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Sendepause

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Zitat
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. Zwei Jahre später - 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. Danksagung
  28. Über die Autorin

I just wanna feel real love

Feel the home that I live in

Cause I got too much life

Running through my veins

Going to waste

Robbie Williams

1

Ich werfe den Kopf vor und zurück, von einer Seite zur anderen, hoch und runter. Immer wieder. Wenn ich die Augen öffne, existiert die Welt, wie ich sie bisher kannte, nicht mehr. Alles um mich herum hat sich in eine wild umherwirbelnde Masse verwandelt und sortiert sich gerade neu. Wie sehr ich diesen Augenblick genieße!

»And I’ll survive, I will survive, hey, hey!«, schreie ich so laut, dass es in der Kehle kratzt. Absoluter Kontroll- und Taktverlust. Danke, Gloria, du gibst mir die Energie, um mein Leben da draußen für einen Moment hinter mir zu lassen. »It took all the strength I had not to fall apart …« Oh ja! Die abgenudelte Hymne tut mir genauso gut wie hin und wieder ausreichend Schlaf oder ein saftiges Steak.

Und nein: Ich verausgabe mich hier keineswegs auf einer miesen After-Work-Party, sondern labe mich an einer einzigartigen Kraftquelle. Verdammt, mein Überlebens-Freestyle wird abrupt von The Clash unterbrochen: »Should I stay or should I go?« Wenn ich das nur wüsste!

Erhitzt lande ich wieder in der Realität, verlasse die Tanzfläche und reiße Klaus meinen Mojito aus der Hand. Klaus Benninger ist der Geschäftsführer von W-TV, dem Fernsehsender, bei dem ich arbeite. Ich, Pia Freitag, gesegnet mit Qualifikationen wie einundvierzig Jahren Lebenserfahrung, ausgezeichneten Kenntnissen als Workaholic und kinderloser Single, bin die Chefredakteurin des Ladens und momentan ziemlich am Ende, weil ich heute Nachmittag vom Glauben abgefallen bin.

»Pia, geht’s dir jetzt besser?«, fragt Klaus besorgt.

»Mir ging es lange nicht so prächtig!«, brülle ich, stürze den erfrischenden Drink herunter und schiebe mir unauffällig zwei Eiswürfel ins Dekolleté. Das tut gut.

»Mach dich bitte nicht verrückt. Lassen wir doch erst mal alles auf uns zukommen, und dann sehen wir weiter«, sagt Klaus milde.

Dabei habe ich genau das getan: es auf mich zukommen lassen, das kleine, dicke Männchen aus Nordamerika. Heute Nachmittag auf dem Gang bei W-TV. Deswegen bin ich ja jetzt hier, um die Begegnung zu verarbeiten. Weil ich nicht geglaubt hätte, dass es so was gibt, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte. Unser Sender verkauft, an einen amerikanischen Investor. Der trägt zwar den unsäglichen Namen First Conqueror, ist aber kein Hedgefonds, sondern ein solventes US-amerikanisches Familienunternehmen. Und der Sohn des Familienoberhaupts hat mir heute ein grandioses Gespräch beschert. Paul Martin junior ist um die vierzig, adipös und ungefähr so groß wie Danny de Vito. Auf den ersten Blick fand ich ihn drollig.

Aber schon nach wenigen Sätzen war mir klar, dass nichts an diesem Typen drollig ist. »W-TV ist der erste Fernsehsender, den wir kaufen. Zuletzt haben wir eine Futtermittelfabrik in Wisconsin übernommen und davor einen Straßenbaumaschinenhersteller in Illinois.«

Ein Schauer des Entsetzens jagte durch meinen Körper. Das war keine Satire, sondern harte, bittere Realität – und ich stand mittendrin.

»Wir wollen neue Märkte außerhalb der Staaten erschließen und haben in Russland, China und Washington unverhofft günstig riesige Archive aufgekauft«, erklärte er weiter. »Wir werden beweisen, dass man auch heute noch mit Free-TV Geld verdienen kann, sagt mein Dad. Und er meint, dass sich eure Knie-Ficker sehen lassen können.«

Bitte was? Ich wollte weinen. Wieso warf dieser Zwerg jetzt auch noch mit deutschen Schimpfwörtern um sich? Zum Glück wurde mir dann aber klar, dass er wohl unsere Key Figures gemeint haben musste. Doch merkwürdig ausgesprochene Kennzahlen hin oder her: Ich kam einfach nicht darüber hinweg, dass so einer wie dieser Paul mir ab sofort ins Handwerk pfuschen konnte. Ich war ziemlich ratlos nach dieser Begegnung und rannte zu Klaus, der mich zur Ablenkung in diesen Club hier schleppte.

»Ach Klaus, wie konnte es nur so weit kommen? Weil in meinem Leben ja zum Glück sonst alles stimmt«, jammere ich und lecke den Rand meines nur noch mit geschmolzenen Eiswürfeln und Grünzeug gefüllten Glases ab. Das Auftanken an der Gaynorschen Kraftquelle hat nicht lange vorgehalten.

Klaus lässt sich trotz aller Bemühungen von meinem Frust nicht anstecken. Er ist ein wahrer Freund und erträgt mich, wie ich bin.

»Los, lass uns tanzen gehen«, fordere ich ihn auf.

»Du, äh, eher nicht. Geh mal allein«, wehrt er ab, hat aber keine Chance gegen mich und »Show me Love«, den legendären Dance-Floor-Klassiker von Robin S.

Mit aller Gewalt schiebe ich ihn auf die Tanzfläche. Sekunden später weiß ich, warum ich ihn noch nie vorher tanzen gesehen habe. Er bewegt sich in etwa so agil wie ein Hundertdreijähriger. Ich kann kaum hinschauen und fixiere lieber ein Paar, das hochkonzentriert Discofox tanzt. Genauso schlimm, aber zumindest kenne ich die beiden nicht. Nach dem Song flüchte ich zur Erleichterung meines Chefs von der Tanzfläche und organisiere uns Mojito-Nachschub.

»Auf uns«, hauche ich kurz darauf ein bisschen zu lasziv.

Klaus schaut mir tief in die glasigen Augen. »Darauf trinke ich gern. Du weißt, dass du mir sehr viel bedeutest und …« Zaghaft versucht er meine Hand zu fassen, die ich ruckartig wegziehe.

»Klaus, lass es. Mit dem Thema sind wir durch. Du bist verheiratet, ich habe meine Prinzipien, und wir sind gut befreundet. Das reicht mir.«

Ehrlich gesagt wäre Klaus mit seinem Raucherteint und den braun gefärbten, kaum mehr vorhandenen Haaren auch als Single alles andere als mein Traumtyp. Aber was sind schon Äußerlichkeiten? Er ist mein Vertrauter. Er hat mich damals, als die Chefredaktion bei W-TV neu besetzt werden sollte, protegiert und gepusht. Das hat unsere Verbindung gestärkt, auch wenn sie nicht so weit geht, dass ich ihn in Frisurenfragen berate.

»Okay, dann also weiterhin gute Freunde«, sagt Klaus und streckt mir seine bärige Hand entgegen, die ich kräftig schüttele. »Und dein guter Freund fährt dich jetzt nach Hause. Wir haben morgen einen anstrengenden Tag vor uns.«

»Oje, warum musst du mich daran erinnern?«, sage ich, plötzlich todmüde, und wende mich zum Gehen.

Punkt sieben reißt mich mein Radiowecker aus dem Koma. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, verkündet eine tiefe Männerstimme auch noch, dass das Thermometer wieder auf über dreißig Grad klettern wird. Hallo? Wir haben April! Wie sehr mich das nervt! Was soll das auch? Ich lebe bewusst in Berlin und nicht im Death Valley. Hochsommer im Hochsommer reicht mir.

Obwohl ich mich nicht nur dank eines ziemlich ausgewachsenen Katers so fühle, als wäre ich ein Pflegefall, schaffe ich es aufzustehen. Es dauert nur zehn Minuten, und wieder einmal stelle ich fest, dass ein Futon nichts mehr für mich ist. Offenbar brauche ich ein Senioren- oder zumindest ein Krankenbett mit intelligentem Griffsystem. Damit könnte ich mich hervorragend in meinem persönlichen Aufschwung üben. Den habe ich nämlich dringend nötig.

Leider sind es nicht nur die Nachwirkungen der letzten Nacht, die die körperliche Anstrengung heute für mich zur Qual werden lassen. Ich habe – mal wieder – Rückenschmerzen. Mein Körper will mir damit sagen, dass er meine Lebensweise satthat. Mein Leiden ist nämlich angeblich psychosomatischer Natur. Ist das ein Trost? Mein Arzt hat mir bloß mit auf den Weg gegeben, dass ich an die Quelle kommen müsse, um das Übel bei der Wurzel zu packen. Der Mann ist lustig. Wo soll ich da anfangen? Ich arbeite zu viel, das weiß ich. Und ich trage eine gewisse Grundfrustration in mir, die stetig wächst, was ich gern verdränge, aber ehrlicherweise zugeben muss. Weil eine Menge fehlt in meinem reichen Leben: ein Mann, ein Kind, ein Hund, Zeit, Hobbys, die Mitgliedschaft in einem Fitness-Club, ein Konzert-Abo und noch vieles mehr. Alles, was ein ausgeglichenes Privatleben so ausmacht. Gar nicht gut.

