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Sepia

 

Der wilde Weg über den Neumarkt war in diesen Tagen hartgefroren.

In den Spuren splittert das Eis.

Eli zieht einen Handwagen, beladen mit guter Kohle, heute die siebente Fuhre, schwarzsilberne Brocken vom Bunker am Elbhafen für die Orangerie im Botanischen Garten, für die Palmen und die anderen frostempfindlichen Gewächse, Zitronen, Lorbeerbäume, unter Glas und in südlicher Wärme.

Sie tritt, rechts, links, in die betonfesten Abdrücke ihrer Filzstiefelsohlen, der Wagen läuft in der eingefahrenen Spur, es ist die kürzeste Strecke.

Sie ist siebzehn Jahre alt, braunäugig, unter einer aus bunten Wollresten gestrickten Mütze steckt ein Nest blonder Haare.

Die siebente Fuhre. Das soll die letzte sein. Für heute und für immer.

Eli wird nicht von einem Lehrmeister mit Schimpfe strafversetzt, vom Zitronenhain zum Heidefriedhof, dieses Mal nicht, sie wird auch nicht fortgelobt, vom besagten Heidefriedhof, wo sie die Anlage um einen neuen Gedenkstein überraschend vorbildlich gestaltet hat, in die fachlich anspruchsvolle Himalajaregion des Botanischen Gartens.

Die Arbeit im Strafrevier auf dem Friedhof hatte sich unter der Hand als paradiesische Zeit erwiesen, das Lob dagegen erweist sich als Fessel. Der Himalaja, das weiß jeder, das ist eigentlich das Höchste, das Lob hatte sie an eine Endstation katapultiert.

Eli will gehen. Sie ist fest entschlossen.

Sie hat in der Verwaltung ein Formular ausgefüllt und unterschrieben. Vor Anstrengung, vor lauter Erwartung glänzt die Stirn. Schweißperlen. Der Atem gefriert. Kristalle hängen an den Wimpern. Heiß und kalt. Die kürzeste Strecke ist lang.

Es hat angefangen, zu schneien. Eine saubere Decke liegt jetzt über den aufgeräumten Trümmern der Stadt. Weiße Rahmen zeichnen die Fensterhöhlen des Schlosses. Barrieren sichern den Weg über ein weißes Feld. Sperrgitter. Auf dem Steinhaufen der Frauenkirche spießen rote Blumen aus dem Schnee, Kranznelken vom Jahrestag der Bombennacht. Große Flocken schweben herab. Eli zieht den Wagen. Sie hat sich aus einer Sofadecke eine Jacke genäht, der Rücken und die Vorderteile sind mit Stoffresten gepolstert. Die Jacke wärmt und macht Mut. Schnee liegt nun über dem Eis. Flocken fallen auf die bunte Mütze. Eli liegt in den Deichselgurten, sie stemmt das Geschirr. Der Weg ist holprig und nun auch glatt, die Kohle ist schwer. Die Gedanken fliegen. Das soll die letzte Fuhre sein.

 

Im großen Bassin der Orangerie blüht die Victoria regia, die Riesenwasserrose. Sie blüht nur zwei Nächte, man muss sich beeilen, wenn die Knospe am ersten Abend ihre weißen Blätter entfaltet, duftet es im Glashaus, die Alten sagen: nach Ananas. Dieses Mal haben die Dresdner Naturfreunde wegen der niedrigen Temperaturen im Warmhaus wochenlang warten müssen. Es ist in der Zeitung bekanntgemacht worden. Die Verzögerung aus technischen Gründen und endlich das Ereignis. Interessierte Einwohner sind herzlich eingeladen, der Botanische Garten öffnet über Nacht seine Tore.

Gartenmeister Henn hat sich aus diesem Anlass rasiert, er hat ein Hemd angezogen und einen Schlips umgebunden. Ein Mitarbeiter wird die Tür zum Warmhaus bewachen, und Henn wird für Fragen zur Verfügung stehen und für Fotos, falls ein Fotograf kommt, um von der Blüte eine Aufnahme zu machen. Die Blüte und er, Henn, als Gartenmeister.

Eli hat das Schauspiel, die Victoriablüte, die erste Nacht weiß, die zweite Nacht rosa, schon einmal im vorigen Jahr erlebt. Sie hockt nun abseits auf einer freien Stellage, die Füße in Socken auf den Heizungsrohren, es ist die von Eli herbeigekarrte Kohle, die in der Orangerie für Wärme sorgt. Die Filzstiefel hat Eli mit Zeitungspapier ausgestopft. Sie trocknen inzwischen auf dem heißen Hauptrohr.

Der Gartenmeister hat viel zu tun. Eigentlich gilt er als stiller und ernster Mann, aber nun breitet er seine Kenntnisse aus.

Eine Besuchergruppe hat sich um ihn versammelt. Dann wird ein Mikrophon vom Rundfunk aufgebaut, und Henn erzählt alles noch einmal. Über den abenteuerlichen Weg der Pflanze. Fehlschläge, Hindernisse, Humboldt und sein Bonpland hatten seinerzeit kein Glück, erst viele Jahre nach der Entdeckung der Regia in einem Nebenarm des Amazonas hat es mit der Kultur dieses Blütenwunders mit den Riesenblättern in einem botanischen Garten Europas geklappt, und heute können wir uns freuen. Henn weist feierlich in Richtung Bassin, wo die Knospe sich allmählich öffnet. Er entschuldigt sich noch einmal, nimmt die Regia in Schutz, eine Verspätung kann ja mal vorkommen, statt November im Februar. Oder eine Verfrühung. Jetzt macht Henn sogar einen Scherz. Unser Wunder blüht schon im Februar statt erst im November. Die Besucher zeigen Verständnis, doch man hört auch andere Stimmen. So ein Durcheinander gab es nicht mal im Krieg.

Schließlich gewinnen die Schönheit und der köstliche Duft. Eli hat die Palmwedel vorsichtig beiseitegeschoben, sie beobachtet die Aktion von ferne, wundert sich über den Gartenmeister. Wie er sich für die Regia ins Zeug legt. Eli hat kaum je so viele Worte von ihm gehört und so freundliche. Seerose müsste man sein.

Henn ist dagegen, dass Eli fortgeht. Für einen Gärtner gehört sich das nicht. Ein Gärtner bleibt am Platz und hütet sein Revier.

Es ist Elis felsenfester Entschluss. Sie wird die aufgeräumte Stadt und den Botanischen Garten mit seiner gepflegten Himalajaregion samt den prächtigen Tränenkiefern verlassen.

Sie ist alt genug, es sind so viele Jahre vergangen, seit Großvater Anton sie als Überlebenskind im Sammelheim an der Elbe gefunden hat.

Eli hat unterdes den Gesellenbrief, Grund- und Fachschulabschlüsse und ein Zeugnis von einem Schreibmaschinenkurs in der Tasche, alles mit dem Siegel der Stadt. Henn hat, obwohl er dagegen ist, eine Empfehlung geschrieben.

Wo willst du denn hin?

Woanders, wo es schön ist. Henn zuckt die Achseln, wie soll es denn woanders schön sein, er gibt Eli den Brief.

 

Beurteilung für Fräulein Rafaela Reich

Eli ist bis zum heutigen Tag, wenn es um das Überleben ging, durchgekommen. Auf ihrer Laufbahn wurde viel erschlagen, verbrannt, erschossen. Manch einer ist neben ihr auf dem Fluchtkarren verhungert oder erfroren. Unzählige sind bei den Fliegerangriffen auf unsere Stadt umgekommen. Eli jedoch hat in der Schornsteinecke des Luftschutzkellers überlebt. Danach ist sie in die Schule gegangen und in die Lehre, anschließend in den Botanischen Garten.

Nun ist sie siebzehn geworden.

Nun will sie wissen, was sonst noch möglich ist.

Hochachtungsvoll

Henn, Gartenmeister

 

Eli hat im Jugendmagazin gelesen, dass es in Potsdam eine Schule gibt, die den Lernenden Mittagessen zur Verfügung stellt. Außerdem Betten und sogar Bettwäsche. Daraufhin hat Eli den ganzen Artikel gelesen. Man studiert dort vier bis fünf Jahre Kinematographie. Am Ende muss man wissen, was zu machen ist, damit sich das Auge des Zuschauers nach und nach im Kino wie die Linse einer Kamera fühlt. Auf und ab, hin und her. So bewegen sich nicht nur die Körper im Raum, sondern der Raum selbst dreht sich. Der Raum zerfällt. Motto: Der feste Sessel im Kino ist eine Täuschung. Eli vergewissert sich noch einmal. Mittagessen, Bett, sogar Bettwäsche.

Wo gibt es denn so was.

Eli geht an der Hochschule für Musik vorbei. Das neu gebaute Haus liegt am Wege, nicht weit vom Botanischen Garten. Hier hat Eli auf der Bühne der Aula Dekoration gestellt, eine Doppelreihe Farne in sechzehner Töpfen. Eli weiß, wo das Büro ist.

Die Frau hinter dem Schreibtisch kann Auskunft geben. Talent ist Fleiß, sagt sie, es steht alles in unseren Broschüren. Sie überreicht Eli ein Anleitungsheft und Bewerbungspapiere.

Das meiste ist überall gleich, für manche Schulen muss man Aufnahmeprüfungen machen, in Potsdam wird man zu einem Eignungsgespräch bestellt. Den Unterschied, Eignungsgespräch/Aufnahmeprüfung, kann die Frau hinter dem Schreibtisch nicht genau erklären, aber die Sache mit den Betten ist richtig. Es stimmt, sagt sie, manche Schulen bieten den jungen Leuten ein Unterkommen. Wir leider nicht, aber du, wenn du bei uns Student sein würdest, du hättest gleich einen Vorteil, du brauchst keine Zuweisung für ein Bett, weil du schon ein Bett und ein Zuhause hast, hier in unserer Stadt. Wir suchen noch Nachwuchs im Fach Komposition. Du hättest als Frau und als eine, die kein Bett braucht, bei uns gute Chancen. Eli dankt und seufzt innerlich. Zuhause, das ist eine Kammer neben Großvater Antons Küche. Und außerdem gibt es wahrscheinlich schon genug Musik, Großvater Anton hat eine ganze Kiste voll Platten.

Eli steckt die Papiere ein, Fragebögen, Fortbildungsadressen.

