Logo weiterlesen.de
Septimus Heap Physic

 

Angie Sage

 

SEPTIMUS HEAP

PHYSIC

 

Aus dem Englischen von

Reiner Pfleiderer

 

Mit Illustrationen von

Mark Zug

 

Carl Hanser Verlag

 

INHALT

 

7      Prolog: Das Gemälde auf dem Dachboden

11  1  Snorri Snorrelssen

20  2  Der Händlermarkt

30  3  Unliebsamer Besuch

42  4  Das Loch in der Mauer

53  5  Königin Etheldredda

63  6  Auf dem Außenpfad

69  7  In der Schlangenhelling

77  8  Feuer unter Wasser

84  9  Die geplatzte Prüfung

9310  Der Ankleideraum der Königin

10411  Der Spiegel

11312  Jillie Djinn

12013  Die Navigatorendose

13014  Marcellus Pye

13615  Der Altweg

14516  Der leere Palast

15517  Palastgeister

16218  Der Drachenzwinger

17319  Die Rattenwürger

18120  Auf der Suche

18821  Reiterbergung

19422  Die Alfrun

20123  Geisterseher

20824  Das Enterkommando

21825  Das Ich, Marcellus

23126  Der Zaubererturm

24127  Hugo Tenderfoot

25228  Beschlagnahmt

26329  Lagerhaus Nummer Neun

27130  Heilige Schafe

28231  Dragos Schatz

29132  Der schwarze Teich

29733  Prinzessin Esmeralda

30834  Prinzessin Esmeraldas Tagebuch

31435  Ritter

32136  Broda Pye

33337  Das Bankett

34538  Das Sommerhaus

35939  Der UnterFluss

36840  Die Große Kammer der Alchimie und Heilkunst

37441  Die Phiole

38142  Der Fluss

38643  Die Große Tür der Zeit

39644  Der Suchzauber

40545  Die Medizintruhe

41746  Das Spital

42347  Palastratten

43348  Der Sendezauber

44349  Das Freudenfeuer

455      Was ihr vielleicht noch wissen wollt über …

PROLOG:
DAS GEMÄLDE AUF
DEM DACHBODEN

 

 

Silas Heap und Gringe, der Hüter des Nordtors, befinden sich in einem finsteren und schmutzigen Winkel des Palastdachbodens. Sie stehen vor der kleinen Tür zu einem versiegelten Raum, die Silas Heap, von Beruf Gewöhnlicher Zauberer, mit Hilfe eines Zaubers öffnen möchte. »Sehen Sie, Gringe«, sagt er, »der Platz ist ideal. Von hier werden mir meine Figuren nie entwischen können. Ich kann sie einfach mit einem Zauber einschließen.«

Gringe hat Bedenken. Selbst er weiß, dass man von versiegelten Räumen auf Dachböden besser die Finger lässt. »Mir gefällt das nicht, Silas«, sagt er. »Ich habe so ein komisches Gefühl. Und überhaupt. Nur weil Sie hier oben durch Zufall eine neue Kolonie unter den Fußbodendielen entdeckt haben, heißt das doch nicht, dass sie auch hier bleiben.«

»Wenn sie eingesperrt sind, müssen sie hier bleiben, ob sie wollen oder nicht, Gringe«, erwidert Silas und umklammert die Kiste mit den kostbaren Figuren, die er neulich entdeckt und eingefangen hat. »Sie haben doch nur ein komisches Gefühl, weil es Ihnen nicht gelingen wird, die Figuren von hier wegzulocken.«

»Ich habe auch die letzten nicht weggelockt, Silas Heap. Sie sind aus freien Stücken gekommen. Ich hatte überhaupt nichts damit zu tun.«

Silas hört gar nicht hin. Er versucht, sich den Entriegelungszauber in Erinnerung zu rufen.

Gringe wippt ungeduldig mit dem Fuß. »Beeilung, Silas. Ich muss zu meinem Tor zurück. Lucy ist im Moment sehr sonderbar, deshalb will ich sie nicht lange allein lassen.«

Silas Heap schließt die Augen, damit er besser nachdenken kann. So leise, dass Gringe kein Wort verstehen kann, spricht er dreimal rückwärts den Schließzauber und am Schluss den Entriegelungszauber. Er öffnet die Augen. Nichts ist geschehen.

»Ich gehe«, knurrt Gringe. »Ich kann nicht den halben Tag hier vertrödeln. Es gibt auch noch Leute, die arbeiten müssen.«

Da ertönt ein lauter Knall, und die Tür zu dem versiegelten Raum springt auf. Silas jubelt. »Sehen Sie – ich weiß genau, was ich tue. Ich bin ein Zauberer, Gringe. Uff! Was war das?« Ein eisiger, muffiger Windstoß fegt an Silas und Gringe vorbei und raubt ihnen den Atem, sodass beide einen Hustenanfall bekommen.

»Das war vielleicht kalt.« Gringe schlottert und hat Gänsehaut auf beiden Armen. Silas antwortet nicht – er ist bereits in dem versiegelten Raum, der sich in seinen Augen bestens für die Aufbewahrung seiner Burgenschachfiguren eignet. Gringe zögert, aber seine Neugier ist stärker. Vorsichtig betritt er den Raum. Er ist klein, nicht viel größer als ein begehbarer Schrank. Bis auf das Licht von Silas’ Kerze ist es darin dunkel, denn das einzige Fenster ist zugemauert. Es ist nur eine leere Kammer mit schmutzigen Dielen und kahlen, rissigen Gipswänden. Doch ganz leer ist sie nicht, wie Gringe mit einem Mal bemerkt. Im Halbdunkel in der hintersten Ecke lehnt ein Gemälde an der Wand, das lebensgroße Ölbildnis einer Königin.

Silas betrachtet das Bild. Es ist das kunstvoll gemalte Porträt einer Burgkönigin aus längst vergangener Zeit. Dass es alt ist, erkennt man daran, dass die Königin noch die Wahre Krone trägt, jene Krone, die seit vielen Jahrhunderten verschollen ist. Die Königin hat eine scharfe, spitze Nase und trägt ihr Haar zu Zöpfen geflochten, die wie Schnecken über ihre Ohren gelegt sind. An ihrem Rock hängt ein Aie-Aie, ein hässliches kleines Geschöpf mit Rattengesicht, scharfen Klauen und einem langen schlangenartigen Schwanz. Mit seinen roten Knopfaugen starrt es Silas an, als hätte es nicht übel Lust, ihn mit seinem einzigen langen, nadelspitzen Zahn zu beißen. Auch die Königin schaut aus dem Gemälde heraus, aber ihre Miene ist hochmütig und verächtlich. Ihr Kopf sitzt auf einer gestärkten Halskrause, und ihre stechenden Augen funkeln im Schein der Kerze und scheinen ihm und Gringe überallhin zu folgen.

Gringe erschaudert. »Der möchte ich nicht allein in dunkler Nacht begegnen«, sagt er.

Silas findet, dass Gringe recht hat. Auch er wollte ihr nicht in dunkler Nacht begegnen, und seine kostbaren Figuren bestimmt auch nicht. »Sie muss hier raus«, sagt er. »Die macht mir sonst meine Figuren kopfscheu, noch bevor sie sich eingelebt haben.«

Was Silas nicht weiß: Sie ist bereits fort. Sowie er den Raum geöffnet hat, sind die Geister Königin Etheldreddas und ihrer Kreatur aus dem Bild gestiegen und, die spitzen Nasen in die Luft gereckt, an ihm und Gringe vorbei zur Tür hinausmarschiert. Die Königin und ihr Aie-Aie haben sie keines Blickes gewürdigt, denn sie haben Wichtigeres zu tun – und nach langem Warten endlich auch die Gelegenheit dazu.

* 1 *
SNORRI SNORRELSSEN

 

 

Snorri Snorrelssen steuerte ihr Handelsboot – das nach ihrer Mutter, der es gehörte, Alfrun hieß – das ruhige Wasser des Flusses hinauf in Richtung Burg. Es war ein diesiger Herbstnachmittag, und Snorri war froh, dass sie die aufgewühlten Tidengewässer vor der Stadt Port hinter sich hatte. Der Wind war abgeflaut, blähte das große Segel des Bootes aber noch genug, sodass sie sicher um den Rabenstein herumsteuern und die Anlegestelle direkt hinter Sally Mullins Tee- und Bierstube anlaufen konnte.

Zwei junge Fischer, nicht viel älter als Snorri selbst, waren soeben von einem erfolgreichen Heringfang zurückgekehrt und fingen nur zu gern die schweren Hanftaue auf, die Snorri an Land warf. Darauf erpicht zu zeigen, was sie konnten, wickelten sie die Taue um zwei dicke Poller am Kai und machten die Alfrun fest. Und sie gaben Snorri allerlei ungebetene Ratschläge. Wie sie das Segel einholen oder wie sie die Leinen aufschießen sollte. Aber Snorri beachtete sie nicht, teils weil sie kaum verstand, was sie sagten, hauptsächlich aber weil sich Snorri Snorrelssen von niemandem sagen ließ, was sie zu tun hatte – von niemandem, nicht einmal von ihrer Mutter. Von ihrer Mutter schon gar nicht.