Ich ziehe die schweren dunkelblauen Vorhänge zur Seite, blicke über die Dächer der Hauptstadt und atme den neuen Tag durch das geklappte Fenster. Schon jetzt strahlt die Sonne mit viel zu viel Kraft vom wolkenlosen Himmel, wärmt und blendet mich. Ich kneife die Augen zusammen. Amseln singen gutgelaunt, Spatzen schimpfen, bis die Müllabfuhr für Urbanität sorgt und die Vögel mit ohrenbetäubendem Krach ruhigstellt. Ein idealer Tag, um ans Meer zu fahren, draußen bis zum Mittag zu frühstücken oder faul auf einer Wiese zu liegen – aber nicht, um arbeiten zu gehen. Ich schließe das Fenster und ziehe die Vorhänge wieder zu. Doch es nützt nichts, mein Pflichtbewusstsein lässt nicht zu, dass ich an diesem für W-TV doch eher schwarzen Tag blaumache. Klasse! Und als Kontrast zu den vor mir liegenden dunklen Stunden wartet mein Gesicht mit einer interessanten Farbpalette auf. Von Grünviolett (Augenringe) über Dunkelrot (Augenweiß) bis zu gelbstichigem Hellgrau (Teint).

Huch, was ist das? Ein Lippenherpes. Danke, Paul! Die Dinger kriege ich nur bei extremer Abscheu. Hinzu kommt, dass mir bis heute meine verblüffende Ähnlichkeit mit einem Gürteltier nicht aufgefallen ist. Ich kann mir nichts vormachen: Mein Gesicht sieht aus wie sein Körper, nur in schlaff. Verdammt, zieht mein Leben etwa in einer solchen Geschwindigkeit an mir vorbei, dass alles, was bleibt, dieser überflüssige Plissee-Look ist?

»Ja, gib es mir, ich habe es nicht anders verdient«, fauche ich deprimiert mein Spiegelbild an.

»Gern«, scheinen mein Gesicht und mein stumpfes dunkelblondes Haar, das einmal ein Pagenkopf war, im Kanon zu antworten.

Das Äußere ist der Spiegel der Seele – so was Unnötiges aber auch. Ich war noch nie ein Fan von Deckungsgleichheit.

Routiniert hantiere ich so lange an mir herum, bis ich wieder menschlich aussehe, und frage mich: Was wäre eigentlich schlimmer? Ein Leben frei von Eitelkeiten oder eins ohne Make-up?

Seit knapp vier Jahren sitze ich auf meinem cognacfarbenen Leder-Chefsessel am Potsdamer Platz. Durch die leicht getönten Scheiben blicke ich aus der zehnten Etage auf den in frühlingszartes Grün getauchten Tiergarten und Sehenswürdigkeiten wie den Reichstag, das Brandenburger Tor, das Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals, die amerikanische Botschaft, Dunkin’ Donuts und Häagen-Dasz.

Mein Büro grenzt an ein Großraumbüro, in dem drei Assistentinnen sitzen, die der Geschäftsführung und mir zu Diensten sind. Am liebsten habe ich Frau Russ, die mit Vornamen Ute heißt, und wenn ich einen schlechten Tag habe, dann werde ich schon mal lauter und verlange nach der »Uterus«. Ich muss zugeben, dass ich den Gag auch beim achthundertsten Mal noch amüsant finde. Ich habe längst mitbekommen, dass einige der Damen die Zusammenarbeit mit mir als anstrengend empfinden, und in diesem Zusammenhang ist sogar schon mal das Wort »zickig« gefallen. Aber das ist Blödsinn. Ich halte es nur für wichtig, den Leuten klar zu sagen, wo es langgeht.

Dabei weiß ich das in letzter Zeit selbst nicht mehr so recht. Jahrelang habe ich in einer Art Rauschzustand gelebt und in meinem Leben kaum etwas anderem Raum gegeben als meiner Arbeit. Ich wollte was erreichen – und habe es auch geschafft. Schneller, höher, weiter. Aber inzwischen hat sich meine Leidenschaft für das, was ich tue, aus dem Staub gemacht, auch wenn ich im Moment noch so funktioniere, als wäre alles beim Alten.

Schwerfällig lasse ich mich an diesem Morgen hinter meinem Schreibtisch nieder. Vor mir liegt eine Menge Arbeit. Am Abend steht ein Meeting mit den Amerikanern auf dem Programm, und dafür muss ich mich wappnen. Immerhin geht es nicht zuletzt um meine Existenz.

Meine Bürotür bleibt heute zu, gestört werde ich trotzdem.

»Herein«, sage ich mürrisch nach dem zweiten Klopfen.

Die Tür öffnet sich zaghaft. »Entschuldigung, Frau Freitag, darf ich Sie kurz stören? Ich muss mit Ihnen reden.«

Ramona Kiesel, eine der Redaktionsassistentinnen, steht unbeholfen im Türrahmen. Eine unscheinbare, mehr als blasse Person Ende dreißig, und zudem eine von den Frauen, die Mascara und Lippenstift für Todsünden halten. Ihren faden Naturlook unterstreicht sie bevorzugt mit Knallfarben wie Hellbeige, Wollweiß oder zartem Olivgrün.

»Setzen Sie sich. Wo drückt der Schuh?« Noch während ich ihr die Frage stelle, weiß ich, was sie mir gleich sagen wird – und es geht ganz bestimmt nicht um ihre grauseligen Treter. Ich sehe es an ihrem Blick. Er ist zu strahlend.

»Tja, also, ich habe es mir so lange gewünscht, und nun hat es geklappt. Ich bin schwanger«, stammelt sie und lächelt mich schüchtern an.

»Sie machen ja Sachen, Frau Kiesel. Wie lange bleiben Sie uns denn noch erhalten?« Super, ich tue total emotionslos, dabei würde ich am liebsten laut schreien und den Kopf zehnmal hintereinander auf die Schreibtischplatte knallen.

Warum bekommen alle Frauen außer mir Kinder? Sogar Frau Kiesel? Ja, ich weiß, die Frage ist leicht zu beantworten: Mir macht keiner eins. Beziehungen mit Schreibtischsesseln taugen nun mal nicht zur Familienplanung.

»Bis Anfang Oktober. Durch die Amerikaner ist doch im Moment sowieso unklar, wie es hier weitergeht, oder?«, fragt Frau Kiesel unsicher.

Was soll ich darauf antworten? Sie hat recht. Einen besseren Zeitpunkt, um schwanger zu werden, hätte sie sich nicht aussuchen können. »Frau Kiesel, machen Sie sich mal keine Gedanken über die Veränderungen. Ich freue mich sehr für Sie«, flöte ich falsch und lächle verkrampft.

»Vielen Dank, Frau Freitag. Es war mir wichtig, dass Sie es heute erfahren.«

Was heißt hier wichtig? Es ist ihre verdammte Pflicht, mich zu informieren. Mir vor Augen zu führen, was ich nicht habe: Kinder. Bis vor Kurzem war das Thema für mich tabu. Darum kümmere ich mich später, dachte ich immer und schob meine Karriere vor. Aber wann ist später? Ich bin jetzt einundvierzig, was soll noch passieren? Wie viel Zeit bleibt mir? Erstaunlich, dass meine Gedanken plötzlich wie ein Adler um dieses Thema kreisen. Aber darüber werde ich ganz bestimmt nicht sprechen, sondern stattdessen weiterhin jedem, der es nicht hören will, erzählen, dass ich an Nachwuchs nicht interessiert bin. Auch wenn’s nicht stimmt. Oho, es geht mir wirklich nicht gut.

Aber das zählt jetzt nicht, denn ich muss mich auf heute Abend vorbereiten. Nachdem ich Frau Kiesel verabschiedet habe, versuche ich, mir ein paar Worte aus den Fingern zu saugen, mit denen ich den nice guys unmissverständlich klarmachen kann, dass sie das Konzept des Senders nicht einfach so über den Haufen werfen dürfen. Doch ich brauche mir nichts vorzumachen: Meine Meinung wird die Amis ebenso wenig interessieren wie der Wetterbericht von Wladiwostok. Wenigstens rückt mein Kater dank der aktuellen Lage in den Hintergrund. Kopfschmerzen hätte ich auch ohne ihn.

Bis zum späten Nachmittag verlasse ich mein Büro nur in dringenden Fällen, zu denen die Abnahme einer gesellschaftskritischen Reportage über ehemalige rumänische Heimkinder zählt. Noch sind wir das 3sat der Privaten!

Während ich mir das Hirn im Sinne des Senders zermartere, führt Klaus mit unserer PR-Chefin Susanne die Übersee-Crew durch die Räumlichkeiten. Bisher kannten die Amis W-TV nur von den Kennzahlen, nun erhält das Objekt ihrer Begierde endlich ein Gesicht.

