesund bin.«

Katharina umfasste die faltige Hand fester. Nur unter Aufbietung aller Konzentration konnte sie sich gegen die Erinnerungen wehren, die diese Worte mit sich brachten.

Stell dich nicht so an! Du bist kerngesund!

»Ihr seid nicht gesund!«, widersprach sie mit aller Autorität, die sie aufbringen konnte.

»Die Ärzte, die er eingestellt hat ... sie haben mich ausgelacht, als ich ihnen erzählte, dass ich diese Finsternis in meinem Kopf spüre.«

Katharina unterdrückte ein Seufzen, das aus den Tiefen ihrer Seele aufsteigen wollte. »Sie halten das Gehirn für ein untergeordnetes Organ«, erläuterte sie. »Ihrer Meinung nach ist es nur dazu da, das Blut zu kühlen, und der Sitz Eurer Gedanken und Gefühle befindet sich hier.« Sie tippte sich gegen die Stelle, hinter der ihr Herz saß.

»Du hingegen hast es mir anders erklärt«, meinte Bettine.

»Ihr selbst sagt es doch auch! Wenn Ihr in Euch hineinlauscht, dann spürt Ihr die Leere in Eurem Kopf.« Ebenso wie ich, dachte sie.

»Manchmal auch hier.« Wieder legte Bettine ihre Hand auf den Busen. »Aber meistens im Kopf, da hast du recht.«

Katharina lächelte, aber es fiel ihr schwer.

Bettine stieß einen tiefen Seufzer aus. »Du bist so jung, so lebendig. Du hast keine Ahnung, wie ich mich fühle!«

Katharina wischte das Lächeln von ihren Lippen. Nicht widersprechen, mahnte sie sich. »Niemand hat das«, sagte sie leise.

»Die ganzen Quacksalber schon gar nicht!« Überraschend kräftig schnaubte Bettine. »Dieser Meister Erhard, den Peter gestern hat kommen lassen, weißt du, was er getan hat?«

Katharinas Blick fiel auf den Verband um Bettines Handgelenk. »Er hat Euch zur Ader gelassen.«

»Genau! Sagt, ich hätte zu viel schwarze Galle in mir, die man loswerden müsste.«

»Das ist die vorherrschende Meinung, wie sie Hippokrates und Galen formuliert haben. Die Elemente finden sich im Körper jedes Menschen als vier Körpersäfte wieder. Sind diese im Gleichgewicht, ist der Mensch gesund. Ihr jedoch habt ein Übermaß an schwarzer Galle in Euch, und das macht Euch schwermütig.« Katharina überlegte kurz, ob sie Bettine erklären sollte, dass die Gelehrten ein Übermaß an schwarzer Galle nicht nur für den Verursacher der melancholia ansahen, sondern dass sie auch glaubten, zu viel von ihr führe zu Lepra. Sie entschied sich dagegen. Stattdessen sagte sie: »Schwarze Galle gilt als trocken und kalt.« Und fragte sich, was dieses Wissen Bettine nutzen sollte.

Ihr selbst half es schließlich auch nicht.

Bettine wedelte ungeduldig mit den Händen. »Mag ja alles sein! Aber das erklärt noch nicht, warum Erhard glaubt, mir mein Blut abzapfen zu müssen! Sagen sie nicht, das Blut sei warm und feucht?«

Katharina nickte. Mit Bettine über Medizin zu reden ließ die Handwerkersfrau ihre Mattigkeit für eine Weile vergessen, und das war gut so. »Stimmt.«

»Ich bin ja nur eine dumme Frau, aber mir will einfach nicht in den Schädel, warum ein Körper, der zu trocken und kalt sein soll und deshalb krank ist, dadurch gesund wird, wenn man ihm etwas Feuchtes und Warmes abzapft. Wenn mir im Winter die Milch zu kalt ist, dann gießt Edith mir schließlich auch warme hinzu.«

Auch Katharina hatte bis heute keine Erklärung für diesen Widerspruch gefunden, aber ihr war völlig bewusst, dass sie sich auf sehr dünnes Eis begab, wenn sie hier und jetzt die Mediziner Nürnbergs angriff. »Meister Erhard ist vom Stadtrat vereidigt«, sagte sie deshalb. »Er gilt als Fachmann auf dem Gebiet von Aderlass und Schröpftechnik – und er ist Physicus.«

»Ein Studierter! Pah!« Bettine rümpfte wütend die Nase. Ein wenig Blut schoss ihr in die Wangen und vertrieb die ungesunde Blässe daraus. »Du hast nicht studiert, und du weißt zehn Mal so viel wie dieser Schwachkopf, auch wenn du dich noch immer weigerst, mir mehr über diese Isobel zu erzählen, von der du dein Wissen hast.«

Katharina fuhr sich mit dem Finger über die Wange, wo eine einzelne Haarsträhne sie kitzelte. »Ein Studierter, ja«, sagte sie mit mahnender Stimme, in der Hoffnung, dass Bettine nicht weiter in sie dringen würde. Jetzt an Isobel zu denken würde alles nur noch schlimmer machen. »Soweit ich weiß, hat er sogar in Wien Astrologie gehört.«

»Ja, ja, und das zeigt er ganz deutlich, indem er mir sein albernes Männlein unter die Nase hält – als Beweis für seine Kunst. Eine Puppe!«

Jetzt musste Katharina lachen. Ihr Ablenkungsmanöver schien erfolgreich zu sein. Der Dorn in ihrer Brust wurde kleiner. »O ja, sein Aderlassmännlein!«, sagte sie.

Meister Erhard war ein glühender Verfechter der durch die Astrologie gestützten Aderlassmedizin – so überzeugt war er von ihr, dass er sich nach einer Vorlage aus einer medizinischen Handschrift eine hölzerne Puppe hatte schnitzen lassen, auf der die die Körperregionen beherrschenden Tierkreiszeichen eingeritzt waren. Nach ihren Vorgaben – und nach eingehender Betrachtung der Sterne – führte er dann seine Behandlungen durch und konnte von sich behaupten, dass ihm in den letzten zehn Jahren kein einziger Schützling weggestorben war.

»Trotzdem würde ich zu gerne wissen, warum du mir soviel besser helfen kannst als die Studierten«, sagte die Handwerkersfrau plötzlich und zeigte Katharina damit, dass sie nicht gewillt war, ihre Neugier zu bezähmen. »Du weißt genau, was die Studierten tun, kennst fast alle ihre Behandlungsmethoden. Aber deine Tränke und Tinkturen, ach was, allein die Gespräche mit dir machen, dass ich mich besser fühle!«

Katharina biss sich auf die Lippe und entzog Bettine ihre Hand. Ihren fragenden Blick überging sie, erhob sich und trat an das mit blauem Samt verhängte Fenster. Auf einmal hatte sie das Gefühl zu ersticken. Sie zog die Vorhänge auf, stützte sich rechts und links des Fensters an der Wand ab. Sonnenstrahlen wärmten ihr Gesicht, und sie schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, fiel ihr Blick auf die eigenen Handgelenke. Rasch nahm sie die Hände herunter und ließ die Ärmel ihres Kleides über die Haut rutschen.

»Ich hatte eine gute Lehrerin«, sagte sie.

»Isobel. Die Frau aus Antwerpen.« Es war eine Feststellung, keine Frage. Bettine wusste, dass Katharina viele Jahre nicht in Nürnberg gelebt hatte.

