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Septimus Heap - Fyre

 

Angie Sage

 

SEPTIMUS HEAP

FYRE

 

Aus dem Englischen

von Reiner Pfleiderer

 

Mit Illustrationen

von Mark Zug

 

Carl Hanser Verlag

 

INHALT

 

 

Prolog: Vorboten

  1 Was darunter liegt

  2 Eine weiße Hochzeit

  3 Pfützen

  4 Umzug

  5 In der Großen Kammer der Alchimie und Heilkunst

  6 Lauschen

  7 Eine falsche Spur

  8 In der Hüterhütte

  9 Drillinge

10 Die Wolkenflasche

11 Drachenfeuer

12 Die Herzkammer

13 Willkommen zurück

14 Entzauberung

15 Der letzte Tag

16 Vermisst

17 Gestürzt?

18 Transportzauber

19 Was hätte sein können

20 Hexerei

21 Was werden soll

22 Verwandte

23 Der Alchimieschornstein

24 Kein guter Morgen

25 Das Fremdenzimmer

26 Ein schlechter Zeitpunkt

27 Eine Rätselgeschichte

28 Der Köder

29 Ein Haustürgespräch

30 Der Porter Palast

31 Jennas Reise

32 Heaps gegen Heaps

33 Der Skorpion

34 Der Schmugglerschlund

35 Ein Abtritt

36 Zur Burg

37 Ausstiege

38 Drachen unterwegs

39 Eindringlinge

40 Die Hüter

41 In der Klemme

42 Foryx

43 Steinige Zeiten

44 Irgendwo

45 Hochwasser

46 Eine Kraftprobe

47 Feuer

48 Eine Königin

49 Ein Außergewöhnlicher Zauberer

 

Schluss

Dank

 

PROLOG:

VORBOTEN

 

 

 

Eine Flamme brennt um Mitternacht. Auf einer Insel in den wilden Marram-Marschen hält eine junge Frau eine Laterne in die Höhe. Ihre dunklen langen Haare wehen im Wind, der, warm und salzig, vom Meer herüberbläst. Im Schein der Laterne glitzern das goldene Diadem auf ihrem Kopf und die goldenen Borten an ihrer langen roten Robe – der Robe der Burgkönigin.

Die Königin ist nicht allein. Neben ihr steht ein alter Mann mit langen weißen gewellten Haaren und dem Stirnband des Außergewöhnlichen Zauberers. Er sieht prachtvoll aus in seiner reich mit magischen Symbolen bestickten lila Robe. Sein Name ist Hotep-Ra. Er ist der allererste Außergewöhnliche Zauberer.

Die Insel, auf der sie stehen, ist ein alter Lauschposten, und Hotep-Ra lauscht in diesem Augenblick aufmerksam. Reglos wie eine Statue steht er da, ganz versunken in das, was er aus der Ferne vernimmt. Dann legt er die Stirn in noch tiefere Falten. »Es ist, wie ich befürchtet habe«, flüstert er. »Sie haben mich entdeckt.«

Die Königin versteht nichts von Magie, aber sie achtet sie, denn Magie hat einst das Leben ihrer Tochter gerettet. Sie nickt traurig, weil sie weiß, dass Hotep-Ra und sie nun für immer voneinander scheiden müssen.

 

Eine Flamme brennt eine halbe Stunde nach Mitternacht. Die Königin und Hotep-Ra befinden sich unter der Erde, und die Laterne bescheint eine weiße Wand, die mit Reihen von leuchtenden Hieroglyphen bedeckt ist. Die Königin sucht ein Symbol. Bald hat sie es gefunden: einen blauen Drachen in einem blau-goldenen Kreis. Sie legt die Hand auf den Kreis, und während sie warten, dreht Hotep-Ra an dem Ring, den er am rechten Zeigefinger trägt. Der Ring hat die Form eines goldenen Drachen, der sich in den eigenen Schwanz beißt. Sein Auge ist ein funkelnder Smaragd. Er ist wundervoll gearbeitet, aber das Schönste an ihm ist das warme gelbe Licht, das tief aus seinem Inneren heraus glimmt und im Schatten von Hotep-Ras Hand erstrahlt.

Dann ertönt ein tiefes, leises Rumpeln, und die Hieroglyphenwand schwingt nach hinten auf und gibt den Blick frei auf einen dunklen großen Raum. Die Königin lächelt Hotep-Ra an. Er erwidert das Lächeln ein wenig traurig, und gemeinsam treten sie ein.

Die Königin trägt die Laterne, deren Licht zwei prächtige weiße Marmorsäulen erhellt, die in der Dunkelheit emporragen. Sie gehen zwischen den Säulen hindurch, schreiten über einen Mosaikfußboden in roten, gelben, weißen und grünen Tönen. Und dann sind sie am Ziel. Die Königin reicht Hotep-Ra die Laterne, und er hält sie hoch, damit ihr Licht das schönste Geschöpf bescheint, das er jemals gesehen hat: sein treues Drachenboot.

Der Rumpf des Drachenboots ist breit und stabil, für die Fahrt auf dem Meer gebaut und unlängst von Hotep-Ra vergoldet worden. Der Rumpf und der Mast mit seinem himmelblauen Segel sind der unbelebte Teil des Bootes. Alles andere ist ein lebendiger weiblicher Drache. Längs des Rumpfes liegen, sauber zusammengefaltet, die grünlich schillernden Flügel. Der Kopf und der Hals der Drachin bilden den Bug, der Schwanz das Heck. Halb Boot, halb Drache, hat das Geschöpf in tiefem Schlaf gelegen, allein in diesem dunklen, alten unterirdischen Tempel, doch beim Öffnen der Wand ist die Drachin erwacht. Träge hebt sie den Kopf und reckt den Hals wie ein Schwan. Die Königin tritt leise näher, um sie nicht zu erschrecken. Die Drachin öffnet die Augen, senkt den Kopf, und die Königin schlingt die Arme um den Hals der Drachin.

Hotep-Ra bleibt zurück. Er betrachtet sein Drachenboot, das auf dem Mosaikboden ruht, als warte es darauf, dass das Wasser steigt und es zu fernen Inseln trägt. Und tatsächlich hat er genau dies mit ihm im Sinn gehabt: Alt, wie er ist, hat er zu einer letzten Reise mit ihm aufbrechen wollen. Doch daraus kann nun nichts mehr werden. Jetzt, da seine Feinde ihn aufgespürt haben, muss Hotep-Ra das Drachenboot in dem geheimen unterirdischen Versteck belassen, denn dort ist es vor ihnen sicher. Er seufzt. Das Drachenboot muss warten, bis ein anderer Drachenmeister es braucht. Hotep-Ra weiß nicht, wer das sein wird, er weiß nur, dass er ihm eines Tages begegnen wird.

Die Königin verspricht dem Drachenboot, dass sie auf den Tag genau in einem Jahr wiederkommen wird, aber Hotep-Ra verspricht ihm nichts. Er tätschelt der Drachin die Nase, dann dreht er sich um und verlässt schnellen Schrittes den Tempel. Die Königin eilt ihm nach, und zusammen sehen sie draußen zu, wie sich die Hieroglyphenwand rumpelnd wieder schließt.

Bedächtig folgen sie dem sandigen Pfad, der zu einem verborgenen Ausgang am Rand der Insel führt. Dort zieht Hotep-Ra den Drachenring ab. Zum Erstaunen der Königin wirft er ihn auf den sandigen Boden, als ob er ihm nichts bedeuten würde. Sowie der Ring am Boden liegt, erlischt sein Licht.

»Aber das ist doch Ihr Ring«, flüstert die Königin bestürzt.

Hotep-Ra lächelt matt. »Nicht mehr«, sagt er.

 

Die Königin und der Außergewöhnliche Zauberer sind in die Burg zurückgekehrt. Aber Hotep-Ra reist nicht sogleich ab, obwohl er weiß, dass er dadurch die Aufmerksamkeit seiner Feinde auf all das lenken könnte, was ihm lieb und teuer ist. Doch er möchte noch einige Vorkehrungen treffen, um die Burg und ihre Königin, so gut er kann, abzusichern.

Er legt geschützte Zauberwege an, die der Königin den gefahrlosen Besuch des Drachenboots und anderer Orte, die ihr viel bedeuten, gestatten. Er versieht den Zaubererturm mit allen magischen Kräften, die er entbehren kann, und richtet für die klügsten und besten Außergewöhnlichen Lehrlinge eine Queste ein. Auf diese Weise, so hofft er, wird er regelmäßig Neuigkeiten aus der Burg erfahren und helfen können, wenn sein Rat benötigt wird. Er bittet die Königin, an jedem Mittsommertag sein geliebtes Drachenboot zu besuchen, und baut tief im Innern der Burgmauern ein Drachenhaus, in dem es Ruhe finden wird, wenn es eines Tages gefahrlos in die Burg kommen kann.

Aber Hotep-Ra ist zu lange in der Burg geblieben.

Neunundvierzig Stunden nachdem er das Nahen seiner Feinde erlauscht hat, steht er auf dem Landungssteg des Palastes und nimmt Abschied von der Königin. Es ist ein gewittriger Tag, und der grau verhangene Himmel spiegelt die Traurigkeit der Königin wider.

Das Boot, das Hotep-Ra nach Port bringen soll, wo ein Schiff auf ihn wartet, ist zum Ablegen bereit. Gerade will er an Bord gehen, als ein lauter Donner ertönt, und die Königin schreit auf. Aber sie schreit nicht wegen des Donners, sie schreit, weil sie aus der dunklen Wolke über ihnen etwas auftauchen sieht – die Zaubererkrieger Schamandrigger Saarn und Dramindonnor Naarn, zwei Meister der schwarzen Künste. Die Mäntel ausgebreitet wie Rabenschwingen, sodass die blaugrün schillernden Rüstungen darunter sichtbar sind, und einen dunklen Schweif hinter sich herziehend, stoßen sie vom Himmel herab wie zwei riesige Raubvögel, die stechenden grünen Augen auf die Beute am Boden gerichtet.

Die Feinde haben Hotep-Ra gefunden.

Beim letzten Mal, als sie ihn aufgespürt hatten, war Hotep-Ra von dem Drachenboot gerettet worden, doch diesmal, das weiß er, muss er ihnen allein entgegentreten. Aber die Königin hat anderes im Sinn. Sie zieht eine kleine Armbrust aus dem Gürtel und lädt sie. Und dann, gerade als Schamandrigger Saarn und Dramindonnor Naarn zum entscheidenden Stoß ausholen wollten, schießt sie den Pfeil ab.

Er bohrt sich unterhalb der vierten Rippe in Dramindonnors linke Brustseite. Der Getroffene stürzt zu Boden, und der Landungssteg erzittert unter der Wucht des Aufpralls. Aber der Schwarzkünstler zuckt nur kurz, und als Blut aus der Wunde spritzt, versiegelt er sein Herz mit einem Zauber. Unterdessen hat die Königin die Armbrust wieder gespannt und legt einen zweiten Pfeil ein. Große Furcht ergreift Hotep-Ra: Die Königin weiß nicht, mit wem sie sich anlegt. Rasch umgibt er sie – sehr zu ihrem Unwillen – mit einem Schutzschild. Doch es ist zu spät. Schon hat sie auch Schamandrigger ins Herz geschossen. Der Zaubererkrieger fällt, doch auch er versiegelt seine Wunde gerade noch rechtzeitig.

Zum Entsetzen der Königin stehen die Zauberer wieder auf. Sie sind riesengroß – über drei Meter – und greifen zu ihren berüchtigten Explosiven Zauberstäben, von denen ihr Hotep-Ra erzählt hat. Im Gleichschritt – eins-zwei, eins-zwei – rücken sie gegen den Schutzschild vor. Sie sprechen abwechselnd:

»Dafür …«

»… werden wir dich …«

»… und deine Nachkommen …«

»… töten.«

»Niemals …«

»… werden wir …«

»… das vergessen.«

Unter dem Angriff der Zauberstäbe gerät der Schutzschild der Königin ins Wanken. Hotep-Ra zückt seinen Flug-Charm und schnellt hoch in die Luft, denn er weiß, dass ihm die Zauberer folgen werden.

Und das tun sie auch.

