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Septimus Heap Syren

 

Angie Sage

 

SEPTIMUS HEAP

SYREN

 

Aus dem Englischen von

Reiner Pfleiderer

 

Mit Illustrationen von

Mark Zug

 

Carl Hanser Verlag

 

Inhalt

 

7Prolog: Eine unverhoffte Begegnung

141  Beförderung

212  In der Hüterhütte

323  Barney Pot

454  Der Künftige

515  412 und 409

606  Jim Knee

727  Der Pastetenladen

788  Der Porter Hexenzirkel

899  Der Grim

10210  Entkommen!

10811  Im Hafen

11712  Vom Regen in die Traufe

13013  Drachenflug

13914  Der Handelsposten

14915  Die Cerys

16116  Das Taubenpostamt

17017  Die Truhe

18018  Eine Vorstellung

19019  Sturm

19720  Miarr

20321  Trudelflug

21522  Die Insel

22323  Der Eimer

23324  Post

24425  Auf Zaubererart

25326  Auf Hexenart

26727  Zum Leuchtturm

27628  Im Zangengriff

28329  Unsichtbar

29430  Die Rote Röhre

30231  Syrah Syara

31432  Gedankenschirm

32533  Die Zinne

33634  Die Sirene

34635  In den Tiefen

35336  Oberkadett

36337  Syrahs Sirenes Buch

37238  Projektionen

38439  Nickos Wache

39540  Gestrandet

40641  Der Laderaum

41442  Der Bananenmann

42443  Ausbruch

43644  Der Dschinn

44745  Schildkröte und Ameisen

45846  Die silberne Schlange

46747  Auf zur Burg?

47848  Auf Tentakeln

49449  Heimkehr

509      Was ihr vielleicht noch wissen wollt über …

PROLOG:
EINE UNVERHOFFTE BEGEGNUNG

 

 

Es ist Nickos erste Nacht außerhalb des Foryxhauses, und Jenna hat das Gefühl, dass er langsam den Verstand verliert.

Einige Stunden zuvor haben Septimus und Feuerspei auf Nickos Drängen hin ihn, Jenna, Snorri, Ullr und Beetle zum Handelsposten geflogen – das ist eine lange Reihe von Häfen an der Küste des Landes –, in dem das Foryxhaus versteckt liegt. Nicko wollte unbedingt wieder einmal das Meer sehen, und keiner, nicht einmal Marcia, mochte es ihm verwehren.

Septimus protestierte etwas heftiger als alle anderen. Nach dem langen Flug von der Burg zum Foryxhaus war sein Drache müde, und sie hatten noch eine lange Heimreise mit dem schwerkranken Ephaniah Grebe vor sich. Aber Nicko ließ nicht mit sich reden. Er musste einfach hin, und ausgerechnet zu einem baufälligen Fischerschuppen in Hafen Nummer Drei, der zu den kleineren Häfen am Handelsposten gehörte und hauptsächlich von einheimischen Fischern benutzt wurde. Wie Nicko ihnen erzählte, gehörte der Fischerschuppen dem Bootsmann eines Schiffes, mit dem er und Snorri in all den Jahren in der Vergangenheit mehrmals von Port zum Handelsposten gefahren waren. Bei einer dieser Überfahrten hatte Nicko das Schiff vor dem Untergang bewahrt, als er einen gebrochenen Mast reparierte, und aus Dankbarkeit hatte ihm der Bootsmann, ein Mr. Higgins, einen Schlüssel für seinen Fischerschuppen gegeben und darauf bestanden, dass Nicko jedes Mal, wenn er den Handelsposten besuchte, dort übernachtete.

Als Septimus darauf hinwies, dass inzwischen fünfhundert Jahre vergangen seien und das Angebot möglicherweise nicht mehr stehe – von dem Schuppen ganz zu schweigen –, hatte Nick entgegnet, dass es selbstverständlich noch stehe, ein Angebot sei ein Angebot. Er wolle nur mal wieder Boote um sich haben, das Meeresrauschen hören, salzige Seeluft schnuppern. Septimus ließ es dabei bewenden. Wie konnte er – oder einer der anderen – Nicko einen solchen Wunsch abschlagen?

Und so kam es, dass er sie allen Bedenken zum Trotz am Ende der schäbigen Gasse absetzte, in der laut Nicko der Fischerschuppen dieses Mr. Higgins lag. Anschließend war er mit Feuerspei zu dem verschneiten Baumhaus in der Nähe des Foryxhauses zurückgeflogen, in dem Ephaniah Grebe, Marcia und Sarah Heap darauf warteten, dass er sie zur Burg zurückbrachte.

Doch nach seinem Abflug hatten sich die Dinge in dem Fischerschuppen nicht besonders gut angelassen. Zuerst musste Nicko in den Schuppen einbrechen, weil zu seinem Erstaunen der Schlüssel nicht passte, und was sie dann drinnen vorfanden, war nicht dazu angetan, jemanden zu begeistern. Es stank. Außerdem war es dunkel, feucht und kalt, und nach dem Haufen halb verfaulter Fische zu urteilen, der sich unter dem kleinen, unverglasten Fenster türmte, wurde der Schuppen als Müllkippe für Fischabfälle genutzt. Und schließlich gab es, wie Jenna gereizt feststellte, nirgendwo einen Platz zum Schlafen. Ein Großteil der beiden Obergeschosse fehlte, und im Dach klaffte ein großes Loch, das dem hiesigen Möwenvolk offensichtlich als Toilette diente. Doch auch davon ließ sich Nicko nicht beirren. Erst als Beetle durch den morschen Fußboden brach und, am Gürtel hängend, über einem Keller baumelte, in dem eine schleimige, nicht näher zu bestimmende Brühe stand, gab es einen Aufstand.

Dies ist der Grund, warum wir Jenna, Nicko, Snorri, Ullr und Beetle jetzt vor einer heruntergekommenen Schenke im Hafen Nummer Eins stehen sehen – dem nächsten Gasthaus, in dem es etwas zu essen gibt. Sie lesen gerade das Gekrakel auf einer Schiefertafel, auf der drei Sorten Fisch, ein Gericht namens Überraschungspfanne und Steaks von einem Tier, von dem noch niemand gehört hat, feilgeboten werden.

Jenna sagt, ihr sei es egal, was das für ein Tier sei, Hauptsache kein Foryx. Und Nicko meint, ihm sei es auch egal – er nehme eine Portion von allem. Zum ersten Mal seit fünfhundert Jahren habe er Hunger. Dagegen kann niemand etwas einwenden.

Und auch in der Schenke hat niemand etwas einzuwenden, was möglicherweise an dem großen grünäugigen Panther liegt, der dem großen blonden Mädchen wie ein Schatten folgt und ein leises, heiseres Knurren vernehmen lässt, sobald sich jemand nähert. Jenna ist sehr froh über Ullrs Gesellschaft – die Schenke ist eine wenig vertrauenerweckende Spelunke voller Seeleute, Fischer und Händler aller Art, denen nicht entgangen ist, wie die vier Jugendlichen am Tisch neben der Tür Platz genommen haben. Ullr kann ihnen diese Leute vom Leib halten, aber auch er kann nicht verhindern, dass sie ständig aufdringlich angestarrt werden.

Alle nehmen die Überraschungspfanne, mit der sie allerdings, wie Beetle hinterher bemerkt, keine glückliche Wahl getroffen haben. Nicko macht indessen seine Drohung wahr und isst sich durch die gesamte Speisekarte. Unter den Blicken der anderen verdrückt er mehrere komisch geformte Fische, garniert mit einer Art Seegras, und ein dickes rotes Steak mit weißen Borsten an der Kruste, die er, nachdem er einen Bissen davon probiert hat, an Ullr verfüttert. Schließlich nimmt er sein letztes Gericht in Angriff – einen länglichen weißen Fisch mit vielen kleinen Gräten und vorwurfsvoll blickenden Augen. Jenna, Beetle und Snorri haben unterdessen ihren Nachtisch aufgegessen – eine Schüssel Bratäpfel, mit süßen Streuseln bestreut und mit Schokoladensoße übergossen. Und jetzt hat Jenna ein flaues Gefühl im Magen. Am liebsten würde sie sich sofort hinlegen, und selbst ein Haufen feuchter Fischernetze in einem übel riechenden Schuppen wäre ihr recht. Sie bemerkt nicht, dass es im Café still geworden ist und dass alle Augen auf einen ungewöhnlich prächtig gekleideten Kaufmann gerichtet sind, der soeben eingetreten ist. Der Kaufmann lässt den Blick durch die halbdunkle Schankstube schweifen, entdeckt aber nicht die Person, die er sucht, dafür aber eine andere, die er nie und nimmer hier erwartet hätte – seine Tochter.

»Jenna!«, ruft Milo Banda. »Was um alles in der Welt machst du denn hier?«

Jenna springt auf. »Milo!«, stößt sie hervor. »Und was machst du hier …« Ihre Stimme verliert sich. Im Stillen denkt sie, dass sie ihren Vater genau an einem solchen Ort erwarten würde – in einer Spelunke voller zweifelhafter Leute, die nach zwielichtigen Geschäften aussehen und etwas unterschwellig Bedrohliches haben.

Milo zieht einen Stuhl heran und setzt sich zu ihnen. Er will alles wissen – warum sie hier sind, wie sie hergekommen sind, wo sie wohnen. Jenna hat keine Lust, es ihm zu erklären. Das soll Nicko übernehmen. Es ist seine Geschichte. Außerdem möchte sie nicht, dass die ganze Schenke mithört – was ganz bestimmt der Fall wäre.