Snorri war groß für ihr Alter, schlank, drahtig und erstaunlich kräftig. Mit der Übung und Fertigkeit von jemandem, der zwei Wochen lang allein übers Meer gesegelt war, holte sie das große Segel nieder und rollte das schwere Tuch zusammen, dann legte sie die Leinen zu sauberen Ringen übereinander und zurrte die Ruderpinne fest. Da sie sich bewusst war, dass die Fischer sie beobachten, verschloss sie die Luke zum Laderaum, der gefüllt war mit schweren Ballen dickem Wollstoff, Säcken voller Einmachgewürze, großen Fässern Pökelfisch und einem Paar besonders schöner Rentierlederstiefel. Schließlich schob sie, wieder ohne die angebotene Hilfe anzunehmen, die Laufplanke ans Ufer und balancierte an Land. Ullr, ihre kleine rote Katze mit schwarzer Schwanzspitze, blieb an Bord zurück. Sie sollte übers Deck streifen und Ratten fernhalten.

Nach über zwei Wochen auf See hatte sich Snorri darauf gefreut, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Doch als sie nun über den Kai schritt, hatte sie das Gefühl, sie sei noch auf der Alfrun, denn der Boden schien unter ihr zu schwanken, wie es das alte Boot getan hatte. Die Fischer, die eigentlich längst zu Hause bei Muttern sein sollten, hockten auf einem Haufen leerer Hummerreusen. »N’ Abend, Miss«, grüßte einer laut.

Snorri würdigte ihn keines Blickes. Sie ging bis zum Ende des Kais und bog dann in einen ausgetretenen Pfad ab. Der Pfad führte zu einer nagelneuen großen Schwimmbrücke, auf der ein Café thronte. Es war ein sehr elegantes zweistöckiges Holzhaus mit langen, niedrigen Fenstern, die auf den Fluss hinausgingen. Mit dem warmen gelben Licht, dass von der Decke baumelnde Öllampen verströmten, sah das Café in der kühlen Luft dieses frühen Abends einladend aus. Als Snorri den Holzsteg überquerte, der zu dem Ponton führte, konnte sie es kaum fassen, dass sie endlich hier war – in Sally Mullins berühmter Tee- und Bierstube. Freudig erregt, aber auch sehr nervös, stieß sie die Flügeltür zum Café auf und stolperte beinahe über eine lange Reihe von Löscheimern, die mit Sand oder Wasser gefüllt waren.

Sally Mullins Café war stets vom Gemurmel angeregter Unterhaltungen erfüllt, doch in dem Augenblick, als Snorri über die Schwelle trat, verstummte das Stimmengewirr sofort, als hätte jemand mit der Peitsche geknallt. Wie ein Mann setzten die Gäste ihre Gläser ab und glotzten die junge Fremde an, denn sie trug die typische Kleidung der Hanse, der auch die Nordhändler angehörten. Snorri, die spürte, wie sie errötete, und sich maßlos darüber ärgerte, ging trotzig weiter zur Theke, fest entschlossen, ein Stück von Sallys Gerstenkuchen und einen Halbliterkrug Springo Spezial Ale zu bestellen, von denen sie schon so viel gehört hatte.

Sally Mullin, eine kleine, rundliche Frau mit Sommersprossen und Gerstenmehl auf den Wangen, kam eilfertig aus der Küche. Doch als sie die dunkelrote Nordhändlertracht und das typische Lederstirnband sah, verfinsterte sich ihre Miene. »Nordhändler werden hier nicht bedient«, knurrte sie.

Snorri blickte verwirrt. Sie war sich nicht sicher, ob sie Sally richtig verstanden hatte, obwohl sie spürte, dass sie hier nicht gerade willkommen war.

»Haben Sie das Schild an der Tür nicht gesehen?«, setzte Sally hinzu, als Snorri keine Anstalten machte zu gehen. »Nordhändler unerwünscht. Sie sind hier nicht willkommen, nicht in meinem Café.«

»Sie ist doch nur ein Mädchen!«, rief ein Gast. »Gib dem Mädchen eine Chance.«

Er erntete zustimmendes Gemurmel von anderen Gästen. Sally Mullin nahm Snorri genauer in Augenschein, und ihre Züge wurden milder. Es stimmte. Sie war nur ein Mädchen – höchstens sechzehn, dachte Sally. Sie hatte weißblonde Haare und klare, fast durchscheinende blaue Augen wie die meisten Händler, aber sie hatte nicht diese abgebrühte Miene, an die Sally mit Schaudern zurückdachte.

»Na ja …«, sagte Sally und lenkte ein. »Wie es aussieht, wird es gleich dunkel, und ich bin kein Unmensch, der ein junges Mädchen allein in die Nacht hinausjagt. Was wünschen Sie, Miss?«

»Ich … ich«, stammelte Snorri, während sie angestrengt versuchte, sich ihre Grammatik ins Gedächtnis zu rufen. Hieß es ich hätte gern oder ich würde gern? »Ich hätte gern ein Stück von Ihrem ausgezeichneten Gerstenkuchen und einen halben Liter Springo Spezial Ale, bitte.«

»Springo Spezial?«, rief jemand. »Das ist ein Mädchen ganz nach meinem Geschmack.«

»Sei still, Tom«, fuhr ihn Sally an, und an Snorri gewandt, sagte sie: »Besser, Sie probieren zuerst das normale Springo.« Sie zapfte das Bier in einen großen Tonkrug und schob es über den Tresen. Snorri kostete einen Schluck und verzog angewidert das Gesicht. Sally war davon nicht überrascht. Springo war gewöhnungsbedürftig, und die meisten jungen Leute fanden es scheußlich. Sogar sie selbst fand es an manchen Tagen ziemlich widerlich. Sie schenkte einen Becher Zitronenlimonade mit Honig ein und stellte ihn auf ein Tablett, zusammen mit einem großen Stück Gerstenkuchen. Das Mädchen sah so aus, als könnte es eine kräftige Mahlzeit gebrauchen. Snorri bezahlte mit einem ganzen Silberschilling und bekam von der überraschten Sally als Wechselgeld eine Handvoll Pennys zurück. Dann setzte sie sich an einen freien Tisch am Fenster und blickte auf den Fluss hinaus, über den sich die Dunkelheit senkte.

Die Gespräche im Café wurden wieder aufgenommen, und Snorri stieß einen erleichterten Seufzer aus. Allein in Sally Mullins Café zu gehen war das Schwierigste, was sie in ihrem ganzen Leben getan hatte. Schwieriger noch, als zum ersten Mal ohne fremde Hilfe mit der Alfrun in See zu stechen, schwieriger noch, als mit dem Geld, das sie jahrelang gespart hatte, all die Handelswaren zu kaufen, die sich jetzt im Laderaum der Alfrun stapelten, schwieriger noch, als über das große Nordmeer zu segeln, das die Heimat der Nordhändler von dem Land trennte, in dem Sally Mullin ihre Tee- und Bierstube betrieb. Aber sie hatte es geschafft. Sie trat in die Fußstapfen ihres Vaters, und niemand konnte sie aufhalten. Nicht einmal ihre Mutter.

Später am Abend kehrte Snorri auf die Alfrun zurück. Sie wurde von Ullr in seiner Nachtgestalt empfangen. Der Kater begrüßte seine Herrin mit einem langen, tiefen Knurren und folgte ihr übers Deck. Snorri, die so viel Gerstenkuchen verdrückt hatte, dass sie sich kaum noch rühren konnte, setzte sich auf ihren Lieblingsplatz im Bug und streichelte NachtUllr, einen schlanken, mächtigen Panther, schwarz wie die Nacht, mit meergrünen Augen und roter Schwanzspitze.

Sie war zu aufgeregt zum Schlafen. Sie saß da, den Arm schlaff auf Ullrs warmem, seidig weichem Fell, und blickte über den breiten Fluss zum anderen Ufer, wo die Ackerlande begannen. Später in der Nacht, als es kalt wurde, wickelte sie sich in eine Musterbahn des dicken Wollstoffs, den sie auf dem in zwei Wochen beginnenden Händlermarkt zu verkaufen gedachte – und zwar zu einem guten Preis. Auf ihrem Schoß lag ein Stadtplan der Burg, der zeigte, wie man zum Marktplatz kam. Auf der Rückseite des Plans war genau erklärt, wie man eine Genehmigung für einen Stand erhielt und welche Vorschriften für den Kauf und Verkauf galten. Snorri entzündete die Öllampe, die sie aus ihrer kleinen Kajüte unter Deck geholt hatte, und setzte sich hin, um die Vorschriften zu lesen. Der Wind war inzwischen abgeflaut, und der leichte Nieselregen vom frühen Abend hatte aufgehört. Die Luft war frisch und klar, und Snorri sog tief die Gerüche des Landes ein. Sie waren ihr noch fremd und so ganz anders als die, die sie gewohnt war.

Im Lauf des Abends kamen immer wieder kleine Gruppen von Gästen aus Sallys Café, bis sie kurz vor Mitternacht sah, dass Sally die Öllampen löschte und die Tür verriegelte. Sie lächelte glücklich. Jetzt hatte sie den Fluss ganz für sich allein. Nur sie, Ullr und die Alfrun, allein in der Nacht. Während das Boot in der zurückgehenden Flut sanft schaukelte, merkte sie, wie ihr die Augen zufielen. Sie legte die Liste mit den zugelassenen Gewichten und Maßen weg, wickelte sich noch fester in die Wolldecke und blickte ein allerletztes Mal auf den Fluss hinaus, bevor sie in ihre Kajüte hinabsteigen wollte. Und da sah sie es.