In jenen alten Tagen ist die Kunst des Fliegens noch nicht in Vergessenheit geraten. Gleichwohl ist sie noch so ungewöhnlich, dass die Burgbewohner alles stehen und liegen lassen und die Hälse recken, wenn sich am Himmel etwas regt, und schon gleich gar, wenn sich drei mächtige Zauberer einen Luftkampf liefern wie in diesem Augenblick. Doch als die ersten Donnerblitze geschleudert werden und die Häuser in ihren Fundamenten erschüttern, gehen die Burgbewohner in Deckung. Ihnen wird angst und bange. Zwar erinnern sich viele noch an die Zeit, als es weder einen Zaubererturm noch einen Außergewöhnlichen Zauberer gab, doch haben sie Hotep-Ra lieben gelernt. Er ist ein guter Mensch, und keine Not ist ihm zu klein, als dass er mit seiner Magie nicht helfen würde. Als sie nun nervös aus ihren Fenstern spähen, befällt sie große Sorge. Zwei Zauberer gegen einen, das ist ein ungleicher Kampf. Und alles deutet darauf hin, dass er für Hotep-Ra nicht gut ausgehen wird.

Doch Hotep-Ra mag alt und nicht mehr der Stärkste sein, aber er ist immer noch schlau. Er lockt die Schwarzkünstler zu der goldenen Pyramide oben auf dem Zaubererturm, stellt sich auf die Spitze – eine kleine quadratische Plattform aus Silber – und richtet, das Gleichgewicht ausbalancierend, all seine Zauberkräfte auf die letzte Chance, die ihm noch bleibt.

Den Schwarzkünstlern erscheint Hotep-Ra wie ein verwundetes, in die Enge getriebenes Tier. Sie wähnen sich dem Sieg nahe und wirken ihren bevorzugten Zerstörungszauber. Sie fliegen um die Pyramidenspitze herum und ziehen einen Feuerring um Hotep-Ra. Aber darauf hat dieser nur gewartet. Er stimmt einen langen und komplizierten Täuschungszauberspruch an, der, was ihm sehr gelegen kommt, vom Prasseln der Flammen übertönt wird.

Aber der Feuerring zieht sich immer enger zusammen, und die beiden Schwarzkünstler lauern dahinter auf den Augenblick, da er Hotep-Ra erreicht und in seinen Bann schlägt. Dann werden sie sich – mit Unterstützung der einen oder anderen Spinne – einen kleinen Spaß mit ihrem Feind machen.

Hotep-Ra nähert sich dem Ende seines Zauberspruchs. Die Hitze des Feuers wird unerträglich. Er kann riechen, dass es bereits die Wolle seiner Robe versengt, und darf nicht länger warten. Zum Schrecken der Schwarzkünstler schießt er, eine Flammenspur hinter sich herziehend, mitten durch den Feuerring nach oben in die Luft. Dann schreit er die letzten Worte seines Täuschungszaubers hinaus und wird unsichtbar.

Die Täuschung gelingt. Schamandrigger Saarn und Dramindonnor Naarn starren einander entsetzt an – statt des Gefährten sieht jeder der beiden nun Hotep-Ra vor sich und schließt daraus, dass Hotep-Ra den Freund getötet hat. Rasend vor Wut und Trauer fallen sie übereinander her, und Hotep-Ra sieht aus dem Schutz seiner Unsichtbarkeit zu, wie sie sich über den Dächern gegenseitig jagen und bald immer weiter entfernen.

Hotep-Ra würde sie nur zu gern ihrem Schicksal überlassen, doch er muss verhindern, dass sie irgendwann wiederkehren, und so nimmt er die Verfolgung auf. Da hört er ein gewaltiges Krachen und blickt nach unten. Die Spitze der goldenen Pyramide ist in den Hof des Zaubererturms gestürzt – der Feuerring hat sich durch sie hindurchgebrannt wie heißer Draht durch Butter.

Hotep-Ra verfolgt die Zaubererkrieger bis zum Finsterbach. Dort beobachtet er, wie sie einen Tag und eine Nacht lang miteinander kämpfen – sie sind einander so ebenbürtig, dass keiner die Oberhand gewinnt. Schließlich umkreisen sie sich gegenseitig immer schneller und schneller, stürzen in ihrer Raserei aufs Wasser hinab und erzeugen unmittelbar vor der Mündung des Baches einen tiefen dunklen Strudel. Die Kraft des Strudels ist so gewaltig, dass sie, heulend vor Wut, von ihm in die Tiefe gezogen werden.

Hotep-Ra folgt ihnen. Er beherrscht viele Schwarzkünste, sieht normalerweise aber von ihrem Gebrauch ab. Doch nun taucht er mittels der Schwarzkunst der Unterwassersuspension den beiden nach, um ihnen ein Ende zu machen. Doch auf dem Grund des Strudels muss er feststellen, dass die wirbelnden Wasser das Flussbett durchbrochen haben und in eine Höhle der Finsterhallen eingedrungen sind, die ein alter Zufluchtsort für alles Böse ist. Hotep-Ra zerrt die Zauberer vom Eingang zu den Finsterhallen fort. Sie setzen sich zur Wehr, aber die Verzweiflung macht Hotep-Ra stark. Mit allerletzter Kraft zieht er die beiden in Richtung Oberfläche, und wie ein Korken aus der Flasche flutscht er, die Schwarzkünstler im Schlepp, aus der Tiefe nach oben.

Die Barke der Königin erwartet ihn. Sie ist ihm zum Finsterbach nachgefahren, und während die Besatzung im Kreis rudert, steht die Königin im Bug und späht nervös in den Strudel: Sie weiß, dass Hotep-Ra irgendwo dort unten im Wasser ist. Doch als er auftaucht, erschrickt sie – sie kann nur die beiden Schwarzkünstler sehen.

Hotep-Ra ist so entkräftet, dass er seine Zauber nicht länger aufrechterhalten kann. Zuerst erlischt der Täuschungszauber, dann der Unsichtbarkeitszauber. Schamandrigger Saarn und Dramindonnor Naarn sehen einander wieder, zum ersten Mal seit vierundzwanzig Stunden – und dann bemerken sie Hotep-Ra, der neben ihnen im Wasser strampelt. Ein paar Sekunden lang starren sich die drei Zauberer entgeistert an. Dann ergreift Hotep-Ra den Flug-Charm und schießt aus dem Wasser. Saarn und Naarn bekommen seine Robe zu fassen, und alle drei landen als wirres Knäuel auf der Königinnenbarke.

Die Königin erkennt, dass Hotep-Ra zu schwach ist, um den Kampf zu gewinnen. Also zieht sie den goldenen Zauberring vom Finger, den er ihr zum Schutz vor ihren Feinden geschenkt hat – und den nur reines alchimistisches Feuer zerstören kann. »Sperren Sie sie ein«, ruft sie und reicht Hotep-Ra den Ring. »Rasch!«

»Er gehört Ihnen«, flüstert er und gibt ihr den Ring zurück. »Sie müssen den Einsperrzauber sprechen. Wissen Sie ihn noch?«

Die Königin nickt – natürlich weiß sie ihn noch. Wie könnte sie etwas vergessen, was eigens für sie geschaffen wurde? (Tatsächlich ist es der einzige Zauberspruch überhaupt, den sie sich gemerkt hat.)

Die Königin beginnt, den Spruch aufzusagen, und die Worte legen sich wie ein Schatten auf die Schwarzkünstler. Sie bäumen sich auf, doch sie sind zu schwach, um sich zu wehren. Nervös horcht Hotep-Ra auf jedes Wort, doch seine Sorge ist unbegründet – wenn die Königin sich an etwas erinnern möchte, dann tut sie es auch. Schließlich gelangt sie zu dem entscheidenden Wort: »Hathor«. Ein lila Blitz zuckt auf, und die Königin wirft den Ring in das blendende Licht. Es wird dunkel. Die Königin spricht die letzten sieben Worte der Zauberformel und dann die beiden allerletzten: »Schließ ein«. Die Zeit wird aufgehoben. Sieben Sekunden lang steht die Welt still.

Aus der Dunkelheit dringen zwei qualvolle Schreie wie von verwundeten Tieren. Ein Sturm fegt über alle hinweg, übertönt die Schreie der Ringzauberer mit seinem Heulen und wirft die Königin und Hotep-Ra aufs Deck. Drei Mal dreht sich der Sturm im Kreis, dann ist er fort und hinterlässt eine verwüstete Königinnenbarke, verstörte Ruderer, die bäuchlings auf den Planken liegen, und eine schaurige Stille, die nur ein leises Pling! durchbricht. Ein goldener Ring, in den zwei grüne Gesichter eingeschlossen sind, fällt auf die Planken und kullert in eine schmutzige Pfütze.

 

Als Hotep-Ra in den Zaubererturm zurückkehrt, berichtet ihm sein Lehrmädchen Talmar Ray Bell, dass die abgefallene Spitze der Pyramide geschrumpft ist. Sie hat keine Ahnung, warum.

Aber Hotep-Ra kennt den Grund. Er weiß, dass er nur mit knapper Not dem gefürchtetsten aller Schwarzzauber entgangen ist. Ein Schwarzzauber tötet den Gegner nicht auf der Stelle, sondern lässt ihn schrumpfen, sodass er zur Beute der grauenerregendsten aller Kreaturen wird: der Insekten. Seit alters her vergnügen sich Schwarzkünstler damit, das Opfer eines solchen Zaubers in ein Spinnennetz zu setzen und durch eine magische Lupe zu beobachten, was geschieht. Hotep-Ra läuft ein Schauder über den Rücken. Er fürchtet sich vor Spinnen.

Die winzige Spitze der goldenen Pyramide steckt auf dem Grund eines großen, pyramidenförmigen Kraters fest – ein gold glänzendes Etwas auf roter Burgerde, das weiterhin schrumpft. Eine Gruppe besorgter Zauberer bewacht es. (Der gute Ruf des Zaubererturms hat sich herumgesprochen, sodass er inzwischen dreizehn Gewöhnliche Zauberer beherbergt.) Talmar Ray Bell steigt in den Krater hinab, holt die winzige goldene Pyramide und reicht sie Hotep-Ra.

Hotep-Ra hebt den Schrumpfzauber mit einem Stoppzauber auf. Die kleine Pyramide liegt nun schwer in seiner Hand und schimmert feurig in der Sonne. Hotep-Ra lächelt. »Du wirst der Schlüssel sein«, sagt er zu der Pyramide.

 

Wieder steht Hotep-Ra auf dem Landungssteg des Palastes und nimmt Abschied von der Königin. Diesmal ist er nicht allein. Talmar Ray Bell hat darauf bestanden, ihn zu begleiten – vom Kampf mit den Schwarzkünstlern ist Hotep-Ra so geschwächt, dass Talmar befürchtet, er könnte die Reise alleine nicht durchstehen.

Hotep-Ra überreicht der Königin ein Abschiedsgeschenk. Es handelt sich um ein kleines Buch mit dem Titel Die Königinnenregeln. Es ist in weiches rotes Leder gebunden, mit goldenen Ecken und einer komplizierten Schnalle versehen, und in den Deckel ist die Zeichnung eines Drachenboots geprägt. Es ist nicht seine Schuld, dass rund tausend Jahre später der Einband zerschlissen ist, Seiten herausfallen und der Einsperrzauber verloren gegangen ist. Kein Buchbinder, auch kein magisch veranlagter, kann ein Buch herstellen, das länger hält. Aber Erinnerungen überdauern, wenn sie von Generation zu Generation weitergegeben werden.

 

Hotep-Ra fährt mit der Königinnenbarke nach Port. Dort erwartet ihn ein Schiff, das unverzüglich in See sticht. Das Meer ist ruhig, und die Sonne scheint. Hotep-Ra verbringt die meiste Zeit an Deck und genießt noch einmal den Aufenthalt im Freien und die Seeluft. Die Erinnerung daran soll ihm über die lange Zeit des Eingeschlossenseins im Foryxhaus, seiner letzten Ruhestätte, hinweghelfen.

Die Nacht bricht herein, und das Schiff nähert sich den verwunschenen – und äußerst gefürchteten – Sireneninseln. Hotep-Ra sieht die Lichter der vier Leuchttürme, deren Spitzen einem Katzenkopf ähneln. Er wartet, bis das Schiff sie unbeschadet passiert hat und alle anderen schlafen gegangen sind. Dann wirft er den Ring mit dem Doppelgesicht ins Meer. Als der Ring im Wasser nach unten trudelt, blinkt sein Gold im Vollmondlicht auf, und ein hässlicher Kofferfisch verschluckt ihn.