Milo besteht darauf, die Zeche zu bezahlen, und führt sie auf den belebten Kai hinaus.

»Mir ist immer noch unbegreiflich, was euch hierher verschlagen hat«, sagt er missbilligend. »Ihr dürft keine Sekunde länger hierbleiben. Das ist keine Umgebung für euch. Mit solchen Leuten solltet ihr nicht verkehren, Jenna.«

Jenna antwortet nicht und verkneift sich die Bemerkung, dass er selbst offenbar recht gern mit ihnen verkehrt.

Milo fährt fort. »Der Handelsposten ist kein Platz für Wickelkinder …«

»Wie sind keine …«, protestiert Jenna.

»Aber fast. Ihr kommt jetzt alle mit auf mein Schiff.«

Jenna mag es nicht, wenn man ihr sagt, was sie zu tun hat, obwohl der Gedanke an ein warmes Bett für die Nacht höchst verlockend ist.

»Nein danke, Milo«, erwidert sie frostig.

»Was soll das heißen?«, fragt Milo ungläubig. »Ich lasse nicht zu, dass ihr nachts allein hier herumstromert.«

»Wir stromern nicht …«, beginnt Jenna, wird aber von Nicko unterbrochen.

»Was für ein Schiff ist es denn?«, erkundigt er sich.

»Eine Barkentine«, antwortet Milo.

»Wir kommen mit«, sagt Nicko.

Und damit ist es beschlossene Sache. Sie werden auf Milos Schiff übernachten. Jenna ist erleichtert, zeigt es aber nicht. Auch Beetle ist erleichtert, und er zeigt es. Ein breites Grinsen legt sich auf sein Gesicht, und sogar Snorri lächelt schwach, als sie sich, dicht gefolgt von Ullr, an Milos Fersen heftet.

Milo führt sie hinten um das Café herum und durch ein Tor in der Mauer in eine dunkle Gasse, die auf der Rückseite des betriebsamen Hafens entlangführt. Es ist eine Abkürzung, die tagsüber von vielen Leuten benutzt wird, die nachts lieber im hell erleuchteten Hafen bleiben – sofern sie keine dunklen Geschäfte zu tätigen haben. Sie sind kaum ein paar Schritte gegangen, da kommt ihnen eine dunkle Gestalt entgegengerannt. Milo tritt vor sie hin und versperrt ihr den Weg.

»Du kommst spät«, knurrt er.

»Bitte um Vergebung«, erwidert der Mann. »Ich …« Er hält inne, um Atem zu holen.

»Ja?«, fragt Milo ungeduldig.

»Wir haben sie.«

»Tatsächlich? Ist sie unbeschädigt?«

»Ja.«

»Und niemand hat euch gesehen?« Milo klingt besorgt.

»Äh, nein, Sir. Keine … keine Menschenseele, Sir, und das ist die Wahrheit, Sir, ehrlich.«

»Schon gut, schon gut, ich glaube dir. Wann wird sie hier sein?«

»Morgen, Sir.«

Milo nickt beifällig und reicht dem Mann einen kleinen Beutel mit Geldstücken. »Für deine Bemühungen. Den Rest bei Lieferung. Bei pünktlicher und diskreter Lieferung.«

»Vielen Dank, Sir.« Der Mann verbeugt sich, und im nächsten Moment hat ihn die Dunkelheit verschluckt.

Milo lässt den Blick über sein verdutztes Publikum gleiten. »Nur eine kleine Anschaffung. Etwas ganz Besonderes für meine Prinzessin.« Er lächelt Jenna stolz an.

Jenna lächelt halb zurück. Irgendwie mag sie Milos Art – und irgendwie auch wieder nicht. Es ist sehr verwirrend.

Später, als sie an Milos Schiff, der Cerys, ankommen, ist Jenna weniger verwirrt – die Cerys ist das schönste Schiff, das sie je gesehen hat, und selbst Nicko muss zugeben, dass es besser ist als der stinkende Fischerschuppen.

* 1 *
BEFÖRDERUNG

 

 

Septimus Heap, Außergewöhnlicher Lehrling, erwachte, als seine Hausmaus einen Brief für ihn auf sein Kopfkissen legte. Schlaftrunken öffnete er die Augen, und mit einem Gefühl der Erleichterung erinnerte er sich, wo er war – wieder in seinem Zimmer oben im Zaubererturm. Queste beendet. Und dann fiel ihm ein, dass Jenna, Nicko, Snorri und Beetle noch nicht wieder zu Hause waren. Er setzte sich auf, mit einem Mal hellwach. Ganz gleich was Marcia sagte: Heute würde er hinfliegen und sie zurückholen.

Er griff nach dem Brief und wischte ein paar Mäusekötel von seinem Kissen. Vorsichtig faltete er das kleine Stück Papier auseinander und las:

KANZLEI MARCIA OVERSTRAND,

AUSSERGEWÖHNLICHE ZAUBERIN.

Septimus, ich würde dich gern um Punkt zwölf in meinem Studierzimmer sprechen. Ich hoffe, es passt dir.

Marcia

 

Septimus stieß einen leisen Pfiff aus. Seit fast drei Jahren war er jetzt Marcias Lehrling, aber noch nie hatte er eine Verabredung mit ihr gehabt. Wenn Marcia ihn zu sprechen wünschte, unterbrach sie ihn gewöhnlich bei dem, was er gerade tat, und fing einfach an zu reden. Und Septimus musste augenblicklich innehalten und zuhören.

Heute aber, am zweiten Tag nach seiner Rückkehr von der Queste, schien es, als hätte sich etwas verändert. Während er den Brief ein zweites Mal las, nur um sicherzugehen, drang von fern der Glockenschlag der Turmuhr im Tuchhändlerhof durchs Fenster. Er zählte die Schläge – elf – und atmete erleichtert auf. Es wäre nicht gut, wenn er zu seiner allerersten Verabredung mit Marcia zu spät käme. Er hatte lang geschlafen, aber auf Marcias Geheiß. Außerdem hatte sie zu ihm gesagt, dass er die Bibliothek heute Morgen nicht sauber zu machen brauche. Er betrachtete den regenbogenfarbenen Sonnenstrahl, der durch die lila Fensterscheibe blinzelte, schüttelte den Kopf und grinste – daran könnte er sich gewöhnen.

Eine Stunde später, bekleidet mit der neuen grünen Lehrlingstracht, die im Zimmer für ihn bereitgelegen hatte, klopfte Septimus höflich an Marcias Tür.

»Komm herein, Septimus«, drang Marcias Stimme durch das dicke Eichenholz. Er stieß die knarrende Tür auf und trat ein. Marcias Studierzimmer war ein kleiner getäfelter Raum mit einem großen Schreibtisch unter dem Fenster und einem Hauch Magie in der Luft, der Septimus auf der Haut kribbelte. An den Wänden reihten sich Regale, die überquollen von abgegriffenen, in Leder gebundenen Büchern, vergilbten, mit lila Bändern verschnürten Papierbündeln und unzähligen braunen und schwarzen Glasgefäßen, deren Inhalt so alt war, dass nicht einmal Marcia recht wusste, was sie damit anfangen sollte. Zwischen den Gläsern entdeckte Septimus etwas, was der ganze Stolz und die ganze Freude seines Bruders Simon war – einen schwarzen Kasten, auf dem in der kringeligen Schrift der Heaps Spürnase stand. Septimus warf verstohlen einen Blick aus dem hohen, schmalen Fenster. Er liebte die Aussicht aus Marcias Fenster – ein atemberaubendes Panorama über die Dächer der Burg hinüber zum Fluss und weiter bis zu den grünen Hängen der Ackerlande. In weiter, weiter Ferne schimmerten verschwommen die blauen Vorberge der Ödlande im Dunst.

Marcia saß hinter dem Schreibtisch auf ihrem sehr abgewetzten – aber sehr bequemen – großen lila Stuhl. Sie bedachte ihren Lehrling, der heute ungewöhnlich gut gekleidet war, mit einem liebevollen Blick und lächelte.

»Guten Tag, Septimus«, sagte sie. »Setz dich doch.« Sie deutete auf den kleineren, aber ebenso bequemen grünen Stuhl auf der anderen Seite des Tisches. »Ich hoffe, du hast gut geschlafen?«

Septimus nahm Platz. »Ja, danke«, antwortete er, etwas argwöhnisch. Warum war Marcia so nett?

»Du hast eine schwere Woche hinter dir, Septimus«, begann Marcia. »Nun ja, das haben wir alle. Es ist sehr schön, dich wieder hier zu haben. Hier ist etwas für dich.« Sie öffnete eine kleine Schublade, entnahm ihr zwei lila Bänder aus Seide und legte sie auf den Tisch.

Septimus wusste, was das für Bänder waren – die lila Streifen eines Oberlehrlings, die er, wenn seine Lehre gut verlief, im letzten Jahr bekam und tragen durfte. Es war nett von Marcia, ihn wissen zu lassen, dass sie ihn zu gegebener Zeit zum Oberlehrling befördern würde. Aber bis zum letzten Lehrjahr war es noch lange hin, und er wusste nur zu gut, dass bis dahin noch allerhand schiefgehen konnte.

»Weißt du, was das ist?«, fragte Marcia.

Septimus nickte.

»Schön. Sie gehören dir. Ich ernenne dich hiermit zum Oberlehrling.«

»Wie? Jetzt?«

Marcia grinste breit. »Ja, jetzt.«

»Jetzt? Also heute?«

»Ja, Septimus, heute. Ich will hoffen, dass deine Ärmelenden noch sauber sind. Du hast sie beim Frühstück doch nicht mit Ei bekleckert?«

Septimus inspizierte seine Ärmel. »Nein, sie sind sauber.«

Marcia stand auf, und Septimus folgte ihrem Beispiel – ein Lehrling darf nie sitzen, wenn der Meister steht. Marcia nahm die Bänder vom Tisch und legte sie auf die Säume seiner hellgrünen Ärmel. Ein leichter Knall ertönte, eine lila Wolke aus magischem Nebel stieg auf, und die Bänder schlangen sich um die Ärmel und verschmolzen mit der Jacke. Septimus betrachtete sie verblüfft. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Marcia schon.

»Ich muss dich jetzt ein wenig über die Rechte und Pflichten eines Oberlehrlings aufklären, Septimus. Du darfst fünfzig Prozent deiner Projekte wie auch deines Stundenplans selbst bestimmen – mit Sinn und Verstand selbstverständlich. Es kann vorkommen, dass du gebeten wirst, mich bei den Versammlungen auf der unteren Ebene im Zaubererturm zu vertreten – wofür ich dir im Übrigen sehr dankbar wäre. Als Oberlehrling kannst du kommen und gehen, ohne um Erlaubnis zu fragen, allerdings gilt es als höflich, wenn du mir Bescheid gibst, wohin du gehst und wann du wiederzukommen gedenkst. Da du aber noch so jung bist, bestehe ich darauf, dass du an den Wochentagen bis spätestens neun Uhr abends und bei besonderen Anlässen bis spätestens Mitternacht zurück bist, verstanden?«

Septimus, der noch immer die lila Streifen bestaunte, die magisch an seinen Ärmeln schimmerten, nickte. »Verstanden … glaube ich … aber warum …?«

»Weil du der einzige Lehrling bist, der jemals von der Queste zurückgekehrt ist“, antwortete Marcia. »Und du bist nicht nur wohlbehalten zurückgekehrt, sondern hast deine Aufgabe auch erfolgreich gemeistert. Und was noch unglaublicher ist: Du bist auf diese … diese schreckliche Reise geschickt worden, bevor du die Hälfte deiner Lehre hinter dir hattest, und trotzdem hast du es geschafft. Du hast deine magischen Fähigkeiten besser zu nutzen gewusst, als es viele Zauberer in diesem Turm jemals erhoffen können. Aus diesem Grund bist du jetzt Oberlehrling. Einverstanden?«

»Einverstanden.« Septimus lächelte. »Aber …«

»Was aber?«

»Ohne Jenna und Beetle hätte ich die Queste nicht bestanden. Und sie sitzen noch in diesem stinkigen kleinen Fischerschuppen am Handelsposten. Und Nicko und Snorri auch. Wir haben versprochen, unverzüglich wiederzukommen und sie zu holen.«

»Das werden wir auch«, erwiderte Marcia. »Sie erwarten bestimmt nicht, dass wir sofort umkehren und zurückfliegen, Septimus. Außerdem hatte ich noch gar keine Zeit, seit wir zurück sind. Heute Morgen bin ich früh aufgestanden und habe bei Zelda etwas von diesem scheußlichen Heiltrank für Ephaniah und Hildegard geholt – die beiden sind immer noch sehr krank. Und heute Nacht muss ich noch bei Ephaniah wachen, aber gleich morgen früh fliege ich mit Feuerspei los und hole die anderen. Sie sind bald wieder hier, das verspreche ich dir.«

Septimus betrachtete seine lila Streifen, die wunderbar magisch schillerten, wie Öl auf Wasser. Er erinnerte sich an Marcias Worte: »Als Oberlehrling kannst du kommen und gehen, ohne um Erlaubnis zu fragen, allerdings gilt es als höflich, wenn du mir Bescheid gibst, wohin du gehst und wann du wiederzukommen gedenkst.«

»Ich werde sie holen«, sagte er, indem er prompt den Ton eines Oberlehrlings anschlug.

»Nein, Septimus«, entgegnete Marcia, die bereits vergaß, dass sie jetzt mit einem Oberlehrling sprach. »Das ist viel zu gefährlich. Außerdem bist du noch zu erschöpft von der Queste. Du musst dich ausruhen. Ich werde gehen.«

»Vielen Dank für das Angebot, Marcia«, sagte Septimus etwas förmlich – eben so, wie er glaubte, dass Oberlehrlinge sprechen sollten. »Aber ich habe die Absicht, selbst zu gehen. Ich werde mit Feuerspei in einer guten Stunde losfliegen. Spätestens übermorgen dürfte ich zurück sein, um Mitternacht, denn hier kann man, glaube ich, mit Fug und Recht von einem besonderen Anlass sprechen.«

»Oh.« Marcia bereute, dass sie Septimus so umfassend über seine Rechte als Oberlehrling aufgeklärt hatte. Sie setzte sich und betrachtete ihn mit nachdenklichem Blick. Ihr frischgebackener Oberlehrling schien plötzlich gewachsen zu sein. Seine hellgrünen Augen versprühten eine neue Selbstsicherheit, erwiderten standhaft ihren Blick, und – ja, vorhin, als er hereinkam, hatte sie gleich gemerkt, dass etwas anders war – er hatte sich die Haare gekämmt!

»Soll ich kommen und mich von dir verabschieden?«, fragte Marcia leise.

»Ja, bitte«, antwortete Septimus. »Das wäre sehr nett. Ich bin in knapp einer Stunde unten auf der Drachenwiese.« An der Tür blieb er stehen und drehte sich um. »Danke, Marcia«, sagte er mit einem breiten Grinsen. »Ich danke Ihnen wirklich sehr.«

Marcia lächelte zurück und beobachtete, wie ihr Oberlehrling mit einem neuen federnden Gang das Studierzimmer verließ.

* 2 *
IN DER HÜTERHÜTTE

 

 

Es war ein heller, stürmischer Frühlingstag in den Marram-Marschen. Der Wind hatte den frühmorgendlichen Nebel vertrieben, und kleine weiße Wolkenfetzen jagten am Himmel dahin. Es war kalt, und die Luft roch nach Meersalz, morastiger Erde und angebrannter Kohlsuppe.

Ein schlaksiger Junge mit langen verfilzten Haaren stand in der Tür einer kleinen Steinhütte und setzte sich einen Rucksack auf die breiten Schultern. Etwas, was aussah wie eine voluminöse Flickendecke, half ihm dabei.

»Und du bist dir wirklich sicher, dass du den Weg kennst?«, fragte der Fliegenteppich besorgt.

Der Junge nickte und rückte den Rucksack zurecht. Mit seinen braunen Augen lächelte er die dicke Frau an, die in den Falten des Teppichs steckte. »Ich habe doch deine Karte, Tante Zelda«, sagte er und zog ein Stück zerknülltes Papier aus der Tasche. »Genau genommen habe ich alle deine Karten.« Er förderte weitere Papierknäuel zutage. »Hier zum Beispiel … vom Schlangengraben zum Doppelkanal. Vom Doppelkanal zum Loch des Verderbens. Vom Loch des Verderbens zum Breitweg. Vom Breitweg zu den Schilfwiesen. Von den Schilfwiesen zum Dammweg.«

»Aber vom Dammweg nach Port? Hast du die auch?« Tante Zeldas hellblaue Hexenaugen blickten sorgenvoll.

»Klar. Aber die brauche ich nicht. Die Strecke habe ich genau im Kopf.«

»Du meine Güte«, seufzte Tante Zelda. »Hoffentlich stößt dir nichts zu, mein lieber Wolfsjunge.«

Wolfsjunge blickte auf Tante Zelda hinab, etwas, was erst seit Kurzem möglich war – das lag zum einen daran, dass er schnell wuchs, und zum anderen daran, dass Tante Zeldas Rücken etwas krummer geworden war. Er nahm sie in die Arme und drückte sie fest. »Es wird mir schon nichts passieren«, sagte er. »Morgen bin ich zurück, wie besprochen. Lausche nach mir um die Mittagszeit.«

Tante Zelda schüttelte den Kopf. »Ich höre neuerdings nicht mehr so gut«, sagte sie etwas wehmütig. »Der Boggart wird dich erwarten. Ja, wo ist er denn überhaupt?« Sie ließ den Blick über den Mott schweifen, der sich jetzt, bei steigender Flut, rasch mit brackigem Wasser füllte. Es sah trüb und schlammig aus und erinnerte Wolfsjunge an die Braunkäferrübensuppe, die Tante Zelda am Abend zuvor gekocht hatte. Hinter dem Mott erstreckte sich die weite offene Fläche der Marram-Marschen mit ihrem Gewirr aus langen gewundenen Kanälen und Gräben, tückischen Sümpfen, kilometertiefen Schlammlöchern und ihren vielen seltsamen – und nicht immer freundlichen – Bewohnern.

»Boggart!«, rief Tante Zelda. »Boggart!«

»Ist schon gut«, sagte Wolfjunge, der endlich aufbrechen wollte. »Ich brauche den Bog …«

»Ach, da bist du ja, Boggart!«, rief Tante Zelda, als ein dunkelbrauner seehundähnlicher Kopf aus dem schlammigen Wasser des Mott auftauchte.

»Ja, hier bin ich«, sagte das Geschöpf und betrachtete Tante Zelda missmutig aus seinen großen braunen Augen. »War grade eingenickt. Oder fast.«

»Tut mir schrecklich leid, lieber Boggart«, sagte Tante Zelda. »Aber ich hätte gern, dass du Wolfsjunge zum Dammweg bringst.«

Der Boggart blies eine ärgerliche Schlammblase. »Is aber ’n weiter Weg dahin, Zelda.«

»Ich weiß. Und ein tückischer obendrein, selbst mit Karte.«

Der Boggart seufzte. Ein Schlammstrahl spritzte aus seinen Nasenlöchern auf Tante Zeldas Flickenkleid und hinterließ dort einen weiteren Schlammfleck. Der Boggart beäugte Wolfsjunge mürrisch. »Dann man los, bevor wir hier Wurzeln schlagen«, sagte er. »Mir nach.« Und er schwamm, die schlammige Wasseroberfläche durchschneidend, den Mott entlang.