 

Eli macht jetzt jeden Tag halt vor der Schauburg. Sie versucht, nach der Arbeit zur 18-Uhr-Vorstellung zurechtzukommen. Eli bereitet sich vor. Der Sonnabendfilm bloß zum Spaß genügt jetzt nicht mehr. Eli hat herausgefunden, Kinematographie ist alles mit Kino und Filmkunst.

Die erste Woche sitzt Eli bei den meisten Vorstellungen ganz allein im Saal. Man spielt Das Lied von Sibirien. Ein Naturfilm, wo eine Landschaft darauf wartet, dass der Mensch vielleicht einmal wieder von der Erde verschwindet. Wunderbare Wälder, gespenstische Fabriken, verletzte Krieger, Helden. Manchmal spricht Eli mit der Platzanweiserin, einmal hat der Filmvorführer Zeit, ihr die Vorführgeräte, die Projektoren, zu erklären. Er streckt Eli zur Begrüßung die linke Hand entgegen. Ich mache alles mit links, sagt er, der rechte Arm liegt im Donezbecken. Eli verbirgt ihr Ungeschick, verwirft ein Bedauern, denn sie sieht sofort, dass hier ein Zauberer waltet.

In der Woche darauf steht Romanze in Moll auf dem Spielplan. Von da an ist der Saal voll. Niemand hat mehr Zeit, und Eli hat ihre plumpe Neugier vergessen. Eli ist hingerissen. Es ist schön, wenn in Sekunden ein Feld voller Sonnenblumen erblüht, aber hier blüht das Menschenleben. Man schaut zwei Stunden zu, was andere Leute träumen. Eli heult wie lang nicht mehr. Sie ist ja auch vorher sonnabends gerne ins Kino gegangen, aber nun hat sie gesehen, wer die Sache in Gang setzt. Eli beschließt: Genau so ein Kulturmensch möchte ich sein. Ich öffne den silbernen Vorhang, ich lasse den Gong ertönen, ich gieße dreimal am Tag über die Köpfe der Zuschauer hinweg das Licht aus, kegelförmig aus meinem Apparat durch das kleine Fenster zur großen Leinwand, dort schaust du in die Welt und den Menschen ins Herz. Sibirien, Birken und die Liebe. Manchmal auch Krieg. Wie ein Mann, der Sohn, der Bruder, der Liebste, im Krieg verwundet wird, dann aber durch den Beistand der fortschrittlichen Kräfte überlebt. Vielleicht könnte ich lernen, wie ein Projektor funktioniert. Man muss die verschiedenen Spulen und Triebräder auseinandernehmen. Man muss wissen, wie eins ins andere passt und wo die Radlager geölt werden müssen. Es sind lauter feinmechanische Teile. Ich muss säurefreies Öl besorgen, damit die Zahnräder ineinandergreifen, damit die Lager der vielen Spulen sich nicht im Laufe des Betriebs festfressen und dann womöglich während der Vorführung der Film reißt. Filmriss. Das darf niemals geschehen. Berufsehre. Man muss das ganze Umfeld studieren. Geschichtliches und Philosophie. Im Kasten des Vorführers hängt der Spruch. Das Herz ist ein Hund.

In der Bibliothek am Sachsenplatz holt sich Eli einen Deutschlandatlas auf den Lesetisch, es ist ein altes Kraft-durch-Freude-Exemplar, man findet darin auf Sonderseiten die Pläne der großen Städte des Reichs. Potsdam liegt bei Berlin und zeigt viel Grün und Blau, also Wald und Wasser. Auch die Parks in Potsdam sind auf dem Atlas grüne Flächen. Helles Grün der Kultur, gegen das dunklere Grün des Waldes. Sanssouci zum Beispiel. Sanssouci heißt Ohne Sorge.

Frohgemut trägt Eli den Atlas zurück. Sie lässt sich auch gleich aus der Leserliste streichen. Ich zieh um, erklärt sie. Die Frau hinter dem Tresen setzt einen sauberen Stempel. Ungültig, quer über Namen und Adresse.

Eli geht notwendige Schritte. In der Verwaltung bekommt sie eine Lohnabrechnung und die Aufbaunadel, denn sie hat an Aufbausonntagen geholfen, zwischen Rathaus und Hauptbahnhof einen Erholungspark zu gestalten. Fertig das Ganze. Die Trümmer sind aufgeräumt.

Bei Henn im Büro hängt der Spruch Wollen befreit, denn Wollen ist Schaffen.

Henn nimmt Elis Stiefel entgegen. Die Filzstiefel sind Eigentum des Botanischen Gartens. Eli macht ein entschlossenes Gesicht.

Wenn es nicht klappt, kommst du wieder.

Bloß nicht heulen. Eli stiert vor lauter Rührung auf den anderen Spruch, der in getuschter Kunstschrift über dem Rollschrank hängt.

Jeder geschlossene Pflanzenbestand hat zu Charakterarten diejenigen, welche den Teppich der Pflanzendecke in ihrer Geselligkeit an erster Stelle wirken und in welche die Übrigen als beigemischte Nebenarten eingestreut sind.

Henn folgt ihren Augen.

Der Spruch ist vielleicht blöd, aber er ist von Drude, und Drude war mal mein Chef hier im Botanischen Garten, und nun verschwinde.

Henn in seiner blauen Latzhose, Stoppelgesicht, wendet sich ab, er zieht einen Damenstrumpf über Schädel, Nase und Kinn, unter der Maske ist er schon wieder ein anderer, nicht Henn, der Schweigsame, nicht der Mann der schönen Rede, er ist der mit den giftigen Nebelstreifen, der die Glashäuser mit DDT ausräuchert, Henn, der Läusekrieger.

Eli geht. Ein bisschen Verrat und Selbstbetrug steckt in jedem Abschied.

 

Großvater Anton sagt: Hast du es nicht gut genug, jetzt in Leistungslohn und in deiner Selbständigkeit. Vielleicht kommst du in ein paar Jahren ins Büro. Oder aus dem Freigelände ins Glashaus, im Winter ein Dach über dem Kopf, was willst du mehr. Und überhaupt jetzt, wo du ein Fahrrad hast.

Das nehme ich mit, sagt Eli.

Und von was willst du leben?

Wie die anderen Studenten vom Stipendium.

Das sind die Standpunkte. Sorgen und Zukunftsangst. Über zehn Jahre Nachkriegszeit. So ein langes neues Leben. Meist hält ein Frieden um die zwanzig Jahre. Man kann nur hoffen, dass es nicht vorher zum Krieg kommt. Oder zu einer Inflation. Die Enkelin hat zweihundertfünfzig in der Zigarrenkiste. Das Geld soll sie sich halten, damit sie von ihrer Seite was hat in der Zukunft, die man nicht kennt. Der Mittlere von Dubberts scheint kein schlechter Kerl zu sein. Der ist bei der Straßenbahn untergekommen. Eine häuslich stille Natur. Aber Eli macht überhaupt keine Miene. Man kann das Gute nicht zwingen. Der Mensch ist ein Rätsel. Anton braucht nur an seine Wandergefährtin Alice zu denken, die plötzlich nach Westfalen zur Schwester getürmt ist. Und nun Eli. Jetzt muss der Großvater herausfinden, was das ist, ein Stipendium, Mehrzahl: Stipendien. Finanzielle Unterstützung für Studierende und junge Wissenschaftler, so steht es im Fremdwörterbuch.

Ein paar Tage später, kurz vor dem Schlafengehen, also nach den Nachrichten aus dem Radio, zeigt der Großvater, wie gescheit er ist und wie er die Welt kennt. In gewitztem, etwas hämischem Ton fragt er die hinter einem Buch versteckte Enkelin direkt auf den Kopf zu: Auf wie viel soll sich denn das Stipendium belaufen?

Eli behält ihre Nase im Buch. Der Großvater nickt. Stipendium, das hört sich schon an wie Watte oder wie ein leerer Klingelbeutel. Eli blättert endlich die Seite um. Einhundertachtzig Mark, murmelt sie.

Hundertachtzig, das verdreht dem Großvater das Widerwort, das er schon auf der Zunge fertig hatte. Statt Klingelbeutel sagt er Donnerwetter. Er rechnet im Kopf. Das sind 150 Schachteln Turf. Oder jeden Tag eine Wurst mit Senf plus Semmel. Monatlich tausendmal mit der Straßenbahn Weinböhla bis Niedersedlitz und zurück und was nicht alles. Da könnte sogar noch was übrigbleiben für die Zigarrenkiste.

Bei diesem und dem nächsten Gedanken zündet er sich eine Zigarette an. Er bläst den Rauch aus dem Mundwinkel, wie er es immer macht, wenn er immer noch den Teufel riecht. Sind unter den anderen Studenten auch Männer?

Kann sein, sagt Eli. Dann schlägt sie das Buch mit einem lauten Knall zu. Ja, sagt Eli, alles Männer. Und alles geborene Künstler.

Ein Schweigen erfüllt die Wohnküche bis über den Herd mit den blank geputzten Feuerringen, wo der Kessel mit dem Waschwasser steht, denn heute ist Sonnabend, Elis Bade- und Schuhputztag, das Schweigen hängt in der cremefarbenen Gardine, es senkt sich auf die gepolsterte Kochkiste und auf die nussfarbenen Plüschsessel. Und weil der Großvater sich von seinem Platz auf dem Sofa nicht mehr meldet, sagt Eli: Ich bin die einzige Frau und keine Künstlerin und will auch keine werden, weil ich keine werden kann, denn dann müsste ich mich berufen fühlen. Aber ich fühle mich nicht berufen.

Das will ich hoffen, brummt der Großvater.

Eli lässt den Wecker eine Weile friedlich ticken, dann soll es der Großvater hören.

Sie nehmen mich allerdings trotzdem. Ohne Berufung.

Der Großvater bläst den Qualm am linken Ohr vorbei. Schräger geht es nicht. Sein linker Mundwinkel hängt verdrossen. Er will nicht verstehen, was sich jetzt ändern soll und warum. Er möchte mit der Faust auf den Tisch hauen. Entsprechend grollt seine Stimme. Was ist denn das für ein Verein. Lumperei. Warum denn so was, warum fangen die ausgerechnet so einen Hänfling wie dich.