Und damit beginnt die lange Reise des Rings mit dem Doppelgesicht zurück in den Zaubererturm. Wo er heute liegt. Und wartet.

 

* 1 *

WAS DARUNTER LIEGT

 

 

 

In den Kellergewölben des Manuskriptoriums war die Lebendkarte dessen, was darunter liegt auf einem großen Tisch ausgebreitet. Eine über dem Tisch hängende Laterne warf ein helles Licht auf den großen, brüchigen Bogen aus schillerndem Zauberpapier, der mit Briefbeschwerern des Manuskriptoriums – mit blauem Filz bezogene Bleiwürfel – beschwert war. Auf der Lebendkarte dessen, was darunter liegt waren alle Eistunnel eingezeichnet, die unter der Burg verliefen – alle bis auf die, die zu den Sireneninseln hinausführten. Und wie schon der Name verriet, war sie keine gewöhnliche Karte. Auf magische Weise zeigte sie, was in dem Augenblick, in dem man sie betrachtete, in den Eistunneln geschah.

Um die Karte standen der neue Obermagieschreiber O. Beetle Beetle, die Inspizientin Romilly Badger und der neue Kartenschreiber Partridge. Wäre in diesem Moment zufällig jemand in die Gewölbe marschiert, hätte er nicht sagen können, wer nun eigentlich der Obermagieschreiber war. Beetles lange, blau-goldene Amtsrobe war an einen nahen Kleiderhaken verbannt worden, da ihre goldverbrämten Ärmel die empfindliche Lebendkarte zerkratzen konnten. Zu frieren brauchte er dennoch nicht, denn er trug seine bequeme alte Admiralsjacke, die ihn vor der Kälte hier unten schützte. Er war sichtlich in seinem Element, wie er so über die Lebendkarte gebeugt dastand, hoch konzentriert, und Strähnen seiner dunklen Haare fielen ihm über die Augen.

Plötzlich quietschte Romilly – eine schlanke dunkelblonde junge Frau mit einem, wie Partridge fand, süßen, etwas albernen Lächeln – vor Aufregung. In einem breiten Tunnel unter dem Palast bewegte sich ein schwach leuchtender Punkt.

»Gut beobachtet!«, lobte Beetle. »Eisgeister sind nicht leicht zu entdecken. Das müsste die Stöhnende Hilda sein.«

»Da ist noch einer!« Romilly hatte eine Glückssträhne. »Oh … und seht mal, was ist denn das?« Sie tippte auf eine Stelle in der Nähe der ehemaligen Großen Kammer der Alchimie und Heilkunst.

Partridge war beeindruckt. Der leuchtende Punkt, auf den Romilly deutete, war winzig. »Ist das auch ein Eisgeist?«, fragte er.

Beetle sah genauer hin. »Nein, der ist zu dunkel. Und zu langsam. Seht doch, im Vergleich zur Stöhnenden Hilda, die jetzt schon dort drüben ist, kommt dieser Punkt kaum von der Stelle. Und die Umrisse sind zu klar erkennbar. Man kann sehen, dass es eine richtige Gestalt ist.«

Romilly stutzte. »Wie ein Mensch, meinst du?«

»Ja«, antwortete Beetle. »Genau wie ein … Mist

»Er ist weg«, sagte Romilly traurig. »Wie schade. Dann kann es aber kein Mensch gewesen sein, oder? Ein Mensch kann doch nicht so plötzlich verschwinden. Es muss ein Geist gewesen sein.«

Beetle schüttelte den Kopf. Für einen Geist war die Erscheinung zu körperlich gewesen. Aber die Lebendkarte zeigte an, dass alle Eistunnelluken noch versiegelt waren. Ein Mensch wäre also nirgendwo herausgekommen. Nur ein Geist konnte so mir nichts, dir nichts aus einem Eistunnel verschwinden.

»Merkwürdig«, murmelte er, »ich hätte schwören können, dass es ein Mensch war.«

 

Es war ein Mensch – ein Mann namens Marcellus Pye.

Marcellus Pye, unlängst wieder in das Amt des Alchimisten der Burg berufen, war soeben durch eine Luke am Boden eines der Eistunnel in einen nicht eingezeichneten Schacht eingestiegen. Sobald er durch die Luke hindurch war, wusste er sich in Sicherheit – die Lebendkarte zeigte nichts unterhalb der Eistunnels an.

Ein Pfahl mit Eisentritten führte in die Tiefe, und Marcellus kletterte mit geschlossenen Augen hinab. Er gelangte auf eine wackelige Eisenplattform und blieb stehen. Er wagte es nicht, die Augen zu öffnen, denn er konnte es kaum fassen, dass er nach fast fünfhundert Jahren zum ersten Mal wieder in der Feuerkammer war.

Doch Marcellus brauchte die Augen gar nicht zu öffnen. Er wusste auch so, wo er war. Als er tief einatmete, legte sich eine vertraute metallische Süße auf seine Zunge. Sie verriet ihm, dass er wieder zu Hause war, und löste eine Flut von Erinnerungen aus – an den Riss, der den Kessel von unten bis oben durchzogen hatte, das scharfe Knacken, als die Feuerstäbe zerbarsten, und die Hitze, als das Feuer außer Kontrolle geriet. An die Scharen von Trommlingen, die unermüdlich versuchten, den Schaden einzudämmen. Den Geruch von glühendem Gestein, als die Flammen unter der Burg um sich griffen und die alten Holzhäuser in Brand setzten. Die Angst, die Panik, als die Burg in einem Feuersturm unterzugehen drohte. Marcellus erinnerte sich an alles. Er machte sich auf ein Schreckensbild der Zerstörung gefasst, holte tief Luft und beschloss, bis drei zu zählen und dann die Augen zu öffnen.

Eins … zwei … drei!

Vor Überraschung zuckte er zusammen – es sah aus, als ob gar nichts Schlimmes geschehen wäre. Er hatte erwartet, dass alles mit schwarzem Ruß überzogen sein würde, aber das Gegenteil war der Fall. Die Plattform erstrahlte im Glanz der ordentlich aufgestellten Feuerkugeln, in denen noch die ewigen Flammen brannten. Marcellus hob eine Feuerkugel auf und hielt sie in den Händen. Er lächelte. Wie ein treuer Hund, der seinen heimkehrenden Herrn begrüßt, leckte die Flamme im Inneren der Kugel am Glas, als seine Hände es berührten. Er setzte die Kugel wieder ab, und sein Lächeln erstarb. Ja, er war wieder zu Hause, aber er war allein. Von den Trommlingen konnte keiner überlebt haben.

Marcellus wusste, dass er nun über den Rand der schwindelerregend hohen Plattform, auf der er stand, spähen musste. Dann würde er das Schlimmste zu sehen bekommen. Die ganze Konstruktion wackelte leicht, als er vorsichtig an die Kante trat. Ein Gefühl der Panik ließ ihm die Knie zittern – er wusste genau, wie tief er fallen würde.

Ängstlich spähte er über den Rand.

Weit unter ihm stand der große Feuerkessel. Seine Öffnung war eine kreisrunde schwarze Fläche, die ein Ring aus Feuerkugeln umschloss. Marcellus atmete erleichtert auf – der Feuerkessel war unbeschädigt. Er hielt den Blick in die Tiefe gerichtet und wartete darauf, dass sich seine Augen an das spärliche Licht gewöhnten.

Nach und nach traten mehr Einzelheiten aus dem Dunkel hervor. Die im Fels verankerten Metallgitter, die wie ein riesiges mattsilbrig glänzendes Spinnennetz die Höhlenwände überzogen. Die dunklen Kreise, die den Fels sprenkelten – die Eingänge zu Hunderten, vielleicht Tausenden Trommling-Höhlen. Die vertrauten Lichtmuster der Feuerkugeln, die den Verlauf der Laufgänge in der Höhle hundert Meter unter ihm markierten. Und schließlich, im Kessel selbst und das Beste von allem, das graphitfarbene Schimmern von einhundertneununddreißig Sternen – die Enden der Feuerstäbe, die aufrecht im Kessel standen wie dicke kleine Federhalter in einem Tintenfass.

Zutiefst verwundert schüttelte Marcellus den Kopf. Seine Feuerkammer war gereinigt, instand gesetzt und fachgerecht stillgelegt und machte ganz den Eindruck, als könnte sie jederzeit wieder in Betrieb genommen werden. Die Trommlinge hatten offensichtlich viel länger überlebt, als er es für möglich gehalten hatte. Sie hatten Schwerstarbeit geleistet, und er hatte nicht das Geringste geahnt. Seine Kehle schnürte sich zu. Er schluckte schwer und fuhr sich über die Augen. Mit einem Mal erlebte er das, was er einen Zeitsprung nannte – er wurde in die Jahre zurückversetzt, als er genau hier, an dieser Stelle, gestanden hatte.

Seine treuen Trommlinge wuseln um ihn herum. Julius Pike, der Außergewöhnliche Zauberer und sein einstiger Freund, steht auf der oberen Plattform und brüllt, das Prasseln der Flammen übertönend: »Marcellus, ich lege die Kammer jetzt still.«

»Bitte, Julius«, fleht er, »nur noch ein paar Stunden. Wir können das Feuer unter Kontrolle halten. Ich weiß es.« Neben ihm auf der Plattform steht der alte Duglius Trommling. Er sagt: »Außergewöhnlicher, wir Trommlinge können dafür bürgen.«

Aber Julius Pike erkennt einen Trommling nicht einmal als Lebewesen an. Er schenkt Duglius nicht die geringste Beachtung. »Du hattest deine Chance«, schreit er. »Ich versiegele jetzt die Wassertunnel und friere sie ein. Es ist vorbei, Marcellus.«

Mehrere stämmige Zauberer zerren ihn zur Luke. Er bekommt Duglius zu fassen und zieht ihn mit sich, fest entschlossen, wenigstens einen Trommling zu retten. Aber Duglius sieht ihm in die Augen und fordert streng: »Alchimist, lass mich los. Meine Arbeit ist noch nicht getan.«

Das Letzte, was Marcellus sieht, bevor der Lukendeckel zufällt, ist der alte Trommling, der traurig seinen Blick erwidert – Duglius weiß, dass dies das Ende ist.

 

Danach war Marcellus in Teilnahmslosigkeit verfallen. Er hatte Julius seinen Alchimieschlüssel ausgehändigt. Sogar mitgeholfen hatte er bei der Versiegelung der Großen Kammer der Alchimie und Heilkunst und nur müde mit den Schultern gezuckt, als ihm Julius mit einem boshaften Grinsen eröffnete, dass er jede Erinnerung an die Feuerkammer auslöschen werde: »Für immer, Marcellus. Es soll nie wieder ein Wort darüber verloren werden. Und in Zukunft wird niemand mehr erfahren, was hier unten ist. Niemand. Alle Aufzeichnungen werden vernichtet.«

Marcellus riss sich von der Erinnerung los, und die fernen Echos der Vergangenheit verklangen. Dies alles war längst vorbei, sagte er sich. Selbst der gefürchtete Julius Pike war nur noch ein Geist. Wie es hieß, war er dorthin zurückgekehrt, wo er aufgewachsen war – auf einen Bauernhof bei Port. Aber er, Marcellus Pye, war noch hier, und er hatte eine Aufgabe. Er musste das Feuer wieder in Gang setzen und den Ring mit dem Doppelgesicht vernichten.

Marcellus schwang sich auf die Metallleiter, die von der oberen Plattform nach unten führte, und machte sich vorsichtig an den Abstieg in die Feuerkammer – oder die Tiefen, wie die Trommlinge sie genannt hatten. Die Leiter wackelte bei jedem Tritt, aber Marcellus strebte unbeirrt der breiten Plattform weit unten zu, von der nun immer mehr Feuerkugeln zu ihm heraufblinzelten. Ungefähr zehn Minuten später setzte er den Fuß auf die einstige Beobachtungsstation und blieb stehen, um sich ein Bild zu machen.