Tante Zelda zog Wolfsjunge in eine Flickendeckenumarmung. Dann schob sie ihn ein Stück von sich weg, ohne ihn loszulassen, und musterte ihn nervös mit ihren blauen Hexenaugen. »Hast du meinen Brief?«, fragte sie, mit einem Mal ernst.

Wolfsjunge nickte.

»Du weißt, wann du ihn lesen musst? Erst dann und nicht früher?«

Wolfsjunge nickte abermals.

»Du musst mir vertrauen«, sagte Tante Zelda. »Du vertraust mir doch, oder?« Diesmal nickte Wolfsjunge verhaltener. Er sah Tante Zelda verwirrt an. Ihre Augen leuchteten verdächtig hell.

»Ich würde dich nicht schicken, wenn ich nicht glauben würde, dass du dieser Aufgabe gewachsen bist. Das weißt du doch?«

Wolfsjunge nickte misstrauisch.

»Und … ach, Wolfsjunge, du weißt doch, wie sehr du mir am Herzen liegst, nicht wahr?«

»Natürlich«, brummte Wolfsjunge, dem langsam unbehaglich zumute wurde. Tante Zelda sah ihn so merkwürdig an. Als könnte es das letzte Mal sein. Er wusste nicht recht, ob ihm das gefiel. Unvermittelt machte er sich von ihr los. »Wiedersehen, Tante Zelda«, sagte er und rannte dem Boggart nach, der bereits die neue Bohlenbrücke über den Mott erreicht hatte und ungeduldig auf ihn wartete.

Warm eingepackt in ihr gefüttertes Flickenkleid, an dem sie einen Großteil des Winters genäht hatte, blieb Tante Zelda neben dem Mott stehen und sah zu, wie sich Wolfsjunge auf den Weg in die Marschen machte. Er schlug einen, wie es schien, seltsam zickzackförmigen Kurs ein, aber Tante Zelda wusste, dass er dem schmalen Pfad folgte, der an den Windungen und Schleifen des Schlangengrabens entlangführte. Sie schützte ihre alten Augen mit der Hand vor dem Licht, das von dem weiten Himmel über den Marram-Marschen strahlte und das selbst an bewölkten Tagen unangenehm hell war. Sie beobachtete, wie Wolfsjunge dann und wann auf einen Warnruf des Boggarts hin stehen blieb, wie er ein oder zweimal flink über den Graben hüpfte und seinen Weg am anderen Ufer fortsetzte. Sie sah ihm so lange nach, bis seine Gestalt in einer Nebelbank verschwand, die über dem Loch des Verderbens lag – eine bodenlose Schlammgrube, die sich kilometerweit in Richtung Port erstreckte. Es gab nur einen einzigen Weg durch die Grube – auf verborgenen Trittsteinen, und der Boggart kannte jeden Schritt.

Tante Zelda ging langsam wieder den Weg hinauf. Sie trat in die Hüterhütte, schloss sanft die Tür und lehnte sich müde dagegen. Es war ein anstrengender Morgen gewesen – zuerst Marcias überraschender Besuch und die schockierende Nachricht von Septimus’ Queste. Und dann, nachdem Marcia wieder fort war, die Sache mit Wolfsjunge. Sie hatte ihn nur sehr schweren Herzens fortgeschickt, um seine Aufgabe zu erfüllen, obwohl sie wusste, dass es sein musste.

Tante Zelda seufzte schwer und sah sich in ihrer geliebten Hütte um. Die ungewohnte Leere weckte seltsame Gefühle in ihr. Seit über einem Jahr wohnte Wolfsjunge jetzt hier, und sie hatte sich daran gewöhnt, dass bei ihr in der Hütte ein anderes Leben gelebt wurde. Und jetzt hatte sie ihn losgeschickt, um … Tante Zelda schüttelte den Kopf. War sie denn verrückt geworden? Nein, antwortete sie sich streng. Sie war nicht verrückt geworden – es musste sein.

 

Sechs Monate zuvor hatte Tante Zelda erkannt, dass sie sich Wolfsjunge als ihren Lehrling vorstellen könnte – oder als Künftigen Hüter, wie er seit alters her genannt wurde. Es wurde Zeit, dass sie einen auswählte. Ihre Jahre als Hüterin neigten sich dem Ende zu, und sie musste damit beginnen, ihre Geheimnisse weiterzugeben. Doch ein Umstand bereitete ihr Kopfzerbrechen. In der langen Geschichte der Hüterhütte hatte es noch nie einen Mann als Hüter gegeben. Aber Tante Zelda sah keinen Grund, der dagegen sprach. Im Gegenteil. In ihren Augen war es an der Zeit, dass endlich mal ein Mann Hüter wurde. Und so hatte sie Wolfsjunge bangen Herzens losgeschickt, denn erst wenn er seine Aufgabe erfüllt hatte, konnte er ein Künftiger werden, vorausgesetzt natürlich, die Königin gab ihre Zustimmung.

Und solange er fort war, dachte Tante Zelda, während sie die Ablage mit den Kohlmessern durchsah und das Stemmeisen suchte, musste sie alles dafür tun, dass die Königin Wolfsjunges Ernennung auch tatsächlich zustimmte.

»Ah! Da bist du ja«, sagte Tante Zelda zu dem schlummernden Stemmeisen, wobei sie in ihre alte Gewohnheit zurückfiel, Selbstgespräche zu führen, wenn sie allein war. Sie nahm das Stemmeisen aus der Ablage, trug es zum offenen Kamin und schlug den Teppich davor zurück. Schnaufend und keuchend kniete sie nieder und wuchtete eine lose Steinplatte heraus, dann krempelte sie behutsam ihren Ärmel hoch (weil die Große Haarige Marram-Spinne unter den Fliesen nistete und es um diese Jahreszeit nicht ratsam war, sie zu stören) und zog vorsichtig eine lange silberne Röhre hervor, die in dem Hohlraum darunter versteckt war.

Tante Zelda hielt die Röhre mit ausgestrecktem Arm von sich weg und nahm sie misstrauisch in Augenschein. Ein jäher Schreck durchzuckte sie – am Ende der Röhre klebte ein weißes Eigelege der Großen Haarigen Marram-Spinne. Laut kreischend hüpfte Tante Zelda im Kreis und schwenkte die Röhre kräftig hin und her, um die Eier abzuschütteln. Doch die mit Schleim bedeckte silberne Röhre entglitt ihren Händen, segelte in einem schönen Bogen durchs Zimmer und flog durch die offene Küchentür. Tante Zelda vernahm ein vielsagendes Klatschen, das ihr verriet, dass etwas in die Braunkäferkohlsuppe geplumpst war, die nun zu einer Braunkäferspinneneierkohlsuppe wurde. (Am selben Abend wärmte sich Tante Zelda die Suppe auf. Beim Essen selbst dachte sie, dass die Suppe nach dem zusätzlichen Tag auf dem Herd viel besser schmeckte als gestern, und erst hinterher kam ihr der Gedanke, dass dies vielleicht auch an den Spinneneiern lag. Sie ging mit einem flauen Gefühl im Magen zu Bett.)

Tante Zelda war gerade dabei, die Röhre aus der Suppe zu fischen, als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm. Zwei große, behaarte Beine tasteten sich aus dem Hohlraum unter der Steinplatte. Schaudernd hob Tante Zelda die Platte hoch und ließ sie fallen. Mit einem dumpfen Knall, der die Hütte erzittern ließ, schlug sie auf dem Boden auf – und trennte Mama Spinne für immer von ihren Jungen.

Tante Zelda barg die Röhre, setzte sich damit an den Schreibtisch und stärkte sich mit einer Tasse Kohlwasser, in das sie einen großen Löffel Marschbeerenmarmelade rührte. Sie fühlte sich mitgenommen – die Spinne hatte sie daran erinnert, mit welchem Auftrag sie Wolfsjunge losgeschickt hatte und mit welchem Auftrag sie selbst einst von Betty Crackle losgeschickt worden war. Sie seufzte noch einmal und sagte sich, dass sie Wolfsjunge auf die Aufgabe so gut wie nur irgend möglich vorbereitet hatte – zumindest hatte sie den Brief nicht auf Pappe geschrieben, wie es seinerzeit Betty Crackle getan hatte.

Sorgfältig wischte sie die Braunkäferspinneneierkohlsuppe von der Röhre. Dann nahm sie ein kleines silbernes Messer zur Hand, schnitt das Wachssiegel auf und zog ein altes, mit Wasserflecken verunziertes Stück Pergament heraus, auf das oben in altmodischen, verblassten Buchstaben »Lehrvertrag des Künftigen Hüters« geschrieben stand.

Die folgende Stunde brachte Tante Zelda an ihrem Schreibtisch damit zu, Wolfsjunges Namen in den Vertrag einzufügen. Dann stellte sie in ihrer schönsten Schrift einen Antrag auf Bewilligung einer Lehrlingsstelle an die Königin aus, rollte sie mit dem Lehrvertrag zusammen und schob beides in die silberne Röhre. Es wurde Zeit zum Aufbruch – aber vorher wollte sie noch etwas aus dem Schrank für Unbeständige Tränke und Spezialgifte holen.

