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Sendboten des Teufels

Peter Tremayne

Sendboten des Teufels

Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen
von Irmhild und Otto Brandstädter

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Für Kate und Dave Clayton

als Zeichen meiner Wertschätzung.

Möge dem ganzen Clayton-Clan

– Dan, James, William und Matthew –

stetes Glück beschieden sein.

… adfuit inter eos etiam Satan. Cui dixit Dominus: Unde venis? Qui respondens ait: Circuivi terram et perambulavi eam.

Iob 1,6.7

Vulgata, latein. Übersetzung des Hieronymus, 4. Jh.

… da die Gottessöhne kamen und vor den Herrn traten, kam der Satan auch unter ihnen. Der Herr aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Satan antwortete dem Herrn und sprach: Ich habe die Erde umrundet und bin auf ihr umhergezogen.

Hiob 1, 6.7

HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham aus dem Lande des Südvolks, ihr Gefährte

AN DER EINSIEDELEI SIOLÁN AM FLUSS SIÚR

Gormán, Hauptmann der Nasc Niadh, der Leibwache des Königs

Enda, ein Krieger der Leibwache

Dego, ein Krieger der Leibwache

Bruder Siolán

Bruder Egric

AUF DER BURG CASHEL

Colgú, König von Muman, Fidelmas Bruder

Beccan, rechtaire, Hofmeister und Verwalter der Burg

Dar Luga, airnbertach, Haushälterin der Burg

Ségdae, Abt von Imleach und Oberster Bischof von Muman

Bruder Madagan, sein Verwalter

Aillín, Oberster Richter von Muman

Luan, ein Krieger der Leibwache

Aidan, ein Krieger der Leibwache

Alchú, Fidelmas und Eadulfs Sohn

Muirgen, Alchús Kinderfrau

Bruder Conchobhar, Heilkundiger und Apotheker

BESUCHER AUF DER BURG CASHEL

Deogaire vom Clan Sliabh Luachra, Bruder Conchobhars Neffe

Äbtissin Líoch, Äbtissin der Abtei Cill Náile

Schwester Dianaimh, ihre bann-mhaor, Schaffnerin der Abtei

Cummasach, Stammesfürst der Déisi

Furudán, sein Brehon

Rudgal, ein Geächteter vom Stamm der Déisi

Der Ehrwürdige Verax von Segni

Arwald, Bischof von Magonsaete

Bruder Bosa, angelsächsischer Schreiber

Bruder Cerdic, ein angelsächsischer Vorbote

Fíthel, Richter vom Rat der Brehons

IN DER ORTSCHAFT CASHEL

Rumann, ein Gastwirt

Della, Gormáns Mutter

Aibell, Freundin Dellas und Gormáns

Muiredach, ein Krieger vom Clan Baiscne

IM EATHARLACH-TAL

Bruder Berrihert, ein angelsächsischer Mönch, sesshaft in Irland

Bruder Peccanum, sein Bruder

Bruder Naovan, sein Bruder

Maon vom Stamm der Déisi

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ANMERKUNG DES AUTORS

Die in diesem Roman geschilderten Ereignisse folgen den Geschehnissen im Band Das Sühneopfer.

Die Handlung spielt in der Jahreszeit Dubh-Luacrann, d. h. dunkelste Tage, die heutzutage den Monaten Januar und Februar entspricht. Die Geschichte beginnt kurz vor dem uralten Imbolc-Fest, das nach heutigem Kalender auf den 1. Februar fällt. Mit diesem Fest wurde die Zeit gefeiert, in der die Mutterschafe wieder Milch gaben und die Tage spürbar länger wurden. Es galt auch der irischen Göttin der Fruchtbarkeit, Brigit, doch bald nach der Übernahme des Christentums wurde daraus der Festtag der heiligen Brigid von Kildare.

Wir schreiben das Jahr 671.

In diesem Buch habe ich die irische Schreibung des Flussnamens Siúr (gesprochen »schur«) übernommen und nicht die anglisierte Schreibung Suir. Man nimmt an, diese Schreibung ist durch die irrtümliche Vertauschung der Buchstaben »i« und »u« entstanden. Ich gebe diese Erklärung nur, um nicht weiterhin Briefe von wohlmeinenden Verfechtern der einen oder anderen Schreibweise zu erhalten, die der Auffassung sind, die irische oder die englische Form sei die einzig richtige.

Siúr heißt wörtlich genommen »Schwester-Fluss«. Er entspringt in den Teufelsbiss-Bergen (Devilsbit Mountains) nördlich von Durlus Éile (Thurles) – vgl. Kapitel 16 im Band Die Pforten des Todes –, fließt südwärts durch die Ebene von Tipperary, wendet sich dann nach Osten und erreicht nach einer Länge von 185 Kilometern seine Trichtermündung bei Port Láirge (Waterford). Der heutige Name Devil’s Bit oder Bite lautete ehemals Bearnán Éile (Kluft der Éile).

KAPITEL 1

Die drei Reiter hielten ihre Pferde auf der Hügelkuppe an und schauten ins Flusstal hinunter. Unter ihnen bildete der dichte Wald eine Barriere zwischen den Bergen und dem breiten, gemächlich nach Süden strömenden Fluss. Die Landschaft war ein Flickenteppich aus Grün-, Gelb- und Brauntönen, je nach den Baumarten und der Laubfärbung ihres Blätterdachs. Meistens waren es stämmige Eichen mit weit ausladenden, gebogenen Ästen und einer breiten Krone. Dazwischen mischte sich Schlehdorn mit seinem harten gelblichen Holz und den langen, tückischen Dornen. Auch grau-braune Ebereschen und sogar Weiden waren darunter. All diese Bäume standen eng beieinander, zum Fluss so dicht an dicht, als strebten sie nach dem rettenden Nass.

Der Tag war für die Jahreszeit ungewöhnlich warm. Hinter langsam ziehenden grau-weißen Wolken wurden hin und wieder Fetzen blauen Himmels und die dunstig verschleierte Sonne sichtbar. Der Jahreszeit gemäß hätte es düster und kalt sein müssen, doch es war angenehm hell und mild.

Die drei Berittenen waren junge Männer, Krieger, nach ihrer Kleidung und ihren Waffen zu urteilen, und jeder trug sichtbar den Goldenen Halsreif, woraus sich unschwer schließen ließ, dass sie zur Leibwache des Königs von Muman gehörten. Dessen Herrschaftsbereich war das größte der fünf Königreiche von Éireann, ganz im Südwesten der Insel gelegen. Ihr Anführer beugte sich vor und tätschelte seinem Pferd den Hals. Er sah flüchtig nach Osten, dann glitt sein Blick, als folgte er der hinter den Wolken schwebenden Sonne, nach Westen. Zufrieden nickte er.

»Wir werden noch vor Sonnenuntergang in Honigfeld sein«, verkündete er seinen Gefährten. Cluain Meala, Honigfeld, so hieß eine weiter westwärts gelegene Siedlung am Nordufer des Siúr, dessen Wasser vor ihnen schimmerten. »Dort übernachten wir und reiten am Morgen weiter nach Cashel.«

»Wird mir nicht leid tun, endlich nach Hause zu kommen«, murmelte einer von ihnen und spähte unmutig zurück, wo sich die Hügel zu einem dräuenden Gebirge auftürmten.

Der Anführer grinste, als er das ängstliche Gesicht des jungen Burschen sah. »Du hast doch nicht etwa befürchtet, Enda, dass dich die Frauen der Anderswelt verzaubern bei unserem Ritt über die Berge?«

»Du hast gut reden, Gormán«, empörte sich der Jüngere, »die alten Geschichten haben sich oft genug als wahr erwiesen.«

»Glaubst du wirklich, dass Fionn Mac Cumhail und seine Krieger von den Frauen der Anderswelt verzaubert wurden, während sie über den Berg zogen?« Gormán lachte spöttisch.

»Aber reden wir nicht immer noch vom Sliabh na mBan, dem Frauenberg?«, wehrte sich Enda. »Der Eingang zum Sídh der Femen, dem unterirdischen Heiligtum der Anderswelt-Frauen, ist beim Gipfel dort oben, weiß doch jeder.«

Der Dritte der Gruppe, der bislang geschwiegen hatte, schnaubte verächtlich. »Das sind doch alles Geschichten fürs Lagerfeuer! Wenn uns mulmig wird, sobald wir uns einem Ort nähern, über den Schauergeschichten umgehen, dann dürften wir uns gar nicht erst vor die eigene Haustür wagen. Wir haben den Berg ohne die geringste Schwierigkeit hinter uns gebracht; vor Wesen der Anderswelt braucht sich keiner zu fürchten. Also nichts wie weiter, je früher wir in Honigfeld sind, umso eher können wir uns bei einem Becher corma und gutem Essen am prasselnden Herdfeuer ausruhen.«

»Du hast völlig recht, Dego«, stimmte ihm Gormán zu. Er wollte schon sein Pferd antreiben, als er aus der Ferne Vogelgeschrei vernahm. Über die Baumwipfel blickte er zum Fluss und wurde gewahr, dass dort Vögel aufgeregt kreisten.

»Die muss was aufgeschreckt haben«, sagte Enda.

»Vögel sind doch immer schreckhaft«, meinte Dego seelenruhig. »Vielleicht hat ein Wolf oder ein Fuchs sich seine Beute geschnappt.«

Ohne auf sie einzugehen, ritt Gormán weiter voran in den Wald hinein. Er kannte den Schlängelpfad, der zum Fluss hinunterführte. Lange dauerte es nicht, bis sie aus dem Dickicht der Bäume herauskamen und durch niedriges Gebüsch das mit Schilfrohr zugewucherte Ufer des breiten Stroms erreichten. Sie lenkten die Pferde westwärts, während die Vögel aufgescheucht über ihnen flatterten. Ab und zu schoss eine Rohrammer dicht über die Wasserfläche hin und stieß ängstliche Rufe aus. Gormán erkannte Elstern an ihrem lauten Gekecker, die hoch über ihnen ihre Runden drehten, und machte in der Vogelschar auch große schwarze Vögel mit rautenförmigem Schwanz aus. Einige von ihnen ließen sich langsam sinken.

»Raben!«, sagte er mehr zu sich. Ihm waren diese Geschöpfe unheimlich, sie waren die Symbole für Schlachten und Tod, Aasfresser waren das, die sich auch an den Leichen der Gefallenen gütlich taten.