»Ja. Aber genug jetzt davon!« Katharina drehte sich um. Mit dem Rücken gegen das Fensterbrett gelehnt, schaute sie Bettine streng an. Sie war froh darüber, dass deren Neugier nachließ.

Aber noch froher war sie, dass Bettine die unzähligen feinen Narben an ihren Handgelenken nicht gesehen hatte.

3. Kapitel

Das Infirmarium, die Krankenstube des Predigerklosters, lag über dem östlichen Kreuzgang. Von ihren Fenstern aus sah Johannes Schedel über eine Gruppe Bäume hinweg die Fassade des Dormitoriums und ein Stück des Nordhofes, der um diese Tageszeit im Schatten der hohen Klostermauern lag.

Sechs Stunden waren vergangen, seit man ihn geweckt hatte, und obwohl die Glocken die zweite Tagstunde noch nicht geschlagen hatten, drang bereits ein warmer Luftzug durch die offenstehenden Fenster und bewegte die Vorhänge vor den Krankenbetten. Es würde ein weiterer heißer Sommertag werden. Johannes, der sich gegen den Fenstersims gelehnt hatte und grübelnd hinunter in den Klosterhof schaute, rieb mit Daumen und Zeigefinger der Rechten über den Unterkiefer. Es ergab ein schabendes Geräusch: Er musste sich dringend rasieren gehen. Doch dafür hatte er jetzt keine Ruhe. Seine Gedanken kreisten in einem fort nur um eines: Wodurch war die nächtliche Wahnsinnstat des vierten Inquisitors ausgelöst worden? Welcher Irrsinn hatte den Mann befallen, dass er ein solches Blutbad angerichtet hatte? Und, nicht zuletzt: Würde es wieder geschehen?

Diese Frage war es, die den Infirmarius am meisten quälte.

Würde es wieder geschehen?

Anders, als sie alle geglaubt hatten, war der vierte Inquisitor nicht gestorben, sondern nur in eine tiefe Ohnmacht gefallen, aus der er bis jetzt nicht erwacht war. Prior Claudius hatte Anweisung gegeben, ihn ins Infirmarium zu bringen, wo er nun in einem von Johannes’ Betten lag – sorgfältig mit Lederriemen ans Gestell gebunden, für den Fall, dass er plötzlich erwachte und sein Wahn noch nicht vorbei war.

Der Vorhang davor bauschte sich lautlos. Johannes vermied es, allzu lange hinzusehen, stattdessen betrachtete er seine eigenen Hände, schob die Ärmel der Kutte hoch, um die Arme zu untersuchen. Kein Schweiß war zu sehen. Auch das flirrende Leuchten, das in der vergangenen Nacht jede Bewegung innerhalb seines Gesichtsfeldes umgeben hatte, schien fort zu sein. Johannes schloss die Augen, doch plötzlich sah er die lange Blutschliere vor sich, grell erleuchtet auf der weißen Wand, wie von einem Blitzschlag aus dem Dunkel gezerrt.

Hastig riss er die Augen wieder auf.

»Bruder Infirmarius?«, ertönte eine leise Stimme.

Johannes warf einen letzten Blick auf den leeren Hof, dann auf den ebenso leeren, unter der Hitze der vergangenen Tage beinahe weißen Himmel und wandte sich um.

Vor ihm stand Guillelmus, sein Famulus. Obwohl der junge Mönch schon seit fast zwei Jahren für ihn arbeitete, wirkte er noch immer eingeschüchtert, wenn er das Infirmarium betrat. Seine Augen, von langen blonden Wimpern umkränzt, quollen hervor, seine Blicke huschten über Wände und Möbel. Auch er vermied es, den Vorhang zu betrachten, hinter dem sich der bewusstlose Inquisitor befand.

»Ja, mein Sohn?« Johannes zwang sich zu einem Lächeln und suchte dabei unauffällig nach Anzeichen für Schweißausbrüche oder Gliederzittern bei Guillelmus. Zu seiner Erleichterung fand er weder das eine noch das andere. Nach den flirrenden Erscheinungen wagte er ihn nicht zu fragen. Er wollte kein Entsetzen unter den Mönchen auslösen.

»Ihr hattet um etwas zu trinken gebeten«, sagte Guillelmus und hob den Becher, den er in den Händen hielt.

Johannes nickte abwesend. Vor lauter Grübeln hatte er völlig vergessen, dass er Guillelmus zum Wasserholen geschickt hatte. Jetzt trat er vor den Jungen hin und nahm den Becher an sich. »Du bist lange fort gewesen«, sagte er und trank einen Schluck. Das Wasser war ungewöhnlich warm, als habe es seit Stunden in einem Krug herumgestanden.

»Zuerst war ich am Brunnen«, erklärte Guillelmus. »Ich habe einen Eimer mit frischem Wasser für Euch schöpfen wollen, aber Bruder Philipp hat mich aufgehalten. Er sagte, etwas sei im Brunnen, ein totes Tier vielleicht. Offenbar hat das Wasser einen seltsamen Geschmack, darum musste ich in die Küche laufen und nachsehen, ob man dort noch einen Krug für Euch hatte.«

Johannes unterdrückte ein Seufzen. Die Versorgung des Klosters mit frischem Wasser war eines der großen Probleme, mit denen die Predigermönche zu kämpfen hatten. Ganz in der Nähe befand sich eine Sickergrube, und offenbar drang deren Inhalt in regelmäßigen Abständen durch das Erdreich und verseuchte den klostereigenen Brunnen. Johannes hob den Becher an die Nase und roch daran.

Frisches, sauberes Wasser. Er lächelte Guillelmus an, freundlich diesmal und offen.

»Bruder Philipp hat es aus dem Brunnen auf dem Hauptmarkt geholt.« Der junge Mönch senkte den Kopf. »Kann ich sonst noch etwas für Euch tun?«

Johannes leerte den Becher, dann gab er ihn zurück. »Im Moment nicht. Du kannst gehen und den anderen im Garten helfen.«

Guillelmus nickte, aber er rührte sich nicht.

»Was hast du auf dem Herzen?« Johannes beobachtete, wie er in Richtung des Bettes sah, den Blick jedoch gleich darauf abwandte. »Der Mann macht dir Angst, oder?«

Guillelmus fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Dann nickte er.

Johannes gab sich einen Ruck. Mit zwei Schritten war er an dem Bett und zog den Vorhang zur Seite. Der Inquisitor lag auf dem Rücken. Johannes hatte ihn bis zum Kinn mit einem dünnen Laken zugedeckt, und unter dem weißen Stoff zeichneten sich die Konturen des Mannes und jene der Riemen ab, die über Brust und Oberschenkel verliefen. An den Stellen, an denen sich seine Hände befanden, waren zwei deutliche Beulen zu erkennen. An diesen Beulen blieb Guillelmus’ Blick haften.

»Er hat die Hände noch immer zu Fäusten geballt, nicht wahr?«, flüsterte er.

Johannes nickte. Nachdem der Inquisitor ohnmächtig geworden war, hatten sie alle Mühe gehabt, das blutige Messer aus seinen Fäusten zu befreien. Sie hatten es schließlich geschafft, aber Johannes hatte nichts gegen die Verkrampfung tun können, die den gesamten Körper des Inquisitors in ihren Griff genommen hatte. Noch immer ging der Atem des Mannes flach, seine Haut war kühl, als säße der Tod bereits auf seiner Brust. Aber sein Puls schlug regelmäßig und kräftig.