Für Tante Zelda war es in dem Schrank ziemlich eng, besonders wenn sie ihr dick gefüttertes Kleid anhatte. Sie entzündete die Laterne, öffnete eine verborgene Schublade und zog mithilfe ihrer extra starken Brille ein kleines altes Buch zurate mit dem Titel Der Schrank für unbeständige Tränke und Spezialgifte: Handbuch und Wegweiser für Hüter. Als sie gefunden hatte, was sie suchte, öffnete sie eine kleine blau gestrichene Schublade mit Glücksbringern und Amuletten und spähte hinein. Auf dem blauen Fries, mit dem die Schublade ausgeschlagen war, lagen ordentlich allerlei geschliffene Edelsteine und Kristalle. Tante Zeldas Hand schwebte über einer Auswahl an Sicherheits-Charms, und ihre Stirn legte sich in Falten – was sie suchte, war nicht da. Sie zog noch einmal das Buch zurate, dann fasste sie tiefer in die Schublade hinein, bis ihre Finger ganz hinten einen kleinen Riegel ertasteten. Sie machte ihren kurzen, dicken Zeigefinger ganz lang und schaffte es gerade so, den Riegel nach oben zu klappen. Ein leises Klicken ertönte, und etwas Schweres fiel in die Schublade und rollte nach vorn in den Schein der Laterne.

Tante Zelda nahm eine kleine, birnenförmige goldene Flasche heraus und legte sie sich vorsichtig in die Hand. Sie sah den satten dunklen Glanz reinsten Goldes – von den Aurum-Spinnen gesponnenen Goldes – und einen dicken Silberstöpsel, der mit der Hieroglyphe eines längst vergessenen Namens beschriftet war. Eine leichte Unruhe überkam sie – die kleine Flasche in ihrer Hand war ein unvorstellbar seltener Sicherheits-Charm, den sie nie zuvor berührt hatte.

Seit dem frühen Vormittag, als Marcia die Hüterhütte besucht und den Trank für Ephaniah und Hildegard geholt hatte, war Tante Zelda fürchterlich nervös. Marcia war kaum wieder fort, da hatte sie plötzlich eine Erscheinung gehabt: Septimus auf Feuerspei, ein blendender Blitz und dann nichts mehr, nur schwarze Nacht. Tief erschüttert hatte sie dagesessen, ganz still, und in die schwarze Nacht gestarrt, aber sie hatte nichts mehr gesehen. Und das machte ihr Angst.

Nach der Erscheinung war sie ganz aufgewühlt gewesen. Sie hatte genug Erfahrung mit dem zweiten Gesicht, wie es die Leute nannten, um zu wissen, dass es eigentlich das erste Gesicht heißen müsste – es irrte nämlich nie. Niemals. Und darum wusste sie, dass Septimus auf dem Drachen sitzen würde, obwohl Marcia die Absicht hatte, selbst zu Jenna, Nicko, Snorri und Beetle zu fliegen. Was sie gesehen hatte, würde mit Sicherheit eintreffen. Und sie konnte es nicht verhindern. Sie konnte nur eines tun, sie konnte Septimus den besten Sicherheits-Charm schicken, den sie hatte – und dies war er.

Tante Zelda quetschte sich aus dem Schrank und trug den lebenden Sicherheits-Charm ganz vorsichtig zum Fenster. Sie hielt die kleine Flasche hoch ans Tageslicht, drehte sie und prüfte das alte Wachsiegel rund um den Stöpsel. Es war noch unversehrt – es wies weder Risse noch irgendwelche Anzeichen dafür auf, dass sich jemand daran zu schaffen gemacht hätte. Sie lächelte: Der Charm schlief noch. Alles war gut. Tante Zelda holte tief Luft, und mit einer sonderbar eintönigen Stimme, die jedem Zuhörer Gänsehaut verursacht hätte, machte sie sich daran, ihn aufzuwecken.

Fünf Minuten lang sang Tante Zelda einen der seltensten und kompliziertesten Gesänge, die sie jemals angestimmt hatte. Er enthielt eine Fülle von Regeln, Vorschriften, Klauseln und Unterklauseln, die, hätte man sie aufgeschrieben, jede Rechtsurkunde in den Schatten gestellt hätten. Es war ein verbindlicher Vertrag, und Tante Zelda tat alles Erdenkliche, um mögliche Schlupflöcher zu stopfen. Sie begann damit, dass sie Septimus – den Empfänger des Charms – in aller Ausführlichkeit beschrieb, und während sie sein Lob sang, schwoll ihre Stimme an und erfüllte die kleine Hütte, brachte drei Fensterscheiben zum Zerspringen und die Milch zum Stocken und kringelte sich schließlich durch den Schornstein hinaus in den windigen Frühlingsmorgen des Marschlandes.

Während Tante Zelda sang, schraubte sich ihre Hexenstimme über den Bereich hinaus, in dem das menschliche Ohr Töne wahrnehmen kann, und drang in die Höhen vor, in denen Geschöpfe der Marschen Warnrufe ausstoßen. Eine Familie von Marschhüpfern hüpfte in den Mott, und fünf Wassernixen tauchten tief in das Lieblingsschlammloch des Boggarts. Zwei Marschwühlmäuse rannten quiekend über die Mott-Brücke und purzelten in eine Matschpfütze, und die Marschpython, die gerade in den Mott abbiegen wollte, besann sich eines Besseren und nahm Kurs auf die Hühnerinsel.

Endlich verstummte der Gesang, und die Panik unter den Marschbewohnern rings um die Hütte legte sich. Tante Zelda fädelte ein geflochtenes Lederband durch die silberne Öse am Hals der Flasche und steckte diese vorsichtig in eine der vielen tiefen Taschen ihres Kleides. Als Nächstes ging sie nach hinten in die kleine Küche und widmete sich einer ihrer liebsten Beschäftigungen – Kohlsandwich machen.

Wenig später leistete das Kohlsandwich dem lebenden Sicherheits-Charm tief unten in ihrer Tasche Gesellschaft. Sie wusste, dass das Kohlsandwich Septimus Freude bereiten würde – sie wünschte, sie könnte von dem Sicherheits-Charm dasselbe behaupten.

* 3 *
BARNEY POT

 

 

Tante Zelda steckte fest. Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber es stimmte. Sie versuchte, den Königsweg zu benutzen – einen magischen Korridor, der vom Schrank für Unbeständige Tränke und Spezialgifte direkt in einen Schrank im Königinnengemach im Palast führte. Dieser Schrank, weit entfernt in der Burg, war mit ihrem völlig identisch. Um den Korridor zu öffnen, musste sie zunächst die Schranktür schließen und dann eine bestimmte Schublade neben ihrem rechten Fuß aufziehen. Und nachdem sie Wolfsjunge – und sich selbst – den langen Winter über förmlich gemästet hatte, war das Schließen der Schranktür kein Kinderspiel.

Tante Zelda stemmte sich gegen die überquellenden Regale, atmete ein und zog die Tür zu. Die Tür sprang wieder auf. Tante Zelda knallte sie wieder zu, und eine Reihe von Flaschen mit Tränken kippten leise klirrend hinter ihr um. Ganz vorsichtig drehte sie sich rechts herum den Flaschen zu, und dabei stieß sie gegen einen Stapel kleiner Dosen mit getrockneten Flüchen. Die Dosen fielen scheppernd zu Boden. Schnaufend bückte sich Tante Zelda, um sie aufzuheben, und die Schranktür flog wieder auf.

Vor sich hin brummelnd, stapelte Tante Zelda die Dosen ins Regal zurück und stellte die Flaschen mit den Tränken wieder in eine Reihe. Sie warf einen drohenden Blick auf die Schranktür. Warum war sie so widerspenstig? Mit einem energischen Ruck – nur um der Tür zu zeigen, wer hier das Sagen hatte – zog Tante Zelda sie abermals zu. Dann verharrte sie reglos und wartete. Die Tür blieb zu. Ganz, ganz langsam und vorsichtig drehte sich Tante Zelda herum, bis sie den Regalen das Gesicht wieder zukehrte. Erleichtert atmete sie auf, da sprang die Tür wieder auf. Tante Zelda widerstand dem Verlangen, ein sehr hässliches Hexenwort auszustoßen, fasste hinter sich und schlug die Tür zu. Ein paar Flaschen klirrten, aber sie hörte nicht hin. Rasch, bevor die Tür sich wieder anders besann, zog sie mit dem Fuß die unterste Schublade auf. Geschafft! Hinter ihr verriet ein vielsagendes Klicken im Innern der Tür, dass der Schrank für Unbeständige Tränke und Spezialgifte durch einen Zauber verriegelt und der Königinnenweg geöffnet war. Tante Zelda reiste durch den magischen Korridor – und blieb prompt am anderen Ende stecken.

Es dauerte ein paar Minuten, bis sie es schaffte, aus dem zweiten Schrank im Königinnengemach herauszukommen. Erst als sie die Luft anhielt und sich seitlich nach vorn zwängte, sprang die Schranktür endlich auf. Aber ihr Erscheinen im Königinnengemach entbehrte etwas der Würde und hatte etwas von einem Korken, der aus der Flasche flutschte.

Das Königinnengemach war ein kleiner runder Raum mit nichts darin als einem Kamin, in dem unablässig ein Feuer brannte, einem bequemen Sessel, der direkt davor stand – und einem Geist. Der Geist saß in dem Sessel und blickte verträumt in die Flammen. Es war der Geist einer jungen Königin, einer ehemaligen jungen Königin. Sie trug ihr dunkles Haar offen, nur von einem schlichten Goldreif gebändigt, und hatte sich ihre rot-goldene Robe um den Leib geschlungen, als friere sie. Genau über dem Herzen prangte ein Blutfleck auf der Robe, dort, wo die Königin – die von den Bewohnern der Burg jetzt die gute Königin Cerys genannt wurde – ungefähr zwölfeinhalb Jahre zuvor von einer Pistolenkugel tödlich getroffen worden war.

Bei Tante Zeldas dramatischem Auftritt schaute Königin Cerys auf. Sie sah die Besucherin mit einem fragenden Lächeln an, sagte aber nichts. Tante Zelda machte eilends einen Knicks, huschte durch den Raum und verschwand durch die Wand. Königin Cerys widmete sich wieder der Betrachtung des Feuers und dachte bei sich, dass es doch seltsam war, wie schnell sich Lebende veränderten. Zelda musste aus Versehen einen Vergrößerungszauber gegessen haben. Vielleicht sollte sie es ihr sagen. Oder doch lieber nicht.

Draußen auf dem schmutzigen Treppenabsatz steuerte Tante Zelda unterdessen auf eine schmale Treppe zu, die durch den Turm nach unten führte. Sie hoffte, es war nicht allzu unhöflich von ihr gewesen, an der Königin einfach so vorbeizurauschen. Aber für eine Entschuldigung war später noch Zeit genug. Jetzt musste sie schleunigst zu Septimus.

Am Fuß der Treppe angekommen, stieß sie die Turmtür zum Palastgarten auf und stapfte zielstrebig über den breiten Rasen, der sich bis hinüber zum Fluss erstreckte. Weit entfernt zu ihrer Rechten konnte sie ein zerschlissenes gestreiftes Zelt sehen, das bedenklich nahe am Ufer stand. Tante Zelda wusste, dass in dem Zelt ihre beiden Lieblingsgeister, Alther Mella und Alice Nettles, wohnten, doch sie schlug die entgegengesetzte Richtung ein – nach links zu der langen Reihe hoher Tannen, die den Rasen begrenzten. Während sie auf die Bäume zueilte, hörte sie das laute Rauschen von Drachenflügeln, ein Geräusch wie das Geknatter Hunderter gestreifter Zelte voller Geister, die von einem gewaltigen Sturm fortgeblasen wurden. Über den Bäumen sah sie die Spitze von Feuerspeis Flügel, als der Drache sie streckte und für den bevorstehenden langen Flug seine kalten Muskeln dehnte. Und obwohl sie nicht sehen konnte, wer ihn flog, wusste sie, dass nicht Marcia auf dem Drachen saß, sondern Septimus.

»Warte!«, schrie sie und lief schneller. »Warte!« Doch ihre Stimme wurde übertönt, als hinter den Bäumen Feuerspei seine Flügel nach unten drückte und der kräftige Luftzug die Tannen zum Schwanken brachte. Keuchend und schnaufend blieb Tante Zelda stehen, um Atem zu schöpfen. Es war zwecklos, dachte sie, sie schaffte es nicht. Jeden Augenblick würde der Drache abheben und mit Septimus davonfliegen.

»Fehlt Ihnen etwas, Miss?«, erkundigte sich ängstlich eine dünne Stimme von irgendwo hinter ihr.

»Wie?«, stieß Tante Zelda hervor, drehte sich nach dem Besitzer der Stimme um und erblickte direkt hinter sich einen kleinen Jungen, den eine Schubkarre fast vollständig verdeckte.

»Kann ich irgendwie behilflich sein?«, fragte der Junge voller Hoffnung. Barney Pot war nämlich unlängst den neu gegründeten Burgwölflingen beigetreten und musste heute noch seine gute Tat vollbringen. Zuerst hatte er Tante Zelda irrtümlich für ein Zelt gehalten wie das gestreifte unten am Landungssteg, und jetzt fragte er sich, ob sie vielleicht in einem Zelt feststeckte und den Kopf oben herausgestreckt hatte, um nach Hilfe zu rufen.

»Ja … das kannst du«, antwortete Tante Zelda schnaufend, fasste tief in ihre Geheimtasche und zog die kleine goldene Flasche hervor. »Bring die … dem Außergewöhnlichen Lehrling … Septimus Heap. Er ist … da drüben.« Sie fuchtelte mit den Händen in Richtung der schwankenden Tannen. »Bei … bei dem Drachen.«

Der Junge machte noch größere Augen. »Dem Außergewöhnlichen Lehrling? Bei dem Drachen?«

»Ja. Gib ihm dies hier.«

»Was … ich?«

»Ja, mein Junge. Bitte.«

Tante Zelda drückte dem Jungen die kleine goldene Flasche in die Hand. Er starrte sie an. Etwas so Schönes hatte er noch nie gesehen. Die Flasche fühlte sich seltsam schwer an – viel schwerer, als man erwarten würde –, und ganz oben stand etwas in einer seltsamen Schrift. Barney lernte gerade schreiben, aber nicht so komische Sachen.

»Sag dem Lehrling, dass es sich um einen Sicherheits-Charm handelt«, erklärte Tante Zelda. »Sag ihm, dass Tante Zelda ihn schickt.«

Barney sah aus, als wollten ihm die Augen aus dem Kopf springen. Solche Dinge geschahen in seinem Lieblingsbuch Einhundert Geschichten für gelangweilte Jungen, aber ihm selber passierten sie nie.

»Mann …«, stieß er hervor.

»Ach so, warte noch …« Tante Zelda fischte noch etwas anderes aus ihrer Tasche und reichte es Barney. »Das gibst du ihm auch.«

Barney nahm das Kohlsandwich argwöhnisch entgegen. Es fühlte sich kalt und matschig an, und im ersten Moment dachte er, es sei vielleicht eine tote Maus, nur dass tote Mäuse in der Mitte keine glitschigen grünen Stückchen hatten. »Was ist das?«, fragte er.

»Ein Kohlsandwich. Nun aber los, mein Junge«, drängte Tante Zelda. »Der Sicherheits-Charm ist sehr wichtig. Spute dich!«

Das ließ sich Barney nicht zweimal sagen – er wusste aus »Die schreckliche Geschichte vom faulen Larry«, dass man einen Sicherheits-Charm immer so schnell wie möglich abliefern musste. Tat man es nicht, konnten einem alle möglichen schlimmen Dinge zustoßen. Er nickte, stopfte das Kohlsandwich in seine schmutzige Kitteltasche und rannte, die goldene Flasche fest umklammernd, so schnell er konnte, in Richtung Drache davon.

Barney war rechtzeitig zur Stelle. Als er rennend auf der Drachenwiese ankam, sah er, wie der Außergewöhnliche Lehrling – ein großer Junge mit langen blond gelockten Haaren und grüner Lehrlingstracht – gerade dabei war, auf den Drachen zu klettern. Neben ihm stand Barneys Onkel, Billy Pot. Er hielt den Kopf des Drachen und streichelte eine der großen Stacheln auf seiner Nase.

Barney mochte den Drachen nicht. Er war riesengroß, gruselig und roch komisch – wie Onkel Billys Eidechsengehege, nur hundertmal schlimmer. Und seit der Drache einmal um ein Haar auf ihn draufgetreten wäre und Onkel Billy ihn angebrüllt hatte, weil er im Weg gestanden hatte, hielt er sich von ihm fern. Aber Barney war klar, dass er sich jetzt nicht von ihm fernhalten konnte – er hatte einen wichtigen Auftrag. Er rannte geradewegs zu dem Außergewöhnlichen Lehrling und sagte: »Verzeihung!«

Doch der Außergewöhnliche Lehrling schenkte ihm keine Beachtung. Er legte sich einen komisch riechenden Pelzmantel um die Schultern und sagte zu Onkel Billy: »Ich halte Feuerspei, Billy. Könnten Sie Marcia sagen, dass ich jetzt abfliege?«

Barney sah, wie Onkel Billy zur anderen Seite der Wiese blickte, wo – Mannomann! – die Außergewöhnliche Zauberin stand und mit Sarah Heap sprach, der Frau, die im Palast zu bestimmen hatte und die die Mutter der Prinzessin war, obwohl sie nicht Königin war. Barney hatte die Außergewöhnliche Zauberin noch nie gesehen, aber selbst von Weitem sah sie so Furcht einflößend aus, wie seine Freunde sie beschrieben hatten. Sie war richtig groß, hatte dichtes schwarzes, lockiges Haar und trug ein langes lila Gewand, das im Wind flatterte. Außerdem hatte sie eine ziemlich laute Stimme, denn Barney konnte hören, wie sie Onkel Billy zurief: »Jetzt, Mr. Pot?« Aber Barney wusste, dass er keine Zeit hatte, die Außergewöhnliche Zauberin anzuglotzen. Er musste den Sicherheits-Charm beim Außergewöhnlichen Lehrling abliefern, der Anstalten machte, auf den Drachen zu klettern. Er musste es jetzt tun, bevor es zu spät war.

»Herr Lehrling!«, rief Barney, so laut er konnte. »Verzeihung!«

Septimus Heap hielt mit halb erhobenem Fuß inne und sah nach unten. Sein Blick fiel auf einen kleinen Jungen, der mit großen braunen Augen zu ihm aufsah. Der Junge erinnerte ihn an jemanden, den er vor langer Zeit gekannt hatte – vor sehr langer Zeit. Fast hätte Septimus »Was gibt’s, Hugo?« gesagt. Doch er verkniff es sich und sagte nur: »Was gibt’s?«

»Bitte«, antwortete der Junge, der genau wie Hugo klang. »Ich habe etwas für Sie. Es ist wirklich wichtig, und ich habe versprochen, es Ihnen zu geben.«

»Ach ja?« Septimus ging in die Hocke, damit der Junge nicht ständig zu ihm aufschauen musste. »Was ist es denn?«, fragte er.

