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Septimus Heap Magyk

 

Angie Sage

 

SEPTIMUS HEAP

MAGYK

 

Aus dem Englischen von

Reiner Pfleiderer

 

Mit Illustrationen von

Mark Zug

 

Carl Hanser Verlag

 

 

Für Lois, die am Anfang dabei war,

und für Laurie, die mich auf die Idee

mit den Magogs gebracht hat.

 

INHALT

 

7  1  Ein Bündel im Schnee

13  2  Sarah und Silas

25  3  Der Oberste Wächter

34  4  Marcia Overstrand

44  5  Bei den Heaps

58  6  Flucht in den Turm

63  7  Der Zaubererturm

75  8  Im Müllschlucker

82  9  Sally Mullins Café

9210  Der Jäger

9811  Auf der Spur

10712  Die Muriel

11213  Die Jagd

12014  Deppen Ditch

13015  Mitternacht am Strand

14916  Der Boggart

16017  Alther im Alleingang

16818  Die Hüterhütte

17619  Tante Zelda

18820  Junge 412

19621  Rattus Rattus

21422  Zauberei

22523  Schwingen

23724  Panzerkäfer

24525  Die Wendronhexe

25226  Das Mittwinterfest

26627  Stanleys Reise

27628  Die große Kälte

28829  Pythons und Ratten

29930  Botschaft an Marcia

30731  Die Ratte kehrt zurück

31632  Das große Tauen

33033  Abwarten und Beobachten

33634  Im Hinterhalt

34635  Unter der Erde

35336  Tiefgefroren

36037  Spiegelmagie

36938  Aufgetaut

37939  Die Verabredung

38540  Die Begegnung

39541  Die Vergeltung

41042  Der Sturm

42043  Das Drachenboot

43444  Auf See

44645  Ebbe

45546  Ein Besucher

46447  Der Lehrling

47348  Das Lehrlingsessen

48449 Septimus Heap

489     Was Tante Zelda im Ententeich sah

492     Später

* 1 *
EIN BÜNDEL IM SCHNEE

 

 

Zum Schutz vor dem Schnee zog Silas Heap seinen Umhang enger. Er hatte einen langen Fußmarsch durch den Wald hinter sich und war völlig durchgefroren. In seinen Taschen steckten die Kräuter, die ihm die Medizinfrau Galen für seinen jüngsten Sohn Septimus mitgegeben hatte. Septimus war am Morgen auf die Welt gekommen.

Silas näherte sich der Burg. Zwischen den Bäumen konnte er bereits die flackernden Lichter der Kerzen sehen, die man in die Fenster der schmalen hohen Häuser stellte. Dicht aneinander gereiht lagen die Häuser hinter der Außenmauer. Heute war die längste Nacht des Jahres, und die Kerzen würden bis zum Morgengrauen brennen, um die Dunkelheit zu bannen. Silas liebte diesen Weg zur Burg. Bei Tage hatte er im Wald keine Angst und erfreute sich an dem beschaulichen Spaziergang auf dem schmalen Pfad, der sich kilometerweit durch dichtes Gehölz schlängelte. Nun hatte er fast den Saum des Waldes erreicht. Die hohen Bäume traten zurück, und als der Abstieg ins Tal begann, sah er die Burg ausgebreitet zu seinen Füßen liegen. Die alte Schutzmauer verlief dicht am Ufer des breiten, gewundenen Flusses und umfasste im Zickzack die ineinander verschachtelten Häuser. Alle Häuser waren in leuchtenden Farben gestrichen, und diejenigen, die nach Westen blickten, sahen aus, als stünden sie in Flammen, als ihre Fenster die letzten Strahlen der Wintersonne einfingen.

Ursprünglich war die Burg ein kleines Dorf gewesen. Wegen der Nähe zum Wald hatten die Bewohner eine hohe Mauer errichtet, um sich vor Wolverinen, Hexen und Hexenmeistern zu schützen, die nichts dabei fanden, ihnen Schafe und Hühner und gelegentlich auch ein Kind zu stehlen. Da immer mehr Häuser gebaut wurden, erweiterten sie die Mauer und hoben einen tiefen Burggraben aus, damit sich jeder sicher fühlen konnte.

Bald lockte die Burg Handwerker aus anderen Dörfern an. Sie wuchs und gedieh, bis irgendwann der Platz knapp wurde und jemand beschloss, die Anwanden zu bauen. Die Anwanden, in denen Silas mit seiner Frau Sarah und seinen Söhnen wohnte, waren ein riesiges Gebäude aus Stein, das sich fünf Kilometer weit am Flussufer entlangzog und dann wieder zur Burg zurückkehrte. Es war ein wahres Labyrinth aus vielen verschlungenen Korridoren und Räumen, erfüllt von geschäftigem Treiben, mit kleinen Fabriken, Schulen und unzähligen Geschäften, Wohnungen, winzigen Dachgärten und sogar einem Theater. Überall herrschte drangvolle Enge, doch die Bewohner störte das nicht im Geringsten. Man hatte immer Gesellschaft und vor allem jemanden, der mit den Kindern spielte.

Silas beschleunigte seine Schritte, als die Wintersonne hinter den Mauern der Burg versank. Er musste am Nordtor sein, ehe es bei Einbruch der Nacht geschlossen und die Zugbrücke hochgezogen wurde.

In diesem Augenblick spürte Silas etwas. Ganz in der Nähe. Etwas, das lebte, aber nur gerade so. Er nahm den schwachen Herzschlag eines Menschen wahr. Er blieb stehen. Als Gewöhnlicher Zauberer besaß er die Gabe, Dinge zu spüren. Da er aber kein besonders guter Gewöhnlicher Zauberer war, musste er sich angestrengt konzentrieren. Er stand reglos da. Rings um ihn fiel Schnee in dicken Flocken und bedeckte bereits seine Fußstapfen. Und dann hörte er es – ein Schniefen, ein Wimmern, ein leises Atmen? Er war sich nicht sicher, doch das genügte.

Unter einem Busch am Wegrand lag ein Bündel. Silas hob es auf, und zu seinem Erstaunen blickte er in die ernsten Augen eines kleinen Kindes. Er wiegte es in den Armen und fragte sich, wieso es in der kältesten Nacht des Jahres hier im Schnee lag. Es fror, obwohl es fest in eine dicke Wolldecke gewickelt war. Seine Lippen waren blau vor Kälte, und Schnee bestäubte seine Wimpern. Seine dunkelvioletten Augen sahen ihn aufmerksam an, und Silas hatte das ungute Gefühl, dass es in seinem kurzen Leben bereits Dinge gesehen hatte, die kein Kind sehen sollte.

Er dachte an seine Sarah, die es mit Septimus und den Jungen zu Hause warm und gemütlich hatte, und sagte sich, dass sie einfach Platz schaffen mussten für ein zusätzliches Kind. Er schob das Bündel behutsam unter seinen blauen Zaubererumhang und lief, es an sich drückend, zum Burgtor. Er erreichte die Zugbrücke in dem Augenblick, als Gringe, der Torwächter, nach dem Brückenjungen rufen wollte, damit er sie hochzog.

»Das war knapp«, knurrte Gringe. »Aber ihr Zauberer seid sowieso komische Leute. Ist mir schleierhaft, was ihr an so einem Tag draußen verloren habt.«

»Ach?« Silas wollte möglichst schnell an Gringe vorbei, aber zuerst musste er das Brückengeld bezahlen. Er fasste in die Hosentasche und drückte dem Wärter einen Silberpenny in die Hand.

»Vielen Dank, Gringe. Gute Nacht.«

Gringe beäugte den Penny wie einen ekligen Käfer. »Marcia Overstrand hat vorhin eine halbe Krone springen lassen. Aber die hat eben Klasse, jetzt, wo sie Außergewöhnliche Zauberin ist.«

»Was?« Silas blieb fast die Luft weg.

»Jawohl, Klasse hat sie.«

Gringe trat beiseite, um Platz zu machen, und Silas schlüpfte vorbei. Am liebsten hätte er gefragt, wieso Marcia Overstrand plötzlich Außergewöhnliche Zauberin war, doch das Bündel unter seinem warmen Umhang begann sich zu regen, und eine innere Stimme sagte ihm, dass es besser war, wenn Gringe nichts von dem Kind erfuhr.

Als er in den Tunnel einbog, der zu den Anwanden führte, trat eine hohe, in Lila gekleidete Gestalt aus dem Dunkel und versperrte ihm den Weg.

»Marcia!«, stieß er hervor. »Was um alles in der …«

»Erzähle keiner Menschenseele, dass du sie gefunden hast. Sie ist deine leibliche Tochter. Verstanden?«

Silas nickte verdutzt, und bevor er dazu kam, etwas zu sagen, war Marcia in einer schimmernden lila Wolke verschwunden. Völlig verdattert legte Silas den restlichen Weg durch die Ramblings zurück. Wer war dieses Kind? Was hatte Marcia mit ihm zu tun? Wieso war Marcia plötzlich Außergewöhnliche Zauberin? Und als die große rote Tür vor ihm auftauchte, die in das bereits überfüllte Zimmer der Familie Heap führte, kam ihm eine weitere, dringlichere Frage in den Sinn: Was würde Sarah dazu sagen, dass sie noch ein Kind versorgen sollte?

Silas blieb keine Zeit, darüber nachzudenken. In dem Augenblick, als er die Tür erreichte, flog sie auf. Eine dicke Frau in der dunkelblauen Tracht einer Oberhebamme stürmte heraus und rannte ihn beinahe über den Haufen. Auch sie trug ein Bündel, nur war ihr Bündel von oben bis unten in Binden gewickelt, und sie trug es unter dem Arm wie ein Paket, das sie schleunigst zur Post bringen musste.

»Tot!«, krächzte die Oberhebamme mit rotem Kopf. Sie stieß Silas zur Seite und lief den Korridor hinunter. Im Zimmer schrie Sarah.

Beklommenen Herzens ging Silas hinein. Sarah lag im Bett, umringt von sechs kleinen Jungen, alle kreidebleich und verstört.

