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Septimus Heap Darke

 

Angie Sage

 

SEPTIMUS HEAP

DARKE

 

Aus dem Englischen von

Reiner Pfleiderer

 

Mit Illustrationen von

Mark Zug

 

Carl Hanser Verlag

 

Inhalt

 

 

7Prolog: Verbannt

 

15  1 Der Besuch

23  2 Besucher

30  3 Der Abend vor dem Geburtstag

43  4 Lehrlinge

54  5 Ausreißer

63  6 Die Entscheidung

75  7 Die Buchbringerin

86  8 Der Chemiekasten

95  9 Wirklich bezaubernd

10610 Im Obergeschoss

11511 Im Dunkelfeld

12612 Bumerang

13913 In der Gruselgrotte

15114 In Messer-Meckis Schlupf

16015 In der Schicksalskiste

17016 Alarm

17617 Die Hexenprinzessin

18718 Der Abgesandte

19619 In der Sicherheitskammer

20920 Der Kordon

21821 Unter Quarantäne

22922 Ethel

23823 Der Sicherheitsvorhang

24824 Palastgespenster

26025 Simon und Sarah

26426 Zweite Wahl

27527 Botts Brücke

27928 Hermetisch versiegelt

28629 Rückzug

29530 Im Drachenhaus

30731 Was ein Pferd so braucht

31632 Der Anerkennungstag

32633 Diebe in der Nacht

33934 Die große rote Tür

34735 Die Längste Nacht

35836 Draußen

37037 Brüder

38438 Der Sautrog

39339 Der Abstieg

40440 Die Annie

41441 Am Bitterbach

42342 In den Finsterhallen

43643 Verlies Nummer Eins

44444 Der Zaubererturm

45445 Drachen

46246 Synchron

47647 Der Große Umkehrer

49148 Die Wiederherstellung

50749 Der Obermagieschreiber

 

521Was im Dunkelfeld geschah – und danach

PROLOG:
VERBANNT

 

 

Es ist eine dunkle und stürmische Nacht. Schwarze Wolken hängen tief über der Burg und hüllen die goldene Pyramide an der Spitze des Zaubererturms in trüben Dunst. In den Häusern weit darunter wälzen sich die Menschen unruhig im Schlaf, denn das Donnergrollen dringt in ihre Träume ein und macht sie zu Albträumen.

Wie ein riesiger Blitzableiter ragt der Zaubererturm hoch über die Dächer hinaus, magische violette und indigoblaue Lichter umspielen seinen silbern schillernden Glanz. Im Innern des Turms bricht der Zauberer vom Dienst zu einem Kontrollgang durch die schwach erleuchtete Große Halle auf, überprüft den Unwetterschutzschirm und behält das Instabile Fenster im Auge, das bei Gewitter gern in Panik gerät. Der Zauberer vom Dienst ist ein wenig nervös. Normalerweise wird Magie von einem Unwetter nicht beeinträchtigt, aber alle Zauberer wissen von dem großen Blitzschlag, der vor langer Zeit die gesamte Magie im Zaubererturm vorübergehend außer Kraft gesetzt und die Gemächer des Außergewöhnlichen Zauberers schwer versengt hat. Niemand will, dass sich dergleichen wiederholt, am wenigsten der Zauberer vom Dienst.

In der Spitze des Zaubererturms stöhnt Marcia Overstrand in ihrem bislang unversengten Himmelbett, da sie im Schlaf ein nur zu vertrauter Albtraum quält. Mit einem scharfen Zischen zerreißt ein Blitz die Wolke über dem Turm und fährt an dem Blitzableiter, den der Zauberer vom Dienst eilends herbeigezaubert hat, sirrend in die Erde, ohne Schaden anzurichten. Marcia schreckt aus dem Schlaf hoch. Die dunkel gelockten Haare zerzaust, noch in ihrem bösen Traum gefangen, sitzt sie kerzengerade im Bett. Plötzlich reißt sie vor Überraschung die grünen Augen auf. Ein lila Geist schießt durch die Wand und kommt neben dem Bett schlitternd zum Stehen.

»Alther!«, stößt sie hervor. »Was wollen Sie denn hier?«

Der große Geist, der seine langen weißen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat und das blutbefleckte Gewand eines Außergewöhnlichen Zauberers trägt, wirkt etwas mitgenommen.

»Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann das«, keucht er. »Ich bin passiert worden. Von einem Blitz.«

»Das tut mir sehr leid, Alther«, brummt Marcia, »aber ich verstehe nicht, warum Sie hier hereinplatzen und mich wecken müssen, nur um mir das zu sagen. Sie brauchen vielleicht keinen Schlaf mehr, ich aber sehr wohl. Und überhaupt, das geschieht Ihnen ganz recht. Was müssen Sie sich auch bei Gewitter draußen herumtreiben. Ich weiß nicht, warum Sie … Aaaah!«

Wieder erhellt ein Blitz die lila Scheibe ihres Schlafzimmerfensters und lässt Alther beinahe durchsichtig erscheinen.

»Ich mache das nicht zu meinem Vergnügen, das können Sie mir glauben, Marcia«, erwidert der Geist ebenso mürrisch. »Ich wollte zu Ihnen. Wie Sie gewünscht haben.«

»Wie ich gewünscht habe?«, fragt Marcia verwirrt. Sie ist noch ganz benommen von ihrem Albtraum von Verlies Nummer Eins, einem Albtraum, der sie jedes Mal quält, wenn ein Gewitter den Zaubererturm umtost.

»Sie haben mich doch gebeten – mir befohlen, wäre der treffendere Ausdruck –, Tertius Fume aufzuspüren und Ihnen sofort Bescheid zu geben, wenn ich ihn gefunden habe«, antwortet Alther.

Mit einem Schlag ist Marcia hellwach. »Ach ja«, sagt sie.

»Allerdings, Marcia.«

»Dann haben Sie ihn also gefunden?«

Der Geist sieht sie sehr selbstzufrieden an. »Jawohl.«

»Wo?«

»Raten Sie mal!«

Marcia schlägt die Decke zurück, hüpft aus dem Bett und wickelt sich in ihren dicken wollenen Morgenrock – bei stürmischem Wetter wird es oben im Zaubererturm empfindlich kalt.

»Du lieber Himmel, Alther«, stöhnt sie und schlüpft in die mit Kaninchenfell gefütterten lila Pantoffeln, die ihr Septimus zum Geburtstag geschenkt hat. »Wenn ich es erraten könnte, hätte ich Sie wohl kaum um Hilfe gebeten!«

»Er ist in Verlies Nummer Eins«, sagt Alther leise.

Marcia plumpst auf ihr Bett zurück. »Oh«, macht sie, und ihr Albtraum zieht noch einmal mit doppelter Geschwindigkeit vor ihrem inneren Auge vorüber. »Mist!«

 

Zehn Minuten später kann man zwei lila gekleidete Gestalten hintereinander die Zaubererallee entlanghuschen sehen. Beide versuchen, dem Regen zu entgehen, der beinahe waagrecht durch die Allee peitscht, die vordere Gestalt passiert und die hintere durchnässt. Plötzlich biegt die erste Gestalt in eine schmale Gasse ab, dicht gefolgt von der zweiten. Die Gasse ist dunkel, und es stinkt, doch wenigstens bietet sie Schutz vor dem Regen.

»Sind Sie sicher, dass es hier ist?«, fragt Marcia und blickt sich um. Enge Gassen sind ihr nicht geheuer.

Alther drosselt das Tempo, bis er wieder neben Marcia läuft. »Sie vergessen«, sagt er dann mit einem Schmunzeln, »dass ich vor nicht allzu langer Zeit recht oft hierherkam.«

Marcia erschaudert. Sie weiß, dass nur Althers regelmäßige Besuche sie während ihrer Gefangenschaft in Verlies Nummer Eins am Leben erhalten haben.

Alther ist neben einem dunklen, kegelförmigen Backsteingemäuer stehen geblieben, das aussieht wie eines der vielen stillgelegten Gefängnisse, die noch überall in der Burg zu finden sind. Nur widerwillig tritt Marcia neben den Geist. Sie hat einen trockenen Mund und ein mulmiges Gefühl im Magen. An dieser Stelle beginnt ihr Albtraum immer.

In Gedanken versunken, wartet sie darauf, dass Alther die kleine, mit Rostflecken übersäte Eisentür aufschließt. Doch der Geist sieht sie fragend an. »Ich kann es nicht, Marcia«, sagt er schließlich.

»Bitte?«

»Ich bedauere, aber ich kann die Tür nicht öffnen«, seufzt er. »Sie müssen es selbst tun.«

Marcia kommt wieder zur Besinnung. »Verzeihen Sie, Alther.« Sie zieht den Generalschlüssel für die Burg aus ihrem Zauberergürtel. Nur drei solche Schlüssel sind jemals angefertigt worden, und Marcia besitzt zwei davon: einen in ihrer Eigenschaft als Außergewöhnliche Zauberin, und einen zweiten verwahrt sie für Prinzessin Jenna bis zu dem Tag, an dem sie Königin wird. Der dritte ist verloren gegangen.

Mit leicht zitternder Hand steckt sie den Eisenschlüssel in das Loch und dreht ihn um. Die Tür öffnet sich quietschend. Das Geräusch versetzt Marcia unversehens wieder in jene schreckliche verschneite Nacht zurück, als sie von einem Trupp Wächter durch die Tür in die Dunkelheit gestoßen wurde.

Ein widerlicher Geruch von verwesendem Fleisch und verbranntem Kürbis dringt in die Gasse heraus, und drei neugierige Katzen aus der Nachbarschaft nehmen kreischend Reißaus. Marcia würde am liebsten dasselbe tun. Nervös greift sie zu dem Lapislazuli-Amulett an ihrem Hals. Sie atmet erleichtert auf. Das Amulett, Symbol und Quelle ihrer Macht als Außergewöhnliche Zauberin, ist noch da – im Unterschied zum letzten Mal, als sie durch diese Tür ging.

Marcia fasst wieder Mut. »Nun denn, Alther«, sagt sie. »Holen wir ihn.«

Der Geist grinst erleichtert, als er sieht, dass Marcia sich wieder gefangen hat. »Folgen Sie mir.«

Verlies Nummer Eins ist ein tiefer, dunkler Schacht, an dessen Innenseite eine lange Leiter bis zur Hälfte hinunterführt. Für die untere Hälfte gibt es keine Leiter, sie ist mit einer dicken Schicht aus Knochen und Schleim überzogen. Althers verschwommene lila Gestalt schwebt die Leiter hinab, doch Marcia steigt vorsichtig – sehr vorsichtig – von Sprosse zu Sprosse und murmelt dabei einen Abwehrzauber, verbunden mit einem Umgürtungs- und Bewahrungszauber für sie und für Alther, denn nicht einmal Geister sind gefeit gegen die schwarzmagischen Strudel, die auf dem Boden von Verlies Nummer Eins herumwirbeln.

Langsam, ganz langsam tauchen die Gestalten in die Dunkelheit und den Gestank des Verlieses ein. Es geht viel tiefer hinab, als Marcia erwartet hat. Alther hat ihr versichert, dass sich der Gesuchte im oberen Teil herumdrückt. »Kein Grund zur Beunruhigung«, hat er gesagt.

Aber Marcia ist beunruhigt. Sie fürchtet eine Falle. »Wo steckt er?«, zischt sie.

Ein tiefes, hohles Lachen antwortet ihr, und vor Schreck lässt sie beinahe die Leiter los.

»Da ist er!«, ruft Alther. »Sehen Sie, da unten!« Er deutet in den engen Schlund hinab, und in der Tiefe entdeckt Marcia das Ziegengesicht Tertius Fumes, das zu ihnen heraufgrinst, ein gespenstisches grünes Leuchten in der Dunkelheit. »Wenn Sie ihn sehen, können Sie den Verbannungszauber auch von hier aus sprechen«, sagt Alther und verfällt dabei seiner ehemaligen Schülerin gegenüber in einen schulmeisterlichen Ton. »Der Schacht wird die Kräfte des Zaubers bündeln.«

»Das ist mir bekannt«, erwidert Marcia gereizt. »Bitte seien Sie jetzt still, Alther.« Sie beginnt die Worte zu sprechen, die alle Geister fürchten, Worte, die sie für alle Zeiten in die Finsterhallen verbannen können.

»Ich, Marcia Overstrand …«

Die grünliche Gestalt Tertius Fumes beginnt, durch den Schacht zu ihnen heraufzusteigen. »Ich warne Sie, Marcia Overstrand, hören Sie sofort damit auf.« Die Wände hallen von seiner schrillen Stimme wider.

Marcia bekommt eine Gänsehaut, doch sie lässt sich nicht beirren. Sie murmelt weiter die Zauberformel, die genau eine Minute lang dauern und ohne jede Unterbrechung, Wiederholung oder Abweichung vom korrekten Wortlaut zu Ende gesprochen werden muss. Marcia weiß, dass sie beim kleinsten Stocken wieder von vorn anfangen muss.

Tertius Fume weiß das auch. Er kommt immer näher, krabbelt wie eine Spinne an der Wand herauf, schleudert Marcia Schmähungen und Gegenzauber entgegen, trällert irgendwelche Liedfetzen, alles nur, um sie durcheinanderzubringen.

Aber Marcia lässt sich nicht verwirren. Sie hört einfach nicht hin und spricht stur weiter. Als sie jedoch zu den letzten Zeilen des Verbannungszaubers kommt – »gezählt sind deine Tage auf Erden, sollst nie mehr der Sonne ansichtig werden« –, bemerkt sie aus dem Augenwinkel, dass ihnen der Geist Tertius Fumes schon ganz nahe ist. Jähe Sorge befällt sie. Was führt er im Schilde? Sie erreicht die allerletzte Zeile. Nur noch Zentimeter trennen den Geist von ihr und Alther. Er späht zu ihnen herauf, erregt – beinahe frohlockend.

Marcia beschließt die Formel mit den gefürchteten Worten: »Mit der Kraft der Magie verbanne ich dich nun in die …«

Ehe ihr das allerletzte Wort über die Lippen kommt, streckt Tertius Fume die Hand nach Alther aus und berührt ihn am großen Zeh. Alther zieht den Fuß weg, doch es ist zu spät.

»… Finsterhallen.«

Plötzlich ist Marcia allein im Schacht von Verlies Nummer Eins. Ihr Albtraum ist wahr geworden.

»Alther!«, schreit sie. »Alther, wo sind Sie?«

Es kommt keine Antwort. Alther ist verbannt.

* 1 *
DER BESUCH

 

 

Lucy Gringe ergatterte den letzten Sitzplatz auf der Morgenfähre von Port. Sie quetschte sich zwischen einen jungen Mann, der ein angriffslustiges Huhn in den Armen hielt, und eine hagere, erschöpft aussehende Frau, die in einen Wollmantel gehüllt war. Die Frau, die unangenehm durchdringende blaue Augen hatte, warf ihr nur einen kurzen Blick zu und sah dann wieder weg. Lucy stellte ihre Tasche neben ihren Füßen ab, um den Platz zu besetzen. Sie hatte nicht die Absicht, während der Fahrt zur Burg auch nur ein einziges Mal aufzustehen. Die Frau mit den blauen Augen würde sich daran gewöhnen müssen, dass sie eingeklemmt war. Lucy drehte sich um und blickte zum Kai zurück. Sie sah Simon Heap am Ufer stehen, eine verfroren und einsam wirkende Gestalt, und sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln.

Es war ein trüber, kalter Morgen, und Schnee lag in der Luft. Simon fröstelte und erwiderte ihr Lächeln gequält. »Pass auf dich auf, Lu!«, schrie er gegen den Krach an, der das Anschlagen des Segels begleitete.

»Du auch!«, rief Lucy zurück und stieß mit dem Ellbogen das Huhn beiseite. »Am Tag nach der Längsten Nacht bin ich wieder da. Versprochen.«

Simon nickte. »Hast du meine Briefe?«, rief er.

»Natürlich«, erwiderte Lucy. »Wie viel?« Die Frage war an den Fährjungen gerichtet, der den Fahrpreis kassierte.

»Sechs Pennys, Schätzchen.«

»Nenn mich nicht Schätzchen!«, brauste Lucy auf, kramte in ihrem Portemonnaie und ließ einen Haufen Messingmünzen in die ausgestreckte Hand des Jungen fallen. »Dafür könnte ich mir ja ein eigenes Boot kaufen«, moserte sie.

Der Junge zuckte mit den Schultern. Er reichte ihr die Fahrkarte und wandte sich der Fremden neben ihr zu, die, nach ihrer verschmutzten Kleidung zu urteilen, eine lange Reise hinter sich hatte und eben erst in Port eingetroffen war. Die Frau gab dem Jungen ein großes Geldstück aus Silber – eine halbe Krone – und wartete geduldig, bis er umständlich das Wechselgeld abgezählt hatte. Als sie ihm höflich dankte, bemerkte Lucy, dass sie einen fremden Akzent hatte, der sie an jemanden erinnerte, doch sie kam nicht darauf, an wen. Bei der Kälte konnte sie nicht klar denken. Außerdem war sie zu aufgeregt. Sie war lange nicht mehr zu Hause gewesen, und nun, da sie auf der Fähre zur Burg saß, wurde ihr bei dem Gedanken daran doch ein wenig bang. Sie wusste nicht, wie sie empfangen werden würde. Und sie ließ Simon nur ungern allein.

Die Fähre geriet in Bewegung. Zwei Hafenarbeiter stießen das lange, schmale Boot vom Ufer ab, und der Fährjunge hisste das verschlissene rote Segel. Lucy winkte Simon ein letztes Mal zu, dann schwenkte die Fähre von der Kaimauer weg und steuerte auf die Mitte des Flusses hinaus in die starke Strömung. Von Zeit zu Zeit blickte Lucy zurück. Simon stand noch immer am Kai. Seine langen blonden Haare wehten im Wind, und die Schöße seines hellen Wollmantels flatterten hinter ihm wie Mottenflügel.

Simon blickte der Fähre nach, bis sie langsam in den Dunst eintauchte, der in Richtung Marram-Marschen über dem Fluss lag. Als sie endgültig verschwunden war, stampfte er mit den Füßen, um sich zu wärmen, und machte sich dann auf den Weg durch das Gewirr der Straßen, zurück in sein Dachzimmer im Zollhaus.

 

Auf dem letzten Treppenabsatz im Zollhaus angekommen, stieß Simon die mit Latten verkleidete Tür zu seinem Zimmer auf und trat über die Schwelle. Die eisige Kälte, die ihm entgegenschlug, nahm ihm den Atem. Er spürte sofort, dass etwas nicht stimmte – in der Dachkammer war es immer kalt, aber nicht so kalt. Dies war eine schwarzmagische Kälte. Hinter ihm knallte die Tür zu, und als käme es vom anderen Ende eines langen, tiefen Tunnels, hörte er, wie der Türriegel zuschnappte und ihn zum Gefangenen in seinem eigenen Zimmer machte. Mit klopfendem Herzen zwang er sich, sich umzusehen. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, von seinen alten schwarzmagischen Künsten nie wieder Gebrauch zu machen. Aber manche setzten sich, wenn man sie einmal erlernt hatte, selbsttätig in Gang – wie zum Beispiel die Fähigkeit, Dunkelwesen zu sehen. Und so sah Simon – im Unterschied zu den meisten Leuten, die, wenn sie das Pech haben, einem Gespenst zu begegnen, nur wabernde Schatten und einen Hauch von Verwesung wahrnehmen – das Gespenst in allen unappetitlichen Einzelheiten. Es hockte auf seinem schmalen Bett und beobachtete ihn mit verschleiertem Blick. Simon wurde übel von dem Anblick.

»WiIlkommen.« Die tiefe drohende Stimme des Gespenstes erfüllte den Raum und jagte Simon einen kalten Schauer über den Rücken.

»Äh … äh …«, stammelte er.

Mit Genugtuung bemerkte das Gespenst die Angst in seinen dunkelgrünen Augen. Es klappte die langen, spindeldürren Beine übereinander, nagte an einem Finger, von dem sich die Haut abpellte, und sah Simon dabei boshaft an.

Vor nicht allzu langer Zeit hätte der Blick eines Gespenstes Simon nichts ausgemacht. Als er noch im Observatorium in den Ödlanden wohnte, hatte er sich hin und wieder sogar die Zeit damit vertrieben, ein Gespenst herbeizubeschwören und dann so lange anzustarren, bis es verlegen wegsah. Nun aber brachte er es kaum über sich, zu dem halb verwesten Bündel aus Lumpen und Knochen auf seinem Bett hinzuschauen, geschweige denn, ihm in die Augen zu sehen.

Das Gespenst bemerkte natürlich Simons Widerwillen und spie ein schwarzes Stück Fingernagel auf den Boden. Unwillkürlich musste Simon daran denken, was Lucy wohl sagen würde, wenn sie das auf dem Fußboden fände. Der Gedanke an Lucy gab ihm den Mut zu sprechen.

»Was willst du?«, fragte er leise.

»Dich«, antwortete die hohle Stimme des Gespenstes.

»Mi…mich?«

Das Gespenst sah ihn verächtlich an. »Di…dich«, erwiderte es höhnisch.

»Warum?«

»Ich bin gekommen, um dich zu holen. Wie es in deinem Vertrag steht.«

»In meinem Vertrag? In welchem Vertrag?«

»Den du mit unserem alten Meister geschlossen hast. Du bist immer noch daran gebunden.«

»Was? Aber … aber er ist doch tot. DomDaniel ist tot.«

»Der Besitzer des Ringes mit dem Doppelgesicht ist nicht tot«, erwiderte das Gespenst.

Simon war entsetzt. Wie von dem Gespenst beabsichtigt, nahm er an, dass der Besitzer des Rings nur DomDaniel sein konnte. »DomDaniel ist nicht tot?«

Das Gespenst ging auf die Frage nicht ein, sondern wiederholte nur seine Anweisung. »Der Besitzer des Rings mit dem Doppelgesicht verlangt nach dir. Du wirst ihn unverzüglich aufsuchen.«

Simon war vor Schreck wie gelähmt. All seine Bemühungen, die Schwarzkünste hinter sich zu lassen und mit Lucy ein neues Leben zu beginnen, schienen plötzlich vergeblich. Er verbarg das Gesicht in den Händen. Wie hatte er nur so dumm sein können und glauben, er könnte den Dunkelmächten entrinnen? Das Knarren einer Fußbodendiele ließ ihn aufschauen. Das Gespenst kam auf ihn zu und streckte seine Knochenhände nach ihm aus.

Simon sprang auf. Ganz gleich, was jetzt geschah, aber zu den Dunkelmächten würde er nicht zurückkehren. Er stürzte zur Tür und riss an der Klinke, aber die Tür bewegte sich nicht. Das Gespenst war jetzt dicht hinter ihm, so dicht, dass er die Verwesung riechen und ihren bitteren Geschmack auf der Zunge schmecken konnte. Er blickte zum Fenster hinüber. Es ging tief hinab.

Seine Gedanken überschlugen sich, während er zum Fenster rannte. Wenn er sprang, landete er mit etwas Glück auf dem Balkon zwei Stockwerke tiefer. Vielleicht bekam er auch das Regenrohr zu fassen. Oder sollte er sich lieber aufs Dach hinaufhangeln?

Das Gespenst sah ihn ungehalten an. »Lehrling, du wirst jetzt mitkommen. Oder muss ich dich holen?« Seine Stimme tönte unheilvoll in der niedrigen Kammer.

Simon entschied sich für das Regenrohr. Er riss das Fenster auf, kletterte halb hinaus und fasste nach dem dicken schwarzen Rohr, das an der Mauer des Zollhauses nach unten lief. Hinter ihm brach ein wütendes Geheul los, und als er die Füße vom Fenstersims schwingen wollte, spürte er eine unwiderstehliche Kraft, die ihn wieder ins Zimmer zog – das Gespenst hatte ihn mit einem Holzauber belegt.

Simon wusste, dass er so einem Zauber nicht widerstehen konnte, und dennoch klammerte er sich verzweifelt an das Rohr. Gleichzeitig wurde er so kräftig an den Füßen gezogen, dass er sich wie ein Seil beim Tauziehen vorkam.

Plötzlich brach das rostige Metall, das sich unter der dicken schwarzen Farbe verbarg, in seinen Händen, und Simon flog samt Rohr und allem ins Zimmer zurück. Er knallte gegen den knochigen – und dennoch eklig weichen – Leib des Gespensts und stürzte zu Boden. Zu keiner Bewegng fähig, blieb er liegen.

Das Gespenst grinste auf ihn herab. »Du wirst mir jetzt folgen«, flötete es.

Wie eine Puppe wurde Simon auf die Beine gestellt, wankte aus dem Zimmer und stakste mit ruckartigen Schritten die lange, schmale Treppe hinunter. Das Gespenst schwebte voraus.

Draußen auf dem Hafenplatz verblasste das Gespenst zu einem undeutlichen Schatten, sodass Maureen, die gerade die Fensterläden ihrer Pastetenbäckerei öffnete, nur Simon sah, der steifbeinig über den Kai stelzte und auf die Vordere Gasse zusteuerte. Maureen rieb sich die Augen. Sie musste etwas Staub hineinbekommen haben, denn alles um Simon herum sah merkwürdig verschwommen aus. Sie winkte ihm fröhlich zu, doch er reagierte nicht. Schmunzelnd klemmte sie den letzten Fensterladen fest. Er war schon ein komischer Vogel, dieser Simon. Ständig die Nase in Zauberbüchern oder einen Zauberspruch auf den Lippen.

»Die Pasteten sind in zehn Minuten fertig«, rief sie. »Ich lege dir eine mit Gemüse und Speck zurück.« Aber Simon war bereits in der Seitengasse verschwunden, und Maureen konnte wieder klar und deutlich den leeren Hafenplatz sehen.

 

Wird jemand mit einem Holzauber belegt, gibt es kein Halten, kein Säumen und kein Verschnaufen, bis der Betreffende an seinem Bestimmungsort eingetroffen ist. Ein ganzen Tag und eine halbe Nacht war Simon unterwegs, watete durch Marschen, schlüpfte durch Hecken, stolperte über steinige Wege. Er wurde von Regengüssen durchnässt, von Winden durchgerüttelt, von Schneegestöber durchkühlt, doch um nichts in der Welt konnte er stehen bleiben. Er marschierte und marschierte, bis er im kalten grauen Licht des nächsten Morgens an einen Fluss gelangte. Er durchschwamm die eisigen Fluten, stieg ans andere Ufer, taumelte über eine taufeuchte Wiese und kletterte schließlich eine bröcklige, efeuberankte Mauer hinauf. Oben angekommen, wurde er durch eine Dachluke gezogen und in eine fensterlose Kammer geschleift. Als die Tür hinter ihm verriegelt wurde und er allein gelassen wurde, ausgestreckt auf dem Boden, wusste er nicht mehr, wer er war. Oder wo er war. Und es war ihm auch egal.

* 2 *
BESUCHER

 

 

Die Nacht brach an, und kalter Nieselregen setzte ein, als die Porter Fähre am Neuen Kai, einer unlängst aus Stein errichteten Anlegestelle direkt neben Sally Mullins Tee- und Bierstube, anlegte. Die müden Fahrgäste erhoben sich steif von ihren Plätzen und wankten mit ihren Kindern, Hühnern und Gepäckstücken über die Gangway ans Ufer. Viele folgten auf wackligen Beinen dem ausgetretenen Weg zum Tee- und Bierhaus, um sich dort am Ofen aufzuwärmen und mit Sallys Spezialitäten zu stärken: heißem Bierpunsch und ofenfrischem, würzigem Gerstenkuchen. Andere, die es gleich nach Hause zog, machten sich auf den langen, beschwerlichen Weg den Hügel hinauf, an der Müllkippe Schönblick vorbei zum Südtor, das stets bis Mitternacht geöffnet war.

Lucy Gringe war wenig begeistert von der Aussicht, nun den Hügel zum Palast hinaufzustapfen, zumal sie wusste, dass die Fähre dort wahrscheinlich vorbeifahren würde. Sie schaute zu der Frau, die neben ihr saß. Auf der ersten Hälfte der Fahrt hatte sie versucht, ihrem seltsam verstörenden Blick auszuweichen, aber nachdem die Fremde sie schüchtern nach dem Weg zum Palast gefragt hatte – der auch ihr erstes Ziel heute Abend war –, hatten sie sich die übrige Fahrt angeregt unterhalten. Jetzt stand die Frau müde auf und schloss sich den anderen Passagieren an.

»Warten Sie einen Moment«, sagte Lucy zu ihr. »Mir ist da eine Idee gekommen … Verzeihung, rief sie dem Fährjungen zu.

Der Fährjunge drehte sich um. »Ja, Schätzchen?«

Mit einiger Mühe überhörte Lucy das »Schätzchen«. »Wo geht ihr heute Nacht vor Anker?«, fragte sie.

»Bei dem auffrischenden Nordwind wohl bei Jannit Marteens Werft«, antwortete er. »Wieso?«

»Nun ja, ich habe mich gefragt …« Lucy schenkte dem Jungen ihr schönstes Lächeln. »Ich habe mich gefragt, ob ihr uns vielleicht mitnehmen und unterwegs absetzen könntet. Es ist so kalt heute Nacht. Und finster obendrein.« Lucy zitterte eindrucksvoll und sah den Fährjungen aus großen braunen Augen traurig an. Es war sofort um ihn geschehen.

»Aber klar, Schätzchen. Ich sage dem Skipper Bescheid. Wo wollt ihr denn aussteigen?«

»Am Landungssteg des Palastes, wenn’s recht ist.«

Der Junge blickte verdutzt. »Am Palast? Bist du sicher, Schätzchen?«

Lucy verkniff sich die Bemerkung »Nenn mich nicht ständig Schätzchen, du unverschämter Knilch« und sagte stattdessen: »Ja, aber bitte nur, wenn es nicht zu große Mühe macht.«

»Für dich ist mir keine Mühe zu groß, Schätzchen«, erwiderte der unverschämte Knilch, »obwohl ich dich nicht am Palast absetzen würde, wenn es nach mir ginge.«

»Ach ja?« Lucy wusste nicht recht, wie sie das verstehen sollte.

»Ja weißt du denn nicht, dass es an dem Landungssteg spukt?«

Lucy zuckte mit den Schultern. »Das stört mich nicht«, sagte sie. »Ich kann Geister sowieso nicht sehen.«

Die Fähre legte vom Neuen Kai ab. Sie wendete an der breiten Stelle des Flusses und schaukelte beängstigend, als sie quer zur Strömung lag und kurze, vom Wind aufgewühlte Wellen gegen den Rumpf schlugen. Doch sobald der Bug stromabwärts blickte, lag sie wieder ruhig im Wasser, und etwa zehn Minuten später kam sie am Landesteg des Palastes sachte zum Stehen.

»Da wären wir, Schätzchen«, sagte der Fährjunge und warf eine Leine um einen Vertäupfahl. »Wünsche einen angenehmen Aufenthalt.« Er winkte Lucy zu.

»Danke«, erwiderte Lucy trocken, stand auf und streckte ihrer Nachbarin die Hand hin. »Wir sind da.«

Die Frau lächelte sie dankbar an, erhob sich ungelenk und folgte ihr an Land.

Die Porter Fähre legte wieder ab. »Auf Wiedersehen!«, rief der Fährjunge.

»Nicht wenn ich dich zuerst sehe«, grummelte Lucy und wandte sich ihrer Begleiterin zu, die staunend auf den Palast blickte. Tatsächlich bot der Palast einen herrlichen Anblick – ein lang gestreckter, niedriger Bau, aus alten gelben Steinen errichtet, mit hohen, eleganten Fenstern, davor gepflegte Rasenflächen, die bis an den Fluss heranreichten. In jedem Fenster flackerte eine Willkommenskerze, sodass das ganze Gebäude in der anbrechenden Dunkelheit in einem magischen Glanz erstrahlte.

»Hier wohnt sie?«, murmelte die Frau in ihrem melodischen Akzent.

Lucy nickte kurz. Sie wollte sich nicht unnötig lange aufhalten und schritt zielstrebig den breiten Weg zum Palast hinauf. Doch die Frau kam ihr nicht nach. Sie blieb auf dem Landungssteg stehen und redete, wie es schien, in die leere Luft. Lucy seufzte. Warum geriet sie immer an verschrobene Leute? Sie wollte die Frau nicht stören bei ihrem einseitigen Gespräch – bei dem es offenbar um etwas Ernstes ging, denn sie nickte jetzt traurig – und ging weiter, den Lichtern des Palastes entgegen.

Lucy fühlte sich nicht gut. Sie war müde und fror, und vor allem fragte sie sich beklommen, wie man sie im Palast wohl empfangen würde. Sie fasste in die Tasche, in der Simons Briefe steckten, zog sie heraus und las mit zusammengekniffenen Augen die Namen, die Simon in seiner großen, schwungvollen Handschrift auf die Umschläge geschrieben hatte: Sarah Heap. Jenna Heap. Septimus Heap. Den Brief an Septimus schob sie wieder in die Tasche, die anderen beiden behielt sie in der Hand. Sie seufzte. Am liebsten würde sie jetzt sofort zu Simon zurückkehren, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Aber Simon hatte sie gebeten, seiner Mutter und seiner Schwester die Briefe zu überbringen, und sie würde sie überbringen, ganz gleich, was Sarah Heap von ihr dachte.

Ihre Begleiterin hatte sie nun eingeholt.

»Verzeihen Sie, Lucy«, sagte sie, »aber ein Geist hat mir gerade eine Geschichte erzählt, eine sehr, sehr traurige Geschichte. Die Liebe ihres Lebens – und ihres Todes – ist durch einen Zauber verbannt worden. Versehentlich. Wie kann einem Zauberer nur ein solcher Fehler unterlaufen? Ach, wie furchtbar.« Die Frau schüttelte den Kopf. »Wirklich furchtbar.«

»Das kann nur Alice Nettles sein«, erwiderte Lucy. »Ich weiß von Simon, dass Alther etwas Schreckliches zugestoßen sein soll.«

»Ja. Alice und Alther. Wie traurig …«

Lucy hatte für Geister nicht viel übrig. Ihrer Ansicht nach waren Geister tot – und es kam doch darauf an, dass man, solange man noch lebte, mit dem Menschen zusammen war, mit dem man zusammen sein wollte. Aus ebendiesem Grund war sie in die Burg zurückgekommen und bibberte jetzt in dem bitterkalten Nordwind, der vom Fluss heraufwehte. Sie war müde und sehnte sich nach einem warmen Bett, in das sie sich kuscheln konnte.

»Gehen wir weiter?«, fragte sie. »Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich friere.«

Die Frau nickte. Groß und schlank, zum Schutz vor dem Wind fest in ihren dicken Wollmantel gewickelt, setzte sie vorsichtig einen Fuß vor den anderen und suchte mit ihren wachsamen Augen das Gelände vor ihnen ab, denn im Unterschied zu Lucy sah sie keinen breiten, leeren Weg. Für sie wimmelte der Weg und die ihn säumenden Rasenflächen von Geistern: dahineilenden Palastdienern, jungen Prinzessinnen, die Fangen spielten, kleinen Pagen, alten Königinnen, die zwischen verschwundenen Gebüschen umherwandelten, und bejahrten Palastgärtnern, die geisterhafte Schubkarren schoben. Sie schritt deshalb so vorsichtig aus, weil Geister einer Geisterseherin dummerweise nie aus dem Weg gingen. Sie hielten sie für eine der ihren – bis sie von ihr passiert wurden. Und dann waren sie natürlich furchtbar eingeschnappt.

Lucy, die keinen einzigen Geist sah, schritt kräftig aus, und die Geister machten eilends Platz, denn nicht wenige hatten mit ihr und ihren derben Stiefeln bereits unliebsame Bekanntschaft geschlossen. Bald erreichte sie den oberen Weg, der um den Palast herumführte, und drehte sich nach ihrer Begleiterin um, die erneut zurückgeblieben war. Das Bild, das sich ihr darbot, war sehr sonderbar: Die Frau trippelte auf Zehenspitzen den Weg herauf und hopste mal nach links, mal nach rechts, als tanze sie einen von diesen altmodischen Burgtänzen – nur eben ganz allein. Lucy schüttelte den Kopf. Das ließ nichts Gutes ahnen.

Schließlich schloss die Frau, nervös und außer Atem, zu ihr auf, und Lucy ging schweigend weiter. Sie hatte beschlossen, den Rundweg zu nehmen, der um den Palast herum zum Haupteingang führte, anstatt an eine der vielen Küchen- und Seitentüren zu klopfen, denn dort bestand die Gefahr, dass niemand sie hörte.

Der Palast war ein sehr lang gestrecktes Gebäude, und so dauerte es gut zehn Minuten, bis Lucy und die Frau endlich auf die flache Holzbrücke traten, die über den Ziergraben zum Tor führte. Als sie ankamen, öffnete ein kleiner Junge die Nachtpforte – eine kleine Tür, die in das große Flügeltor eingelassen war.

»Willkommen im Palast«, flötete Barney Pot, der in seinem grauen Palastrock und seinen roten Beinkleidern prächtig aussah. »Wen wünschen Sie zu sprechen?«

Lucy kam gar nicht erst dazu, ihm zu antworten.

»Barney!«, trällerte eine Stimme von drinnen. »Hier steckst du! Es ist Zeit fürs Bett. Du hast morgen Schule.«

Lucys Begleiterin erbleichte.

Barney drehte sich um. »Aber ich möchte den Türdienst machen«, protestierte er. »Bitte. Nur noch fünf Minuten.«

»Nein, Barney. Ab ins Bett!«

»Snorri?« Die Frage kam von der Frau, die plötzlich leicht wankte.

Ein Mädchen mit langen hellblonden Zöpfen steckte den Kopf durch die Nachtpforte und spähte mit blassblauen Augen in die Dunkelheit heraus. Sie stutzte, blickte scharf an Lucy vorbei und schnappte nach Luft. »Mama!«

»Snorri … oh, Snorri, rief Alfrun Snorrelssen.

Snorri Snorrelssen flog in die Arme ihrer Mutter. Lucy lächelte wehmütig. Vielleicht, dachte sie, war das ein gutes Omen. Wenn sie nachher an die Tür des Torhauses am Nordtor klopfte, würde sich ihre Mutter vielleicht ebenso freuen, sie zu sehen. Vielleicht.

* 3 *
DER ABEND VOR DEM GEBURTSTAG

 

 

Lucy ging in dieser Nacht nicht mehr zum Torhaus am Nordtor. Sarah Heap erlaubte es nicht.

»Lucy, du bist klatschnass und erschöpft«, sagte Sarah. »In diesem Zustand lasse ich dich nicht mitten in der Nacht auf die Straße. Du wirst dir den Tod holen. Du brauchst jetzt ein schönes, warmes Bett – außerdem möchte ich alles über Simon erfahren. Wollen mal sehen, was wir zu essen für dich haben …«

Lucy fügte sich dankbar. Vor Erleichterung über Sarahs Empfang stiegen ihr Tränen in die Augen. Glücklich ließ sie sich zusammen mit Snorri und Alfrun durch den Langgang führen und setzte sich in Sarah Heaps kleinem Salon im hinteren Teil des Palastes an den Kamin.

 

An diesem Abend, an dem Schneeschauer von Port herüberzogen, war Sarah Heaps Salon der wärmste Raum im ganzen Palast. Auf dem Tisch standen Reste ihres berühmten Bohneneintopfs mit Würstchen, und vor dem lodernden Kaminfeuer hatte sich eine kleine Gesellschaft versammelt und trank Kräutertee. Eingeklemmt zwischen Lucy und Sarah saßen Jenna, Septimus und Nicko Heap, daneben Snorri und Alfrun Snorrelssen. Snorri und Alfrun hatten die Köpfe zusammengesteckt und unterhielten sich leise, wobei Alfrun fest die Hand ihrer Tochter hielt. Nicko saß etwas abseits von Snorri und plauderte mit Jenna. Sarah fiel auf, dass Septimus mit gar niemandem sprach und nur in die Flammen stierte.

Auch mehrere Tiere waren anwesend: ein großer schwarzer Panther namens Ullr, der zu Afruns Füßen hockte, Maxie, ein alter, muffelnder Wolfshund, der leicht dampfend vor dem Feuer lag, und Ethel, eine stoppelige Ente ohne Federn, die ein neues Strickjäckchen trug. Ethel thronte auf Sarahs Schoß und knabberte genüsslich an einem Wurstzipfel. Jenna bemerkte missbilligend, dass die Ente zu fett wurde, und hegte den Verdacht, dass Sarah ihr nur deshalb ein neues Jäckchen gestrickt hatte, weil ihr das alte zu eng geworden war. Aber Sarah liebte Ethel so sehr, dass Jenna nur die hübschen roten Streifen und grünen Knöpfe auf dem Rücken der Ente betrachtete und kein Wort über ihre zunehmende Leibesfülle verlor.

Sarah Heap war glücklich. In der Hand hielt sie einen kostbaren Brief von Simon, einen Brief, den sie immer wieder gelesen hatte und inzwischen auswendig kannte. Sie hatte ihren alten Simon wieder – den guten Simon, den Simon, der er, wie sie wusste, immer gewesen war. Und nun saß sie hier und plante das Geburtstagsfest für Jenna und Septimus, die morgen beide vierzehn wurden.

Der vierzehnte Geburtstag war ein wichtiger Meilenstein im Leben eines Menschen, ganz besonders für Jenna als Prinzessin der Burg, und überdies ging dieses Jahr endlich Sarahs Wunsch in Erfüllung: Die Geburtstagsfeier für Jenna und Septimus sollte im Palast und nicht im Zaubererturm stattfinden.

Sarah blickte zu der alten Uhr auf dem Kaminsims und unterdrückte ihren Ärger darüber, dass Silas noch nicht zurück war. In letzter Zeit war Silas immer ziemlich »beschäftigt«, wie er es nannte, aber Sarah glaubte ihm nicht. Sie kannte ihn nur zu gut und wurde das Gefühl nicht los, dass er etwas ausheckte. Sie seufzte. Sie wünschte, er wäre hier und könnte diesen Augenblick, in dem alle vereint waren, mit ihnen teilen.

Sie schob die Gedanken an Silas beiseite und lächelte Lucy, ihrer zukünftigen Schwiegertochter, zu. Lucys Anwesenheit gab ihr das Gefühl, dass auch Simon in gewisser Weise bei ihnen war, denn in bestimmten Augenblicken erinnerte ihre eindringliche Art zu sprechen an Simon. Eines Tages, so dachte Sarah, würde sie vielleicht alle ihre Kinder und Silas um sich haben – obwohl sie nicht recht wusste, wie sie dann alle in dem kleinen Salon unterbringen sollte. Aber wenn es je so kommen würde, würde sie jedenfalls ihr Bestes geben.

Auch Septimus sah auf die Uhr, und um Punkt 20.15 Uhr entschuldigte er sich bei den anderen. Sarah beobachtete, wie ihr jüngster Sohn, der in den letzten Monaten kräftig gewachsen und schlaksig geworden war, von seinem Platz auf der Armlehne des abgewetzten Sofas aufstand und sich an Gästen und Bücherstapeln vorbei zur Tür schlängelte. Voller Stolz sah sie die lila Oberlehrlingsstreifen an den Ärmeln seines grünen Kittels schimmern, doch was sie am meisten freute, war seine ruhige Selbstsicherheit. Sie hätte sich gewünscht, er würde sich öfter kämmen, aber dessen ungeachtet verwandelte sich Septimus in einen gut aussehenden jungen Mann.

Sie blies ihrem Sohn einen Kuss zu. Er lächelte – etwas gezwungen, wie Sarah fand – und trat aus dem behaglichen Salon hinaus auf den kalten Langgang, jenen breiten Flur, der den gesamten Palast durchzog.

Jenna Heap schlüpfte ihm nach.

»Sep, warte mal«, rief sie Septimus nach, der mit großen Schritten davoneilte.

Septimus ging nur widerwillig langsamer. »Ich muss um neun zurück sein«, sagte er.

»Dann hast du noch jede Menge Zeit«, erwiderte Jenna, schloss zu ihm auf und lief neben ihm her, indem sie seine großen Schritte mit kleineren, schnelleren wettmachte.

»Sep«, fuhr sie fort, »ich habe dir doch letzte Woche erzählt, dass es oben auf der Mansardentreppe richtig gruselig war. Das ist es immer noch. Es ist sogar noch schlimmer geworden. Nicht einmal Ullr will dort hinauf. Sieh her, die Kratzer beweisen es.« Sie krempelte ihren goldgesäumten Ärmel hoch und zeigte Septimus mehrere Katzenkratzer an ihrem Handgelenk. »Ich habe ihn auf dem Arm getragen, und am Fuß der Treppe ist er regelrecht in Panik geraten.«

Septimus schien unbeeindruckt. »Ullr ist eine Geisterseherkatze. Bei den vielen Geistern, die es hier gibt, muss er es ja mal mit der Angst bekommen.«

Aber Jenna ließ sich nicht abwimmeln. »Ich glaube nicht, dass es Geister sind, Sep. Außerdem erscheinen die meisten Geister im Palast auch mir. Ich sehe jede Menge.« Wie zur Bekräftigung ihrer Worte nickte sie huldvoll – wie eine richtige Prinzessin, fand Septimus – einer Stelle zu, wo er nur leere Luft sah. »Da hast du’s. Ich habe gerade die drei Köchinnen gesehen, die von der eifersüchtigen Hauswirtschafterin vergiftet worden sind.«

»Wie schön für dich«, erwiderte Septimus und ging noch schneller, sodass Jenna in Laufschritt fallen musste, um an seiner Seite zu bleiben. Im Eiltempo durchquerten sie den Langgang, der in größeren Abständen von flackernden Binsenlichtern erhellt wurde.