Barney Pot spreizte die Finger, mit denen er die Flasche umklammert hatte. »Das hier. Es ist ein Sicherheits-Charm. Eine Dame hat mich gebeten, ihn Ihnen zu geben.«

Septimus zuckte wie von der Tarantel gestochen zurück. »Nein«, sagte er unwirsch. »Nein. Nein danke.«

Barney blickte verdutzt. »Aber er ist für Sie.« Er streckte Septimus die Flasche hin.

Septimus richtete sich wieder auf und wandte sich dem Drachen zu. »Nein«, wiederholte er.

Barney blickte erschrocken auf die Flasche. »Aber es ist ein Sicherheits-Charm. Es ist wirklich wichtig. Bitte, Herr Lehrling, Sie müssen ihn nehmen.«

Septimus schüttelte den Kopf. »Nein, ich muss ihn nicht nehmen.«

Barney war entsetzt. Er hatte versprochen, den Sicherheits-Charm abzuliefern, also musste er ihn auch abliefern. Schreckliche Dinge passierten mit Menschen, die versprochen hatten, einen Sicherheits-Charm abzuliefern, und ihr Versprechen nicht hielten. Das Mindeste war, dass er in einen Frosch verwandelt wurde oder – igitt! – in eine Eidechse. Er würde in eine kleine stinkige Eidechse verwandelt werden, und Onkel Billy würde es nie erfahren. Er würde ihn einfangen und in ein Eidechsengehege zu den anderen Eidechsen sperren. Aber die würden merken, dass er keine richtige Eidechse war, und ihn auffressen. Es war eine Katastrophe. »Sie müssen ihn nehmen!«, schrie Barney und hüpfte verzweifelt auf der Stelle. »Sie müssen ihn nehmen!«

Septimus sah Barney an. Der Junge tat ihm leid. »Sag, wie heißt du eigentlich?«, fragte er freundlich.

»Barney.«

»Also, Barney, lass dir einen guten Rat geben: Nimm niemals von jemandem einen Sicherheits-Charm an. Niemals.«

»Bitte.« Barney packte Septimus am Ärmel.

»Nein. Lass los, Barney, in Ordnung? Ich muss los.« Damit fasste Septimus nach einem großen Stachel am Hals des Drachen, schwang sich nach oben und setzte sich in die schmale Kuhle vor den kräftigen Schultern des Drachen. Barney blickte verzweifelt zu ihm hinauf. Jetzt konnte er ihn nicht mehr erreichen. Was sollte er nur tun?

Gerade hatte Barney beschlossen, dem Lehrling den Charm einfach zuzuwerfen, da drehte Feuerspei den Kopf, und das rot umrandete Drachenauge blickte die kleine, verzweifelt auf und ab hüpfende Gestalt boshaft an. Barney fing den Blick auf und sprang zurück. Er glaubte Onkel Billy nicht, wenn er behauptete, Feuerspei sei ein Gentleman und könne keiner Fliege etwas zuleide tun.

In diesem Moment trat Marcia Overstrand mit Onkel Billy zu dem Drachen. Ob er ihr vielleicht den Charm geben sollte, damit sie ihn dann an den Lehrling weitergab? Barney beobachtete, wie sich die Außergewöhnliche Zauberin vergewisserte, dass die beiden großen Satteltaschen hinter Septimus auch richtig festgezurrt waren. Und wie sie sich dann zu dem Lehrling hinüberbeugte und ihn umarmte, was ihn zu überraschen schien. Dann plötzlich traten sie und Onkel Billy zurück, und Barney begriff, dass der Drache gleich abheben würde. Da erst fiel ihm ein, was er außerdem noch ausrichten sollte.

»Er ist von Tante Zelda!«, schrie er so laut, dass ihm der Hals wehtat. »Der Sicherheits-Charm ist von Tante Zelda. Und hier ist auch ein Sandwich!«

Doch es war zu spät. Sein Schrei ging in einem donnernden Brausen unter, und im nächsten Moment wurde Barney von einem kräftigen Drachenabwind erfasst und in einen Haufen von etwas geschleudert, das sehr schlecht roch. Und als er sich wieder aufgerappelt hatte, schwebte der Drache hoch über den Wipfeln der Tannen, und alles, was Barney noch vom Lehrling sah, waren die Sohlen seiner Stiefel.

»Nanu, Barney«, sagte sein Onkel, der ihn erst jetzt bemerkte. »Was machst du denn hier?«

»Nichts«, schluchzte Barney und lief davon.

 

Barney flitzte durch ein Loch in der Hecke am Ende der Drachenwiese. Er hatte nur einen Gedanken: Er musste der Dame im Zelt den Sicherheits-Charm zurückgeben und erklären, was geschehen war – dann wurde vielleicht alles wieder gut. Aber die Dame im Zelt war nirgendwo zu entdecken.

Doch dann sah Barney zu seiner Erleichterung den Zipfel eines Flickenzeltes in einer Pforte des alten Turms ganz hinten am Palast verschwinden. Onkel Billy hatte ihm zwar eingeschärft, dass er den Palast nicht betreten dürfe, aber in diesem Augenblick war ihm egal, was Onkel Billy gesagt hatte. Er rannte den alten Backsteinweg entlang, der zu dem Turm führte, und einen Augenblick später war er im Innern des Palastes.

Im Palast war es dunkel. Außerdem roch es merkwürdig, und Barney gefiel das ganz und gar nicht. Von der Dame im Zelt war nichts zu sehen. Zu seiner Rechten schraubte sich eine schmale Wendeltreppe in den Turm hinauf, und zu seiner Linken war eine große alte Holztür. Barney glaubte nicht, dass die schmale Treppe für die Dame im Zelt breit genug war, und so stieß er die alte Tür auf und trat vorsichtig durch die Öffnung. Vor ihm lag der längste Korridor, den er je gesehen hatte. Tatsächlich war es der Langgang, ein breiter Korridor, der den Palast wie ein Rückgrat durchzog. Er war so breit wie eine Gasse und so dunkel und leer wie eine Landstraße um Mitternacht. Barney schlich weiter, aber von der Dame im Zelt keine Spur.

Der Korridor gefiel Barney nicht. Er machte ihm Angst. Und er war auf beiden Seiten von seltsamen Gegenständen gesäumt: Standbildern, ausgestopften Tieren und grässlichen Gemälden von gruseligen Leuten, die ihn anglotzten. Aber er glaubte immer noch fest, dass die Dame im Zelt nicht weit sein konnte. Er betrachtete den Sicherheits-Charm, und ein Lichtschimmer von irgendwoher wurde von dem glänzenden Gold zurückgeworfen, als wollte er ihn daran erinnern, wie wichtig es sei, den Sicherheits-Charm zurückzugeben. Und dann wurde er gepackt.

Barney strampelte und trat um sich. Er wollte schreien, aber eine Hand hielt ihm plötzlich den Mund zu. Barney wurde übel. Die Hand roch nach Lakritze, und Barney konnte Lakritze nicht ausstehen.

»Pst!«, zischte eine Stimme in sein Ohr. Barney wand sich wie ein kleiner Aal, nur leider war er nicht so schlüpfrig wie ein kleiner Aal und wurde festgehalten. »Du bist doch der Junge von dem Drachenwärter, stimmt’s?«, sagte die Stimme. »Pfui! Du riechst noch schlimmer als er.«

»Lass mich gehen …«, brummelte Barney durch die ekelhafte Lakritzhand, die etwas Scharfes am Daumen hatte, das ihm wehtat.

»Ja«, sagte die Stimme in sein Ohr. »Ich möchte keine kleinen Stinker wie dich hierhaben. Ich will das da.« Die andere Hand des Angreifers fasste nach unten und entriss Barney den Sicherheits-Charm.

»Nein!«, schrie Barney und kam endlich frei. Er stürzte sich auf den Charm – und sah sich Auge in Auge einem Schreiber aus dem Manuskriptorium gegenüber. Er konnte es nicht fassen. Ein großer, schmuddelig aussehender Junge, der die graue Uniform eines Schreibers trug, hielt den Sicherheits-Charm so hoch in die Luft, dass er ihn nicht erreichen konnte, und grinste ihn an. Barney kämpfte mit den Tränen. Er verstand überhaupt nichts mehr. Heute Morgen stimmte rein gar nichts. Warum fiel ein Schreiber aus dem Manuskriptorium hinterrücks über ihn her und stahl ihm seinen Charm? Schreiber waren vertrauenswürdige Leute – das wusste jedes Kind.

»Gib ihn mir zurück!«, schrie Barney, aber der Schreiber hielt die Flasche gerade so hoch, dass er mit seinen verzweifelten Sprüngen nicht herankam.

»Du kannst sie wiederhaben, wenn du sie zu fassen kriegst, Kleiner«, verspottete ihn der Schreiber.

»Bitte, bitte«, schluchzte Barney. »Es ist wichtig. Bitte, gib ihn mir zurück.«

»Wie wichtig?«, fragte der Schreiber und hielt die Flasche noch höher.

»Ganz, ganz wichtig.«

»Dann zieh Leine. Sie gehört mir.«

Zu Barneys Entsetzen war der Schreiber urplötzlich verschwunden. Als wäre er durch die Wand gesprungen. Barney starrte bestürzt auf die Holztäfelung, und drei Schrumpfköpfe, die dort nebeneinander in einem Regal lagen, starrten zurück. Barney bekam es mit der Angst zu tun. Wie konnte jemand einfach so verschwinden? Vielleicht war er gerade von einem bösen Geist angegriffen worden. Aber Geister hatten doch keine Hände, die nach Lakritze rochen, und sie konnten auch keine Dinge anfassen, oder?