»Sie hat ihn mitgenommen«, rief Sarah verzweifelt. »Septimus ist tot, und sie hat ihn mitgenommen.«

In diesem Augenblick breitete sich von dem Bündel, das Silas noch unter seinem Umhang versteckt hielt, eine feuchte Wärme aus. Er wollte etwas sagen, doch er fand nicht die richtigen Worte, und so zog er einfach das Bündel unter dem Umhang hervor und legte es Sarah in die Arme.

Sarah Heap brach in Tränen aus.

* 2 *
SARAH UND SILAS

 

 

Das Findelkind wurde in die Familie Heap aufgenommen und nach Silas’ Mutter Jenna genannt.

Nicko, der jüngste Sohn, war erst zwei, als Jenna zu ihnen kam, und hatte seinen Bruder Septimus bald vergessen. Auch die älteren Brüder vergaßen ihn mit der Zeit. Sie liebten ihre kleine Schwester und brachten vom Zauberunterricht in der Schule allerlei Schätze für sie mit.

Sarah und Silas konnten Septimus natürlich nicht vergessen. Silas machte sich Vorwürfe, weil er Sarah allein gelassen hatte, um von der Medizinfrau Kräuter für das Neugeborene zu holen. Sarah wiederum gab sich an allem die Schuld. Sie hatte nur verschwommene Erinnerungen an jenen schrecklichen Tag, aber sie wusste noch, dass sie vergeblich versucht hatte, ihrem Kind wieder Leben einzuhauchen. Und sie wusste noch, wie die Oberhebamme ihren kleinen Septimus von Kopf bis Fuß in Binden gewickelt hatte, dann zur Tür gestürmt war und über die Schulter gerufen hatte: »Tot!«

Daran erinnerte sie sich genau.

Bald jedoch liebte Sarah ihr kleines Mädchen ebenso sehr, wie sie ihren Septimus geliebt hatte. Eine Zeit lang fürchtete sie, es könnte jemand kommen und ihr auch Jenna wegnehmen, doch Monate gingen ins Land, und Jenna wuchs zu einem pausbäckigen, glucksenden Baby heran, und Sarah wurde ruhiger und vergaß ihre Angst beinahe.

Bis zu jenem Tag, an dem Sally Mullin, ihre beste Freundin, atemlos in der Tür stand. Sally Mullin gehörte zu jenen Menschen, die immer wussten, was in der Burg gerade geschah. Sie war eine kleine geschäftige Frau mit rotbraunem strähnigem Haar, das ständig unter ihrer etwas schmuddligen Kochmütze hervorquoll. Sie hatte ein freundliches rundes Gesicht, ein wenig feist vom übermäßigen Kuchenverzehr, und ihre Kleidung war meist mit Mehl bestäubt.

Sally betrieb auf der schwimmenden Landungsbrücke unten am Fluss ein kleines Café. Auf dem Schild über der Tür stand:

 

SALLY MULLINS TEE- UND BIERSTUBE

SAUBERE FREMDENZIMMER

GESINDEL UNERWÜNSCHT

 

In Sally Mullins Café gab es keine Geheimnisse. Nichts, was auf dem Wasserweg in die Burg kam, ob Mensch oder Ding, blieb unbemerkt oder unkommentiert, und die meisten Leute zogen es vor, mit dem Boot zu kommen. Bis auf Silas mieden alle die dunklen Wege in den Wäldern rings um die Burg, in denen Fleisch fressende Bäume lauerten und des Nachts noch immer gefährliche Wolverinen umherstreiften. Außerdem hausten dort Wendronhexen, die stets knapp bei Kasse und dafür berüchtigt waren, dass sie unvorsichtigen Reisenden Fallen stellten und sie bis aufs Hemd ausplünderten.

Sally Mullins gut besuchtes Café war eine dämpfige Hütte, die auf Pfählen bedenklich über dem Wasser thronte. Boote jeder Art und Größe machten an der Landungsbrücke fest, und die unterschiedlichsten Menschen und Tiere wankten heraus. Die meisten erholten sich bei Sally von der Fahrt und erzählten bei mindestens einem Krug Bier und einem Stück Gerstenkuchen den neuesten Klatsch. Und jeder in der Burg, der ein halbes Stündchen erübrigen konnte und einen knurrenden Magen hatte, fand sich bald auf dem ausgetretenen Pfad wieder, der, an der Müllkippe Schönblick vorbei und an der Landungsbrücke entlang, zu Sally Mullins Tee- und Bierstube führte.

Sally hatte sich vorgenommen, Sarah einmal in der Woche zu besuchen und sie über alles auf dem Laufenden zu halten. Mit ihren sieben Kindern war Sarah stark eingespannt, und soweit Sally es beurteilen konnte, rührte ihr Mann, Silas Heap, kaum einen Finger. Gewöhnlich erzählte sie von Leuten, die Sarah gar nicht kannte und wohl auch nie kennen lernen würde. Trotzdem freute sich Sarah auf ihre Besuche, denn sie erfuhr gern, was um sie herum vorging. Doch was Sally diesmal zu berichten hatte, war anders. Es war ernster als der übliche Alltagsklatsch, und diesmal betraf es auch Sarah. Und zum ersten Mal überhaupt wusste Sarah mehr darüber als Sally.

Sally rauschte herein und schloss verschwörerisch die Tür.

»Ich bringe schlimme Neuigkeiten«, flüsterte sie.

Sarah hörte nur mit halbem Ohr hin. Sie versuchte gerade, Jenna das Gesicht abzuputzen und alles abzuwischen, was das Kind beim Frühstück sonst noch bekleckert hatte, und gleichzeitig hinter dem neuen Wolfshundwelpen herzuräumen.

»Hallo, Sally«, sagte sie. »Hier ist ein sauberer Stuhl. Komm, setz dich. Eine Tasse Tee?«

»Ja, danke. Sarah, du wirst es nicht glauben!«

»Was denn?«, fragte Sarah. Wahrscheinlich hatte sich im Café wieder jemand danebenbenommen.

»Die Königin! Die Königin ist tot!«

»Was?«, stieß Sarah hervor. Sie hob Jenna aus ihrem Stuhl, trug sie zu ihrem Babykorb in der Ecke und legte sie hinein. Schlechte Nachrichten sollte man von kleinen Kindern fern halten.

»Tot«, wiederholte Sally traurig.

»Nein!«, stöhnte Sarah. »Das glaube ich nicht. Nach der Geburt ihres Kindes ging es ihr nur nicht besonders, das ist alles. Deshalb hat man sie seither nicht mehr gesehen.«

»Das haben die Gardewächter behauptet, nicht wahr?«, fragte Sally.

»Ja, schon«, gab Sarah zu und goss Tee ein. »Aber als ihre Leibwächter müssen sie es doch wissen. Obwohl mir unbegreiflich ist, wie die Königin eine solche Schurkenbande plötzlich zu ihrer Leibwache machen kann.«

Sally hob die Tasse, die Sarah ihr hingestellt hatte. »Danke. Hmmm, köstlich. Aber du hast Recht …« Sie senkte die Stimme und schaute sich um, als könnte ein Gardewächter in der Ecke lehnen, was freilich nicht heißt, dass sie ihn bei der Unordnung im Zimmer auch tatsächlich entdeckt hätte. »Sie sind eine Schurkenbande. Sie waren es ja, die sie ermordet haben.«

»Ermordet? Sie ist ermordet worden?«, rief Sarah aus.

»Pst! Also das war so …« Sally rückte mit ihrem Stuhl näher. »Man erzählt sich, und ich habe es aus erster Hand …«

»Aus erster Hand?«, fragte Sarah mit einem gequälten Lächeln.

»Von Madam Marcia persönlich«, erwiderte Sally mit triumphierendem Blick, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.

»Was? Seit wann verkehrst du mit der Außergewöhnlichen Zauberin? Hat sie auf eine Tasse Tee bei dir vorbeigeschaut?«

»Sie nicht. Aber Terry Tarsal. Er war oben im Zaubererturm und hat ein Paar ziemlich ausgefallene Schuhe abgeliefert, eine Sonderanfertigung für Madam Marcia. Zuerst hat er über ihren Schuhgeschmack gelästert und sich darüber ausgelassen, wie sehr er Schlangen verabscheut, aber dann hat er von einem Gespräch zwischen Marcia und einer anderen Zauberin berichtet, das er zufällig mit angehört hat. Die andere war Endor, glaube ich, die kleine Dicke. Jedenfalls haben sie gesagt, dass die Königin erschossen worden sei! Von einem Meuchelmörder der Gardewächter.«

Sarah traute ihren Ohren nicht. »Wann?«, hauchte sie.

»Das ist ja das Schlimme«, zischte Sally aufgeregt. »Sie soll an dem Tag erschossen worden sein, an dem das Baby zur Welt gekommen ist. Vor sechs Monaten, und wir waren völlig ahnungslos. Es ist schrecklich … einfach schrecklich. Und Alther haben sie auch erschossen. Deshalb ist Marcia …«

»Alther ist tot?«, stieß Sarah hervor. »Ich kann es nicht glauben. Ich kann es einfach nicht … Wir dachten, er hätte sich zur Ruhe gesetzt. Silas war vor Jahren sein Lehrling. Er war so ein netter Mann …«

»Tatsächlich?«, erwiderte Sally ungeduldig, denn sie brannte darauf, weiterzuerzählen. »Aber das ist noch nicht alles. Terry glaubt nämlich, dass Marcia die Prinzessin gerettet und irgendwohin gebracht hat. Endor und Marcia haben sich gefragt, was wohl aus ihr geworden ist. Sie verstummten natürlich sofort, als sie Terry bemerkten. Marcia ist anscheinend sehr grob zu ihm gewesen, sagt er. Und hinterher fühlte er sich etwas sonderbar. Er glaubt, dass sie ihn mit einem Vergesslichkeitszauber belegen wollte, aber er ist hinter eine Säule geflitzt, als er sie murmeln sah, deshalb hat der Zauber nicht richtig funktioniert. Terry ist ziemlich aufgebracht, denn er kann sich nicht mehr entsinnen, ob sie die Schuhe bezahlt hat oder nicht.«

Sally Mullin legte eine Pause ein, schöpfte Atem und trank einen großen Schluck Tee. »Die arme kleine Prinzessin. Gott stehe ihr bei. Wo sie jetzt wohl sein mag? Wahrscheinlich siecht sie in irgendeinem dunklen Loch dahin. Im Gegensatz zu deinem Engelchen da drüben … Wie geht es ihr?«

»Oh, es geht ihr prächtig«, antwortete Sarah. Normalerweise hätte sie jetzt ausführlich über Jennas Schnupfen und ihren neuesten Zahn berichtet, und darüber, dass sie schon aufrecht sitzen und selbst ihren Becher halten konnte. Doch in diesem Augenblick wollte sie von Jenna lieber ablenken. Sechs Monate lang hatte sie sich gefragt, wer ihre kleine Tochter in Wirklichkeit war. Jetzt wusste sie es.