Ein längliches Boot tauchte hinter dem Rabenstein auf. Es war hell und von einem grünlichen Licht umhüllt. Snorri verharrte ganz still und beobachtete, wie es langsam und geräuschlos in der Mitte des Flusses durchs Wasser glitt und der Alfrun immer näher kam. Bald gewahrte sie, dass es im Mondlicht schimmerte, und ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken, denn Snorri Snorrelssen, die Geisterseherin, wusste genau, was sie sah – ein Geisterschiff. Sie pfiff leise durch die Zähne, denn ein solches Boot hatte noch nie ihren Weg gekreuzt. Gewöhnlich sah sie nur Wracks alter Fischerkähne mit ertrunkenen Skippern am Steuer, die auf der Suche nach einem sicheren Hafen ewig umherirrten. Nur gelegentlich begegnete ihr der Geist eines Langschiffs, das sich nach blutiger Schlacht heimwärts schleppte, und einmal war ihr das Geistergroßschiff eines reichen Kaufmanns entgegengekommen, mit einem klaffenden Loch an der Seite, aus dem kostbare Fracht quoll, aber eine königliche Barke, noch dazu mit dem Geist ihrer Königin an Bord, hatte sie noch nie gesehen.

Snorri stand auf, zückte das Geistermonokel, das ihr eine weise Frau im Eispalast geschenkt hatte, und richtete es auf die Erscheinung, die, angetrieben von acht Geisterrudern, lautlos vorüberglitt. Die Barke war mit Flaggen geschmückt, und der Wind, in dem sie flatterten, war schon längst abgeflaut. Sie war mit verschlungenen Mustern in Gold und Silber bemalt und mit einem prächtigen roten Baldachin bedeckt, der zwischen reich verzierte goldene Pfosten gespannt war. Unter dem Baldachin saß aufrecht eine hohe Gestalt. Ihre Augen blickten stur geradeaus, und ihr spitzes Kinn ruhte auf einer hohen, gestärkten Halskrause. Sie trug eine schlichte Krone und eine Frisur, die ohne Frage altmodisch war: zwei geflochtene Zöpfe, die wie Schnecken über ihre Ohren gelegt waren. Neben ihr hockte ein kleines, nahezu haarloses Geschöpf, das Snorri zunächst für einen besonders hässlichen Hund hielt, bis sie den langen, schlangenähnlichen Schwanz bemerkte, den es um einen der goldenen Pfosten gewickelt hatte. Das Geisterboot glitt vorüber, und Snorri zitterte, als ein Kälteschauer durch ihren Körper lief – denn von den Insassen des Bootes ging etwas anderes, etwas Körperliches aus.

Sie steckte das Monokel weg und kletterte durch die Luke in ihre Kajüte hinab, während Ullr an Deck blieb und Wache hielt. Sie hängte die Lampe an einen Haken an der Decke, und das weiche gelbe Licht sorgte für wohlige Behaglichkeit. Die Kajüte war klein, denn auf einem Handelsboot beanspruchte der Frachtraum den meisten Platz, aber Snorri liebte sie. Ihr Vater Olaf hatte sie mit süß riechendem Apfelholz ausgekleidet, das er einst als Geschenk für ihre Mutter mit nach Hause gebracht hatte, und schön eingerichtet, denn er war ein geschickter Tischler gewesen. Auf der Steuerbordseite hatte er eine Koje eingebaut, die man zusammenklappen und tagsüber als Sitzbank nutzen konnte. Unter der Koje befanden sich saubere Schränke, in denen Snorri allerlei Krimskrams verstaute, und darüber waren breite Regale angebracht, in denen sie ihre Kartenrollen aufbewahrte. Auf der Backbordseite reihten sich ein herunterklappbarer Tisch, eine Kommode aus Apfelholz und ein kleiner Kanonenofen, dessen Ofenrohr in der Kajütendecke verschwand. Snorri öffnete die Ofenklappe, und der matte rote Schein einer verlöschenden Glut fiel heraus.

Schläfrig kletterte sie in ihre Koje und schlüpfte unter die Decke aus Rentierfell. Sie lächelte zufrieden. Es war ein guter Tag gewesen – bis auf den Anblick des Geisterbootes. Es gab nur einen Geist, den Snorri sehen wollte, und das war der Geist Olaf Snorrelssens.

* 2 *
DER HÄNDLERMARKT

 

 

Am nächsten Morgen stand Snorri in aller Herrgottsfrühe auf, und Ullr, der sich wieder in eine magere rote Katze mit schwarzer Schwanzspitze, seine Taggestalt, verwandelt hatte, verspeiste gerade eine Maus. Snorri hatte die gespenstische Königsbarke völlig vergessen, und als sie ihr beim Frühstück, das aus Salzhering und dunklem Roggenbrot bestand, wieder einfiel, kam sie zu dem Schluss, dass sie das Ganze geträumt haben musste.

Snorri zog den Sack mit den Mustern aus dem Laderaum, wuchtete ihn auf ihre Schultern und marschierte, aufgeregt und guter Dinge, die Laufplanke hinunter in die helle Morgensonne. Ihr gefiel dieses fremde Land, in das sie gekommen war. Sie mochte das grüne Wasser des träge fließenden Flusses und den Geruch nach Herbstlaub und Holzrauch, der in der Luft lag, und sie war beeindruckt von der mächtigen Burgmauer, die vor ihr in den Himmel ragte. Dahinter gab es eine ganz neue Welt zu entdecken. Sie erklomm den steilen Pfad, der zum Südtor führte, und sog tief die Luft ein. Es war kühl, aber längst nicht so frostig wie zu Hause, wo ihre Mutter in diesem Augenblick wahrscheinlich in ihrem dunklen kleinen Holzhaus am Kai aufwachte. Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken an ihre Mutter zu verscheuchen, und folgte dem Pfad zur Burg.

Als sie das Südtor durchschritt, sah sie einen alten Bettler am Boden kauern. Ihr Volk glaubte, dass es Glück brachte, wenn man dem ersten Bettler, dem man in der Fremde begegnete, etwas gab, und so fischte sie einen Groschen aus der Tasche und drückte ihm das Geldstück in die Hand. Zu spät erkannte sie, dass der Bettler ein Geist war, denn ihre Hand ging durch seine hindurch. Der Geist blickte bei ihrer Berührung verdutzt, und erbost darüber, dass er passiert worden war, stand er auf und schwebte davon. Snorri blieb stehen und setzte ihren schweren Sack auf dem Boden ab. Sie schaute sich um, und ihre gute Laune erhielt einen Dämpfer. In der Burg wimmelte es von Geistern aller Art, und als Geisterseherin musste sie wohl oder übel alle sehen – ob die Geister ihr erscheinen wollten oder nicht. Wie sollte sie in diesem Gewimmel ihren Vater finden? Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre wieder nach Hause gesegelt, aber dann sagte sie sich, dass sie auch hierhergekommen war, um Handel zu treiben, und als Tochter eines namhaften Kaufmanns würde sie das auch tun.

Die Nase im Stadtplan und den Geistern so gut es ging ausweichend, setzte sie ihren Weg fort. Es war ein guter Stadtplan, und schon bald passierte sie den alten Backsteinbogengang, der zur Gildehalle führte, und begab sich schnurstracks ins Händlerkontor. Das Kontor war eine offene Hütte mit einem Schild, auf dem stand: HANSEATISCHE UND NORDISCHE HANDELSGESELLSCHAFT. In der Hütte stand ein langer, auf Böcke gestellter Tisch, darauf zwei Waagen, allerlei Gewichtstücke und Gefäße und ein dickes Buch, und dahinter ein verhutzelter alter Kaufmann, der gerade Geld in eine große Kassette aus Eisen zählte. Mit einem Mal wurde Snorri nervös, beinahe so nervös wie gestern, als sie in Sally Mullins Café gegangen war. Jetzt schlug die Stunde der Wahrheit. Sie musste beweisen, dass sie berechtigt war, Handel zu treiben, und dass sie Anspruch auf Mitgliedschaft in der Handelsgesellschaft hatte. Sie schluckte schwer, dann betrat sie hoch erhobenen Hauptes die Hütte.

Der alte Mann schaute nicht auf. Er zählte weiter die fremden Münzen, an die sich Snorri noch nicht gewöhnt hatte: Pennys, Groschen, Schillinge, halbe und ganze Kronen. Snorri hüstelte ein paar Mal, doch der alte Mann reagierte nicht. Nach ein paar Minuten hielt sie es nicht mehr aus. »Verzeihung«, sagte sie.

»Vierhundertundfünfundzwanzig,vierhundertundsechsundzwanzig …«, murmelte der Mann, ohne ein Auge von den Geldstücken zu wenden.

Snorri blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Fünf Minuten später verkündete der Mann: »Eintausend. Ja, Miss, was kann ich für Sie tun?«

Sie legte eine Krone auf den Tisch und sagte ohne Stocken, denn sie hatte diesen Augenblick schon seit Tagen geprobt: »Ich möchte einen Handelsschein kaufen.«

Der alte Mann musterte Snorri, die in einer Kaufmannstracht aus grobem Wollstoff vor ihm stand, und schmunzelte, als hätte sie etwas Dummes gesagt. »Bedauere, Miss. Dazu müssen Sie Mitglied im Kaufmannsbund sein.«

Snorri verstand den Mann gut genug. »Ich bin Mitglied im Kaufmannsbund«, erwiderte sie, und bevor der Mann widersprechen konnte, zog sie ihr Kaufmannspatent hervor und legte die Pergamentrolle mit der roten Kordel und dem großen Siegel aus rotem Siegelwachs vor ihn hin. Wie um ihr ihren Willen zu lassen, zog der alte Mann sehr langsam seine Brille hervor, schüttelte über die Dreistigkeit der heutigen Jugend den Kopf und las bedächtig das Schriftstück, das Snorri ihm gegeben hatte. Während sein Zeigefinger an den Wörtern entlangwanderte, nahm sein Gesicht einen ungläubigen Ausdruck an, und als er fertig gelesen hatte, hob er das Pergament ans Licht und suchte nach Anzeichen dafür, dass es sich um eine Fälschung handelte.

