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Septimus Heap Flyte

 

Angie Sage

 

SEPTIMUS HEAP

Flyte

 

Aus dem Englischen von

Reiner Pfleiderer

 

Mit Illustrationen von

Mark Zug

 

Carl Hanser Verlag

 

INHALT

 

7     Im Jahr zuvor: In der Nacht nach dem Lehrlingsessen

10  1 Spinnen

20  2 Die Zaubererallee

28  3 Ein Dunkelpferd

37  4 Simons Rückkehr

43  5 Donner

50  6 Am Nordtor

58  7 Das Gewächshaus

67  8 Das Laboratorium

75  9 Nummer Dreizehn

8710 Abschied

9711 Jennas Ritt

10212 Jannit Maartens Werft

11213 Der Wald

12114 Verirrt

13015 Der Baum

14016 Die Ödlande

14517 Die Höhle

15118 Die Camera Obscura

15719 Schokolade

16720 Ein Landwurm

17621 Die Schaflande

18522 Im Lager der Heaps

19623 Wolfsjunge

20724 Port

21625 Das Puppenhaus

22426 Spürnase

23027 Das Haus des Porter Hexenzirkels

24128 Der Dammweg

24729 Ein Luftkampf

25730 In den Marram-Marschen

27131 Drachen

28032 Feuerspei

28933 Abflug

29934 In der Luft

31035 Die Landung

31736 Heimkehr

32837 Auf der Suche nach dem Draxx

34138 Die Hermetische Kammer

34939 In den Eistunneln

36040 Beetle im Turm

36641 Die Platzierung

37242 Die Benennung

38143 Erstflug

39144 Der letzte Flug

39945 Der Wachturm

40746 Das Gefängnis

41547 Das Königinnengemach

42348 Die junge Königin

43449 Fliegen

449     Was vorher geschah ...

IM JAHR ZUVOR:
IN DER NACHT
NACH DEM LEHRLINGSESSEN

 

Es ist Nacht in den Marram-Marschen. Der Vollmond scheint auf das schwarze Wasser und leuchtet den Nachtkreaturen. In der Luft liegt eine Stille, die hin und wieder vom Blubbern und Glucksen des Wabberschlamms unterbrochen wird, denn die Geschöpfe, die in ihm leben, eilen zu einem Festschmaus. Ein großes Schiff ist mit seiner gesamten Besatzung im Schlamm versunken, und die Kreaturen sind hungrig – aber sie werden mit den Braunlingen um ihren Anteil kämpfen müssen. Von Zeit zu Zeit trägt eine Gasblase Teile des Wracks an die Oberfläche, und große, mit schwarzem Teer gestrichene Planken und Spieren treiben auf dem Schlamm.

Menschen sollten des Nachts besser nicht durch die Marram-Marschen reisen, und doch naht von weitem ein Mann in einem kleinen Kanu. Seine blonden Locken hängen in der feuchten Nachtluft schlaff herab, und seine grünen Augen starren zornig in die Dunkelheit. Er brummt ärgerlich vor sich hin und spielt in Gedanken den heftigen Streit durch, den er am Abend gehabt hat. Aber was kümmert ihn das noch? Er ist ohnehin auf dem Weg in ein neues Leben. Bald wird man seine Talente zu schätzen wissen und nicht mehr zugunsten eines dahergelaufenen Emporkömmlings verschmähen.

Von dem versunkenen Schiff ragt nur noch ein einzelner Mast aus dem Schlamm, und an seiner Spitze hängt schlaff eine zerfetzte Flagge mit drei schwarzen Sternen in Reihe. Der Kanufahrer steuert sein Boot direkt auf den Mast zu. Er schaudert, aber nicht vor Kälte. Was ihn schaudern macht, ist die Angst, die hier die Luft erfüllt, und die Vorstellung, dass unter ihm das Schiffswrack liegt, sauber abgenagt von den Braunlingen. Jetzt zwingen ihn die Trümmer, langsamer zu fahren. Er paddelt noch einige Meter, dann kommt das Kanu vollends zum Stehen. Er späht in die brackige Brühe. Zunächst kann er nichts erkennen, aber dann sieht er etwas unter sich … schneeweiß im Mondlicht. Es bewegt sich, steigt aus der Tiefe zu ihm empor, durchbricht die Oberfläche und bespritzt ihn mit schwarzem Schlamm – ein blank genagtes Gerippe.

Der Kanufahrer zittert vor Angst und Aufregung, aber er lässt zu, dass das Gerippe an Bord klettert, hinter ihm Platz nimmt und seine spitzen Knie in seinen Rücken bohrt. Denn die Ringe, die noch an den Knochenfingern stecken, verraten, dass der Kanufahrer gefunden hat, was er sucht – das Skelett DomDaniels persönlich, jenes Schwarzkünstlers, der bereits zweimal Außergewöhnlicher Zauberer war und seines Erachtens alle anderen Magier, die er bisher kennen gelernt hat, in den Schatten stellt. Besonders die eine Zauberin, mit der er am Abend an einem Lehrlingsessen hat teilnehmen müssen.

Der Kanufahrer schlägt dem Gerippe einen Pakt vor: Wenn es ihn zu seinem Lehrling macht, will er alles in seinen Kräften Stehende tun, um es wieder ins Leben zu holen und ihm zu seinem rechtmäßigen Platz im Zaubererturm zu verhelfen.

Mit einem Nicken seines Totenkopfs stimmt das Gerippe dem Vorschlag zu.

Der Kanufahrer greift wieder zum Paddel, und das Gerippe weist ihm den Weg, indem es ihm ungeduldig mit dem Knochenzeigefinger in den Rücken piekt. Am Rand der Marschen angekommen, klettert das Gerippe aus dem Boot und führt den großen blonden Jüngling durch eine trostlose Landschaft zu dem düstersten Ort, an dem er jemals gewesen ist. Der Jüngling folgt dem klappernden Gerippe, denkt kurz daran, was er hinter sich lässt, aber nur kurz. Denn jetzt beginnt für ihn ein neues Leben. Er wird es allen zeigen – und dann wird es ihnen leid tun.

Besonders, wenn er eines Tages Außergewöhnlicher Zauberer wird.

*1*
SPINNEN

 

 

Septimus Heap schnippte sechs Spinnen in ein Einmachglas, schraubte den Deckel fest zu und stellte das Glas vor die Tür. Dann schnappte er sich wieder den Besen und fegte weiter die Bibliothek in der Pyramide aus.

In der Bibliothek war es eng und duster. Nur ein paar dicke Kerzen spendeten zischend und brutzelnd etwas Licht, und es roch seltsam nach einer Mischung aus Weihrauch, modrigem Papier und schimmligem Leder. Septimus liebte die Bibliothek. Sie war ein magischer Ort und thronte ganz oben auf dem Zaubererturm, versteckt im Innern der goldenen Pyramide, die den Turm bekrönte. Draußen glänzte das getriebene Gold der Pyramide hell in der Morgensonne.

Als Septimus mit dem Fegen fertig war, arbeitete er sich fröhlich summend an den Regalen entlang und stellte die Zauberbücher und Pergamentrollen, die Marcia Overstrand, die Außergewöhnliche Zauberin, wie gewohnt durcheinander gebracht hatte, wieder an ihren richtigen Platz. Die meisten elfeinhalbjährigen Jungen hätten an diesem strahlenden Sommermorgen lieber draußen gespielt, aber Septimus war dort, wo er sein wollte. In den ersten zehn Jahren seines Lebens hatte er als Junge 412, Soldat der Jungarmee, mehr als genug Sommermorgen – und übrigens auch Wintermorgen – im Freien verbracht.

Als Lehrling der Außergewöhnlichen Zauberin musste Septimus jeden Morgen die Bibliothek aufräumen. Und jeden Morgen fand er dabei etwas Neues und Aufregendes. Oft war es etwas, das Marcia eigens für ihn hatte liegen lassen. Zum Beispiel ein Zauberspruch, auf den sie spät in der Nacht gestoßen war und von dem sie dachte, dass er ihn interessieren könnte, oder ein altes Zauberbuch voller Eselsohren, das sie einem der verborgenen Regale entnommen hatte. Heute jedoch glaubte Septimus, ohne ihr Zutun etwas gefunden zu haben: Es steckte unter einem schweren Messingleuchter und sah leicht eklig aus, wie etwas, an dem sich Marcia Overstrand nicht gern die Hände schmutzig machte. Ganz vorsichtig zog er das klebrige Ding unter dem Leuchter hervor, nahm es in die Hand und betrachtete es genauer. Es war dick, braun und quadratisch. Septimus war begeistert. Bestimmt handelte es sich um einen Geschmacks-Charm. Es sah aus wie eine alte Tafel Schokolade, roch wie eine alte Tafel Schokolade, und er war sich ziemlich sicher, dass es auch wie eine alte Tafel Schokolade schmecken würde, aber das wollte er lieber nicht überprüfen. Möglicherweise war es ein Gift-Charm, der aus der großen Dose mit der Aufschrift GIFTE UND GIFTESSENZEN, die wacklig im Regal darüber stand, gefallen war.