Eben darum. Weil ich Arbeiterin bin. Sagt Eli. Sie nehmen im Ganzen nur vier Studenten, und ich bin die 25 Prozent Arbeiterklasse, die anderen drei sind Männer und bürgerliche Elemente, zwei machen Gedichte, und einer schreibt Humorartikel für die Sonntagszeitung.

Eli ohne Berufung, aber mit Voraussetzungen. Um den Großvater mürbe zu machen und außerdem zu beruhigen, um ihm zu beweisen, das der Nachkrieg vorbei ist und die Züge längst wieder nach Fahrplan fahren und sie keine Lust mehr hat, sonnabends in der Zinkwanne zu baden und den Großvater durch die Wand schnarchen zu hören und zu warten, bis er fertig ist auf dem Abort, um sich die persönlichen Argumente zu sparen, setzt sie ihren Großvater und Vormund Anton Reich von dem Schreiben der Aufnahmekommission in Kenntnis. Kapitel Rüstzeug eines Studenten der Hochschule für Kinematographie. Hör mal her, was die schreiben.

Die Künstlerphantasie, heißt es, wirkt nach denselben Gesetzen wie die Natur. Das Lebensgesetz der Natur ist wie das Gesetz der Kunst die Metamorphose. Eli zeigt dem Großvater die Stelle. Hier steht es ganz deutlich: Sie haben uns mit Ihren Ausführungen zur Metamorphose der Pflanzen überzeugt.

Es gilt nunmehr, dass Sie den positiven Geist der Natur als Phantasiewerk schaffen oder wenigstens als zweite leibhaftige Natur in der Naturwelt erkennen. Denn: Es ist die Phantasie, welche die Metamorphose, die sich in der Natur zeigt, zum zweiten Mal in der Natur leibhaftig erkennt. Die Phantasie bringt, nach denselben Gesetzen wie die Natur, das Gleiche in anderen geselligen Verhältnissen zur sinnlichen Anschauung.

Der Großvater greift, um die Argumente zu verdauen, noch einmal, und damit eigentlich über das Abendmaß, zur Zigarettenschachtel. Eli tönt wie vom Katheder. In dieser vergleichenden sinnlichen Anschauung ist der Geist in der Lage zu erkennen, dass die Phantasie nicht willkürlich und spielend, sondern wie die Pflanze in der Sphäre des von der Idee beigebrachten Begriffs der Form aus sich heraustreten kann.

Anton lässt von der neuen Zigarette den Rauch aufsteigen. Er sitzt gerade und behält die Übersicht.

Von der Pflanze weißt du ja jetzt schon allerhand, sagt er. Aber wie das werden wird mit dem Heraustreten, da musst du die Augen aufmachen und abwarten. Die Pflanze steckt mit ihren Wurzeln doch eigentlich recht fest.

Ich glaube, sagt Eli, das meinen die gar nicht so genau, viel wichtiger ist das Vergleichen und Sinnen. Darauf kommt es an.

Und, fügt Anton hinzu, dass du es dort nicht frühmorgens verpennst.

Eli hat sich neben den Großvater auf das Sofa gesetzt. Sie ist froh, dass er wieder auf seine normal schräge Art mit ihr spricht. Sie liest das Ganze noch einmal laut, es klingt immer noch wie Papier. Aber den Schluss kann jeder verstehen.

Wir erwarten Sie, liebe Jugendfreundin Rafaela Reich, am 15. September 10 Uhr in der Mensa. Der Ernteeinsatz erfolgt im Kreis Ketzin in der Genossenschaft Aufbau.

SVK-Buch, Arbeitsbuch, Abmeldung beim Betrieb und polizeiliche Ummeldung sind beim Prorektor vorzulegen. Die feierliche Immatrikulation findet am 7. Oktober statt.

Pflichtlektüre: Schiller, Friedrich von. Alle Dramen und Schauspiele.

 

Ich sehe schwarz, sagt der Großvater.

Vielleicht kann ich dann in einer Bibliothek arbeiten, oder ich werde Chef in einem Kino, Schauburgchefin oder sogar Filmvorführerin, dann lasse ich dich für umsonst in die Vorstellung rein.

Du wirst dich umgucken. Antons Rückfall. Es passt ihm gar nicht, dass Eli fortgehen will. In der Nacht nimmt er sich noch einmal das Fremdwörterbuch aus dem Vertiko. Umgestaltung, Verwandlung, so liest er als Erklärung. Zum Beispiel in den griechischen Sagen Verwandlung von Menschen in Tiere, Pflanzen und Steine, wenn aus einem Mädchen eine Myrte wird oder aus einem Kerl ein Bär, das ist eine Metamorphose. Er holt sich den an Rafaela Reich adressierten Brief unter das Licht. Metamorphose. Er wird nicht schlau daraus, wie sie seine Enkelin, mit der er bis jetzt im Ganzen gesehen keine Not gehabt hat, nun umgestalten wollen, warum und in was. Und sie hat es noch selber gewollt. Sie will sich verwandeln lassen. Er, Anton Reich, hatte Eli ein halbes Jahr nach der Bombennacht im Kinderheim wiedergefunden, da war sie ein kleiner kranker Wurm, konnte kaum auf eigenen Beinen gehen, hat im Sommer gefroren und ist am hellen Tag am Bordstein umgefallen und eingeschlafen. Ein Arzt hatte Kreislaufstörung, Rückgratverkrümmung, Mangelernährung und Sehschwäche festgestellt, da hatte er, Anton, als Schieber alter Schule mit Vorkenntnissen aus der Rotfrontkämpfer-Zeit, einen Schrebergarten ergaunert. Er hatte den Garten einem gutgenährten, über die Zeiten fröhlichen Nazi abgenommen. Kamerad, wenn du den Garten nicht mehr brauchen würdest, könnte ich deinen Einsatz in Polen mit Sonderaufgaben ganz leicht vergessen. In diesem Stil. Es war ausgeruhte Erde, fruchtbar. Eimerweise Erdbeeren, Kirschen, grüne Bohnen. Damit hatte er die schwächliche Raupe auf die Beine gebracht. Er hätte es wissen müssen, einer Raupe wachsen eines Tages Stachel oder Flügel oder gar beides.

Sie hat sich heimlich zur Schulung beworben. Er hatte sich bis jetzt keine Gedanken gemacht, wenn sie mal drei Tage unterwegs war. Entweder zu Fuß oder mit Fahrrad. Entweder in die Sächsische Schweiz oder Richtung Erzgebirge. In Dittersbach im früheren Gasthaus Schöne Höhe hatte der Lehrbetrieb ein Erholungsheim. Dort ist sie mal als beste Brigade eine ganze Woche gewesen. Zur Kirschenzeit haben die jungen Leute, fünf Mädchen, zwei Jungen, sieben Tage wie die Stare gelebt. Die frühere Wirtin aus dem Gasthaus, die noch dort wohnt, hatte aufgepasst und nach dem Rechten gesehen. Nie sind Klagen gekommen. Und nun. Ein Brief von einer Kommission, die von Metamorphose spricht.

 

Eli war an einem Frühlingstag heimlich über Elsterwerda in den Ostsektor von Berlin gefahren. Sie hatte sich durchgefragt. Sie musste umsteigen, wechseln zwischen Bus und Bahn und West und Ost, dann durch viel Wald, der zum Westen gehört, in einer langen S-Bahn-Tour bis zur ersten Oststation, eine nach Wannsee, da musst du raus.

Dort tagte die Kommission.

Nun erzählen Sie uns mal, junge Dame, warum Sie hier sind?

Erstens, hatte Eli gesagt, die schöne Gegend, die vielen königlichen Gärten, das Wasser und der Wald. Und zweitens ist es nicht weit nach Berlin, in den demokratischen Sektor, hatte sie höflich hinzugefügt, dort gibt es viele Möglichkeiten, ins Theater zu gehen. Es gibt Bibliotheken und Galerien. Man kann lesen, sitzt im Winter in der Stube, braucht keine Filzstiefel mehr und hat nie kalte Füße.

Die fünf Kommissionsmitglieder hatten sich untereinander angesehen, gelächelt und Fragen um Fragen gestellt, Häkchen und Striche auf ihren Papieren gemacht und oft gestritten. Sie ist unverdorben, hatte ein junger Bärtiger, einer der Wohlmeinenden, gesagt. Dagegen die Bedenken einer rundlich glatt gekämmten Frau. Was hat sie im Kern zum Naturalismus hervorgebracht? Hat sie überhaupt eine einzige Frage beantwortet? Der mit dem kleinen roten Bart wollte die Anmerkung seiner Kollegin nicht gelten lassen. Sie ist unerschrocken in ihrem Weltbild. Sie kommt aus Sachsen. Eine autonome Erscheinung. Eli hatte auf die Frage nach der Bedeutung von Fichte und Schelling für die deutsche Philosophie gesagt: Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling hatte in unserer Leihbücherei grade jemand geklaut.

Wo man reinsticht, alles hohl. So hatte die Zwischenbilanz des Vorsitzenden ausgesehen. Mit breitem verdrießlichem Professorenangesicht und zu Berge stehendem weißem Haar. Er war an der Reihe, er führte die Befragung weiter: Daran erkenne ich meine Pappenheimer, wer sagt das, wann und in welchem Stück, und wer hat das Stück geschrieben. Kann es sein, dass Sie Wallenstein nicht kennen? Was haben Sie überhaupt von Schiller gelesen? Nennen Sie wenigstens ein Stück von ihm. Nach ungemütlichem Schweigen fügte er gequält leise, inständig bittend hinzu: Und sei es das mit dem Apfelschuss.

Tell, hatte Eli gerufen, der Tell-Apfel ist ein sehr feines Schokoladenerzeugnis von VEB Elbflorenz, und Wilhelm Tell ist außerdem ein Theaterstück von Friedrich Schiller. Sie wollte nun den Dresdner Tell-Apfel beschreiben, rotes Stanniol, Stiel und Blätter aus Draht und Wachspapier. Schokoladenspalten, die beim Aufklopfen auseinanderfallen. Der Vorsitzende sagte: Stopp.

Darauf waren die Wohlmeinenden wieder an der Reihe. Wilhelm Meister. Mignon. Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn.