Er befand sich nun auf gleicher Höhe mit dem oberen Rand des Feuerkessels und spähte hinab auf die sternförmigen Spitzen der Feuerstäbe. Ihr matter Glanz verriet ihm, dass sie unbeschädigt waren. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, hatten sie gebrannt und waren vor seinen Augen zerfallen. Und jetzt … Marcellus schüttelte bewundernd den Kopf. Wie hatten die Trommlinge das nur geschafft?

Ein schmaler Laufgang, der sogenannte Inspektionskreisel, führte außen um den Kessel herum. Er bestand aus Metallgittern, die dort, wo sie sich in der Hitze verbogen hatten, ausgebessert waren, wie Marcellus jetzt erkennen konnte. Mit äußerster Vorsicht setzte er den Fuß darauf und hielt sich gleichzeitig an den Geländern auf beiden Seiten fest. Er zog einen kleinen Hammer, einen sogenannten Trommler, aus seinem Werkzeuggürtel, umklammerte ihn fest und setzte seinen Weg fort. Alle paar Schritte blieb er stehen, klopfte gegen den Metallrand des Kessels und horchte angestrengt. Soweit er es beurteilen konnte, war der Kessel intakt, aber Marcellus wusste, dass seine Ohren längst nicht so gut waren, wie es diese Aufgabe eigentlich erforderte.

Genau dies hatten die Trommlinge rund um die Uhr, Tag und Nacht, getan. Sie hatten sich in Scharen um den Kessel gedrängt, mit ihren kleinen Hämmern unablässig gegen das Metall geklopft, seinem Klang gelauscht und alles verstanden, was es ihnen mitzuteilen hatte. Marcellus wusste, dass er nur ein schlechter Ersatz für einen Trommling war, aber er bemühte sich nach Kräften. Nachdem er den Inspektionskreisel abgeschritten hatte, kehrte er auf die Beobachtungsstation zurück. Nun kam der Augenblick, vor dem er sich am meisten fürchtete. Aber er konnte ihn nicht länger hinausschieben. Er musste in die Feuerkammer hinabsteigen.

Eine geschwungene Metalltreppe schraubte sich um den Bauch des Kessels herum in das Halbdunkel darunter, das nur ein paar verstreute Feuerkugeln erhellten. Langsam stieg Marcellus in die Tiefe, dem Geruch feuchter Erde entgegen. Auf der untersten Treppenstufe blieb er stehen und wappnete sich. Er war überzeugt, dass der Höhlenboden mit den Überresten der Trommlinge bedeckt war, und der Gedanke, ihre kleinen zarten Knochen wie Eierschalen zu zertreten, war ihm unerträglich.

Es dauerte mehrere Minuten, ehe er es wagte, den Fuß auf den Boden zu setzen. Zu seiner Erleichterung erklang kein grässliches Knirschen. Er tat einen zweiten Schritt – auf Zehenspitzen –, dann noch einen. Nur nackte Erde unter seinen Füßen. So arbeitete er sich behutsam um den Kessel herum, wobei er nach jedem Schritt mit dem Hammer dagegenklopfte und lauschte, ehe er weiterging. Kein einziges Mal trat er auf etwas, was auch nur im Entferntesten knirschte. Er nahm an, dass die zarten Knochen bereits zu Staub zerfallen waren. Nachdem er den Kessel einmal ganz umrundet hatte, wusste er, dass alles in Ordnung war.

Nun wurde es Zeit, das Feuer in Gang zu setzen.

Auf die Beobachtungsstation zurückgekehrt, folgte Marcellus einem anderen, erschreckend wackligen Laufgang, der in zehn Metern Höhe quer durch die Höhle verlief. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen, froh über das Licht, das die direkt darunter aufgestellten Feuerkugeln spendeten. Schließlich gelangte er zu einer Felskammer, die in die Rückwand der Höhle gehauen war, und betrat sie. Er war wieder in seinem alten Kontrollraum.

Im Lauf der Jahrhunderte hatte sich eine dicke Staubschicht angesammelt, aber Marcellus konnte sehen, dass darunter alles glänzte und die Wände weiß getüncht waren – von dem schmierigen Ruß, der alles bedeckt hatte, war keine Spur mehr zu entdecken. Marcellus ging zur hinteren Felswand, an der neben einer Reihe von Eisenhebeln ein großes Messingrad angebracht war. Er holte tief Luft und legte die Hände auf das Rad. Es ließ sich leicht bewegen. Während er langsam daran drehte, hörte er, wie sich die Steuerungskette, die durch den Fels nach oben zum Unterfluss führte, mit einem dumpfen Rasseln in Bewegung setzte. Irgendwo weit über ihm öffnete eine Schleuse ihre Klappe. Lautes Gurgeln hallte durch die rußschwarze Nacht des Alchimie-Kais, und das aufgestaute Wasser geriet in Fluss. Marcellus vernahm ein Grollen im Innern des Gesteins, als das heranstürzende Wasser alte Kanäle erreichte und das Reservoir hinter der Höhlenwand füllte.

Nun trat Marcellus zu einer Reihe von einundzwanzig kleineren Rädern weiter hinten. Sobald das Feuer brannte, musste er die überschüssige Hitze abführen können. Früher hatte man sie durch die heutigen Eistunnel geleitet und oben in der Burg ältere Häuser damit beheizt. Aber Marcellus hatte der jetzigen Außergewöhnlichen Zauberin, Marcia Overstrand, versprechen müssen, die Eistunnel zu erhalten. Aus diesem Grund musste er die Nebenlüftungsanlage öffnen – ein Netz von dünnen Rohren, die sich bis hinauf an die Erdoberfläche verzweigten.

Noch wollte Marcellus nicht riskieren, entdeckt zu werden. Er brauchte Zeit, um das Feuer in Gang zu setzen, und Zeit, um zu beweisen, dass es für die Burg keine Gefahr darstellte. Marcia hatte ihm zwar erlaubt, das Feuer zu entzünden, aber wie er wusste, dachte sie dabei an das Feuer in dem kleinen Ofen in der Großen Kammer der Alchimie und Heilkunst. Und er hatte sie in dieser falschen Annahme sogar noch bestärkt. Julius Pike hatte nämlich zu ihm gesagt, er werde dafür sorgen, dass nie wieder ein Außergewöhnlicher Zauberer die Erlaubnis zur Öffnung der Feuerkammer geben werde – und Marcellus hatte ihm geglaubt.

Aus diesem Grund wandte sich Marcellus nun den kleinen Messingrädern zu, mit denen sich überall in der Burg verteilte Lüftungsrohre öffnen ließen, durch welche die überschüssige Hitze des erwachenden Feuers entweichen konnte. Marcellus hatte lange über diesen Punkt nachgedacht – er durfte nur dort Lüftungsrohre öffnen, wo sich die plötzlich auftretende Wärme auf andere Ursachen schieben ließ. Jetzt fischte er einen zerknitterten Zettel mit einer Liste aus der Tasche, zog ihn zurate und drehte dann, gewissenhaft abzählend, neun Räder bis zum Anschlag auf. Er überprüfte noch einmal die Liste, dann die Räder, ehe er zufrieden zurücktrat.

Ein roter Zeiger auf einer Skala verriet ihm, dass der Wasserspeicher mittlerweile fast voll war. Marcellus drehte an dem großen Rad und schloss das Schleusentor wieder. Dann warf er einen letzten Blick auf die Liste und verließ den Kontrollraum. Aufgabe erledigt.

Zwei Stunden später floss das Wasser durch den Kessel, und das Feuer trat in den langsamen, sanften Prozess des Lebendigwerdens ein. Erschöpft drückte Marcellus seinen Alchimieschlüssel in die Vertiefung an der unteren Feuerluke. Er musste daran denken, wie ihn Julius eines Tages, als sie beide schon alt waren, besucht hatte, ihm den Alchimieschlüssel zurückgab und sagte: »Ich vertraue dir, Marcellus. Ich weiß, dass du ihn nicht benutzen wirst.« Und er hatte ihn tatsächlich nie benutzt.

Bis heute.

 

Romilly und Partridge waren längst an ihre Arbeit zurückgekehrt, aber Beetle war noch in den Gewölben und beobachtete die Lebendkarte – was auch immer unter die Eistunnel gegangen war, musste auch wieder heraufkommen. Sein Magen knurrte, und wie auf ein Stichwort streckte Foxy, der Erste Charm-Schreiber, den Kopf zur halb geöffneten Tür herein. Beetle schaute auf.

Marcellus kletterte durch die untere Feuerluke. Wieder bildete er auf der Lebendkarte dessen, was darunter liegt einen Leuchtpunkt.

»Tada!«, rief Foxy. »Sandwich mit Würstchen!« Er legte ein sauber in Papier eingewickeltes Päckchen neben Beetles Kerze. Es duftete köstlich.

Marcellus schloss die untere Feuerluke und begann zu klettern – schnell.

»Danke, Foxy«, sagte Beetle und schaute wieder auf die Karte, aber seine Augen, müde vom langen Starren, waren nicht mehr scharf genug, um das Erscheinen von Marcellus als kleinen Leuchtpunkt zu entdecken. Vielmehr schielte Beetle sehnsüchtig nach dem Würstchen-Sandwich. Jetzt erst merkte er, wie hungrig er war.

»Ich packe es für dich aus«, erbot sich Foxy. »Ich möchte keine klebrigen Flecken auf der Lebendkarte.«

Beetle blickte wieder auf die Karte.

»Etwas entdeckt?«, fragte Foxy.

»Ja … ich glaube …« Beetle deutete auf den leuchtenden Marcellus, der nun plötzlich wieder sichtbar war.

Foxy beugte sich vor, und seine Hakennase warf einen Schatten auf den Leuchtpunkt.

Marcellus erreichte die obere Feuerluke.

»Weg da, Foxy«, sagte Beetle gereizt. »Du stehst im Licht.«

»Oh, entschuldige.«

Beetle schaute auf. »Entschuldige, Foxy. War nicht so gemeint. Danke für das Sandwich.«

Marcellus war durch die obere Feuerluke gestiegen und auf der Lebendkarte nun nicht mehr zu sehen.

Beetle biss in sein Würstchen-Sandwich.

Und in den Tiefen erwachte das Feuer zum Leben.

 

* 2 *

EINE WEISSE HOCHZEIT

 

 

 

Die große Kälte hatte Einzug gehalten und die Burg unter einer dicken Schneedecke begraben.

Es war ein sonniger Spätnachmittag, und aus eintausend Schornsteinen stiegen in der windstillen Luft bleistiftdünne Rauchsäulen in den Himmel. Eine Menschenmenge säumte die Zaubererallee und sah sich einen Hochzeitszug an, der auf dem Weg vom Großen Bogen zum Palast war. Immer wieder reihten sich Zuschauer hinten ein, wenn der Zug an ihnen vorübergezogen war, und folgten ihm, wobei sie sich über das junge Paar unterhielten, das soeben in der Großen Halle des Zaubererturms getraut worden war: Simon und Lucy Heap.

Simon Heap, die strohblonden Locken zu einem ordentlichen Pferdeschwanz gebunden, trug eine neue blaue Robe – was ihm als Sohn eines Gewöhnlichen Zauberers an seinem Hochzeitstag gestattet war. Die frisch gefärbte Robe leuchtete und war mit traditionellen weißen Hochzeitsbändern geschmückt, die hinter ihm herflatterten. Lucy Heap (geborene Gringe) trug ein langes, fließendes weißes Wollkleid, das sie selbst gestrickt und mit rosa Pelz besetzt hatte. Quer über den Rock hatte sie in Blau und Rosa liebevoll in schnörkeliger Schrift die Buchstaben S und L gestickt. Ihre Mutter hatte dagegen protestiert mit der Begründung, dies zeuge von schlechtem Geschmack, und ausnahmsweise einmal dürfte Mrs. Gringe in einer Geschmacksfrage recht gehabt haben. Aber es war Lucys großer Tag, und was Lucy wollte, das tat sie auch. Nichts Neues also, wie ihr Bruder Rupert bemerkt hatte.

Auf dem Weg zum Palast stapfte die Hochzeitsgesellschaft durch frisch gefallenen Schnee. Der Himmel erstrahlte in winterlichem Blau, aber eine kleine Wolke direkt über der Zaubererallee steuerte freundlicherweise sogar ein paar dicke Schneeflocken bei, die wie Konfetti zur Erde rieselten und sich auf Lucys langem braunem Haar niederließen. Lucy und Simon lachten und schwatzten fröhlich miteinander. Lucy drehte sich im Schnee, um ihr Kleid besser zur Geltung zu bringen, und scherzte mit ihren Schwägern.

Neben ihr schritten ihr Bruder Rupert und dessen Freundin Maggie. Simon hatte beträchtlich mehr Begleiter: seine Adoptivschwester, Prinzessin Jenna, und seine sechs Brüder, darunter die Heaps aus dem Wald: Sam, Jo-Jo und die Zwillinge Edd und Erik.

Mrs. Theodora Gringe, die Brautmutter, ging rechts hinter ihrer Tochter, wobei sie in ihrem Eifer, ganz nach vorn zu kommen, immer wieder auf Lucys Schleppe trat. Als der Zug unter dem Großen Bogen erschienen war, hatte sie regelrecht daran gehindert werden müssen, sich an die Spitze der Prozession zu setzen. Sie war die stolzeste Brautmutter, die man in der Burg seit Langem gesehen hatte. Wer, so dachte Theodora Gringe, hätte sich träumen lassen, dass die wichtigsten Amtsträger der Burg die Hochzeit ihrer Tochter mit ihrer Anwesenheit beehren würden? Alle waren sie da, die Außergewöhnliche Zauberin, die Prinzessin, der Obermagieschreiber und sogar dieser komische Vogel von Alchimist. Keine Frage: Die Gringes waren gesellschaftlich auf dem Weg nach oben.

Nur die Heaps waren ihr ein Dorn im Auge. Was für ein verlotterter Haufen und obendrein so viele! Wohin sie auch blickte, überall ungepflegte Subjekte mit den unverwechselbaren strohblonden Heap-Locken. Die Gringes waren deutlich in der Unterzahl.

Brüllendes Gelächter lenkte Theodora Gringes Aufmerksamkeit auf ein Grüppchen von vier lärmenden Männern, die sie an Silas Heap erinnerten – zweifellos seine Brüder. Mrs. Gringe schnitt eine Grimasse und richtete ihr kritisches Auge auf die Heaps, die sie kannte. Widerwillig gestand sie sich ein, dass Silas und Sarah in ihrem blauen und weißen Hochzeitsstaat wirklich elegant aussahen – wenngleich es etwas verschroben wirkte, dass Sarah in einer Tasche diese alberne Ente mit sich herumtrug. Mrs. Gringe betrachtete den Vogel genauer: fix und fertig gerupft, ideal für einen Eintopf. Sie nahm sich vor, Sarah später einen dahingehenden Vorschlag zu unterbreiten, und musterte mit gemischten Gefühlen den Heap’schen Nachwuchs. Die beiden Jüngsten, Nicko und Septimus, sahen gar nicht mal so übel aus.

Besonders Septimus machte in seiner schmucken Lehrlingstracht mit den langen lila Bändern, die von den Ärmeln baumelten, einen recht passablen Eindruck. Er war größer, als sie ihn in Erinnerung hatte, und seine typischen Heap-Locken waren, wie sie feststellte, doch tatsächlich gekämmt. Die Seemannszöpfchen, die sich Nicko ins Haar geflochten hatte, erregten ihr Missfallen, wohingegen sein schlichter marineblauer Bootsbauernittel mit dem kleidsamen Matrosenkragen Gnade vor ihren Augen fand.

Doch beim Anblick der übrigen Heaps verzog Theodora Gringe angewidert den Mund. Die Waldburschen – Sam, Edd, Erik und Jo-Jo – waren eine Schande und entlockten ihr ein verächtliches Zungenschnalzen. Die vier zottelten neben dem Bräutigam her wie – Mrs. Gringe suchte nach dem passenden Wort – ja, wie ein Rudel Wolverinen. Wenn sie sich wenigstens unauffällig im Hintergrund hielten!

(Als die Hochzeitsgesellschaft auf dem Hof des Zaubererturms Aufstellung genommen hatte, war es zu einem Handgemenge gekommen, weil Mrs. Gringe versuchte, die Waldburschen nach hinten zu drängen. Gringe, ihr Mann, hatte sie wegziehen müssen. »Lass doch, Theodora«, hatte er gezischt. »Sie sind jetzt Lucys Schwäger.« Beim bloßen Gedanken daran wäre Mrs. Gringe beinahe in Ohnmacht gefallen. Sie hatte einen ausgiebigen Blick auf ihren Vorzeigegast, Madam Marcia Overstrand, die Außergewöhnliche Zauberin, werfen müssen, um darüber hinwegzukommen – was ein wenig peinlich gewesen war, da sie daraufhin von Marcia in recht scharfem Ton gefragt wurde, ob etwas nicht stimme.)

Beschämt bei dem Gedanken daran, stieß Mrs. Gringe einen Seufzer aus und bemerkte im nächsten Moment, dass die Menge sie überholt hatte. Nicht ahnend, dass das hohe spitze Filzdreieck oben auf ihrem Hut bei einigen Zuschauern den Eindruck erweckte, ein Hai schwimme zwischen den Hochzeitsgästen umher und pirsche sich an die Braut heran, drängte Mrs. Gringe wieder nach vorn zur Spitze des Zuges.

Schließlich erreichte die Gesellschaft das Palasttor. Die Zuschauer umringten das Brautpaar, entboten ihre Glückwünsche und überreichten Geschenke. Lucy und Simon nahmen die Präsente lachend entgegen und gaben sie an Freunde und Verwandte weiter, die sie für sie tragen sollten.

Sarah Heap hakte sich bei Silas unter und lächelte ihn an. Sie war überglücklich. Zum ersten Mal seit dem Tag, an dem Septimus geboren war, hatte sie alle ihre Söhne wieder um sich. Ihr war, als wäre ihr eine schwere Last von den Schultern gefallen – tatsächlich fühlte sie sich so leicht, dass sie nicht überrascht gewesen wäre, wenn sie bei einem Blick nach unten festgestellt hätte, dass ihre Füße ein paar Zentimeter über dem Boden schwebten. Sie betrachtete ihre Waldjungs, die jetzt junge Männer waren und mit Simon lachten und scherzten, als wäre er nie weg gewesen. (»Weg« war das Wort, das Sarah benutzte, wenn sie von Simons Jahren als Schwarzzauberer sprach.) Sie sah zu, wie sich Septimus, selbstbewusst in seiner Lehrlingstracht, mit ihrer kleinen Jenna unterhielt, die nun so groß und königlich wirkte. Aber das Schönste von allem war, dass die Augen ihres ältesten Sohnes – die wieder grün waren – vor Glück strahlten. Jetzt war er kein Ausgestoßener mehr. Er war wieder dort, wo er hingehörte. In der Burg. Bei seiner Familie.

Simon konnte es selbst kaum glauben. Er staunte über die vielen Glückwünsche. Die Menschen schienen ihn tatsächlich zu mögen. Vor gar nicht allzu langer Zeit, als er noch an einem schwarzmagischen Ort unter der Erde gelebt hatte, hatte er davon geträumt. Aber er war dann immer mitten in der Nacht aufgewacht und hatte ernüchtert feststellen müssen, dass es nur ein Traum gewesen war. Jetzt war dieser Traum zu seiner Verwunderung wahr geworden.

Die Menge wuchs weiter an, und es sah ganz danach aus, als würden Simon und Lucy noch eine Weile am Palasttor stehen bleiben müssen. Marcia Overstrand, die sich am Rand der Menge hielt, gab eine imponierende Figur ab. Sie trug die Festrobe der Außergewöhnlichen Zauberin aus bestickter lila Seide, gefüttert mit kuschelweichem und sündhaft teurem Marsch-Mauspelz. Unter der Robe ragten zwei spitze Schuhe aus lila Pythonhaut hervor. Ihre dunklen Locken wurden von einem goldenen Haarreif zusammengehalten, der in der Wintersonne erhaben glänzte. Ja, Marcia sah eindrucksvoll aus – aber auch verärgert. Ihre grünen Augen fanden Septimus, und gereizt winkte sie ihren Lehrling heran. Septimus entschuldigte sich bei Jenna und eilte zu ihr. Er hatte Sarah versprochen, dafür zu sorgen, dass »Marcia nicht das Regiment übernimmt«, und jetzt glaubte er, die ersten Warnzeichen zu erkennen.

»Septimus, hast du die Unordnung da gesehen?«, fragte Marcia.

Septimus blickte in die Richtung, in die ihr Finger zeigte, obwohl er genau wusste, was sie meinte. Am Ende des Zeremonienwegs – der direkt vom Palasttor wegführte – stand ein hohes Baugerüst, abgedeckt mit einer blauen Plane, die grell gegen den Schnee abstach. Darum herum lagen in unordentlichen Haufen Ziegelsteine und allerlei Bauwerkzeuge.

»Ja«, antwortete Septimus, was in Marcias Augen nicht besonders hilfreich war.

»Das war Marcellus, nicht wahr? Wieso fängt er denn jetzt schon an?«

Septimus zuckte mit den Schultern. Er verstand nicht, weshalb Marcia ihn fragte, zumal sie noch gar nicht entschieden hatte, wann er sein einmonatiges Praktikum bei Marcellus antreten sollte. »Warum fragen Sie ihn nicht selbst?«, erwiderte er.

Marcia blickte ein wenig verlegen drein. »Nun ja, ich habe deiner Mutter bei ihrem Besuch versprochen, dass ich … äh … keinen Streit vom Zaun brechen werde.«

»Mom hat Sie besucht?«, fragte Septimus erstaunt.

Marcia seufzte. »Ja. Sie hat mir die Gästeliste gezeigt, mich gefragt, ob jemand darunter sei, den ich nicht leiden könne, und mir beteuert, dass sie vollstes Verständnis dafür hätte, wenn ich nicht kommen wollte. Natürlich habe ich geantwortet, dass ich auf jeden Fall zu Simons Hochzeit kommen würde, ganz egal, wer sonst noch eingeladen sei. Aber so ganz hat sie mir das nicht abgenommen, und am Ende musste ich ihr versprechen, dass ich … nun ja …«, Marcia zog eine Grimasse, »… dass ich zu allen nett bin.«

»Donnerwetter!« Septimus blickte mit neuer Hochachtung zu seiner Mutter hinüber.

»Lehrling! Marcia!«, ertönte in diesem Moment Marcellus Pyes Stimme. Der Alchimist war soeben den Fängen Mrs. Gringes entronnen und suchte verzweifelt nach einem Gesprächspartner – und wenn es Marcia war. »Ich muss schon sagen«, rief er fröhlich, »ihr beide seht famos aus.«

»Nicht halb so famos wie Sie, Marcellus«, erwiderte Marcia und beäugte die neue schwarze Robe des Alchimisten, deren Ärmel Schlitze hatten, damit man das rote Samthemd, das er darunter trug, sehen konnte. Mantel wie Gewand waren großzügig mit goldenen Schließen versehen, die in der Sonne glitzerten.

Septimus sah Marcellus an, dass er sich große Mühe gegeben hatte. Sein dunkles Haar war frisch geschnitten und in dem altmodischen Stil, den er bei besonderen Anlässen nach wie vor bevorzugte, nach vorn in die Stirn gekämmt. Außerdem trug er seine Lieblingsschuhe – das Paar, das ihm Septimus zwei Jahre zuvor zum Geburtstag geschenkt hatte.

Auch Marcia bemerkte die Schuhe und schnalzte verächtlich mit der Zunge. Bei ihrem Anblick spürte sie immer noch einen eifersüchtigen Stich, auf den sie nicht stolz war. Dann wedelte sie mit der Hand in Richtung Abdeckplane. »Wie ich sehe, haben Sie bereits angefangen«, sagte sie in leicht missbilligendem Ton, verkniff es sich aber, Marcellus an seine Zusicherung zu erinnern, mit dem Bau des Schornsteins erst nach Wiedereröffnung der Großen Kammer der Alchimie und Heilkunst zu beginnen.

Septimus bemerkte, dass Marcellus schuldbewusst zusammenzuckte.