»Da muss jemand seine Beute verloren haben, wie Dego vermutet«, meinte Enda. »Wahrscheinlich machen die Vögel deshalb solchen Krach. Wer sich von Aas ernährt, fliegt heran, um sich sein Teil zu sichern.«

Sie waren im Schritttempo am Nordufer entlanggezogen, bis der Fluss eine Biegung machte. Dann erblickten sie, was die Vögel so erregte.

Nicht nur Gormán zog die Zügel scharf an, weil es ihm den Atem verschlug. Vier Leichen lagen verstreut am Flussufer inmitten von Unrat, zerfetzten Kleidungsstücken, verbrannten Papieren und anderen Sachen. Nahe am Ufer schwankte unvertäut ein sercenn, ein Flussboot mit einem einfachen Segel, das eingeholt wurde, wenn Wind und Strömung widrig waren und ramha oder Ruder zum Weiterkommen eingesetzt wurden. Schlaff und zerfetzt hing das Segel herab, und eines der Ruder trieb zersplittert neben dem Boot. Irgendein Unheil musste über die Bootsbesatzung hereingebrochen sein. Zwei der Toten – offensichtlich die Schiffer – trugen Lederwämse. Dass die Unglücklichen Opfer einer Gewalttat waren, sah man sofort. Der eine hatte eine blutige Wunde am Schädel, und dem anderen, der mit dem Gesicht nach unten lag, steckte ein Pfeil zwischen den Schulterblättern.

Beim Anblick der beiden anderen Leichen presste Gormán erschrocken die Lippen aufeinander: Es waren Mönche in zerrissenen und blutbesudelten Kutten.

Enda und Dego hatten sofort ihre Schwerter aus der Scheide gerissen und blickten sich wachsam um, bereit, sich jeder Bedrohung zu widersetzen.

Gormán schüttelte den Kopf. »Das hier muss schon passiert sein, bevor wir das Gekrächz der Vögel hörten. Die Mordgesellen sind längst auf und davon.«

Die dicken schwarzen Raben waren vor den Reitern ein Stück zurückgewichen, starrten sie aber feindselig an. Da die Berittenen sie nicht gleich verjagten, hüpften sie wieder näher an die Toten heran. Gormán sprang vom Pferd, sammelte ein paar Steine auf und schleuderte sie gegen den lauernden Trupp. Mit trägem Flügelschlag zogen sich die Vögel zurück, blieben in respektvoller Entfernung hocken und beobachteten den Eindringling, der sich zwischen sie und ihren Fraß drängte. So ohne weiteres ließen sie sich nicht von ihrer Mahlzeit vertreiben.

Enda ging mit Gormán über die Unglücksstätte. Auch Dego war abgestiegen, hielt die Pferde an den Zügeln und sah angewidert den Gefährten zu, die die Leichname untersuchten.

»Räuber?«, fragte er knapp.

»Scheint so«, antwortete Gormán. »Alles, was in dem Boot an Wertvollem war, haben sie mitgenommen.« Er beugte sich zu einem der toten Mönche. »Das Kruzifix, das der hier getragen hat, haben sie ihm abgerissen.«

»Woher willst du das wissen?«

»Man muss nur genau hinsehen, das habe ich von Lady Fidelma gelernt. Sieh mal da, die Striemen und die Schwellung am Hals. Die sind entstanden, weil ihm die Diebe das Kruzifix entrissen. Was trägt ein Mönch schon um den Hals, wenn nicht ein Kruzifix?«

»Wer was das? Jemand aus der Gegend hier?«, fragte Enda und betrachtete den Leichnam. Der Mann lag mit dem Gesicht nach unten, die Kleidung war aufgerissen, auf dem Rücken sah man mehrere lange kreuzweise Narben. Aber das waren alte, längst verheilte Wunden, als hätte man ihn vor Jahren gegeißelt. Gormán drehte den Toten um. Er war ein älterer Mann, die Haut gelblich fahl. Irgendwie wirkte er sonderbar, woran das lag, konnte sich Gormán nicht erklären. Die Tonsur war nach römischer Art geschoren, unterschied sich von dem, was in den Fünf Königreichen üblich war. Der andere Tote war ein jüngerer Mann, auch er hatte die römische Tonsur.

»Fremde, denke ich, sind das. Wahrscheinlich sind sie flussaufwärts gefahren, als sie überfallen wurden. Raubmord, würde ich meinen. Von persönlichen Wertsachen findet sich nicht die geringste Spur, auch nicht von Waren, die auf dem Schiff befördert wurden. Und, Dego, ehe du noch fragst, wohin sie wollten, sage ich dir, der Bug des Boots ist stromauf gerichtet. Das heißt, sie wollten weiter hinein ins Land.«

Enda griente. »Du hast wirklich eine Menge von Lady Fidelma gelernt.«

Dego hatte die Pferde an einen großen Busch gebunden und drehte die Überreste von verbranntem Pergament und Papyrus mit dem Fuß hin und her. »Aus den Fetzen hier ist nicht mehr zu erkennen, was sie einmal waren. Ich frage mich bloß, warum die Räuber alles verbrannt haben. Pergament und Papyrus sind kostbar, ein Klostermensch würde viel dafür geben, bloß um sie abzuschaben und den alten Text zu überschreiben. Ich habe mal gesehen, wie das geht. Übrigens …«

Er bückte sich plötzlich und hob etwas auf. Angestrengt beäugte er einen kleinen runden Gegenstand, den er zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, brummte dann aber enttäuscht.

»Was hast du da?«, fragte Gormán.

»Ich hielt es für eine Silbermünze, ist aber nur ein rundes Stück Blei. Da sind ein paar Buchstaben eingeprägt, wie auf einer Münze, aber Blei nimmt doch keiner in Zahlung.«

Er schaute noch einmal genauer drauf. »V I T A …«, buchstabierte er laut. »Mehr kann ich nicht ausmachen.«

»Vita ist Latein und heißt Leben«, erklärte Gormán sachkundig.

»Na wenn schon, wert ist es nichts.« Dego warf das Bleiplättchen in die Luft und fing es geschickt wieder auf. »Wenigstens lässt es sich als Gewicht für meine Angelrute gebrauchen.«

»Wer mag das hier verbrochen haben?«, fragte Enda.

»Ich habe gehört, dass sich eine Schar junger Burschen von den Déisi gegen Fürst Cummasach aufgelehnt hat«, wusste Gormán zu berichten. »Vielleicht haben die das auf dem Gewissen.«

Die Déisi hatten ihr kleines Stammesgebiet südlich des Flusses, ihre Anführer hatten dem König von Muman Gefolgschaftstreue gelobt.

»Aufsässige Jugendliche, die ein solches Gemetzel anrichten?« Enda konnte sich das nicht vorstellen.

»Bei Garbhans Befestigung ist es zum Blutvergießen gekommen, als diese Bande junger Kerle mehrere Rinder raubte«, erklärte Gormán. »Man hat sie zu élúdaig erklärt, zu Geächteten, die alle Rechte als Stammesangehörige verloren haben. Wahrscheinlich haben sie sich deshalb zu Mord und Raub verschworen.«

Enda zuckte die Achseln und ging zum Boot. Er hatte dort ein zusammengerolltes Seil gesehen. »Das Beste wäre, die Leichen aufs Boot zu schaffen und abzudecken, so gut es eben geht. Damit können wir sie immerhin vor den Raben bewahren. Soweit ich mich erinnere, ist es von hier nur ein kurzer Ritt bis zur Kapelle von Bruder Siolán. Wenn wir das Seil an die Pferde binden, können wir vom Ufer aus das Schiff ins Schlepptau nehmen. Ich bin sicher, unser guter Bruder Siolán wird ihnen ein christliches Begräbnis ausrichten.«

Damit war Gormán einverstanden, watete zum Boot und zog es näher ans Ufer. Enda und Dego hoben zuerst den älteren Mönch auf und schafften ihn an Bord. Derweil band Gormán ein Ende des Seils um den Bug.

»Das ist eins von den leichten Flussbooten, da kommen wir mit einem Zugpferd aus«, äußerte er sich zufrieden und kletterte die Böschung hoch.

Während seine Begleiter als Nächsten einen der Schiffer aufnahmen, bemerkte Gormán aus einem Augenwinkel eine Bewegung. Erst dachte er, einer der Raben schliche sich an, wurde aber sogleich eines Besseren belehrt. Der jüngere der beiden Mönche regte sich.

Im nächsten Moment kniete er neben ihm und fühlte nach der Halsschlagader. »Beim Himmel!«, rief er erschrocken, »der hier lebt noch!«

Enda holte sofort den Wasserbeutel aus Ziegenleder von seinem Pferd und goss dem Bewusstlosen Wasser übers Gesicht. Der Mann war dunkelhaarig und hatte angenehme Gesichtszüge. An der Schläfe hatte er eine beträchtliche Beule, doch Gormán konnte keine tiefen Wunden oder Abschürfungen erkennen.

Der Wasserguss brachte den Verletzten kurz zu sich, er stöhnte und fuchtelte wild mit den Armen, als fühle er sich immer noch angegriffen. Doch er besaß nur wenig Kraft, und Gormán konnte ihn leicht bändigen.

»Es ist alles in Ordnung, keine Gefahr«, redete er leise und beruhigend auf ihn ein. »Du bist unter Freunden.«

Der Mann hustete und murmelte etwas in einer hart klingenden Sprache, die Gormán bekannt vorkam, die er aber nicht verstand, und sank wieder in Ohnmacht.

»Wird er überleben?«, fragte Enda, der Gormán über die Schulter schaute.

»Wir müssen ihn zu Bruder Siolán schaffen, der versteht sich auf die Heilkunst.«

Enda wandte keine Auge von dem jungen Mönch. »Ein Fremder ist der, gewiss … Doch irgendwie kommen mir diese Gesichtszüge bekannt vor. In welcher Sprache hat er geredet?«

Gormán zuckte nur mit den Schultern. »Hilf mir, ihn aufs Schiff zu tragen. Das ist für seinen Transport besser, als ihn auf ein Pferd zu binden.«

Der Totgeglaubte bekam von alledem nichts mit. Vorsichtig legten sie ihn ins Boot und achteten darauf, dass sie ihn in gewissem Abstand von den Leichnamen seiner Gefährten betteten.