Eli faltete die Hände und erzählte von ihren Setzlingen, den Zitronen, die sie am Ufer der Elbe auf Anordnung des Obergärtners auspflanzen sollte, beschwor den Konflikt, das große gesellschaftliche Anliegen: Ansiedlung der Zitrone im Elbtal und ihre Einsichten und Erfahrungen mit dem bevorstehenden Winter in dieser Region, die eiskalten Füße, die erfrorenen Finger. Der Bärtige hörte verständnisvoll zu. Die anderen Wohlmeinenden warteten auf den Kern der Geschichte. Der Vorsitzende sagte: Recht gut, aber keine Lösung. Eli hätte erzählen können, dass besagte Zitronen auf Dresdner Fensterbrettern und in der Orangerie des Botanischen Gartens eine Rettung gefunden hatten. Sie schwieg. Der Vorsitzende stellte die nächste Frage, es war die nach der Metamorphose in der Natur.

Das brachte Punkte und verwies auf die Herkunft: echt Arbeiter. Sehr gut für die Prozente. Grünes Licht für das Experiment Rafaela Reich.

Der Rotbärtige, Schüler von Ernst Bloch, Hans Mayer und Georg Lukács, musste als Assistent des Vorsitzenden der Kommission die Bestätigungen schreiben. An Siegfried Müller, Ludwig Zweig, Felix Wagner, Rafaela Reich. Betrifft: Einladung zum Studium. Seine Unterschrift Dr. Erwin Schubert. Weil er weder Termine in der Fachrichtung noch gute Ausreden hatte, wurde er gleich auch zur Leitung des Ernteeinsatzes verpflichtet. Er sollte die Kultur auf dem Dorf und die gestaffelte Anreise der Studienjahre organisieren.

 

Ludwig Zweig hatte sich krankgemeldet. Felix Wagner musste einen Humorartikel schreiben, und Siegfried Müller sollte in diesen Tagen Vater werden.

 

Rafaela Reich sitzt allein in Raum 37. Sie hat ihre Papiere im Sekretariat des Prorektors bei Frau Gieram abgegeben, den Koffer, wie angesagt, in der Fechthalle abgestellt. Zu Füßen der Rucksack, darin die blaue Latzhose und die blaue Jacke, die letzte Zuteilung auf Arbeitsbuch für Garten- und Feldarbeiter. Im Kopf schwarzweiße Gedanken. So sieht ein Anfang aus, und jetzt kann ich wahrscheinlich nicht mehr zurück.

Weil die anderen Neuen nicht gekommen sind, wird alles ein bisschen anders. Keine Sonderfahrt mit Begleitung. Man erklärt ihr, am Platz der Einheit gebe es einen Linienbus nach Ketzin. Der Kartoffelacker sei gewiss nicht zu übersehen.

Die älteren Jahrgänge, sämtliche Fachrichtungen, seien schon seit einer Woche in Aktion. Am Tage Ernte, am Abend Kultur.

 

Das Wetter stimmt für die frühen Winterkartoffeln. Die Nächte sind kühl, die Mittage heiß, trocken, staubig. Die Kartoffelschleuder zieht eine kilometerlange Strecke, wirft in breiter Front die Furchen auf, unter der Staubfahne liegen frei und buttergelb die Kartoffeln. Das dürre Kraut bleibt rechts, links neben der Maschine liegen. Stille. Die Erde atmet, als sei sie fertig wie einst, aber das täuscht. Jetzt werden alle Hände gebraucht.

Die Studenten helfen bei der Einbringung der Hackfruchternte.

Am Feldrand, wo die Taschen und Beutel der anderen liegen, hat Eli die blauen Sachen angezogen und einen leeren Korb genommen. Dort bleibt ihr Rucksack. Über den Acker verteilt, in gesellig bunten Haufen, lauter Studenten, alle im zweiten und dritten Studienjahr. Rufe und Meinungen fliegen hin und her. Manchmal fliegen Kartoffeln. Oft gibt es etwas zu lachen. Eli zieht näher. Da wird ein Lied vorgetragen oder ein Gedicht, in geschulter Art, halb gesprochen, halb gesungen. Rezitativ. Mackie und ich, wir lebten wie die Tauben. Eli hört heraus, dass es ein Text von Bertolt Brecht ist. Aus seiner Dreigroschenoper. Eli spitzt die Ohren. Kurt Weill. Paul Dessau. Hanns Eisler. Lauter Komponisten. Weiter im Text. Eli versteht Schiff und Kanonen und Hoppla, das Lied – der Song, sagen sie – stammt wohl gleichfalls aus der Dreigroschenoper. Das Stück wird im Berliner Ensemble probiert. Das ist es, was Eli gemeint hat. Der Grund Nummer eins und zwei, deshalb ist sie hier, weil sie ins Theater gehen will. Sie wird sich die Haare abschneiden lassen. Nicht nur die Studenten, auch einige Studentinnen haben einen Brecht-Schnitt. Brecht hatte eine Cäsar-Frisur. Cäsar- oder Brecht-Schnitt, jedenfalls will Eli so schlau aussehen wie die mit den dunklen, in die Stirn gekämmten Fransen, Eli hatte die Frisur schon an der rundlichen Kommissionsfrau gesehen. Damals noch aus der Distanz, eher kritisch. Jetzt ist sich Eli sicher. Sie hatte zu Hause auf Anweisung der Aufnahmekommission wochenlang Schillers Dramen gelesen. Nun würde sie gern etwas von Bert Brecht im Kopfe haben. Wenn man Bert Brecht nicht kennt, kann man hier auf dem Kartoffelacker niemanden verstehen. Wehe dem Land, das keine Helden hat. Wehe dem Land, das Helden nötig hat. Aber wie sehen neue Helden überhaupt aus? Oder Mütter. Wer ein Kind geboren hat, ist noch längst keine Mutter. Das Amt muss man sich, wie all und jedes, erst einmal verdienen. Am besten können das Frauen, die nichts haben und nichts sind. Die Besitzlosen erweisen sich meist als die besseren Mütter. Zum Beispiel Grusche im Kaukasischen Kreidekreis. Über solche Sachen streitet man auf dem Feld, und das ist immer auch gleich der Witz, man nennt Namen und Titel und mimt den Richter Azdak. Schwester, verhülle dein Haupt, Bruder, hole dein Messer, die Zeit ist ganz aus den Fugen.

Eli bewundert die Debatten, die sprechenden Hände, Tanzschritte, ein Reigen, wie sie abheben von der Erde und den herumliegenden Kartoffeln, wie sie mit gespanntem Rücken frei über dem Acker schweben. Götterkinder oder glückliche Marionetten, die von unsichtbaren Haltefäden gehoben und geleitet werden. Und wenn ihre Füße vorübergehend einen Standpunkt finden, bücken sie sich immer noch nicht. Sie singen oder reden. Das sind die Schauspielstudenten. Angelica Domröse, die grade noch in einem Berliner Betrieb Lehrling war und nun schon in Verwirrung der Liebe eine Hauptrolle gespielt hat. Eli hatte den Film vor kurzem als Dauerbesucher in der Schauburg gesehen, die Premiere in Anwesenheit des Regisseurs. Gleich wird ein Produktionsauto kommen, um die Domröse abzuholen. Obwohl sie erst vor einem Jahr mit dem richtigen Schauspielstudium angefangen hat, ist sie schon wieder für einen neuen Film engagiert. Eli hat ihren vollen Kartoffelkorb an der redseligen Gruppe vorbeigeschleppt und hat gesehen, dass sie es wirklich ist. Die Domröse. Wie im Kino.

Am Hänger trifft sie den bubenhaften rotbärtigen Assistenten. Cordanzug, schwarzes Hemd. Als sei er in einem Sprung vom sauberen Konferenztisch der Aufnahmekommission hier auf dem Acker gelandet. Eli grüßt. Er guckt verwundert. Habe ich Sie auf der Liste?

Er blättert, sucht die Jahrgänge, die Fachrichtungen, entschuldigt, unentschuldigt. Vom ersten Studienjahr ist noch niemand gekommen. Der Assistent notiert ihren Namen. Er erinnert sich, Rafaela, die Citruspflanze aus Sachsen. Feierabend für Rafaela.

Sie darf erst mal Schluss machen, um ihren Rucksack ins Gasthaus zu tragen, um sich im Tanzsaal eine Luftmatratze zu suchen, Decken, ein Handtuch. Der Assistent erklärt den Weg. Eli schaut ihm nicht in die Augen, sie betrachtet den Bart, keine Butterbürste mehr, aber längst noch kein Knebel, fuchsrot.

Sie müssen nur die Chaussee immer geradeaus gehen, sagt er. Hinter dem Ortsschild, das erste Haus.

Er begleitet, kommt mit bis zum Rain, schräg durch die brandenburgische Natur, schräg über den Acker, wo der Rucksack steht. Schreitet weit aus, tritt nur mit den Fußspitzen auf, als wäre noch etwas zu retten vom Glanz der schwarzen Halbschuhe. Wahrscheinlich hat er Sand zwischen den Zehen. Spitze Steinchen im Fußbett. Zwei wund geriebene Fersen. Blasen. Eli hält sich an seiner Seite, ganz nahe, fast auf Tuchfühlung mit dem brauen Cord, sie kann die Augen nicht losreißen. Ein roter Klecks am linken Ärmel, Tinte oder Lippenstift, am Revers gelbliches Ei.

Dann seine himmelschreiende Einfalt angesichts des Schwarms schwarzer Vögel.

So viele Amseln, sagt er.

Das sind wohl keine Amseln, die sind kleiner und die treiben sich nicht auf Feldern herum.

So viele Raben, sagt er.

Soll Eli schweigen oder schnell irgendetwas Freundliches über die Anreise sagen oder über das kommende Studium, über ihre Erfahrungen beim Lesen der Schauspiele und Dramen von Friedrich von Schiller, das man ihr, wie er sich hoffentlich erinnern wird, zur Pflicht gemacht hatte, eine Frage vielleicht, warum man einen Unterschied macht, Schauspiele und Dramen, doch Eli kann so viel Irrglauben nicht auf den schwarzen Vögeln sitzenlassen, wie sie nun in eigenwilliger Formation den Acker einnehmen, die Vögel hüpfen, als wären sie auf einem Bein lahm, aber das täuscht, das ist der gesunde Laufstil der Saatkrähe, das Hinkebein.