»Um Himmels willen! Was … äh … bringt Sie denn auf diesen Gedanken?«

»Na, das ist doch wohl offensichtlich – das Gerümpel da hinten im Zeremonienweg.«

Ein Ausdruck der Erleichterung huschte über das Gesicht des Alchimisten. »Ach so, der Schornstein«, erwiderte er. »Ich treffe nur ein paar Vorbereitungen. Ich weiß, dass Sie den Ring mit dem Doppelgesicht nicht länger als unbedingt nötig in Ihrer Obhut behalten wollen. Es ist doch bestimmt ein Albtraum, wenn man für seine sichere Verwahrung sorgen muss.«

Marcia gab sich Mühe, genau wie sie es Sarah versprochen hatte. »Ja, allerdings. Aber wenigstens haben wir ihn, Marcellus. Dank Ihnen.«

Septimus war beeindruckt. Seine Mutter hatte ganze Arbeit geleistet, dachte er bei sich.

Marcellus fühlte sich ermutigt und beschloss, die Außergewöhnliche um einen Gefallen zu bitten. »Marcia, ich frage mich, ob Sie gegen eine Namensänderung etwas einzuwenden hätten.«

Marcia stutzte. »Ich bin mit Marcia absolut zufrieden.«

»Nein, nein, ich spreche vom Zeremonienweg. Früher, als die Große Kammer noch in Betrieb war und – wie demnächst wieder – ein Schornstein das Ende des Weges zierte, hieß er Alchimieweg. Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir ihm wieder den alten Namen geben?«

»Nein«, antwortete Marcia, »ich denke nicht. Wenn er früher Alchimieweg geheißen hat, ist es nur recht und billig, wenn er jetzt wieder Alchimieweg heißt.«

»Ich danke Ihnen!« Marcellus strahlte. »Und bald wird der Alchimieweg zu dem neuen Alchimieschornstein führen.« Er seufzte. »Das heißt, wenn sich die Bauarbeiter dazu bequemen, auf der Baustelle zu erscheinen.«

Aufbrandender Jubel und Beifall signalisierten, dass sich die Hochzeitsgesellschaft wieder in Bewegung gesetzt hatte und nun zum Palast weiterzog. Marcellus machte sich davon, bevor Marcia noch unbequemere Frage stellen konnte.

Marcia fühlte sich schrecklich. Ein Abend unter lauter Heaps und Gringes gehörte nicht gerade zu ihren liebsten Freizeitvergnügungen – ganz im Gegenteil. Sie blickte sehnsüchtig zum Zaubererturm. Ob sie sich einfach davonstehlen sollte?

Septimus bemerkte ihren Blick. »Sie können jetzt nicht gehen«, sagte er streng. »Das wäre sehr unhöflich.«

»Natürlich gehe ich jetzt nicht«, entgegnete Marcia säuerlich. »Wie kommst du denn darauf?«

 

Das Hochzeitsmahl dauerte bis spät in die Nacht. Heaps und Gringes konnten nicht eben gut miteinander, und so blieben kitzlige Momente nicht aus, insbesondere als Mrs. Gringe Sarah Heap ihre Idee mit dem Enteneintopf vortrug. Aber nichts, nicht einmal Mrs. Gringes Drängen – es würde ihr überhaupt keine Umstände machen, die Ente mit nach Hause zu nehmen, und da der Vogel so schön fett sei, würde er bestimmt für alle reichen, und sie könnte am nächsten Tag mit dem Eintopf herüberkommen, dann bräuchte Sarah nicht zu kochen – konnte Sarahs Glück nachhaltig trüben. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte sie alle ihre Kinder um sich, und das genügte ihr.

Zu Marcias Überraschung wurde der Abend nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatte. Nach einigen sehr ermüdenden Reden verschiedener Heap-Onkel, die immer beschwipster wurden, sorgte ein unerwartetes Ereignis für eine willkommene Abwechslung. Durch die großen Fenster des Ballsaals, die bis zum Fußboden reichten und auf den Palastrasen am Fluss hinausgingen, sah die Hochzeitsgesellschaft, wie am Landungssteg ein festlich beleuchtetes Boot anlegte.

»Du liebe Zeit, wer kann das sein?«, fragte Marcia die neben ihr sitzende Jenna.

Jenna wusste, wer es war. »Das ist mein Vater. Er kommt wie üblich zu spät.«

»Ach, wie schön«, rief Marcia, um dann eilends hinzuzufügen: »Natürlich nicht, dass er zu spät kommt. Es ist schön, dass er es zur Hochzeit geschafft hat.«

»Gerade noch so«, sagte Jenna.

Froh über einen Vorwand, sich zu entfernen, eilten Silas und die vier Heap-Onkel hin, um sich das Boot anzusehen, und kehrten wenig später mit Milo zur Hochzeitstafel zurück. Er trug einen prächtigen Anzug, den einige Gäste für die Gala-Uniform eines Flottenadmirals hielten, andere im Schaufenster eines Porter Kostümverleihs gesehen zu haben glaubten – aber woher auch immer er stammte, Milos Auftritt erregte Aufsehen. Er schritt auf die Braut zu, verbeugte sich, küsste ihr die Hand und überreichte ihr ein kleines Schiff aus Gold in einer Kristallflasche, über das sich Lucy sehr freute. Dann gratulierte er Simon und setzte sich neben Jenna.

Bald entschuldigte sich Jenna und ging ans andere Ende des Tischs, um sich mit den Waldjungs zu unterhalten. Daraufhin nahm Milo ihren Platz neben Marcia ein, und von da an fand Marcia den Abend erheblich vergnüglicher. So vergnüglich, dass sie deutlich länger blieb, als sie geplant hatte.

 

* 3 *

PFÜTZEN

 

 

 

Es war kurz vor zwei Uhr am Morgen, als Marcia durch den niedergetrampelten Schnee zum Palasttor ging. Ein kalter Wind pfiff vom Fluss herauf, und sie zog ihren mit indigoblauem Pelz gefütterten lila Wintermantel enger. Ihr Begleiter, der Obermagieschreiber, tat dasselbe mit seinem dicken dunkelblauen Mantel. Sie boten ein eindrucksvolles Bild, wie sie so mit flatternden Mänteln durch den Schnee stapften. Der frischgebackene Obermagieschreiber war mittlerweile fast ebenso groß wie die Außergewöhnliche Zauberin. Marcia war überzeugt, dass Beetle seit seiner Amtseinführung gewachsen war – aber vielleicht, so überlegte sie, hielt er sich auch nur gerader und trug den Kopf höher. So oder so, jedenfalls konnte er Marcia mühelos in die Augen sehen, was er in diesem Augenblick auch tat.

»Ich hätte gern Ihren Rat dazu«, sagte er gerade. »Eine liegt fast auf Ihrem Weg. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, könnten wir sie uns kurz ansehen.«

Septimus übernachtete heute im Palast, und Marcia war nur zu froh, wenn sie es noch etwas hinausschieben konnte, allein in ihre Gemächer zurückzukehren, wo der Geist der früheren Obermagieschreiberin Jillie Djinn traurig auf dem Sofa saß. »Aber mit Vergnügen, Beetle«, sagte sie.

Als sie zusammen aus dem Palasttor traten, kam Marcia der Gedanke in den Sinn, dass sie ein solches Gespräch mit der verstorbenen (und wenig betrauerten) Jillie Djinn nie hätte führen können. Wie viel einfacher, angenehmer und, ja, auch beruhigender war es doch, jemanden als Obermagieschreiber zu haben, den sie mochte und mit dem sie sich verstand. Sie sah Beetle an und sagte lächelnd: »Ich bin sehr froh, dass das Los diesmal den Richtigen getroffen hat.«

»Oh!« Beetle errötete. »Äh … vielen Dank.«

Die beiden gingen, Fußstapfen im unberührten Schnee hinterlassend, den frisch umbenannten Alchimieweg hinauf. Der Weg lag breit und verlassen vor ihnen, und nur das im Schnee glitzernde Mondlicht erhellte ihn ein wenig. In Palastnähe war der Alchimieweg besonders trostlos. Hier stand die ehemalige Kaserne der Jungarmee, die mit Brettern vernagelt war und verfiel. Beetle und Marcia eilten daran vorüber, und bald wurden die Armeegebäude von größeren Häusern abgelöst, die ebenso heruntergekommen und dunkel waren. Viele hatten im Erdgeschoss verrammelte Ladengeschäfte. Diese Geschäfte hatten einst die florierenden Handwerksbetriebe beliefert, die dank der Großen Kammer der Alchimie und Heilkunst entstanden waren. Doch nach der Schließung der Großen Kammer war das Leben im Alchimieweg erloschen und nur vorübergehend wieder aufgeblüht, als die Jungarmee den Weg als Exerzierplatz nutzte und der Oberste Wächter hier seine pompösen Umzüge und Vergnügungen veranstaltete.

Beetle fand den Weg unheimlich und bedrückend. Umso erleichterter war er, als er sah, dass eine Laterne den Eingang zu Saarsons Rutsch beleuchtete, jener Gasse, die er suchte.

Der Rutsch, wie er allgemein genannt wurde, machte einen erheblich freundlicheren Eindruck. Seine Bewohner waren offensichtlich gesellige Nachteulen: Gedämpfte Gespräche und fröhliches Gläserklirren drangen aus den kleinen, aber gepflegten Häusern. In den Fenstern standen brennende Kerzen, die ihnen den Weg leuchteten. Sie waren der Gasse erst ein kurzes Stück gefolgt, als Beetle neben einer Wasserpfütze stehen blieb, die mitten im Schnee einen befremdlichen Anblick bot. Marcia ging in die Hocke und tauchte einen Finger in das Wasser. Dann schaute sie nervös zu Beetle auf. »Wie viele, sagten Sie, gibt es davon?«

»Acht, von denen ich weiß.«

Marcia saugte geräuschvoll an ihren Zähnen. »Und Sie glauben, dass es sich um – wie sagten Sie? – Lüftungsrohre handelt?«

Beetle nickte. »Ja. Allem Anschein nach haben wir es mit einer Kühlanlage zu tun.«

»Tatsächlich? Und was kühlt sie?«

»Tja, das ist die Frage«, sagte Beetle. »Ich weiß es nicht. Romilly Badger hat einen alten Plan entdeckt und …« Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr. Er hob den Kopf und erblickte in einem Fenster drei erstaunte Gesichter, deren Besitzer sich offenbar darüber wunderten, dass die Außergewöhnliche Zauberin und der Obermagieschreiber vor ihrer Haustür eine Pfütze inspizierten. »Es ist wohl besser, ich erzähle Ihnen das unterwegs.«

»Bitte?«

Beetle machte eine Kopfbewegung zu dem Fenster hin.

»Ach so.« Zum Schrecken der Fenstergucker winkte Marcia, noch aufgekratzt von dem unterhaltsamen Abend, fröhlich zu ihnen hinauf. Dann legte sie Beetle den Arm um die Schulter und sagte in einem Ton, der an Milo Banda erinnerte: »In Ordnung, Beetle. Schießen Sie los.«

Auf dem Weg durch die verschneiten Gassen in Richtung Zaubererturm erstattete Beetle Bericht.

»Um es freiheraus zu sagen, Marcia: Im Manuskriptorium herrscht ein heilloses Durcheinander. Die Hälfte der Dokumente ist unauffindbar. Ich habe mich entschlossen, alles neu zu katalogisieren, und letzte Woche in den Gewölben damit angefangen. Ich war entsetzt. Überall auf dem Fußboden stapeln sich Papiere, und in der Eistunnel-Abteilung hat man einen Haufen Material in einer Pfütze derart verrotten lassen, dass es nicht einmal Ephaniah mehr retten kann, wie er selbst sagt.«

»Dann muss es wirklich schlimm sein«, sagte Marcia. Ephaniah Grebe war der Konservator und Restaurator des Manuskriptoriums und dafür bekannt, dass er so gut wie alles restaurieren konnte.

»Das ist es«, sagte Beetle. »Wir haben schrecklich viele Dokumente darüber verloren, was sich unter der Burg befindet. Na, jedenfalls habe ich mit den Eistunnel-Regalen begonnen und lasse mir von Romilly Badger – das ist die Inspizientin – dabei helfen, denn ich will, dass sie möglichst viel über die Tunnel lernt. Sie werden es nicht glauben, aber sie hat nicht einmal einen anständigen Lageplan erhalten.«

»Das glaube ich sofort, wie ich zu meinem Bedauern sagen muss«, erwiderte Marcia.