Jenna war, so dachte Sarah, ja, sie konnte eigentlich niemand anders sein als … die kleine Prinzessin.

 

Ausnahmsweise einmal war Sarah froh, als sich Sally Mullin von ihr verabschiedete. Sie sah ihr nach, als sie durch den Korridor davoneilte, und kaum hatte sie die Tür wieder geschlossen, stieß sie einen Seufzer der Erleichterung aus. Dann lief sie zu Jennas Korb.

Sie hob Jenna heraus und hielt sie ihn den Armen. Jenna lächelte sie an und grapschte nach dem Talisman an ihrem Halsband.

»Na, kleine Prinzessin«, murmelte Sarah. »Ich wusste immer, dass du etwas Besonderes bist, aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass du unsere Prinzessin bist.« Die dunkelvioletten Augen begegneten ihrem Blick und sahen sie so ernst an, als wollten sie sagen: So, jetzt weißt du’s.

Sarah legte Jenna behutsam in den Korb zurück. Der Kopf schwirrte ihr, und ihre Hände zitterten, als sie sich noch eine Tasse Tee einschenkte. Sie konnte kaum glauben, was sie erfahren hatte. Die Königin tot. Alther tot. Und ihre Jenna die Thronerbin. Die Prinzessin. Was war nur geschehen?

Den restlichen Nachmittag über saß sie bei Jenna, bei Prinzessin Jenna, sah sie an und malte sich voller Sorge aus, was geschah, wenn jemand herausfand, wer sie war. Wo steckte Silas? Nie war er da, wenn man ihn brauchte.

 

Silas vergnügte sich mit seinen Söhnen beim Angeln.

In der Flussbiegung gleich hinter den Anwanden gab es einen kleinen Sandstrand. Dort zeigte Silas den beiden Jüngsten, Nicko und Jo-Jo, wie sie ihre Marmeladegläser an einen Stock binden und dann ins Wasser hängen mussten. Jo-Jo hatte bereits drei winzige Fische gefangen, aber Nicko ließ seine jedes Mal fallen und verlor allmählich die Geduld.

Silas nahm Nicko auf den Arm und ging mit ihm zu Erik und Edd, den fünfjährigen Zwillingen. Erik ließ die Füße ins warme, klare Wasser baumeln und träumte vergnügt vor sich hin. Edd stocherte mit einem Stock unter einem Stein nach einem Tier. Es war ein großer Wasserkäfer. Nicko heulte los und klammerte sich fest an den Hals seines Vaters.

Sam war fast sieben und ein ernsthafter Angler. Zu seinem letzten Geburtstag hatte er eine richtige Angelrute bekommen, und auf einem Stein neben ihm lagen zwei kleine silberne Fische. Er war gerade dabei, einen dritten einzuholen. Nicko quietschte vor Aufregung.

»Bring ihn weg, Dad«, meckerte Sam. »Er erschreckt die Fische.«

Silas schlich mit Nicko auf Zehenspitzen davon und setzte sich neben Simon, seinen ältesten Sohn. Simon hielt in der einen Hand eine Angelrute und in der anderen ein Buch. Er wollte später mal Außergewöhnlicher Zauberer werden und las deshalb fleißig in den alten Zauberbüchern seines Vaters. Heute hatte er sich Der perfekte Fischbeschwörer vorgenommen, wie Silas bemerkte.

Silas erwartete, dass alle seine Söhne irgendeine Art von Zauberer wurden. Das lag in der Familie. Seine Tante war eine berühmte Weiße Hexe, und sein Vater und sein Onkel waren Gestaltwandler gewesen. Allerdings hoffte Silas nicht, dass seine Söhne diese ganz besondere Laufbahn einschlugen, denn erfolgreiche Gestaltwandler wurden mit zunehmendem Alter immer instabiler und konnten ihre eigene Gestalt mitunter nicht länger als ein paar Minuten am Stück behalten. Sein Vater war schließlich als Baum im Wald verschwunden, aber niemand wusste, welcher Baum er war. Dies war einer der Gründe, warum Silas so gern im Wald spazieren ging. Häufig richtete er das Wort an einen zerzausten Baum in der Hoffnung, er könnte sein Vater sein.

Sarah Heap stammte aus einer Familie von Zauberern und Hexen. Als junges Mädchen hatte sie bei Galen, der Medizinfrau im Wald, die Kräuterheilkunde erlernt, und dabei war ihr eines Tages Silas begegnet. Silas hatte sich auf der Suche nach seinem Vater im Wald verirrt und war traurig, und Sarah brachte ihn zu Galen. Galen erklärte ihm, dass sein Vater vor vielen Jahren als Baum seine wahre Bestimmung gefunden habe und nun glücklich sei. Und als Silas am Feuer der Medizinfrau neben Sarah saß, merkte er, dass auch er zum ersten Mal in seinem Leben wirklich glücklich war.

Als Sarah alles gelernt hatte, was es über Heilkräuter und ihre Anwendung zu wissen gab, nahm sie von Galen herzlichen Abschied und zog zu Silas in die Anwanden. Und dort wohnten sie noch heute, obwohl sich immer mehr Kinder in dem Zimmer drängten. Silas hatte seine Lehre leichten Herzens abgebrochen und nahm jetzt Gelegenheitsarbeiten als Gewöhnlicher Zauberer an, um Geld für die Familie zu verdienen. Und Sarah braute auf dem Küchentisch Kräutertinkturen, wenn sie mal eine freie Minute hatte, was jedoch nur selten vorkam.

 

Als Silas und die Jungen an jenem Abend die Treppe am Strand hinaufsteigen wollten, um in die Anwanden zurückzukehren, versperrte ihnen einen großer, von Kopf bis Fuß schwarz gekleideter Gardewächter den Weg.

»Halt!«, bellte er. Nicko begann zu heulen.

Silas blieb stehen und ermahnte die Jungen, brav zu sein.

»Papiere!«, brüllte der Wächter. »Wo sind eure Papiere?«

Silas sah ihn verdutzt an. »Was für Papiere?«, fragte er ruhig, denn er wollte keine Scherereien. Er musste die sechs müden Jungen nach Hause bringen, das Abendessen wartete.

»Eure Papiere, ihr Zauberergesindel«, feixte der Wächter. »Unbefugten ohne die erforderlichen Papiere ist das Betreten des Strandes verboten.«

Silas war empört. Wären die Jungs nicht gewesen, hätte er einen Streit angefangen, doch er hatte bemerkt, dass der Wächter eine Pistole trug.

»Verzeihung«, sagte er, »das wusste ich nicht.«

Der Wächter musterte sie von oben bis unten, als überlege er, was er tun solle, doch glücklicherweise gab es noch mehr Leute, die er schikanieren konnte.

»Mach, dass du wegkommst, und lass dich mit deiner Brut nie wieder hier blicken«, raunzte der Wächter. »Bleibt, wo ihr hingehört.«

Silas scheuchte die verstörten Jungs die Treppe hinauf und brachte sie in die sicheren Anwanden zurück. Sam ließ seine Fische fallen und schluchzte los.

»Schon gut«, tröstete ihn Silas, »ist doch alles wieder in Ordnung.« Aber er hatte das untrügliche Gefühl, dass überhaupt nichts in Ordnung war. Was ging hier vor?

»Dad«, fragte Simon, »warum hat er uns Zauberergesindel genannt? Zauberer sind doch die Besten, oder nicht?«

»Aber ja«, antwortete Silas zerstreut, »die Besten.« Das Dumme war nur, dass man als Zauberer nicht verbergen konnte, was man war. Alle Zauberer, und nur Zauberer, hatten sie. Silas hatte sie, Sarah hatte sie, und alle seine Söhne bis auf Nicko und Jo-Jo hatten sie. Und wenn Nicko und Jo-Jo erst den Zauberunterricht in der Schule besuchten, würden auch sie welche bekommen. Langsam, aber sicher, bis es kein Vertun mehr gab, färbten sich die Augen eines Zaubererkindes grün, wenn es zaubern lernte. Bisher war man darauf immer stolz gewesen. Jetzt plötzlich konnte es gefährlich werden.

Am Abend, als die Kinder endlich schliefen, berieten sich Silas und Sarah noch bis tief in die Nacht. Sie sprachen über ihre Prinzessin, ihre Zauberersöhne und über die Veränderungen in der Burg. Sie überlegten, ob sie in die Marram-Marschen fliehen oder in den Wald zu Galen ziehen sollten. Als der Morgen graute und auch sie endlich in Schlaf sanken, hatten sie beschlossen, das zu tun, was die Heaps immer taten. Sich durchzuwursteln und auf das Beste zu hoffen.

In den folgenden neuneinhalb Jahren verhielten sich Silas und Sarah ruhig. Sie verschlossen und verriegelten ihre Tür, sprachen nur mit Nachbarn und Menschen, denen sie vertrauten, und als der Zauberunterricht in der Schule verboten wurde, brachten sie ihren Kindern das Zaubern abends zu Hause bei.