Es war keine. Snorri wusste, dass es keine war, und der alte Mann wusste es auch. »Das ist höchst irregulär«, sagte er zu Snorri.

»Irregulär?«

»Höchst irregulär. Es ist unüblich, dass Väter ihr Kaufmannspatent auf ihre Töchter übertragen.«

»Unüblich?«

»Aber wie es scheint, hat alles seine Richtigkeit.« Der alte Mann seufzte, fasste recht unwillig unter den Tisch und zog einen Stapel Handelsscheine hervor. »Unterschreiben Sie hier«, forderte er Snorri auf und legte ihr einen Stift hin. Sie setzte ihren Namen darauf, und der alte Mann stempelte den Schein, als hätte sie ihn persönlich beleidigt.

Er schob ihn über den Tisch. »Stand Nummer eins. Sie sind früh dran. Die Allererste. Der Markt beginnt Freitag in zwei Wochen bei Sonnenaufgang. Und endet am Tag vor dem Mittwinterfest. Bis Sonnenuntergang muss alles geräumt sein. Das macht dann eine Krone.« Der Mann nahm die Krone, die Snorri vorhin auf den Tisch gelegt hatte, und warf sie in eine andere Geldkassette, in der sie klimpernd landete, da die Kassette noch leer war.

Mit einem breiten Grinsen nahm Snorri den Handelsschein. Es war vollbracht. Sie gehörte jetzt zu den zugelassenen Kaufleuten, genau wie früher ihr Vater.

»Bringen Sie Ihre Warenmuster zum Schuppen, wir brauchen sie für die Qualitätskontrolle«, sagte der alte Mann. »Sie können sie morgen wieder abholen.«

Snorri stellte ihren schweren Sack in den Verschlag vor dem Schuppen. Sie fühlte sich so erleichtert, dass sie auf den Marktplatz hinaustanzte und prompt mit einem Mädchen in einem roten, mit Gold verbrämten Kleid zusammenstieß. Sie hatte langes dunkles Haar und trug ein goldenes Diadem auf dem Kopf wie eine Krone. Neben ihr stand ein Geist in einem purpurroten Gewand. Er hatte freundliche grüne Augen und trug sein graues Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Snorri vermied es, die Blutflecken auf seiner Robe direkt unter dem Herzen anzusehen, denn es galt als unhöflich, auf das zu starren, was einen Geist zum Geist gemacht hatte.

»Oh, Verzeihung«, sagte das Mädchen in Rot zu Snorri. »Ich habe nicht aufgepasst, wo ich hintrete.«

»Nicht doch, ich muss mich entschuldigen«, erwiderte Snorri. Sie lächelte, und das Mädchen lächelte zurück. Nachdenklich schlug Snorri den Weg zur Alfrun ein. Sie hatte gehört, dass in der Burg eine Prinzessin lebte, aber das konnte sie doch unmöglich gewesen sein. Eine Prinzessin spazierte doch nicht einfach so herum wie jeder x-Beliebige.

Das fragliche Mädchen, das tatsächlich die Prinzessin war, und der purpurrot gekleidete Geist setzten ihren Weg zum Palast fort.

»Sie ist eine Geisterseherin«, sagte der Geist.

»Wer?«

»Diese junge Händlerin. Ich bin ihr nicht erschienen, und trotzdem hat sie mich gesehen. Ich bin noch nie einem Geisterseher begegnet. Solche Menschen sind sehr selten. Man findet sie nur in den Ländern der Langen Nächte.« Der Geist erschauerte. »Bei dem Gedanken bekomme ich eine Gänsehaut.«

Die Prinzessin lachte. »Sie sind lustig, Alther«, sagte sie. »Ich wette, dass Sie den Leuten immer eine Gänsehaut verursachen.«

»Tu ich nicht«, erwiderte der Geist entrüstet. »Na, jedenfalls nur, wenn ich will.«

 

In den folgenden Tagen herrschte herbstliches Wetter. Nordwinde bliesen das Laub von den Bäumen und wirbelten es durch die Straßen. Es wurde kalt, und die Menschen merkten, dass es früher dunkel wurde.

Doch Snorri Snorrelssen gefiel das Wetter. Tagsüber schlenderte sie in der Burg umher, erkundete die Straßen und Seitengassen, bestaunte die Auslagen in den Schaufenstern der vielen kleinen Geschäfte, die versteckt in den überwölbten Gängen der Anwanden lagen, und kaufte sich hier und dort sogar ein billiges Schmuckstück. Sie blickte ehrfurchtsvoll zum Zaubererturm empor, erhaschte einen Blick von der Außergewöhnlichen Zauberin, die einen ziemlich herrischen Eindruck machte, und wunderte sich über die Misthaufen, die sich auf dem Hof der Zauberer türmten. Sie stand in der Menge der Schaulustigen, als die alte Turmuhr im Tuchhändlerhof zwölf schlug, und musste über die Gesichter der zwölf Zinnfiguren lachen, die aus der Uhr herausgeschlendert kamen. Ein andermal bummelte sie durch die Zaubererallee, besichtigte die älteste Druckerpresse und spähte durch den Gitterzaun zu dem schönen alten Palast, der kleiner war, als sie erwartet hatte. Am Palasttor unterhielt sie sich sogar mit einem alten Geist namens Gudrun, die in ihr eine Landsfrau erkannte, obwohl sie altersmäßig durch sieben Jahrhunderte getrennt waren.

Doch den einen Geist, den Snorri bei ihren Streifzügen zu entdecken hoffte, bekam sie nicht zu Gesicht. Sie wusste zwar nur von einem Bild, das auf dem Nachttisch ihrer Mutter stand, wie er aussah, aber sie war sich sicher, dass sie ihn auf Anhieb erkennen würde. Doch obwohl sie unablässig mit den Augen die Menge der vorbeiziehenden Geister absuchte, erhaschte sie nicht einmal einen flüchtigen Blick auf ihren Vater.

Eines späten Nachmittags, nachdem sie hinter den Anwanden durch mehrere dunkle Gassen gestreift war, in denen sich viele Kaufleute ein möbliertes Zimmer nahmen, bekam Snorri einen gehörigen Schrecken. Es war kurz vor Sonnenuntergang. Sie hatte sich gerade in Maizie Smalls Fackelladen eine Handfackel gekauft und ging durch die Schlupfgasse zurück in Richtung Südtor, als sie das unangenehme Gefühl hatte, dass sie verfolgt wurde. Doch jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, war niemand zu sehen. Plötzlich hörte sie hinter sich ein Schlurfen. Sie fuhr herum und da waren sie – ein Paar rote Knopfaugen und ein langer, nadelartiger Zahn, der im Schein ihrer Fackel blitzte. Kaum erblickten die Augen die Fackel, verschwanden sie im Halbdunkel, und Snorri bekam sie nicht mehr zu Gesicht. Nur eine Ratte, sagte sie sich, doch wenig später, als sie zur Hauptdurchgangsstraße hastete, hörte sie aus der Schlupfgasse einen gellenden Schrei. Offenbar hatte jemand, der sich ohne Fackel in die Gasse gewagt hatte, weniger Glück gehabt.

Snorri war erschüttert und brauchte menschliche Gesellschaft, und so ging sie zum Abendessen in Sally Mullins Café. Sally war mittlerweile mit ihr warm geworden, denn, wie sie zu ihrer Freundin Sarah Heap sagte: »Man kann einem jungen Mädchen ja keinen Vorwurf machen, nur weil sie das Pech hat, Händlerin zu sein, und vermutlich sind ja nicht alle so schlecht. Man muss sie sogar bewundern, Sarah. Sie ist mit dem großen Boot ganz allein hierhergesegelt. Ist mir ein Rätsel, wie sie das vollbracht hat. Ich habe schon mit der Muriel meine liebe Mühe.«

Das Café war an diesem Abend seltsam leer. Snorri war der einzige Gast. Sally brachte ihr ein besonders großes Stück Gerstenkuchen und setzte sich zu ihr. »Diese Seuche ist verheerend für das Geschäft«, klagte sie. »Niemand wagt sich nach Einbruch der Dunkelheit mehr auf die Straße, obwohl ich den Leuten immer wieder sage, dass Ratten das Weite suchen, wenn sie eine Flamme sehen. Man braucht nur eine Fackel bei sich zu tragen. Aber es nützt nichts, alle haben jetzt Angst.« Sally schüttelte bekümmert den Kopf. »Sie springen dir an die Waden. Und sie sind schnell wie ein geölter Blitz. Ein Biss genügt, und du bist hin.«

Snorri hatte Mühe, Sallys Redefluss zu folgen. »Hin?«, fragte sie, indem sie einfach den Schluss des Satzes wiederholte.

Sally nickte. »So gut wie. Nicht unbedingt tot, aber man geht davon aus, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Eine Weile fühlt man sich noch ganz leidlich, dann bekommt man rund um die Bisswunde einen roten Ausschlag, Schwindelgefühle, und zack – wenn du wieder zu dir kommst, liegst du flach auf dem Boden und bist nicht mehr ganz richtig im Oberstübchen.«

»Im Oberstübchen?«, fragte Snorri.

»Ja«, sagte Sally und sprang beim willkommenen Anblick eines neuen Gastes auf.

Der Gast war eine groß gewachsene Frau mit kurzem Igelhaarschnitt. Sie hielt ihren Umhang eng um sich geschlungen. Snorri konnte ihr Gesicht nicht richtig sehen, doch aus der Art, wie sie dastand, schloss sie, dass sie zornig war. Die Frau wechselte leise ein paar Worte mit Sally, und so rasch, wie sie gekommen war, verschwand sie wieder.