»So? Aha. Na, jedenfalls hat Romilly beim Aufräumen ein zerknülltes Dokument gefunden, das hinter ein Regal gerutscht war. Es war schwarz von Ruß und sehr brüchig, und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es wichtig ist. Zum Glück meinte Ephaniah, dass er es restaurieren kann.«

»Wie geht es Ephaniah eigentlich?«, fragte Marcia.

»Er kommt langsam wieder zu Kräften. Hat aber noch Albträume, glaube ich.«

»Das war leider zu erwarten«, erwiderte Marcia.

Sie hatten Terry Tarsals Schuhladen erreicht, und Marcia blieb kurz stehen und spähte durch die Tür, um feststellen, was drinnen in den Regalen stand. Da bewegte sich etwas unter ihren Füßen.

»Vorsicht!«, rief Beetle. »Da ist noch eine!«

Marcia sprang flink auf festeren Boden. »Wenigstens war Terry so klug, sie abzudecken«, sagte sie und stieß mit dem Fuß gegen das wackelige Brett. »Damit wären es neun Pfützen. Sagen Sie, Beetle, was steht denn in diesem Dokument?«

Sie bogen in den Schnapphansweg ein, an dessen Ende bereits die Lichter der Zaubererallee blinkten, und Beetle berichtete weiter. »Zuerst habe ich es für die Zeichnung eines Spinnennetzes gehalten, aber dann hat mich Romilly darauf aufmerksam gemacht, dass es dem Grundriss der Burg entspricht. Daraufhin hat es Ephaniah in die Auffrischungsschale gelegt, um festzustellen, ob sich noch mehr sichtbar machen lässt. Und tatsächlich. Es kam eine sehr verblasste Karte der Burg zum Vorschein, und dann entdeckten wir die Überschrift.«

»Und die lautet?«, fragte Marcia.

»Lüftungsrohre: Kesselkühlung.«

»Kesselkühlung – hat das etwas mit Hexerei zu tun?«

»Wohl eher nicht. Für Hexerei ist es viel zu technisch, und davon einmal abgesehen, schreiben Hexen ja nichts auf, oder?«

»Auch wieder wahr«, stimmte Marcia zu.

»Romilly hat darauf hingewiesen, dass das Netz an vielen Stellen einfach lose in einem Klecks endet – als hätte jemand etwas zu lange einen Federhalter auf das Papier gehalten. Außerdem fiel uns auf, dass überall dort, wo sich so ein Klecks findet, eine ruhige Gasse ist. Das machte uns stutzig. Deshalb habe ich mich mit Romilly auf die Suche gemacht, um festzustellen, ob über der Erde etwas zu sehen ist.«

»Und?«, fragte Marcia.

Beetle seufzte. »Fehlanzeige. Es war der Tag nach dem Kälteeinbruch, und alles war mit Schnee bedeckt. Zu dem Zeitpunkt dachte ich noch, Pech gehabt, denn ich rechnete damit, dass wir warten müssten, bis Tauwetter einsetzt. Aber dann kam Foxy irgendwann letzte Woche patschnass zur Arbeit und sagte, er sei in eine Pfütze gefallen. Wir haben vielleicht gelacht – wie kann man in eine Pfütze fallen, wenn alles gefroren ist? Aber Foxy wurde richtig fuchsig und bestand darauf, mich zu der Pfütze zu führen.«

»Man sollte meinen«, sagte Marcia verschmitzt, »ein Obermagieschreiber hätte Wichtigeres zu tun, als sich eine Pfütze anzusehen.«

»Na ja, ich stand vor der Wahl: Entweder ich sehe mir die Pfütze an, oder es gibt nie wieder ein Würstchen-Sandwich. Jedenfalls nicht von Foxy.«

»Ah, ich verstehe.«

»Zu meinem Erstaunen war da tatsächlich eine Pfütze. Also war ich an dem Tag an der Reihe, die Sandwiches zu spendieren. Am nächsten Morgen berichtete mir Partridge von einer anderen Pfütze, und so ging es weiter. Als hätten sich alle Schreiber in den Kopf gesetzt, Pfützen zu entdecken. Ich ließ Partridge eine Karte von den Fundstellen anfertigen, und dann kam mir eine verrückte Idee. Ich legte sie auf den Plan mit den Lüftungsrohren. Und siehe da: Jede Pfütze deckte sich mit dem Klecks am Ende einer Linie. Jede einzelne.«

»Sieh an, sieh an«, sagte Marcia.

Sie hatten Botts Mantel-Basar erreicht, über dessen Tür ein Schild stolz verkündete: ZAUBERERMÄNTEL: ALTE UND NEUE, GRÜNE UND BLAUE. TADELLOSE GEBRAUCHTMÄNTEL SIND UNSERE SPEZIALITÄT. Der große und früher ziemlich trubelige Laden gegenüber dem Manuskriptorium war ein Ort der Trauer, seit sein Besitzer, Bertie Bott, als vermisst galt – wahrscheinlich war er gefressen worden. Mrs. Bott hatte die bunten Schaufensterpuppen mit schwarzen Tüchern verhängt und eine einsame Kerze dazugestellt.

»Der arme Bertie«, seufzte Marcia und sah sich das Schaufenster an. »Ich fühle mich dafür verantwortlich. Hätte ich nicht darauf bestanden, dass er Wache hält …«

»Aber irgendjemand musste doch Wache halten«, entgegnete Beetle. »Wenn nicht Bertie, dann eben ein anderer Zauberer. Und nicht Sie waren schuld an seinem Tod. Es war … na ja … es war Merrins Schuld.«

»Nein«, widersprach Marcia. »Es waren die Dunkelkräfte. Merrin war nur ihr Werkzeug, genauso wie Simon. Die Dunkelkräfte erkennen die Schwächen der Menschen und machen sie sich zunutze.«

»Wahrscheinlich«, sagte Beetle. Beim Thema Dunkelkräfte war ihm etwas unheimlich geworden, und der Gedanke an das leere Manuskriptorium war auch nicht verlockend. Und so sagte er trotz der späten Stunde: »Ephaniah nimmt heute Nacht an dem Plan der Lüftungsanlage eine letzte Auffrischung vor. Er glaubt, Spuren handschriftlicher Randnotizen zu erkennen, und die will er sich genauer ansehen. Ich weiß, es ist spät, aber hätten Sie nicht Lust mitzukommen und einen Blick darauf zu werfen?«

»Aber unbedingt«, antwortete Marcia ohne Zögern. Die Vorstellung, jetzt nach Hause zu kommen und von Jillie Djinns Geist mit leerem Blick angestarrt zu werden, hatte für sie ebenso wenig Verlockendes wie das Manuskriptorium für Beetle.

 

Unten in dem stillen weiß getünchten Restaurationskeller hielt eine rundliche Gestalt in weißer Robe eine durchsichtige Schale ins Licht. Ephaniah Grebe, halb Mensch, halb Ratte, wandte sich Marcia und Beetle zu. Seine untere Gesichtshälfte war, wie sein Körper, weiß verhüllt. Die Gestalt unter den Seidentüchern ließ etwas Rattenhaftes erahnen, aber die braunen Augen funkelten menschlich hinter den Brillengläsern, als er die Daumen nach oben reckte. Er stellte die Schale auf den Arbeitstisch und schob Beetle und Marcia eine kleine weiße Karte hin. Darauf stand: MIT MILCH UND OHNE ZUCKER BITTE.

»Wie?«, fragte Beetle verwirrt.

Ephaniah gab einen Laut von sich, der ein Rattenlachen gewesen sein konnte, und drehte die Karte um. Nun war dort zu lesen: DIE AUFFRISCHUNG IST ABGESCHLOSSEN.

Beetle und Marcia blickten auf den weißen Papierbogen, der, jetzt dick und glänzend, vor ihnen lag. Ephaniahs lange, schmale, rattenartige Finger fuhren eine verblasste Kritzelei nach, die wie eine Fußnote unter die Zeichnung gesetzt war. Marcia zückte ihre Zauberlupe und reichte sie Beetle.

Beetle schüttelte den Kopf. »Nein, Sie zuerst.«

Marcia hielt die Lupe dicht über die Schrift und spähte hindurch. Sie schnalzte beim Lesen missbilligend mit der Zunge, dann gab sie Beetle die Lupe. Als er gelesen hatte, fragte sie: »Und? Was haben Sie entziffert?«

»Julius ZURK, M. Sie auch?«

»Ja. Wer war Julius Zurk, frage ich mich. Ungewöhnlicher Name.«

»Das ist kein Name«, erklärte Beetle. »Das ist eine altmodische Abkürzung für ›Zur Kenntnisname‹. Die benützt heute kein Mensch mehr.«

»Verstehe. Und wie alt, glauben Sie, ist dieses Dokument, Ephaniah?«, fragte Marcia.

Ephaniah blätterte durch seine Zahlenkarten und legte die »475« vor Marcia hin.

»Tage? Wochen? Monate?«

Ephaniah fischte eine Karte aus seinem Kalender-Karteikasten: JAHRE.

»Aha! Jetzt ergibt alles einen Sinn«, sagte Marcia.

»Tatsächlich?«, fragte Beetle.

»Na ja, nicht alles. Aber Julius muss Julius Pike sein, der zu der Zeit Außergewöhnlicher Zauberer war. Und ich würde den Zaubererturm gegen ein Gummibärchen verwetten, dass ich weiß, wer M ist.«

»Marcellus?«, schlug Beetle vor.

»Ganz recht. Unser neuer Burgalchimist höchstpersönlich. Beetle, er muss etwas mit diesen Pfützen zu tun haben.« Marcia wandte sich an Ephaniah, der in seinen Karten kramte. »Haben Sie vielen Dank, Ephaniah«, sagte sie.

Falten um Ephaniahs Augen verrieten ein Lächeln. Er legte eine abgegriffene Karte vor sie hin. ES WAR MIR EIN VERGNÜGEN.

Beetle und Marcia stiegen wieder ins Manuskriptorium hinauf und durchquerten den leeren Raum, dessen hohe Pulte im Schein der halb heruntergebrannten Nachtkerzen wie dunkle Wächter wirkten. Beetle stieß die klapprige Tür zum Kundenraum auf. Von der verschneiten Zaubererallee schien das Mondlicht herein und warf scharfe Schatten auf die Kartons mit Papieren und generalüberholten Charms, die darauf warteten, am Morgen abgeholt zu werden.

Beetle folgte Marcia durch das Spiel von Licht und Schatten. An der Ladentür blieb sie stehen und sagte: »Gleich morgen früh bestelle ich Marcellus in den Zaubererturm. Ich verlange eine Erklärung.«

Beetle hatte Bedenken. »Ich finde, wir sollten uns noch eine Weile gedulden und abwarten, was weiter passiert. Ich glaube nicht, dass Marcellus etwas zugeben wird.«

Marcia seufzte. »Das glaube ich allerdings auch nicht.«

Beetle wagte einen Scherz: »Niemand lässt sich gern vorwerfen, dass er überall Pfützen hinterlässt.«

Zu seiner Überraschung gluckste Marcia und erwiderte: »Schon gar nicht, wenn sie alle auf einer Karte eingezeichnet sind.« Sie öffnete die Tür und trat in den Schnee hinaus. »Ich werde Septimus erlauben, morgen sein einmonatiges Praktikum bei Marcellus anzutreten – so kann ich besser im Auge behalten, was dieser Mann treibt. Wir werden die Angelegenheit weiter verfolgen. Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie noch mehr Pfützen entdecken. Vielen Dank, Beetle.«

Damit schloss Marcia die Tür, und Beetle hörte, wie sich ihre spitzen Pythonschuhe knirschend durch den Schnee entfernten. Sie hörten sich irgendwie einsam an, fand er.

 

* 4 *

UMZUG

 

 

 

Schlangenhelling 1

1. Kanzlei Marcellus Pye, Burgalchimist.

 

Sehr geehrte Marcia,

die Arbeiten an dem Großen Schornstein haben nun begonnen, und ich schlage vor, dass wir nun im Hinblick auf eine möglichst baldige Denaturierung und damit Vernichtung des Rings mit dem Doppelgesicht die Öffnung der Großen Kammer der Alchimie und Heilkunst ins Auge fassen. Natürlich kann das Feuer nicht in Gang gesetzt werden, solange der Schornstein nicht fertig ist, aber je früher wir mit den Arbeiten daran beginnen, desto besser. Zu diesem Zweck würde ich darum bitten, dass mein Lehrling Septimus seinen Praktikumsmonat bei mir baldmöglichst antritt, sobald es Ihnen genehm ist.