Die Zeit verfliegt. Im Nu ist es Abend, ich kann mich nicht länger im Büro verstecken und muss mich der Verabredung mit unseren neuen Eigentümern stellen. Wenigstens tagen wir nicht im Konferenzraum, sondern verlagern die Debatte ins Borchardt. Als Klaus mich kurz vor sechs abholt, gehe ich im Geiste die Runde durch: Wir werden zu zehnt sein. Außer Klaus und mir noch fünf Kollegen – Finanzchef, Justiziar, Produktionsleiter, Marketingleiter, PR-Referentin – und drei Amerikaner. Paul Martin junior wird unterstützt von Jonathan Burnett und Bob Marsh, die ich beide noch nicht persönlich kenne.

»Irgendein Leichtathlet hat mal gesagt, dass er ab und zu das Gefühl hat, mit einer Salzstange zu einem neuen Rekord im Stabhochsprung ansetzen zu müssen. Genau so fühle ich mich jetzt, Pia. Aber wir werden es den Herren aus den USA schon zeigen«, sagt Klaus kampfeslustig.

Ich antworte mit Silvio Berlusconi: »Wer die Medien hat, der hat die Macht, und wir haben sie bald nicht mehr. Wir müssen der Realität ins Auge blicken. Entschuldige mich bitte kurz.«

Ich haste auf die Damentoilette, um mich nachzuschminken. Der Hausmeister muss dringend für eine bessere Ausleuchtung sorgen, oder wir verklagen den Lampenhersteller. Ich sehe aus, als wäre ich magenkrank oder säße seit mindestens vierundzwanzig Jahren im Gefängnis.

»Die anderen sind schon vorgefahren, nur Susanne und die Amis sind noch im Sender. Kannst du drei Leute mitnehmen? Ich bin mit dem Zweisitzer hier«, sagt Klaus auf dem Gang.

»Sorry, ich hab noch was zu erledigen«, sage ich. Das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, ist diese illustre Gesellschaft.

Die Anspannung der letzten Wochen ist mein ständiger Begleiter. Sie hat sich in mir ausgebreitet wie ein alles aufsaugender Schwamm, durch den ich immer schwerer werde. Ich kann kaum noch richtig durchatmen, dringe nicht vor bis zu mir, stöhne mich durch den Alltag.

In der Tiefgarage strecke ich mich und rede besänftigend auf meinen schmerzenden Rücken ein.

Dann steige ich in meinen SLK und trete so heftig aufs Gas, dass der Kleine aufheult wie eine Corvette. Mein gut geöltes Gedankenkarussell dreht sich in letzter Zeit nicht nur vermehrt um das Kinderthema. Immer öfter prangen sie dick und fett vor mir, die Fragen nach dem Sinn, meine persönlichen Schlagzeilen: Soll das mein Leben sein? Für den Job existieren, obwohl er mir nichts mehr gibt? Soll ich weiterhin funktionieren, um mein Jahreseinkommen zu sichern, das ich nicht mal in Ruhe ausgeben kann? Oder werde ich sowieso bald gefeuert? Soll es in meinem Leben um nichts anderes mehr gehen als um Arbeit? Wohin dann aber mit meiner Sehnsucht nach mehr, die immer fordernder wird?

Britta und Stefan würden das Karussell sicher an der Stelle stoppen und einhellig zu mir sagen, dass ich endlich mal rauskommen müsse aus der Mühle und an mein Privatleben denken solle. Recht haben sie, meine beiden besten Freunde. Ach, wenn sie doch jetzt bei mir wären. Leider sehen wir uns viel zu selten.

Bevor ich durchdrehe, weil mein Leben trotz meines materiellen Wohlstands mehr als armselig ist, parke ich zwanzig Meter vorm Borchardt ein und knalle die Wagentür mit Schwung hinter mir zu.

Ein bildhübsches rotblondes Mädchen in einem zartblauen Seidenhängerchen fragt mich gleich am Eingang nach meiner Garderobe. Ihr Auftritt trägt nicht unbedingt zur Steigerung meines allgemeinen Wohlbefindens bei. Was soll das? Frauen sollten grundsätzlich von maximal durchschnittlich aussehenden Geschlechtsgenossinnen bedient werden, damit sie sich gut fühlen.

Das bildhübsche rotblonde Mädchen möchte mich trotzdem unbedingt zu meinem Tisch führen. Ich füge mich und watschele hinter ihr her, nicht ohne mich ausgiebig umzublicken. Das Entlein folgt dem Schwan. Im Gehen streift mein Blick eine Clique aus den üblichen Verdächtigen – Schauspieler, Moderatoren und ein Regisseur –, die sich lautstark gegenseitig auf die Schultern klopfen. Ich nicke hierhin und dorthin, man weiß ja nie. Es geht einmal quer durchs Lokal, dann stehen wir vor unserem Tisch. »Einen schönen Abend«, wünscht mir der rotblonde Schwan, bevor er grazil zurück zum Empfang gleitet.

Als ich Platz nehme, unterbricht Susanne ihren Einblick in die deutsche Fernsehlandschaft. Ohne sie wäre es gewiss langweilig für die Herren. Susanne ist die geborene PR-Frau: gutaussehend, charmant, anpassungsfähig. Sie kann selbst Tschernobyl schönreden. Ihren Job macht sie schon seit acht Jahren, und ihre Passion ist nicht gespielt.

»Ah, Pia, schön, dass du da bist«, sagt sie jetzt und gibt an Klaus ab, der mich mit Jonathan Burnett und Bob Marsh bekannt macht.

Ich spüre einen Kloß im Hals. Da sitzen sie, unsere zukünftigen Besitzer, die Herrscher über eine Futtermittel- und Straßenbaumaschinenfabrik – und bald auch über einen Fernsehsender. Ich muss sofort etwas bestellen: Crème brulée von der Entenstopfleber (Schande über mich!), Wiener Schnitzel und ein Bier. Anders ertrage ich das hier nicht.

Was soll dieses Treffen hier überhaupt? Meine lieben Kollegen machen ein bisschen Smalltalk mit Mr. Burnett und Mr. Marsh, aber über die Zukunft von W-TV wird in dieser Runde ganz sicher nicht entschieden. Heute Abend wird lediglich der Beweis dafür erbracht, dass der Sohn unseres neuen Bosses keinen Alkohol verträgt.

Noch vor dem Hauptgang redet sich Paul in tiefe Ekstase. »Huhuhu, ich und Fernsehen, das ist der totale Hammer. Lasst uns anstoßen auf unseren Erfolg und auf W-TV. Was meint ihr? Sollen wir den Sender umbenennen? Wie wäre es mit FC – für First Choice?«

Er kriegt sich schier nicht mehr ein, Speichelfäden der Begeisterung winden sich an seinen Mundwinkeln entlang. Ist das alles ekelerregend!

Endlich unterbricht ihn Burnett. »An sich eine schöne Idee, aber FC heißt auf Deutsch Fußballclub. Das ist kein idealer Name für einen Fernsehsender, es sei denn, wir ergattern die Bundesliga-Rechte. Lass uns zuerst die Formalitäten klären und mit deinem Vater sprechen, an die Details gehen wir dann später.«

Jonathan hat offenbar die Rolle einer Supernanny inne. Macht er gut. Doch Paul ist ein trotziges Kind und nervt weiter. Meine heißgeliebte Crème von der Entenstopfleber muss ich mir reinquälen, denn der Appetit ist mir vergangen.

Ich flüchte auf die Toilette. Hinter der verriegelten Tür lasse ich mich auf den Toilettensitz gleiten und bleibe verkrampft in vornübergebeugter Haltung sitzen. Ich bette das Gesicht in die Handflächen. »Das kann alles gar nicht wahr sein, hier ist sicher irgendwo eine versteckte Kamera«, flüstere ich wie eine Schwachsinnige, die nur an das Gute glaubt. Was ist das nur für eine Welt?

Ich weiß nicht, wie lange ich so verharre, jedenfalls bin ich plötzlich nicht mehr allein im Damen-Klo. Stimmen reißen mich aus meiner Pseudo-Meditation.

»Diese Tussi am Nebentisch sieht aus wie die Freitag von W-TV. Kennst du die zufällig?«, fragt eine sehr hohe Stimme, die mir vage bekannt vorkommt.

»Oh ja, das muss eine richtige Scheißkuh sein. Ich bin mit ihrer Assistentin befreundet, die hat mir vielleicht ein paar Schoten erzählt. Woher kennst du sie?«, antwortet eine zarte Stimme, die beinahe unverdorben klingt.

»Ich war mal Praktikantin dort und hatte das Vergnügen mit ihr. Pia Freitag verkörpert all das, was ich niemals sein möchte. Die ist für mich ein Paradebeispiel für ein misslungenes Leben. Die Alte ist vom Ehrgeiz zerfressen, sie hat weder einen Typen noch Gefühle«, sagt die impertinente, sehr hohe Stimme.