Das sind keine Raben, das sind Saatkrähen, sagt Eli, man kann es am Schnabelgrund deutlich erkennen, der ist bei der Saatkrähe weiß und rau wie Grind. Der Rabe ist sehr selten geworden im flachen Land, und er kommt nicht in Scharen dahergeflogen, denn der Rabe liebt die Einsamkeit.

Soll sie ihm dazu noch erklären, dass der Rabe ein Göttervogel ist? Man kennt ihn, schwarz und schlau, als Begleiter auf der Schulter des Gottes Wotan.

Aber das weiß der kluge Assistent schon selbst aus der einschlägigen Literatur. Der Rabe gilt bei vielen Völkern als Vogel der Weisheit. Der Rabe kann sagen, wo es künftig langgehen wird. Das wissen unsere gemeinen Saatkrähen leider nicht.

Eli wandert in Richtung Dorf.

Der Assistent Erwin Schubert hat ein schweres Amt auf sich nehmen müssen. Während er am Hänger auf den Fortgang der Ernte wartet, beobachtet er, von der neuen Studentin angestiftet, die Vögel. Jetzt hat sich eine Schar zierlich brauner Flatterwesen zwischen die Saatkrähen gemischt.

Vielleicht Spatzen, vielleicht Sperlinge. Eli könnte ihm erklären, dass man höchstens zwischen Haus- und Feldsperling unterscheidet. Spatz und Sperling, das ist nur ein anderer Name. Der Assistent Schubert macht sich Sorgen. Er hätte die Sächsin nicht so allein ins Dorf schicken dürfen. Und während er noch seine Pflichten bedenkt, setzt sich so ein brauner Vogel auf seine Schulter. Schubert versucht, still zu sein, die Luft anzuhalten, die Wandlung geschieht in einem Augenblick, wo er kein bisschen glücksgewärtig ist, der Acker wird zur Landschaft, die Sorgen werden perfekt, er hat an so viel Natur eigentlich gar nichts auszusetzen, an kleinen braunen Vögeln. Jetzt fliegt der Schwarm. Jetzt macht Schubert auf dem Absatz eine einvernehmliche Pirouette.

Der LPG-Traktor poltert mit dem nächsten leeren Hänger, von der Chaussee kommend, über die Zufahrtsspur zum Sammelplatz, auch dieser Hänger müsste heute noch beladen werden. Menschen sind genug auf dem Feld und Kartoffeln auch.

Eli dreht sich nicht mehr um, sie lässt den Assistenten, die Tänzer, die Sänger, die Disputanten, die Gruppen- und Einzelmeinungen hinter sich. Sie hört ferne Stimmen, das Lachen. Hoppla, immer wenn der Kopf fällt im Lied von den fünfzig Kanonen. Hoppla.

Auf der anderen Seite der Chaussee zieht sich ein Maisfeld, es reicht bis zum Horizont, im Frühjahr bestellt und nun vergessen, so sieht es aus, ein verlassenes Feld. Der Sämann ist fortgegangen, dienstfertige Natur hat die Angelegenheit übernommen, die Dürre, den Bruch, die Bräune, bis zum Himmelsstrich herbstliche Hinfälligkeit. Rotwild, Damwild, vielleicht auch Wildschweine haben einen Weg über den Straßenrain durch das hohe braune Kraut getreten. Einen Schleichweg oder einen Fluchtweg. Einen Weg zurück. Für Eli eine letzte Möglichkeit. Denk dir hinter dem Horizont einen Kiefernwald und dann einen Berg. Wenn du es mit Entschlossenheit willst, ist es der Wilder-Mann-Berg, die Vorstadtstraße, der Schrebergarten, in Himmelsferne ein goldener Engel über einer Kuppel aus Glas, die Silhouette der Stadt, ein Sprung über die Elbe. Die Mitte, das ist der Schornstein vom Kesselhaus. Steinkohle, ein kleiner herbeigekarrter Vorrat. Die Orangerie. Zitronenblüten. Wo du hergekommen bist, wo du hingehörst.

 

Jede Woche schreibt Eli an den Großvater einen Brief. Sie schreibt, wie sie sich eingelebt hat, berichtet von Vorlesungen und Seminaren, wie man eine Analyse macht. Man nimmt den Film auseinander. Handlung, Dialoge usw. Eine Einstellung ist die kleinste Zelle. Dialog und Bild sind zu einer Einheit verschmolzen. Manchmal schlafe ich in der Vorführung Geschichte des deutschen Stummfilms ein. Obwohl ich nicht müde bin. Es ist, weil die kunstvollen Sachen so lang sind. Du kannst Dir nicht vorstellen wie, zwei Stunden oder mehr.

Eli berichtet dem Großvater, dass die beiden Mädchen, mit denen sie sich das Zimmer teilt, Anke und Sandra heißen. Die beiden sind schon im vierten Studienjahr und damit kaum noch in ihren Betten, weil sie auswärts den praktischen Teil der Diplomarbeiten ableisten müssen. Unser Mädchenwohnheim heißt Tauber-Villa, weil der berühmte Sänger Richard Tauber, von dem du auf Platte das Wolgalied hast, vor dem Krieg für ein paar Jahre hier gewohnt hat. An den Steckdosen für Nachttischlampen und an den Perlenschnüren an der Deckenlampe, auch an der blauen Engelstapete sieht man, dass unsere Bude mal sein Schlafzimmer war.

Lieber Großvater, hattest Du nicht früher eine Lederjacke. Ich glaube, ja. Kannst Du mal in der Bodenkammer suchen? Im Schrank unten, wo auch Emmas Rolltücher liegen? Ich glaube, die würde mir passen. Die Jacke darf ruhig reichlich sein und nicht mehr wie neu. Von Deinem Geld habe ich ein Buch gekauft. Die Kriegsfibel. Aus dem Verlag für Satire und Humor, Eulenspiegel. Einer auf dem Umschlagfoto mit den gefangenen Soldaten sieht wie Papa aus. Es sind Papas Augen und sein Kinn und der Mund. Es ist Winter. Bestimmt ist es Stalingrad. Er hat Lappen um den Kopf gebunden und schleppt immer noch einen Mantel. Vielleicht ist er doch durchgekommen und lebt? Der Dichter Bertolt Brecht hat zu den Fotos auf jeder Seite ein kleines Gedicht geschrieben. Man behält die Zeilen im Kopf: Such nicht mehr, Frau: du wirst sie nicht mehr finden! Doch auch das Schicksal, Frau, beschuldige nicht! Die dunklen Mächte, Frau, die dich da schinden, sie haben Name, Anschrift und Gesicht.

Auf dem Foto neben dem Gedicht sieht man ausgebrannte Häuser und Mauerreste, wie damals in der Altenzeller Straße, wo unsere Wohnung war. Wir beide sind später nach dem Angriff noch einmal hingelaufen, quer durch die Trümmer. So ein Bild ist es. Kalte Steine. Wir wussten damals nicht, wonach wir suchen sollten, Du hast gesagt: Vielleicht finden wir irgendwas. Die goldene Brezel von der Bäckerei an der Ecke baumelte am Ast der verkohlten Linde. Zu hoch, sonst hätte sie schon einer mitgenommen. Von dort war die Tellermine, aus der Du im Trafo-Werk einen Fuß für den Christbaum geschweißt hast.

Denke nicht, dass ich wieder Geld für ein Buch rausgeschmissen habe. Brecht ist Pflicht.

 

Lieber Anton!

Ich bin von den schöpferischen Aufgaben befreit, weil ich nicht kreativ bin. Das heißt, ich muss den positiven Geist der Natur nicht als Phantasiewerk schaffen, ich muss den positiven Geist nur als zweite leibhaftige Natur in den Werken der Künstler erkennen. So steht es im Aufnahmebrief und nun auch im Leistungsprotokoll.

Felix Wagner schreibt Satiren für Zeitungen, außerdem, wie er mir verraten hat, Werbesprüche für eine westliche Geldschrankfabrik. Ede, es ist ein ADE, nicht zu knacken, schade. Dafür hat er den Deutschen Preis für Text und Gestaltung gewonnen. Felix kommt nur montags bei uns vorbei. Die Facharbeiten schreibt er im Interzonenzug zwischen Wien und Berlin. Felix kennt keine Geldsorgen, weder in Wien noch hier. Hier verdient er bei VEB Waschmittelwerke Genthin, er schreibt über WOK und Fewa. Er fragt, ob ich einen Auftrag will, er meint, mir fällt bestimmt was ein. Wollen ist Schaffen oder umgekehrt. So sagt er. Er ist älter als der Seminarassistent. Er könnte unser Vater sein. Für das Hauptfach schreibt er lange Geschichten mit genauen Personenbeschreibungen und Dialogen. Ich finde seine Geschichten wunderbar. Unserem Assistenten, Dr. Schubert, gefallen sie wahrscheinlich nicht. Er sagt, man muss sehen. Und schweigt dann ausführlich.

Ludwig Zweig schreibt ebenfalls ausgezeichnet. Er kann, zur Freude von Schubert, verfremden, denn er beherrscht den V-Effekt. Überzeugend, wie in Ihrer Geschichte die Dialektik grinst, sagt Schubert. Ludwig kommt aus der Hauptstadt Berlin, seine Mutter arbeitet als Objektleiterin in einem Lampengeschäft. Studieren oder trainieren, das war für Ludwig die große Frage. Er ist sehr gut auf der langen Strecke. Union Berlin wollte ihn als Läufer, wenigstens für die Mittelstrecke, haben. Er hat einen langen Atem. Schon als Kind hat er dicke Hefte voll Geschichten geschrieben. Viele Seiten, von oben bis unten gereimt. Es ist gut, dass er sich nicht für die Leichtathletik entschieden hat, sondern für die Kunst. Ludwig ist ein Gewinn für unsere Seminargruppe. Oft muss ich über seine Einfälle lachen.

Siegfried Müller kann alles. Er liest und lernt mehr als jeder andere, baut für seine Geschichten eine tragfähige Fabel mit einer Exposition, spannt in der Mitte, knüpft einige Knoten und kommt dann zu diesem oder jenem, meist tragischen Schluss.

Leicht sein ist schwer, kommentiert Schubert. Und wiederholt: Man muss Hegel lesen, um Ernst Bloch zu verstehen.