Lächelnd kehrte Sally zu Snorri zurück, von deren Platz aus man den Fluss überblicken konnte. »Tja, so hat alles seine guten Seiten«, sagte sie. »Das war Geraldine. Merkwürdige Frau. Sie erinnert mich an jemand, ich komm aber nicht drauf, an wen. Na, jedenfalls hat sie gefragt, ob sich die Rattenwürger hier treffen können, bevor sie … äh … Ratten würgen gehen.«

»Ratten würgen?«, fragte Snorri.

»Na ja, Ratten fangen. Sie glauben, sie können die Krankheit ausmerzen, wenn sie allen Ratten den Garaus machen. Erscheint mir logisch. Na, jedenfalls freue ich mich. Ein Haufen hungriger und durstiger Rattenfänger, das kann das Café im Moment gut gebrauchen.«

Doch es kam kein Mensch ins Café, nachdem die Frau mit der Igelfrisur gegangen war, und bald begann Sally, geräuschvoll die Sitzbänke auf die Tische zu stellen und den Fußboden zu wischen. Snorri verstand den Wink und wünschte ihr eine gute Nacht.

»Gute Nacht, mein Kind«, erwiderte Sally vergnügt. »Und treib dich nicht draußen herum, hörst du?«

Snorri hatte nicht die Absicht, sich draußen herumzutreiben. Sie rannte zur Alfrun zurück und war sehr froh, als sie NachtUllr übers Deck streifen sah. Während Ullr weiter Wache hielt, zog sie sich in ihre Kajüte zurück, verriegelte die Luke und ließ die ganze Nacht die Öllampe brennen.

* 3 *
UNLIEBSAMER BESUCH

 

 

Während sich Snorri Snorrelssen in ihrer Kabine verbarrikadierte, saßen Jenna, Sarah und Silas Heap im Palast beim Abendessen. Sarah Heap hätte eigentlich viel lieber in einer der kleineren Palastküchen gegessen, hatte sich aber schon vor geraumer Zeit dem Willen der Köchin beugen müssen, die es für unschicklich hielt, dass Mitglieder der Königsfamilie in der Küche speisten. Nein, auch nicht an einem ruhigen, regnerischen Mittwoch, das komme nicht in Frage, nicht solange sie Köchin sei – »und damit basta, werte Frau Heap.«

Und so saßen heute Abend drei Gestalten verloren im Kerzenschein am oberen Ende einer langen Tafel im riesigen Speisesaal des Palastes. Hinter ihnen zischte und prasselte ein Feuer im Kamin, und ab und zu flog ein Funke in das drahtige und etwas ungepflegte Fell des großen Hundes, der schnarchend und grunzend vor dem Feuer lag, aber Maxie, der Wolfshund, bemerkte es nicht. Neben dem Wolfshund stand müßig die Nachtmahlserviererin. Sie war froh über die Wärme, konnte es aber nicht erwarten, den Tisch abzuräumen und endlich den von Maxie aufsteigenden Gerüchen nach angesengtem Hundehaar und Schlimmerem zu entfliehen.

Doch das Abendessen dauerte eine Ewigkeit. Sarah Heap, die Adoptivmutter Prinzessin Jennas, der Burgerbin, hatte allerhand zu sagen. »Also, ich wünsche, dass du den Palast auf keinen Fall verlässt, Jenna, damit das klar ist. Da draußen schleicht Etwas herum, das Menschen beißt und sie mit der Seuche ansteckt. Du bleibst hier, wo du sicher bist, bis man dieses Etwas gefangen hat.«

»Aber Septimus …«

»Keine Widerrede. Es ist mir gleich, ob Septimus dich braucht, um diesen unausstehlichen Drachen abzuschrubben. Obwohl, wenn du mich fragst, wäre es viel besser, er würde ihn nicht ganz so oft schrubben – hast du die Schweinerei unten am Fluss gesehen? Ich weiß nicht, was Billy Pot davon hält. Die Drachenmisthaufen sind mindestens drei Meter hoch. Früher bin ich gern am Fluss spazieren gegangen, aber jetzt …«

»Mum«, sagte Jenna, »ich habe doch gar nicht die Absicht, Feuerspei zu schrubben, kein bisschen, aber ich muss jeden Tag das Drachenboot besuchen.«

»Das Drachenboot kommt auch mal ohne dich aus«, erwiderte Sarah. »Es merkt ja ohnehin nicht, dass du da bist.«

»Doch, Mum. Ganz bestimmt. Außerdem muss es furchtbar für das Drachenboot sein, wenn es aufwacht, und niemand ist da, kein Mensch kommt, tagelang …«

»Immer noch besser, als wenn nie wieder jemand kommt«, sagte Sarah scharf. »Du gehst mir da nicht hinaus, solange man diese Seuche nicht im Griff hat.«

»Findest du nicht, dass du viel Lärm um nichts machst?«, fragte Silas vorsichtig.

Sarah fand das nicht. »Also ›nichts‹ würde ich das nicht nennen, wenn man das Spital öffnen muss, Silas.«

»Was, den alten Kasten? Es wundert mich, dass der überhaupt noch steht.«

»Uns bleibt keine andere Wahl, Silas. Wir haben mittlerweile zu viele Kranke, die sonst nirgends hinkönnen. Was du vielleicht mitbekommen hättest, wenn du nicht den lieben langen Tag auf dem Speicher hocken und deine Zeit mit albernen Spielen vertrödeln würdest …«

»Burgenschach ist kein albernes Spiel, Sarah. Und jetzt, wo ich eine Figurenkolonie gefunden habe, die zweifellos zu den besten in der Burg gehört – du hättest mal Gringes Gesicht sehen sollen, als ich ihm davon erzählte –, werde ich nicht zulassen, dass mir die Figuren wieder davonlaufen! Aus einem versiegelten Raum kommen sie nicht so schnell heraus.«

Sarah Heap seufzte. Seit sie in den Palast gezogen waren, hatte Silas seinen Beruf als Gewöhnlicher Zauberer praktisch aufgegeben und frönte nur noch verschiedenen Hobbys – und zu ihrem Leidweisen besonders ausgiebig dem Brettspiel Burgenschach. »Du weißt, dass ich es nicht gerne sehe, wenn du versiegelte Räume öffnest, Silas«, schimpfte Sarah. »Sie sind nicht ohne Grund versiegelt, besonders versteckte Dachkammern. Erst letzten Monat haben wir im Kräuterverein darüber gesprochen.«

Silas lachte spöttisch auf. »Ha! Was verstehen denn diese Kräutertanten von Zauberei? Nichts!«

»Na schön, Silas. Im Moment bist du auf dem Speicher bei deinen blöden Figuren vermutlich sowieso sicherer.«

»Ziemlich«, sagte Silas. »Ist noch Kuchen da?«

»Nein, du hast dir gerade das letzte Stück genommen.« Eine angespannte Stille trat ein, und in der Stille glaubte Jenna in der Ferne Lärm zu hören.

»Hört ihr das?«, fragte sie, stand auf und blickte aus einem der großen Fenster, die auf den Platz vor dem Palast hinausgingen. Die Zufahrt war von Fackeln erleuchtet, und das große Palasttor war, wie immer nachts, verschlossen. Doch draußen vor dem Tor hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Die Leute schlugen Mülleimerdeckel aneinander und riefen: »Ratten, Ratten, Kampf den Ratten. Ratten, Ratten, Tod den Ratten!«

Sarah trat zu Jenna ans Fenster. »Das sind die Rattenwürger«, sagte sie. »Was wollen die denn hier?«

»Nach Ratten suchen, nehme ich an«, sagte Silas, den Mund voller Apfelkuchen. »Hier gibt es eine Menge. Ich glaube, wir hatten heute Abend eine in der Suppe.«

Die Sprechchöre der Rattenwürger wurden schneller: »Ratzenfalle, Ratzenfalle, ratsch, ratsch, ratsch! Ratzenfalle, Ratzenfalle, ratsch, ratsch, ratsch

»Die armen Ratten«, sagte Jenna.

»Dabei sind es gar nicht Ratten, die diese Seuche verbreiten«, sagte Sarah. »Ich habe gestern im Spital geholfen. Die Bisse stammen eindeutig nicht von Ratten. Ratten haben mehr als einen Zahn. Oh, sieh mal, sie rennen von der Straße zu den Unterkünften der Dienstboten. Ach du liebe Güte!«

Bei diesen Worten kam Bewegung in die Nachtmahlserviererin. Sie raffte das Geschirr zusammen, zog Silas das letzte Stück Apfelkuchen unter der Nase weg und stürmte aus dem Saal. Ein Klirren verriet, dass sie die Teller in den Müllschlucker warf, der in die Küche darunter führte. Dann rannte sie in ihr Dienstbotenzimmer, um nach Percy, ihrer Hausratte, zu sehen.

Danach dauerte das Abendessen nicht mehr lange. Sarah begab sich mit Silas in ihren kleinen Salon im hinteren Flügel des Palastes, wo sie einen angefangenen Roman zu Ende lesen musste und Silas fleißig an einem Buch mit dem Titel Die zehn besten Burgenschach-Tipps schrieb, an das er große Hoffnungen knüpfte.