Guillelmus holte zitternd Luft. »Die anderen drei liegen in der Kapelle, oder?«

»Ja.«

Guillelmus’ Zunge erschien erneut zwischen seinen Lippen, verschwand jedoch sofort wieder. »Werdet Ihr sie untersuchen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Nun, zum Einen, weil ich es nicht darf. Ich bin ein geweihter Mann, Guillelmus.« Seit dem Vierten Laterankonzil im Jahre 1215 war es Klerikern verboten, sich der Chirurgie zu widmen, geschweige denn Leichen aufzuschneiden.

»Das hat den Prior neulich aber nicht gestört«, sagte Guillelmus.

Johannes konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Stimmt.« Im Frühjahr war einer der Klosterbrüder beim Fällen eines alten Apfelbaumes von einem herabstürzenden Ast getroffen worden. Das gesplitterte Holz hatte sich tief in seine Schulter gebohrt, und weil der vom Stadtrat vereidigte Chirurgus nicht greifbar gewesen war, hatte der Prior Johannes die Erlaubnis gegeben, die Wunde selbst zu versorgen und zu nähen. Johannes war sehr stolz auf das gute Ergebnis, das er dabei erzielt hatte. Der Mönch hatte nicht unter Wundbrand gelitten, und seinen Arm konnte er heute beinahe wieder wie vor dem Unfall benutzen. Allerdings hatte Johannes auf Anweisung des Priors an jenem Tag auf die Erteilung des Abendmahls verzichten müssen, denn es war undenkbar, in den Händen, die kurz zuvor mit menschlichem Blut besudelt worden waren, den reinen Leib Christi zu halten.

Zwischen Guillelmus’ Augen erschien eine steile Falte. »Meint Ihr, der Stadtrat wird Anweisung geben, sie untersuchen zu lassen?«

»Möglich.« Es war sogar wahrscheinlich, dachte Johannes. Zwar waren die brutalen Morde auf dem Klostergelände geschehen, aber die Umstände waren so seltsam und rätselhaft, dass die Obrigkeit ein Interesse daran haben würde, sie zu untersuchen. Er ballte die Hände zu Fäusten.

»... Euer Bruder«, sagte Guillelmus, und Johannes bemerkte, dass er dem jungen Mann kurze Zeit nicht zugehört hatte.

»Was ist mit Hartmann?«, fragte er.

»Ich dachte nur, vielleicht wird er mit der Untersuchung betraut werden.« Guillelmus zuckte die Achseln.

»Möglich.« Johannes war eine Idee gekommen, und er brauchte Zeit, um darüber nachzudenken. »Du solltest jetzt zu Bruder Philipp gehen.«

Guillelmus rührte sich jedoch noch immer nicht. Er wies auf den Inquisitor. »Gestern Nacht«, murmelte er. »Da hatte er Schweiß auf der Stirn.«

Johannes beugte sich vor. Plötzlich hatte er das dringende Bedürfnis, dem vierten Inquisitor einen Namen zu geben. »Markus Krainer. So heißt er.«

»Gestern Nacht hatte er Schweiß auf der Stirn.«

»Ja«, bestätigte Johannes. Er ahnte, worauf das hinauslief. Er wollte es nicht hören.

»Ich habe nicht schlafen können.«

Johannes nickte unwirsch.

»Und ich habe genauso geschwitzt wie dieser Mann.« Guillelmus’ Kehlkopf ruckte auf und ab, und mit einem kaum zu ertragenden Ausdruck von Angst in den Augen sah er Johannes an. »Glaubt Ihr, dass ich ebenfalls ...« Er hob die Hand vor sein Gesicht und starrte darauf, als fürchte er, sie könne sich selbständig machen.

Der Infirmarius spürte, wie ein Schauer seine Wirbelsäule entlanglief. »Nein!« Sanft legte er Guillelmus den Arm um die Schultern. »Du musst dich nicht sorgen. Ich bin mir sehr sicher, dass das, was den Bruder Inquisitor letzte Nacht getrieben hat, keine ansteckende Krankheit war.«

War er das wirklich? Er dachte an den Schweiß, der den Mann am gesamten Körper bedeckt hatte. Und an den Schweiß, den er sich selbst vom Hals gewischt hatte.

Erleichterung flackerte in Guillelmus’ Blick auf. »Dann war das nicht die Pest?«

»Die Pest äußert sich gänzlich anders, mein Sohn. Glaub mir!«

Guillelmus kaute auf der Unterlippe herum. Er sah sehr kindlich aus dabei. »Aber wenn es keine Krankheit war, dann hatte Bruder Philipp ja doch recht! Dann war es ein Teuf...«

Johannes unterbrach ihn, indem er ihm einen Schlag in den Nacken gab. »Schluss mit der Grübelei!«, sagte er betont fröhlich. »Ich habe zu arbeiten. Geh jetzt endlich zu Bruder Philipp!« Er musste seine ganze Kraft aufwenden, um den jungen Mönch zur Tür hinauszuschieben.

»Er ist Mitglied der Heiligen Inquisition«, flüsterte Guillelmus. »Und gestern Abend hat er mit Prior Claudius über die aufkommende Bedrohung durch Hex...«

Die Tür fiel ins Schloss und schnitt den Rest seiner letzten Vermutung ab. Johannes sank gegen das dunkle Holz.

Die Wortfetzen des jungen Mönchs hallten in seinen Ohren nach.

Teufel. Hexen.

Mit zusammengebissenen Zähnen starrte er auf den bewusstlosen Inquisitor und unterdrückte einen Fluch.

* * *

Bevor Katharina die Kraft fand, vom Fensterbrett wegzutreten, wurde die Tür aufgestoßen, und ein Mann stürmte herein. Peter Hoger. Er war groß und kräftig, und es kam Katharina vor, als sei augenblicklich zu wenig Luft im Raum. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück.

»Was hat dieses Weib hier zu suchen?«, donnerte Hoger. Sein Zeigefinger fuhr in Katharinas Richtung, als habe er vor, sie aufzuspießen. Sie wollte noch ein Stück zurückweichen, aber das Fenster in ihrem Rücken hinderte sie daran.

»Ich habe Eurer Frau ein wenig Gesellschaft geleistet«, sagte sie so ruhig, wie sie konnte. Ihre Gedanken wirbelten umeinander. Wenn Hoger sie anklagte, dann würde sie schneller im Lochgefängnis landen, als sie denken konnte!

»Gesellschaft geleistet?« Hoger überwand die Entfernung zwischen der Tür und dem Nachtkästchen mit zwei langen Schritten und griff nach einem der leeren Fläschchen. In seiner Hand sah es winzig aus. »Gesellschaft geleistet?«, wiederholte Hoger, und seine Stimme war jetzt zu einem heiseren Flüstern geworden.

Katharina schloss die Augen. Vorbei! Die Essenz überführte sie eindeutig als Quacksalberin, dachte sie, doch im nächsten Moment regte sich Widerspruch in ihr. Sie war alles andere als das!

»Ich habe Eurer Frau nur geholfen, ihre melancholia ...«

»Sagt Ihr mir nicht, was meine Frau für Krankheiten hat!«, brüllte Hoger. Katharina schnappte nach Luft.