Enda blieb auf dem Boot, einer musste die Steuerung übernehmen. Gormán schaute sich noch einmal auf dem Trümmerfeld um, wollte sichergehen, dass sie nichts Wichtiges zurückließen. Dann band er das Seil an seinen Sattel. Enda ergriff das Ruder, und mit Degos Hilfe stießen sie das Boot von dem schlammigen Ufer ab. Gormán lenkte sein Ross dicht am Wassersaum entlang. Anfangs war das Unternehmen reichlich schwierig, immer wieder musste Enda die Ruderstange in den Schlick stoßen, um zu verhindern, dass das Boot auf Grund lief. Doch allmählich gelang es ihnen, das Gefährt flott zu halten und in gemäßigtem Tempo flussabwärts zu ziehen. Hinter Gormán ritt Dego, der Endas Pferd an der Leine führte und sie gegen etwaige Überraschungen absicherte. Behaglich war keinem zumute, denn die schwarzen Raben folgten ihnen und wollten sich nicht so rasch ihre mutmaßliche Beute entgehen lassen.

Cill Siolán, die kleine Kapelle von Bruder Siolán, lag an einer geraden Flussstrecke. Vom hölzernen Anlegesteg ging ein Pfad zur Kapelle und zur Hütte, in der Bruder Siolán lebte. Und von dort führte ein breiter Weg zur nächsten Siedlung, bekannt unter dem Namen Honigfeld. Im Übrigen war Sioláns Hütte von Wald umgeben, der sich über die Hügel bis zum fernen Gipfel des Sliabh na mBan in der Ferne hinzog.

Die Krieger machten das Boot mit der unheimlichen Fracht am Steg fest. Voller Unbehagen schaute Enda zum Himmel.

»Honigfeld noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen, können wir uns aus dem Sinn schlagen.«

»Wenigstens werden wir nicht im Freien kampieren«, tröstete ihn Dego. »Bruder Siolán soll recht gastfreundlich sein.«

Jemand rief ihnen etwas zu, und sie drehten sich um. Ein untersetzter Mann in Mönchskutte kam ihnen schwerfällig entgegen. Er hatte ein rundliches Gesicht, blaue Augen und einen Wust sandfarbener Haare. Ihm zur Seite trottete ein ausgewachsener Wolfshund, der die Fremden wachsam im Blick hatte.

»Gormán! Freut mich, dich wiederzusehen. Was treibt dich …?« Er stockte in seiner Begrüßung, denn er erkannte, was sich in dem Boot befand. »In Gottes Namen, wer hat …?«

»Raubmörder«, erklärte Gormán knapp. »Wahrscheinlich waren es diese Geächteten von den Déisi, über die so viel geredet wird. Einer von den Opfern lebt noch, deshalb brauchen wir sofort deine Hilfe.«

Bruder Siolán verschwendete keine Zeit mit weiteren Fragen. »Bringt ihn in die Hütte, da kann ich ihn in Ruhe untersuchen.« Dem Hund rief er ein paar Befehle zu, der trollte sich und setzte sich – deutlich sprungbereit – unter das schützende Vordach.

»Enda, fass mal mit zu«, ordnete Gormán an. »Und du, Dego, kümmre dich um die Pferde. Zu Bruder Siolán gewandt, fügte er hinzu: »Selbstverständlich helfen wir dir nachher, die Toten zu beerdigen.«

Sie hoben den jungen bewusstlosen Mönch auf und trugen ihn den Pfad hoch. Bruder Siolán ging ihnen voran. Wortlos deutete er auf das Bett.

»Wann ist das passiert?«

»Genau wissen wir es nicht, Bruder«, sagte Gormán. »Aber sehr lange kann es noch nicht her sein. Wird der Mann überleben?«

Bruder Siolán beugte sich über den reglos Daliegenden und untersuchte ihn. »Die einzige Verwundung, die ich ausmachen kann, ist die Abschürfung und Schwellung da seitlich am Kopf. Hat er zwischendurch wache Momente gehabt?«

»Nur einmal ganz kurz«, antwortete Gormán.

»Immerhin ein gutes Zeichen. Jemand muss auf ihn eingedroschen haben, davon ist er bewusstlos geworden. Vermutlich hat ihm das das Leben gerettet. Die Angreifer werden gedacht haben, sie hätten ihn erledigt. Wollen hoffen, dass er keine inneren Verletzungen erlitten hat. Jedenfalls wird er über heftige Kopfschmerzen klagen, wenn er zu sich kommt.«

Bruder Siolán griff in ein Schränkchen. »Ich habe hier eine Paste aus den zerstoßenen Blüten einer Pflanze, die bei uns wächst. Die Salbe hält die Wunde sauber und wirkt lindernd. Wenn er das Bewusstsein erlangt, werde ich ihm einen Trank aus der Rinde der Weißweide einflößen. Aber jetzt erzählt mir, wie das alles passiert ist.«

»Wir sollten erst seine Gefährten begraben, bevor wir uns hinsetzen und dir unsere Geschichte erzählen. Die Raben haben keine Ruhe gegeben und sind dem Boot immerzu gefolgt, seit wir die Toten am Ufer fanden.«

Bruder Siolán sah das ein. »Stimmt. Habt ihr eine Ahnung, wer die Männer sind?«

»Ein Mönch und zwei Schiffer, mehr wissen wir nicht. Wahrscheinlich sind sie vom Hafen in Láirge flussaufwärts gekommen.«

Der Hafen lag an der Mündung des Siúr, seetüchtige Schiffe gingen dort oft vor Anker.

»Der hier trägt die römische Tonsur«, bemerkte Bruder Siolán. »Ich werde ihn versorgen, so gut ich kann. Schafft die Toten hinter die Kapelle, vertäut das Boot gut. Hinter der Hütte findet ihr eine Koppel und Futter für eure Pferde.«

»Und was ist mit deinem Hund?«, fragte Enda und drehte sich beunruhigt um, denn der Hund ließ kein Auge von den Fremden.

»Figleóir? Ach so …« Bruder Siolán lachte. »Keine Sorge, euch tut der nichts, der hat begriffen, ihr seid meine Freunde.«

»Figleóir. Ein guter Name für einen Wachhund«, murmelte Enda erleichtert. Der Name bedeutete »Wächter«.

Es war längst dunkel geworden, als sie endlich alles erledigt hatten. Die Leichen waren beerdigt und ihre Gräber mit Holzkreuzen versehen. Die drei Krieger hatten das Boot noch einmal gründlich untersucht, um wenigstens herauszufinden, woher es kam. Jetzt drängten sie sich in Bruder Sioláns Hütte und wärmten sich an der Herdstelle, auf der Holzscheite flammten. Der gerettete Mönch lag auf dem Bett des Einsiedlers und atmete gleichmäßig.

»Nun schläft er wirklich fest«, erklärte Bruder Siolán befriedigt und beköstigte seine inzwischen hungrig gewordenen Gäste. Auch ein Krug mit selbstgebrautem Ale machte die Runde und wurde dankbar geleert.

»Ist das wirklich ein gutes Zeichen, wenn jemand so tief und lange schläft?«, wollte Enda wissen.

»Sei ganz beruhigt, das ist gut so. Doch jetzt erzählt, was treiben Mitglieder der Nasc Niadh, der Leibwache unseres Königs, an den Ufern des Siúr? Was gibt es Neues aus Cashel?«

Gormán rekelte sich behaglich vor dem Herdfeuer. »Aus Cashel können wir dir herzlich wenig Neues berichten. Wir sind schon über eine Woche unterwegs. Wir sollten bei einem Streit an der Feuerfurt vermittelnd eingreifen.«

Áth Thine war eine Grenzstelle zwischen den Königreichen Muman und Laighin, an der es öfter zu Handgreiflichkeiten, ja Scharmützeln kam.

»Wir sind von Südwest über den Frauenberg geritten und dann hinunter zum Fluss. Unsere Absicht war, in Honigfeld zu übernachten und tags darauf nordwärts nach Cashel zu ziehen.«

»Mir ist zu Ohren gekommen, dass Caol nicht mehr Hauptmann der Leibwache des Königs sein soll. Ist da was dran?«, fragte Bruder Siolán.

Gormán zögerte, bis er schließlich bestätigte: »Ja, das stimmt.«

Enda griente und verkündete stolz: »Gormán ist zu bescheiden. Er verschweigt, dass er vor kurzem zum Hauptmann ernannt wurde.«

Bruder Siolán schaute erstaunt auf. »Wenn das kein Grund zum Gratulieren ist!«

Gormán war das peinlich. »Colgú hat großes Vertrauen in mich gesetzt. Ich will mich bemühen, seine Erwartungen zu erfüllen, so gut ich kann.«

»So alt war Caol doch noch gar nicht, um seinen Posten so schnell aufzugeben«, überlegte der Einsiedler laut.

»Er hat sich entschlossen, lieber als Landwirt weiter zu leben«, warf Enda ein, woraufhin Gormán ihm mit finsterem Blick zu schweigen gebot. »Er hat ein Gehöft irgendwo auf der Westseite vom Fluss Mháigh übernommen, an der Grenze zum Gebiet der Luachra.«

Bruder Siolán wollte schon seiner Verwunderung Ausdruck geben, doch Gormán lenkte schnell mit der Frage ab: »Dass König Colgú nach seiner Verwundung wieder völlig genesen ist, hast du gewiss längst erfahren?«

Es war erst wenige Monate her, dass jemand versucht hatte, den König zu erdolchen. »Ich habe gehört, Caol hätte den Mörder erschlagen. Da ist es nur recht und billig, wenn er sich hinfort sein Brot friedlicher verdienen darf«, sagte Bruder Siolán nachdenklich. »Und wie geht es der Schwester des Königs? Ist Lady Fidelma wohlauf?«

»Jedenfalls war sie es, als wir Cashel verließen.«

Sie vernahmen ein Stöhnen vom Bett. Der junge Mönch war zu sich gekommen und nahm seine Umgebung wahr. Bruder Siolán eilte sofort zu ihm und flößte ihm ein paar Schlucke von einer Flüssigkeit ein, die Gormán für einen Kräuteraufguss hielt.

Der Geschundene richtete sich auf, rieb sich die Stirn und fragte etwas in einer rau klingen Sprache, die niemand verstand.

Bruder Siolán erkundigte sich, wie er sich fühlte, und da antwortete er auf Irisch in einem sonderbaren Tonfall. »Was ist mit mir passiert?«

»Du bist von Raubmördern überfallen worden. Weil sie dich für tot hielten, hat man dich liegen lassen. Leider sind all deine Gefährten bei dem Überfall ums Leben gekommen. Du hast Glück gehabt, die drei Krieger hier haben dich gefunden und zu mir geschafft.«

Der junge Mann stöhnte auf, wohl wegen seiner Schmerzen und auch weil er begriff, was ihm widerfahren war.