Wir stürzen in die Bibliothek, um uns Hegel zu holen, zuerst die Ästhetischen Schriften, nach und nach das Weitere. Wenn ich etwas Geld habe, will ich mir von Ernst Bloch Subjekt-Objekt kaufen.

Siegfried kommt aus Neuruppin, man kennt ihn deswegen in der Mensaküche. Die Neuruppiner essen keinen Blumenkohl, und es gibt oft Blumenkohl. Ich esse Blumenkohl mit Kartoffeln sehr gerne. Siegfried sagt: Blumenkohl riecht wie Neuruppin. Es ist der Geruch der Rieselfelder rings um die Stadt, der Nebel, die Kohlweißlinge, Raupen, das alles. Jetzt wohnt er mit seiner Frau und dem Kind im Neubau östlich der neuen Stalinallee, also genau in der Mitte. Er hat Ludwig Zweig und mich neulich eingeladen. Seine Frau war noch auf Arbeit und der Kleine noch in der Krippe. Siegfried hatte für jeden zwei Pfannkuchen gekauft, dann haben wir an einem Rauchtisch gesessen und Wodka gekippt, Siegfrieds Schreibtisch müsstest Du sehen, er ist riesig und aus dunklem Palisander, er sagt: Die Möbel hat er vom An- und Verkauf, auch ein Leninkopf auf dem Schreibtisch kommt aus dem An- und Verkauf-Geschäft. Bücher, mindestens einen Meter Marx-Engels, alles Sachen von einem Republikflüchtling.

Aber Siegfrieds REMA Trabant ist das Neueste, ein Radio wie ein kleiner Koffer. Ein Kofferradio. An der Stelle, wo der RIAS sendet, kleckst auf der Radioskala ein Punkt wie ein schwarzer Fliegenschiss. Es ist Ölfarbe. So hat Siegfried den Sender gekennzeichnet, damit ihm nicht das Gleiche passiert wie uns. Wir wissen ja nie, ob die Musik, die wir hören, von drüben kommt. Oder das Wort. Siegfried jedoch lebt in Sicherheit, er richtet sich nach dem schwarzen Klecks, er kennt die Stelle, er dreht schnell drüber hin, sogar im Finstern, weil der Klecks wie für Blinde mit den Fingern fühlbar ist. So vermeidet er Mozart vom Sender Freies Europa und kommt auch in dunkler Nacht nicht in Versuchung, einem geschickt gesponnenen Kommentar aus Köln zu lauschen. Er gibt uns diesen Tipp mit dem Ölfarbenklecks. Er verzeiht uns die Ausflüchte, die wir haben. Ludwig meint, seine Farbe verwische auf seiner Skala. Ich habe leider kein Radio. Siegfried hat Geduld mit uns, mit Ludwig und mit mir. Er runzelt die Stirn, schaut aus guten blauen Augen, lächelt milde und erklärt uns die Sache noch einmal von vorn. Mir hat er schon ein paarmal erklärt, wie das ist mit dem Helden. Es gibt negative Helden, vor allem aber positive.

Siegfried eilt jeden Tag die Strecke vom Bahnhof, die lange Lindenallee, entlang, mit hängenden Schultern, die Aktentasche schwer, immer ein Auge auf der Taschenuhr, die er in der Hand vor sich herträgt. In den Pausen zieht er die Uhr aus der Hosentasche. Er schaut, wie schnell eine Minute verlorengeht. Die Zeit, die wir hier herumsitzen, ist unwiederbringlich vorbei. Er sagt Ludwig und mir Bescheid, wenn es nach der Pause wieder anfängt und wo. Kunstgeschichte im Raum 3, zusammen mit den Kamerastudenten. Wir müssen dem Studenten Meng Hai-Feng erklären, dass es nicht Leda und die Gans heißt, sondern Leda und der Schwan und dass der Schwan eigentlich ein Gott ist, nämlich Zeus, und was die auf dem Dia vorn an der Wand miteinander machen.

Unser Dozent für Kunstgeschichte, der schüchterne Kunert, klopft mit dem Zeigestab auf die Details, er sucht die goldene Mitte, die Spannung zwischen den Farben, er berührt das Motiv.

Meng Hai-Feng stößt mich an. Na zhi e xian gan shenme? Das heißt: Was macht diese Gans?

Ich wiederhole nur, das ist keine Gans, das ist ein Schwan. Er blättert im Wörterbuch. E heißt Gans. Und tian é heißt himmlische oder hehre Gans, also Schwan. Wir nehmen Rücksicht auf die Ausländer in den Fachrichtungen. Die meisten essen nicht in der Mensa. Sie kochen im Internat. Manche haben von zu Hause Gewürze und Büchsen mitgebracht. Kokosmilch. Bohnenpaste. Es riecht fremd, manchmal gut, aber Kreuzkümmel und Koriander ist nichts für jeden Tag.

Montags nimmt mich Felix in der Pause beiseite. Er schlägt seine feste Mappe auf. Ein neuer Werbetext. Schreib ich Dir, schreibst Du mir, immer auf ZK-Papier. Oder er zeigt mir seinen gedruckten Text, den er aus dem Magazin ausgeschnitten und auf Pappe aufgeklebt hat. Felix Wiener steht darunter. Es ist sein Pseudonym.

 

Lieber Großvater, alter Anton,

jetzt sollst Du Dir einmal vorstellen, wie wir montags leben, nämlich fürstlich. In einer Villa am See. Man kann sogar von einem Sommerschloss oder Sommersitz reden, im Gegensatz zum Wintersitz, der befindet sich irgendwo in der Mitte von Berlin. Es war einmal ein Teppichhändler, der lebte viele Jahre eventuell glücklich in einem wunderschönen Gemäuer mit vielen freundlichen Gemächern. Jetzt sind wir drin. Bibliothek. Seminarräume. Dekanbüro. Filmlager. Am gegenüberliegenden Ufer, der bewaldete Hügel, das ist der Mont Klamotte, das ist der Westen. Dort liegen die Trümmer von Berlin. Auf unserer Seite sieht alles sehr friedlich und schön aus. Keine Bomben. Die Häuser mit Garten waren nach dem Krieg gut geeignet als Quartier für die Sieger, Russen, Engländer und Amerikaner, sie wohnten hier in den Wochen der Konferenz, während der sie die Strafe für Deutschland festgelegt haben: die Besatzungszonen und die Abtrennung der Ostgebiete, also auch Großvater Heinrichs Garten und Felder, das Katzbachgebirge, Probstein, Pilgramsdorf und so weiter. In unserer Villa wohnte Stalin, und so liest man es noch auf der Marmortafel, die aber jetzt abgeschraubt im Kellergang steht: Hier lebte Generalissimus Josef Wissarionowitsch Stalin während der Zeit der Potsdamer Konferenz.

Wir haben hier im Salon der Beletage montags beim Dekan Hauptfach. Unter dem ovalen Tisch das Oval eines prächtigen Teppichs, Blumenmotive, die mit dem Dekor der Stuckdecke korrespondieren.

Die Teppiche, die gerafften Vorhänge zu beiden Seiten der Balkontür dämpfen unsere Debatten. Es ist sehr hell. Die Sonne blendet.

Der Dekan sitzt gegenüber. Auf ihn fällt das Licht. Alles an ihm ist nobel, der Anzug, die Frisur, sein Alter, die Zigaretten, die er umständlich aus der Jackentasche fischt. Während der Nazijahre war er Emigrant in der Sowjetunion. Wahrscheinlich musste er fliehen, weil er wahrscheinlich Jude ist. Man weiß es nicht. Dass er zu einer revolutionären Theatergruppe gehört hat, kann ich mir nicht vorstellen. Überhaupt, dass er mal jung war. Wenn er redet, tönt es wie von ferne, als würde er hinter seiner eigenen Maske eine Rolle spielen. Hier spricht der Dekan. Es folgt ein Text, eine Rede, wahrscheinlich seine Meinung, die nirgends geschrieben steht, er improvisiert. Selbst wenn er mal von gestern oder von heute spricht, klingt das nicht wie aus der Zeitung. Man weiß nicht, was man denken soll und wo der Schwerpunkt liegt.

Er orgelt, sagt Ludwig Zweig. Zieht Register: Georg Lukács. Ernst Fischer. Einige allgemeine Tendenzen des Formalismus in Kunst und Literatur. Siegfried Müller, der mit dem Fliegenschiss auf der Radioskala, hatte von den Abweichlern Fischer und Konsorten bereits gehört, er ist interessiert am Geschehen und neugierig, er will erkunden, was der Dekan für ein Mensch ist, ob er alleine lebt, warum er hier an der Schule unterrichtet, aus freien Stücken oder auf Bewährung. Ich denke, wir können bis jetzt nur froh sein. Er lässt mich in Ruhe, wir haben einen freien Raum.

Ludwig Zweig fällt dem Dekan manchmal ins Wort, der Dekan hält inne, er atmet tief, auch ich halte die Luft an. Ludwig will nicht streiten, er denkt einfach anders und weiter. Er denkt an die Vergeblichkeit. Ich bin froh, wenn der Dekan nach Ludwigs Einwurf ohne Umstände fortfährt. Er wartet, er nickt sogar manchmal. Die Orgel tönt. Das Bild, das uns die Revolution jetzt liefert, sagt nichts über die in die ferne Zukunft gehende Berechnung, mit der ein Geist sie erweckt hat. Ludwig zwinkert mir zu. Wenn wir wollen, sind wir uns einig. Ich zucke die Achseln. Nicht gleichgültig, sondern fragend, manchmal würde ich gerne lachen, aber das lasse ich sein.

Felix Wagner kann mit den Orgelvorträgen und mit Ludwigs schwarzen Wolken weder in seiner Satire- noch in der Werbetextpraxis etwas anfangen. Siegfried empfiehlt ihm auf seinen langen Bahnfahrten, Wien hin und zurück, die Bibel, die Testamente, zu lesen, so als ob du dazugehörtest. Siegfried hilft auch mir mit weiterführender Literatur. Ich strenge mich an, mache Notizen und lerne den Text.

Lieber Großvater, es handelt sich bei uns hier immer um eine ernste Angelegenheit. Meist ist der Frieden bedroht. Oft sind die Errungenschaften in Gefahr.

In den Pausen geht unser Kollektiv zum Luftschnappen auf den Balkon, oder ich laufe allein hinunter zum See. Die geschwungenen Treppen, die Traversen. Das Rosenrondell.