Nur mit sichtlicher Anstrengung fing Hoger sich ein wenig. Die Adern an seinen Schläfen quollen dick und sichtbar hervor. »Ihr seid schuld an ihrem Zustand«, presste er zwischen den Zähnen hervor. »Ihr habt dafür gesorgt, dass sie sich krank fühlt, nur damit Ihr Eure überteuerte Medizin an sie verscherbeln könnt, aber jetzt ...«

»Meine Medizin ist nicht überteuert!«, fiel Katharina ihm ins Wort. Bei allen Vorwürfen, die man ihr machen konnte, war dies der einzige, der ungerechtfertigt war. Sie verkaufte ihre Essenzen zu exakt dem gleichen Preis, den der Stadtapotheker auch dafür verlangen würde. Darauf achtete sie sorgfältig, schon aus reinem Selbstschutz.

Hoger ballte die Hände zu Fäusten. »Wagt es nicht, mich zu unterbrechen!«, drohte er. »Denn das Eis, auf dem Ihr Euch bewegt, ist sehr dünn, meine Liebe!«

»Peter, was willst du damit sagen?«, mischte sich Bettine ein. Sie klang vorsichtig, aber nicht verängstigt.

»Ich will damit sagen, dass dieses Weib ...« Mit dem ausgestreckten Zeigefinger stach er auf Katharina ein, als führe er eine Klinge. Dann konnte er nicht weitersprechen, weil er Luft holen musste.

Katharina nutzte die Gelegenheit. »Es ist ihre Tätigkeit im Loch, die die Krankheit Eurer Frau verstärkt«, wandte sie zaghaft ein.

»Unsinn!«, donnerte Hoger. »Sie hat im Loch gearbeitet, bevor sie Euch kannte. Und sie hatte niemals Probleme damit. Bis zu dem Tag, an dem sie Euch über den Weg lief.«

Bettine warf Katharina einen warnenden Blick zu, und die zwang sich, den Mund zu halten. Es fiel ihr schwer, aber sie hatte der Handwerkersfrau versprochen, ihrem Mann niemals etwas davon zu sagen, dass seine Frau bereits seit vielen Jahren unter der melancholia litt. Bettine hatte es lange Zeit erfolgreich vor ihm geheimgehalten. Erst in den letzten Monaten, als die Krankheit ganz von ihr Besitz ergriffen hatte, war es ans Licht gekommen.

Bettine richtete sich ein wenig auf. »Katharina ist nicht schuld an meiner Krankheit«, murmelte sie.

»Doch!« Hoger starrte Katharina finster an. Sie wich ihm nicht aus. »Denn sie hat dich ...«, wieder atmete er tief durch, als koste es ihn Mühe, das letzte Wort auszusprechen, »... verhext!«

Vor Entsetzen über diese Anschuldigung blieb Katharina die Luft weg. Sie wollte etwas erwidern, wollte sich verteidigen, aber dann überfiel sie der unnachgiebige Drang zu fliehen.

»Ich glaube, ich gehe jetzt besser.« Sie wollte an Hoger vorbeischlüpfen, aber er war noch längst nicht fertig mit ihr. Er griff nach ihrem Arm und hielt sie mit solcher Kraft fest, dass es schmerzte.

»Ich habe Erkundigungen über Euch eingeholt«, fuhr er mit kalter Stimme fort. »Ihr seid die Witwe von Egbert Jacob, nicht wahr?«

Katharina räusperte sich. Bevor sie den Mund aufbekam, redete Hoger schon weiter. »Euer Mann ist Euch davongelaufen, stimmt es? Er hat es vorgezogen, auf irgendeiner gefährlichen Reise zu krepieren, statt an Eurer Seite zu bleiben.«

Das nun war nicht nur falsch, sondern schlicht und ergreifend beleidigend. Empörung stieg heiß und kraftvoll in Katharina auf und spülte alle Traurigkeit und alle Angst fort. Sie entriss Hoger ihren Arm. »Mein Mann«, zischte sie, »hatte seine Gründe, diese Reise anzutreten!«

Hoger ließ sich nicht beirren. »Ja, wahrscheinlich hat er es nicht mehr ausgehalten, an der Seite einer Hexe zu leben.« Er spuckte ihr das Wort förmlich vor die Füße.

Bettine stieß einen protestierenden Laut aus, aber Hoger schoss einen so kühlen Blick auf sie ab, dass sie tiefer in ihre Kissen versank.

Katharina wusste nicht, welche Anschuldigung sie mehr schmerzte: die völlig ungerechtfertigte, eine Hexe zu sein, oder die durchaus wahre, ihren geliebten Man aus dem Haus getrieben zu haben. Als sie wieder sprach, kratzten die Worte in ihrem Hals. »Ich bin keine Hexe. Aber im Gegensatz zu Euren Ärzten kann ich Eurer Frau helfen, ihre melancholia zu lindern.« Sie spie das Wort Ärzte förmlich aus. Ihr Gesicht war jetzt heiß, heiß und angespannt.

In Nürnberg gab es acht vom Rat vereidigte Ärzte, und allein sie durften die Heilkunst innerhalb der Stadtmauern ausüben. Unter ihnen befanden sich ein Fachmann für Augenkrankheiten und einer für Steinleiden und Knochenbrüche, sowie die sogenannten Physici, Spezialisten für innere Krankheiten. Darüber hinaus ein Chirurgus für Wundpflege. Zusammen mit dem Infirmarius des Predigerklosters in der Burgstraße durften also innerhalb der Mauern neun Männer als Heiler praktizieren.

Männer!

Selbst wenn Katharina irgendeinen Weg gesehen hätte, den Stadtrat von ihren Fähigkeiten und Kenntnissen zu überzeugen, hätte sie niemals eine Zulassung als Heilerin bekommen. Weil sie eine Frau war.

Aus diesem Grund arbeitete sie im Verborgenen, ständig auf der Hut, entdeckt zu werden.

Plötzlich mischte sich Bettine doch in den Streit ein. »Seit ihr Mann tot ist«, sagte sie vorsichtig, »ist Katharina auf das Geld angewiesen. Du weißt, dass ihr Mann die Medizin studiert hat, bevor er nach Nürnberg kam. Dass sie eine Hexe sein soll, Peter, ist doch völliger Unsinn!«

Plötzlich wurde Hogers Stimme honigsüß. »Wusstest du, dass sie bereits einmal verhaftet wurde, meine Liebe?«

Bettine erbleichte.

Katharina wich ihrem fragenden Blick nicht aus. Es stimmte. Vor zwei Monaten war sie festgenommen worden, weil eine ihrer Kundinnen zu viel über ihre unerlaubten Heilkünste geplaudert hatte. Damals hatte sie fünf Gulden zahlen müssen, als Strafe dafür, ohne Genehmigung Arzneien verkauft zu haben. Es war ein Vermögen für ihre Verhältnisse gewesen, und sie hatte tagelang gebetet, dass sie mit dieser Strafe davonkommen würde. Zu ihrer Erleichterung war der Vorwurf der Zauberei damals nicht aufgekommen.

»Stimmt das?«, fragte Bettine. »Du wurdest tatsächlich verhaftet?« Ein Anflug von Unbehagen huschte über ihr Gesicht, und sie presste sich tiefer in ihre Kissen.

Katharina nickte. »Aber nicht wegen«, sie stockte, »... unchristlicher Handlungen. Nur wegen des verbotenen Handels mit Arzneien.« Sie musste an die Stadtbüttel denken, die sie auf dem Weg hierher getroffen hatte, und an die Angst, von ihnen ins Lochgefängnis gesteckt zu werden.

Hoger triumphierte. »Selbst wenn sie keine Hexe ist, eine Betrügerin ist sie allemal!«

Bettine achtete nicht auf ihn. »Woher hattest du das Geld für die Strafe?« Katharina konnte ihr ansehen, wie verzweifelt sie ihr glauben wollte.

»Es war der Rest vom Erbe meines Mannes.« Sie hatte die Strafe angenommen und sie bezahlt, um dem Lochgefängnis zu entgehen, aber damit war sie nun endgültig auf ihrer eigener Hände Arbeit angewiesen.

»Wenn sie dich noch einmal erwischen ...« Bettine schüttelte traurig den Kopf.

... spannen sie mich auf die Folter, ergänzte Katharina ihren Gedanken im Stillen. Sie lauschte in sich hinein, doch da war plötzlich nichts mehr, keinerlei Angst, kein Aufbegehren gegen die Ungerechtigkeit ihrer Situation. Plötzlich war alles in ihr wie betäubt, als sei die melancholia der Handwerkersfrau auf sie übergesprungen.

»Nun!« Hoger hielt das Fläschchen hoch, das er noch immer in der Hand hatte. »Ich denke, wir haben sie noch einmal erwischt! Das hier reicht auf jeden Fall, um Euch festzusetzen. Und ich überlege noch, wie die Anschuldigung lauten wird.«

»Nein!« Mit einem Satz, den Katharina ihr niemals zugetraut hätte, sprang Bettine aus ihrem Bett. Sie baute sich vor ihrem Mann auf, das weite, weiße Nachtgewand bauschte sich um ihre Gestalt, als sie die Hände in die Hüften stützte. »Du wirst Katharina nicht ausliefern, mein lieber Mann!«

Hoger zog eine Augenbraue hoch. Katharina konnte ihm ansehen, wie sehr ihn der Auftritt seiner Frau überraschte.

»Wer sollte mich daran hindern?«, fragte Hoger.

Bettines Blick huschte zu Katharina. »Sie ist mir eine weitaus größere Hilfe, als alle deine Quacksalber zusammen.«

»Sie ist der Grund für deine Krankheit!«

»Das glaubst du, aber ich nicht.«

Hoger schüttelte ungläubig den Kopf. »Du würdest in einem Prozess für sie aussagen, nicht wahr?«

Bettine blitzte ihn an. »Gegen dich? Ja, wenn du mich dazu zwingst, und glaub mir, nicht nur ich! Es gibt eine ganze Reihe hochgestellter Bürgersfrauen, die es ebenfalls tun würden.«

»Den Vorwurf, unerlaubterweise Arzneien zu verkaufen, kann keine von ihnen entkräften!«

Bettine war nun völlig ruhig. »Mag sein. Aber wenn du Katharina für dieses Vergehen anzeigen willst, kannst du den Stadtbütteln auch gleich davon erzählen, was du neulich mit diesem astronomischen Instrument von Magister Müller gemacht hast, das dir rein zufällig in die Hände gefallen ist.«

Jetzt war es an Hoger zu erbleichen. »Du weißt davon?«, hauchte er.

Bettine triumphierte. »Dir war völlig klar, dass es Bernhard Walther gehören muss, denn er ist der Erbe dieses Magisters aus Königsberg. Trotzdem hast du es verscherbelt, Peter. Das nennt der Rat Diebstahl! Katharina bleibt ungeschoren«, fügte sie ungerührt hinzu. »Dann bleibst du es auch.«

Für einen langen Moment stand Hoger wie zur Salzsäule erstarrt. Dann warf er sich auf dem Absatz herum und stürmte mit der gleichen Wut aus dem Raum, mit der er hereingekommen war.

Katharina sah ihm nach, während Bettine zurück in ihr Bett kletterte und die Decke bis ans Kinn zog. »Du solltest jetzt besser gehen«, riet sie.

»Wird er ...?«

»Dich anzeigen?« Die Handwerkersfrau zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Um dich vor der Anklage wegen Arzneiverkauf zu bewahren, reicht meine Drohung wahrscheinlich.« Sie holte tief Luft. »Aber Zauberei, Katharina, das ist ein fürchterlicher Verdacht.«

»Zauberei, das ist ein fürchterlicher Verdacht!«

Bettines Worte klangen noch in Katharina nach, nachdem sie das Haus der Hogers längst verlassen hatte.

Ihre Fingerspitzen und ihre Kopfhaut kribbelten, als rännen Ameisen darüber, und um ihre Unruhe zu besiegen, lief sie eine Weile ziellos durch Nürnberg. Zwei Stadtbüttel kamen ihr entgegen, und sie blieb wie angewurzelt stehen. Sie konnte sich einfach nicht mehr bewegen. Die Gewissheit, dass man sie jetzt festsetzen und ins Loch werfen würde, presste ihr jegliches bisschen Kraft aus den Gliedern.

Doch die Büttel gingen vorbei. Einer von ihnen warf ihr einen fragenden Blick zu, dem sie auswich, dann verschwanden die beiden Männer um eine Hausecke.

Katharina wollte Luft holen, doch ein Gewicht hatte sich auf ihre Brust gesenkt und ließ sie keuchen. Und dann, für einen kurzen Augenblick, verlor die Umgebung all ihre Farbe, wurde grau und trist und tonlos. Alle Empfindungen verblassten, bis auf eine einzige. Der Verlust.

Der Verlust ihres Mannes.

Sie lenkte ihre Schritte in Richtung Süden, hinunter zur Pegnitz, vorbei am Heilig-Geist-Spital und seiner Kapelle, in der die Reichskleinodien aufbewahrt wurden, die König Sigismund den Nürnbergern zur Aufbewahrung überlassen hatte. Am Ufer des Flusses ging sie entlang, bis sie zu einem hölzernen Steg kam. Ihre Schritte hallten dumpf auf den alten, fast schwarzen Bohlen wider. Als Katharina wieder festen Boden unter den Füßen hatte, befand sie sich auf der Schüdt, einer von zwei Flussarmen gebildeten Insel, die zum Großteil von Gärten und Obstbäumen bewachsen war. Die Wege hier waren nicht gepflastert und wanden sich zwischen knöchelhoch stehendem Gras hindurch. Die Luft roch anders, frischer, nach den Heuhürden, die überall zum Trocknen aufgebaut waren. Ganz in der Nähe waren lautes Rufen und das peitschenartige Knallen von abgefeuerten Armbrüsten zu hören. Katharina achtete nicht darauf, denn sie wusste, dass auf der Insel die Eibenschützen ihre Schießstände hatten und dass sie in den heißen Sommermonaten die Vormittagsstunden nutzten, um ihre Übungen zu absolvieren.

Sie ging bis zu einer Gruppe von Weidenbäumen, die dicht am Fluss standen und ihre schlanken Äste bis auf die trockenen Uferränder hängen ließen. Wenn die Pegnitz Hochwasser führte, berührten diese Äste das Wasser und wiegten sich leicht in der Strömung. Heute jedoch regten sie sich nicht, und auch die drei Schwanenpärchen, die sonst stets hier ihre Kreise zogen, waren nirgends zu sehen.

Katharina zögerte, doch dann zwängte sie sich durch das Unterholz, das die Weiden mit ihren schlanken, wie Speere aufragenden Ablegern bildeten. Das Ufer der Pegnitz senkte sich an dieser Stelle steil zum Wasser hin ab. Eine Baumwurzel hatte eine natürliche Stufe geschaffen, auf die Katharina nun ihren Fuß setzte. Sie griff nach einem vorstehenden Ast, ließ sich daran hinab und fand sich direkt am Wasserrand wieder. Ein Polster aus dichtem Moos bildete hier ein bequemes Sitzkissen, auf dieses ließ Katharina sich sinken. Sie zog die Knie an und umklammerte sie mit den Armen. Ihr Blick fiel dabei auf die feinen Narben an ihren Handgelenken. Die Schüsse hallten in ihren Ohren wider und riefen Erinnerungen wach, denen sie sich nur hier, an diesem Platz, stellen konnte.

»So viele Narben!«

Egbert lag neben ihr auf der Seite, den Kopf in die eine Hand gestützt, so dass ihm seine blonden Haare über den Unterarm flossen. Zärtlich fuhr er mit der anderen über die dünne Haut an ihrem rechten Handgelenk. Die Haare an Katharinas nackten Armen richteten sich auf. Sie war besessen von seinen Berührungen, gierte danach in jeder Minute, die Egbert nicht bei ihr war. Und so hielt sie still, auch wenn ihr seine Betrachtung ihrer Narben an den Handgelenken unangenehm war.

»Woher stammen sie?«, fragte er.

Sie zog mit der Linken das Laken ein Stück höher über ihren nackten Leib, schloss die Augen und genoss das Prickeln ihrer Haut unter seinen Fingerspitzen. »Aderlässe«, murmelte sie. Sie war schläfrig und völlig entspannt.

Egbert hob den Kopf von seiner Hand, musterte Katharina einen Moment und legte sich dann der Länge nach auf das Kissen, das unter ihm völlig plattgedrückt war. »Dachte ich mir.«

Katharina ließ ihre Finger über seinen entblößten Oberkörper krabbeln. Ihre Nägel verfingen sich dabei in den rotblonden Haaren auf seiner Brust. »Es hätte mich enttäuscht, wenn du es dir nicht gedacht hättest«, neckte sie ihn.

Er machte ein schnurrendes Geräusch. »Warum?«, fragte er. Seine Augen waren weit und sehr blau.

»Weil du bald selbst ein Medicus sein wirst. Da solltest du Aderlassschnitte erkennen, wenn du sie siehst.«

Er grinste breit. Er hatte ein wundervolles Grinsen, ein bisschen schief und immer etwas spöttisch. Manchmal wusste Katharina nicht, ob er sie ernst nahm, aber meistens störte sie das nicht weiter. Sie ließ sich ebenfalls in die Kissen fallen und schloss die Augen.

Wie verliebt sie in ihn war!

»Warum wurdest du zur Ader gelassen?«, fragte er.

Katharina schreckte auf. Sie war eingedöst und hatte gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen war. Die Nachmittagssonne, die in ihr Schlafzimmer schien und das Fensterkreuz als Schatten über ihr Bett warf, war eine gute Handbreit weitergewandert.

»Ach, nur so.«

Egbert setzte sich auf. Das Bettlaken rutschte ihm dabei vom Körper und entblößte seinen muskulösen Bauch und einen Teil der Haare unter seinem Nabel. Katharina spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte. »Niemand wird nur so zur Ader gelassen, Kindchen!«

Sie hasste es, wenn er sie Kindchen nannte. Sicher, sie war mehr als zehn Jahre jünger als er, aber sie war immerhin seine Frau! Als sie siebzehn geworden war, hatte er sie geheiratet.

»Als Kind war ich einmal ziemlich krank«, sagte sie. Es fühlte sich an, als müsse sie ihm ein Geständnis machen.

Er runzelte die Stirn. Dann schaute er an sich herunter und zog die Decke bis zur Brust hoch. »Davon hast du noch nie etwas erzählt!«

Klang er ein wenig enttäuscht? Böse sogar?

Katharina lehnte sich an ihn und legte ihren Kopf an seine Brust. Tief sog sie seinen herben Geruch ein. »Es war nichts Schlimmes.«

»Erzähl mir davon!«

»Nein!« Sie streckte ihren Zeigefinger aus und piekste ihn in die Seite.

Lächelnd wich er ihr aus. »Doch!«

»Nein!«

Und da begann er, sie zu kitzeln, und über dem, was dann folgte, vergaß er zu Katharinas Glück seine Frage.

Die Eibenschützen hatten ihre Übungen beendet. Drückende Stille senkte sich über die Schüdt und holte Katharina in die Gegenwart zurück.

Egbert! Sie schloss die Augen. Später hatte er dann herausgefunden, warum man sie als Kind so oft zur Ader gelassen hatte. Und noch später hatte er es selbst getan, damals, bevor er so überraschend davongeritten war und Katharina ihn zum letzten Mal lebend gesehen hatte.

Sie unterdrückte ein Schluchzen. Wenn sie anfangen würde zu weinen, das wusste sie, würde sie nicht wieder aufhören können. Es war besser, sich zu beherrschen, besser, auf der Stelle wieder aufzustehen, um nicht wie damals in diese furchtbare Starre zu versinken.

Die Schwäne kamen um einen Brückenpfeiler herum, bemerkten Katharina und hofften auf einen Leckerbissen aus ihrer Hand. Zielstrebig schwammen sie auf sie zu.

Katharina betrachtete sie eine Weile und wunderte sich darüber, dass sie heute nur zu fünft waren. Ihr Gefieder leuchtete in der Sonne schneeweiß, und auf dem Rücken eines der Tiere glitzerten ein paar Wassertropfen. Die Vögel zogen dicht am Ufer Kreise und ließen Katharina dabei nicht aus den Augen.

»Ich habe nichts für euch«, murmelte sie.

Der Anblick der schönen Tiere hellte ihre Stimmung ein wenig auf. Vorsichtig streckte sie die Hand aus, aber die Schwäne zogen es vor, ihr nicht zu nahe zu kommen. Sie entfernten sich ein Stück und beäugten Katharina aus ihren dunklen Augen. Ein Männchen reckte den Hals und schlang ihn um den seiner Partnerin. Es war eine Geste, die in Katharinas Augen sehr zärtlich aussah.

Wenn Egbert ihr seine Zuneigung hatte zeigen wollen, dann hatte er ihr die Hand in den Nacken gelegt und die feinen Härchen dort mit dem Daumen gestreichelt ... Katharina bekam eine Gänsehaut bei dieser Erinnerung. Sie glaubte, ihren Mann lachen zu hören, dieses leise, ein wenig spöttische Lachen, mit dem er auf alles reagiert hatte, was ihm begegnete. Sie sah sein schmales Gesicht vor sich, die scharfe Nase und die blauen Augen. Und auch sein Geruch, der Duft von mit Lavendel und teurem Sandelholz parfümierter Seife, mit der er seine Haare zu waschen pflegte, war ihr jetzt so deutlich in Erinnerung, dass sich ihre Nasenflügel unwillkürlich weiteten. Doch ein leichter Luftzug wehte heran, brachte einen schwach fauligen Geruch mit sich und vertrieb auf diese Weise die Erinnerung.

Schlagartig schossen Katharina Tränen in die Augen. Halb blind erhob sie sich und wollte schon nach dem Ast greifen, um sich den Abhang hinaufzuziehen, da fiel ihr Blick auf etwas Weißes zwischen den Weidenruten.