»Kannst du dich erinnern, wie das alles vor sich gegangen ist?«, fragte Gormán und trat näher an die Bettstatt heran. »Weißt du, wie du heißt?«

Der junge Mann richtete den Blick auf ihn und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Ich werde Bruder Egric genannt. Wir haben uns flussaufwärts rudern lassen. Da begegnete uns ein größeres Flussboot, ein halb Dutzend Männer waren darauf. Sie begrüßten uns wie Freunde, und wir dachten, die fahren stromab vorbei. Aber ehe wir überhaupt Verdacht schöpften, fielen sie über uns her. Ich sah noch, wie einer unserer Ruderknechte mit einem Pfeil im Rücken niederstürzte. Unser Boot wurde ans Ufer getrieben. Ich war der Begleiter des Ehrwürdigen Victricius. Der verwahrte sich gegen den Überfall. Das waren alles junge Kerle. Die haben nur hämisch gelacht, und einer hat ihm mit dem Kriegsbeil den Schädel eingeschlagen. Ich wollte fliehen, da traf mich was am Kopf. Mich durchzuckte der Gedanke, jetzt stirbst du. Was sich danach ereignete, weiß ich nicht. War wie im Traum, aus dem ich eben erst erwacht bin.«

Bruder Siolán nickte mitfühlend. »Jetzt bist du in Sicherheit. Ich bin Bruder Siolán. Meine kleine Kapelle steht nicht weit von dem Fleck, an dem ihr überfallen wurdet, und diese tüchtigen Krieger haben dich hierhergebracht. Leider sind der Geistliche, den du begleitet hast, und die Bootsmänner tot. Wir haben sie hinter der Kapelle beerdigt.«

Schmerzlich verzog der junge Mann das Gesicht. »Der Ehrwürdige Vitricius ist tot?«, wiederholte er ungläubig.

»Ja, er ist tot«, bekräftigte Gormán.

»Und unsere Sachen? Ist was gestohlen worden?«, fragte der Verwundete besorgt.

»Viel haben sie nicht übrig gelassen. Was sie nicht verbrannt haben, wurde weggeschleppt. Ihr seid Opfer von Strauchdieben geworden.«

»Habt ihr irgendwas retten können?«, fragte der junge Mann merkwürdig eindringlich.

»Eigentlich nur ein paar Kleidungsstücke, die liegen dort in der Ecke.« Gormán nickte in die Richtung. »Doch erst mal haben wir einige Fragen. Du hast uns gesagt, wie du heißt, und hast den Namen des Geistlichen genannt, mit dem du zusammen warst. Woher seid ihr gekommen? Wohin wolltet ihr?«

Der junge Mann fasste sich an den Kopf, wie um sich an Wörter aus der fremden Sprache zu erinnern. »Wir, ich meine der Ehrwürdige Victricius und ich, sind vor fünf Tagen mit dem Schiff angekommen. Im Hafen Lairge sind wir an Land gegangen und haben dort zwei Schiffer getroffen, die bereit waren, uns auf ihrem Boot flussaufwärts mitzunehmen. Das ist doch der Siúr, an dem wir sind, stimmt’s? Wir sollten bei der Ortschaft Cluain Meala das Boot vderlassen. Es hieß, dort würde uns ein Führer erwarten.«

»Ein Führer? Und wo sollte es dann hingehen?«

»Zu einem Ort, der Cashel heißt.«

»Cashel?« Das wunderte Gormán, denn er hatte erwartet, dass fremdländische Mönche zuerst Imleach besuchen würden, die älteste und größte Abtei in ganz Muman.

»In Cluain Meala sollten wir einen Bruder Docgan treffen.«

»Bruder Docgan?« Gormán schaute zu Bruder Siolán hin, doch der schüttelte nur den Kopf. »Der Name klingt reichlich fremd. Könnte sächsisch sein, übrigens dein Name und die Art, wie du sprichst – bist du etwa ein Sachse?«

Der junge Mann verneinte. »Ich bin ein Angle, aber wahrscheinlich würdet ihr den Unterschied gar nicht merken.«

Gormán gluckste vergnügt. »Da irrst du dich. Ich habe einen guten Freund, der jedes Mal die Leute zurechtweist, wenn sie ihn als Sachsen bezeichnen.«

»Verstehe ich nicht.«

»Die Schwester unseres Königs, Lady Fidelma, ist mit einem Angeln verheiratet.«

»Dann sollte ich unbedingt seine Bekanntschaft machen«, erwiderte der Mönch in vollem Ernst. »Aus welchem Königreich der Angeln stammt er?«

»Aus dem Königreich der Ostangeln, sagt er.«

Der junge Mann starrte Gormán verblüfft an. »Daher komme ich auch. Ich bin im Land des Südvolks im Königreich der Ostangeln geboren.«

»Sag mal«, rief der Hauptmann aufgeregt, »hast du jemals von Eadulf aus Seaxmund’s Ham im Land des Südvolks gehört?«

»Eadulf?« Dem Mönch versagte fast die Stimme, als er den Namen wiederholte. Es dauerte eine Weile, bis er sich gefasst hatte und dann bedächtig erklärte: »Ich bin Egric aus Seaxmund’s Ham im Lande des Südvolks im Königreich der Ostangeln. Ich bin Eadulfs Bruder. Von unserm Vater hat er Amt und Rang des gerefa geerbt.«

KAPITEL 2

»Bruder Eadulf aus Seaxmund’s Ham im Lande des Südvolks des Königreichs der Ostangeln wird aufgefordert, vor Colgú, König von Muman, zu erscheinen.«

Im ersten Moment war Eadulf geneigt, dem Hofmeister auf Burg Cashel belustigt ins todernste Antlitz zu lachen, besann sich aber rasch und setzte ebenfalls eine unbewegte Miene auf, wusste er doch, dass der beleibte Beccan die peinliche Einhaltung des Protokolls für seine Lebensaufgabe hielt. Er hatte erst wenige Monate das Amt des rechtaire oder Verwalters inne. Von Gormán hatte Eadulf erfahren, dass der junge Mann sich so gestelzt gab, weil er mit den Gepflogenheiten auf der Burg noch nicht recht vertraut war. Er stammte aus dem südwärts vom Siúr gelegenen Landesteil und war anfänglich beauftragt worden, die Aufsicht über die Küchen zu führen. Doch schon wenige Monate später hatte der damalige Hofmeister sich entschlossen, zu seiner Familie und auf seinen Hof zurückzukehren, so wurde Beccan unversehens in dessen Amt berufen.

»Eadulf, Gemahl von Fidelma von Cashel, Schwester des Königs Colgú, ist bereit, der Aufforderung Folge zu leisten«, entgegnete Eadulf in gesetzten Worten, lächelte dann aber entspannt. »Was mag Colgú von mir wollen? Warum lässt er mich rufen und nicht Fidelma?«

Beccans rundliches Gesicht verzog sich missbilligend. »Es steht mir nicht zu, des Königs Wünsche und Absichten zu ergründen, ich habe lediglich seine Befehle zu überbringen.«

Der Hofmeister blieb unnahbar, Eadulf zuckte die Achseln und sagte nur: »Ich folge dir auf dem Fuß.«

Fidelma und Alchú, ihr vier Jahre alter Sohn, waren unterwegs auf einem Ausritt, begleitet von Aidan, einem der Leibwächter des Königs. So brauchte er niemandem zu erklären, wohin er ging. Er folgte dem Hofmeister über den Burghof zum Hauptgebäude, in dem sich die Gemächer des Königs befanden.

»Ob diese Aufforderung mit der Ankunft von Abt Ségdae und seinen Begleitern gestern Abend zu tun hat?«, überlegte er laut.

Ségdae, Abt von Imleach und Oberster Bischof von Muman, war tags zuvor in der Abenddämmerung mit seinem Verwalter, Bruder Madagan, und einem fremdländischen Mönch eingetroffen. Sie hatten sich sofort in die Gästekammern begeben. Ségdae war sowohl geistlicher Ratgeber des Königs als auch Mitglied des Kronrats und besuchte Cashel häufig, insofern erregte seine Ankunft keine sonderliche Aufmerksamkeit. Ungewöhnlich war nur, dass der Abt nicht an der Abendmahlzeit teilgenommen hatte.

»Es gibt immer irgendwelche Kirchenfragen zu erörtern«, bemerkte Beccan kurz.

»Ist des Königs tánaiste bei ihm?«, fragte Eadulf.

»Finguine, der Thronfolger, ist heute früh fortgeritten, um Glendemnach, den Stammesfürsten der Eóghanacht, aufzusuchen.«

»Vermute, er ist wieder mit der Tributzahlung im Rückstand«, spöttelte Eadulf harmlos.

»Das zu wissen kommt mir nicht zu«, erklärte Beccan steif, »und wenn ich etwas wüsste, würde ich in meiner Stellung die Vorhaben des Königs ohnehin nicht verlautbaren.«

Eadulf unterdrückte ein Auflachen. Der Mann hatte keinen Sinn für Humor. So hielt er lieber den Mund. Schweigend gingen sie durch den Gang, der in die Privatgemächer führte. Vor der Tür aus rotem Eibenholz stand einer der Leibwächter. Beccan hob den Heroldsstab und pochte dreimal an das Paneel, riss die Tür auf und stellte sich in den Türrahmen.

»Eadulf aus Seaxmund’s Ham …«, begann er laut zu verkünden.

Doch aus der Tiefe des Raums unterbrach ihn Colgú mit matter Stimme. »Mir ist wohl bekannt, wer er ist. Du darfst dich zurückziehen, Beccan. Sorge dafür, dass wir nicht gestört werden, bis ich dich wieder rufe. Tritt ein, Eadulf.«

Beccan schluckte seinen Ärger herunter. Es verletzte ihn jedes Mal, wenn Colgú das Hofzeremoniell beiseiteschob. Mit der Miene eines Leidgeprüften ging er einen Schritt zur Seite, ließ Eadulf eintreten und schloss die Tür betont sorgsam hinter ihm.

»Beccan ist so pedantisch, dass er sich angewöhnt hat, die Namen der Gäste aufzuschreiben, damit er sie in gebührender Weise ankündigen kann«, verriet Colgú. »Vielleicht liegt es auch daran, dass er sich Namen einfach nicht merken kann.«

Abt Ségdae saß Colgú am Kamin gegenüber. Der König lächelte Eadulf kurz zu und winkte ihm, Platz zu nehmen. Bevor sich Eadulf setzte, begrüßte er den Abt – auch der schien irgendwie gereizt. Mit gekrauster Stirn saß er grübelnd da.

»Wir brauchen deine Hilfe«, begann Colgú ohne jede Vorrede.

»Ich stehe dir zur Verfügung und helfe gern, wo immer ich kann«, erwiderte Eadulf, setzte sich und schaute Colgú und Ségdae erwartungsvoll an.

Der König bedeutete dem Abt mit einer Handbewegung, zu beginnen. Der eröffnete ihm schwerfällig: »Wir haben die Nachricht erhalten, dass eine Gesandtschaft von deinen Landsleuten in Bälde in Cashel eintrifft.«

»Eine Gesandtschaft von meinen Landsleuten?« Das war in der Tat höchst ungewöhnlich. »Wer sind sie und mit welcher Absicht kommen sie her?«

»Vermutlich ist es dieselbe Absicht, derentwegen schon mehrfach Konzile abgehalten wurden zwischen unseren Geistlichen und denjenigen, die sich dem Diktat von Rom unterwerfen«, erklärte Abt Ségdae verbittert. »Die scheuen keine Zeit und Mühe, uns von dem Pfad des Glaubens abzubringen, den wir nun einmal gewählt haben.«

Eadulf wartete auf weitere Auskünfte des Abts, und da sie nicht kamen, fühlte er sich verpflichtet, etwas zu äußern. »Ihr habt vermutlich nicht daran gedacht, dass ich selber ein Anhänger der Auffassungen Roms war, bevor …« Bevor ich Fidelma auf dem großen Konzil in der Abtei St. Hilda bei Streonshalh begegnet bin, wollte er fortfahren, aber Colgú unterbrach ihn.

»Genau deswegen brauchen wir deinen Rat. Ich hoffe, du kannst uns etwas über diese Leute sagen und was sie bewegt.«

»Ich verstehe das immer noch nicht. Denkst du wirklich, einige geistliche Würdenträger kommen her, um uns von den Vorzügen der Rituale ihrer Kirche zu überzeugen? Wer hat so ein Konzil einberufen? Dazu müssen doch Einladungen ergehen, die müssen angenommen werden, und vielerlei muss im Voraus geregelt werden. Und warum wollen sie gerade hierherkommen und nicht zur Abtei Imleach?«

»Sie haben lediglich angekündigt, dass sie hierherkommen wollen.« Abt Ségdae war sichtlich verärgert. »Als Erstes sind in meiner Abtei zwei Boten eingetroffen. Einer war ein Bruder Cerdic, ein Sachse. Bruder Rónán von der Abtei Fearna hat ihn begleitet, doch der war nur sein Fremdenführer. Bruder Cerdic hat schlicht verkündet, in einer Woche würde eine Gesandtschaft in Cashel eintreffen, und hat verlangt, dass der König höchstpersönlich den Vorsitz beim Konzil übernimmt.«

Eadulf konnte es nicht fassen. »Und das war alles? Keine weitere Erklärung?«

»Hat mir schon gereicht«, murmelte der Abt. »Wie der aufgetreten ist, dieser Bruder Cerdic! Anmaßend war das geradezu, wie er seine Botschaft überbracht hat.«

»Und aus Fearna sind sie gekommen?«, vergewisserte sich Eadulf. »Ob uns da neues Unheil aus Laighin droht?«

Fearna war die Hauptabtei im Nachbarkönigreich Laighin, dessen Könige schon öfter Feldzüge gegen Muman unternommen hatten.

»Das ging mir zunächst auch durch den Sinn«, sagte Colgú. »Doch Abt Ségdae hat von Bruder Rónán insgeheim erfahren, Abt Moling von Fearna ließe ausrichten, König Fianamail habe mit der Angelegenheit nicht das Geringste zu tun. Die Abordnung wäre ohne Vorwarnung in Fearna eingetroffen. Nach einigem unverbindlichen Hin und Her hätte man Abt Moling gebeten, Bruder Cerdic einen Fremdenführer und Dolmetscher mitzugeben.«

»Können wir Abt Moling wirklich trauen?«, fragte Eadulf. »Soviel ich weiß, wurde er in Sliabh Luachra geboren und ist dort aufgewachsen. Nach dem, was wir unlängst dort erlebt haben, bin ich voreingenommen gegen Leute aus der Gegend.«

»Da hast du recht«, bekräftigte Abt Ségdae, »aber ich glaube, wir können ihm trauen. Bruder Rónán hat seinen Auftrag erfüllt und ist stehenden Fußes nach Fearna zurückgekehrt. Die Abtei Fearna wird bei der Zusammenkunft hier nicht vertreten sein.«

»Das klingt alles sehr sonderbar«, meinte Eadulf nachdenklich.

»Für das hochfahrende Benehmen des sächsischen Mönchs gab es keinerlei Anlass«, fügte der Abt hinzu. »Mein Verwalter, Bruder Madagan, und dieser Bruder Cerdic sind so heftig aneinandergeraten, dass sie sich fast geschlagen hätten.«

Eadulf wunderte sich. »So, wie ich Bruder Madagan kenne, kann ich mir kaum vorstellen, dass der die Beherrschung verliert.«

»Daraus kannst du schließen, wie anmaßend dieser Bruder Cerdic war. Überhaupt schon die Unverschämtheit, mit so einer unerhörten Zumutung an unseren König heranzutreten! Bruder Rónán hat versucht, beim Dolmetschen den Ton zu mildern, doch Bruder Madagan hat einige Kenntnis des Angelsächsischen und verstand sehr wohl, wie hochtrabend der Bote daherredete.«

»Könnte es nicht sein, dass ein falscher Zungenschlag beim Dolmetschen zu Missverständnissen führte?«, gab Eadulf zu bedenken. »Vielleicht will diese Gruppe nur Vorbereitungen für ein größeres zukünftiges Konzil erörtern. Möglicherweise legen wir falsch aus, was die Sendboten beabsichtigen.«

Abt Ségdae schnaubte entrüstet. »Die Botschaft war eindeutig. Ich war froh, dass Bruder Madagan wieder zurück war und Bruder Cerdic gebührend zu empfangen wusste. Die Absicht, die uns angekündigt wurde, bedurfte keiner Auslegung. Außerdem hat auch Bruder Madagan ein paar Worte mit Bruder Rónán gewechselt, und der hat ihm bestätigt, dass selbst der König von Laighin empfand, die Sachsen hätten sich unverschämt aufgeführt.«

Dass Bruder Madagan die Sprache der Angelsachsen ein wenig verstand, erstaunte Eadulf. Wann immer er dem Verwalter von Imleach begegnet war, hatte der sich nie mit ihm in Eadulfs Heimatsprache unterhalten.

»Die Botschaft, die uns übermittelt wurde, ist unmissverständlich, Freund Eadulf«, bekräftigte Colgú die Auffassung des Abts.

Eadulf wusste immer noch nicht, wie er das alles verstehen sollte. »Ein Konzil über Glaubensangelegenheiten müsste doch in der Abtei abgehalten werden; dort sind die Gelehrten, die man sofort zu Rate ziehen kann. Warum also kommen sie auf deine Burg? Warum bestehen sie darauf, dass der König den Vorsitz übernimmt?«

»Genau das ist so merkwürdig, und eben deshalb haben wir dich hergebeten«, erklärte Colgú.

»Dabei hat es doch bereits etliche Synoden gegeben, auf denen Delegierte aus allen Himmelsrichtungen uns dazu bringen wollten, unsere Gesetze aufzugeben und unsere Art, den Gottesdienst zu feiern!« Abt Ségdae war entrüstet. »Wären da nicht die Regeln der Gastfreundschaft, an die wir uns natürlich halten, würde ich dem König abraten, sie zu empfangen.«

»Und diese Abgesandten halten sich gegenwärtig in der Abtei Fearna auf?«, fragte Eadulf verwundert.

»Man hat mir berichtet, die Führer der Abordnung haben bei König Fianamail auf seiner Festung Dinn Rig eine Ruhepause eingelegt, bevor sie ihre Reise zu uns fortsetzen. Bruder Cerdic wurde vorgeschickt, um ihre Ankunft zu vermelden. Vermutlich sind sie bereits im Gebiet der Osraige unterwegs und werden in den nächsten Tagen hier eintreffen«, antwortete Abt Ségdae missvergnügt.

»Bruder Cerdic will also wissen, dass diese Sendboten von meinem Volksstamm kommen? Höchst sonderbar. Ostanglien ist nämlich nur ein kleines Königreich, dessen Gebiet sich andere Königreiche der Angeln und der Sachsen schon immer einverleiben wollten. Seine Äbte sind nicht so einflussreich, dass sie als Missionare außerhalb ihrer eigenen Diözesen wirken könnten. Außerdem haben sich meine Landsleute erst während meiner Kindheit zum Neuen Glauben bekehrt …«

Abt Ségdae hob ungeduldig die Hand. »Wenn ich gesagt habe, sie kommen von ›deinen Landsleuten‹, habe ich gemeint, sie kommen aus dem einen oder anderen Königreich der Angeln und Sachsen«, erläuterte er und überging leichtfertig jegliche Unterschiede in Eadulfs Heimat. »Egal, wer sie sind, Bruder Cerdic hat erklärt, sie kommen mit der vollen Autorität des Bischofs von Rom, Vitalianus. Die römische Partei hat schon mehrfach versucht, unsere Kirchen in ihren Bannkreis zu ziehen. Die Romhörigen sollten endlich damit Schluss machen, immer neue Synoden einzuberufen, und uns unseren Glauben leben lassen, wie wir es gewohnt sind.«

Dem König war nicht recht wohl bei dieser Forderung. Er warf seinem Obersten Bischof einen verstohlenen Blick zu. »Allerdings ist mir bekannt, dass einige unserer Äbte und Bischöfe, besonders in den nördlichen Königreichen, bereits die von Rom vorgegebenen Regeln übernommen haben. Sie folgen den Lehren des Cumméne Fota von Connacht.« Weil Eadulf ihn fragend ansah, fügte er hinzu: »Der ist noch gar nicht lange tot, er war Bischof und Lektor in Cluain Ferta. Er hatte sich die römische Liturgie zu eigen gemacht und hat sie allenthalben verteidigt.«

»Cumméne war gewiss ein kluger Mann und ein gründlicher Gelehrter, hat sich aber in die Irre leiten lassen«, warf Abt Ségdae ein. »Warum sollten wir uns an seine Lehren halten?«

Eadulf war wenig geneigt, sich auf Spitzfindigkeiten in der Liturgie einzulassen. »Bei all dem begreife ich nicht, welche Rolle ich in dieser Angelegenheit spielen soll. Was wollt ihr von mir?«, fragte er und hob hilflos die Hände.

»Heißt es nicht bei den antiken Philosophen nam et ipsa scientia potestas est?«, bemerkte der Abt trocken.

»Dass Wissen Macht ist, weiß jeder, doch was für ein Wissen ist hier gefragt?«

»Bruder Cerdic hat berichtet, einer der Abgesandten ist ein Bischof Arwald. Vielleicht ist er dir bekannt, und wir könnten daraus schließen, wie wir ihm begegnen sollen. Er ist in Begleitung eines römischen Geistlichen namens Verax, beide kommen mit Vollmacht und Segen von Vitalianus, dem Bischof von Rom, und von Theodor, dem Erzbischof von Canterbury, den du wohl kennst.«

»Theodor? O ja, den kenne ich«, bestätigte Eadulf. »Ich war in Rom, als er zum Obersten Bischof der angelsächsischen Königreiche geweiht wurde, nachdem Wighard in Rom ermordet worden war. Fidelma und mir gelang es, das Geheimnis um diesen Mord zu lüften. Theodor ist ein Grieche aus Tarsus, ich wurde beauftragt, ihn in Denkart und Lebensweise der Angeln und Sachsen zu unterweisen, bevor er sein Amt antrat. Später ergab sich, dass Erzbischof Theodor mich als einen Sendboten in dieses Königreich schickte. Doch ich entschloss mich, hier zu bleiben.«

Colgú lachte. »Wir kennen deine Geschichte, Eadulf. Kein Wunder, dass wir auf dein Wissen und deine Hilfe bauen. Wir hoffen, du weißt etwas über diese Sendboten, aus dem wir schlussfolgern können, was sie wollen. Kennst du Bischof Arwald von Magonsaete?«

»Von Magonseate?« Eadulf zuckte zusammen.

Sofort hakte Colgú nach: »Du kennst den Mann also?«

»Ihn persönlich kenne ich nicht. Doch über Magonsaete weiß ich einiges. Dass von dort ein Bischof ernannt wird, um über Kirchenfragen in unserem Königreich oder sonst wo zu verhandeln, hätte ich am allerwenigsten erwartet.«

Colgú horchte auf. »Erzähl uns, was du weißt. Wo liegt dieser Ort überhaupt?«

»Es ist ein Königreich, das vor noch gar nicht langer Zeit entstanden ist, weder kann man es den Angeln zurechnen noch den Britanniern. Es existiert gewissermaßen eingezwängt zwischen den beiden Völkern und entstand, weil Penda von Mercia – Mercia ist eines der größeren Königreiche der Angeln – sich mit den Britanniern verbündete, um sein Herrschaftsgebiet nach Westen auszudehnen. Unter den Britanniern, die für Penda kämpften war ein Krieger, der sich Merewalh nannte – der Name bedeutet ›berühmter Krieger‹; wie der bei den keltischen Britanniern heißt, weiß ich nicht. Zwanzig Jahre ist es her, dass Penda ihn für seine Dienste zum Kleinkönig über das neu erworbene Gebiet Magonsaete ernannte.«

Colgú überlegte und rieb sich das Kinn. »Demnach ist das ein Königreich der Britannier, das einem Königreich der Angeln zur Gefolgschaft verpflichtet ist. Reichlich verworren.«

»Nicht ganz so. Die Angeln aus Mercia fingen an, in dem neuen Königreich zu siedeln und verdrängten die ansässigen Britannier, die nach Westen flohen. Merewalh ist ein Britannier, doch herrscht er über die neuen Siedler. Außerdem hat er eine von Pendas Töchtern geheiratet. Seinem eigenen Volksstamm hat er den Rücken gekehrt.«

Colgú mühte sich, die politische Gemengelage zu begreifen. »Du meinst also, der Britannier schickt diesen Bischof mit dem Segen von Rom und Canterbury zum Streitgespräch zu uns?«

»Doch scheint das kaum glaubhaft«, erwiderte Eadulf ernst. »Es ist erst zehn Jahre her, dass sich Merewalh zum Glauben an Christus bekannt hat.«

»Aber die Britannier sind doch wohl alle Christen?«

»Möglicherweise war Merewalh ursprünglich auch ein Anhänger des Neuen Glaubens, hat dann aber seine Ansichten geändert, als er das Bündnis mit dem König von Mercia einging. Penda war kein Christ, er glaubte an die alten Götter unserer Völker, an Wodan und all die anderen.«

»Offenbar weißt du eine ganze Menge über dieses Königreich, obwohl es mit dem Volk, dem du entstammst, nicht verbündet war. Wie kommt es, dass du dich da so gut auskennst?«

»Penda war ein Angle, war aber als König erbarmungslos und ruhmsüchtig«, erklärte Eadulf. »Er versuchte, mein Königreich der Ostangeln zu unterwerfen und erschlug unseren großen König Anna in der Schlacht. Ich war damals noch ein junger Bursche. Selbst nachdem Penda gestorben war – damals war ich vielleicht zwanzig –, hat sein Sohn Wulfhere unserem kleinen Königtum seinen Willen aufzwingen wollen. Wir waren also schon immer der Bedrohung von Mercia ausgesetzt.«

Colgú schüttelte verzweifelt den Kopf. »Bei aller Achtung vor deiner Herkunft, Eadulf, all die fremden Namen verwirren mich. Diese vielen Königtümer der Angeln und der Sachsen kann man sich nur schwer merken. Herrscht denn kein Hochkönig über sie wie bei uns?«

»Allmählich greift eine solche Vorstellung unter unseren Volksstämmen um sich. Doch gegenwärtig bestehen elf größere Fürstentümer der Angeln und der Sachsen, deren Herrscher einander oft bekriegen. Ich bezweifele, dass sie sich jemals werden einigen können. Es geht ihnen nicht darum, ein vereinigtes Königreich zu schaffen, jeder will nur den Titel Eroberer und Beherrscher der Britannier für sich beanspruchen.«

»Nun verstehe ich gar nichts mehr.«

»Der Titel heißt Bretwalda, das bedeutet eben ›Herrscher über alle Britannier‹. Man muss bedenken, dass die Königreiche der Angeln und Sachsen aus den Gebieten der Britannier zusammengeflickt wurden, als unsere Vorfahren vor zweihundert Jahren auf der Insel Britannia Fuß fassten. Dabei ist der Titel vollkommen bedeutungslos, denn die Britannier sind vor den Eindringlingen zwar zurückgewichen, haben sich ihnen aber niemals unterworfen.«

Colgú gab resigniert auf. »Deine Völkerschaften scheinen stets auf Krieg aus zu sein, auf immer neue Eroberungen.«

»Bedauerlicherweise ist das so«, räumte Eadulf ein. »Doch bleibt zu hoffen, dass sie sich mäßigen und friedfertiger werden, wenn der Neue Glauben stärker Fuß fasst. Unsere Königreiche sind aus Eroberungsgelüst und unter vielem Blutvergießen entstanden. So mag es noch eine Weile dauern, bis die Gewalttaten aus vergangenen Zeiten verblassen.«

»Was sollen wir also mit diesem Bischof Arwald aus Magonsaete anfangen?«

»Wir können uns erst ein Bild von ihm machen, wenn wir ihn kennengelernt haben. Er ist von den Bischöfen Vitalianus und Theodor bevollmächtigt, sagt ihr?«

»Mehr wissen wir bislang auch nicht.«

»Dennoch unbegreiflich. Warum sollten Rom und Canterbury Sendboten nach Cashel schicken, wenn die nur beauftragt sind, Fragen des Glaubensbekenntnisses zu erörtern?«

»So bleibt es ein Geheimnis. Wir haben gehofft, du könntest Licht in die Sache bringen, bevor die Abordnung eintrifft«, äußerte sich Abt Ségdae bekümmert.

»Leider kann ich euch nicht mehr sagen, als ich weiß. Wer ist noch unter den Abgesandten?«

»Da ist ein römischer Kleriker, Verax heißt der«, ergänzte der Abt.

»Der Name kommt unter den höheren Geistlichen öfter vor«, sagte Eadulf, »der ›Wahrhaftige‹ bedeutet er.«

»Und dann haben wir Bruder Cerdic.«

»Es könnte schon sein, dass Cerdic aus Magonsaete stammt«, sagte Eadulf nachdenklich und fügte hinzu, als die anderen ihn verwundert anschauten, »Cerdic ist ein Name, der eigentlich unter den Britanniern verbreitet ist – Ceretic. Da wir in Magonsaete nun ein Gemisch von Britanniern und Angeln haben, ist der Name dort nicht ungebräuchlich, auch die Angeln haben ihn übernommen.«

»Dann können wir lediglich darauf warten, dass die Abordnung hier erscheint und wir von den Abgesandten erfahren, was sie zu uns führt«, fasste Colgú ihre Überlegungen zusammen.

Dem war nichts hinzuzufügen, denn eine andere Wahl blieb ihnen nicht. Nur, dass Colgú völlig unerwartet das Gesicht zu einem schalkhaften Lächeln verzog. »Es sei denn, Abt Ségdae, du willst Deogaire um Rat angehen.«

Verärgert runzelte der Abt die Brauen, bemerkte aber rasch, dass der König einen Scherz mit ihm machte.

»Das habe ich gewiss nicht vor«, erwiderte er knapp.

»Entschuldigt, wovon redet ihr?«, wollte Eadulf wissen. »Wer ist Deogaire?«

»Ein Mensch, den man besser meiden sollte«, riet ihm Abt Ségdae. »Das gilt besonders für dich, voreingenommen gegen Sliabh Luachra, wie du bist.«

»Mit meiner Anspielung meinte ich Deogaire von Sliabh Luachra«, erklärte Colgú. »Ausgerechnet jetzt will er Cashel einen seiner seltenen Besuche abstatten, als hätten wir nicht schon Unannehmlichkeiten genug. Er ist davon überzeugt, ihm sei die Gabe der Weissagung verliehen.«

Erst vor kurzem war Eadulf im Grenzbezirk der Luachair Deaghaidh gewesen und war Zeuge geworden, wie ihr Stammesfürst Fidaig von einem seiner Söhne ermordet wurde. Noch jetzt überlief ihn ein Schaudern, wenn er an die dräuenden Berge dachte, die das düstere, freudlose Land von Sliabh Luachra wie eine Festungsmauer umgaben.