»Echt schlimm. Ich bin heilfroh, dass wir nicht so eine frustrierte Jungfer als Chefin haben.«

»Das kannst du auch sein. Aber jetzt lass uns über was anderes reden. Wir müssen unsere Energie nicht mit Gesprächen über Antitypen verplempern. Hier, mein neuer Lippenstift, probier mal …«

Mehr bekomme ich nicht mit, weil es in meinem Kopf rauscht wie in einer Brandung. Dann fegt ein Wirbelsturm durch mich hindurch. Ich bin gelähmt, und meine Augen sind starr vor Entsetzen, bis ich plötzlich von einem Weinkrampf geschüttelt werde. Die haben gerade über mich gesprochen! Über mich! Ich bin momentan viel zu sensibel, um das zu ertragen. Womöglich hätte ich mir normalerweise sogar was drauf eingebildet, aber derzeit geht das nicht. Was soll ich denn jetzt bloß machen? Es gibt kein Problem, das sich nicht mit zwei Scotch lösen lässt, hat Hemingway mal gesagt, und ich wünschte, er hätte recht. Wäre die Sache wirklich so einfach, dann hätte sich der Mann ganz sicher nicht erschossen. Warum schneide ich mir also nicht gleich die Pulsadern auf? Abgesehen davon, dass ich nichts Scharfkantiges dabeihabe und Blut hasse, hänge ich wohl einfach zu sehr am Leben.

Ich bin bestimmt nicht eiskalt, sondern sensibel und verletzlich. Was maßen sich diese Dreckstücke an, so über mich zu sprechen? Weder einen Typen noch Gefühle, oh mein Gott. Ich reiße zehn Meter Klopapier ab und presse das Gesicht und meine Tränen hinein.

Plötzlich fällt mir wieder ein, zu wem die eine Stimme gehört. Es muss Melanie gewesen sein – strunzblöd, groß, dünn und hübsch. Sie kam über Beziehungen zu ihrem Praktikum bei W-TV und schaffte es, das gesamte Redaktionssystem zu löschen, als sie einen Beitrag speichern sollte. Ein andermal fragte sie für eine Talkrunde zum Thema »Prominente in Rente« Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder an und erzählte freudestrahlend, dass er zugesagt habe. Leider hatte sie nicht ihn, sondern seinen Namensvetter eingeladen: neun Jahre älter und der ehemalige Chef eines schwäbischen Mundarttheaters in der Nähe von Gundelfingen.

Ich konnte Melanie beim besten Willen kein Praktikumszeugnis schreiben, weil ich sie damit vernichtet hätte, und legte ihr daher nur nahe, möglichst bald zu gehen. Das war eine reizende Geste von mir, fand ich. Aber das hier ist die Quittung dafür. Jetzt hat mich dieses saublöde Püppchen, das ungerechterweise das ganze Leben noch vor sich hat, innerhalb von Sekunden zerlegt, indem es meine ohnehin fragile Stimmung perfekt abgepasst hat. Shit, ich kann nicht ewig hier rumsitzen, es ist bloß eine Toilette.

Was bricht da nur so geballt über mich herein? Was ist das heute für ein Tag? Stunde der Wahrheit – du entkommst uns nicht? Ein schöner Titel – und so ehrlich. Auf einmal muss ich mich übergeben. Nein, so kann es nicht weitergehen mit mir, mit meinem Leben in the middle of nowhere.

Nachdem ich es geschafft habe, meinem degenerierten Ich wieder ein halbwegs normales Gesicht zu verpassen (erst Headbanging in der Kabine, dann kaltes Wasser und zum Abschluss ein bisschen Puder und Lippenstift), lasse ich mein erkaltetes Wiener Schnitzel zurückgehen und bestelle noch ein Bier. Wein geht im Moment nicht.

Wie in Trance sitze ich mit den anderen am Tisch, schaue in die besessenen Gesichter der Nordamerikaner und in die meiner angespannt wirkenden Kollegen. Sie bewegen alle die Lippen und sehen aus, als ob sie sich unterhalten. Ich habe mich mental ausgeklinkt. Die ganze Szenerie läuft wie ein Stummfilm vor mir ab. Ich hole mich zurück in die Realität, indem ich kippele und mit einem Stuhlbein direkt auf meinem Fuß lande. Paul Martin junior verstehe ich trotzdem nicht, weil er nur noch schleppend und undeutlich grunzt, während er mit geweiteten Pupillen vor sich hinstarrt. Es wird Zeit, dass Supernanny Jonathan ihn ins Bett bringt.

Ich will nur noch weg hier. Kurz nach Mitternacht verabschiede ich mich als Erste. Obwohl ich zu viel Bier getrunken habe, setze ich mich hinters Steuer, schreie laut mit Radiohead »But I’m a creep!«, und fahre viel zu schnell nach Hause.

2

Der heiße Tag zieht eine milde Nacht nach sich. An Schlaf ist dennoch nicht zu denken. Zusammen mit einem Glas Martini lasse ich mich auf der Terrasse in meine Sonnenliege sinken und blicke in den milchigen Nachthimmel. Mond und Sterne haben es sich hinter einer Wolkendecke gemütlich gemacht.

Noch immer kann ich nicht fassen, was ich im Borchardt erlebt habe. Wurden diese Lästerschwestern etwa dafür bezahlt, mir mit dem Holzhammer eins überzubraten? Wäre ich doch nur so eiskalt, wie ich angeblich bin, dann würde mir das alles nichts ausmachen. Aber es tut höllisch weh, solche Gemeinheiten zu hören. Ich fühle mich klein, schwach und schrecklich einsam. Ja, in einem Moment wie diesem würde ich alles dafür geben, einen Mann an meiner Seite zu haben, der mich festhält, auffängt, umschlingt, der mir sagt, dass er mich liebt und dass alles gut ist. Einen Mann, den ich liebe. Aber den gibt es leider nicht.

Seit vier Jahren bin ich Single. Davor war ich sieben Jahre mit Lars zusammen; meine bisher längste Beziehung. Wir hatten eine sehr bequeme Lebensgemeinschaft und gingen davon aus, dass das mit uns für immer sei. Warum auch nicht, schließlich passte alles. Wir arbeiteten beide viel und ließen uns gegenseitig alle Freiheiten. Ich fühlte mich mit Mitte dreißig noch viel zu unausgegoren für den nächsten Schritt: Heirat, Kinder. Nur zu gern schob ich meine Karriere vor und liebte meine Unabhängigkeit in der sicher geglaubten Zweisamkeit. Dann kam eine Zeit, in der ich mir immer mal wieder die Frage stellte: »Ist es das wirklich?« Wobei ich gar nicht genau wusste, was mit »das« gemeint sein könnte. Anfangs wollte ich meine Zweifel nicht wahrhaben, sie hatten in meinem hektischen Alltag sowieso keinen Platz. Aber als Lars dann in eine Kanzlei nach Stuttgart wechselte, ohne den Umzug vorher mit mir zu besprechen, war unser Untergang beschlossene Sache. Wir dümpelten noch ein Jahr als Fernbeziehung vor uns hin – und auf einmal war das verflixte siebte Jahr genauso vorbei wie unsere Beziehung.

Obwohl ich vom Kopf her wusste, dass es irgendwann so kommen musste, fiel ich in ein riesiges schwarzes Loch. Ich wollte nicht akzeptieren, dass ich nun allein war, und stürzte mich noch mehr in die Arbeit. Damals verlor ich ungefähr zehn Kilo (die ich allerdings schnell wieder drauf hatte) und sah bei gutem Licht aus wie Mick Jagger in Schmutzigblond.

Wenn eine langjährige Beziehung zerbricht, dann ist der Schmerz deshalb so groß, weil man verliert, was man immer als sicher betrachtet hat, etwas, das dem Leben Beständigkeit verliehen hat. Das ist fatal. Oft geht es gar nicht um die Person, die man früher vielleicht sogar tatsächlich mal geliebt hat. Es geht vielmehr um das Konstrukt Beziehung, das dem Leben eine halbwegs stabile Form gibt. Ich habe selbst erlebt, wie schnell meine Welt zusammengebrochen ist.

In die Zeit nach der Trennung fiel meine Bewerbungsphase als Chefredakteurin bei W-TV. Den Job bekam ich nicht nur dank Klaus’ Fürsprache, sondern auch, weil ich in etwa so viel Anmut ausstrahlte wie Black Mamba in Kill Bill. Niemand wollte mich zum Feind haben.

Dank Britta fand ich damals schnell eine neue Wohnung in dem Haus, in dem sie lebte. Auf einmal waren wir uns fast wieder so nah wie damals, als wir im Studentenwohnheim des Olympischen Dorfes in München ein Jahr lang auf demselben Gang gewohnt hatten. Die Wohnung war toll: hundertzwanzig Quadratmeter Dachgeschoss in Charlottenburg, drei Zimmer, große Dachterrasse, freie Sichtachse bis zum Fernsehturm.

Britta war damals frisch mit Hannes zusammengezogen, einem Musikproduzenten. Inzwischen sind die beiden verheiratet und Eltern der zweijährigen Zoe. Britta hat durch Zoe ihre Berufung gefunden. Früher war sie Kommunikationschefin in einer Kosmetikfirma, sah aber irgendwann keine Herausforderung mehr in ihrem Job. Nachdem sie wusste, dass sie schwanger war, ging sie von Tag zu Tag besser gelaunt ins Büro, da bald alles ein Ende haben sollte. Nicht mal die Tatsache, dass dann auch ihre Luxus-Produktproben-Quelle versiegen würde, konnte ihr die Laune verderben. Sie blühte auf wie der Frühling und fing an, Ideen für die Zeit nach der Geburt zu entwickeln. Denn eines stand fest: nur nicht zurück in den alten Job. Im sechsten Monat entdeckte Britta ihre malerisch-ästhetische Ader wieder, die sie jahrelang unterdrückt hatte. Damit war ihre Jobalternative vor dem Kind auf der Welt. Leinwand, Farben und Pinsel sind seither ein Teil ihrer Familie. Die Bilder sprudeln nur so aus ihr heraus. Sie hat sich als wahre Künstlerin entpuppt, stellt ihre fotorealistischen Werke inzwischen in einer renommierten Galerie aus und fängt an, damit Geld zu verdienen.

Nach einer Stunde auf der Terrasse beginne ich zu frösteln und lasse mir ein Bad ein. Zur Feier der Nacht steige ich mit einer Flasche Riesling in die volle Wanne. Trinken und denken – die ideale Kombination. Und dazu ein bisschen Hintergrundmusik, die mich so richtig beflügelt. Eric Carmen singt »All by myself«. Meine Tränen kommen einer Sintflut gleich. Ich trinke die Flasche Wein in einem Zug bis zur Hälfte leer und unterdrücke den aufsteigenden Würgreiz. Das Wasser aus meinen Augen verschmilzt mit der Schaumkrone des Ingwer-Orangen-Bades. Dann tauche ich ganz ab und bin auf einmal umzingelt von einem sanften Dröhnen, das ich wie in Watte gepackt wahrnehme. Kommt das aus mir? Kann ich in mich hineinhören? Ich nutze die Gunst der Stunde und stelle mir ein paar Fragen.

»Bist du zufrieden mit deinem Leben?« – »Nein.«

»Vermisst du etwas?« – »Oh ja. Ich wünsche mir Mann und Kind und viel mehr Zeit für mich.«

»Aber das sind ja gleich drei Dinge auf einmal, das geht nun wirklich nicht!«, brüllt eine Stimme in meinem Kopf, bevor sie die nächste Frage stellt: »Sag mir lieber, was du grundsätzlich erreichen willst.« – »Frag nicht so dumm, mich natürlich.«

Hilfe, ich bin betrunken. Aber es ist wichtig, dass ich endlich mal über mich reflektiere. Santé!

Erneut setze ich die Flasche an und fahre mit der Befragung fort.

»Welche Konsequenzen ziehst du daraus?« – »Ich befreie mich von allem, was mich belastet. Denn wenn ich so weitermache, wird das nie was mit einem Privatleben und einem schmerzfreien Rücken.«

»Frau Freitag, wir danken für das aufrichtige Gespräch.« – »Es war mir ein Vergnügen.«

Wie sehr ich diesen leichten Rauschzustand schätze. Nicht nur deshalb, weil ich ihn so selten erlebe, sondern auch, weil der Erkenntnisgewinn besonders groß ist. Wenn du ein Problem nicht lösen kannst, dann löse dich von dem Problem, hat eine mir unbekannte, aber augenscheinlich sehr weise Person mal gesagt. Genau das werde ich tun, beschließe ich. Wäre ich nicht glücklicher, wenn ich mich für mehr Lebensqualität entscheiden würde? Mich nicht mit Amerikanern herumärgerte, die alles kaputtmachen, was ich aufgebaut habe? Mir nicht den nächsten Führungsjob suchte, der mich nicht froh macht? Ja, ich muss den First Conquerer als Chance zur Veränderung begreifen. Hier geht es jetzt mal um mich.

Ich schlage mir mit aller Härte ins nasse Gesicht. Grausamkeit ist das Heilmittel des verletzten Stolzes, zischt mir das nachlaufende heiße Wasser zu, auch wenn Nietzsche den Satz sicher ganz anders gemeint hat. Macht nichts, denke ich, er passt trotzdem. Als bekennender Aphorismen-Junkie bin ich süchtig nach solchen schlauen Sprüchen. Wenn man’s genau nimmt, ist das einzig und allein Nietzsches Schuld. Mit dem hat alles angefangen, als ich mich mit dreizehn über Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile hergemacht habe. Seitdem verschlinge ich Weisheiten von allen möglichen Denkern und Menschen, die es mal versucht haben. In bestimmten Situationen fallen mir die Zitate dann wieder ein. Ich kann nichts dagegen tun, denn offenbar leide ich noch dazu an (manchmal nur pseudo-) philosophischem Reflux, mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt.

Oje, ich schaffe es kaum, aus der Badewanne zu klettern. Mein Kreislauf verurteilt die Idee mit der Flasche Wein aufs Schärfste und droht mit einer Ohnmacht. Ich muss dringend ins Bett. Was bin ich froh, dass morgen Samstag ist, immerhin ist es eine ganze Weile her, dass ich mir ein freies Wochenende gegönnt habe.

Was, schon halb elf?

Nach einem kleinen Orientierungsengpass fällt mir ein, dass ich mit Britta zum Frühstück verabredet bin. Hannes ist mit Zoe zu seinen Eltern gefahren, weshalb sie auch endlich mal frei hat. Aber wollten wir uns nicht schon vor einer Stunde treffen? Ich gebe mir alle Mühe, so schnell wie möglich aus dem Bett zu kommen, und rufe sie an.

»Pia, ich hatte schon Angst um dich und wollte jeden Moment deine Wohnungstür aufbrechen lassen. Du hast weder meine Anrufe noch mein Klopfen oder Klingeln gehört. Es hätte ja sonst was sein können!«, ruft sie aufgebracht in den Hörer.

»Tut mir leid. Ich hatte eine extrem gedankenreiche Nacht, nachdem ich gestern in einem Klo gefangen war und mir anhören musste, was für eine miese Kreatur ich bin«, antworte ich, noch immer leicht benommen.

»Klingt plausibel. In zehn Minuten bin ich oben bei dir, dann erzählst du mir alles in Ruhe.«

Dreißig Minuten später klingelt es.

»Guten Morgen, du Lotterfrau, ich bin schon seit sieben auf den Beinen und habe Hunger«, begrüßt Britta mich eine Spur zu laut und wedelt mit einer prall gefüllten Papiertüte.

Der Duft von frischen Brötchen und Croissants steigt mir in die Nase. »Du bist ein Schatz. Das ist jetzt genau das Richtige«, gurre ich ausgehungert – und schon wieder ziemlich verkatert. Das darf kein Dauerzustand werden, sage ich mir, denn ich habe trotz allem nicht vor, zur Alkoholikerin zu mutieren.

»Du siehst schlecht aus, Liebes. Ich zaubere uns das Frühstück. Mach du dich solange in Ruhe zurecht«, sagt Britta einfühlsam.

»Ich bin fertig.«

»Ja, das sehe ich. Leidest du unter Anämie? Hau dir wenigstens ein bisschen Farbe ins Gesicht.«

»Ich bin dezent maskiert, aber anscheinend reicht das nicht mehr.« Ich lasse den Kopf hängen und schiele zu Britta hinüber, die mich fragend anschaut. »Ist ja gut, ich lege nach«, gebe ich mich geschlagen und schleppe mich noch mal ins Bad.

Als wir kurz darauf auf der Terrasse sitzen, erzähle ich Britta von meinem gestrigen Erlebnis.

»Du solltest denen dankbar sein, so drastisch würde dir das nie jemand ins Gesicht sagen.«

»Klasse, ich bin sowieso schon ein Wrack, dann darf ich mir auch noch von Dritten anhören, was sie von mir halten, und soll dafür dankbar sein?«, frage ich beleidigt.

»Ja, wenn es dich dazu bringt, endlich einmal in dich zu gehen und etwas zu ändern.« Britta bleibt unnachgiebig.

»Tja, das ist ihnen gelungen. In mich gegangen wäre ich aber auch ohne diese Brachialmethode und den Hinweis, dass niemand mir nachtrauern wird. Britta, sag ehrlich, bin ich wirklich so schlimm?« Ich beiße deprimiert in ein Croissant.

»Ich bin deine Freundin – und ich würde wie wahnsinnig um dich trauern. Also, tu dir ja nichts an.« Britta tätschelt mir aufmunternd die Wange.

»Dann kann ich mir das Telefonat mit Dignitas also sparen«, versuche ich die Situation ins Lächerliche zu ziehen.

Sie seufzt. »Pia, du bist mir wichtig – und du bist absolut liebenswert. Ich bin sehr gern deine Freundin, aber du bist nun mal speziell. Ich weiß, dass du in der Öffentlichkeit oft eine Maske trägst, und was darunter ist, aber wie sollen das andere auf den ersten Blick merken? Du kannst durchaus so wirken, wie es die Mädels gestern beschrieben haben. Aber ich gebe dir Recht, sie hätten ruhig eine andere Wortwahl treffen können.«

»Furchtbar. Ich habe mir nie bewusst gemacht, dass ich so rüberkomme«, sage ich kopfschüttelnd.

»Du musst niemandem etwas beweisen und ständig die starke Frau markieren«, redet mir Britta gut zu. »Sei authentisch, das macht das Leben leichter und dich für andere noch sympathischer.«

»Du weißt genau, wie ich ticke und wie es in mir aussieht. Ich mache dir nichts vor.« Meine Mundwinkel zucken.

»Ich bin deine Freundin. Es wäre schlimm, wenn ich nicht wüsste, was dich bewegt. Aber darum geht es gerade gar nicht. Es geht um dein Leben außerhalb unseres Mikrokosmos. Daran kannst du arbeiten. Ich wünsche mir, dass du deinen Frust öfter mal richtig rauslässt, und zwar nicht nur nach einem Erlebnis wie gestern. Ich dachte sehr lange, dass du dein Leben magst, wie es ist«, sagt Britta.