Der alte Garten verharrt einen Augenblick in der ihm zugedachten Gestalt. Die alte Ordnung: Fingerhüte und Glockenblumen bestimmen selbst, wohin sie seit Gründerzeiten gehören. Mutterpflanzen streuen eigenwillig den reifen Samen an den richtigen Fleck. Der Schritt aus einer Epoche in die andere. Aus der Nähe sieht man, wie die Buchenhecken über das Maß ihre Zweige ausstrecken, wie der Taxus allmählich seine Pyramidenform verliert. Aber von oben, vom Balkon aus, präsentiert sich das alte Bild. Alles wie einst. Aufgesparte Anmut. Das Terrain behauptet sich tapfer gegen die Hausmeister, gegen Sicherheitsgitter und Fahrradständer, die Hängebirke breitet den Mantel über den Braunkohlevorrat; die Aschentonnen, die Winterkiste, die Feuerleiter verschwinden hinter den Fliederbüschen.

 

Das Studienjahr endet im Juli.

In den Seminaren werden Scheine mit Einsen und Zweien verteilt. Der Dekan hat keine Zeit für Beurteilungen. Weder mündlich noch schriftlich. Zum letzten Montagsseminar lässt er noch einmal seine Orgel tönen, er fasst seine Lehrmeinung in einem Satz zusammen. Ein Dichter, im Gegensatz zum Chronisten, steht nicht auf Seiten der Ereignisse, sondern auf Seiten der Gesellschaft. Und nun erwarte ich, dass ein jeder von Ihnen an seine Stätte gehe, um das Gelernte in den Monaten bis zum September zu vertiefen. Denn Ferien haben Sie in diesen Wochen nicht. Ein schöpferischer Mensch hat niemals Ferien, der ist immer in Aktion. Ihren Niederschlag finden mögen die nächst geforderten Aktivitäten auf weißem Papier, DIN A4, mit Schreibmaschine. Sieben Seiten, nicht mehr, nicht weniger. Überschrift für alle verbindlich: Antwortzeichen. Das gilt auch für Sie, Rafaela Reich.

Eli vermutet einen Irrtum. Wenn er auch ihren Namen genannt hat, so hat er sie gewiss verkannt. Die dunkle Person im Gegenlicht. Die Sonne spiegelt auf dem ovalen Mahagonitisch. Licht und Licht gibt Finsternis. Das Dunkelfräulein Rafaela. Was hat er georgelt? Aktivitäten auf weißem Papier? Jeder weiß, dass ich befreit bin. Ich fühle mich nicht berufen. Ich habe noch nie im Leben ein Gedicht gemacht. Der Dekan fingert in seiner mausgrauen Anzugtasche.

Endlich bringt er eine krumme, aber blendend weiße Zigarette hervor. Er schnipst das Feuerzeug. Eli schnipst mit dem Finger.

Ludwig spitzt die Lippen. Ein ermunterndes Küsschen in Richtung Eli. Wenn Gott will, schießen sogar die Besen.

Siegfried Müller zieht die Taschenuhr.

Felix Wagner blättert diskret im Fahrplan. Er knöpft die Jacke zu.

Ehe Rafaela noch ihre Widerworte laut machen kann, klopft eine Faust von draußen an die Salontür. Eine polternde Männerstimme. Der Chauffeur des Dekans wartet keine Minute länger. Die Zeit ist um, das Studienjahr ist zu Ende.

Jetzt aber dalli, Kollege Professor, der Motor läuft.

Man weiß, dass der Dekan noch wichtige Aufgaben außerhalb der Hochschule zu bewältigen hat. Es heißt, dass er an einem Roman schreibt. Deswegen muss er nach Freiberg, in die Bergakademie-Stadt. Es ist vielleicht ein Roman über die Geschichte des Bergbaus oder über die Bergakademie, wo sein Vater als Geologe und Autor eines Fachbuchs über das Uralgebirge einen Namen hatte. Manche an der Schule munkeln von einer Herzensangelegenheit. Anerkennend oder besorgt. In seinem Alter und grade der. Manche witzeln, weil er seine Flamme angelegentlich Nichte nennt oder Großnichte. Wer es glaubt, wird selig.

Damit er schneller vorankommt mit seinem Text, wird er per Tatra nach Freiberg gefahren. Der Chauffeur erzählt gern Geschichten aus Freiberg, wie entgegenkommend die Erzgebirglerinnen sind, die Nichten, und auch, wo der Kollege Professor seine Zigaretten herholt. Wie er die neuerdings in einem Silberetui neutralisiert und dazu noch tief in der Jackentasche vergräbt.

Die Raucher schwören: Das Dekanzimmer, eigentlich das ganze Stalin-Haus, riecht unverkennbar nach Marlboro.

Siegfried hat inzwischen herausgefunden, dass der Dekan ein echter Freiberger ist. Er hat es auf einem Abrechnungsschein im Sekretariat gelesen: Geburtsort: Freiberg. Also ein Sachse. Da kann es doch sein, dass er Verwandte dort hat, eine Nichte, zum Beispiel, die er am Wochenende besucht.

 

Lieber Anton, ich werde nächstens einmal kurz nach Dresden kommen. Bist Du zu Hause? Hast Du die alte Lederjacke gefunden?

 

Eli kann froh sein, dass sie einst für ihr gespartes Geld statt eines Fahrrades eine Schreibmaschine gekauft hat. Die Verkäuferin im Industrieladen Dresden hatte ihr mütterlich zugeredet. Eine Schreibmaschine sei eine Wertanlage und genauso gut wie ein Fahrrad. Es sei ein Glück, dass sie sogar noch die Wahl habe. Eine Optima Erika oder eine rote Rheinmetall, beide mit Koffer, inklusive Typenknete und Reinigungsbürsten. Fahrräder würden, wenn überhaupt, erst wieder im übernächsten Quartal geliefert werden.

Durch diesen zeitigen Zuspruch und ihre anhaltende Sparsamkeit hatte Eli nun beides. Simson-Fahrrad und Schreibmaschine. Es war ein Glück. Das Schreiben beherrschte sie sogar blind, mit verbundenen Augen. Zehnfingersystem. Das hatte sie im Abendkurs gelernt, sie konnte ein ziemliches Tempo vorlegen. Am liebsten klapperte Eli nach Musik. Sie legte auf dem Grammophon eine Platte auf. Setzte die Nadel in die Rille, und los ging es. Ungarische Tänze. Die Tasten gehorchten.

 

Der Lkw, in dem Eli von der Tankstelle Michendorf aus mitgenommen worden war, fuhr weiter nach Prag.

Waren Sie schon mal in Prag? Noch nie. Über diese Sache hatte Eli mit dem zuverlässig geradeaus blickenden Fahrer einige Sätze gewechselt. Prag ist schön. Keine Trümmer. Prager Schinken, den kannte Eli vom Kiosk auf dem Postplatz, von den Prager Schnittchen, eine Scheibe saftig gekochten, dazu süßsaure Gurke, obendrauf Petersilie. Man konnte ins Schwärmen geraten. Schöne Filme kamen aus Prag. Puppentrickfilme. Nein, in Prag war ich leider noch nie.

An der Ausfahrt Wilder Mann klettert Eli vom Beifahrersitz.

Der Fahrer reicht ihr den leeren Rucksack.

Infanteriegepäck, sagt der Fahrer, war praktisch, der Rucksack, man hatte alles am Mann.

Ich hole meine Schreibmaschine, erklärt Eli. Morgen fahre ich wieder zurück.

Vielleicht mit mir, sagt der Fahrer. Der Zufall kann viel. Wenn er will.

 

Über den Heidefriedhof wandert Eli, weil er am Weg liegt und um zu sehen, ob alles noch wächst, ob die Büsche Wurzeln geschlagen haben, ob die Heidepflanzung hält, was sie damals versprochen hatte. Wacholder, kriechend und tamariskenartig, hellgrüne Kissen. Genau so sollte es über die Jahre hin werden, Richtung Mahnmal und Feuerschale, eine kunstvolle Perspektive.

Eli hat hier nichts mehr zu schaffen, kein Pflanzen, kein Gießen, kein Nichts. Sie darf hier nicht einmal zu einem Grab gehen, wo sie sich bücken und verblühte Blumen abbrechen könnte, wo sie gewesen sein müsste, endlich wieder einmal nach so vielen Monaten. Nicht einmal ein Urnengrab. Vater in Russland, Mutter irgendwo im schlesischen Grenzgebiet. Sie hat hier nichts zu suchen. Das Herz ist schwer. Nicht wie es sich für eine Friedhofsbesucherin gehört, sondern anders. Es gibt sieben Arten des Regens, darüber hat ein berühmter Meister sogar einen Film gedreht. Platzregen und Landregen zum Beispiel. Bei der Trauer handelt es sich vielleicht um verschiedene Wolkenformen, die im Inneren entstehen:

Weil ich die Vermissten vermisse.

Weil Anton so viel raucht. Er ist wegen mir zu einem Kettenraucher geworden.

Weil der Assistent Erwin Schubert jedes Mal meinen Namen vergisst.

Weil ich keinen Schlüssel mehr habe für die Dresdner Wohnung.

Weil ich nachts träume. Von meiner Angst und dem höllischen Feuer, den brennenden Augen.

Eli läuft über den Hubertusplatz, wo das Pferdekarussell sich dreht. Nicht mehr mit Hilfe von Schulkindern, die sich eine Freifahrt oder einen Fünfer verdienen wollen. Es dreht sich allein. Ein versteckter Motor setzt die Pferde in Trab.

Unterdes scheint es fast so, als wäre Eli gerne betrübt oder traurig, gerne den Tränen nahe. Das Unabänderliche hat sie irgendwo am Weg verloren, Hoffnung macht die Augen nass, Neugier und Vertrauen streicheln das Herz, weil morgen meist wieder alles ganz anders sein wird.

Das Schicksal unsres Daseins Herz und Haus,

Ist beim Unendlichen, und einzig dort;

Ist bei der Hoffnung, welche niemals stirbt,

Ist Streben und Erwarten und Verlangen,

Und immer etwas, das sich sehnt zu sein. Das ist eine Übersetzung aus dem Englischen, die sie gemeinsam mit Schubert im Poetikseminar probiert haben. Es hat Wochen gedauert, ehe sie sich auf diese Variante geeinigt hatten. Vielleicht fällt uns noch etwas Besseres ein.