Sie bog die Stangen zur Seite. Ein Schwanenhals fiel ihr entgegen. Der Kopf des Tieres war in den Nacken geworfen, die Augen blind und grau, wie mit Raureif überzogen. Die ehemals makellosen weißen Federn wirkten stumpf und schmutzig. Eine Fliege kam angesurrt und hockte sich auf den Schnabel.

Katharina schluckte. Ohne darüber nachzudenken, bog sie die restlichen Äste zur Seite, und noch während sie das tat, fragte sie sich, was sie eigentlich antrieb. Der Geruch des toten Tieres stieg ihr jetzt deutlicher in die Nase, schwer und ekelerregend, faulig und ein bisschen süßlich. Sie atmete flach durch den Mund.

Am Leib war das Gefieder mit etwas Dickflüssigem, Dunklem verklebt, das Katharina erst beim zweiten Hinsehen als Blut erkannte. Die schwarzen Füße mit den Schwimmflossen ragten steif in die Luft.

Katharina stieß den Kadaver mit der Schuhspitze an, und er rollte zur Seite, so dass jetzt seine Rückenpartie zu sehen war.

Katharina presste die Hände auf den Mund.

Auf dem Rücken des Schwans klafften zwei längliche blutige Wunden.

Jemand hatte ihm säuberlich beide Flügel abgetrennt.

* * *

Johannes kniete in seiner Zelle vor einem ellenlangen Kruzifix. Er hatte die Hände gefaltet und den Kopf gesenkt, doch es wollte ihm nicht gelingen, sich auf seine Gebete zu konzentrieren.

»... et dimitte nobis debita nostra ...«, murmelte er und brach ab. Sein Blick hob sich zu dem Kreuz. Sonst, wenn er hier kniete und betete, hatte er stets das Gefühl, dass der kupferfarbene Heiland ihn anblickte. Heute jedoch schien die Figur sich von ihm abgewandt zu haben. Es gelang Johannes nicht, Christus’ Blick aufzufangen.

Mit einem tiefen Seufzen ließ er den Kopf wieder auf die Hände sinken und begann von Neuem: »Pater noster ...« Diesmal stockte er schon nach den ersten beiden Worten. »Heilige Maria«, flüsterte er, »bitte für uns und für Bruder Markus, und verleih uns die Kraft, dem standzuhalten, was auf uns zukommen mag.«

Ein leichter, kaum wahrnehmbarer Luftzug strich seinen Nacken entlang, und es fühlte sich an, als habe etwas Unsichtbares seine Haut gestreift.

Mit angehaltenem Atem hockte er da, den Hals steif vor Angst, die Schultern hochgezogen, so dass sie fast seine Ohrläppchen berührten. Dann endlich gab er sich einen Ruck und drehte sich um. Halb erwartete er, eine Ausgeburt der Hölle hinter sich stehen zu sehen, einen Teufel mit schwarzer Haut und rotglühenden Hörnern, der die Klaue nach ihm ausstreckte und ihn mit Wahnsinn schlug, so wie er Bruder Markus, den Inquisitor, geschlagen hatte.

Doch die Zelle hinter ihm war leer.

Er war allein.

Die Sonne musste inzwischen hoch am Himmel stehen, doch da Johannes die Läden geschlossen hatte, herrschte in seiner kleinen Kammer dämmriges Zwielicht. Nur die beiden Kerzen, die er rechts und links vom Kruzifix auf zwei Wandborden aufgestellt hatte, flackerten vor sich hin.

Johannes kniff die Augen zusammen. Bewegte sich dort etwas in den Schatten? Seine Blase verkrampfte sich ruckartig, und der Drang, die Latrina aufzusuchen, trieb ihn auf die Füße.

»Weiche von mir!«, hauchte er, tastete nach dem Kreuz, das ihm an einer silbernen Kette um den Hals baumelte, und schloss die Faust so fest darum, dass sich ihm die Enden des kleinen Querbalkens schmerzhaft in die Haut bohrten. Er hob das Kreuz in die Höhe.

Die Dunkelheit in der Zimmerecke blieb still.

Nichts rührte sich, und trotzdem hatte Johannes das unheimliche Gefühl, dass sich noch jemand mit ihm in der Zelle befand. »Maria voll der Gnaden«, betete er und griff auch noch mit der anderen Hand nach dem Kreuz. Ohne es loszulassen, wischte er sich mit dem Rücken der Rechten über die Stirn. Die silberne Kette war gerade lang genug, um das zuzulassen. Kühl und glatt schmiegte sie sich an seine Wange und die Seite seiner Nase.

Es überraschte Johannes, dass seine Stirn trocken und kühl war. Er fühlte sich fiebrig.

War da ein leises Flüstern zu hören? Rief ihn jemand? Er legte den Kopf schief, um zu lauschen. Fast wartete er auf das grelle Flimmern, das er in der vergangenen Nacht gesehen hatte. Doch es kehrte nicht zurück.

Johannes hielt den Atem an. Wieder glaubte er, eine leise Stimme zu hören, ein kehliges Lachen, das ihn verspotten wollte.

»Weiche von mir, Satan!«, schrie er aus voller Kehle. Dabei stolperte er rückwärts, bis er das Fenster in seinem Rücken spürte. Er ließ das Kreuz mit der Rechten los, tastete hinter sich und riss die Läden auf.

Helles, freundliches Licht flutete die Zelle und vertrieb alle Schatten.

Johannes ließ das Kreuz sinken.

Er war allein.

Ein kräftiges Pochen an seiner Tür ließ ihn erschrocken aufschreien. »Bruder Infirmarius?«, hörte er die Stimme von Guillelmus. »Geht es Euch gut?«

Langsam öffnete Johannes die Hand. Es fühlte sich an, als müsse er die Enden des Kreuzes aus seinem Fleisch herausziehen, doch als er genauer hinsah, fand er keinerlei Verletzungen, nur zwei tiefe, weiße Druckstellen, in die jetzt rasch das Blut zurücklief. »Es ist alles gut!«, rief er und musste sich räuspern.

War es das? Drohte ihm dasselbe zu widerfahren wie dem Inquisitor? Johannes schloss die Augen und atmete tief durch.

Noch einmal schaute er misstrauisch in jede Ecke des Raumes. Er war tatsächlich allein.

Der Teufel hatte sich zurückgezogen.

4. Kapitel

Die Fliege auf dem Schnabel des Schwans begann, sich die Flügel zu putzen, und Katharina konnte nicht anders, als ihr dabei zuzusehen. Das winzige Tier strich mit den Hinterbeinen über die durchsichtigen Häutchen, bog sie zum Ende hin um und bürstete wieder und wieder über sie hinweg. Dann endlich war es fertig, schüttelte die Flügel aus und testete das Ergebnis seiner Putzarbeit. Kurz erhob es sich in die Luft und landete sogleich wieder.

Das Summen der Fliege klang überlaut. Katharina ließ die Hände sinken, und wieder verlor alles rings herum seine Farben. Ihre Schultern sanken nach unten, und ihr war, als lege sich ein Gewicht aus Blei auf ihren Brustkorb. Das Bedürfnis zu seufzen wurde übermächtig.

Sie spürte, wie ihr Gesicht sich veränderte, wie sich Linien um Mund und Augen eingruben, die sie älter wirken ließen. So wie die Umgebung für sie grau wurde, wurde auch sie selbst grau. Menschen um sie herum, Menschen, die sie gut kannten, konnten es sehen.

Matthias war stets der erste, der es bemerkte. Obwohl sie nur Halbgeschwister waren – Matthias stammte aus der ersten Ehe von Katharinas Vater –, verband sie eine ungewöhnlich tiefe Zuneigung.