Jenna beschloss, auf ihr Zimmer zu gehen und ebenfalls zu lesen. Sie war gerne für sich, und es machte ihr Spaß, allein im Palast herumzuwandern, ganz besonders nachts, wenn Kerzen in den Korridoren lange Schatten warfen und viele alte Geister erwachten. In der Nacht wirkte der Palast nicht mehr so verlassen wie am Tag und wurde wieder zu einem Ort geschäftigen Treibens. Die meisten Alten zeigten sich Jenna und nutzten gern die Gelegenheit, mit der Prinzessin zu schwatzen, auch wenn viele nicht mehr genau wussten, welche Prinzessin sie eigentlich war. Jenna unterhielt sich gern mit ihnen, obwohl die Geister dazu neigten, jede Nacht dasselbe zu sagen, und sie daher die meisten Gespräche schon nach kurzer Zeit auswendig kannte.

Jenna erklomm die breite geschwungene Treppe zur Galerie, die oben an der Halle entlangführte, und blieb stehen, um mit dem Geist einer alten Gouvernante zu plaudern, die einst zwei junge Prinzessinnen erzogen hatte und auf der Suche nach ihren Schützlingen Nacht für Nacht durch die Gänge streifte.

»Guten Abend, Prinzessin Esmeralda«, grüßte die Gouvernante, die wie stets ein besorgtes Gesicht machte.

»Guten Abend, Mary«, antwortete Jenna, die es längst aufgegeben hatte, Mary zu sagen, dass sie eigentlich Jenna hieß, weil es nicht das Geringste nützte.

»Ich sehe mit Freuden, dass du immer noch gesund und wohlauf bist«, sagte die Gouvernante.

»Danke, Mary«, erwiderte Jenna.

»Sieh dich vor, mein Kind«, empfahl die Gouvernante wie immer.

»Das werde ich«, antwortete Jenna wie immer und ging ihres Weges. Bald bog sie von der Galerie in einen breiten, von Kerzen erleuchteten Korridor ab, an dessen Ende sich die große Flügeltür befand, die in ihr Zimmer führte.

»Guten Abend, Sir Hereward«, grüßte sie den alten Hüter des Königlichen Schlafgemachs, einen arg zerzausten und verblichenen Geist, der seit rund achthundert Jahren oder schon länger hier Posten stand und gar nicht daran dachte, in den Ruhestand zu treten. Sir Hereward fehlte ein Arm und ein Gutteil seiner Rüstung, denn sein Eintritt ins Geisterdasein war das Resultat einer der letzten Landschlachten zwischen der Burg und der Stadt Port gewesen. Er zählte zu Jennas Lieblingsgeistern, und wenn er wachte, fühlte sie sich sicher. Der alte Rittersmann war ein freundlicher Geselle, erzählte gern Witze und schaffte es im Allgemeinen, sich nicht allzu oft zu wiederholen, was für einen Alten ungewöhnlich war.

»Guten Abend, holde Prinzessin. Kennen Sie den: Was ist der Unterschied zwischen einem Elefanten und einer Banane?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Jenna lächelnd. »Und was ist der Unterschied zwischen einem Elefanten und einer Banane?«

»Also, Sie werde ich lieber nicht für mich einkaufen schicken. Ha-ha-ha!«

»Oh … sehr witzig! Ha-ha!«

»Freut mich, dass er Ihnen gefällt. Hab ich mir gedacht. Gute Nacht, Prinzessin.« Sir Hereward neigte kurz den Kopf und nahm Haltung an, glücklich, wieder Dienst zu tun.

»Gute Nacht, Sir Hereward«, sagte Jenna, öffnete die Tür und schlüpfte in ihr Zimmer.

Es hatte einige Zeit gedauert, bis sie sich an das riesige Zimmer im Palast gewöhnt hatte, nachdem sie zehn Jahre lang in einem Wandschrank geschlafen hatte, aber inzwischen liebte sie es, besonders an den Abenden. Es war ein großer, länglicher Raum mit vier hohen Fenstern, die auf den Palastgarten blickten und die Abendsonne einfingen. Heute freilich, an diesem kalten Herbstabend, zog Jenna die schweren roten Samtvorhänge vor, und das Zimmer wurde in tiefes Dunkel getaucht. Sie ging hinüber zu dem großen Kamin neben dem Himmelbett und entzündete die darin gestapelten Holzscheite mit Hilfe des Feuerzaubers, den ihr Septimus zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Als der warme Schein der züngelnden Flammen das Zimmer erfüllte, setzte sie sich aufs Bett, wickelte sich in die Federdecke und schlug ihr historisches Lieblingsbuch, Die Geschichte unserer Burg, auf.

Nach kurzer Zeit war sie so ins Lesen vertieft, dass sie die große, hagere Geistergestalt nicht bemerkte, die hinter den dicken Vorhängen, die ihr Bett umgaben, hervortrat. Die Gestalt blieb reglos stehen und beobachtete sie mit einem missbilligenden Ausdruck in ihren dunkelblauen Knopfaugen. Jenna fröstelte in der plötzlichen Kälte, die der Geist verströmte, und zog die Decke enger um sich, schaute aber nicht auf.

»Ich würde mir die Mühe sparen, all den Unsinn über den Hansebund zu lesen«, schnitt eine schrille Stimme hinter Jenna durch die Luft. Wie von der Tarantel gestochen fuhr sie in die Höhe, ließ das Buch fallen und wollte gerade Sir Hereward rufen, als ihr eine eiskalte Hand den Mund zuhielt. Von der Berührung des Geistes strömte eisige Luft in ihre Lungen, und sie bekam einen Hustenanfall. Den Geist ließ das ungerührt. Er hob das Buch auf und legte es neben Jenna, die jetzt wieder saß und nach Atem rang, aufs Bett.

»Schlag Kapitel Dreizehn auf, Enkeltochter«, befahl der Geist. »Über das gemeine Kaufmannsvolk brauchst du nichts zu lesen, das ist vergeudete Zeit. Die einzige Geschichte, die es zu studieren lohnt, ist die Geschichte der Könige und Königinnen – vorzugsweise die Geschichte der Königinnen. Du findest mich auf Seite zweihundertundzwanzig. Im Großen und Ganzen ein ganz ordentlicher Bericht über meine Regierungszeit, wenn man einmal von ein oder zwei … äh … Missverständnissen absieht, aber schließlich war der Verfasser nicht von Adel – was kann man da schon erwarten?«

Jenna hatte sich von ihrem Hustenanfall so weit erholt, dass sie den ungebetenen Gast genauer in Augenschein nehmen konnte. Es war tatsächlich der Geist einer Königin, und einer alten obendrein, wie an dem altmodischen Kleid und der gestärkten Halskrause zu erkennen war. Sie wirkte überraschend lebensecht für ihr Alter und stand gerade und aufrecht da. Ihr eisengraues Haar war zu zwei straffen Zöpfen geflochten, die über ihren ziemlich spitzen Ohren zu Schnecken zusammengerollt waren, und auf ihrem Kopf saß eine einfache, schlichte Krone aus Gold. Ihre dunkelblauen Augen durchbohrten Jenna mit einem missbilligenden Blick, der ihr sofort das Gefühl gab, etwas verbrochen zu haben.

»W… wer sind Sie?«, stammelte Jenna.

Die Königin klopfte ungeduldig mit dem Fuß. »Kapitel Dreizehn, Enkeltochter. Sieh in Kapitel Dreizehn nach, habe ich gesagt. Du musst zuhören lernen. Alle Königinnen müssen zuhören lernen.«

Jenna konnte sich nicht vorstellen, dass diese Königin jemandem zuhörte, sagte aber nichts. Etwas anderes gab ihr zu denken. Die Besucherin hatte sie Enkeltochter genannt. Und das schon zum zweiten Mal. Dieser grässliche Geist konnte doch unmöglich ihre Großmutter sein, oder? »Aber … aber warum nennen Sie mich ständig Enkeltochter?«, fragte sie in der Hoffnung, sich verhört zu haben.

»Weil ich deine Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßmutter bin. Aber du darfst mich Großmama nennen.«

»Großmama!«, rief Jenna entgeistert.

»Jawohl. Das dürfte schicklich genug sein. Ich erwarte nicht meinen vollen Titel.«

»Wie lautet denn Ihr voller Titel?«, fragte Jenna.

Die Königin seufzte ungeduldig, und Jenna spürte, wie ihr der eisige Geisterhauch das Haar zerzauste. »Kapitel Dreizehn. Ich sage es nicht noch einmal. Ich merke schon, ich bin keinen Augenblick zu früh gekommen. Du brauchst dringend Führung und Unterweisung. Deine Mutter hat es sträflich versäumt, dir eine königliche Erziehung und gute Manieren angedeihen zu lassen.«

»Mum ist eine richtig gute Lehrerin«, widersprach Jenna empört. »Sie hat überhaupt nichts versäumt.«

»Mum … Mum? Wer ist diese … Mum?« Die Königin brachte es fertig, gleichzeitig missbilligend und verwirrt dreinzuschauen. Tatsächlich hatte sie im Lauf der Jahrhunderte die Kunst, jeden möglichen Gesichtsausdruck mit Missbilligung zu vermischen, so vervollkommnet, dass sie, selbst wenn sie gewollt hätte, nicht mehr in der Lage war, beides auseinanderzuhalten. Aber sie wollte nicht. Sie war mit Missbilligung durchaus zufrieden, besten Dank.

»Mum ist meine Mum. Ich meine, meine Mutter«, sagte Jenna gereizt.

»Und wie lautet ihr Name, wenn ich fragen darf?«, fragte die Königin, auf Jenna herabschauend.

»Das geht Sie nichts an«, erwiderte Jenna ärgerlich.

»Lautet er zufällig Sarah Heap?«

Jenna antwortete nicht. Sie funkelte den Geist zornig an und wünschte, er würde verschwinden.