Streben und Erwarten und Verlangen.

So erreicht Eli die Wilder-Mann-Straße 8, wo Anton wohnt. Wo Eli gelebt hat. Im Boudoir, mit Bett, Schrank und einer Schreibmaschine, die sie im Rucksack davontragen will in ihren neuen Kreis. Lernen hat sich Eli anders vorgestellt. Das Brüten und Zweifeln den ganzen Tag und auch in der Nacht. Was ein Studium ist, wird sie Anton nicht erklären können. Sie steht vor der Tür.

Sie klingelt, klopft, flucht. Keiner zu Hause.

Dubberts von oben aus dem ersten Stock rufen, staunen: Ach, die Eli, fragen, ob sie reinkommen will.

Schöndank, ruft Eli. Ich such noch. Weil Anton nicht aus der Welt sein kann.

Aus der Welt kann er nicht sein, rufen Dubberts. Und wenn zwei im selben Moment dasselbe sagen, kann man sich eigentlich was wünschen. Anton im Schrebergarten. Das wäre eine Möglichkeit.

 

Der Garten ist verschlossen. Eli kriecht in alter Übung durch das Hundeloch in der Ligusterhecke. Die Sprossenleiter ist aufgehängt, sogar angekettet. Die Gießkanne umgedreht, damit sie nicht rostet. Alles signalisiert Abwesenheit. Kein Empfang, kein Gruß, kein Wasser. Ein schwarzes Stück Fahrradmantel versteckt das Vorhängeschloss. Im Schacht der gesicherte, abgestellte Haupthahn. Am Pflaumenbaum wenigstens Pflaumen, wenigstens die hängen knüppeldick über den Stützen herunter bis auf die Erde, und es leuchten reife Tomaten. Vom Strauch in den Magen, ohne Brot. Eine Gurke und Himbeeren. Hinter der Hecke das weiße Gitter, die Eisenstäbe, die Messingkugeln. Eli faltet die Hände. Himmel und Erde. Es ist die Höhe. Großvater, der Kompostfanatiker, der jeden Pferdapfel von der Straße kehrte, der die Asche aus dem Küchenofen in den Garten trug, hatte aus ihrem Bett ein Kompostgehege gebaut. Nicht zu fassen und typisch Anton.

Kompostplätze aus alten Lazarettbetten, das war im Jahr nach dem Krieg eine populäre, sich schnell ausbreitende Erfindung, sie hatte ihren Ursprung wahrscheinlich in Dresden, hier in den Gärten, genau hier, wo Eli jetzt steht, um auf den Großvater zu warten, wo sie sich Sorgen macht um den alten Kauz, hier hatte es angefangen. Das war der Ausgangspunkt. Von hier aus hatte sich die Mode über das Land Sachsen verbreitet, über Deutschland, über Europa. Zwischen Dresden und Berlin an der Bahnstrecke, an der Autobahn, konnte man sie in den Gärten entdecken, unzählige Kompostplätze und Zäune, aus Betten gebaut, neuerdings sah man außerdem in den Gärten aus Betten und Eisenketten gemachte sofaartige Schaukeln.

Anton hatte damals leider kein Militärbett mehr erwischt. Die Kaserne am Schützenhof war bereits leer, als er eines Nachts dort abräumen wollte. Nun also hatte er sich über Elis Bett hergemacht. Ein echtes Paradiesbett, seinerzeit eine behördlich angeordnete Spende aus dem Sanatorium Weißer Hirsch für die Ausgebombten. Eine bezugsscheinpflichtige Zuwendung. Eli hatte die Kugeln mit Sidol blank geputzt und schöne zierliche Schleifen und Sebnitzer Seidenblumen aus Emmas Handarbeitskiste oben ans Kopfgestänge gebunden.

Die Erinnerung an die geputzte Schlafstatt, die Wandlung ihres heimatlichen Nestes in ein solides Kompostgehege, das ist nun wieder ein Grund für traurige Trauer.

Und etwas Wut.

Anton ist immer noch nicht zu Hause. Die Fenster verriegelt und die Vorhänge zugezogen. Eli steht vor der Tür. Es wird finster, es wird Nacht.

Dubberts meinen, Anton ist bestimmt übern Winterberg, der macht gerne mal paar Tage fort. Däm gefällt’s im Gebirge.

Eli bleibt über Nacht bei Dubberts. Am Morgen rollt sie sich vom Sofa und macht sich auf den Weg. Erste Station Pflaumen und Tomaten, dann Sachsenbad, Puschkinhaus oder Sempergalerie, mittags kommt sie zurück, um zu erkunden, ob Anton aufgetaucht ist. Sie wandert die Elbe entlang. Flussab, flussauf. Sie pendelt mit der Pieschner Fähre zum Schlachthof und wieder zurück.

An einem Mittag ist Anton endlich wieder da. Man hört das Radio durch die Tür. Orchestermusik. Eli klopft und klingelt. Dubberts schlagen gegen die Wasserleitung, bis er den Apparat leiser dreht und endlich mit seinem am Schlüsselbund hängenden Wohnungstürschlüssel aufschließt.

Tatsächlich, Anton ist ein paar Tage in der Sächsischen Schweiz gewesen. Sein Rucksack, der Stock, die dreckigen Schnürschuhe, die Socken. Seit Alice nach dem Westen getürmt ist, wandert er allein. Er fährt mit dem Bus bis Schmilka, dann geht er über den Winterberg. Manchmal trifft er alte Bekannte, manchmal sogar einen, der sich noch an Emma erinnert, damals mit dem kleinen und später mit dem großen Paul, als sie in Familie oder mit dem Verein unterwegs waren. Nach Emmas Tod hatte er das Wandern für viele Jahre verlernt. Nach dem Krieg, ohne Emma und schließlich auch ohne Paul und ohne die Schwiegertochter, da musste er ganz von vorne anfangen. Mit Wanderfreundin Alice. Die jüngeren Bergfreunde richten Grüße aus an Alice oder an seine Enkelin, die er von klein auf ohne Vater und Mutter durchgebracht hat, bis sie auf eigenen Füßen stehen konnte als Fachkraft im Botanischen Garten. Er hat noch niemandem erzählt, dass sie ihr Zeug gepackt hat. Auch das Fahrrad hat sie mitgenommen. Er weiß aus Briefen, wie sie jetzt lebt und auskommt. Er hat ihr Bett auseinandergenommen, vielleicht etwas voreilig, vielleicht, um schnell aufzuräumen mit der Enttäuschung und der Vergangenheit, vor allem aber, weil er es woanders dringend gebraucht hat. Trotzdem wird er noch abwarten, was die Zukunft bringt, die meisten Wege sind Rückwege, und ein gutes Bett lässt sich heutzutage für Geld im Möbelkonsum kaufen.

Anton dreht das Radio aus, das Mittagskonzert ist zu Ende, und was anderes kommt nicht.

Ein paar Pfifferlinge liegen der Größe nach auf dem Tisch.

Hast du gesehen, wie gut die Tomaten stehen? Anton tut so, als wäre Eli wie früher grade von Arbeit nach Hause gekommen.

Nicht schlecht, sagt Eli und verschwindet, weil sie es eilig hat.

Der enge Korridor zum Klo ist immer noch eng, alte Tabakkisten, Eimer und Körbe, aber das Sitzsofa steht nicht mehr unnütz, bloß zum Stolpern und Ärgern, im Wege. Das klotzt nun in Elis Boudoir. Dort hat er es hinbugsiert. Dort stapelt Anton brauchbare Kartons, zwei neue Besen, überhaupt Sachen, die er für später aufhebt.

… unsres Daseins Herz und Haus, ist beim Unendlichen, und einzig dort; ist bei der Hoffnung, welche niemals stirbt. Es ist was wert, dass man solche Verse im Kopf hat. Die Übersetzungsübung mit Schubert ist zum Ohrwurm geworden. Seine Stimme spricht, dazwischen Ludwig. Nimmer oder niemals. Weil wir seiner Variante nicht zustimmen wollen, beschimpft er uns als Streberleichen. Der Aufstand der Unbegabten.

Ludwig, das sagst du nicht noch mal. Das ist Siegfrieds Stimme.

Eli nimmt die Schreibmaschine aus dem Schrank. Sie passt wie abgemessen in ihren Rucksack. Effort, and expectation, and desire. Eli zeichnet mit der Schwurhand drei Kreuze über das Gepäck, so wie es Mama immer gemacht hatte, bevor sie ein frisches Brot anschnitt. Das walte Gott. Streben und Erwarten und Verlangen. Sie wirft einen bitteren Blick auf das Plüschsofa, den Platz, wo ihr Bett einstmals stand. Nun könnte sie losgehen.

Aber der Großvater hat zwei Teller auf den Tisch gestellt.

Er putzt die Pfifferlinge, schneidet Speck und Zwiebeln. Ein Gaskocher steht auf dem Kohleherd. Zwei Flammen. In der Pfanne brutzelt der Speck. Der Wasserkessel simmert. Anton krümelt Tee in die Kanne. Auf dem Vertiko ein Fotografenporträt von Eli, auf dem sie zu Antons heimlichem Stolz wie eine Diva aussieht, daneben die alten Boxaufnahmen. Eli würde gerne ein Foto mitnehmen, das von der Hochzeit, wo sie selbst mit drauf ist, schon drei Jahre alt, zwischen Mama und Papa. Das frische Paar und das Kind, zu dritt auf einem Bauernwagen. Der Bräutigam trägt Ausgehuniform der Infanterie, die Braut geht in Schwarz, schwarz, weil der Onkel draußen geblieben ist im Krieg. Eine Hochzeit im Trauerjahr, damit sollte endlich Ordnung geschaffen werden, um noch mehr Unheil zu verhindern.

Das Kind sieht aus wie eine kleine Prinzessin, Lockenhaar, Seidengewölk, barfuß, die Beine schlenkern, der Blick geht hinunter zum Wagenrad, wo ein Huhn verwundert das Auge dreht. Es hat geblitzt. Aber wo bleibt der Donner?

Zwei Tage später wird Abschied genommen. Viel Tränen. Großvater Anton, die Eltern, das Kind, wir fahren nach Dresden zum Überleben, denn die Kunststadt wird verschont.

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