Jenna ließ nicht locker. »Wenn es Geister wären, würde ich etwas sehen. Aber es sind keine. Im Gegenteil, selbst die Geister halten sich von diesem Teil des Korridors fern. Das sagt doch alles.«

»Was alles?«, fragte Septimus gereizt.

»Dass da oben etwas Schlimmes vor sich geht. Und ich kann Marcia nicht bitten, der Sache nachzugehen, weil Mom sonst einen Anfall bekommt, aber du bist doch mittlerweile fast so gut wie Marcia, oder? Also bitte, Sep. Bitte komm mit und sieh es dir an.«

»Kann das nicht Dad übernehmen?«

»Dad verspricht mir ständig, dass er mal nachsehen wird, aber er kommt einfach nicht dazu. Er ist dauernd mit irgendwas beschäftigt. Du weißt doch, wie er ist.«

Sie hatten die große Eingangshalle erreicht, deren elegante Treppenaufgänge und dicke alte Türen von einem Wald von Kerzen angestrahlt wurden. Barney Pot lag endlich im Bett, und so war die Halle leer.

»Hör zu, Jenna. Ich habe eine Menge zu tun.«

»Du glaubst mir nicht, stimmt’s?« Jenna klang verärgert.

»Aber natürlich glaube ich dir.«

»Ja! Aber nicht genug, um nachzusehen, was da oben los ist.«

Septimus setzte wieder diese verschlossene Miene auf, die Jenna in den letzten Monaten so oft an ihm beobachtet hatte. Wie sie das hasste! Es war, als dränge sich etwas zwischen sie beide, sobald sie in seine grünen Augen sah.

»Bis dann, Jenna«, sagte er. »Ich muss gehen. Morgen ist ein großer Tag.«

Jenna verbarg ihre Enttäuschung, so gut es ging. Sie wollte nicht, dass Septimus verärgert von ihr wegging.

»Ich weiß«, sagte sie also. »Alles Gute zum Geburtstag, Sep.«

Sie hatte den Eindruck, dass er etwas überrascht war.

»Äh … ach so, ja, danke.«

»Das wird morgen bestimmt lustig«, fügte sie hinzu, hakte sich gegen seinen Willen bei ihm unter und schob ihn zur Tür. »Es ist doch schön, dass wir am selben Tag Geburtstag haben, findest du nicht? Als ob wir Zwillinge wären. Und noch dazu am Tag der Längsten Nacht. Es ist schon etwas Besonderes, wenn die ganze Burg festlich erleuchtet ist. Als wäre es extra für uns.«

»Ja.« Septimus wirkte zerstreut, und Jenna spürte, dass er so schnell wie möglich zur Tür hinauswollte. »Ich muss jetzt wirklich los, Jenna. Wir sehen uns dann morgen Abend.«

»Ich begleite dich bis zum Tor.«

»Oh.« Septimus klang nicht sonderlich begeistert.

Sie gingen gemeinsam die Zufahrt hinunter, Septimus mit langen Schritten, Jenna im Trab nebenher.

»Sep …?«, sagte sie keuchend.

»Ja?« Er klang misstrauisch.

»Dad sagt, dass du dich jetzt genau in dem Stadium der Zaubererlehre befindest, in dem er sie abgebrochen hat.«

»Hmm. Das stimmt wohl.«

»Und einer der Gründe, warum er sie abgebrochen hat, war, dass er eine Menge schwarzmagischer Dinge tun musste und nichts davon mit nach Hause bringen wollte. Das hat er erzählt.«

Septimus verlangsamte seine Schritte. »Es gibt viele Gründe, warum Dad aufgehört hat, Jenna. Zum Beispiel hat er zu früh von der Queste erfahren. Außerdem hätte er auch nachts arbeiten müssen, und Mom kam nicht zurecht, ganz ohne ihn. All diese Dinge.«

»Es war wegen der schwarzen Magie, Sep. Das hat er mir jedenfalls gesagt.«

»Tja. Das behauptet er heute.«

»Er macht sich Sorgen um dich. Und ich auch.«

»Das brauchst du nicht«, erwiderte Septimus gereizt.

»Aber Sep …«

Septimus hatte jetzt genug. Unwirsch schüttelte er Jennas Arm ab. »Jenna, bitte – lass mich in Ruhe! Ich habe viel zu tun und muss jetzt weiter. Wir sehen uns morgen.«

Damit eilte er davon, und diesmal ließ sie ihn gehen.

 

Jenna kämpfte mit den Tränen, als sie langsam durch das reifbedeckte Gras, das unter ihren Füßen knirschte, zum Palast zurückging – Septimus hatte ihr nicht einmal zum Geburtstag gratuliert. Überhaupt hatte sie seit einiger Zeit das Gefühl, dass er sie aus seinem Leben ausschloss und nur noch für eine aufdringliche Nervensäge hielt, vor der er seine Geheimnisse hüten musste. Um besser zu verstehen, was er eigentlich tat, hatte sie Silas über seine Lehrzeit bei Alther ausgefragt, und nicht alles, was sie dabei erfahren hatte, gefiel ihr.

Sie war nicht in der Stimmung, zu der fröhlichen kleinen Gesellschaft in Sarahs Salon zurückzukehren, und so nahm sie eine brennende Kerze von einem Tisch in der Eingangshalle und erklomm die breite, geschnitzte Eichentreppe, die sich ins Obergeschoss des Palastes hinaufschwang. Sie ging langsam dem Korridor entlang, dessen abgetretener Teppich ihre Schritte dämpfte, und nickte den verschiedenen Geistern zu, die sich stets zeigten, wenn sie die Prinzessin sahen. Statt in den kurzen, breiten Gang abzubiegen, der zu ihrem Zimmer führte, beschloss sie, noch einmal einen Blick auf die Mansardentreppe zu werfen – nach dem Gespräch mit Septimus fragte sie sich, ob ihre Ängste möglicherweise doch unbegründet waren.

Am Fuß der Treppe brannte stets ein Binsenlicht, und dafür war sie dankbar, denn wenn sie die ausgetretenen blanken Holzstufen hinaufspähte, die ganz oben in der Dunkelheit verschwanden, überkam sie jedes Mal das Gruseln. Aber wahrscheinlich hatte Septimus recht. Vermutlich bestand überhaupt kein Grund, sich Sorgen zu machen, und so stieg sie langsam die Treppe hinauf. Wenn sie oben nichts Verdächtiges