»Gehört dieser Deogaire zum Clan des Stammesführers?«, fragte er »Warum sollte der eine Lösung für unsere Probleme haben?«

»Das hat der König nur im Spaß gesagt«, erwiderte der Abt. »Deogaire ist ein ungehobelter Bursche aus den Bergen. Er behauptet von sich, er könne die Zukunft voraussagen wie ein Zauberer, ein Wahrsager eben. Ab und zu kommt er von den rauen Bergen herunter und verkauft leichtgläubigen Leuten, die noch kein Vertrauen zum Neuen Glauben haben, seine Prophezeiungen.«

»Er bringt es sogar fertig, mit seinen Verkündungen Streit unter den Klosterbrüdern zu entfachen«, ergänzte Colgú.

»Warum erlaubt ihr ihm dann, auf die Burg zu kommen?«

»Wir können es ihm schlecht verwehren. Er ist der Neffe unseres alten Bruders Conchobhar, der Sohn von dessen Schwester.«

Es bedurfte keiner weiteren Erklärung, denn Eadulf wusste, Bruder Conchobhar war der Arzt und Apotheker, der Colgú und Fidelma von ihren Kindertagen an betreut hatte und oft auch ihr Ratgeber war. Schon bevor sie geboren wurden, hatte er ihrem Vater Failbhe Flann gedient. Wenn es in Cashel einen Menschen gab, dem Eadulf bedingungslos vertraute, dann war es dieser Alte mit den strahlenden Augen.

»Eadulf, ich möchte, dass du an diesem kommenden Konzil teilnimmst, und zwar als mein persönlicher Berater«, bekräftigte Colgú.

»Fidelma könnte eine solche Rolle weit besser ausfüllen«, wehrte Eadulf ab.

Colgú schüttelte den Kopf. »Du kommst aus dem Land dieser Leute, sprichst ihre Sprache und weißt, wie sie denken. Und genau das Wissen brauche ich. Und was Fidelma angeht, in Rechtsfragen habe ich Aillín dabei, meinen Obersten Brehon, so, wie ich mich auf Abt Ségdae verlassen kann, wenn es um Glaubensdinge geht.«

»Da du gerade Glaubensfragen erwähnst«, nahm der Abt den Faden auf, »es hat mich sehr erstaunt, dass Bruder Cerdic darauf bestand, Äbtissin Líoch im Kloster Cill Náile aufzusuchen. Er hat ihr einzureden versucht, es wäre in ihrem Interesse, am Konzil in Cashel teilzunehmen.«

Eadulf war verblüfft. »Die Äbtissin ist eine alte Freundin von Fidelma. Warum gerade sie an einer Versammlung von Prälaten teilnehmen soll, wundert mich sehr. Es gibt wahrlich höherstehende Kleriker, die dazu geladen werden müssten.«

»Könnte es sein, dass Bruder Cerdic sie einladen sollte, weil sie deine Leute kennt …, ich meine die Angeln?«, erwog Colgú. »Vor etlichen Jahren gehörte sie zu einer Gruppe von Missionaren, die ins Königreich Northumbria zogen. Sie hat dort einige Zeit in der Abtei Laestingau verbracht, ist also mit deinen Leuten ein wenig vertraut und weiß einiges über ihre Sitten und Denkart.«

Abt Ségdae unterstützte diese Ansicht. »Es kann nur von Vorteil sein, auch sie als Sachkennerin bei dieser Zusammenkunft dabei zu haben.«

»Ich habe nichts dagegen«, verkündete Eadulf, wenngleich der Abt ihn nicht gefragt hatte, ob er Einwände hätte. »Begegnet bin ich der Äbtissin allerdings noch nie.«

Zwar wusste er, dass Cill Náile innerhalb eines Tages von Cashel aus zu erreichen war, doch hatte er die kleine Glaubensgemeinschaft nie aufgesucht. Wie Fidelma ihm erzählt hatte, war Líoch eine ihrer Gefährtinnen gewesen, als sie sich der irischen Abordnung anschlossen, die zum großen Konzil von Streonshalh reiste. Daran teilgenommen hatte Líoch aber nicht; sie war in Laestingau geblieben, das einige Tagesritte westlich von Streonshalh lag.

»Wo hält sich Bruder Cerdic jetzt auf? Ihr seid doch zusammen nach Cashel gekommen?«

Abt Ségdaes Gesicht verfinsterte sich. »Richtig. Er ist hier auf der Burg und erwartet die übrigen Angehörigen seiner Gruppe.«

»Soll ich versuchen, mit ihm zu sprechen? Vielleicht kann ich ihm ein paar nähere Auskünfte entlocken.«

»Ich habe gehofft, dass du das tust«, ermunterte ihn Colgú erleichtert. »Ich fühle mich unwohl bei der ganzen Geschichte, zumal wir überhaupt nicht wissen, was uns erwartet.«

»Vermutlich findest du ihn in der Kapelle«, sagte der Abt. »Er scheint zu den Menschen zu gehören, die den Umgang mit anderen meiden.«

Als Eadulf über den Burghof zur Kapelle ging, kam Fidelma zum Haupttor hereingeritten. Sie saß auf ihrem Rappen, den sie Aonbharr nannte, nach dem Ross, auf dem Mannanán Mac Lir, der alte Gott des Meeres, über die Wogen flog. Auf seinem gescheckten Pony neben ihr ritt vergnügt Alchú, ihr vierjähriger Sohn mit dem feuerroten Schopf. Dicht hinter ihnen, ebenfalls hoch zu Ross, folgte ihr Leibwächter Aidan von der Schutztruppe des Königs. Eadulf konnte nicht anders, er blieb kurz stehen, um seine Frau zu bewundern. Jahrelang war sie Schwester Fidelma in der schlichten Tracht einer Nonne gewesen. Noch hatte er sich nicht völlig daran gewöhnt, sie jetzt als Fidelma, Prinzessin der Eóghanacht, zu sehen. Ihr rotes Haar war in drei Zöpfe geflochten, die mit Silberreifen aufgesteckt waren. Sie trug ein sich um die Taille schmiegendes Obergewand, das sich nach unten hin locker bauschte. Enganliegende triubhas oder Beinkleider reichten bis zu den Knöcheln. Die Füße steckten in blauen Lederstiefeln mit kurzen Schäften. Um die Schultern lag ein knapper Umhang mit Biberfellkragen, der von einer Silberbrosche zusammengehalten wurde. Jedes der Kleidungsstücke war mit Gold- und Silberstickerei verziert.

Fidelma hatte sich vom Klosterleben völlig getrennt, doch Eadulf hatte sich nicht dazu durchringen können. Er trug weiterhin die römische Tonsur und die Mönchskutte, kam sich aber hin und wieder, wenn er bei festlichen Anlässen neben seiner Frau stand, ein wenig farblos gekleidet vor.

Er löste sich aus seinen Betrachtungen, lief ihnen entgegen und half seinem Sohn beim Absteigen, noch ehe der echaire, der Stallmeister, hinzuspringen konnte.

»Hallo, kleiner Jagdhund«, begrüßte er ihn mit seinem Kosenamen, denn so hieß Alchú wörtlich genommen. »Wie war der Ausritt, hat es Spaß gemacht?«

Jauchzend fiel ihm der Junge in die Arme. »Es war herrlich, athair. Wir sind durch den Wald geritten und haben Rehe und Hirsche aufgescheucht. Die sind vor uns geflüchtet. Und als wir nach Hause kamen, haben wir viele Männer gesehen, die bauen ein neues Gebäude.«

»Ein neues Gebäude?« Eadulf runzelte ungläubig die Stirn.

»Er meint die Arbeiten an der Südwestmauer«, erklärte Fidelma. »Da wird gerade das Holzgerüst für die Steinmetze und Maurer hochgezogen.«

Unterhalb der Königsburg war es zu einem Felssturz gekommen, der hatte ziemlichen Schaden an der Umfassungsmauer angerichtet. Der Fels von Cashel, auf dem die große Burg der Könige von Muman aus dem Geschlecht der Eóghanacht thronte, erhob sich zweihundert Fuß über der Ebene mit steilen, nahezu uneinnehmbaren Kalksteinwänden. Auf der Hochfläche hatten im Laufe von vier Jahrhunderten die Eóghanacht ihre Festungsanlagen errichtet.

Eadulf wollte seinem kleinen Sohn einschärfen, wie gefährlich es auf so einer Baustelle ist, doch Alchú redete unbeirrt weiter. »Und dann haben wir zwei merkwürdige Frauen gesehen, und außerdem noch …«

Fidelma war abgestiegen, hatte ihr Pferd dem Stallmeister übergeben und Aidan, ihren Leibwächter, mit einer Handbewegung entlassen.

»Geh und mach dich erst mal frisch, danach kannst du deinem Vater alles erzählen«, unterbrach sie den Jungen ernst. »Schau, da kommt Muirgen, die holt dich zum Waschen und hat bestimmt noch was Leckeres zum Naschen für dich.«

Ihre Kinderfrau Muirgen war auf dem Burghof erschienen. Zutraulich griff der Junge nach ihrer ausgestreckten Hand und zog mit ihr los. Eadulf wunderte sich, warum Fidelma den Jungen abgelenkt hatte, der von dem Abenteuer des Vormittags übersprudelte, spürte aber, dass sie mit ihm allein reden wollte.

»Ich komme gleich nach, kleiner Jagdhund«, rief ihm Eadulf hinterher. »Dann erzählst du mir, was du alles erlebt hast.«

Alchú aber hatte bereits die ihm versprochenen Leckereien vor Augen, hörte den Vater kaum noch und trottete fröhlich mit seiner Amme davon.

Inzwischen waren die Pferde in die Stallungen gebracht worden, der Burghof war leer und Eadulf fragte Fidelma besorgt: »Ist unterwegs etwas geschehen?«

»Ja und nein. Auf dem Weg nach Cashel habe ich eine Bekannte getroffen, wir haben angehalten und eine Weile miteinander gesprochen.«

Eadulf hob fragend eine Braue. »Die merkwürdige Frau, von der Alchú erzählen wollte?«

»Einem kleinen Jungen wie ihm muss Äbtissin Líoch in der Tat merkwürdig vorkommen. Wir alle hier tragen gern farbenfrohe Sachen, sogar die Klosterschwestern haben immer etwas Buntes in ihrer Tracht. Aber seit Líoch aus den Ländern der Angelsachsen zurück ist, trägt sie nur schwarz, selbst ihr Gesichtsschleier und auch die Fibeln oder Broschen, die den Umhang zusammenhalten, sind schwarz. Da glänzt kein Edelstein, es sei denn, er ist schwarz und in geschwärztem Silber gefasst.«

»Äbtissin Líoch? Ist sie denn schon hier?« Eadulf konnte seine Überraschung nicht verbergen.