Barney war allein. Der lange Korridor lag verlassen da, und der Sicherheits-Charm war fort. Die Schrumpfköpfe grinsten ihn an, als wollten sie sagen: Viel Vergnügen als Eidechse. Ha-ha-ha!

* 4 *
DER KÜNFTIGE

 

 

Während Barney Pot im Langgang ausgeraubt wurde, beobachtete Tante Zelda von einem kleinen Fenster oben im Turm, wie Septimus abflog.

Sie sah, wie Feuerspei hoch in die Luft über dem Palast stieg und seinen dicken weißen Bauch vor die Sonne schob. Sie sah die Schatten seiner Flügel über den Palastrasen huschen, als er in Richtung Fluss flog, und sie sah, halb verdeckt von seinem herrlichen muskulösen Hals, die kleine grüne Gestalt auf seinem Rücken, die, wie es schien, nur mühsam das Gleichgewicht hielt. Sie sah, wie die beiden über dem gestreiften Zelt am Landungssteg drei Runden drehten und wie Alther Mella aus dem Zelt trat und ihnen zum Abschied winkte. Dann kniff sie ihre alten Augen zusammen und beobachtete, wie Septimus und sein Drache auf die Nebelbank zuhielten, die sich von Port heranschob. Als Drache und Reiter nur noch ein schwarzer Punkt am Himmel waren, stieß sie einen Seufzer aus. Wenigstens hatte Septimus jetzt den Sicherheits-Charm – nichts Geringeres als einen lebenden Sicherheits-Charm.

Tante Zelda wandte sich vom Fenster ab. Sie zog einen goldenen Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn in das, was wie eine stabile Mauer aussah, und schritt in das Königinnengemach. Als sie in den stillen Raum trat, schob sie ihre Sorgen um Septimus beiseite und richtete ihre Gedanken auf den Jungen, der einst Septimus’ bester Freund gewesen war. In der Jungarmee waren Septimus und Wolfsjunge unzertrennlich gewesen – bis zu jener verhängnisvollen Nacht, in der Wolfsjunge aus einem Boot der Jungarmee fiel und in den schwarzen Fluten des Flusses versank.

Beim Rascheln von Tante Zeldas Kleid drehte sich Königin Cerys langsam in ihrem Sessel um und richtete den entrückten Blick ihrer dunkelvioletten Augen auf die Besucherin. Der Geist der Königin verließ den Raum nur selten, denn er bewachte den Königinnenweg. Es war ein ruhiges, sehr ereignisarmes Dasein, und der Geist verbrachte die meiste Zeit in einem traumähnlichen Zustand, aus dem zu erwachen bisweilen schwierig war.

Tante Zelda machte noch einmal einen Knicks und zog die lange silberne Röhre aus der Tasche. Beim Anblick der Röhre erwachte Königin Cerys vollends aus ihrer Verträumtheit, und neugierig sah sie zu, wie Tante Zelda das Stück Pergament entnahm, behutsam entrollte und auf die Lehne des Sessels legte, in dem sie saß.

»Dies ist für den neuen Künftigen Hüter, wenn’s beliebt, Euer Gnaden«, sagte Tante Zelda, die nichts davon hielt, Königinnen mit dem neumodischen »Eure Majestät« anzureden.

Königin Cerys war es gleich, wie man sie anredete, solange man höflich war. Wie ihre Tochter Jenna hatte sie es immer etwas lächerlich gefunden, mit »Eure Majestät« angesprochen zu werden, und Tante Zeldas Anrede »Euer Gnaden« war in ihren Augen nicht viel besser. Aber sie sagte nichts und betrachtete mit Interesse den Bogen Pergament.

»Ich hatte noch nie das Vergnügen, einen zu sehen, Zelda«, sagte sie mit einem Lächeln. »Meine Mutter hat niemals einen gesehen – meine Großmutter dafür zwei oder drei, glaube ich.«

»Ich glaube auch, Euer Gnaden. Das war eine Kette von Missgeschicken. Als Betty Crackle die Stelle übernahm, herrschte ein Riesendurcheinander. Die arme Betty. Sie hat ihr Bestes getan.«

»Davon bin ich überzeugt. Aber sie sind jetzt schon sehr lange Hüterin, Zelda.«

»Ganz recht. Seit über fünfzig Jahren, Euer Gnaden.«

»Oh, bitte, Zelda, nennen Sie mich einfach Cerys. Fünfzig Jahre? Die Zeit vergeht wie im Flug … und doch so langsam. Und wen haben Sie auserkoren? Doch nicht eine von diesen Wendronhexen, hoffe ich?«

»Um Himmels willen, nein!«, rief Tante Zelda. »Nein, es ist jemand, der seit einiger Zeit bei mir wohnt. Eine junge Person, die, wie ich mit Freuden sagen kann, einen ausgeprägten Sinn für die Marschen und alle Dinge darin hat. Und die nach meiner Überzeugung einen guten Hüter abgeben wird.«

Cerys lächelte Tante Zelda an. »Das freut mich ungemein. Wer ist es?«

Tante Zelda holte tief Luft. »Äh … Wolfsjunge, Euer Gnaden … Cerys.«

»Wolfsjunge?«

»Ja.«

»Ein seltsamer Name für ein Mädchen. Aber die Zeiten ändern sich, wie es scheint.«

»Er ist kein Mädchen, Euer … Cerys. Er ist ein Junge. Na ja, ein junger Mann, fast.«

»Ein junger Mann? Du liebe Güte!«

»Ich glaube, er würde einen wunderbaren Hüter abgeben, Königin Cerys. Und in der Hüteordnung steht nirgendwo geschrieben, dass der Hüter eine Frau sein muss.«

»Tatsächlich? Gütiger Himmel!«

»Aber die Entscheidung liegt selbstverständlich bei Ihnen, Königin Cerys. Ich kann nur vorschlagen und empfehlen.«

Königin Cerys saß da und blickte so lange ins Feuer, dass Tante Zelda sich schon fragte, ob sie nicht eingeschlafen sei, bis sie mit ihrer klaren, etwas hohl klingenden Stimme zu sprechen begann. »Zelda«, sagte der Geist der Königin, »ich bin mir bewusst, dass sich die Pflichten des Hüters geändert haben, seit das Drachenboot in die Burg zurückgekehrt ist.«

»Das ist wohl wahr«, murmelte Tante Zelda und seufzte. Sie vermisste das Drachenboot sehr. Es bereitete ihr Sorgen, dass das Boot ohne Bewusstsein tief im Innern der Mauern der Bootswerft lag, die einst eigens zu seinem Schutz errichtet worden war. Und obwohl dies bedeutete, dass Jenna die Burg nun jederzeit verlassen konnte, ohne sie in Gefahr zu bringen, schmerzte Zelda der Verlust des Drachenboots noch immer.

Die Königin fuhr fort. »Da sich die Pflichten des Hüters verändert haben, sollte sich, wie mir scheint, vielleicht auch die Natur des Hüters verändern. Wenn Sie also diesen Wolfsjungen empfehlen, will ich Ihren Vorschlag annehmen.«

Tante Zelda strahlte übers ganze Gesicht. »Und ob ich ihn empfehle, Königin Cerys. Ich empfehle ihn wärmstens.«

»Dann bin ich mit Wolfsjunge als Künftigem Hüter einverstanden.«

Tante Zelda klatschte aufgeregt in die Hände. »Oh, das ist wunderbar, einfach wunderbar.«

»Bringen Sie ihn zu mir, Zelda, damit ich ihn kennenlernen kann. Benutzen Sie dazu den Königinnenweg. Wir müssen wissen, ob er auf diesem Weg reisen kann.«

»Äh … das hat er schon. Ich … äh … ich musste ihn schon einmal hierherbringen. Es handelte sich um einen Notfall.«

»Aha, gut. Er scheint bestens geeignet. Ich freue mich darauf, ihn kennenzulernen. Er hat die Aufgabe wohl schon erfüllt?«

Tante Zelda spürte ein ängstliches Kribbeln im Bauch. »Er ist gerade dabei, während wir hier miteinander sprechen, Cerys.«

»Ach. Dann werden wir gespannt auf seine Rückkehr warten. Sollte er tatsächlich zurückkehren, würde ich mich wirklich freuen, seine Bekanntschaft zu machen. Auf Wiedersehen, Zelda. Bis zum nächsten Mal.«

Ihre Freude darüber, dass die Königin ihren Lehrling akzeptiert hatte, wurde dadurch etwas gedämpft, dass die Königin die Aufgabe erwähnt hatte, die Tante Zelda für eine Weile aus ihren Gedanken verbannt hatte. Langsam rollte sie das Pergament zusammen und schob es in die Röhre zurück. Dann machte sie einen Knicks und ging quer durch den Raum zum Schrank für Unbeständige Tränke und Spezialgifte. Cerys sah zu, wie sie die Tür öffnete und sich hineinzwängte.

»Zelda?«, rief Cerys.

»Ja?«, keuchte Tante Zelda und steckte mit einiger Mühe den Kopf aus dem Schrank.

»Ist es möglich, dass man einen Vergrößerungszauber isst, ohne es zu merken?«

Tante Zelda blickte verwirrt. »Ich glaube nicht«, antwortete sie. »Wieso?«

»Nur so. Kam mir eben in den Sinn. Gute Reise.«

»Oh, vielen Dank, Königin Cerys.« Und sie wuchtete die Schranktür hinter sich zu.

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412 UND 409