Früher, als sie beide noch Kinder gewesen waren, hatte er sie manchmal gefragt, was in diesen Momenten in ihr vorging, wenn die melancholia kam. Zunächst war es ihr schwergefallen, eine Antwort darauf zu finden. Doch dann, eines Tages, hatten sie gemeinsam in einem leerstehenden Haus am Rande der Stadtmauer gespielt. Sie waren über die verstaubten Möbel getobt und hatten versucht, sich in einem blinden Spiegel gegenseitig Fratzen zu schneiden. In diesem Augenblick war Katharina klar geworden, wie sie Matthias ihre Gemütslage deutlich machen konnte.

»Siehst du dieses Zimmer?«, hatte sie gefragt.

Er nickte, hatte mitten im Spiel innegehalten, weil er zu spüren schien, dass sie etwas Ernstes besprechen wollte.

»Man kann das Leben noch ahnen«, erklärte Katharina. »Aber unter all dem Staub und dem vielen Schmutz fühlt man es nicht mehr.«

Matthias zog die Nase kraus, wie immer, wenn er ihr mit seinen Gedanken nicht ganz folgen konnte.

Katharina wischte ein Spinnengewebe von einer Anrichte. Wie ein grauer Schleier klebte es an ihrer Hand und bewegte sich leicht im Luftzug. Sie hielt es Matthias hin. »Alles ist mit Spinnweben überzogen. Hier in diesem Zimmer.« Sie hatte das Gespinst abgeschüttelt und zugesehen, wie es zu Boden segelte. Dann hatte sie sich an die Schläfen gegriffen. »Und hier in meinem Kopf.«

Erst viel später, als sie der Kunst der Medizin begegnet war, hatte sie erfahren, dass es eigentlich nicht ihr Kopf sein konnte, in dem sie die Spinnweben spürte, weil nach der gängigen Lehrmeinung ihre Gedanken und Gefühle in ihrem Herzen saßen. Eine Weile hatte sie versucht, das, was sie empfand, mit dem, was man sie gelehrt hatte, in Einklang zu bringen, aber als die Spinnweben immer dichter geworden waren und das Grau ihrer Umgebung immer düsterer, da hatte sie für sich selbst entschieden, ihren eigenen Sinnen zu trauen. Schließlich hatte sie sich selbst davon überzeugt, dass die melancholia im Kopf saß, nicht im Herzen.

Eine zweite Fliege kam angeflogen und setzte sich neben die erste auf den Schnabel des toten Schwans. Katharina löste den Blick von den winzigen Tieren und straffte die Schultern. Dieser Tag war kurz davor, sich zu wandeln und zu einem schlechten Tag zu werden. Das Beste, was sie dagegen tun konnte, war, zu ihrem Bruder zu gehen und sich von seiner fröhlichen Gegenwart aufmuntern zu lassen. Wenn sie nicht bald Matthias’ Lachen hörte, würde sie in Kürze völlig in graue, spinnwebenverklebte Starre versinken.

Sie nahm eine Handvoll halb verrottetes Laub und breitete es über den toten Schwan. Ein intensiver Geruch von Erde und Fäulnis stieg in die Luft.

Manch Schrecken ließ sich verbergen, aber trotzdem war er immer noch da. Unter der Oberfläche. Katharina verließ die Insel Schüdt auf dem gleichen Weg, auf dem sie gekommen war, und wandte sich dann Richtung Norden. Es ging inzwischen auf die Mittagsstunde zu, und das war der Moment, in dem Matthias’ Dienst enden würde.

Einer der Felsengänge, die die Röhrenmeister zu begehen und zu kontrollieren hatten, endete in den Gewölben des Nürnberger Lochgefängnisses, das sich in den Gewölben unter dem Rathaus befand. Katharina wusste, dass Matthias und sein Freund Faro es sich zur Gewohnheit gemacht hatten, ihren täglichen Rundgang bei Sebald Groß zu beenden. Er war der Lochwirt, und als solcher hatte er seine Wohnung direkt neben dem Kerker. »Einkehren beim Wirt zum Grünen Frosch« nannte Matthias das, und Katharina schalt ihn oft deswegen. Denn dieser Ausdruck war die spöttische Bezeichnung der Nürnberger dafür, ins Lochgefängnis gesteckt zu werden. Aber so war Matthias – ein wahrer Bruder Leichtfuß, der sich wenig darum scherte, ob es passend war, was er sagte, und noch weniger darum, was andere von ihm dachten. Bei diesem Gedanken wurde Katharina warm ums Herz.

Das Rathaus lag der Sebalduskirche gegenüber, ganz in der Nähe des Hauptmarktes mit seinem prachtvollen goldverzierten Brunnen. Allein durch seine Bauweise – hohen spitzbogigen Fenstern, einem großflächigen steilen Dach und dem kleinen Kapellenchörlein an seiner Ostseite – sprach das Rathaus von der Macht der Nürnberger Bürger.

Der Eingang zum Lochgefängnis lag in einer schmalen Gasse und hätte leicht übersehen werden können, so unauffällig war er im Gegensatz zu der breiten steinernen Treppe, die linkerhand in den Rathaussaal hinaufführte. Hinter einer nur wenig verzierten Holzwand befand sich eine ebenso schlichte, jedoch massive Tür ohne jede Kennzeichnung. Dieser Tür gegenüber, auf der anderen Seite der Gasse, befand sich die Wohnung des Lochwirtes. Ihr Eingang war kaum mehr verziert als jener des Loches, doch wenigstens führte zu ihm eine steinerne Stufe hinauf, und ein Klingelzug ragte direkt daneben aus der Wand.

Katharina langte nach dem Griff der Klingel, der wie ein Steigbügel geformt war. Kindern der Umgebung diente er für ihre Mutproben, die darin bestanden, unten an der Pegnitz einen Frosch zu fangen, ihn an dem Klingelzug aufzuhängen und dann zu läuten, ohne dabei vom Lochwirt erwischt zu werden.

Es dauerte eine Weile, bis sich die Tür zu Sebalds Wohnung öffnete. Eine alte Frau streckte den Kopf durch den Spalt. »Wer ist da?« Sie reichte Katharina nur knapp bis an die Brust, und ihr weißes Haar stand wirr in alle Himmelsrichtungen ab.

»Guten Morgen, Sigrid!« Katharina trat einen Schritt näher und verbiss es sich, die alte Frau darauf hinzuweisen, dass ihr Sohn ihr verboten hatte, einfach zu öffnen, ohne zu wissen, wer draußen stand.

»Katharina!« Die Tür wurde weit aufgerissen. »Komm rein, meine Liebe! Du willst zu Sebald, nicht wahr?«

Aus reiner Gewohnheit sah Katharina sich nach rechts und links um, bevor sie die Wohnung des Lochwirts betrat. »Ja. Ist er da?«

»Wer ist gekommen, Mutter?« Sebalds Stimme erklang aus einem der hinteren Räume, und während Sigrid die Tür wieder schloss, wandte sich Katharina nach rechts und betrat einen gefliesten, als Stube dienenden Raum.

Mehrere Stühle standen hier um einen runden Tisch, und die Schränke waren in die Wände eingelassen, so dass sie keinen Platz raubten. Ein Fenster führte auf die Gasse hinaus und ließ nur wenig Licht herein, denn die Häuser hier standen eng.

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