»Wieso schon hier?« Fidelma sah ihn verwundert an. »Woher weißt du, dass sie in Cashel erwartet wird?«

»Ich weiß nur, dass man sie aufgefordert hat, hierherzukommen. Doch erzähl du zuerst, ich höre zu und erzähl dir dann, was ich weiß.«

»Wir kamen von unserem Ausritt zurück und bogen gerade auf den Hauptweg nach Cashel ein. Da begegneten wir der Äbtissin und ihrer bann-mhaor, der Verwalterin ihres Hauswesens, ich habe den Namen vergessen, jedenfalls war es eine der Schwestern aus ihrer Abtei. Da ich Líoch kenne, habe ich natürlich angehalten. Sie teilte mir mit, man hätte sie gedrängt, sich hier einzufinden, weil ein Konzil abgehalten würde. Eine Abordnung aus einem der Königreiche der Angelsachsen würde in Kürze eintreffen. Das klingt reichlich mysteriös.«

»Wo ist die Äbtissin jetzt?«, fragte Eadulf und blickte zum Tor, als müsste sie jeden Moment erscheinen.

»Sie wollte mit uns nur bis zur Siedlung reiten. Sie und ihre Begleiterin wollen sich eine Herberge im Ort suchen, obwohl ich ihr versichert habe, die Burg meines Bruders sei groß genug, um beiden Unterkunft und Verköstigung zu bieten. Ich hatte den Eindruck, sie sieht dieser Zusammenkunft mit einiger Beklemmung entgegen. Was soll das Ganze überhaupt?«

Eadulf atmete tief durch. »Wenn ich das nur wüsste. Da braut sich irgendetwas zusammen, aber was?« Er hob die Hand und schüttelte den Kopf, als Fidelma ihm weitere Fragen stellen wollte. »Lass mich dir erst erzählen, was ich weiß.«

Er berichtete ihr kurz, warum ihn ihr Bruder Colgú und Abt Ségdae zu sich gerufen hatten. »Mir ist unerklärlich, aus welchem Grund hier ein Konzil stattfinden soll. Bemerkenswert ist allerdings, dass Äbtissin Líoch gedrängt wurde, herzukommen, wie du sagst.«

»So habe ich sie jedenfalls verstanden; auch ich halte das für höchst seltsam.«

»Abt Ségdae denkt, es könnte damit zusammenhängen, dass sie einige Zeit in Northumbria verbracht hat.«

»Líoch hat mir berichtet, dass vor einigen Tagen zwei Mönche ihre Abtei aufgesucht haben. Einer von ihnen war der angelsächsische Mönch, den du erwähnt hast, dieser Bruder Cerdic. Der andere kam aus der Abtei Fearna. Ihren Worten nach hat Bruder Cerdic ihr eindringlich nahegelegt, zum Konzil zu erscheinen. Es läge in ihrem Interesse, soll er gesagt haben. Die Aufforderung hat sie ziemlich beunruhigt.«

»Es läge in ihrem Interesse? Eine seltsame Wortwahl.«

»So jedenfalls hat sie es wiederholt betont. Kennst du Bruder Cerdic?«

Eadulf verneinte. »Ich weiß nicht mehr und nicht weniger, als ich dir eben erzählt habe.«

»Wo ist er jetzt? Hier in Cashel?«

»Er ist gemeinsam mit Abt Ségdae und dessen Verwalter, Bruder Madagan, gekommen. Ich wollte ihn gerade suchen. Vielleicht gelingt es mir, etwas über diese seltsamen Emissäre von ihm zu erfahren.«

»Und wo ist Bruder Rónán?«

»Der ist schon wieder nach Fearna unterwegs, weil er als Fremdenführer nicht mehr benötigt wurde. Abt Ségdae sagt, Bruder Cerdic behauptet, er sei lediglich Vorbote, um die Abordnung anzukündigen.«

Fidelma blickte skeptisch. »Hat Abt Ségdae ihm geglaubt?«

»Das möchte ich bezweifeln«, antwortete Eadulf spöttisch. »Wie kann jemand eine lange Reise übers Meer und in ein fremdes Land unternehmen, ohne die mindeste Ahnung zu haben, welche Absicht die Gruppe verfolgt, mit der er unterwegs ist. Und wenn er Äbtissin Líoch einredet, es sei in ihrem Interesse, an einem Konzil teilzunehmen, muss er doch wohl mehr wissen.«

»Das sehe ich auch so«, meinte Fidelma. »Warum sollte Bruder Cerdic sie in ihrer Abtei aufsuchen und ihr klarmachen, es sei für sie nur gut und richtig, sich hierher zu begeben, ohne ihr zu erklären, warum? Es hat sie jedenfalls in Unruhe versetzt. Entweder sie hat ihn gekannt oder er hat ihr eine Andeutung gemacht, warum sie nach Cashel kommen soll.«

»Ich will versuchen, mit Bruder Cerdic unter vier Augen zu sprechen. Vielleicht ist er einem Landsmann gegenüber weniger zugeknöpft.«

»Aber zuallererst musst du Alchú gegenüber Wort halten«, ermahnte ihn Fidelma. »Er möchte doch seinem Vater erzählen, was er alles bei dem Ausritt erlebt hat. Also, du gehst zu ihm, und derweil suche ich meinen Bruder auf; ich muss erfahren, wie er sich auf diese sonderbaren Abgesandten einstellt.«

Es dauerte nicht allzu lange, bis Eadulf wieder über den Burghof ging, um sein Vorhaben auszuführen. Dabei traf er Beccan, den Hofmeister, und fragte ihn, ob er Bruder Cerdic gesehen hätte. Beccan wies mit dem Daumen zur Kapelle hinter ihm.

»Der Sachse ist vor kurzem in die Kapelle gegangen. Der Kerl ist so was von unfreundlich«, sagte er und schniefte verächtlich.

Eadulf hatte sich mittlerweile fast damit abgefunden, dass die Bewohner der fünf Königreiche von Éireann alle Fremden von jenseits der See für Sachsen hielten, ganz gleich ob sie Angeln oder Jüten oder wirklich Sachsen waren. Leise trat er in die Kapelle und blieb zunächst stehen, bis sich seine Augen an den Lichtwechsel gewöhnt hatten. Dann schaute er sich in dem düsteren Raum um.

Vor dem Altar kauerte eine Gestalt und schien im Gebet versunken.

Eadulf räusperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen, doch die Person rührte sich nicht. Reglos verharrte sie in ihrer Stellung. Knie und Füße waren unter den gebeugten Leib gezogen, die Stirn berührte den kalten Steinboden. Eadulf zuckte zusammen. Vor der Gestalt glitzerte es, und er brauchte einige Momente, bis er begriff, es war der flackernde Schein der Kerze, der sich auf etwas Flüssigem spiegelte. Blut.

Er unterdrückte einen Fluch, eilte nach vorn und tippte der Gestalt auf die Schulter. Allein die leichte Berührung ließ den Mann auf die Seite rollen. Das Gesicht war kreidebleich, tote, weit aufgerissene Augen starrten ihn an.

Eine Waffe war in unmittelbarer Umgebung nicht zu entdecken, doch der blutige Schnitt quer über der Kehle sprach für sich. Weder Messer noch Dolch lagen neben ihm. Selbst entleibt hatte sich der Mönch nicht.

KAPITEL 3

Fast widerstrebend machte sich Eadulf daran, den leblosen Körper genauer zu betrachten. Zwar war ihm der Anblick von Toten und Ermordeten nicht fremd, die Leiche mit der durchschnittenen Kehle hier aber hatte in ihrer zusammengekauerten, betenden Haltung etwas befremdlich Pathetisches an sich.

Das flackernde Kerzenlicht fiel auf eine im ersten Moment wenig einnehmende Gestalt. Der Mann mochte etwa in Eadulfs Alter sein, dünn, fast hager, mit strähnigem blondem Haar, die Tonsur nach der Sitte Roms geschnitten. Die Kleidung war aus schlichtem Tuch gefertigt und hatte ein unscheinbares Weißgrau, die schmutzige Färbung von naturbelassener Wolle. Demnach musste der Tote, so schlussfolgerte jedenfalls Eadulf, ein Anhänger des heiligen Benedikt gewesen sein, dem laut Festlegung des jüngsten Konzils von Autun alle Gläubigen zu folgen hatten. Die frommen Brüder hatten das Gelübde abgelegt, sich mit in der Natur vorkommenden Dingen zu begnügen, auf jegliche Verzierung der Kleidung zu verzichten und sich eines einfachen Lebens mit Arbeit und Gebet zu befleißigen.

Mit ziemlicher Sicherheit war der Tote, der vor ihm lag, Bruder Cerdic, Antworten auf seine Fragen würde Eadulf folglich nicht mehr erhalten.

Er langte nach unten und berührte den Nacken des Mannes. Er war noch warm. Bei dem Gedanken, dass Bruder Cerdic, erst kurz bevor er selbst die Kapelle betreten hatte, zu Tode gekommen war, sprang er erschrocken auf und blickte sich argwöhnisch um. Dunkle Nischen ringsumher, unheimliche Stille bis auf das sachte Tropfen von flüssigem Wachs auf den Steinfußboden.

Eadulf hastete zur Tür der Kapelle, öffnete sie und sah etwas weiter hinten auf dem Hof den alten Bruder Conchobhar, der dort zusammen mit einem jüngeren Mann stand. Sonst war niemand in der Nähe.

»Bruder, ich muss dich stören«, rief er ihm zu.

Bruder Conchobhar blickte auf und kam sofort zu ihm, gefolgt von dem anderen, den Eadulf nicht kannte. Der Unbekannte steckte in einem auffällig bunten Umhang und war von ebenmäßigem, wohlgefälligem Äußeren mit heller Haut und schwarzem Haar, das in der fahlen Sonne leicht bläulich schimmerte. Was aber Eadulf kurz gefangen nahm, waren seine Augen. Sie waren von einem seltsamen hellen Blau, glitten ruhelos wie die Wasser des Ozeans hin und her und drohten Eadulf in ihre unergründlichen Tiefen zu ziehen. Es kostete ihn einige Mühe, nicht in ihren Sog zu geraten.

»Du scheinst bedrückt, guter Freund«, sagte der Fremde. Der Tonfall und die Melodie seiner Stimme wirkten geradezu hypnotisierend und hätten so manchen verstummen lassen. Ganz selten hatte Eadulf Menschen mit einer derartigen Stimme erlebt.

B

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