»Ja, ich hab’s mir ja auch so ausgesucht. Aber die Kurve hat irgendwann angefangen abzufallen, rapide und immer schneller.«

»Weißt du noch, kurz nach der Trennung von Lars, als die Einweihungsparty in deiner neuen Wohnung stattfinden sollte? Du wolltest mich in diesen Kunstsupermarkt schleppen und hast gesagt, du brauchst was an den Wänden, damit nicht alles so trist wirkt wie deine Gedanken an die Liebe. Statt im Kunstsupermarkt sind wir in dieser Galerie in Mitte gelandet, wo du nach einer Stunde Bilder im Wert einer Eigentumswohnung gekauft hattest.«

»Und ob ich mich daran erinnere. Aber was willst du mir damit sagen?«

Britta grinst. »Du hast aus dem Bauch heraus eine Entscheidung getroffen, die du nie bereut hast, und heute sind die Bilder ein Vermögen wert. Merkst du, worauf ich hinauswill? Es lohnt sich, deiner Intuition zu vertrauen. Du musst nicht immer alles rational erklären können.«

Wie einfach das klingt. »Warte mal«, sage ich und beuge den Kopf nach vorn. »Mein Bauch brabbelt gerade was, der alte, schlabbrige Kerl.«

»Wie witzig du sein kannst.« Britta verzieht genervt das Gesicht.

»Pst«, mache ich und wedele mit der Hand, »ich verstehe ihn nicht, wenn du dazwischenquatschst. Also, er meint, dass mir eine berufliche Pause guttun würde, ich mich mal wieder richtig verwöhnen lassen sollte und dringend zum Friseur muss.«

»Du bist unmöglich. Schön, dass du immer alles ins Lächerliche ziehst. Trotzdem kannst du dich auf deinen Bauch verlassen.«

»Nur weil meine Plauze weiß, dass eine Pause und im Zweifel auch ein bisschen Liebe genau das Richtige für mich sind, kann ich das noch lange nicht in die Tat umsetzen. Wie soll das gehen? Ich kann in meiner jetzigen Situation nicht alles hinwerfen, ein bisschen Urlaub machen und mir nebenbei einen Mann backen«, sage ich.

Britta schlägt härtere Töne an. »Willst du wirklich Rücksicht auf einen Job nehmen, der dir keinen Spaß mehr macht, und auf irgendwelche dahergelaufenen Amerikaner? Nimm dir Zeit für dich, und finde heraus, was dir guttut.«

Brittas Worte hallen in mir nach wie ein Echo, an Frühstücken ist nicht mehr zu denken. Mein Kaffee ist auch längst kalt – egal. Was wäre, wenn ich wirklich meinen privaten Lebenstraum verfolgen würde? In dem habe ich einen Mann und ein Kind und bin rundherum glücklich. Wenn daraus nichts wird, kann ich mich immer noch in die Arbeit stürzen, mir Callboys buchen oder mich zur Yogalehrerin umschulen lassen. Gut, der letzte Gedanke ist ein bisschen weit hergeholt. Trotzdem, je mehr ich darüber nachdenke, desto motivierter bin ich.

»Klaus wird mich zwar für geisteskrank erklären, wenn ich ihn jetzt um eine Auszeit bitte, aber einen Versuch ist es wert«, sprudelt es aus mir heraus. Dann gerate ich ins Stocken. Zum ersten Mal in meinem beruflichen Leben würde ich aufgeben. Der Gedanke war mir bisher völlig fremd. Aber wäre es so schlimm? Dieser ganze Ballast und meine zugegebenermaßen unbändige Sehnsucht machen keine ausgeglichene Frau aus mir. »Ich wünschte, ich könnte einfach loslassen – und loslaufen. Ach was, das ist doch Wahnsinn, das funktioniert niemals.«

»Mach es doch nicht so kompliziert«, sagt Britta. »Wir reden hier bloß über eine kleine Pause. Außer für dich ist das für niemand anderen weltbewegend, capito?«

Ich schweige und zucke mit den Schultern. Einfach raus, das klingt zu verlockend. Aber das geht nicht! Wie stehe ich dann da? Andererseits, wenn ich genau darüber nachdenke, dann möchte ich mir in fünfzig Jahren, wenn ich womöglich in einem Altenheim dahinvegetiere und mich notgedrungen an mein Leben erinnern muss, nicht vorwerfen müssen, dass ich nichts riskiert habe. Ist es nicht meine Pflicht, es zu wagen? Ja, ich werde es durchziehen. Ich werde mein Leben umkrempeln! Plötzlich fühle ich mich ganz leicht. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich werde mit Klaus reden und endlich mal nur an mich denken.

»Lass uns einkaufen gehen, ich kann jetzt sowieso nichts essen«, sage ich zu Britta und freue mich an diesem historischen Tag auf einen ausschweifenden Konsumrausch.

»Los, gönn dir was. Ersatzverkehr, Ersatzverkehr, da kann was richtig Teures her«, reimt Britta mehr schlecht als recht.

»Erinnere mich nur immer schön an mein ausgefülltes Liebesleben«, sage ich und starre in das Schaufenster eines Juweliers.

Wie wäre es mit einer neuen Uhr?, schießt es mir durch den Kopf. Spontan entschließe ich mich zum Kauf eines exquisiten Modells aus Thüringen. Beim Bezahlen sage ich feierlich zu Britta und dem glücklich dreinblickenden Verkäufer: »Ich kaufe diese Uhr als Symbol, da für mich nun andere Zeiten anbrechen, sozusagen für die Entdeckung meiner neuen Welt.«

Leider segnet mich der Mann hinter dem Ladentisch daraufhin nicht und rückt auch keinen Champagner zum Anstoßen raus. Aber der schlechte Kundenservice bremst mich nicht. Langsam komme ich in Fahrt und gönne mir im Laufe der nächsten Stunden eine Reisetasche, dunkelbraune High Heels, Laufschuhe und die teuerste Anti-Cellulite-Creme meines Lebens – angeblich die Innovation des Jahrhunderts.

»Du kannst dich auch mit Schokoladenpudding einschmieren und Sahne draufsprühen, der Effekt ist derselbe«, kommentiert Britta meine Errungenschaft.

»Na toll, da möchte ich mal was für meine Figur tun, und du kommst mir gleich mit einem kontraproduktiven Süßspeisenvergleich«, maule ich.

»Das Zeug bringt nichts. Sieh endlich der Wahrheit ins Gesicht. Du musst etwas mehr in deinen Körper investieren, zum Beispiel indem du dich mehr bewegst. Um dir das in aller Deutlichkeit bewusst zu machen, empfehle ich dir eine Schocktherapie: Kauf dir einen neuen Bikini.«

»Du bist eine wahre Freundin. Aber ich habe keine Zeit für Power-Plate-Schnickschnack oder irgendwelche Elektrodentrainings zur Muskelstimulation, ich möchte lieber cremen. Das ist bequemer. Außerdem kann ich mich im Bikini sowieso nicht leiden. Da bekomme ich ja schon bei der Anprobe schlechte Laune.«

»He!«, ruft Britta. »Wer hat sich denn eben Laufschuhe gekauft? Ich dachte, du willst das Thema Fitness jetzt ernsthaft angehen. Kauf dir mal Der ultimative New York Body Plan von David Kirsch. Das Buch wird dich motivieren.«

»Ich glaube eher nicht«, sage ich verhalten, denn ich hasse David Kirsch und stehe Sport im Allgemeinen eher kritisch gegenüber. Das ist mir alles zu viel.

»Egal, die Bikini-Anprobe machen wir jetzt gleich«, bestimmt Britta. »Es gibt hier um die Ecke eine neue Boutique, da finden wir auch für dich das passende Strand-Outfit.«

Kurz darauf stehe ich in einer Umkleidekabine und schlüpfe in eine knallrote Panty (ich bilde mir ein, dass diese Teile mehr Hüftspeck wegmogeln) und ein Push-up-Oberteil. Ich schaue in den Spiegel, auf das Schlimmste gefasst. Aber was ist das? Stehe ich hier etwa vor einem dieser hinterhältigen Spiegel, die weichzeichnen, strecken und schlanker machen, damit mich die Wahrheit erst zu Hause auslacht? Macht nichts. Mein Spiegelbild sieht fantastisch aus und tut mir gut. Im Gegensatz zu den Standardkabinen, bei denen das Licht gnadenlos von oben knallt und in denen ich jedes Mal darüber nachdenke, aus ästhetischen Gründen zum Islam zu konvertieren, ist diese Zelle sehr geschickt ausgeleuchtet. So könnte ich also aussehen: wie eine junge Frau mit ebenmäßigem Teint und glatten Oberschenkeln; zwar keine Modelfigur, aber durchaus vorzeigbar, nur die üblichen drei bis sechs Kilo zu viel. Was ist schon die Realität gegen das eigene Spiegelbild?

Da klopft Britta an die Kabine und holt mich aus meinen Gedanken.

»Bin gleich fertig!«, rufe ich und halte die Tür zu. Schließlich möchte ich nicht, dass sie diesen magischen Augenblick mit einem falschen Wort zerstört.

Den Bikini kaufe ich.

3

Am Abend treffe ich Stefan bei unserem Lieblingsitaliener. Wir kennen uns seit fünfunddreißig Jahren. Unsere Eltern sind befreundet, und früher fuhren wir oft gemeinsam in den Urlaub nach Italien. Das Schöne an einer Kinderfreundschaft zwischen Mädchen und Jungen ist, dass sie die Chance hat, ein Leben lang zu halten, weil sie nicht auf Begehren fußt. Stefan und ich waren nie verliebt ineinander. Wir spielten mit Matchbox-Autos, Legosteinen und der Waffensammlung seines Vaters. Wir begleiten uns gegenseitig durchs Leben, und dank ihm glaube ich an wahre Freundschaft zwischen Männern und Frauen.

Stefan arbeitet als plastischer Chirurg, und ich schätze ihn vor allem dafür, dass er mich bisher noch nicht dazu überredet hat, mir die Nase begradigen zu lassen oder eine Liposuktion vorzunehmen. Aber irgendwann kann er mir sicherlich einmal nützlich sein.

Wenn Stefan nicht im OP steht, zieht er um die Häuser. Immer auf der Suche, hat er gern kurze Beziehungen mit willigen Mitzwanzigerinnen. Die wollen noch nicht alles von ihm. Ich habe ihm mehrfach Bindungsangst attestiert, was er jedoch leugnet. Er sagt, es komme nur auf die richtige Frau an, und eines Tages werde er sie finden. Ich bin verwundert, dass er heute Abend für mich Zeit hat und seine Suche unterbricht.

Gleich nach der innigen Begrüßung sprudelt es aus Stefan heraus: »Es gibt gravierende Neuigkeiten.« Er macht eine Pause, während ich in sein strahlendes Gesicht blicke.

Ich ahne Entsetzliches. Bitte nicht! »Jetzt mach es mal nicht so spannend, du bist hier nicht im OP. Raus damit«, sage ich, als ob das etwas ändern würde.

»Also, Romy und ich wollen heiraten. Ich werde Vater!« Obwohl ich so was schon vermutet habe, brauche ich einen Moment, um seine Worte zu verdauen. »Äh, wie bitte? Habe ich dich gerade richtig verstanden? So plötzlich? Du kennst Romy doch erst seit vier Monaten.«

Romy ist eine unverschämt gutaussehende neunundzwanzigjährige Halbamerikanerin mit Modelmaßen, die als Texterin in einer großen Werbeagentur arbeitet. Stefan hat sie mir beim Presseball vorgestellt. Sie kam wohl eines Tages in seine Praxis, weil sie sich ihre wohlgeformten Brüste vergrößern lassen wollte. Stefan lehnte den Eingriff ab – der Beginn ihrer Liebe.

Mein langjähriger Freund hört nicht auf, mich mit diesem dämlichen glückseligen Blick anzuschauen, den gestern schon Ramona Kiesel aufgesetzt hat. Und ich kann mich schon wieder nicht freuen, schaffe es nicht mal, ein falsches Lächeln aufzusetzen.

»Pia, ich habe dich nicht zu meiner Beerdigung eingeladen. Ich glaube fest daran, dass man ganz schnell merkt, ob es die oder der Richtige ist. Und dann passieren gewisse Dinge einfach. Eines Tages wirst du mir zustimmen, glaub mir.«

»Herzlichen Glückwunsch«, sage ich tonlos. »Dein Wort in Gottes Ohr. Ich werde herausfinden, ob es wirklich so ist, wie du sagst. Wenn nicht, darfst du mir nie mehr unter die Augen treten, sonst werde ich dir Essigsäure ins Gesicht schütten. Dein Glück kann ich nämlich nicht ertragen.«

Stefan überhört meine Drohung und liest mir die Speisekarte vor. Er beherrscht es perfekt, mich von suboptimalen Launen abzulenken. Ich werde ruhiger und höre ihm aufmerksam zu. Heute Abend möchte ich mir das Essen nicht schon wieder verderben lassen. Ich wähle Spaghetti mit frischen Venusmuscheln und flambiertes Pfefferfilet vom Rind. Dazu bestellen wir eine Flasche Cepparello.

Es wird doch noch ein angenehmer Abend, zumindest, bis ich mich von Stefan verabschiede. Danach nimmt mich mein Elend wieder in Beschlag.

Zurück zu Hause, drehe ich Massive Attack mit »Heat Miser« bis zum Anschlag auf. Immer wieder drücke ich die Wiederholungstaste. Der Song ist purer Sex, auch wenn er im Moment nur meine Melancholie bündelt. Ja, da hocke ich wieder einmal in meiner Wohnung, einsam, traurig und voller Verlangen.

Liebesglück. Warum ist mir das nicht vergönnt? Ich gehe meine Männer der letzten vier Jahre durch. Viele sind es nicht. Ich hatte eine absolut überflüssige dreimonatige Liebelei mit einem langweiligen Unternehmensberater, der fast ausschließlich über Dinge lachen konnte, die ich überhaupt nicht witzig fand. Wenn ich mir einen Mann backen könnte, dann hätte er auf jeden Fall den gleichen Humor wie ich.

Außerdem wollte mich Schwester Marie vor zwei Jahren verkuppeln und inserierte ganz altmodisch in der Süddeutschen: »Traummann für die Wirklichkeit gesucht! Anspruchsvolle, attraktive Karrierefrau, 39, 1,70 m, sucht stil-, humor- und niveauvollen, gutaussehenden, großen Traumprinzen. Schimmel kein Muss!« Kurz darauf traf ich mich mit Franz, 38, 1,87 m, in der Entertainment-Branche tätig. »Schimmel vorhanden, im Kühlschrank … also durchaus prinzentauglich«, hatte er geantwortet, was ich originell fand.

Seit diesem Date bin ich jedoch misstrauisch, sobald Männer über ihren Job und ihre Größe sprechen. Bei »1,87 m« hatte er gut zwanzig Zentimeter dazugemogelt, die eindeutig nicht seine Körpergröße betrafen und auch an anderer Stelle sicher übertrieben waren. Und sich als Spielautomatenaufsteller in die Entertainment-Branche zu packen, halte ich ehrlich gesagt ebenfalls für ein winziges bisschen zu hoch gepokert.

Dann gab es noch den schönen Harald, einen Porsche fahrenden Versicherungsvertreter, der sich Vermögensberater nannte, weil das anspruchsvoller klingt. Ich ließ mich auf einer Filmpremiere von ihm aufreißen. Wahrscheinlich sah ich aus wie jemand, der komplett unterversichert ist und dazu dringend Geld in irgendwelche Filmfonds investieren möchte. Ich war wirklich so bedürftig zu glauben, dass Harald Interesse an mir hatte. Doch ich war für ihn bloß eine griffige Cash Cow. Das merkte ich aber erst nach unserem ersten Beischlaf, als Harald mir direkt im Anschluss unmissverständlich erklärte, dass er schnellstmöglich meine Versicherungen optimieren müsse. Seitdem stehe ich der Gattung der Versicherungsvertreter noch kritischer gegenüber.

Das ist meine miserable Ausbeute der letzten Jahre. Immerhin kann ich guten Gewissens sagen, dass mir dabei nicht die große Liebe durch die Lappen gegangen ist.

Am Montagmorgen laufe ich in der Tiefgarage Klaus über den Weg.

»Wundere dich nicht, wenn du gleich einen Typen triffst, der aussieht wie Ted Turner. Es ist nicht der Medienmogul, sondern bloß sein Doppelgänger, Mr. Shawn Stein«, erklärt er mir.

»Aha.«

»Paul Martin senior hat ihn bei CBS abgeworben und direkt eingeflogen. Ich habe mir einen schönen Sonntag gemacht und gestern x Stunden mit ihm verbracht. Shawn Stein genießt Narrenfreiheit. Ich sage dir, der ist mit allen Wassern gewaschen.« Klaus’ Tränensäcke sehen aus, als würden sie jeden Moment platzen. Sie sind prall und gerötet wie nach einem WM-Boxkampf.

Ich kichere. »Mr. Schornstein? Das wird so oder so gewaltig qualmen.«

Klaus findet die Bemerkung nicht lustig, und so reiße ich mich zusammen, bemüht um einen ernsten Ton. »Dieser debile Paul junior hat zwar am Freitag angedeutet, dass er Leute von CBS und weiß der Geier woher abwerben will. Aber wie kann das so schnell vonstattengehen? Heute ist Montag. Haben die da drüben eine andere Zeitrechnung? Da können wir uns wirklich warm anziehen, wenn eine Hand der anderen Wochen und Kilometer voraus ist«, sage ich.

»Paul junior ist ein unterbelichteter Schwätzer. Der hat keine Ahnung. Dass Stein die Oberaufsicht über unseren Sender übernimmt, hat der Senior von Anfang an geplant. Stein hat bloß eine spätere Maschine genommen.« Klaus steckt sich den rechten Zeigefinger in den weit aufgerissenen Mund und deutet die möglichen Folgen einer Magenverstimmung an.

Ich sollte die Katze daher so schnell wie möglich aus dem Sack lassen. »Klaus, können wir reden? Am besten gleich?«, frage ich.

Er bleibt stehen und schließt für einen Moment die Augen. »Pia, mein Kopf ist total zugeschwollen. Was ist das nur für eine Zeit? Ich hätte meinen Hintern darauf verwettet, dass alle anderen in so eine Situation kommen, aber niemals W-TV.« Er sieht völlig fertig aus.

Ich will mich schon schämen, weil ich so ein entspanntes und wegweisendes Wochenende hinter mir habe.

»Du kannst gegen elf in mein Büro kommen«, sagt er da und tätschelt mir die Schulter.

Immer wieder schießen mir wie Blitze die Lästertanten vom Wochenende durch den Kopf, die mich ja erst in dieser Konsequenz auf Spur gebracht haben. Tja, was bin ich? Ein Häufchen Elend in einer für schmerzhafte Wahrheiten immer durchlässiger werdenden Hülle. Ich möchte nicht länger diese Frau darstellen, die ich gar nicht bin. Je öfter ich mir das klarmache, desto weniger bringt mich die Vorstellung um, dass mich im schlimmsten Fall bald Nachrichtenchef Markus Griebner, bekennender Macho und mein Stellvertreter, ablösen könnte. Im Gegenteil: Ich bin erleichtert darüber, dass ich das alles zulasse. Wer hätte das für möglich gehalten?

»Na, was brennt dir auf der Seele? Darf ich mir die Bemerkung erlauben, dass du in Anbetracht der Umstände hier im Sender viel zu gelöst wirkst?«, fragt Klaus mit ungewöhnlich ernster Geschäftsführermiene, als ich sein Büro betrete. Er hängt wie ein Häufchen Elend in seinem ergonomischen Drehstuhl mit extrahoher Rückenlehne.

Schlagartig wird mir bewusst, dass ich ihn anlächle. Das geht natürlich nicht. Sofort lasse ich die Mundwinkel hängen und sehe jetzt vermutlich aus wie Beaker, das Langgesicht aus der Muppet-Show. Aber anstatt wie der nur »Mi, mi, mi« zu quieken, schüttele ich energisch den Kopf und werde deutlicher. »Unsere amerikanischen Invasoren widern mich an. Ich brauche dringend eine Pause, und zwar für länger, um den Kopf freizubekommen und zumindest zu versuchen, mir ein Privatleben aufzubauen. Es ist erbärmlich, ich habe nichts im Leben außer meinem Job – und jetzt fette Krise!« Jetzt ist es raus, im Stehen.

Welche Erleichterung! Ich sinke in den Besucher-Freischwinger und starre auf das gerahmte Schwarzweißposter, das hinter Klaus an der Wand hängt und Sean Connery alias James Bond lässig an einen Aston Martin gelehnt zeigt. Mir entgeht trotzdem nicht, dass Klaus mich anschaut, als ob ich ihm gerade erzählt hätte, dass ich den Physik-Nobelpreis gewonnen habe oder Florian Silbereisen ab morgen die Ta g e s t h e m e n moderiert. Seine Gesichtszüge sind ihm völlig entglitten. »Pia, ich schätze deinen Humor, aber im Moment steht mir nicht der Sinn danach. Komm jetzt bitte auf den Punkt.«

»Sorry, aber das ist der Punkt«, sage ich bestimmt und wippe unruhig mit den Füßen auf und ab.

»Das darf doch wohl nicht wahr sein! Warum hast du diese Einsicht ausgerechnet heute? Hier im Sender geht es in den nächsten Tagen und Wochen um alles, das ist dir doch klar, oder? Da kannst du nicht einfach abhauen. Du trägst als Chefredakteurin auch ein Stück Verantwortung für W-TV und die Mitarbeiter. Pia, ich erkenne dich nicht wieder.« Klaus ist laut geworden und fährt sich nervös durch seine Flusen auf dem Kopf.

Ich blicke ihm starr in die Augen und zitiere ganz ruhig Hermann Hesse: »Der wahre Beruf des Menschen ist, zu sich selbst zu kommen.« Ich strecke die Beine aus und berühre die inzwischen mitleiderregend aussehende Hanfpflanze, die Klaus von einem lustigen Kollegen zum Geburtstag geschenkt bekam.

»Das gibt’s doch nicht. Hast du was genommen?«

»Nichts außer Crack, LSD und einem Mango-Smoothie. Mal im Ernst, Klaus, wenn nicht jetzt, wann dann? Worauf soll ich warten? Auf meine Menopause? Mir rennt die Zeit weg.« Ich bin selbst ganz ergriffen von meinem Schicksal.

Klaus offenbar auch, denn er hält den Blick gesenkt und streichelt seinen Kugelschreiber. »Wie stellst du dir das vor? Außerdem kann ich das nicht mehr allein entscheiden. Wir müssen die Amis fragen.«

Ich schnaube empört. »Als ob ich für diesen Schornstein und Konsorten eine wichtige Rolle spiele. Die reißen hier sowieso alle alten Strukturen ein, und davor möchte ich mal zur Ruhe kommen. Dreißig Tage Urlaub für dieses Jahr habe ich sowieso noch – und wenn ich die hundertachtundzwanzig Tage aus den letzten Jahren nicht unter den Tisch fallen lasse, dann …«

»He, ist ja gut«, fällt mir Klaus ins Wort. »Ich habe sowieso keine Chance gegen dich, weil ich weiß, wie du bist, wenn du dir etwas in den Kopf gesetzt hast. Aber bitte überdenke diese fixe Idee noch mal.«

»Meine Entscheidung steht fest«, trompete ich.

»Du und dein Dickschädel. Ich kann dich also wirklich nicht umstimmen? Dich mit irgendwas bestechen, damit du bleibst? Mit einem Maserati? Einem Eheversprechen von mir?« Klaus zwinkert mir verschwörerisch zu, und ich muss lachen.

»Verlockend, aber auf Italiener stehe ich nicht, und dass du nicht meinetwegen an Scheidung zu denken brauchst, haben wir auch schon besprochen. Dir bleibt nichts anderes übrig, als deine Rolle als Geschäftsführer noch einmal ernst zu nehmen und mir freizugeben.«

»Sicherlich hast du auch schon eine genaue Vorstellung davon, wann es losgehen soll.« Obwohl Klaus einen friedlicheren Eindruck macht als zu Beginn unseres Gesprächs, pochen seine Schläfen.

»Anfang Mai«, sage ich resolut.

»Du hast vielleicht Nerven. Schneist hier mal eben in mein Büro – und nach zehn Minuten hast du eine Auszeit in der Tasche. Mit zwei Wochen Vorlauf! Das ist Irrsinn.«

»Nein, das ist nur äußerst arbeitnehmerfreundlich. Was anderes wäre dir auch nicht übrig geblieben, weil ich sonst gekündigt hätte.« Ich sage den Satz so leicht dahin, aber hätte ich das wirklich getan? Vermutlich nicht, denn obwohl künftig einiges in meinem Leben anders werden soll, ist es angenehmer, so lange wie möglich eine Sicherungsleine im Rücken zu haben.

»Ich werde sofort weich, wenn ich in deine blauen Augen blicke.«

»Daran kann es nicht liegen, lieber Klaus, meine Augen sind grün«, kläre ich ihn auf.

»Jetzt hack nicht auch noch auf mir herum. Also gut, notfalls muss ich dem Conquerer sagen, dass es dir nicht gutgeht. Du gehst kurzfristig in einen längeren Urlaub, um deinen Burnout in den Griff zu bekommen. Die Amerikaner sind doch ständig in rehab, die haben dafür Verständnis. Hauptsache, du kommst wieder«, sagt Klaus und wendet mir den Rücken zu.

»Mach, wie du denkst«, sage ich und verlasse euphorisch sein Büro.

Auf dem Gang kommt mir Markus entgegen. »He, Pia, warum strahlst du so? Bist du frisch verliebt?« Typisch Markus.

»Nicht immer sind die Männer schuld am Lächeln einer Frau. Ich dachte, das weißt du inzwischen.«

»Was ist es dann?«, bohrt er neugierig nach.

»Ich habe ab Mai frei.«

Mein Stellvertreter schaut mich perplex an. »Sag jetzt nicht, dass du schon freigestellt bist. Bekommst du eine ordentliche Abfindung, oder hast du einen neuen Job? Bist du deswegen so gut drauf?« Fast ersticht er mich mit seinen Fragen.

»Bitte nicht so negativ. Keine Ahnung, was noch kommt, aber ich nehme mir wirklich nur Urlaub. Einen sehr langen übrigens. Du darfst mich also würdig vertreten.«

Markus ist begeistert.

Unangemeldet steht am späten Nachmittag Shawn Stein in meinem Büro. Wegen seines weißen Schnauzbarts sieht er tatsächlich aus wie Ted Turner in den frühen Neunzigern, nur sind seine Haare länger. Ich schätze ihn auf Anfang sechzig und erkenne noch schemenhaft den Rocker in ihm, der sich schon vor Jahrzehnten sagte: Ich kann es überall schaffen.

Zu einer speckigen schwarzen Jeans, unter der polierte braune Westernstiefel hervorblitzen, hat er ein weinrotes Sakko und ein schwarzes Oberhemd an.

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