So kam es, dass neuneinhalb Jahre später alle Mitglieder der Familie Heap leuchtend grüne Augen hatten. Alle bis auf eines.

* 3 *
DER OBERSTE WÄCHTER

 

 

Es war sechs Uhr in der Frühe und noch dunkel und auf den Tag genau zehn Jahre her, dass Silas das Bündel gefunden hatte.

Am Ende von Korridor 223, hinter der schwarzen Tür mit der Nummer 16, die von der Nummerierungspatrouille aufgestempelt worden war, schlief die Familie Heap friedlich. Jenna lag zusammengerollt in ihrer kuscheligen kleinen Bettkiste, die ihr Silas aus Treibholz vom Fluss gezimmert hatte. Das Bett war sauber in einen großen Schrank eingebaut, und der stand in einem großen Zimmer, das tatsächlich der einzige Raum war, den die Heaps besaßen.

Jenna liebte ihr Schrankbett. Sarah hatte ihr aus Stoffresten bunte Vorhänge genäht, die sie vorziehen konnte, wenn ihr kalt war oder ihre Brüder zu viel Lärm machten. Am besten gefiel ihr das kleine Fenster in der Wand über dem Kopfkissen. Es ging auf den Fluss hinaus. Wenn sie nicht schlafen konnte, blickte sie stundenlang aufs Wasser und beobachtete die vielen unterschiedlichen Boote, die zur Burg fuhren oder von der Burg kamen, und manchmal, in klaren mondlosen Nächten, zählte sie gern die Sterne, bis sie einschlief.

Das große Zimmer war der Raum, in dem die Heaps wohnten, kochten, aßen, zankten und (manchmal) ihre Hausaufgaben machten. Die Unordnung war groß, denn in den zwanzig Jahren, die Sarah und Silas nun schon zusammen hier lebten, hatte sich einiges angesammelt: Angeln und Rollen, Schuhe und Socken, Seile und Rattenfallen, Taschen und Bettzeug, Netze und Strickzeug, Kleider, Kochtöpfe und Bücher, Bücher, Bücher und nochmals Bücher.

Wenn sich jemand in der törichten Hoffnung, irgendwo eine Sitzgelegenheit zu entdecken, im Zimmer umsah, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihm ein Buch zuvorgekommen war. Bücher, wohin das Auge blickte. In durchgebogenen Regalen, in Kartons oder in Beuteln, die von der Decke baumelten. Bücher stützten den Tisch und stapelten sich zu bedenklich hohen Türmen, die jeden Augenblick einzustürzen drohten. Es gab Märchenbücher, Kräuterbücher und Kochbücher, Bücher über Schiffe und übers Angeln, doch in der Hauptsache waren es Zauberbücher, hunderte Zauberbücher, die Silas vor ein paar Jahren, als die Magie verboten worden war, heimlich aus der Schule gerettet hatte.

Mitten im Zimmer stand ein großer Herd, von dem sich ein Ofenrohr zum Dach hinaufschlängelte. Im Augenblick glommen darin noch die Überreste eines Feuers, und darum herum schliefen die sechs Heap-Buben und ein großer Hund in einem wirren Knäuel aus Kissen und Decken.

Auch Sarah und Silas schliefen. Sie lagen in einer kleinen Dachkammer, um die Silas ihr Heim vor ein paar Jahren erweitert hatte. Er hatte einfach ein Loch in die Decke gehauen, nachdem ihm Sarah eröffnet hatte, dass sie nicht länger mit sechs halbwüchsigen Jungen in einem einzigen Zimmer leben könne.

Aus dem Meer der Unordnung in dem großen Zimmer erhob sich eine kleine Insel der Ordnung, ein langer und ziemlich wackliger Tisch, den ein sauberes weißes Tischtuch bedeckte. Darauf standen neun Teller und Becher, und der kleine Stuhl am Kopfende war mit Winterbeeren und Blättern geschmückt. Davor auf dem Tisch lag, liebevoll in buntes Papier eingeschlagen und mit einem roten Band verschnürt, ein kleines Geschenk für Jenna zu ihrem zehnten Geburtstag.

In diesen letzten Nachtstunden blieb alles still, und die Familie Heap schlief friedlich weiter, bis am Morgen die Wintersonne aufgehen sollte.

 

Am anderen Ende der Burg, im Palast der Wächter, schlief niemand mehr, ob friedlich oder nicht.

Der Oberste Wächter war aus dem Bett geholt worden und hatte mithilfe des Nachtdieners bereits seine schwarze, pelzbesetzte Uniform und seinen schweren, schwarz-goldenen Mantel angelegt. Nun wies er den Nachtdiener an, wie er seine bestickten Seidenschuhe zu schnüren hatte, und setzte sich behutsam eine schöne Krone auf. Der Oberste Wächter zeigte sich nie ohne diese Krone, die seit jenem Tag, als sie der Königin vom Kopf gefallen und scheppernd auf den Steinfliesen aufgeschlagen war, eine Delle hatte. Sie saß schief auf seinem leicht spitz zulaufenden, kahlen Schädel, doch der Nachtdiener, der noch neu und furchtsam war, scheute sich, es ihm zu sagen.

Mit raschen Schritten durchmaß der Oberste Wächter den Korridor zum Thronsaal. Er war ein kleiner, rattenähnlicher Mann mit blassen, beinahe farblosen Augen und einem kunstvollen Ziegenbart, dessen Pflege ihm zur lieben Gewohnheit geworden war und Stunden in Anspruch nahm. Er versank beinahe in seinem weiten, schwer mit militärischen Orden behangenen Mantel, und die schief sitzende und etwas weiblich wirkende Krone verlieh seiner Erscheinung etwas Lächerliches. Aber hättet ihr, liebe Leser, ihn an jenem Morgen gesehen, ihr hättet nicht gelacht. Ihr hättet euch in eine dunkle Ecke verkrochen und gehofft, er würde euch nicht bemerken, denn der Oberste Wächter machte ein bedrohliches Gesicht.

Der Nachtdiener half ihm, auf dem reich verzierten Thron Platz zu nehmen. Dann wurde er mit ungeduldiger Geste weggeschickt. Dankbar huschte er aus dem Thronsaal, denn seine Schicht ging bald zu Ende.

Im Thronsaal war es morgendlich kühl. Der Oberste Wächter saß mit unbewegter Miene auf dem Thron, doch seine kurzen hastigen Atemstöße sandten Dampfwolken in die kalte Luft und verrieten seine Erregung.

Er brauchte nicht lange zu warten, bis eiligen Schrittes eine groß gewachsene junge Frau eintrat, die den schmucklosen schwarzen Umhang und die dunkelrote Uniform einer Meuchelmörderin trug. Sie verbeugte sich so tief, dass ihre langen Schlitzärmel den Fußboden streiften.

»Euer Gnaden«, sagte sie mit leiser Stimme, »das Königsbalg ist gefunden.«

Der Oberste Wächter setzte sich auf und musterte die Mörderin mit seinen blassen Augen.

»Bist du sicher?«, fragte er mit drohendem Ton. »Diesmal darf kein Fehler passieren.«

»Unsere Spionin hatte schon seit langem ein Kind im Verdacht, Euer Gnaden. Sie hält es für eine Fremde in seiner Familie. Gestern nun hat unsere Spionin herausgefunden, dass das Kind das richtige Alter hat.«

»Wie alt ist es genau?«

»Auf den Tag genau zehn Jahre alt, Euer Gnaden.«

»Tatsächlich?« Der Oberste Wächter lehnte sich im Thron zurück und sann über den Bericht der Mörderin nach.

»Ich habe ein Bild des Kindes, Euer Gnaden. Es soll seiner Mutter, der früheren Königin, sehr ähnlich sehen.« Die Mörderin zog ein Blatt Papier aus der Uniformjacke. Es war die von kundiger Hand angefertigte Zeichnung eines jungen Mädchens mit dunkelvioletten Augen und langen dunklen Haaren. Der Oberste Wächter nahm die Zeichnung. Es stimmte. Das Mädchen sah der toten Königin tatsächlich sehr ähnlich. Er fasste einen raschen Entschluss und schnippte mit seinen knochigen Fingern.

Die Mörderin neigte den Kopf. »Euer Gnaden?«

»Heute Nacht. Um Mitternacht suchst du … wo ist es?«

»Raum 16, Korridor 223, Euer Gnaden.«

»Familiename?«

»Heap, Euer Gnaden.«

»Aha. Nimm die Silberpistole. Wie viele Mitglieder zählt die Familie?«

»Neun, Euer Gnaden, das Kind mitgerechnet.«

»Also neun Kugeln, falls sie Schwierigkeiten machen. Eine silberne für das Kind. Und bring es zu mir. Ich möchte einen Beweis.«

Die junge Frau war erbleicht. Es war ihre erste und einzige Bewährungsprobe. Meuchelmörder bekamen keine zweite Chance.

»Zu Befehl, Euer Gnaden.« Sie verneigte sich kurz und entfernte sich mit zitternden Händen.

In einer ruhigen Ecke des Thronsaals erhob sich der Geist Alther Mellas von der kalten Steinbank, auf der er gesessen hatte. Er stöhnte und reckte seine alten Geisterglieder, dann raffte er seinen verschossenen lila Umhang, schnaufte kräftig durch und spazierte durch die dicke Mauer des Thronsaals.

Draußen fand er sich, zwanzig Meter über dem Boden schwebend, in der kalten Morgenluft wieder. Statt sich gemessenen Schrittes zu entfernen, wie es sich für einen Geist seines Alters und Rangs eigentlich ziemte, breitete er die Arme wie Flügel aus und segelte elegant durch den rieselnden Schnee.

Fliegen war so ziemlich das Einzige, was Alther am Geisterdasein gefiel. Seit er ein Geist war, hatte er seine lähmende Höhenangst verloren und viele aufregende Stunden damit zugebracht, an seinen akrobatischen Flugkunststücken zu feilen. Sonst aber bot das Dasein als Geist nur wenig Annehmlichkeiten, und in dem Thronsaal zu sitzen, in dem er einer geworden war – und in dem er nach seinem Ableben deshalb ein ganzes Jahr und einen Tag hatte verbringen müssen –, gehörte zu den unerquicklichsten Seiten. Doch es musste sein. Im Thronsaal erfuhr Alther, was die Wächter im Schilde führten, sodass er Marcia über ihre Pläne auf dem Laufenden halten konnte. Mit seiner Hilfe war es ihr gelungen, den Wächtern stets einen Schritt voraus zu sein und Jenna zu beschützen. Bis jetzt.

Aus seinem Versteck oben in den fernen Ödlanden hatte DomDaniel nach Jenna gefahndet, seit sein erster Meuchelmörder vor zehn Jahren nur halbe Arbeit geleistet hatte. Nach der Ermordung der Königin hatte er seinen Abgesandten, den Obersten Wächter, zusammen mit seinen Gefolgsleuten, den Wächtern, und einer Armee von Gardewächtern losgeschickt, um die Burg einzunehmen und die junge Prinzessin oder das Königsbalg, wie er sie verächtlich nannte, zur Strecke zu bringen. Es waren für ihn zehn lange und enttäuschende Jahre gewesen, denn Alther Mella hatte alle Versuche, die Prinzessin zu finden, vereitelt.

DomDaniel war freilich ahnungslos, dass sein einstiger Lehrling immer noch eifrig damit beschäftigt war, seine Pläne zu durchkreuzen. Wegen seiner Verbindung zu den dunklen Mächten konnte er keinen von den Geistern in der Burg sehen, daher wusste er nicht, dass sie und Alther überhaupt existierten. Er gab dieser Nervensäge Marcia Overstrand die Schuld daran, dass er die Prinzessin nicht finden konnte, und seine Ungeduld wuchs. Doch ohne dass er es ahnte, war ihm unlängst ein glücklicher Zufall zu Hilfe gekommen.

Nach der Einnahme der Burg hatte der Oberste Wächter als eine seiner ersten Maßnahmen alle Frauen aus dem Gerichtsgebäude verbannt und die Damentoilette, die nun nicht mehr gebraucht wurde, zum Besprechungsraum umfunktioniert. Letzten Monat war es bitterkalt gewesen. Durch den höhlenartigen Sitzungssaal pfiff ein kalter Wind und verwandelte die Füße in Eiszapfen. Deshalb hatte der Wächterrat seine Beratungen in die ehemalige Damentoilette verlegt, die den großen Vorteil hatte, dass ein Holzofen darin stand.

Und so kam es, dass die Wächter, ohne es zu ahnen, zur Abwechslung mal Alther Mella einen Schritt voraus waren. Als Geist konnte er nur Orte aufsuchen, an denen er zu seinen Lebzeiten gewesen war, und als wohlerzogener junger Zauberer hatte er selbstverständlich niemals einen Fuß in eine Damentoilette gesetzt. Das Einzige, was er tun konnte, war, sich draußen herumzudrücken und zu warten, so wie er es damals getan hatte, als er noch lebte und der Richterin Alice Nettles den Hof machte.

An einem besonders kalten Spätnachmittag ein paar Wochen zuvor hatte er zum ersten Mal beobachtet, wie die Mitglieder des Wächterrats in die Damentoilette umzogen. Die schwere Tür, auf der noch in verblichenen goldenen Lettern DAMEN stand, schlug hinter ihnen zu, und er schwebte draußen und horchte angestrengt an der Tür. Doch es war verlorene Mühe. Er hörte nicht, wie der Rat beschloss, seine allerbeste Spionin, eine gewisse Linda Lane, die Kräuterheilkunde als Hobby betrieb, in Zimmer 17, Korridor 223, einzuquartieren. Gleich neben den Heaps.

Daher ahnten weder Alther noch die Heaps nicht im Geringsten, dass ihre neue Nachbarin eine Spionin war. Und eine sehr gute obendrein.

Als Alther Mella jetzt durch die Winternacht flog und darüber nachsann, wie er die Prinzessin retten konnte, drehte er gedankenverloren zwei nahezu perfekte Doppelloopings, ehe er im Sturzflug durch das Schneetreiben düste und die goldene Pyramide ansteuerte, die den Zauberturm bekrönte.

Er landete elegant auf den Füßen und verharrte einen Augenblick im perfekten Gleichgewicht auf den Zehenspitzen. Dann streckte er die Arme in die Höhe und drehte sich um die eigene Achse, schneller und immer schneller, bis er langsam im Dach versank und sich in den Raum darunter bohrte. Leider verschätzte er sich bei der Landung und plumpste durch den Baldachin von Marcia Overstrands Himmelbett.

Erschrocken fuhr Marcia hoch. Alther lag ausgestreckt auf ihrem Kissen und lächelte verlegen.

»Verzeihung, Marcia. Wie ungalant von mir. Na, wenigstens hast du keine Lockenwickler im Haar.«

»Ich muss schon bitten, Alther, meine Locken sind echt«, entgegnete Marcia pikiert.

Alther machte ein ernstes Gesicht und wurde noch durchscheinender als gewöhnlich.

»Ich fürchte«, sagte er mit schwerer Stimme, »die Sache eilt, Marcia.«

* 4 *
MARCIA OVERSTRAND

 

 

Marcia Overstrand durchmaß ihr Turmzimmer, an das ein Ankleideraum grenzte, riss die schwere lila Tür auf, die auf den Treppenabsatz führte, und betrachtete sich in dem verstellbaren Spiegel.

»Minus acht-Komma-drei Prozent!«, befahl sie dem Spiegel, der eine ängstliche Natur war und jeden Morgen mit Bangen dem Augenblick entgegensah, da Marcias Tür aufflog. Im Lauf der Jahre hatte er gelernt, das Poltern ihrer Schritte auf den Holzdielen zu deuten, und heute hatte ihn das Poltern nervös gemacht. Sehr nervös. Er muckste sich nicht, und in seinem Eifer, Marcia zufrieden zu stellen, machte er sie um 83 Prozent dünner, sodass sie wie eine lila Gespensterheuschrecke aussah.

»Idiot!«, fuhr sie ihn an.

Der Spiegel rechnete noch einmal nach. Mathematik am frühen Morgen war ihm ein Gräuel, und er hegte den Verdacht, dass sie ihm absichtlich so fiese Zahlen zum Prozentrechnen gab. Warum ließ sie sich nicht um 5 Prozent dünner machen? Das war eine schöne runde Zahl. Oder, noch besser, um 10 Prozent? Mit 10 Prozent rechnete der Spiegel gern. Das beherrschte er aus dem Effeff.

Marcia lächelte ihr Spiegelbild an. Sie sah gut aus.

Sie trug die Winteruniform der Außergewöhnlichen Zauberin. Und die Uniform stand ihr. Der lila Doppelumhang aus Seide war mit sehr weichem, indigoblauem Angorafell gefüttert. Er wallte elegant von ihren breiten Schultern und schmiegte sich artig um ihre spitzen Füße. Marcias Füße waren spitz, weil sie eine Schwäche für spitze Schuhe hatte und sie sich eigens anfertigen ließ. Sie waren aus Schlangenleder, genauer gesagt, aus der abgestreiften Haut der lila Python, die der Schuhmacher Terry Tarsal nur für sie in seinem Garten hielt. Terry Tarsal verabscheute Schlangen und war davon überzeugt, dass Marcia absichtlich Schlangenleder bestellte. Damit könnte er durchaus Recht gehabt haben. Marcias lila Pythonschuhe schimmerten in dem Licht, das der Spiegel reflektierte, und das Gold und Platin an ihrem Gürtel, dem Gürtel der Außergewöhnlichen Zauberin, blitzten eindrucksvoll. Um den Hals trug sie das Echnaton-Amulett, Sinnbild und Quelle der Macht der Außergewöhnlichen Zauberer.

Marcia war zufrieden. Heute musste sie eindrucksvoll aussehen. Eindrucksvoll und nur ein klein wenig Furcht einflößend. Na ja, ziemlich Furcht einflößend, wenn nötig. Sie hoffte, dass es nicht nötig sein würde.

Marcia war sich nicht sicher, ob sie Furcht einflößend aussehen konnte. Sie schnitt ein paar Grimassen vor dem Spiegel, der heimlich erschauerte, aber keine vermochte sie zu überzeugen. Was Marcia nicht wusste: Die meisten Leute fanden, dass sie sich sehr gut darauf verstand, den Leuten Angst zu machen, ja, dass sie auf dem Gebiet ein absolutes Naturtalent war.

Marcia schnippte mit den Fingern. »Von hinten!«, bellte sie.

Der Spiegel präsentierte ihre rückwärtige Ansicht.

»Von der Seite!«

Der Spiegel zeigte sie von links und rechts.

Und dann war sie fort. Zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinunter in die Küche, wo der Herd, der sie kommen hörte, in helle Panik geriet. Verzweifelt versuchte er, sich selbst zu entzünden, bevor sie durch die Tür rauschte.

Es gelang ihm nicht, und Marcia war das ganze Frühstück über schlecht gelaunt.

 

Marcia ließ das Frühstücksgeschirr stehen, damit es sich selbst abwusch, und stürzte zu der lila Tür hinaus, die in ihre Gemächer führte. Mit einem leisen, ehrfürchtigen Klacken schnappte die Tür hinter ihr zu, als sie auf die silberne Wendeltreppe sprang.