Ihr ergebener Marcellus

 

Marcia las den Brief beim Frühstück, während sie ihre zweite Tasse Kaffee trank. Sie reichte ihn Septimus, der gerade seinen letzten Löffel Haferbrei aß. »Na«, sagte sie, »wie wäre es, wenn du heute bei Marcellus anfängst?«

Septimus freute sich schon länger auf die Abwechslung vom täglichen Einerlei. Er absolvierte zurzeit seinen Fortgeschrittenenkurs in analytischem Entschlüsseln und fand ihn sehr langweilig. »Warum eigentlich nicht«, antwortete er, denn er wollte nicht den Eindruck erwecken, er wäre allzu sehr darauf erpicht, und Marcias Gefühle verletzen.

»Dann geh packen«, sagte Marcia schnell.

»Alles klar.«

Marcia sah zu, wie Septimus vom Stuhl aufsprang und aus der Küche flitzte. Sie selbst freute sich nicht auf die nächsten vier Wochen ohne ihn.

 

Oben in seinem Zimmer hatte Septimus Mühe, seinen Rucksack zu schließen, so prall gefüllt war er.

»Zahnbürste?«

Er schaute auf. Marcia steckte den Kopf zur Tür herein. »Ja«, knurrte er. »Und meinen Kamm. Wie Sie gesagt haben.«

Marcias Blick wanderte durch das Zimmer. Es war nicht groß –Lehrlingszimmer im Zaubererturm waren nie groß –, aber ordentlich aufgeräumt und zweckmäßig eingerichtet, wie sie mit Freuden sah. Die Regale waren mit beschrifteten Kästen und Unterlagen zu verschiedenen Zauberprojekten und Aufgaben gefüllt. Außerdem standen dort eine Reihe kleiner Lapislazuli-Töpfe (ein Geschenk von ihr zum Mittwinterfest), in denen seine Sammlung an Charms und Talismanen langsam heranwuchs. Unter dem Fenster befand sich ein großer Schreibtisch mit sechs Beinen, den Septimus »das Insekt« nannte. Marcia vermied es, den Tisch anzusehen, denn mit seinen dünnen, behaarten Beinen und seiner matt glänzenden schwarzen Platte kam er ihr vor wie eine Riesenkakerlake. Lieber blickte sie an die dunkelblaue Decke, die Septimus gleich nach seinem Einzug mit Sternbildern bemalt hatte. Die silbernen Sterne waren noch nicht verblasst und leuchteten im Sonnenlicht, das durchs Fenster strömte.

Marcia unterdrückte einen Seufzer. Septimus würde ihr fehlen. Ihr Blick fiel auf einen Stapel ordentlich zusammengelegter grüner Kleidungsstücke aus Wolle, aus dem es verräterisch lila hervorblitzte. »Du hast deine Lehrlingstracht zum Wechseln vergessen«, sagte sie. »Die neue, die heute Morgen gekommen ist.«

»Nein, ich habe sie nicht vergessen«, erwiderte Septimus leicht verlegen. Er zog die letzte Rucksackschnalle zu und wuchtete sein Gepäck auf den Boden, wo es mit einem lauten Schlag landete.

Marcia zuckte zusammen. Septimus wurde sehr groß und tapsig, dachte sie. Alles, was er tat, war mit Lärm verbunden. »Du hast wohl keinen Platz mehr«, sagte sie. »Ich lasse sie später von einem Zauberer nachbringen.«

»Eigentlich brauche ich sie gar nicht«, erwiderte Septimus.

Marcia stöhnte. »Du kannst doch nicht einen ganzen Monat lang dieselben Sachen tragen, Septimus.«

»Nein, ich weiß, nur …«

»Dann schicke ich sie.«

»Nein, Marcia. Ich brauche sie nicht. Ich … ich werde meine Alchimistentracht tragen.«

Marcia blieb fast die Luft weg. »Du wirst was tragen?«

»Meine Alchimistentracht. Sie haben doch eingewilligt, dass ich für einen Monat Marcellus’ Lehrling werde.«

»Davon war nie die Rede«, stieß Marcia hervor. »Ich habe eingewilligt, dass mein Lehrling ihm einen Monat lang zur Hand geht, das ist etwas ganz anderes. In dieser Zeit bist du weiterhin mein Lehrling, Septimus. Und kein Alchimie-Lehrling.«

»Marcellus sieht das aber anders«, grummelte Septimus.

»Es interessiert mich einen feuchten Kehricht, wie Marcellus das sieht«, fauchte Marcia aufbrausend. »Ich werde dir die Ersatztracht später nachschicken. Und ich erwarte, dass du sie trägst.«

Septimus unterdrückte einen Seufzer. Er wünschte, Marcia und Marcellus würden aufhören, sich seinetwegen zu streiten. »Ich habe mir schon gedacht, dass Sie das sagen würden«, brummte er.

 

Eine halbe Stunde später saß Septimus auf der alten Eichentruhe neben der lila Eingangstür und wartete auf Marcia. Früher hätte er sich etwas Interessantes zum Lesen gesucht und sich auf das weiche lila Sofa gefläzt, solange Marcia in ihrem Studierzimmer herumwuselte, aber jetzt hatte der Geist Miss Jillie Djinns, der ehemaligen Obermagieschreiberin, das Sofa in Beschlag genommen. Unglücklicherweise war Jillie Djinn ein paar Monate zuvor auf Marcias heiß geliebtem Sofa gestorben. Und weil Geister ein Jahr und einen Tag lang dort verweilen müssen, wo sie ins Geisterdasein eingetreten sind, musste Marcia noch neun lange Monate Jillie Djinns Gesellschaft ertragen, ehe sich der Geist von hier fortbewegen durfte.

Als frischgebackener Geist war Jillie Djinn von heller Gestalt: Ihre dunkelblaue Robe hatte klare Umrisse, und der Ausdruck auf ihrem Gesicht war deutlich zu erkennen – sie blickte verärgert, als wollte sie jemandem eine Gardinenpredigt halten. Zu Septimus’ und Marcias Erleichterung hatte sie noch kein Wort gesprochen, aber sie nahm wahr, was um sie herum vorging, und hatte es unlängst sogar geschafft, ihren Sofanachbarn loszuwerden – den Dschinn von Septimus, Jim Knee. Eines Abends war Jim Knee, der dort seinen Winterschlaf gehalten hatte, plötzlich aufgestanden und hatte sich schlafwandelnd in das freie Schlafzimmer begeben, in dem er jetzt friedlich schnarchte.

Jillie Djinns dunkle kleine Augen sahen Septimus unverwandt an, ohne zu blinzeln. Das war in höchstem Maße unangenehm. Früher war ihm nie aufgefallen, dass Geister nicht zu blinzeln brauchten. Er atmete erleichtert auf, als Marcia endlich kam.

»Fertig?«, fragte sie.

»Ja.« Septimus schulterte seinen Rucksack.

Marcia warf einen zornigen Blick zu Jillie Djinn hinüber. »Komm, Septimus, nichts wie raus hier.«

Marcia und Septimus standen schweigend auf der silbernen Wendeltreppe, die sie mit sanften Drehungen durch den Zaubererturm nach unten trug. Septimus sog den magischen Geruch ein. Er war stärker als sonst, da mehr Energie als üblich aufgewendet werden musste, seit der Ring mit dem Doppelgesicht in der Versiegelten Zelle verwahrt wurde. Stockwerk um Stockwerk zog vorüber. Überall gingen Zauberer fleißig ihrem Tagwerk nach, während die Außergewöhnliche Zauberin und ihr Lehrling leise abwärtsschwebten.

Als sie von der Treppe auf den weichen Fußboden der Großen Halle traten, blieb Marcia stehen – nicht willens, schon jetzt aus ihrer Lehrmeisterrolle zu schlüpfen – und fragte: »Du hast die Versiegelte Zelle noch gar nicht gesehen, oder?«

»Nein.«

»Dann wird es höchste Zeit. Wir müssen den Ring mit dem Doppelgesicht kontrollieren, bevor wir gehen.«

Der lange Tunnel, der zu der Versiegelten Zelle führte, war über die Siegelkammer zu erreichen – ein kleines Kabuff hinter der Wendeltreppe. Vor der Kammer wachten zwei Zauberer. Marcia wollte kein Risiko eingehen.

In der Siegelkammer herrschte eine gedämpfte Atmosphäre. Ihr Inneres war von einem magischen lila Licht erfüllt, dessen Quelle das Siegel war, das die Tür zum Tunnel verschloss. Die glatten silbernen Wände der Kammer und ihre abgerundeten Ecken sollten alle Wesen oder Lebendzauber, die zu fliehen versuchten, verwirren – bei Septimus gelang ihnen das mit Sicherheit. Als er eintrat, machte er die eigentümliche Erfahrung, sich selbst in fünf- oder sechsfacher Gestalt gegenüberzustehen, wobei eine komischer aussah als die andere. Und als Marcia die Tür hinter ihnen schloss, kam er sich vor wie in einer lila Blase.

In der Kammer stand eine Zauberin, die unverwandt auf das Siegel zum Tunnel starrte und auf irgendwelche Veränderungen lauerte, die darauf hindeuteten, dass auf der anderen Seite der Tür etwas nicht stimmte. Siegelwache war eine langweilige Aufgabe, die ein Mindestmaß an Befähigung, aber ein Höchstmaß an Konzentration verlangte, und daher nicht beliebt. Wachwechsel war jede halbe Stunde, und das bedeutete, dass für eine Vierundzwanzig-Stunden-Schicht viele Zauberer erforderlich waren.

Marcia sprach die Beobachterin an: »Ich möchte eine Inspektion durchführen. Würden Sie bitte zur Seite treten?«

Nichts hätte Thomasinn Tremayne, der Siegelwachenzauberin, lieber sein können. Sie trat beiseite und schüttelte den Kopf. Die flackernden Lichter verursachten ihr Übelkeit und rasende Kopfschmerzen.

»Mein Lehrling wird mich bei der Inspektion der Versiegelten Zelle begleiten«, sagte Marcia mit leiser Stimme. »Sie bleiben auf Ihrem Posten. Aus Sicherheitsgründen bevollmächtige ich Sie, die Tür wieder zu versiegeln, wenn wir nicht innerhalb von zehn Minuten wieder herauskommen.«

Septimus sah Marcia überrascht an. Das erschien ihm etwas übertrieben.

»Wie Sie wünschen, Madam Marcia«, flüsterte Thomasinn. Und dann: »Soll ich auf den Rucksack aufpassen, Lehrling?«

»Oh … danke.« Septimus streifte den Rucksack ab und ließ ihn auf den Boden plumpsen.

»Autsch!«, rief Thomasinn. »Mein Fuß.«

»Pst!«, zischte Marcia.

»Oh, Mist, tut mir sehr leid«, entschuldigte sich Septimus.

»Also wirklich, Thomasinn, das ist doch nur ein kleiner Rucksack«, rügte Marcia. »Komm, Septimus.«

Marcia hielt ihre Hände im Abstand weniger Zentimeter über das flimmernde Siegel und konzentrierte sich. Plötzlich stieß sie die Hände nach vorn und riss sie rasch auseinander, wodurch das Siegel geöffnet wurde. Zum Vorschein kam eine schmale silberne Tür.

Marcia drückte die Tür auf und zwängte sich hindurch. »Komm, Septimus. Schnell.«

Septimus schlüpfte hinein, und Marcia schloss die Tür mit einem leisen Klacken. Sie legte die Hand auf die glatte Oberfläche, und das behelfsmäßiges Siegel huschte über sie hinweg wie ein lila Blitz. Dann nahm Marcia eine Lampe von einem Haken neben der Tür, entzündete sie und ging, die Lampe hochhaltend, weiter. Septimus folgte ihr durch einen leicht abfallenden, mit Ziegeln gemauerten Tunnel, der sich zu der Versiegelten Zelle hinabschlängelte, die im felsigen Grund unter dem Zaubererturm verborgen war.

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