»Nein, ich werde nicht verschwinden, Enkeltochter. Ich habe an meine Pflicht zu denken. Wir beide wissen, dass diese Sarah Heap nicht deine richtige Mutter ist.«

»Für mich schon«, grummelte Jenna.

»Deine Meinung ist unmaßgeblich, Enkeltochter. Die Wahrheit ist, dass deine richtige Mutter oder vielmehr ihr Geist oben im Turm sitzt und deine königliche Erziehung vernachlässigt, sodass du mich mehr an eine gemeine Dienstmagd erinnerst als an eine richtige Prinzessin. Es ist eine Schande, eine wahre Schande, und ich habe die Absicht, dies zu korrigieren, zum Wohle dieses bedauernswerten, trostlosen Ortes, zu dem meine Burg und mein Palast verkommen sind.

»Das ist nicht Ihre Burg und Ihr Palast«, widersprach Jenna.

»Da irrst du dich, Enkeltochter. Sie waren früher mein und werden bald wieder mein sein.«

»Aber …«

»Unterbrich mich nicht. Ich werde jetzt gehen. Du müsstest längst im Bett liegen.«

»Ist doch nicht wahr«, sagte Jenna ungehalten.

»Zu meiner Zeit sind alle Prinzessinnen um sechs zu Bett gegangen, bis sie Königin wurden. Ich selbst bin bis zu meinem fünfunddreißigsten Geburtstag jeden Abend um sechs schlafen gegangen, und es hat mir nicht im Geringsten geschadet.«

Jenna sah den Geist erstaunt an. Dann, ganz plötzlich, lächelte sie, denn sie dachte daran, wie erleichtert alle anderen im Palast aufgeatmet haben mussten, damals, vor all den Jahren, wenn es sechs Uhr abends schlug.

Die Königin deutete ihr Lächeln falsch. »Aha, wirst du endlich vernünftig, Enkeltochter? Ich verlasse dich jetzt, damit du dich schlafen legen kannst, denn ich habe noch wichtige Geschäfte zu tätigen. Wir sehen uns dann morgen. Du darfst mir einen Gutenachtkuss geben.«

Jenna blickte so entsetzt, dass die Königin einen Schritt zurücktrat und sagte: »Na, wie ich sehe, musst du dich erst noch an deine liebe Großmama gewöhnen. Gute Nacht, Enkeltochter.«

Jenna antwortete nicht.

»Ich sagte Gute Nacht, Enkeltochter. Ich gehe erst, wenn du mir eine gute Nacht gewünscht hast.«

Es folgte eine angespannte Stille, bis Jenna den Anblick der spitzen Geisternase nicht länger ertragen konnte. »Gute Nacht«, sagte sie kühl.

»Gute Nacht, Großmama«, korrigierte der Geist.

»Ich werde Sie niemals Großmama nennen«, sagte Jenna und sah mit Erleichterung, dass der Geist zu verblassen begann.

»Und ob du wirst«, tönte die schrille Stimme des Geistes aus dem Nichts. »Und ob du wirst …«

Jenna ergriff ein Kissen und warf es wütend nach der Stimme. Es kam keine Antwort. Der Geist war fort. Tante Zeldas Rat beherzigend, zählte Jenna ganz langsam bis zehn, um sich zu beruhigen, dann nahm sie Die Geschichte unserer Burg zur Hand und blätterte rasch durch die dicken gelben Seiten bis zu Kapitel Dreizehn. Die Überschrift des Kapitels lautete »Königin Etheldredda die Schreckliche«.

* 4 *
DAS LOCH IN DER MAUER

 

 

Während Jenna dasaß und Kapitel Dreizehn las, wurde Septimus Heap, der Lehrling der Außergewöhnlichen Zauberin, dabei ertappt, wie er etwas las, was er gar nicht lesen sollte. Marcia Overstrand, die Außergewöhnliche Zauberin der Burg, war vor einem Streit zwischen der Kaffeekanne und dem Herd in ihrer Küche geflüchtet. Verärgert hatte sie beschlossen, die beiden vorläufig sich selbst zu überlassen und nachzusehen, was ihr Lehrling machte. Sie fand ihn in der Pyramidenbibliothek über einem Stoß alter vergilbter Blätter.

»Was tust du denn da?«, fragte sie.

Septimus sprang schuldbewusst auf und schob die Blätter unter das Buch, das er eigentlich lesen sollte. »Nichts«, antwortete er.

»Das habe ich mir gedacht«, sagte Marcia scharf und musterte den Lehrling, bemüht, ihre strenge Miene zu bewahren, was ihr freilich nicht ganz gelang. Seine leuchtend grünen Augen blickten erschrocken, und seine strohblonden Locken waren auf dieselbe Weise zerzaust wie immer, wenn er konzentriert arbeitete und sich dabei in die Haare fasste. »Nur für den Fall, dass es dir entfallen ist«, sagte sie, »du solltest dich auf deine Prüfung im Zukunftsvorhersagen morgen früh vorbereiten. Und keinen fünfhundert Jahre alten Blödsinn lesen.«

»Das ist kein Blödsinn«, wandte Septimus ein, »das ist …«

»Ich weiß ganz genau, was das ist«, unterbrach ihn Marcia. »Ich habe es dir schon einmal gesagt. Alchimie ist dummes Zeug und reine Zeitverschwendung. Ebenso gut könntest du deine Socken kochen und erwarten, dass sie sich in Gold verwandeln.«

»Aber ich lese nichts über Alchimie«, protestierte Septimus, »sondern über Heilkunst.«

»Das läuft auf dasselbe hinaus«, erwiderte Marcia. »Von Marcellus Pye, wie ich annehme?«

»Ja. Er ist wirklich gut.«

»Er ist unbedeutend, Septimus.« Marcia schob die Hand unter das Buch, das Septimus hastig oben drauf gelegt hatte – Grundlagen und Praxis der Zukunftsvorhersage –, und zog ein Bündel brüchiger Blätter hervor, die mit einer verblichenen Handschrift vollgekritzelt waren. »Außerdem«, setzte sie hinzu, »sind das nur seine Notizen.«

»Ich weiß. Es ist schade, dass sein Buch verschollen ist.«

»Hm. Es wird Zeit, dass du ins Bett kommst. Du musst morgen sehr früh anfangen. Sieben Minuten nach sieben und keine Sekunde später. Verstanden?«

Septimus nickte.

»Gut, dann ab mit dir.«

»Aber Marcia …«

»Was ist denn noch?«

»Ich interessiere mich wirklich für Heilkunst. Und Marcellus war auf dem Gebiet der Beste. Er hat alle möglichen Arzneien und Heiltränke gebraut, und er wusste alles darüber, warum wir krank werden. Finden Sie nicht, dass ich das lernen sollte?«

»Nein«, antwortete Marcia. »Das brauchst du nicht, Septimus. Die Magie kann alles, was die Medizin kann.«

»Aber die Seuche kann sie auch nicht heilen«, sagte Septimus trotzig.

Marcia schürzte die Lippen. Septimus war nicht der Erste, der sie darauf hinwies. »Aber bald«, behauptete sie. »Aber bald. Ich muss mich nur darum kümmern … Was war das?« Ein lautes Scheppern ertönte aus der Küche zwei Stockwerke tiefer, und Marcia stürmte davon.

Septimus seufzte. Er legte die Papiere Marcellus Pyes zurück in den alten Karton, den er in einer verstaubten Ecke gefunden hatte, blies die Kerze aus und ging nach unten ins Bett.

 

Septimus schlief nicht gut. Seit einer Woche träumte er jede Nacht von der Prüfung, und heute war keine Ausnahme. Er träumte, er hätte die Prüfung versäumt. Und dann wurde er von Marcia verfolgt und fiel durch einen Schornstein, der nicht zu enden schien und immer weiter ging … Verzweifelt versuchte er, sich an den Wänden festzuhalten und den Sturz zu bremsen, aber er fiel und fiel und fiel …

»Hattest du einen Ringkampf mit deiner Decke, Septimus?«, hallte eine vertraute Stimme durch den Schornstein, und kichernd setzte sie hinzu: »Sieht so aus, als hättest du verloren. War nicht klug von dir, es gleichzeitig mit zwei Decken aufzunehmen, mein Junge. Mit einer, meinetwegen, aber zwei Decken verbünden sich immer gegen einen. Hinterhältige Biester, diese Decken.«

Septimus zwang sich, aus dem Traum zu erwachen, setzte sich auf und sog hörbar die kühle Herbstluft ein, die Alther Mella durchs Fenster hereingelassen hatte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Alther besorgt. Der Geist machte es sich auf dem Bett bequem.

»W… wo …?«, murmelte Septimus, der Mühe hatte, die leicht durchsichtige Gestalt Alther Mellas zu erkennen, der als ehemaliger Außergewöhnlicher Zauberer häufiger Gast im Zaubererturm war. Normalerweise war Alther leichter zu sehen als viele andere Geister in der Burg, aber in der Nacht oder bei Schummerlicht verschmolz sein verblasstes lila Gewand mit dem Hintergrund, und die dunkelbraunen Blutflecken über seinem Herzen, die Septimus immer ansehen musste, sosehr er sich auch dagegen sträubte, waren nur noch zu ahnen. Mit gelassener und freundlicher Miene richtete Alther seine alten grünen Augen auf seinen Lieblingslehrling.

»Wieder schlecht geträumt?«, erkundigte er sich.

»Äh … ja«, gab Septimus zu.

»Erinnerst du dich, ob du diesmal den Flug-Charm benutzt hast?«, fragte Alther.