Septimus zog eine kleine Lupe aus seinem Lehrlingsgürtel und entzifferte den dünnen weißen Schriftzug auf der braunen Tafel. Dort stand:

 

Nimm mich, schüttel mich,

und ich mach für dich:

Quetzalcoatls Schokoladl.

 

Septimus grinste. Er hatte also Recht gehabt, aber das hatte er meistens, wenn es um Zauberei ging. Es war tatsächlich ein Geschmacks-Charm, und noch besser, ein Schokoladengeschmacks-Charm. Und er wusste auch schon, wem er ihn schenken wollte. Lächelnd steckte er den Charm in die Tasche.

Seine Arbeit in der Bibliothek war beinahe getan. Er kletterte die Leiter hinauf, um das letzte Regal aufzuräumen, als er sich plötzlich Auge in Auge der größten und haarigsten Spinne gegenübersah, die ihm je untergekommen war. Er schluckte. Liebend gern hätte er sie in Ruhe gelassen, aber Marcia bestand darauf, dass er jede Spinne, die er in der Bibliothek fand, entfernte. Die acht glänzenden Knopfaugen der Spinne starrten ihn an, und er hatte das deutliche Gefühl, dass sie ihn zwingen wollte, wegzusehen und von ihr abzulassen. Auch ihre langen behaarten Beine missfielen ihm. Tatsächlich machten alle acht den Eindruck, als wollten sie seinen Ärmel hinaufkrabbeln, wenn er nicht sofort zupackte.

Blitzschnell hatte er die Spinne in der hohlen Hand. Sie kratzte zornig an seinen schmutzigen Fingern und versuchte, sie mit ihren erstaunlich kräftigen Beinen aufzustemmen, aber Septimus hielt die Hand fest geschlossen. Er huschte die Leiter hinunter, vorbei an der schmalen Luke, die auf das goldene Dach der Pyramide hinausführte, und hüpfte gerade von der letzten Sprosse, als ihn die Spinne in den Daumen biss.

»Autsch!«, jaulte Septimus.

Er ergriff das Spinnenglas, öffnete den Deckel und warf das Tier hinein, ganz zum Entsetzen der sechs anderen Spinnen, die sich bereits darin befanden. Dann schraubte er mit pochendem Daumen den Deckel wieder so fest wie möglich zu. Sorgsam darauf achtend, dass ihm das Glas nicht entglitt, in dem jetzt eine große haarige Spinne sechs kleine Spinnen im Kreis herum jagte, eilte er die schmale steinerne Wendeltreppe hinunter, die von der Bibliothek in die Gemächer der Außergewöhnlichen Zauberin, Madam Marcia Overstrand, führte.

Er lief an ihrem Schlafzimmer, dessen lila und goldene Tür geschlossen war, und seinem eigenen Zimmer vorbei und weitere Stufen hinunter in die kleine Tränkekammer neben Marcias Studierzimmer. Er setzte das Glas mit den Spinnen ab und untersuchte seinen Daumen. Er bot keinen schönen Anblick. Er war dunkelrot angelaufen, und die übrige Hand sprenkelten eigentümliche blaue Flecken. Außerdem tat es weh! Mit der unversehrten Hand klappte Septimus die Medizintruhe auf, fischte eine Tube Spinnensalbe heraus und quetschte ihren gesamten Inhalt auf den Daumen. Doch der Schmerz ließ nicht nach. Im Gegenteil, er wurde eher noch schlimmer. Septimus starrte auf den Daumen. Er schwoll an wie ein kleiner Ballon und fühlte sich so an, als könnte er jeden Augenblick explodieren.

Marcia Overstrand, deren Lehrling Septimus nunmehr seit fast anderthalb Jahren war, hatte die Spinnen bei ihrer triumphalen Rückkehr im Zaubererturm vorgefunden, nachdem sie den Schwarzkünstler DomDaniel hinausgeworfen und seine kurze zweite Amtszeit beendet hatte. Sie hatte den Turm gründlich von Schwarzer Magie gesäubert und den alten Zauber wiederhergestellt, aber die Spinnen wurde sie einfach nicht los. Das ärgerte sie gewaltig, denn die Spinnen waren ein untrügliches Zeichen, dass im Zaubererturm immer noch Schwarze Magie waltete.

In der ersten Zeit nach ihrer Rückkehr hatte Marcia sehr viel zu tun gehabt und deshalb nicht gleich bemerkt, dass etwas nicht stimmte, abgesehen von den Spinnen. Zum ersten Mal hatte sie einen Lehrling, an den sie denken musste. Außerdem musste sie sich um die Heaps kümmern, die mittlerweile im Palast wohnten, und eine Gruppe Gewöhnlicher Zauberer auswählen und wieder im Turm einquartieren. Doch schon im ersten Sommer hatte sie aus dem Augenwinkel bemerkt, dass ihr ein Schatten folgte. Anfangs dachte sie, sie bilde es sich nur ein, denn jedes Mal, wenn sie den Kopf drehte und genauer hinschaute, war nichts zu erkennen. Erst als Alther Mella, der Geist ihres alten Lehrers, der früher selbst Außergewöhnlicher Zauberer gewesen war, ihr versicherte, dass er ebenfalls etwas sehe, wusste sie, dass es keine Einbildung war. Sie wurde tatsächlich von einem Dunkelschatten verfolgt.

Aus diesem Grund hatte Marcia mit dem Bau eines Schattenfangs begonnen, der Stück um Stück zusammengesetzt werden musste und jetzt, nach annähernd einem Jahr, beinahe fertig war. Er stand in der Zimmerecke, ein Gewirr aus glänzenden schwarzen Stäben und Stangen, die aus Professor Weasal Van Klampffs Spezialamalgam gefertigt waren. Ein eigentümlicher schwarzer Dunst hüllte die Stäbe ein, und gelegentlich zuckten orangefarbene Lichtblitze zwischen ihnen hin und her. Aber nun stand der Schattenfang kurz vor der Vollendung. Bald würde Marcia ihn mit dem Schatten betreten und ohne ihn wieder verlassen können. Und das war dann hoffentlich das Ende der schwarzen Magie im Turm.

Septimus besah sich immer noch seinen Daumen, der mittlerweile auf das Doppelte seiner normalen Größe angeschwollen war und in einem hässlichen Lila schillerte, als er hörte, wie die Tür von Marcias Studierzimmer aufging.

»Septimus«, rief Marcia energisch, »ich muss weg und das nächste Teil für den Schattenfang holen. Ich habe dem alten Weasal versprochen, dass ich heute Vormittag bei ihm vorbeischaue. Es ist praktisch das letzte Element. Danach müssen wir nur noch den Stopper holen, Septimus. Und dann heißt es: Auf Nimmerwiedersehen, Schatten.«

»Au«, stöhnte Septimus.

Marcia lugte argwöhnisch um die Tür. »Was machst du denn in der Tränkekammer?«, fragte sie verwundert. Dann fiel ihr Blick auf seine Hand. »Ach du liebe Zeit, was ist denn passiert? Hast du dich wieder bei einem Feuerzauber verbrannt? Ich möchte auf keinen Fall, dass hier wieder angesengte Papageien herumstromern, Septimus. Die riechen unappetitlich, und den Papageien gegenüber ist das nicht gerade die feine Art.«

»Das war nur ein Versehen«, grummelte Septimus. »Ich wollte einen Feuervogelzauber ausprobieren. Das hätte jedem passieren können. Nein – ich bin gebissen worden.«

Marcia trat ein, und Septimus konnte hinter ihr eine leichte Trübung der Luft erkennen. Das war der Schatten. Er war ihr in die Tränkekammer gefolgt. Sie beugte sich zu Septimus herunter und sah sich seinen Daumen genauer an, wobei sie ihn fast in ihren lila Mantel hüllte. Marcia war eine groß gewachsene Frau mit langem, dunkel gelocktem Haar und diesen tiefgrünen Augen, die alle Zauberer bekommen, wenn sie mit Magie in Berührung gebracht werden. Auch Septimus hatte seit seiner Begegnung mit Marcia grüne Augen, obwohl sie vorher dunkelgrau gewesen waren. Wie alle Außergewöhnlichen Zauberer, die vor ihr im Zaubererturm gewohnt hatten, trug Marcia das Echnaton-Amulett aus Gold und Lapislazuli um den Hals, ein dunkellila Seidengewand, einen Gürtel aus Gold und Platin und den lila Zaubermantel. Ihre Füße steckten in lila Pythonschuhen, die sie am Morgen aus einem Regal mit rund hundert lila Paaren ausgewählt hatte, die sie seit ihrer Rückkehr angehäuft hatte und die einander fast zum Verwechseln ähnlich sahen. Septimus trug wie gewöhnlich sein einziges Paar brauner Lederstiefel. Er liebte diese Stiefel, und obwohl Marcia ihm angeboten hatte, aus schöner smaragdgrüner Pythonhaut ein neues Paar für ihn anfertigen zu lassen, das zu seiner grünen Lehrlingstracht passte, hatte er stets abgelehnt. Marcia konnte das nicht verstehen.

»Das ist ein Spinnenbiss«, sagte sie und nahm seinen Daumen zwischen die Finger.

»Autsch!«, heulte Septimus.

»Das gefällt mir aber gar nicht«, murmelte Marcia.

Septimus selber auch nicht. Der Daumen war mittlerweile dunkelviolett. Seine Finger sahen aus wie fünf Würste, die aus einem Fußball ragten, und ein stechender Schmerz schoss durch seinen Arm in Richtung Herz. Septimus schwankte hin und her.

»Setz dich hin«, drängte Marcia, fegte mit der Hand einen Papierstapel von einem Hocker und half ihm, Platz zu nehmen. Kurz entschlossen griff sie in die Medizintruhe und brachte eine kleine Phiole zum Vorschein, auf die das Wort Spinnengift gekritzelt war und die eine trübe grüne Flüssigkeit enthielt. Als Nächstes nahm sie einen langen, dünnen Tropfenzähler aus dem Deckel der Truhe, in dem furchterregend aussehende medizinische Instrumente nebeneinander festgeklemmt waren wie Essbesteck in einem Picknickkorb. Dann saugte sie die grüne Flüssigkeit mit äußerster Vorsicht, damit sie nichts in den Mund bekam, in den Tropfenzähler.

Septimus entwand den Daumen ihrem Griff. »Da ist ja Gift!«, protestierte er.

»In dem Biss steckt Schwarze Magie«, erwiderte Marcia, drückte ihren Daumen auf den mit Gift gefüllten Tropfenzähler und hielt ihn möglichst weit von ihrem Mantel weg. »Und der Spinnenbalsam macht es noch schlimmer. Manchmal muss man Gleiches mit Gleichem bekämpfen. Gift mit Gift. Vertrau mir.«

Septimus vertraute Marcia. Ja, er vertraute ihr mehr als jedem anderen Menschen. Und so hielt er ihr wieder den Daumen hin und schloss die Augen, während sie Spinnengift auf die Wunde träufelte und dabei Worte murmelte, die nach einem Gegenfluch klangen. Sogleich ließ der stechende Schmerz in seinem Arm nach, die Benommenheit in seinem Kopf verflog, und er schöpfte Hoffnung, dass sein Daumen nun doch nicht explodieren würde.

Marcia legte alles bedächtig in die Truhe zurück, dann drehte sie sich um und betrachtete ihren Lehrling forschend. Er sah blass aus. Aber das war ja auch kein Wunder, dachte sie. Sie hatte ihm zu viel abverlangt. Ein Tag draußen in der Sonne würde ihm gut tun. Außerdem wollte sie nicht, dass seine Mutter, Sarah Heap, wieder bei ihr hereinschneite.

Sarahs letzter Besuch war ihr noch lebhaft in Erinnerung. Es war an einem Sonntagmorgen gewesen, kurz nachdem Septimus seine Lehre bei ihr angetreten hatte. Es hatte laut an die Tür gepocht, und als sie öffnete, stand Sarah Heap draußen, und um sie herum eine Traube von Zauberern aus dem Stockwerk darunter, die der Lärm angelockt hatte. Nie zuvor hatte es jemand gewagt, so gegen die Tür der Außergewöhnlichen Zauberin zu hämmern.

Zur Verwunderung des neugierigen Publikums begann Sarah, Marcia gehörig die Meinung zu sagen.

»Mein Septimus und ich waren die ersten zehn Jahre seines Lebens getrennt«, rief sie erregt, »und ich werde nicht zulassen, dass ich in den nächsten zehn Jahren ebenso wenig von ihm habe wie in den ersten zehn. Deshalb, Madam, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie den Jungen heute zum Geburtstag seines Vaters nach Hause kommen ließen.«

Zu Marcias Ärger erntete sie dafür Beifall von den umstehenden Zauberern. Marcia und Septimus staunten beide über ihre flammende kleine Rede. Marcia, weil noch nie jemand so mit ihr gesprochen hatte. Und Septimus, weil er damals noch nicht begriffen hatte, dass ein solcher Auftritt typisch für eine Mutter war, was freilich nicht heißt, dass er ihm missfallen hätte. Im Gegenteil.

Das Letzte, was Marcia jetzt wollte, war ein neuerlicher Besuch Sarahs. »Nimm dir heute frei«, sagte sie deshalb zu Septimus, als könnte jeden Augenblick Sarah auf der Bildfläche erscheinen und Auskunft darüber verlangen, warum ihr Sohn so blass sei. »Es wird Zeit, dass du einen Tag bei deiner Familie verbringst. Und wenn du schon dort bist, kannst du deiner Mutter von mir ausrichten, sie soll doch bitte dafür sorgen, dass Jenna sich morgen rechtzeitig auf den Weg zu Zelda macht. Der Mittsommerbesuch des Drachenboots steht an. Wenn es nach mir ginge, wäre sie schon vor Tagen aufgebrochen, aber Sarah muss ja alles bis zur letzten Minute aufschieben. Wir beide sehen uns dann heute Abend, Septimus, spätestens um Mitternacht. Und bevor ich’s vergesse, der Schokoladen-Charm gehört dir.«

»Oh, danke.« Septimus lächelte. »Aber es geht mir jetzt wieder gut. Ehrlich. Ich brauche keinen freien Tag.«

»Doch, doch«, erwiderte Marcia. »Und nun geh.«

Septimus konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Vielleicht war ein freier Tag ja gar nicht so schlecht. So konnte er Jenna besuchen, bevor sie abreiste, und ihr den Schokoladen-Charm schenken.

»Also schön«, sagte er. »Bis Mitternacht bin ich zurück.«

»He!«, rief ihm Marcia nach. »Du hast die Spinnen vergessen.«

»Mist«, murmelte Septimus.

*2*
DIE ZAUBERERALLEE

 

 

Septimus trat auf die silberne Wendeltreppe in der Spitze des Turms.

»Zur Halle, bitte«, sagte er.

Die Treppe setzte sich langsam in Bewegung, und während sie sich wie ein riesiger Korkenzieher nach unten drehte, hielt Septimus das Spinnenglas in die Höhe und betrachtete seine Insassen. Ihre Zahl war mittlerweile auf fünf geschrumpft, und er fragte sich, ob er das haarige Exemplar nicht schon einmal gesehen hatte.

Die haarige Spinne starrte ihn hasserfüllt an. Sie hatte ihn mit Sicherheit schon einmal gesehen. Viermal, um genau zu sein, wie die Spinne grimmig dachte. Viermal hatte er sie eingefangen, in das Glas gesperrt und draußen wieder ausgekippt. Der Lümmel konnte von Glück sagen, dass sie ihn nicht schon früher gebissen hatte. Aber diesmal war wenigstens anständige Verpflegung im Glas. Die zarten jungen Spinnen hatten trefflich gemundet, auch wenn sie die beiden eine ganze Weile im Glas hatte herumhetzen müssen. Die Haarige machte es sich bequem und fand sich damit ab, dass sie wieder einmal unfreiwillig auf Reisen ging.

Die silberne Wendeltreppe drehte sich langsam, und während sie Septimus und seinen Fang durch den Zaubererturm nach unten beförderte, winkten ihm mehrere Gewöhnliche Zauberer freundlich zu, die in den unteren Stockwerken wohnten und soeben ihr Tagewerk begannen.

Die Aufregung war groß gewesen, als Septimus im Zaubererturm eintraf. Marcia Overstrand kehrte nicht nur im Triumph zurück, nachdem sie den Turm und die ganze Burg von einem Schwarzkünstler befreit hatte, sondern brachte obendrein auch noch einen Lehrling mit. Davor hatte sie das Amt der Außergewöhnlichen Zauberin zehn Jahre lang ohne einen Lehrling versehen, so dass man unter den Gewöhnlichen Zauberern hinter vorgehaltener Hand schon gemäkelt hatte, sie sei viel zu wählerisch. »Meine Güte, was hofft Madam Marcia denn zu finden? Den siebten Sohn eines siebten Sohns? Haha!« Aber genau das war Madam Marcia Overstrand geglückt. Sie hatte Septimus Heap gefunden, den siebten Sohn des mittel- und talentlosen Zauberers Silas Heap, der wiederum der siebte Sohn des ebenso mittellosen, aber weitaus talentierteren Gestaltwandlers Benjamin Heap war.

Die silberne Wendeltreppe kam im Erdgeschoss des Zaubererturms sachte zum Stehen. Septimus hüpfte herunter und durchquerte die große Eingangshalle, wobei er von einer Seite zur anderen sprang und versuchte, die flüchtigen Farben zu fangen, die über den weichen, sandartigen Fußboden huschten. Der Fußboden hatte ihn kommen sehen, und die Worte GUTEN MORGEN, HERR LEHRLING flimmerten vor ihm über die tanzenden Muster, als er auf die Tür aus massivem Silber zusteuerte, die den Eingang zum Turm bewachte. Septimus murmelte das Losungswort, und lautlos schwang die Tür vor ihm auf. Ein heller Sonnenstrahl fiel in die Halle und ließ die magischen Farben verblassen.

Septimus trat hinaus in den warmen Sommermorgen. Er wurde bereits erwartet.

»Marcia lässt dich heute aber früh gehen«, rief ihm Jenna Heap entgegen. Sie hockte auf der untersten Stufe der riesigen Marmortreppe, die in den Zaubererturm führte, und ließ unbekümmert die Füße gegen den warmen Stein baumeln. Sie trug ein einfaches rotes Kleid mit goldener Borte, dazu eine goldene Schärpe um die Hüfte und feste Sandalen an den schmutzigen Füßen. Ihr langes dunkles Haar bändigte ein schmales goldenes Diadem, das wie eine Krone auf ihrem Kopf saß. Ihre dunklen Augen blitzten schelmisch, als sie ihren Adoptivbruder anschaute. Er sah so unordentlich aus wie eh und je. Sein gelocktes strohblondes Haar war ungekämmt und seine grüne Lehrlingstracht voller Staub aus der Bibliothek, doch der goldene Drachenring an seinem rechten Zeigefinger funkelte so hell wie immer.

Jenna freute sich, ihn zu sehen.

»Hallo, Jenna«, grüßte Septimus lächelnd und blinzelte mit seinen leuchtend grünen Augen in die Sonne. Er winkte ihr mit dem Spinnenglas zu.

Jenna fuhr von der Stufe in die Höhe und starrte auf das Glas. »Dass du die Spinnen ja nicht in meiner Nähe freilässt!«, warnte sie ihn.

Septimus hopste die Treppe hinunter und schlenkerte im Vorbeigehen mit dem Glas vor ihrem Gesicht herum. Er lief zu dem Brunnen am Rand des Hofes und schüttelte die Spinnen vorsichtig aus dem Glas. Sie fielen alle in den Eimer. Die Haarige stärkte sich noch rasch mit einem Imbiss und krabbelte dann an dem Seil entlang wieder nach oben. Die drei verbliebenen Spinnen blickten ihr hinterher und beschlossen, vorerst im Eimer zu bleiben.

»Manchmal«, sagte Septimus, als er wieder bei Jenna an der Treppe war, »habe ich den Verdacht, dass die Spinnen postwendend in die Bibliothek zurückkehren. Heute habe ich sogar eine wiedererkannt.«

»Red keinen Quatsch, Sep. Wie willst du denn eine Spinne wiedererkennen?«

»Nun ja«, erwiderte er, »ich bin mir ziemlich sicher, dass sie mich erkannt hat. Darum hat sie mich auch gebissen, glaube ich.«

»Sie hat dich gebissen? Ist ja schrecklich! Wo denn?«

»In der Bibliothek.«

»Nein, wo sie dich gebissen hat.«

»Ach so. Hier.« Er hielt ihr den Daumen hin.

»Ich kann nichts sehen«, mäkelte sie.

»Weil Marcia Gift drauf getan hat.«

»Gift?«

»Tja, bei uns Zauberern macht man das so«, sagte Septimus mit wichtiger Miene.

»Ach, ihr Zauberer«, lachte Jenna spöttisch, stand auf und zupfte ihn am Ärmel seiner grünen Kutte. »Ihr Zauberer seid alle verrückt. Und da wir gerade von Verrückten reden, wie geht es Marcia?«

Septimus stieß mit dem Fuß einen Kieselstein zu Jenna hinüber.

»Sie ist nicht verrückt«, sagte er verteidigend. »Aber der Schatten folgt ihr auf Schritt und Tritt. Und es wird immer schlimmer. Selbst ich kann ihn inzwischen sehen.«

»Iiih, ist ja gruselig.« Jenna kickte den Stein zu ihm zurück, und Steinfußball spielend liefen sie über den Hof zu dem hohen silbernen Torbogen, der innen mit tiefblauem Lapislazuli ausgekleidet war. Er hieß Großer Bogen und verband den Hof des Zaubererturms mit der breiten Zaubererallee, die in schnurgerader Linie zum Palast führte.

Septimus verscheuchte alle Gedanken an Schatten, rannte vor Jenna unter den Großen Bogen, drehte sich um und rief: »Auf jeden Fall hat mir Marcia heute freigegeben.«

»Den ganzen Tag?«, fragte Jenna erstaunt.

»Den ganzen Tag. Bis Mitternacht. Ich kann dich also nach Hause begleiten und Mum besuchen.«

»Und mich. Du musst den heutigen Tag auch mit mir verbringen. Ich habe dich eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Und morgen fahre ich zu Tante Zelda, um das Drachenboot zu besuchen. In ein paar Tagen ist Mittsommer, falls du es vergessen hast.«

»Wie könnte ich. Marcia redet ja ständig davon, wie wichtig das ist. Hier, ich hab ein Geschenk für dich.« Septimus fischte den Schokoladen-Charm aus der Tasche und reichte ihn Jenna.

»Oh, das ist lieb von dir, Sep. Äh, und was ist das genau?«

»Ein Geschmacks-Charm. Damit kannst du alles, was du willst, in Schokolade verwandeln. Ich hab mir gedacht, das könnte bei Tante Zelda ganz nützlich sein.«

»He, damit könnte ich ja ihre Kohl- und Sardineneintöpfe in Schokolade verwandeln.«

»Kohl- und Sardineneintopf …«, seufzte Septimus, dem das Wasser im Mund zusammenlief. »Du ahnst ja nicht, wie sehr ich Tante Zeldas Kochkünste vermisse.«

»Da bist du aber der Einzige«, lachte Jenna.

»Ich weiß, deshalb hab ich mir gedacht, dass dir der Charm bestimmt gefällt. Am liebsten würde ich dich begleiten und Tante Zelda besuchen.«

»Das geht nicht, denn ich bin die Königin.«

»Seit wann das denn?«

»Zumindest werde ich Königin. Du bist nur ein kleiner Lehrling.« Jenna streckte ihm die Zunge heraus und rannte, von Septimus verfolgt, aus dem Schatten des Großen Bogens hinaus in die Hitze der Zaubererallee.

Die Allee lag hell und wie ausgestorben vor ihnen in der Sonne. Sie war bis hinüber zum Palasttor, das in der Ferne golden glänzte, mit großen weißen Kalksteinplatten ausgelegt und von hohen silbernen Pfählen gesäumt, an denen Fackeln steckten, die sie bei Dunkelheit beleuchteten. Heute Morgen steckten dort jedoch nur verkohlte, die in der Nacht abgebrannt waren und von Maizie Smalls, dem Fackelanzünder, am Abend durch frische ersetzt werden würden. Septimus sah gerne zu, wenn Maizie die Fackeln anzündete. Von seinem Turmzimmer aus hatte er einen guten Blick auf die Allee, und Marcia ertappte ihn oft dabei, wie er abends zur Anzündzeit, wenn er eigentlich seine Zaubersprüche büffeln sollte, verträumt aus dem Fenster schaute.

Jenna und Septimus traten aus der heißen Sonne in den kühleren Schatten der niedrigen Häuser, die sich, etwas zurückgesetzt, entlang der Allee reihten. Diese Häuser zählten zu den ältesten der Burg und bestanden aus hellen verwitterten Steinen, an denen im Lauf der Jahrtausende Regen, Hagel und Frost und gelegentlich auch kriegerische Gefechte ihre Spuren hinterlassen hatten. Hier waren die zahlreichen Schreibstuben und Druckereien untergebracht, in denen all die Bücher, Schriften, Traktate und Abhandlungen entstanden, die von den Bewohnern der Burg gelesen wurden.

Beetle, der als Prüfgehilfe und Mädchen für alles in Nummer dreizehn arbeitete, hockte faul in der Sonne und nickte Septimus freundlich zu. Haus Nummer dreizehn hob sich von all den anderen Geschäften und Kontoren ab. Es war das einzige, hinter dessen Fenstern so hoch Papier gestapelt war, dass man nicht hineinsehen konnte, und obendrein war es unlängst lila gestrichen worden, was beim Verein zur Erhaltung der Zaubererallee helle Empörung ausgelöst hatte. Nummer dreizehn beherbergte das Magische Manuskriptorium und die Zauberprüfstelle, deren Dienste Marcia und die meisten Zauberer regelmäßig in Anspruch nahmen.

Jenna und Septimus hatten fast das Ende der Zaubererallee erreicht, als sie hinter sich Hufgetrappel vernahmen, das auf der leeren Straße widerhallte. Sie drehten sich um und erblickten in einiger Entfernung einen schwarzen, staubbedeckten Reiter, der auf einem großen schwarzen Pferd zum Manuskriptorium galoppierte. Dort angekommen, sprang er vom Pferd, band es an und stürmte ins Haus, dicht gefolgt von Beetle, der über Kundschaft so früh am Morgen sichtlich überrascht war.

»Wer das wohl sein mag?«, sagte Septimus. »Den habe ich hier noch nie gesehen. Du?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Jenna nachdenklich. »Irgendwie kommt er mir bekannt vor, aber ich weiß nicht, woher.«

Septimus antwortete nicht. Von dem Spinnenbiss war plötzlich ein stechender Schmerz in seinen Arm gefahren, und aus irgendeinem Grund musste er an den Schatten denken, den er am Morgen gesehen hatte. Er erschauderte.

*3*
EIN DUNKELPFERD

 

 

Gudrun die Große hielt am Palasttor Wache. Sie schwebte gut einen Meter über dem Boden und döste friedlich in der Sonne. Gudrun, die ein sehr alter Geist war und zu den allerersten Außergewöhnlichen Zauberinnen gehört hatte, träumte von jenen fernen Tagen, als der Zaubererturm noch neu war. In der grellen Sonne war sie fast unsichtbar, und Jenna und Septimus sprachen so angelegentlich über den geheimnisvollen Reiter, dass sie mitten durch sie hindurchgingen. Gudrun die Große hielt sie irrtümlich für ein Zwillingspaar, das vor langer, langer Zeit bei ihr in die Lehre gegangen war, und nickte ihnen verträumt zu.

Im Jahr zuvor hatte Alther Mella die Aufgabe übernommen, die Geschicke der Burg und des Palastes zu lenken, bis Jenna alt genug war, um Königin zu werden. Und nachdem er zehn Jahre lang hatte mit ansehen müssen, wie die verhassten Gardewächter vor dem Palast patrouillierten und die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzten, hielt er es für besser, wenn nie wieder Soldaten den Palast bewachten. Aus diesem Grund hatte er, der selbst ein Geist war, die Alten gebeten, als Wächter einzuspringen. Die Alten waren ältere Geister, von denen viele mindestens fünfhundert Jahre auf dem Buckel hatten, und manche, wie Gudrun, sogar noch mehr. Da ein Geist mit zunehmendem Alter immer durchscheinender wird, waren die meisten von ihnen kaum noch zu sehen. Jenna hatte sich noch nicht daran gewöhnt, durch eine Tür zu schreiten und hinterher feststellen zu müssen, dass sie mitten durch den dösenden Zweiten Hüter des königlichen Bettpfostens oder irgendeinen anderen alten Würdenträger gegangen war. Meist bemerkte sie ihren Fehler erst, wenn eine zittrige Stimme »Wünsche einen guten Morgen, schöne Maid« hinter ihr säuselte und der Geist, den sie unsanft geweckt hatte, sich zu erinnern versuchte, wo er war. Zum Glück hatte sich der Palast seit seinem Entstehen kaum verändert, so dass sich die meisten Alten noch leidlich darin zurechtfanden. Viele waren ehemalige Außergewöhnliche Zauberer, und verblasste lila Mäntel, die durch das Labyrinth der endlosen Korridore und Räume huschten, waren kein ungewöhnlicher Anblick.

»Ich glaube«, sagte Jenna, »ich bin eben wieder durch Gudrun hindurchgegangen. Hoffentlich macht es ihr nichts aus.«

»Also ich finde es immer noch komisch, dass alte Geister die Tore bewachen«, erwiderte Septimus und musterte seinen Daumen, der, wie er mit großer Erleichterung feststellte, anscheinend wieder ganz heil war. »Da kann jeder einfach reinspazieren!«

»Aber das ist ja gerade der Witz«, sagte Jenna. »Jeder soll reinspazieren können. Der Palast ist für jeden Bewohner der Burg da. Wir brauchen keine Wächter mehr, die Leuten den Zutritt verwehren.«

»Hmmm«, machte Septimus, »aber es könnte gewisse Leute geben, denen man den Zutritt verwehren muss.«

»Manchmal siehst du alles viel zu ernst, Sep. Wenn du mich fragst, hockst du viel zu oft da oben in dem miefigen alten Turm. Los, wer schneller ist.«

Sie rannte los. Septimus sah ihr nach, wie sie über den Rasen vor dem Palast flitzte, der jetzt, im Hochsommer, trocken und braun war. Die große Rasenfläche wurde durch einen Zugangsweg, der zum eigentlichen Palasteingang führte, in zwei Hälften geteilt. Der Palast war eines der ältesten Gebäude der Burg. Er war noch im alten Stil erbaut und hatte Schießscharten und Zinnen. Die Außenmauer umgab ein flacher Zierwassergraben, in dem furchteinflößende Schnappschildkröten lebten. Der vorige Bewohner, der Oberste Wächter, hatte sie zurückgelassen, und es war nahezu unmöglich, sie wieder loszuwerden. Über den Graben spannte sich eine breite niedrige Brücke und mündete in das schwere Eichentor, dessen Flügel an diesem heißen Morgen weit offen standen.

Septimus mochte den Palast inzwischen. Seine Fassade, deren gelbes Mauerwerk warm in der Sonne leuchtete, wirkte freundlich und einladend. Als Soldat der Jungarmee hatte Septimus häufig vor dem Tor Wache gestanden. Aber damals war der Palast für ihn noch ein düsteres Gemäuer gewesen, in dem der gefürchtete Oberste Wächter lebte. Dennoch hatte ihm der Wachdienst nichts ausgemacht. Zwar hatte er häufig gefroren und sich gelangweilt, aber wenigstens hatte er sich nicht zu ängstigen brauchen wie bei den meisten anderen Pflichten, die ihm in der Jungarmee abverlangt worden waren.

Im Sommer sah er häufig Billy Pot, dem königlichen Rasenschneider, bei der Arbeit zu. Billy hatte eine merkwürdige Maschine erfunden, die das Gras für ihn mähen sollte. Was sie manchmal tat, manchmal aber auch nicht. Das hing ganz davon ab, wie groß der Hunger der Graseidechsen war, die Billy in die Maschine gesperrt hatte. Die Graseidechsen waren sein Geheimnis. Zumindest bildete er sich das ein. Aber die meisten Leute wussten, wie die Maschine funktionierte. Und das war ganz einfach: Billy schob die Maschine über den Rasen, und dabei fraßen die Eidechsen das Gras. Wenn sie es nicht taten, warf sich Billy ins Gras und schrie.

Unten am Fluss hielt Billy Pot in Gehegen viele hundert Graseidechsen, und jeden Morgen suchte er die zwanzig hungrigsten aus, sperrte sie in den Kasten vorn am Rasenmäher und schob sie zum Palastrasen. Billy hoffte, eines Tages mit dem Mähen des letzten Rasenstücks fertig zu werden, bevor es Zeit wurde, wieder beim ersten zu beginnen. Hie und da hätte er nämlich gern einen freien Tag gehabt. Aber dazu kam es nie. Denn wenn er die Mähmaschine endlich über die gesamte riesige Rasenfläche geschoben und das Eidechsenvolk seine Pflicht getan hatte, musste er schon wieder von vorne anfangen.

Als Septimus jetzt über das Gras lief und Jenna einzuholen versuchte, die ihm weit enteilt war, vernahm er das wohlvertraute Scheppern, und gleich darauf erschien Billy Pot. Er schob seine Maschine über den breiten Weg, der am Wassergraben entlangführte, und strebte bedächtig dem Rasenstück zu, das er sich für heute vorgenommen hatte. Septimus rannte so schnell er konnte, damit Jennas Vorsprung nicht zu groß wurde. Aber sie war größer und schneller, obwohl sie genau gleich alt waren. Bald hatte sie die Brücke erreicht.

Sie blieb stehen und wartete, bis Septimus sie eingeholt hatte. »Komm«, keuchte sie, »suchen wir Mum.«

Sie gingen über die Brücke zum Palasteingang. Der Alte an der Tür war wach. Er saß auf einem kleinen goldenen Stuhl, der in der Sonne stand, und hatte mit liebevollem Schmunzeln beobachtet, wie sie näher gekommen waren. Er strich seinen lila Mantel glatt, denn auch er war zu seiner Zeit ein hochangesehener Außergewöhnlicher Zauberer gewesen, und schenkte Jenna ein Lächeln. »Guten Morgen, Prinzessin«, grüßte er, und seine dünne Geisterstimme klang wie aus weiter Ferne. »Wie schön, dich zu sehen. Und auch unserem Herrn Lehrling einen guten Morgen. Was machen die Verwandlungskünste? Hast du die Dreifach-Transformation noch geschafft?«

»Fast«, grinste Septimus.

»Braver Junge«, lobte der Alte.

»Guten Morgen, Godric«, sagte Jenna. »Wissen Sie zufällig, wo meine Mutter ist?«

»Zufällig ja, Prinzessin. Madam Sarah wollte in den Gemüsegarten, um Kräuter zu holen. Ich empfahl ihr, das Küchenmädchen zu schicken, aber sie bestand darauf, selbst zu gehen. Eine wunderbare Frau, deine Mutter«, sagte der Alte wehmütig.

»Vielen Dank, Godric«, sagte Jenna. »Wir werden sie schon … He, was ist denn?«

Septimus hatte sie am Arm gepackt. »Sieh mal da«, sagte er und deutete auf eine Staubwolke, die sich dem Palasttor näherte.

Der Alte schwebte, noch in Sitzhaltung, von seinem Stuhl in die Höhe und spähte, vor dem Eingang in der Luft verharrend, in die Sonne.

»Ein Dunkelpferd«, meldete seine dünne Stimme. »Und ein Dunkelreiter.«

Septimus zog Jenna in den Schatten hinter dem Geist.

»Was tust du denn?«, protestierte Jenna. »Es ist doch nur der Reiter, den wir vorhin schon gesehen haben. Lass uns schauen, wer er ist.«

Sie trat zurück in die Sonne und beobachtete, wie der Reiter näher kam. Er saß nach vorne gebeugt im Sattel und trieb sein Pferd an. Sein schwarzer Mantel flatterte im Wind. Am Tor hielt er nicht an, sondern galoppierte einfach durch Gudrun die Große hindurch und hetzte die Zufahrt herauf. Unglücklicherweise war Billy Pot noch auf dem Weg zu seinem Rasenstück. Er hatte die Mähmaschine gerade auf die Zufahrt geschoben, als das Pferd heranpreschte. Um ihm auszuweichen, musste Billy mit seiner Maschine abrupt die Richtung ändern. Billy schaffte es, aber die Maschine nicht. Hastige Bewegungen nicht gewohnt, zerfiel sie dort, wo sie stand, in ihre Einzelteile. Die Graseidechsen stoben nach allen Seiten davon, und Billy Pot starrte fassungslos auf den Blechhaufen, der mitten auf der Palastzufahrt lag.

Der Reiter galoppierte weiter, ohne Billy Pots Verlust und die flüchtenden Eidechsen zu bemerken. Die trommelnden Hufe seines Pferdes wirbelten Staub auf, als er sich dem Palast näherte.

Jenna und Septimus hatten erwartet, dass er den üblichen Weg zu den Ställen hinter dem Palast einschlagen würde, doch zu ihrem Erstaunen kam er über die Brücke gedonnert. Gekonnt und ohne das Tempo des Pferdes zu bremsen, sprengte er über die Türschwelle und mitten durch Godric hindurch. Jenna spürte die feuchte Wärme des Tieres, als es dicht an ihr vorüberflog. Pferdegeifer klatschte auf ihr Kleid und hinterließ einen großen nassen Fleck. Sie fuhr herum, um sich zu beschweren, doch der Reiter war schon vorbei. In vollem Galopp durchquerte er die Halle. Die Pferdehufe schlitterten über die Fliesen, Funken stoben, und er bog scharf nach links in den dunklen Langgang ein. Der Langgang war ein anderthalb Kilometer langer Korridor, der den Palast wie ein Rückgrat durchzog.

Godric rappelte sich vom Boden auf und brummte: »Eine Kälte … eine Kälte ist durch mich hindurchgegangen.« Zitternd sank er auf seinen Stuhl und schloss die durchscheinenden Augen.

»Alles in Ordnung, Godric?«, fragte Jenna besorgt.

»Doch, doch«, wisperte der alte Geist. »Danke der Nachfrage, Euer Ehren, äh, danke, Prinzessin, wollte ich sagen.«

»Ist auch wirklich alles in Ordnung?« Jenna sah den Geist forschend an, doch der war bereits eingeschlafen.

»Los, Sep«, flüsterte Jenna. »Lass uns nachsehen, was hier los ist.«

Nach der grellen Sonne draußen kam es ihnen im Innern des Palastes dunkel vor. Jenna und Septimus rannten durch die Haupthalle zum Langgang und spähten in den scheinbar endlosen, schwach erleuchteten Korridor, doch von dem Reiter war nichts mehr zu sehen oder zu hören.

»Er ist verschwunden«, flüsterte Jenna. »Vielleicht war es ein Geist.«

»Komischer Geist«, erwiderte Septimus und deutete auf den verblassten roten Teppich, der die großen alten Fliesen bedeckte. Deutlich waren darauf Hufabdrücke zu erkennen. Sie folgten ihnen in den Ostteil des Korridors. Früher, bevor der Oberste Wächter den Palast bewohnte, hatte der Langgang Kunstwerke wie kostbare Statuen, herrliche Wandbehänge und prunkvolle Gobelins beherbergt, aber jetzt war er nur noch ein Schatten einstiger Pracht. Zehn Jahre lang hatte der Oberste Wächter hier geherrscht, und in dieser Zeit hatte er alle Schätze des Palastes verkauft, weil er Geld für seine verschwenderischen Bankette brauchte. Jenna und Septimus kamen jetzt an ein paar alten Gemälden einstiger Königinnen und Prinzessinnen vorbei, die man aus dem Keller geborgen hatte, und auch an mehreren leeren Holztruhen mit aufgebrochenen Schlössern und verbogenen Scharnieren. Nach drei Königinnen, die alle etwas muffig dreinblickten, und einer schielenden Prinzessin bogen die Hufabdrücke scharf rechts ab und verschwanden durch die Flügeltür des Ballsaals. Die Tür stand sperrangelweit offen, und die beiden folgten der Spur nach drinnen. Von Pferd und Reiter war nichts zu sehen.

Septimus stieß einen leisen Pfiff aus. »Ganz schön geräumig, die gute Stube.«

Der Ballsaal war in der Tat riesig. Zu der Zeit, als der Palast erbaut wurde, so hieß es, hatte die gesamte Einwohnerschaft der Burg im Ballsaal Platz gefunden. Heute stimmte das zwar nicht mehr, aber er war immer noch der größte Raum in der ganzen Burg. Der Saal war haushoch, und die gewaltigen, aus vielen Buntglasscheiben bestehenden Fenster reichten vom Fußboden bis zur Decke und warfen allerlei Regenbogenfarben auf das glänzende Parkett. Der untere Teil der Fenster stand wegen der Hitze an diesem Sommermorgen offen. Sie gingen hinaus auf den Rasen hinter dem Palast, der zum Fluss hinunterführte.

»Er ist fort«, sagte Jenna.

»Oder hat sich in Luft aufgelöst«, raunte Septimus. »Wie sagte der Alte: ein Dunkelpferd und ein Dunkelreiter.«

»Sei nicht albern«, sagte Jenna. »So hat er das nicht gemeint. Du warst zu lange da oben im Turm mit deiner schreckhaften Zauberin und ihrem Schatten zusammen. Sieh doch, er ist durch das Fenster da hinaus.«

»Das kannst du doch nicht wissen«, widersprach ihr Septimus leicht beleidigt, weil sie ihn albern genannt hatte.

»Und ob ich kann«, sagte Jenna und deutete auf ein paar Pferdeäpfel, die auf der Stufe dampften. Septimus verzog das Gesicht. Vorsichtig traten sie hinaus auf die Terrasse.

In diesem Augenblick hörten sie Sarah Heap schreien.

*4*
SIMONS RÜCKKEHR

 

 

»Eine kleine Botenratte hätte genügt«, sagte Sarah Heap gerade unter Tränen zu dem schwarz gekleideten Reiter, als Jenna und Septimus das Tor des Gemüsegartens erreichten, den eine Mauer umgab. Der Reiter war abgestiegen und kehrte ihnen den Rücken zu. Mit der einen Hand hielt er sein Pferd fest, mit der anderen tätschelte er Sarah, die ihm die Arme um den Hals geschlungen hatte.

Sarah Heap wirkte neben dem Mann klein und zerbrechlich. Das blonde Haar hing ihr zottelig auf die Schultern herab, und ihr langes blaues Baumwollkleid mit der goldenen Palastborte an Ärmeln und Saum konnte nicht verbergen, dass sie seit ihrer Rückkehr in die Burg abgemagert war. Doch ihre grünen Augen, mit denen sie zu dem schwarzen Reiter aufblickte, strahlten vor Erleichterung.

»Eine einzige Nachricht hätte genügt, um mich wissen zu lassen, dass du wohlauf bist«, schalt Sarah. »Mehr hätte ich nicht gebraucht. Hätten wir nicht gebraucht. Dein Vater war krank vor Sorge. Wir dachten, wir würden dich nie wiedersehen … Über ein Jahr warst du fort, und nicht ein Wort von dir. Du bist wirklich ein ungezogener Junge, Simon.«

»Ich bin kein Junge mehr, Mutter. Ich bin jetzt ein Mann. Ich bin zwanzig Jahre alt, falls du das vergessen hast.« Simon Heap löste sich aus der Umarmung seiner Mutter und trat zurück, da er sich plötzlich beobachtet fühlte. Er fuhr herum und sah seinen jüngsten Bruder und seine Adoptivschwester am Gartentor stehen. Er wirkte über den Anblick nicht besonders erfreut und wandte sich wieder seiner Mutter zu.

»Und davon abgesehen«, fuhr er in beleidigtem Ton fort, »brauchst du mich sowieso nicht mehr. Jetzt, wo du deinen lang vermissten, heißgeliebten siebten Sohn wiederhast. Zumal er es weit gebracht und mir die Lehrstelle weggeschnappt hat.«

»Hör auf damit, Simon«, protestierte Sarah. »Bitte, lass uns nicht gleich wieder streiten. Septimus hat dir nichts weggeschnappt. Man hat dir die Lehre doch niemals angeboten.«

»Man hätte es aber, wenn diese Rotznase nicht aufgetaucht wäre.«

»Simon! Ich will nicht, dass du so über Septimus sprichst. Er ist dein Bruder.«

»Ja, wenn es wahr ist, was Zelda, die alte Hexe, in dem schmutzigen Tümpel gesehen hat. Ich glaube nicht, dass es wahr ist.«

»Und sprich gefälligst nicht so über deine Großtante, Simon«, sagte Sarah leise. Langsam wurde sie ungehalten. »Was ich gesehen habe, was wir alle gesehen haben, ist wahr. Das weiß ich. Septimus ist mein Sohn. Und er ist dein Bruder. Es wird Zeit, dass du das akzeptierst, Simon.«

Septimus schlüpfte in den Schatten des Gartentors zurück. Das Gehörte stimmte ihn traurig, aber es überraschte ihn nicht. Er erinnerte sich nur zu gut daran, was Simon am Abend seines Lehrlingsessens in Tante Zeldas Hütte gesagt hatte. Diese Nacht in den Marram-Marschen war die erstaunlichste Nacht seines Lebens gewesen, denn er wurde nicht nur Marcias Lehrling, sondern er erfuhr auch, wer er wirklich war – der siebte Sohn von Sarah und Silas Heap. Doch in den frühen Morgenstunden nach der Feier kam es zwischen Simon und ihren Eltern zu einem furchtbaren Streit. Simon stürzte erbost davon, sprang in ein Kanu und paddelte bei Dunkelheit in die Marschen hinaus, zum Entsetzen ihrer Mutter (und ihres Bruders Nicko, der das Kanu erst kürzlich erworben hatte). Seitdem hatte man Simon nicht mehr gesehen – bis heute.

»Sollten wir nicht zu ihm gehen und hallo sagen, Sep?«, flüsterte Jenna.

Septimus schüttelte zögernd den Kopf.

»Geh du«, forderte er Jenna auf. »Mich will er nicht sehen, glaube ich.«

Er blieb im Schatten und sah ihr nach, wie sie den Garten durchquerte und den Kopfsalat, den Simons Pferd platt getrampelt hatte, umkurvte.

»Hallo, Simon«, grüßte Jenna und lächelte schüchtern.

»Ah«, rief Simon in leicht spöttischem Ton, »ich hatte gehofft, dich hier zu finden, in deinem Palast. Guten Morgen, Eure Majestät.«

»Noch werde ich nicht so angeredet, Simon«, erwiderte Jenna leicht verunsichert. »Erst wenn ich Königin bin.«

»Königin, ah ja – und sind wir dann auch vornehme Leute? Oder wirst du mit unsereins überhaupt noch sprechen, wenn du Königin bist?«

Sarah seufzte. »Hör auf damit, Simon.«

Simon sah seine Mutter an, dann Jenna. Seine Miene verfinsterte sich noch mehr, als er durch die offene Gartentür blickte. Seine grünlich schwarzen Augen glitten über das helle, freundliche Gemäuer des alten Palastes und seine beschaulichen Grünanlagen. Wie sehr unterschied sich das alles von dem chaotischen Zimmer, in dem er zusammen mit seinen fünf jüngeren Brüdern und seiner kleinen Adoptivschwester Jenna aufgewachsen war. Ja, es unterschied sich so sehr, dass er nicht mehr das Gefühl hatte, mit seiner Familie etwas gemeinsam zu haben. Am wenigsten mit Jenna, die ja ohnehin keine Blutsverwandte war. Sie war nichts weiter als ein Kuckucksei, das man ihnen ins Nest gelegt hatte, und wie jeder Kuckuck hatte sie das Nest in Beschlag genommen und zerstört.

»Na schön, Mutter«, sagte Simon schroff. »Ich höre damit auf.«

Sarah lächelte zögerlich. Sie erkannte ihren ältesten Sohn kaum wieder. Der Mann, der da in einem schwarzen Umhang vor ihr stand, kam ihr wie ein Fremder vor. Und nicht wie jemand, den sie sehr gern hatte.

»Na, Schwesterchen«, fuhr Simon etwas zu freundlich fort, »wie wär’s mit einem kleinen Ausritt auf meinem Donner?« Er tätschelte stolz das Pferd.

»Also, ich weiß nicht«, sagte Sarah.

»Warum denn nicht, Mutter? Hast du kein Vertrauen zu mir?«

Sarah schwieg nur eine Sekunde zu lange. »Aber natürlich«, antwortete sie.

»Ich bin nämlich ein guter Reiter, musst du wissen. Im vergangenen Jahr bin ich oft durch die Berge und Täler im Grenzland geritten.«

»Was? Durch die Ödlande?«, fragte Sarah mit Argwohn in der Stimme. »Was hast du denn dort gemacht?«

»Oh, dies und das, Mutter«, antwortete Simon ausweichend und machte plötzlich einen Schritt auf Jenna zu. Sarah trat vor, wie um ihn aufzuhalten, aber er war schneller. Mit einer einzigen Bewegung hob er Jenna in die Höhe und setzte sie aufs Pferd.

»Wie gefällt dir das?«, fragte er. »Donner ist ein schönes Tier, findest du nicht?«

»Schon …«, antwortete Jenna unsicher, während der Rappe unter ihr tänzelte, als könnte er es nicht erwarten, loszugaloppieren.

»Wir reiten nur die Allee entlang, einverstanden?«, sagte Simon, und seine Stimme klang fast wie früher. Dann stellte er den Fuß in den Steigbügel und schwang sich hinter Jenna in den Sattel. Sarah wusste nicht, wie ihr geschah. Auf einmal blickte ihr ältester Sohn von oben auf sie herab und war im Begriff, etwas zu tun, wovon sie ihn nicht abhalten konnte.

»Nein, Simon, ich finde, Jenna sollte …«

Simon trat dem Pferd in die Flanken und riss an den Zügeln. Das Tier wirbelte herum, zertrampelte den Thymian, den Sarah hatte pflücken wollen, und preschte zum Gartentor hinaus und außen um den Palast herum. Sarah rannte hinterher und rief: »Simon! Simon! Komm zurück …!«

Doch er war schon fort. Nur Staubwolken, die das Pferd aufgewirbelt hatte, schwebten noch über dem Weg.

Sarah wusste nicht, warum sie Angst bekam. Schließlich hatte ihr Sohn seine Schwester nur zu einem Ausritt mitgenommen. Was war daran nicht in Ordnung? Sie blickte sich um. Wo steckte eigentlich Septimus? Sie war sich sicher, dass sie ihn vorhin mit Jenna hatte kommen sehen. Doch er war nicht da. Sie seufzte. Sie hatte es sich nur eingebildet. Wunschdenken, mehr nicht. Wieder einmal. Sie fasste einen Entschluss. Sobald Simon und Jenna zurück waren, wollte sie zum Zaubererturm gehen und Septimus für einen Tag zu sich holen. Immerhin musste Jenna morgen zum Drachenboot reisen, und es wäre schön, wenn Septimus sie vorher noch sehen könnte. Sie würde keinen Einwand von dieser Marcia Overstrand gelten lassen. Septimus brauchte mehr Zeit für seine Schwester, und auch für sie, seine Mutter. Und wenn Simon Gelegenheit hätte, ihn besser kennen zu lernen, würden vielleicht auch diese Spannungen aufhören.

Ganz in Gedanken kniete sich Sarah hin und versuchte, von drei entlaufenen Graseidechsen beobachtet, den zertrampelten Thymian zu retten, während sie auf Jennas und Simons Rückkehr wartete.

*5*
DONNER

 

 

Jenna klammerte sich an die drahtige Mähne des Rappen, als Simon über den Palastrasen galoppierte und die Graseidechsen auseinander scheuchte, die Billy Pot eben erst wieder zusammengetrieben hatte.

Jenna liebte Pferde. Sie hatte selbst eines im Stall stehen, mit dem sie jeden Tag ausritt. Sie war eine gute und beherzte Reiterin. Warum also hatte sie jetzt Angst? Weil Donner in halsbrecherischem Tempo durch das Palasttor preschte? Oder weil Simon das Pferd so brutal antrieb? An seinen schwarzen Stiefeln trug er scharfe Sporen, nicht nur der Schau wegen. Zweimal schon hatte Jenna gesehen, wie er sie dem Pferd in die Flanken stieß, und ebenso wenig gefiel ihr, wie er an den Zügeln zerrte.

Simon ritt mitten auf der Zaubererallee. Er schaute weder links noch rechts und achtete überhaupt nicht darauf, ob jemand die Straße überqueren wollte – zufällig war es in diesem Augenblick Professor Weasal Van Klampff. Nicht ahnend, dass Marcia unterwegs zu ihm war, hatte sich der Professor auf den Weg zu ihr gemacht. Er wollte ihr etwas Wichtiges mitteilen, das nicht für die erstaunlich scharfen Ohren seiner Haushälterin Una Brakket bestimmt war.

Als der Professor versonnen die Zaubererallee überquerte und in Gedanken noch einmal durchging, wie er seinen Verdacht gegen Una Brakket begründen wollte – er war sich sicher, dass sie etwas im Schilde führte –, rechnete er überhaupt nicht damit, dass er von einem vorbeidonnernden großen Rappen umgerissen werden könnte. Doch genau das geschah. Und als der Professor sich wieder aufrappelte, verstört, aber bis auf ein paar Prellungen unverletzt, konnte er sich nicht mehr entsinnen, warum er hier war. Brauchte er vielleicht noch etwas Pergament? Eine neue Schreibfeder? Oder ein Pfund Karotten? Vielleicht sogar zwei? Umringt von dem besorgten Beetle und anderen Gehilfen, die ihm aus benachbarten Geschäften und Schreibstuben zu Hilfe geeilt waren, stand der pummelige kleine Mann mit den halbmondförmigen Brillengläsern und dem struppigen grauen Bart eine Weile mitten auf der Allee, schüttelte den Kopf und versuchte, sich zu erinnern, was ihn hierher geführt hatte. Ein bohrendes Gefühl in seinem Hinterkopf sagte ihm, dass es etwas Wichtiges gewesen war, doch es fiel ihm nicht mehr ein. Weasal Van Klampff schüttelte ein letztes Mal den Kopf, machte kehrt und ging, nicht ohne unterwegs drei Pfund Karotten zu kaufen, wieder nach Hause.

Donner jagte weiter im gestreckten Galopp die Zaubererallee entlang, vorbei an Geschäften, Druckereien und Buchhandlungen, deren stolze Eigentümer gerade damit beschäftigt waren, Handschriften im Sonderangebot und erstklassiges Pergamentpapier auszulegen. Beim Anblick des vorbeipreschenden Rappen hielten sie kurz inne und fragten sich, was die Prinzessin wohl mit dem schwarzen Reiter zu schaffen hatte. Und wozu diese Eile?

Im Nu hatte Donner den Großen Bogen erreicht. Jenna erwartete, dass Simon nun langsamer reiten, das Pferd wenden und zum Palast zurückkehren würde, doch stattdessen riss er kräftig an den Zügeln, und Donner bog scharf nach links ab und jagte den Diebessteig hinunter. In der schmalen Gasse war es dunkel und kühl nach dem hellen Sonnenschein auf der Zaubererallee, und es stank. In der Abflussrinne mitten im Kopfsteinpflaster schwamm dicker brauner Schlamm.

»Wohin reiten wir?«, schrie Jenna, die ihre eigene Stimme kaum hören konnte, weil die Hufschläge von den baufälligen Häusern zu beiden Seiten der Gasse widerhallten und ihr in den Ohren dröhnten. Da Simon keine Antwort gab, schrie sie noch einmal, diesmal lauter.

»Wohin reiten wir?«

Simon antwortete noch immer nicht. Plötzlich schwenkte das Pferd nach links, wich mit knapper Not dem entgegenkommenden Karren eines Fleischpasteten- und Würstchenverkäufers aus und geriet auf dem Schlamm ins Rutschen.

»Simon!«, protestierte Jenna. »Wohin reiten wir?«

»Halt den Mund!«, glaubte Jenna ihn sagen zu hören.

»Was?«

»Du hast genau verstanden. Halt den Mund! Du wirst schon sehen, wohin ich dich bringe.«

Jenna erschrak über den hasserfüllten Ton seiner Stimme. Sie drehte sich um und sah ihn an. Sie hatte gehofft, ihn falsch verstanden zu haben, doch als sie seine kalten Augen sah, wusste sie, dass sie richtig gehört hatte. Grausen packte sie.

Plötzlich änderte der Rappe abermals die Richtung. Es war beinahe so, als wollte Simon mögliche Verfolger abschütteln. Mit einem kräftigen Ruck am Zügel zwang er das Tier brutal nach rechts, und Donner tauchte in die Schlupfgasse ein, einen dunklen Durchgang, den zwei hohe Mauern begrenzten. Simons Augen verengten sich zu Schlitzen, als Donner durch die schmale Gasse jagte und unter seinen Hufen Funken sprühten. Am Ende der dunklen Passage konnte Jenna helles Tageslicht sehen, und noch während sie darauf zuflogen, entschloss sie sich, abzuspringen.

Sie holte tief Luft, als Donner wieder in die Sonne stürmte, doch mit einem Mal bäumte sich das Pferd auf und kam, ohne Simons Zutun, rutschend zum Stehen. Eine kleine Gestalt in grüner Lehrlingstracht versperrte ihnen den Weg und sah das Tier mit durchdringenden Augen an. Donner wurde durch einen Zauber gelähmt.

»Septimus!«, rief Jenna, so froh wie noch nie, ihn zu sehen. »Wie kommst du hierher?«

Septimus antwortete nicht. Er musste sich voll und ganz auf Donner konzentrieren. So etwas Großes wie ein Pferd hatte er noch nie erstarren lassen, und er bezweifelte, dass er gleichzeitig sprechen und den Zauber aufrechterhalten konnte.

»Aus dem Weg, Rotznase!«, schrie Simon. »Sonst reite ich dich nieder.« Zornig gab er dem Pferd die Sporen, aber Donner rührte sich nicht vom Fleck. Jenna witterte ihre Chance, denn Simon war abgelenkt. Sie versuchte einen Hechtsprung, doch er reagierte blitzschnell. Er bekam sie an den Haaren zu fassen und zerrte sie zurück in den Sattel.

»Au!«, schrie Jenna und schlug nach ihm. »Lass mich los.«

»Oh, nein, so haben wir nicht gewettet«, zischte er ihr ins Ohr und krallte seine Hand in ihr Haar, dass es schmerzte.

Septimus reagierte nicht. Er wagte kaum, sich zu bewegen.

»Lass … Jenna … los«, sagte er bedächtig, den Blick immer noch fest auf Donners aufgerissene Augen gerichtet.

»Was mischst du dich ein, Rotznase?«, knurrte Simon ihn an. »Die Sache geht dich nichts an. Du hast nichts mit ihr zu schaffen.«

Septimus wich nicht von der Stelle und starrte Donner weiter an. »Sie ist meine Schwester«, entgegnete er ruhig. »Lass sie los.«

Donner zuckte nervös. Er war zwischen zwei Herren gefangen, und das gefiel ihm gar nicht. Sein alter Herr saß im Sattel, fast wie ein Teil von ihm, und wollte weiter, und sein Wunsch war ihm Befehl. Doch vor ihm stand ein neuer Herr. Und dieser neue Herr wollte ihn nicht vorbeilassen, sosehr ihm sein alter Herr auch die scharfen Sporen in die Flanken drückte. Donner wollte seine dunkelbraunen Augen wegdrehen und sich von dem bannenden Blick des neuen Herrn losreißen, aber es ging nicht. Er wieherte unglücklich.

»Lass Jenna los«, wiederholte Septimus. »Sofort!«

»Und wenn nicht?«, fragte Simon mit einem spöttischen Grinsen. »Belegst du mich dann mit einem deiner jämmerlichen kleinen Zauber? Hör mal, Rotznase, ich habe mehr Macht in meinem kleinen Finger, als du in deinem ganzen armseligen Leben jemals haben wirst. Und wenn du nicht augenblicklich Platz machst, bekommst du sie zu spüren. Verstanden?« Simon deutete mit dem kleinen Finger seiner linken Hand auf Septimus. Jenna stockte der Atem. An dem Finger steckte ein klobiger Ring mit einem Umkehrsymbol darauf. Er kam ihr schrecklich bekannt vor.

Mit einem Ruck befreite Jenna ihren Kopf aus Simons Griff. »Was ist denn nur mit dir, Simon?«, schrie sie. »Du bist doch mein Bruder. Warum bist du so gemein?«

Simon packte sie mit der Linken an der Schärpe, und gleichzeitig verstärkte er den Griff der Rechten, die den Zügel hielt. »Damit das zwischen uns klar ist, Prinzessin«, knurrte er. »Ich bin nicht dein Bruder. Du bist nur ein unerwünschtes Kind, das mein leichtgläubiger Vater eines Abends mit nach Hause gebracht hat. Mehr nicht. Du hast uns nichts als Ärger gemacht, und du hast unsere Familie zerstört. Kapiert?«

Jenna erbleichte. Sie war wie vor den Kopf geschlagen und blickte hilfesuchend zu Septimus. Er schaute kurz zu ihr auf. Ihre Blicke trafen sich, und in derselben Sekunde spürte Donner, dass er frei war. Seine Nüstern blähten sich vor Erregung, seine Muskeln spannten sich, und schon war er fort, galoppierte pfeilschnell zu der gepflasterten Straße, die zum Nordtor führte.

Septimus sah dem Pferd fassungslos nach, bis es verschwunden war. Ihm war ganz schwummrig im Kopf. Der Lähmzauber hatte ihn sehr angestrengt, denn das Pferd hatte sich die ganze Zeit heftig gewehrt – kein Vergleich zu dem Kaninchen, das er normalerweise zur Übung erstarren ließ. Aber er wusste, dass er noch eine letzte Chance hatte, Jenna zurückzuholen, und er schüttelte den Kopf, um die Benommenheit zu verscheuchen. Dann teleportierte er sich, noch ganz zittrig, mit einem Transportzauber zum Nordtor.

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