»Abwärts«, befahl sie, und die Treppe setzte sich in Bewegung. Sie drehte sich wie ein riesiger Korkenzieher und beförderte Marcia langsam durch den hohen Turm nach unten, vorbei an einer schier endlosen Zahl von Etagen und Türen, hinter denen eine wunderliche Gesellschaft von Zauberern wohnte. Aus den Räumen ertönten Zaubersprüche, die eingeübt, und Beschwörungsformeln, die heruntergeleiert wurden, dazu das allgemeine Geplauder von Zauberern beim Frühstück. Der Duft von Toast und Speck und Haferbrei vermischte sich befremdlich mit den Weihrauchwolken, die aus der Eingangshalle heraufstiegen, und als die Wendeltreppe sachte zum Stehen kam und Marcia ausstieg, schwindelte ihr der Kopf, und sie war froh, an die frische Luft zu kommen. Eilends schritt sie durch die Halle zu der massiven Silbertür, die den Eingang zum Zaubererturm versperrte. Sie sprach das Kennwort, die Tür schwang auf, und im nächsten Augenblick trat sie durch den silbernen Torbogen in die klirrende Kälte eines verschneiten Wintermorgens.

Auf der steilen Treppe setzte sie ihre Füße in den dünnen spitzen Schuhen vorsichtig in den knirschenden Schnee, und als sie unten ankam, erwischte sie den Wachposten dabei, wie er gelangweilt Schneebälle nach einer streunenden Katze warf. Ein Schneeball landete mit einem dumpfen Knall auf ihrem lila Seidenumhang.

»Lass das!«, herrschte Marcia ihn an und klopfte den Schnee ab.

Der Posten zuckte zusammen und stand stramm. Er sah zu Tode erschrocken aus. Marcia funkelte den elfenhaften Jungen an. Er trug die vorgeschriebene Wachuniform, eine ziemlich alberne, rotweiß gestreifte Jacke aus dünner Baumwolle mit lila Rüschen an den Ärmeln, dazu einen großen gelben Schlapphut, weiße Strumpfhosen und hellgelbe Stiefel, und in seiner unbehandschuhten linken Hand, die blau war vor Kälte, hielt er eine schwere Pike.

Marcia hatte beim Obersten Wächter protestiert, als die ersten Wachposten am Zaubererturm aufzogen. Besten Dank, hatte sie ihm mitgeteilt, aber Zauberer benötigten keine Aufpasser, sie könnten wunderbar auf sich selber aufpassen. Doch er hatte selbstgefällig gegrinst und ihr höflich versichert, dass die Wachen zu ihrer Sicherheit da seien. Marcia hegte den Verdacht, dass er sie nur aufgestellt hatte, um das Kommen und Gehen der Zauberer zu überwachen und sie obendrein zum Gespött der Leute zu machen.

Marcia sah sich den Schneeballwerfer genauer an. Der Hut war ihm viel zu groß. Er war nach unten gerutscht und saß auf den Ohren, die praktischerweise genau an der richtigen Stelle abstanden und so verhinderten, dass er ihm über die Augen herunterfiel. Der Hut verlieh seinem schmalen, verhärmten Gesicht eine ungesunde gelbliche Farbe. Seine dunkelgrauen Augen spähten verdattert darunter hervor, als er erkannte, wen sein Schneeball getroffen hatte.

Marcia fand ihn für einen Soldaten sehr klein.

»Wie alt bist du?«, fragte sie vorwurfsvoll.

Der Posten errötete. Noch nie hatte ihn jemand wie Marcia eines Blickes gewürdigt, geschweige denn angesprochen.

»Z-zehn, Madam.«

»Warum bist du dann nicht in der Schule?«, fragte sie.

Der Posten warf sich in die Brust. »Ich brauche keine Schule, Madam. Ich bin in der Jungarmee. Wir sind der Stolz von heute und die Krieger von morgen.«

»Ist dir nicht kalt?«, erkundigte sich Marcia unerwartet.

»N-nein. Wir lernen, nicht zu frieren.« Er hatte blaue Lippen und zitterte beim Sprechen.

»Hm!«, machte Marcia, wandte sich von dem Jungen ab, der noch vier Stunden Wache vor sich hatte, und stapfte durch den Schnee von dannen.

 

Marcia hastete über den Hof vor dem Zaubererturm und schlüpfte durch eine Seitenpforte, die auf einen ruhigen, schneebedeckten Fußpfad führte.

Auf den Tag genau vor zehn Jahren war sie Außergewöhnliche Zauberin geworden, und als sie jetzt dem Pfad folgte, reisten ihre Gedanken zurück in die Vergangenheit. Sie dachte an ihre Zeit als mittellose, viel versprechende junge Zauberin. Damals las sie alles, was sie über Zauberei finden konnte, und träumte davon, eines Tages beim Außergewöhnlichen Zauberer Alther Mella in die Lehre zu gehen, was nur sehr wenigen vergönnt war. Es waren glückliche Jahre. Sie wohnte in einem kleinen Zimmer in den Anwanden zwischen vielen anderen angehenden Zauberern, von denen sich die meisten mit einer Lehre bei einem Gewöhnlichen Zauberer begnügten. Marcia war anders. Sie wusste, was sie wollte, und sie wollte das Beste. Dennoch konnte sie ihr Glück kaum fassen, als sie die Chance bekam, Alther Mellas Lehrling zu werden. Eine Lehre bei ihm war zwar keine Garantie dafür, dass sie irgendwann selbst Außergewöhnliche Zauberin wurde. Doch es war ein weiterer Schritt, der sie ihrem Traum ein Stück näher brachte. Und so verbrachte sie die nächsten sieben Jahre und einen Tag als Althers Lehrling im Zaubererturm.

Marcia lächelte in sich hinein. Alther Mella war ein wunderbarer Zauberer gewesen. Seine Kurse machten Spaß. Er verlor nie die Geduld, wenn mal ein Zauber misslang, und hatte immer einen neuen Witz auf Lager. Und er war ein sehr mächtiger Zauberer. Wie gut er war, hatte sie erst richtig begriffen, als sie selbst Außergewöhnliche Zauberin wurde. Vor allem aber war Alther ein wunderbarer Mensch gewesen. Ihr Lächeln erstarb, als sie an die Umstände dachte, unter denen sie seine Nachfolge angetreten hatte. Sie rief sich den letzten Tag im Leben Alther Mellas ins Gedächtnis, jenen Tag, den die Wächter heute den Tag Eins nannten.

Gedankenversunken stieg Marcia die schmale Treppe zu dem breiten, überdachten Wehrgang hinauf, der direkt innen an der Ringmauer entlanglief. Es war der kürzeste Weg zum Ostend, wie die Anwanden neuerdings hießen, und genau dort wollte sie heute hin. Der Wehrgang durfte eigentlich nur von den bewaffneten Wächterpatrouillen benutzt werden, doch Marcia wusste, dass niemand die Außergewöhnliche Zauberin daran hindern würde, nicht einmal in diesen Zeiten. Statt also durch unzählige kleine und mitunter überfüllte Korridore zu kriechen, wie sie es vor vielen Jahren getan hatte, flitzte sie durch den Wehrgang, bis sie etwa eine halbe Stunde später eine Tür erblickte, die sie sofort wieder erkannte.

Sie holte tief Luft. Hier ist es, sagte sie sich.

Sie nahm die Treppe, die vom Wehrgang hinabführte, und stand vor der Tür. Sie wollte sich gerade dagegen lehnen und ihr einen Stoß geben, als die Tür über ihren Anblick erschrak und aufsprang. Marcia flog hinein und prallte gegen die ziemlich glitschige Wand gegenüber. Die Tür knallte zu, und Marcia stockte der Atem. Im Gang war es dunkel und feucht, und es roch nach gekochtem Kohl, Katzenpisse und Moder. Sie hatte die Anwanden ganz anders in Erinnerung. Damals, als sie noch hier gewohnt hatte, war es in den Gängen warm und sauber gewesen. In regelmäßigen Abständen an der Wand angebrachte Schilffackeln hatten für Licht gesorgt, und die stolzen Bewohner hatten jeden Tag gefegt.

Marcia hoffte, dass sie den Weg zum Zimmer von Silas und Sarah Heap noch fand. In ihrer Lehrzeit war sie oft an ihrer Tür vorbeigekommen. Sie hatte sich immer beeilt und gehofft, dass Silas sie nicht sah und hereinbat. An den Lärm erinnerte sie sich am lebhaftesten, an den Radau der vielen kleinen Jungs, die schrien, tobten, rauften und taten, was kleine Jungs eben so tun, obwohl Marcia nicht genau wusste, was kleine Jungs so taten, da sie Kindern nach Möglichkeit lieber aus dem Weg ging.

Marcia wurde nervös, als sie allein durch die düsteren dunklen Gänge ging, und fragte sich, wie ihr erster Besuch bei Silas seit über zehn Jahren wohl verlaufen würde. Was sie den Heaps zu sagen hatte, würde ihr nicht leicht über die Lippen gehen, und sie fragte sich sogar, ob Silas ihr überhaupt glauben würde. Er war halsstarrig und brauste leicht auf, und sie wusste, dass er sie nicht besonders gut leiden konnte. Mit solchen Gedanken im Kopf eilte sie zielstrebig durch die Gänge, ohne nach links und rechts zu schauen.

Hätte sie sich die Mühe gemacht, nach links und rechts zu schauen, hätte sie sich über die Reaktion der Leute gewundert. Es war acht Uhr in der Frühe, Stoßzeit, wie Silas Heap zu sagen pflegte. Hunderte Menschen mit blassen Gesichtern machten sich auf den Weg zur Arbeit. Sie blinzelten mit schläfrigen Augen in die Dunkelheit und waren wegen der feuchten Kälte fest in ihre dünnen, billigen Mäntel gewickelt. Wer konnte, mied die Korridore auf der Nordseite während der Stoßzeit. Der Menschenstrom trug einen fort, oft an der gewünschten Abzweigung vorbei, bis man es irgendwie schaffte, sich durch das Gewühle zu zwängen und in den Strom einzutauchen, der sich in die entgegengesetzte Richtung wälzte. Während des Stoßverkehrs war die Luft immer von Klagen erfüllt:

»Lasst mich hier raus, bitte!«

»Hören Sie doch auf, so zu drängeln!«

»Ich muss hier abbiegen! Ich muss hier abbiegen!«

Doch Marcia hatte den Stoßverkehr versiegen lassen. Dazu war kein Zauber nötig – bei ihrem bloßen Anblick blieb jeder wie angewurzelt stehen. Die meisten Leute auf der Nordseite hatten die Außergewöhnliche Zauberin noch nie gesehen. Und wenn jemand sie schon einmal gesehen hatte, dann bei einem Tagesausflug ins Besucherzentrum des Zaubererturms, wo er sich womöglich den ganzen Tag im Hof herumgedrückt hatte, nur um einen Blick von ihr zu erhaschen. Dass sie aber mitten unter ihnen durch die Korridore auf der Nordseite spazierte, das war unglaublich.

Die Leute hielten den Atem an und wichen zur Seite, drückten sich in dunkle Türeingänge oder schlüpften in Seitengassen. Manche murmelten einfache Zaubersprüche vor sich hin. Andere erstarrten und blieben regungslos stehen wie ein Kaninchen in grellem Licht eines Scheinwerfers. Sie glotzten Marcia an, als sei sie von einem anderen Stern, und das hätte sie trotz aller Gemeinsamkeiten durchaus sein können.

Marcia nahm davon überhaupt keine Notiz. Nach zehn Jahren als Außergewöhnliche Zauberin war sie dem wirklichen Leben entrückt, und so schockiert sie auch beim ersten Mal auch gewesen sein mochte, mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt, dass man ihr Platz machte, sich verbeugte und um sie herum ehrfürchtig tuschelte.

Marcia bog vom Hauptkorridor ab und eilte durch einen schmalen Gang, der zum Zimmer der Familie Heap führte. Unterwegs war ihr aufgefallen, dass die Gänge jetzt Nummern hatten, welche die ulkigen Namen von früher wie Windige Ecke oder Verkehrte Gasse ersetzten.

Früher lautete die Adresse der Heaps: große rote Tür, Hin-und-Zurück-Straße, in den Anwanden.

Jetzt lautete sie anscheinend: Raum 16, Korridor 223, Nordseite. Es war klar, welche Marcia besser gefiel.

Sie gelangte zur Tür der Heaps, die erst vor ein paar Tagen von der Malerpatrouille vorschriftsmäßig schwarz gestrichen worden war. Das laute, durch die Tür dringende Stimmengewirr verriet ihr, dass die Heaps beim Frühstück saßen. Sie holte ein paar Mal tief Luft.

Sie konnte den Augenblick nicht länger hinausschieben.

* 5 *
BEI DEN HEAPS

 

 

»Öffne dich«, befahl Marcia der schwarzen Tür der Heaps. Da die Tür aber Silas Heap gehörte, tat sie nichts dergleichen. Im Gegenteil, Marcia glaubte zu sehen, wie sie die Angeln fester anzog und den Riegel verstärkte. Und so war sie gezwungen – sie, Madam Marcia Overstrand, die Außergewöhnliche Zauberin –, so laut sie nur konnte an die Tür zu pochen. Niemand öffnete. Sie versuchte es noch einmal, trommelte mit beiden Fäusten dagegen, doch noch immer öffnete niemand. Just in dem Augenblick, als sie erwog, der Tür einen kräftigen Fußtritt zu versetzen (und es ihr heimzuzahlen), wurde sie von innen geöffnet. Vor ihr stand Silas Heap.

»Ja?«, fragte er schroff, als sei sie nichts weiter als ein lästiger Vertreter.

Für einen kurzen Augenblick verschlug es Marcia die Sprache. Sie spähte an Silas vorbei in das Zimmer, das so aussah, als habe kürzlich eine Bombe eingeschlagen, und nun aus irgendeinem Grund von Jungen wimmelte. Die Jungen wuselten um ein kleines dunkelhaariges Mädchen herum, das an einem Tisch saß, den ein überraschend sauberes weißes Tischtuch bedeckte. Das Mädchen hielt ein kleines Geschenk in der Hand, das in leuchtend buntes Papier eingepackt und mit einem roten Band verschnürt war, und stieß lachend ein paar Jungen zurück, die so taten, als wollten sie danach schnappen. Doch nacheinander blickten das Mädchen und alle Jungen zur Tür, und im Zimmer der Heaps wurde es ungewohnt still.

»Guten Morgen, Silas Heap«, grüßte Marcia eine Spur zu huldvoll. »Und auch Ihnen einen guten Morgen, Sarah Heap. Und, äh, natürlich allen kleinen Heaps.«

Die kleinen Heaps, von denen die meisten ganz und gar nicht mehr klein waren, sagten nichts. Aber sechs hellgrüne Augenpaare und ein dunkelviolettes Augenpaar musterten Marcia Overstrand von Kopf bis Fuß. Marcia wurde unsicher. Hatte sie einen Fleck auf der Nase? Stand eine Haarsträhne lächerlich in die Höhe? Steckte ihr womöglich Spinat zwischen den Zähnen?

Marcia fiel ein, dass sie gar keinen Spinat zum Frühstück gegessen hatte. Mach schon, sagte sie sich. Du bist hier die Chefin. Also wandte sie sich an Silas, der sie so ansah, als hoffe er, dass sie bald wieder gehen würde.

»Ich sagte Guten Morgen, Silas Heap«, wiederholte sie gereizt.

»Das war ja nicht zu überhören, Marcia«, erwiderte Silas. »Und was führt dich nach all den Jahren hierher?«

Marcia kam gleich zur Sache. »Ich bin wegen der Prinzessin hier.«

»Was?«, fragte Silas.

»Du hast mich genau verstanden«, raunzte Marcia, die sich ungern an der Nase herumführen ließ, schon gar nicht von Silas Heap.

»Wir haben hier keine Prinzessin, Marcia«, entgegnete Silas. »Das ist doch wohl offensichtlich.«

Marcia schaute sich um. Es stimmte, hier würde niemand eine Prinzessin vermuten. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie eine solche Unordnung gesehen.

Mitten in dem Durcheinander stand Sarah Heap am Herd, in dem ein frisches Feuer brannte. Sie hatte gerade Haferbrei zum Geburtstagsfrühstück gekocht, als Marcia in ihr Heim und ihr Leben geplatzt war. Jetzt hielt sie wie versteinert den Topf mit dem Brei in der Hand und starrte Marcia an. Etwas in ihrem Blick verriet Marcia, dass sie ahnte, was jetzt kam. Das wird nicht einfach, sagte sich Marcia und beschloss, auf die harte Tour zu verzichten und noch einmal von vorn anzufangen.

»Darf ich mich setzen, Silas … Sarah?«, fragte sie.

Sarah nickte. Silas machte ein finsteres Gesicht. Keiner von beiden sprach ein Wort.

Silas blickte zu Sarah. Sie war ganz weiß im Gesicht und zitterte. Sie setzte sich, nahm das Geburtstagskind auf den Schoß und zog es an sich. Silas wünschte sich mehr als alles andere, dass Marcia wieder ging und sie in Ruhe ließ, doch er wusste, dass sie sich anhören mussten, was sie ihnen zu sagen hatte. Er seufzte schwer und sagte: »Nicko, hol Marcia einen Stuhl.«

»Danke, Nicko«, sagte Marcia und ließ sich vorsichtig auf einem von Silas’ selbst gezimmerten Stühlen nieder. Der strubbelige Nicko grinste sie schief an und gesellte sich wieder zu seinen Brüdern, die sich schützend um Sarah gestellt hatten.

Marcia ließ den Blick über die Heaps wandern und staunte, wie ähnlich sie sich sahen. Alle, selbst Sarah und Silas, hatten das gleiche lockige strohblonde Haar, und natürlich hatten sie alle die durchdringend grünen Zaubereraugen. Und mitten unter ihnen saß, mit glatten schwarzen Haaren und dunkelvioletten Augen, die Prinzessin. Marcia seufzte in sich hinein. Für sie sah ein Baby wie das andere aus. Sie hatte überhaupt nicht bedacht, wie sehr sich die Prinzessin äußerlich von den Heaps unterscheiden würde, wenn sie älter wurde. Kein Wunder, dass die Spionin sie entdeckt hatte.

Silas Heap hockte sich auf eine umgedrehte Kiste. »Nun, Marcia, was führt dich zu uns?«, fragte er.

Marcia hatte einen ganz trockenen Mund. »Könnte ich ein Glas Wasser haben?«, fragte sie.

Jenna rutschte von Sarahs Schoß, kam zu Marcia herüber und hielt ihr einen fleckigen Holzbecher hin, der oben am Rand voller Bissspuren war.

»Hier, Sie können mein Wasser haben. Es macht mir nichts aus.« Jenna betrachtete Marcia mit bewunderndem Blick. Sie hatte noch nie eine Frau gesehen, die so lila, so elegante, so saubere und so kostbare Kleider trug, und ganz gewiss noch nie eine Frau mit so spitzen Schuhen.

Marcia beäugte den Becher argwöhnisch, rief sich aber in Erinnerung, wer ihn ihr gegeben hatte, und sagte: »Danke, Prinzessin. Äh, darf ich dich Jenna nennen?«

Jenna antwortete nicht. Sie war zu sehr damit beschäftigt, Marcias lila Schuhe zu bestaunen.

»Antworte Madam Marcia, mein Schatz«, sagte Sarah Heap.

»Oh ja, bitte, Madam Marcia«, sagte Jenna verwirrt, aber höflich.

»Danke, Jenna. Es ist schön, dich nach all der Zeit wieder zu sehen. Und bitte, nenn mich einfach Marcia«, sagte Marcia, die ständig daran denken musste, wie ähnlich Jenna ihrer Mutter sah.

Jenna schlüpfte wieder an Sarahs Seite, und Marcia zwang sich, ein Schlückchen Wasser aus dem zernagten Becher zu trinken.

»Raus damit, Marcia«, sagte Silas von seiner umgedrehten Kiste. »Was ist los? Anscheinend sind wir hier mal wieder die Letzten, die was erfahren.«

»Silas, wisst ihr, du und Sarah, wer … äh … wer Jenna ist?«, fragte Marcia.

»Klar wissen wir das. Jenna ist unsere Tochter«, sagte Silas störrisch.

»Aber ihr habt es erraten, nicht?«, sagte Marcia und richtete ihren Blick auf Sarah.

»Ja«, antwortete Sarah ruhig.

»Dann werdet ihr verstehen, wenn ich euch sage, dass sie hier nicht mehr sicher ist. Ich muss sie mitnehmen. Auf der Stelle«, sagte Marcia eindringlich.

»Nein!«, schrie Jenna. »Nein!« Sie kletterte auf Sarahs Schoß zurück. Sarah schlang die Arme um sie.

Silas brauste auf. »Marcia, nur weil du die Außergewöhnliche Zauberin bist, bildest du dir ein, du könntest einfach hier hereinspazieren und mir nichts, dir nichts unser Leben durcheinander bringen. Du wirst Jenna natürlich nicht mitnehmen. Sie gehört zu uns. Sie ist unsere einzige Tochter. Sie ist hier absolut sicher, und sie bleibt bei uns.«

»Silas«, seufzte Marcia, »sie ist bei euch nicht sicher. Jedenfalls nicht mehr. Sie ist entdeckt worden. Ihr habt eine Spionin in der Nachbarschaft. Linda Lane.«

»Linda?«, stieß Sarah hervor. »Eine Spionin? Das glaube ich nicht.«

»Meinst du diese nervtötende alte Quasselstrippe«, fragte Silas, »die ständig hier herumsitzt, von Pillen und Tränken plappert und die Kinder zeichnet?«

»Silas!«, protestierte Sarah, »sei nicht so grob.«

»Ich werde noch viel gröber zu ihr sein«, erwiderte Silas, »wenn sie wirklich eine Spionin ist.«

»Das steht außer Zweifel, Silas«, sagte Marcia. »Linda Lane ist ganz bestimmt eine Spionin. Und ihre Zeichnungen haben dem Obersten Wächter mit Sicherheit gute Dienste geleistet.«

Silas stöhnte.

Marcia nutzte ihren Vorteil aus. »Hör zu, Silas. Ich will nur das Beste für Jenna. Du musst mir vertrauen.«

Silas schnaubte verächtlich. »Warum um alles in der Welt sollte ich dir vertrauen, Marcia?«

»Weil ich dir die Prinzessin anvertraut habe. Und dafür vertraust du jetzt mir. Was vor zehn Jahren geschehen ist, darf nicht noch einmal geschehen.«

»Du vergisst«, giftete Silas, »dass wir keine Ahnung haben, was vor zehn Jahren geschehen ist. Niemand hat es für nötig gehalten, es uns zu sagen.«

Marcia seufzte. »Wie hätte ich es euch sagen können? Für die Prinzessin, ich meine, für Jenna, war es besser, dass ihr nicht Bescheid wusstet.«

Bei der neuerlichen Erwähnung des Wortes »Prinzessin« schaute Jenna zu Sarah auf.

»Madam Marcia hat mich vorhin schon so genannt«, flüsterte sie. »Bin das wirklich ich?«

»Ja, mein Schatz«, flüsterte Sarah zurück, dann sah sie Marcia in die Augen und sagte: »Ich glaube, wir alle sollten erfahren, was vor zehn Jahren geschehen ist, Madam Marcia.«

Marcia schaute auf ihre Uhr. Viel Zeit blieb ihr nicht. Sie holte tief Luft.

»Ich hatte damals gerade meine Abschlussprüfung abgelegt und war zu Alther gegangen, um mich bei ihm zu bedanken. Ich war kaum dort, da stürzte ein Bote herein und meldete, dass die Königin eine Tochter zur Welt gebracht habe. Wir waren außer uns vor Freude – endlich hatten wir eine Thronerbin.

Der Bote bestellte Alther in den Palast, wo er die Willkommenszeremonie für die kleine Prinzessin abhalten sollte. Ich begleitete ihn und half beim Tragen der schweren Bücher, Tränke und Zaubermittel, die er benötigte. Und um ihn daran zu erinnern, in welcher Reihenfolge alles zu tun war, denn der gute Alther wurde mit den Jahren etwas vergesslich.

Im Palast angekommen, wurden wir in den Thronsaal zur Königin geführt. Sie sah so glücklich aus – so glücklich! Sie saß auf dem Thron, hielt ihre neugeborene Tochter im Arm und begrüßte uns mit den Worten: ›Ist sie nicht wunderschön?‹ Es waren die letzten Worte unserer Königin.«

»Nein«, murmelte Sarah vor sich hin.

»Im selben Augenblick stürzte ein Mann in einer sonderbaren schwarz-roten Uniform in den Saal. Heute weiß ich natürlich, dass er die Uniform eines Meuchelmörders trug, aber damals wusste ich nichts dergleichen. Ich hielt ihn für einen Boten, aber ich sah der Königin am Gesicht an, dass sie keinen erwartete. Dann bemerkte ich die lange silberne Pistole in seiner Hand und bekam große Angst. Ich blickte zu Alther, aber der blätterte in seinen Büchern und hatte nichts mitbekommen. Dann … alles war irgendwie so unwirklich … musste ich mit ansehen, wie der Soldat ganz langsam und bedächtig die Pistole hob, auf die Königin richtete und schoss. Alles war so schrecklich still, als die silberne Kugel das Herz der Königin durchschlug und hinter ihr in die Wand fuhr. Die kleine Prinzessin schrie und entglitt den Armen der toten Mutter. Ich sprang vor und fing sie auf.«

Jenna war erbleicht und versuchte, das Gehörte zu begreifen. »War das ich, Mum?«, fragte sie Sarah mit leiser Stimme. »War ich die kleine Prinzessin?«

Sarah nickte langsam.

Mit leicht zitternder Stimme fuhr Marcia fort. »Es war schrecklich! Alther sprach bereits einen Schutzschildzauber, als ein zweiter Schuss fiel. Getroffen wirbelte Alther herum und stürzte zu Boden. Ich sprach den Zauber für ihn zu Ende, und für ein paar Augenblicke waren wir drei sicher. Wieder feuerte der Mörder – diesmal auf die Prinzessin und mich –, doch die Kugel prallte an dem unsichtbaren Schild ab, flog direkt zu ihm zurück und traf ihn am Bein. Er brach zusammen, behielt die Pistole aber in der Hand. Er lag einfach nur da, starrte uns an und wartete darauf, dass der Zauber erlosch, denn jeder Zauber muss irgendwann erlöschen.

Alther lag im Sterben. Er nahm das Amulett ab und gab es mir. Ich wollte es nicht. Ich war mir sicher, dass ich ihn retten könnte, aber Alther wusste es besser. Ganz ruhig sagte er mir, dass seine Stunde gekommen sei. Er lächelte und dann … dann starb er.«

Im Zimmer war es still. Keiner rührte sich. Selbst Silas blickte zu Boden. Marcia erzählte mit leiser Stimme weiter.

»Ich … ich war fassungslos. Ich band mir das Amulett um den Hals und hob die kleine Prinzessin auf. Sie weinte, oder vielmehr, wir beide weinten. Dann rannte ich los. Ich rannte so schnell, dass der Meuchelmörder gar nicht dazu kam, noch einmal abzufeuern.

Ich floh in den Zaubererturm. Ich wusste nicht, wo ich sonst hin sollte. Ich berichtete den anderen Zauberern, was geschehen war, und bat um ihren Schutz, den sie mir auch gewährten. Den ganzen Nachmittag überlegten wir, was wir mit der Prinzessin tun sollten. Wir wussten, dass sie nicht lange im Turm bleiben konnte. Wir konnten die Prinzessin nicht ewig schützen. Außerdem war sie ein Neugeborenes und brauchte eine Mutter. Und da dachte ich an Sie, Sarah.«

Sarah blickte überrascht.

»Alther hatte oft von Ihnen und Silas gesprochen. Ich wusste, dass Sie gerade einen Jungen zur Welt gebracht hatten. Im Turm war er das Gesprächsthema, der siebte Sohn des siebten Sohns. Ich hatte keine Ahnung, dass er gestorben war. Es tat mir sehr Leid, als ich davon erfuhr. Aber ich war mir sicher, dass Sie die Prinzessin lieben und glücklich machen würden. Und so beschlossen wir, dass Sie sie bekommen sollten.

Aber ich konnte nicht einfach in die Anwanden gehen und sie Ihnen geben. Es hätte mich jemand sehen können. Also schmuggelte ich die Prinzessin am späten Nachmittag aus der Burg und legte sie so in den Schnee, dass du sie finden musstest, Silas. Und das war’s. Mehr konnte ich nicht tun.

Nachdem mich Gringe so nervös gemacht hatte, dass ich ihm eine halbe Krone gab, versteckte ich mich im Schatten und wartete auf deine Rückkehr. An der Art, wie du deinen Umhang zugehalten hast und wie du gegangen bist, so als wolltest du etwas Kostbares schützen, habe ich sofort gemerkt, dass du die Prinzessin gefunden hattest, und weißt du noch, was ich zu dir gesagt habe? ›Erzähle keiner Menschenseele, dass du sie gefunden hast. Sie ist deine leibliche Tochter. Verstanden?‹«

Eine bedrückende Stille herrschte im Zimmer. Silas starrte immer noch vor sich hin, Sarah saß reglos mit Jenna da, und die Jungen blickten wie vom Donner gerührt. Marcia erhob sich leise und zog einen kleinen roten Samtbeutel aus einer Tasche ihres Gewandes. Dann stakste sie durchs Zimmer, wobei sie Acht gab, dass sie nicht irgendwo drauftrat, insbesondere nicht auf den großen und nicht allzu sauberen Wolf, der, wie sie eben erst bemerkt hatte, mitten in einem Haufen Decken schlief.

Die Heaps sahen gebannt zu, wie sie feierlich zu Jenna und Sarah ging, vor ihnen stehen blieb und niederkniete. Die Jungen wichen ehrerbietig zur Seite.

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