»Äh … nein. Vielleicht beim nächsten Mal. Nur hoffe ich, dass es kein nächstes Mal gibt. Es ist ein schrecklicher Traum.« Septimus erschauerte und zog sich eine der widerspenstigen Decken bis zum Kinn.

»Hm«, sagte Alther nachdenklich. »Träume kommen nicht ohne Grund zu uns. Manchmal sagen sie uns Dinge, die wir wissen müssen.« Er schwebte vom Bett in die Höhe und streckte sich unter geisterhaftem Stöhnen. »Also, ich habe mir gedacht, du hättest vielleicht Lust auf einen kleinen Ausflug. Ich kenne hier in der Nähe ein nettes Lokal.«

Septimus gähnte. »Aber was ist mit Marcia?«, fragte er schläfrig.

»Marcia hat wieder mal Kopfschmerzen«, antwortete Alther. »Ich weiß nicht, warum sie sich über die eigensinnige Kaffeekanne so aufregt. Wenn ich sie wäre, würde ich das Ding einfach wegwerfen. Sie ist schon zu Bett gegangen, deshalb wollen wir sie nicht stören. Im Übrigen sind wir wieder zurück, bevor sie überhaupt merkt, dass wir fort waren.«

Septimus wollte nicht weiterschlafen und wieder diesen Traum haben. Und so sprang er aus dem Bett, schlüpfte in seine grüne wollene Lehrlingstracht, die er vor dem Schlafengehen am Fußende des Bettes sauber zusammengelegt hatte – so wie er in den ersten zehn Jahren seines Lebens jeden Abend seine Jungarmee-Uniform hatte zusammenlegen müssen –, und schnallte seinen silbernen Lehrlingsgürtel um.

»Fertig?«, fragte Alther.

»Fertig«, antwortete Septimus und ging zu dem Fenster, das Alther bei seiner Ankunft geöffnet hatte. Er kletterte auf das breite Fensterbrett, trat auf den Sims hinaus und blickte einundzwanzig Stockwerke in die Tiefe. Noch vor wenigen Monaten wäre in Anbetracht seiner Höhenangst daran nicht zu denken gewesen. Doch inzwischen hatte er keine Angst mehr, und den Grund dafür hielt er in seiner linken Hand – den Flug-Charm.

Er nahm den kleinen goldenen Pfeil mit den zarten silbernen Schwingen behutsam zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand. »Wohin fliegen wir?«, fragte er Alther, der vor ihm schwebte und gerade geistesabwesend an seinem Rückwärtssalto feilte.

»Ins Loch in der Mauer«, antwortete Alther, mit dem Kopf nach unten in der Luft hängend. »Nettes Lokal. Ich hab dir bestimmt schon davon erzählt.«

»Aber das ist doch eine Schenke«, protestierte Septimus. »Ich bin noch zu jung, um in eine Schenke zu gehen. Marcia sagt, das sind alles Lasterhöhlen …«

»Ach, du musst nicht alles ernst nehmen, was Marcia über Schenken sagt«, erwiderte Alther. »Marcia hat die merkwürdige Theorie, dass die Leute nur in Schenken gehen, um hinter ihrem Rücken über sie zu tuscheln. Ich habe ihr versichert, dass die Leute andere Gesprächsthemen haben, die viel interessanter sind – zum Beispiel die Fischpreise –, aber sie will mir nicht glauben.«

Mit einer Drehung brachte sich Alther wieder in die richtige Position, sodass er vor Septimus schwebte. Er betrachtete die schmächtige Gestalt, die auf dem Fenstersims stand. Die Locken des Jungen wehten im Wind, der immer um die Spitze des Zaubererturms toste, und seine grünen Augen sprühten vor Magie, als die silbernen Schwingen in seiner Hand wärmer wurden. Seit drei Monaten – seit er den Flug-Charm gefunden hatte – unterwies ihn Alther nun schon in der Kunst des Fliegens, und noch immer wurde dem Geist mulmig zumute, wenn er ihn am Rand des Abgrunds stehen sah.

»Ich fliege Ihnen nach!«, rief Septimus, dessen Stimme von einer Windböe fast verweht wurde.

»Wie?«

»Ich fliege Ihnen nach, Alther. Einverstanden?«

»Fein. Aber vorher sehe ich mir deinen Start an. Nur um sicherzugehen, dass du gut wegkommst.«

Septimus hatte nichts dagegen. Er hatte es gern, wenn Alther bei ihm war. Bei seinen ersten Flugversuchen war er ein- oder zweimal sogar sehr froh über den Beistand des Geistes gewesen, insbesondere einmal, als er beinahe ins Dach des Manuskriptoriums gestürzt wäre, weil er vor seinem Freund Beetle mit seinem Können geprotzt hatte. Alther hatte kurzerhand einen Aufwind herbeigezaubert, ihn wohlbehalten hinten im Hof abgesetzt und seine Angeberei mit keinem Wort erwähnt.

Der Flug-Charm in seiner Hand war nun richtig heiß. Zeit zu starten. Septimus holte tief Luft und sprang in die Nacht hinaus. Einen kurzen Augenblick lang spürte er, wie ihn die Schwerkraft in Richtung Erde zog, und dann geschah das, was er so liebte: Der Sog in die Tiefe hörte auf und gab ihn frei, und frei wie ein Vogel konnte er nun fliegen und gleiten, Loopings drehen und durch die Nachtluft schwirren, getragen und sicher gehalten von dem Flug-Charm. Sowie der Charm seine Wirkung tat, atmete Alther auf, breitete die Arme aus wie ein gleitender Adler die Flügel und übernahm die Führung, während Septimus hinter ihm unruhiger flog, da er seine neuen Slalomkünste ausprobierte.

 

Sie landeten unsanft im Loch in der Mauer – das heißt, Septimus landete unsanft. Während Alther einfach durch die Mauer sauste, rauschte Septimus mit einem lautem Krachen in das Gestrüpp, das vor dem Eingang der Schenke wucherte.

Nach ein paar Minuten kam Alther heraus und sah, wie Septimus gerade aus dem Gestrüpp krabbelte. »Entschuldige, Septimus«, sagte er. »Ich habe eben den alten Olaf Snorrelssen getroffen. Netter Kerl. Nordhändler. Hat zu Hause ein Kind, das er nie gesehen hat. Wirklich traurig. Redet von nichts anderem, ist aber eine gute Seele. Gehen Sie doch an die Luft, sage ich immer zu ihm, und sehen Sie sich etwas in der Burg um. Aber es gibt nicht viele Orte, die er besuchen kann, wenn man mal vom Händlermarkt und dem Dankbaren Steinbutt absieht. Und so sitzt er nur da und stiert in sein Bier.«

Septimus klopfte sich Laub vom Kittel, steckte den Charm in seinen Lehrlingsgürtel und musterte den Eingang zum Loch in der Mauer. Nach einer Schenke sah ihm das aber gar nicht aus. Eher nach einem Haufen Steine, den jemand am Fuß der Burgmauer abgeladen hatte. An der Tür hing kein Schild. Ja, da war überhaupt keine Tür. Und er sah auch nicht die üblichen beschlagenen und erleuchteten Fenster, die er von Schenken kannte, denn da waren überhaupt keine Fenster. Noch während er sich fragte, ob Alther ihn auf den Arm nehmen wollte, schwebte der Geist einer Nonne vorbei.

»Guten Abend, Alther«, grüßte die Nonne mit sanfter Stimme.

»Guten Abend, Schwester Bernadette«, erwiderte Alther mit einem Lächeln. Die Nonne winkte ihm kokett zu und verschwand durch den Steinhaufen. Gleich darauf erschien ein praktisch durchsichtiger Ritter, der einen Arm in der Schlinge trug. Er band sein lahmendes Pferd sorgfältig an einen unsichtbaren Pfosten und schlurfte in das Gestrüpp, aus dem sich Septimus soeben befreit hatte.

»Heute Abend scheint allerhand los zu sein«, sinnierte Alther und nickte dem Ritter freundlich zu. »Ziemlich viele Gäste.«

»Aber … es sind Geister«, sagte Septimus.

»Aber natürlich sind es Geister«, erwiderte Alther. »Das ist ja der Witz an der Schenke. Jeder Geist ist willkommen, alle anderen brauchen eine Einladung. Und eine Einladung kriegt man nicht so leicht, das kann ich dir sagen. Mindestens zwei Geister müssen dich einladen. Natürlich hatten wir im Lauf der Jahre dann und wann auch ungeladene Gäste, aber es ist nach wie vor ein gut gehütetes Geheimnis.«

Inzwischen waren drei ehemalige Außergewöhnliche Zauberer eingetroffen und steckten am Eingang fest, weil sie sich nicht einigen konnten, wer als erster hineingehen sollte. Septimus nickte ihnen höflich zu und fragte Alther: »Und wer hat mich eingeladen?«

Alther, abgelenkt durch die drei Zauberer, die nun unter lautem Gekicher beschlossen, alle gleichzeitig einzutreten, blieb die Antwort schuldig. »Komm, mein Junge, folge mir«, sagte er und verschwand in der Mauer. Sekunden später tauchte er wieder auf und rief ein wenig ungeduldig: »Nun komm schon, Septimus, Königin Etheldredda lässt man nicht warten.«

»Aber ich …«

»Du musst durch das Gebüsch und hinter dem Steinhaufen herumschlüpfen. Und schon bist du drin.«

Septimus zwängte sich durch das Gebüsch, und mit Hilfe des Drachenrings, den er am rechten Zeigefinger trug und ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Septimus Heap - Physic" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen