Logo weiterlesen.de
Sektion 3 | Hanseapolis Schlangenfutter

Prolog

„Willkommen an Bord der Whale Queen. Bitte setzen Sie Ihren Virtuellen Kommunikator auf und aktivieren Sie per Sprachmodus den City Guide in Ihrer Taskleiste. Sobald Sie das Aussehen Ihres persönlichen Guides konfiguriert haben, kann die Reise losgehen. Im Namen von Amazing Tours und der IFH Corporation wünschen wir Ihnen einen angenehmen Rundflug!“

500 bebrillte Augenpaare suchten ihre interaktiven Sichtgläser nach dem entsprechenden Menüpunkt ab, dann erfüllte emsiges Gemurmel den transparenten Schiffsrumpf. Die dickbäuchige Whale Queen, ein unbemannter Touristenfrachter der Klasse E, war 150 Meter lang und von elliptischer Form. Die Passagiere, die in diagonalen Sitzreihen wie auf den Gräten eines gigantischen, gläsernen Walfischs saßen, blickten sich neugierig nach allen Seiten um. In die Virtuellen Kommunikatoren kam Leben.

„Guten Morgen, ich bin Kara, Ihr Virtueller Guide auf Ihrem heutigen Flug. Bevor es losgeht, hier noch ein paar allgemeine Infos:Hanseapolis ist eine blühende Megacity mit über 20 Millionen Einwohnern und eines der mächtigsten Wirtschaftszentren der Welt. Es gibt viel zu entdecken. Machen Sie sich also auf einen interessanten Trip gefasst! Um Infos zu einem Ort oder einer Sehenswürdigkeit zu bekommen, nehmen Sie bitte das gewünschte Objekt in Augenschein. Wir befinden uns in einer Höhe von 600 Metern über dem Meeresspiegel, wenn Sie sich also etwas im Detail ansehen möchten, peilen Sie den Punkt länger als zehn Sekunden an und er wird bis auf wenige Meter herangezoomt …“.

Zwei Sitzreihen dahinter erklärte ein anderer virtueller Sprecher:

„Es geschah am 11. April 2025. Die Geburtsstunde von Hanseapolis schlug morgens um 4.35 Uhr MEZ, als der Orkan Kumani, was auf afrikanisch Schicksal bedeutet, die Nordsee zu noch nie da gewesenen Höhen aufpeitschte. Was Katastrophen-Experten bis dahin für unmöglich gehalten hatten, trat ein: In der Deutschen Bucht türmte sich eine 30 Meter hohe Freak Wave auf und begrub das flache Land westlich der damaligen Stadt Hamburg unter sich. Siedlungen wie Cuxhaven oder Stade wurden dem Erdboden gleich gemacht. Mit 500 Kilometern in der Stunde zermalmte die Monsterwelle alles, was sich ihr in den Weg stellte. Sie verpuffte erst kurz vor Altona. Der Schaden war immens! Salzwasser und giftiger Elbschlamm verseuchten hunderte Quadratkilometer Land und kappten die Verbindung zur Nordsee. Allein in Hamburg starben über 250.000 Menschen; ein Zehntel der damaligen Bevölkerung! Die Hansestadt erlitt einen schweren wirtschaftlichen Schaden und bat Lübeck um Unterstützung. Infolge von Fehlspekulationen stand die Stadt im Nordosten kurz vor dem Bankrott, besaß aber direkten Zugang zur ruhigeren Ostsee und damit zu den lebensnotwendigen Wasservorräten. Um überleben zu können, gingen beide Städte ein Bündnis ein. Sie verschmolzen zu Hanseapolis ...“

„Lübeck wurde zum Industriestandort der neuen Megacity umfunktioniert. Zu diesem Zweck mussten die Menschen umgesiedelt werden, was vielerorts zu gewalttätigen Ausschreitungen führte. Nicht gerade ein ruhmreiches Kapitel in der jungen Geschichte von Hanseapolis! Aber mit den Jahren akzeptierten die Menschen ihr neues Schicksal, nicht zuletzt dank der großzügigen Subventionen der Europäischen Föderation. Heute existiert die Stadt Lübeck nicht mehr, die Region wurde vollständig industrialisiert …“

„Drei viertel der Stadtbevölkerung bezieht ihr Trinkwasser aus den gewaltigen Meerwasserentsalzungs-Quadern vor Ihnen, wo Salzwasser mit Hilfe von Solarenergie gereinigt und entsalzt wird. Wie Sie sehen, füllen sie die gesamte ehemalige Lübecker Bucht aus. Täglich werden hier zwei Millionen Kubikmeter Meerwasser verwertet und über ein riesiges unterirdisches Röhrensystem in die City gepumpt. Das gewonnene Salz gelangt in unterirdische Kavernen, wo es als Energiespeicher dient …“

„Zu Ihrer Linken sehen Sie das rote Holstentor aus dem Jahre 1478. Es ist in einen schützenden achteckigen Glas-Solitär eingebettet, der 2042 von Staringenieur GM2 erbaut wurde. Das Holstentor ist das älteste Bauwerk von Hanseapolis und erinnert an die glanzvolle Handelstradition der Megacity! Genau jetzt überfliegen wir die Express-Rampe für Mondfähren. Mit zehn Flügen pro Woche ist sie die wirtschaftlichste in der Europäischen Föderation …“

„Wir verlassen nun die Holsten-Region und steuern das Zentrum an. Ja, hier ist mächtig was los! Obwohl nur 20 Prozent der Hanseapolen einen eigenen Gleiter besitzt, ist der Luftraum immer dicht. Was für Sie vielleicht wie ein wildes Durcheinander aussieht, hat System. Der Luftraum ist in drei Flugzonen aufgeteilt: Die erste Zone liegt bei 60 Höhenmetern, die zweite Zone bei 100 bis 400 Metern; die dritte Zone beginnt bei 600 Metern. Wie Sie gut erkennen können, wird Zone 1 von tausenden Tubes durchzogen – ein riesiges Spinnennetz aus Polymer-Röhren, das zwischen den Towern gespannt ist. Die Expressbahnen im Innern sind das Hauptverkehrsmittel von Hanseapolis und erreichen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 600 km/h. Zone 2 bildet einen Luftraumkorridor für zivile Gleiter und Lufttaxen. Zone 3 ist ausschließlich Transport- und Passagierfrachtern vorbehalten. Bis auf wenige Ausnahmen erreicht der Hanseapole die Null-Ebene, also den Erdboden, per Expresslift …“

„Wie in jeder Megacity der Europäischen Föderation ist die Luft am Boden toxisch. Der Gehalt an Stickoxiden und Schwermetallen liegt bei 30 Prozent. Ein Aufenthalt im Freien ohne Atemmaske und Augen-Protektionsgel ist auf der Null-Ebene lebensgefährlich! Unter Ihrem Sitz ist eine Ersatzmaske verstaut … für alle Fälle …“

„Direkt hinter dem Hamburger Viertel thront der 800 Meter hohe Tower of Lust. Wie Sie wissen, ist das horizontale Gewerbe seit 2058 in staatlicher Hand. Um die Verbreitung einer neuen Lust-Seuche wie vor 60 Jahren AIDS oder heute KOIS unter allen Umständen zu verhindern, ist der kostenpflichtige Verkehr streng reglementiert und findet nur an ausgewiesenen Orten statt. Der phallusförmige Vergnügungsturm vor Ihnen ist das Lustzentrum von Hanseapolis, könnte man sagen. Wer bereit ist, den Homeservice-Aufschlag zu bezahlen, kann sich sein Objekt der Begierde natürlich auch nach Hause kommen lassen …“ Wie immer an dieser Stelle stießen die Passagiere der Whale Queen alberne Gluckser aus.

„Prachtvoll, nicht wahr? Wie durch ein Wunder ist die HafenCity mit ihren verschachtelten Terrassen und Treppenlandschaften von der Großen Flut verschont geblieben und ist heute, wie schon vor 50 Jahren, das Amüsierviertel von Hanseapolis. Wenn Sie also einen drauf machen wollen, hier werden Sie Ihre Eurodollar am schnellsten los …“

„Rechts vor Ihnen sehen Sie das Wahrzeichen der Stadt: Wo noch vor einem halben Jahrhundert Kerosin betriebene Fluggeräte vom Boden aufstiegen …“, ungläubiges Kopfschütteln machte sich breit, „… erhebt sich jetzt die Schwarze Hand, ein 300 Meter hohes glänzendes Monument aus schwarzem Onyx. Sie ist dem Meer zugewandt und signalisiert: Halt! Bis hierher und nicht weiter! Als sie vor 30 Jahren erbaut wurde, war sie Hunderte von Kilometern weit zu sehen. Heute ist sie auf drei Seiten von doppelt so hohen Towern umgeben. Dennoch symbolisiert sie wie kaum ein anderes Denkmal in Hanseapolis den Überlebenswillen der Stadt und ihrer Bewohner. …“

„Natürlich haben Sie die dunkle Schlangenlinie bemerkt, die an den verseuchten Sumpf grenzt. Sie ahnen es wahrscheinlich schon: Es handelt sich um den weltberühmten Damm aus schwarzem Beton, den die City 2029 zum Schutz vor weiteren Flutkatastrophen bauen ließ. 50 Meter hoch und 350 Kilometer lang, verläuft er von Norden nach Süden am Distrikt Neumünster entlang, vorbei am Hamburger Viertel über der Elbe, wo sich die berühmte Albers-Schleuse befindet, bis hinunter zum Weser-Delta.“

„Vielleicht fragen Sie sich jetzt, warum die überflutete Region jenseits des Damms niemals trocken gelegt wurde? Die Antwort ist so einfach wie tragisch: Drei Jahre nach der Großen Flut wurde Hanseapolis von einer weiteren Katastrophe heimgesucht. Ein Flugcontainer der Klasse A, der hochgiftigen Sondermüll geladen hatte und sich auf dem Weg zur Mondfähre befand, stürzte über der Region ab. Bis heute ist nicht geklärt, ob es sich um einen Unfall oder um Sabotage handelte. Stellenweise war sogar von illegaler Müllbeseitigung die Rede. Wie dem auch sei, nach langer, eingehender Untersuchung entschied die Europäische Föderation, dass die Gegend sowie küstennahe Teile der Nordsee auf unbestimmte Zeit unter Quarantäne gestellt werden müssten.“

„Genau jetzt passieren wir den Damm und fliegen über das verseuchte Sumpfland“, erklang es plötzlich einstimmig aus allen Virtuellen Kommunikatoren. „Wie Sie sehen, erobert sich die Natur nach und nach ihr Territorium zurück. Führende Biologen vermuten, dass die giftigen Substanzen im Boden und in der Luft zu gefährlichen Mutationen in der Tier- und Pflanzenwelt geführt haben könnten …“.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte die Gruppe von Touristen hinunter auf die schmutzig grüne Ebene, die im düsteren Kontrast zur glitzernden Hochwelt von Hanseapolis stand, und schauderte wohlig angesichts ihrer davongaloppierenden Fantasie.

„Nein!“ Die Läuferin reißt sich los. Ihre schlanken, muskulösen Beine setzen sich in Bewegung, doch der Boden unter ihr ist weich; bei jedem Schritt sacken ihre nackten Füße mit einem leisen, verhöhnenden Schmatzen ein. Sie spannt alle Muskeln an, treibt sich innerlich voran. Lauf! Lauf! lauf! Der Schweiß rinnt zwischen ihren Brüsten hinab, ihre Lunge brennt. Stechender Gestank dringt durch ihre Nase und sie muss würgen. Um sie herum herrscht vollkommene Stille. Todesstille. Kein Vogel singt. Keine Stimme ruft. Ihr eigener hechelnder Atem klingt ihr überlaut in den Ohren. Da erhaschen ihre wild flackernden Augen etwas Helles zwischen den Bäumen. Das Altonaer Rathaus! Das Adrenalin jagt durch ihren entkräfteten Körper. Ein Hoffnungsschimmer! Wenn sie es bis zur verwitterten Ruine schafft, hat sie vielleicht eine Chance. Doch – oh Gott, nein! – ihre Beine versagen ihr den Dienst. Sie stolpert. Und fällt. Der Morast fühlt sich auf ihrer erhitzten Haut kühl an. Fast angenehm. Die Läuferin schließt die Augen, wie sie es früher als Kind getan hat, in der Hoffnung, ihr Albtraum würde sich in Luft auflösen.

Ein knackendes Geräusch dicht hinter ihr durchbricht die Stille. Ruckartig hebt sie den Kopf, das Weiße in ihren Augen zuckt panisch im trüben Licht. Sie versucht aufzustehen, doch so sehr sie ihren Beinen befiehlt weiter zu laufen, sie kommt nicht von der Stelle. Irgendetwas ist mit ihr geschehen. Sie ist buchstäblich zur Säule erstarrt! Die Läuferin hebt ihre tränenverschleierten Augen. Hoch über ihr schwebt eine walförmige Silhouette, ein kleiner dunkler Fleck vor blassblauem Himmel, nicht größer als ihr Daumen. Sie schreit um Hilfe, doch der Frachter ist viel zu weit weg. Genauso gut könnte sie die Sterne anschreien. Ein verzweifeltes Schluchzen entweicht ihrer ausgedörrten Kehle. Schon eilen die Bluthunde herbei.

Die Läuferin schließt die Augen und wartet.

Erste Episode
Das rote Pendel

1

An diesem denkwürdigen Tag erwachte Louann mit einem heftig pochenden Schädel. „Ihr Götter, mein Kopf!“, stöhnte sie. „Welcher Tag ist heute …? Montag …? Fuck!“Die Thermotrop-Fenster in ihrer Apartmenteinheit kannten nur zwei Einstellungen, dunkel oder hell, und wie sooft in den letzten Wochen hatte sie am Vorabend vergessen, ihre Fenster zu verdunkeln. Jetzt strömte das grelle Morgenlicht ungefiltert in ihre Schlafkoje und bohrte sich seinen Weg durch ihre Augenlider. Louann blinzelte gequält und schaute hinaus. Der Himmel erstreckte sich azurblau bis zum Horizont; nicht eine Wolke verunzierte das makellose Bild. Sie seufzte. Es würde wieder ein heißer Tag werden. Mühsam richtete sie sich auf. Die Decke rutschte ein Stück herab und entblößte die Umrisse ihres S3-Implantats an der Schulter. Unbewusst kratzte sie sich. Phantomschmerz. Sie hatte das Implantat schon seit vier Wochen, seit sie in die Sektion 3 versetzt worden war, dem Morddezernat von Hanseapolis, doch ihr Körper wehrte sich immer noch dagegen, trotz der „fabelhaften Verträglichkeit“ – laut Herstellerangaben.

Als sie versuchte aufzustehen, kam ihr der Boden entgegen. Fluchend hielt sie sich an der Außenwand ihres Schalenbettes fest und atmete tief durch. Am Abend zuvor war sie beim klassischen Initiationsritual der Sektion 3, Wettsaufen mit den Kameraden, in der HafenCity regelrecht versackt. Zur Überraschung aller hatte sie bis zum Schluss durchgehalten, was ihr Ansehen enorm gesteigert hatte. Jetzt allerdings kassierte sie für ihren kleinen Triumph die bittere Quittung. Mit einem flauen Gefühl im Magen schlurfte sie nackt die wenigen Schritte in Richtung Nasszelle, die hinter der dunkelblauen Wall-Flax, einer harten, aber beweglichen Luftkissenwand, verborgen lag.

Müde betätigte sie den roten Recycling-Button neben der Wall-Flax, woraufhin die Luftkissen in sich zusammensackten und in einen kleinen Spalt im Boden eingezogen wurden. Eine Duschkabine, ein Waschbecken und ein großer Spiegel kamen zum Vorschein. Gleichzeitig begann es in der hinteren Wand zu röhren und zu knattern. Es dauerte fast eine Minute, bis sich die 30 Jahre alte Pumpe in Bewegung setzte und 20 Liter recyceltes Wasser durch die Duschbrause spuckte. Dankbar streckte Louann das heiße Gesicht darunter und verdrängte wie immer erfolgreich, dass das kostbare Nass, das gerade ihren Nacken herunterlief, vor 24 Stunden mit großer Wahrscheinlichkeit durch irgendeine Kloschüssel gerauscht war.

Eine kurze Dusche und drei Kaffee später schaute Louann missmutig in den Spiegel. Die Ringe unter den Augen waren wenig schmückend. Egal, dachte sie, und streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus.

Ich werde damit leben müssen, und die anderen auch!

Ein wenig Nanorouge, die schwarzen Locken kräftig durchgebürstet, das musste reichen. „Sektion 3, ich komme!“, murmelte sie kämpferisch und streifte – ganz nach Dienstvorschrift – ihre silbergefleckte Schutzjacke über den dunkelgrauen Overall. Die Uniform der Sektion 3. Sie brauchte nicht noch einmal in den Spiegel zu schauen, um sich zu vergewissern, dass alles richtig saß. Die Nanobots im Gewebe würden sich ihrer Körperform millimetergenau anpassen.

Mit schnellen Schritten verließ Louann ihre Apartmenteinheit, nicht ohne vorher ihre Thermotrop-Fenster zu aktivieren. Die intensive Sonneneinstrahlung in dieser Höhe würde ihr Apartment im Nu in einen Glutofen verwandeln. Ihr kleines Reich war sehr übersichtlich, nur 53 Quadratmeter groß, dafür aber im 139. Level. Klare Luft und eine freie Aussicht auf die flachen, trapezförmigen Terminals des Transkontinental-Airports rechtfertigten nicht die horrende Miete, aber sie trösteten Louann ein wenig darüber hinweg.

Draußen im Gang betrat sie die Metallröhre, die links zum Expresslift, rechts zu den Hangars führte. Sie lenkte ihre Schritte nach rechts und erreichte schon bald eine Stahltür. Mit den Fingerspitzen betätigte sie den Öffnungsmechanismus und die Tür glitt summend in die Wand zurück. Während sie das tat, sendete ihr S3-Implantat ein Signal, das 150 Meter unter ihr aufgefangen wurde. Fast zeitgleich ertönte ein leises Heulen aus den dunklen Tiefen des Hangars, das sich zu einem tiefen Brummen steigerte. Zugluft schlug Louann entgegen, als ein großer Schatten, der an einen Riesenbumerang erinnerte, sich langsam vor ihr auftürmte: ein MEC, ein Mobiles Einsatz Center der Sektion 3 und neueste Errungenschaft in Sachen flexible Einsatztechnik. Streife, Office und Verhörraum in einem, war es mit der neuesten Technik ausgestattet: zwei High Energy Laser, ein Mikrowellen-Werfer – im polizeilichen Sprachgebrauch zur „nicht tödlichen Unterbindung von Störern“ – Multifunktions-Konsolen und Screens, tragbare CS/X-Geräte zur Tatortanalyse, ein Erste-Hilfe-Robot und natürlich eine gut gefüllte Coolbox!

Das gelb gehaltene Interieur des gepanzerten Gleiters war in vier Einheiten unterteilt. Im spitzen Teil befand sich die Kommandozentrale mit den Konsolen, den Screens und zwei sehr gemütlichen Sesseln. In der Mitte erhob sich ein dreidimensionales Map Board zur Ansicht von Gebäude- und Lageplänen. Im rechten Flügel stand eine Sleeping Box, die den Nutzer in einen künstlichen Schlaf versetzte. Aufgrund ihrer auffallenden Ähnlichkeit mit einem silbernen Sarkophag verpassten ihr die Cops den Spitznamen Sarg. Der Sarg ersetzte zwar keinen achtstündigen Schlaf im eigenen Bett, doch die künstliche Induktion der REM-Schlafphase, der Tiefschlafphase, brachte schon einiges an kurzfristiger Erholung. Und darauf kam es letztlich an!

p017-001

Links im MEC befand sich ein kleiner, spartanisch eingerichteter Verhörraum. Hier stand auch der Erste-Hilfe-Robot. Dahinter lag die Waffenkammer, die man durch eine runde, doppelt abgesicherte Schotttür betrat. Um sie zu öffnen, authentifizierte sich Louann über ihr S3-Implantat und gab dann einen täglich wechselnden Zahlencode ein.

Vier Wochen lang war das MEC-549 ihr zweites Zuhause gewesen, denn bis auf das morgendliche Briefing in der Zentrale verbrachte sie hier die meiste Zeit. Ab heute würde sie ihr „trautes Heim“ mit einem neuen Partner teilen müssen: Elias Kosloff, Senior Detective. Ein Urgestein der Sektion 3, mit über 2000 gelösten Fällen eine echte Legende. Louann hatte die widersprüchlichsten Dinge über ihn gehört. Ein Genie, sagten die einen. Ein Arschloch, die anderen. Wahrscheinlich stimmt beides, dachte Louann mit Unbehagen, als sie darauf wartete, dass der Gleiter seine Rampe ausfuhr. Elias hatte die letzten Wochen auf einem Konvent-Satelliten der Karmeliter im All verbracht, in einer fünf Mal fünf Meter großen Zelle, um von dem „Moloch Erde“ Abstand zu nehmen, so wurde gemunkelt. Louann seufzte. Wie sollte sie sich mit einem Typen verstehen, der sich erst in 300 Kilometern Höhe entspannen konnte?

p018-001

„Guten Morgen, Detective Marino“, säuselte es Louann entgegen, als sie einstieg und gescannt wurde. „Wie geht es Ihnen heute?“

Ihr MEC war nicht nur mit einem ausgeklügelten Waffen- und Sensorsystem, sondern auch mit einem intelligenten Bordcomputer ausgestattet. Die Polizeipsychologen waren der Ansicht, dass die interaktive Kommunikation einen frühzeitigen Burn-out der Einsatzkräfte verhindern konnte, die den Großteil ihrer Zeit im MEC verbrachten.

An diesem Morgen des 22. Februar 2066 jedoch war Louann nicht nach Smalltalk zumute. Mürrisch steuerte sie die Coolbox an, nahm einen Proteinriegel mit Schinkengeschmack heraus und warf sich in einen der gelben, ergonomisch geformten Sessel. Dann betätigte sie die Massage-Sensoren und schloss die Augen. In den letzten sieben Jahren hatte sie als Officer in Oyten Dienst getan, einer südlichen Enklave von Hanseapolis. Jede Menge Einbrüche, einige Fälle von illegaler Prostitution und eine Handvoll Morde. Kein Verhältnis zu dem Dreck, mit dem sich die Sektion 3 jeden Tag abgab.

Sie durfte auf keinen Fall versagen! Schon bei dem Gedanken begann ihr Magen wieder zu rotieren. Sicher, niemand hatte sie gezwungen, ihren ruhigen Posten aufzugeben. Aber sie hätte es in dem langweiligen Kaff nicht einen Tag länger ausgehalten! Abgesehen davon wurden die Cops der Sektion 3 außerordentlich gut bezahlt. Nur Idealisten waren heute noch bereit, für einen Hungerlohn Kopf und Kragen zu riskieren.

Und die kann man in Hanseapolis an einer Hand abzählen!

Ein Räuspern riss Louann aus ihren Träumereien. Sie schaute nach oben, dann begriff sie. „MEC-549, Ziel Sektion 3“, knurrte sie und biss halbherzig in ihren Proteinriegel. Ein leises ‚Pffft’ ertönte, als die Rampe eingezogen wurde, dann rastete die schwarze Metalltür ein. Der Helium-3-Reaktor unterhalb der Kommandozentrale erwachte erneut zum Leben und ein dumpfes Vibrieren erfüllte den schmalen Rumpf. Wenige Sekunden später jagte der Gleiter durch den Ausgangstunnel hinaus ins grelle Sonnenlicht, wo er einen kurzen Augenblick verharrte, bevor er sich im Sinkflug in den fließenden Verkehr einordnete.

Der flache, achteckige Betonklotz der Sektion 3 wirkte wie eine achtlos liegengelassene Schraubenmutter in einem gläsernen Wald und gehörte zu den wenigen öffentlichen Einrichtungen in Hanseapolis, die von der Straße aus zugänglich waren. Die meisten öffentlichen Gebäude, aber auch Apartment- und Office-Tower der Megacity erreichte man nur aus der Luft oder über die stickigen, hoffnungslos überfüllten Tubes.

p020-001

Aus der Mitte des fliederfarbenen Baus ragte ein großer schwarzer Turm, der entfernt an einen Taubenschlag erinnerte. Hier waren die MECs untergebracht. Das Bemerkenswerteste an der Sektion 3 war allerdings das, was unter der Erde verborgen lag. Geheime und weniger geheime Abteilungen auf 12 Levels verteilt, die nur mit Sondergenehmigung betreten werden durften. Louann selbst war noch nie unten gewesen, befanden sich doch die Briefingräume und das Head Office ihres Bosses im oberen Level des Komplexes.

Sanft wie ein fallendes Blatt landete das MEC auf dem Vorplatz. „Sie haben Ihr Ziel erreicht. Willkommen in der Sektion 3“, hallte es kühl von oben. Louann seufzte und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Widerwillig hievte sie sich aus ihrem bequemen Sessel, legte die Atemmaske an und stieg die Rampe hinunter. Draußen am Boden empfing sie der beißende Dunst wie ein Schlag ins Gesicht und ihre Augen fingen sofort an zu tränen. Im Laufschritt begab sie sich zur Eingangsschleuse der Sektion, die nur einen Steinwurf entfernt war. Währenddessen hob ihr Gleiter ab, beschrieb einen eleganten Bogen und verschwand in den schwarzen Turm.

Als Louann die gigantische Lobby betrat, herrschte dort ein Höllenlärm. Eine Gruppe platinblonder Transen mit künstlichem Haarimplantat – schließlich gab es seit 20 Jahren keine Naturblonden mehr – randalierte lautstark. Louann nahm ihre Atemmaske ab, da sah sie, wie eine der Transen versuchte, sich an eine der schwarzen Säulen festzuketten, die das 50 Meter hohe Flachdach stützten.

Wo zum Teufel hat sie die antiquierten Handschellen her?

Sie musste grinsen. Die Cops hatten augenscheinlich alle Hände voll zu tun, um die zwei Meter großen Busenwunder mit geklonten Karpfenlippen und blauen Barbie-Augen zu bändigen.

Mit spitzen Ellenbogen kämpfte sich Louann durch die raufende Menge, um zu einem der zehn Help Desks zu gelangen.

„Was ist denn hier los?“, fragte sie den HolOfficer, als sie dort ankam.

„Wir haben heute Nacht im Hamburger Viertel einen illegalen Callgirl-Ring gesprengt, Detective Marino. Sind mitten in eine kleine Privatparty reingeplatzt, könnte man sagen. Die feinen Herren, die das Ganze organisiert haben, waren über den Koitus Interruptus gar nicht erfreut“, erklärte der HolOfficer und lachte lautlos. Seine leeren Augen blickten durch Louann hindurch. „Schließlich haben die ein halbes Vermögen hingeblättert. Jede einzelne von denen kostet 1.000 Eurodollar die Stunde! Ich würde gerne wissen, was die dafür alles machen.“ Er schnalzte anzüglich.

Louann rollte angenervt mit den Augen. Männer sind doch alle gleich, dachte sie. Egal, ob programmiertes Hologramm oder die Typen aus Fleisch und Blut! Kopfschüttelnd betrat sie die gewundene Gangway in der Mitte der Halle und fuhr nach oben. Das obere Level war in drei Bereiche unterteilt. Links befand sich das Head Office, in der Mitte eine großzügige Ruhelounge. Rechts davon verteilten sich die Briefingräume, die durch flügelförmige, fest verankerte Paravents voneinander getrennt waren.

Louann sah Elias Kosloff schon von weitem. Er stand vor einem der Windschirme und überragte die kleine Gruppe von Officers, die ihn wie Motten umschwirrte und mit Fragen bombardierte, um gut zwei Haupteslängen. Auch das noch, dachte Louann gereizt, die gerade mal 1,70 Meter maß, ein Riese! Das Ziehen in ihren Eingeweiden meldete sich prompt zurück. Sie stockte und machte eine Kehrtwende, bevor jemand sie bemerkte. Ein weiterer Morgenkaffee wäre jetzt genau das Richtige.

Sie verkroch sich in der Ruhelounge, die von den restlichen Räumlichkeiten durch eine mächtige, saftig grüne Zimmerhecke rundum abgeschirmt war. In der Mitte der Lounge dominierte eine todschicke Sitzgruppe, dahinter erhob sich dichtes holografisches Gehölz. Als sich Louann näherte, schaute ein braungesichtiges Kapuzineräffchen neugierig zu ihr herüber, dann flitzte es auf den nächsten Baum. Der Duft von Moos und Blättern lag in der Luft, vermischt mit dem herben Aroma von frischem Kaffee. Das dumpfe Lachen der Kollegen drang von der anderen Seite der Zimmerhecke zu ihr herüber.

Nachdem sich Louann einige Minuten vor dem Getränke-Replikator herumgedrückt hatte, ermahnte sie sich selbst: „Sei nicht feige, geh hin und bring es hinter dich.“ Mit ihrem Charme würde sie ihren neuen Partner leicht um den kleinen Finger wickeln! Sie atmete tief ein, drückte das Kreuz durch und schlenderte demonstrativ gelassen wieder zurück. Mitten in den Mottenschwarm hinein.

Die Gespräche verstummten jäh und ein halbes Dutzend Augenpaare blickte ihr entgegen. Die einen neugierig. Die anderen amüsiert. Nur einen Herzschlag später drehte sich auch der Riese um. Louann sah ihm ins Gesicht und rang erschrocken nach Luft. Sie war sich sicher, noch nie beängstigendere Augen gesehen zu haben. Die Iris ihres neuen Partners sah aus, als bestünde sie aus flüssigem Quecksilber. Ein Gendefekt? Ein biomolekulares Implantat?Seine Haare waren schneeweiß, sein Gesicht glatt, seine Nase gerade, zu gerade, um natürlich gewachsen zu sein. Vielleicht war sie nach einem Bruch ersetzt worden … Eine wulstige Narbe verlief durch seine linke Augenbraue. Wieso bloß hatte er sich die nicht weglasern lassen? Louanns Gedanken überschlugen sich. Obwohl ... dadurch würde er auch nicht schöner! Es war schwierig, sein Alter zu schätzen. Vielleicht 40 oder 50.

Offensichtlich hatte sie sein Missfallen erregt, denn als er sie seinerseits eingehend musterte, zogen sich seine Pupillen auf Stecknadelgröße zusammen. Er zögerte kurz, dann machte er einen Schritt auf sie zu und streckte ihr seine rechte Hand entgegen. Louann ergriff sie automatisch, wie hypnotisiert. Sie konnte ihren Blick nicht von seinen Augen wenden und kam sich unsagbar dumm vor. Warum hatte sie niemand vorgewarnt?

„Hi, ich bin Elias Kosloff.“ Seine Stimme klang etwas rau. „Du bist also Louann Marino, mein neuer Partner … Willkommen in der Sektion!“ Er machte eine kurze Pause, dann fügte er leise hinzu, allerdings so, dass es noch alle hören konnten: „Wir spielen hier nach meinen Regeln, Marino. Tu einfach, was ich dir sage, dann kommen wir beide prima miteinander aus.“

Mit diesen Worten drehte er ihr den Rücken zu und entfernte sich mit großen Schritten. Dabei erhaschte Louann einen Blick auf seine linke Hand und erstarrte: eine schwarze Onyx-Schlange. Oh, nein!, dachte sie entsetzt, Elias ist ein Citoyen Zero, ein Hanseapole der ersten Stunde!

p024-001

Elias’ Schlange begann am Mittelfinger seiner linken Hand. Die schwarzen Platten führten von seinem Nagel aus – dieser war ebenfalls durch einen schwarzen Onyx ersetzt worden – fingerbreit nach oben zum Handgelenk. Danach, so nahm Louann an, wand sich das Band um den Arm über die Schulter bis zum Hals hoch. Sie hatte schon oft von diesen Spinnern gehört, doch es war das erste Mal, dass sie einem die Hand geschüttelt hatte. Benommen starrte Louann ihrem neuen Partner hinterher. Sie konnte förmlich spüren, was die Kameraden um sie herum dachten: Die Kleine hält keine Woche durch!

Wie sich herausstellte, sollten das für Stunden die letzten Worte sein, die Elias an Louann richtete. Er wurde zum Boss gerufen und verschwand hinter den abgedunkelten Scheiben des Head Office. Die beiden waren angeblich gute Freunde und würden sich demnach eine Menge zu erzählen haben. Mit einem beklemmenden Gefühl beobachtete Louann, wie sich die Tür hinter Elias schloss, da knarrte es in ihrem InterCom, dem allgegenwärtigen Knopf im Ohr.

„Detective? Kommen Sie bitte nach unten in die Halle. Sie müssen eine der blonden Nutt… äh … Delinquenten … befragen. Sie wartet in Vernehmungszelle R. Sie wissen schon, R wie rasiert.“

Trotz Regulator klingelte Louann das wiehernde Lachen des HolOfficer unangenehm in den Ohren. Sie schnaubte. Enthaltsamkeit schadete diesem Hologramm eindeutig mehr als sie ihm gut tat. Genauer gesagt seinem Programmierer! Man sollte diesen Idioten zum Therapeuten schicken oder noch besser in den Tower of Lust sperren. Für immer!

Die Vernehmungszellen der Sektion 3 mit ihren farbenfrohen Türen umgaben die kreisförmige Lobby wie eine bunte Perlenschnur. Die Innenausstatter waren sehr darauf bedacht gewesen, durch eine fröhliche Farbgebung die Atmosphäre positiv aufzuladen. Das galt allerdings nicht für das Innere der Zellen. Die waren schlicht weiß, schalldicht und fensterlos. Als Louann Vernehmungszelle R betrat, saß eine der blonden Transen, die sie zuvor in der Lobby gesehen hatte, auf einem schwarzen Luftsack und bohrte höchst undamenhaft in der Nase. Die Luftsäcke waren so konzipiert, dass die befragten Personen mit der Zeit immer tiefer rutschten und damit niedriger saßen als die Verhör-Officers. Schon jetzt wusste die Transe nicht wohin mit ihren langen Beinen, wie Louann mit einem Anflug von Schadenfreude bemerkte. Die Lüftung in der Zelle lief auf Hochtouren und es war eiskalt.

Die Vernehmung der Professionellen dauerte über zwei Stunden. Sie hieß Pearl – wie originell! – und hatte schon bessere Tage gesehen. Nase und Kinn ließen darauf schließen, dass sie mehr als nur einmal in einem Defroisseur gelegen hatte, einer hautstraffenden Photon-Kapsel für Leute mit dem nötigen Kleingeld.

Kaum saß Louann, ging das Gezeter los:

„Eine Unverschämtheit ist das, respektable Bürgerinnen aus ihren Häusern zu zerren!“ Pearls durchdringende Stimme schrammte am hohen Fis vorbei. „Ich habe für einen Freund lediglich eine kleine Willkommensparty veranstaltet. Das ist wohl kein Verbrechen! Ich will sofort mit meinem Anwalt sprechen! Wenn’s geht, bevor sich mein Arsch in einen Eisblock verwandelt!“

So oder so ähnlich ging es dann weiter. Schon nach wenigen Minuten spürte Louann ein dumpfes rhythmisches Klopfen hinter den Augen. Ein Migräneanfall. Das hat mir gerade noch gefehlt! In den letzten Jahrzehnten hatte man Krankheiten wie AIDS oder Malaria besiegt, doch gegen Migräne war nach wie vor kein Kraut gewachsen. Irgendwie brachte Louann das Kunststück fertig, ihre Fragen zu stellen, und zwar vorbildlich nach Lehrbuch. Sie war neu und wollte einen guten Eindruck machen. Schließlich zeichneten diskret installierte Überwachungssysteme alles auf und übermittelten die Daten direkt an den Zentralserver. Ein Glück für sie, dass ihr die Fragen von den Officers der Nachtschicht vorgegeben worden waren. Diese hatten vor Stunden die Festnahmen durchgeführt und holten jetzt ihren wohlverdienten Schlaf nach. Ein übliches Vorgehen bei geringfügigen Gesetzesbrüchen und noch geringfügigerer Personaldecke.

Louann starrte auf die wild gestikulierende Pearl und seufzte. Alles in allem war sie mit ihrer bisherigen Arbeit bei der Sektion 3 unzufrieden. In den vier Wochen, die sie da war, hatte sie noch keinen richtigen Fall zugewiesen bekommen, weil man damit bis Elias’ Rückkehr hatte warten wollen. In der Zwischenzeit wurde sie zu Aufgaben verdonnert, die nicht mal in den Zuständigkeitsbereich des Morddezernats fielen. Wie diese Vernehmung hier. Es ging mal wieder um illegale Prostitution. Die barbarischen Zustände der letzten Jahrhunderte wie Zuhälterei oder Straßenstrich waren bereits in den dreißiger Jahren des 21. Jahrhunderts abgeschafft worden. Heute wurde das horizontale Gewerbe staatlich kontrolliert, und so sollte es gefälligst auch bleiben!

p027-001

Louann war frustriert. Sie wollte Morde aufklären! Stattdessen saß sie da und musste sich das Gejammer einer Transe in den Wechseljahren anhören. Das Leben ist so ungerecht!

„Ich bin gerade mal vier Wochen weg, und du … Du hast nichts Besseres zu tun, als mir diese Göre ans Bein zu binden! Was soll die Scheiße, Sahil?“ Elias tobte. In nur drei Schritten durchmaß er das Office seines Freundes und starrte ihn mit seinen kalten Augen an. Sahil, ein großer, schlaksiger Mann mit dunklen, melancholischen Augen, schaute weg. Auch nach Jahren der Freundschaft hatte er sich nie an diesen Blick gewöhnen können. Jetzt, da Elias aufgebracht war, kroch ihm ein unangenehmer Schauer über den Rücken. Kein Wunder, dass seine Erfolgsquote so hoch ist, dachte der Leiter der Sektion 3. Böse Buben neigten wahrscheinlich dazu, schnell zu gestehen, um sich das da zu ersparen. Elias, der sich seiner Furcht erregenden Wirkung durchaus bewusst war, baute sich noch dichter vor Sahil auf.

„Es tut mir leid, Kumpel“, beeilte der sich zu sagen und flüchtete hinter seinen Schreibtisch. „Aber da ist nichts zu machen. Die Order kommt direkt von oben. Anscheinend hat Louann einen einflussreichen Gönner im Polizeireferat. Der will, dass sie mit dem Besten arbeitet, den wir haben. Und das bist nun mal du!“

„Das interessiert mich einen Dreck, Kumpel!“ Elias war außer sich. Er war die letzten drei Jahre sehr gut ohne Partner ausgekommen. „Sieh zu, dass das rückgängig gemacht wird!“

„Vergiss es. Da ist nichts zu m...“, begann Sahil, doch Elias war bereits aus dem Office gestürmt. Mit einem Seufzer lehnte sich Sahil in seinem Sessel zurück. Der beruhigt sich schon wieder, dachte er, ich übergebe ihm am besten die Leiche aus dem Sumpf, das wird ihn beschäftigen. Er gab über InterCom einen Befehl und lächelte selbstzufrieden. Für ihn war damit die Sache erledigt. Eigentlich war Sahil ein netter Kerl und dazu noch ein fähiger Kopf, doch er ging direkten Konflikten gern aus dem Weg, um, wie er sagte, niemandem auf die Füße zu treten. Zumindest niemand Wichtigem. Auf die Art machte man beim Morddezernat Karriere. Sahil lächelte in sich hinein. Ein weiterer Grund, warum es Elias nie weiter als bis zum Senior Detective schaffen würde!

Mit versteinerter Miene beobachtete Elias, wie Louann aus dem Vernehmungsraum trat. Was für ein winziges Ding, dachte er hämisch. Zuzugeben, die Figur war ganz ansehnlich, doch grundsätzlich misstraute er hübschen Fassaden. Zu oft verbargen sich dahinter selbstsüchtige Charaktere. Für ihn war die Sache klar: Ein ehrgeiziger Grünschnabel, der ihm und seinen Geschäften in die Quere kam, war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte.

Ich muss sie irgendwie loswerden!

„Sahil?“, rief er über InterCom und grinste freudlos. „Bist du da? ... Gut. Hör zu. Ich hab darüber nachgedacht, was du gesagt hast. Vielleicht hast du Recht, und die Kleine verdient eine Chance. Ich möchte mit ihr den Sprung ins kalte Wasser wagen. Mal sehen, wie sie sich macht … Das glaube ich auch. Hör zu, teil uns doch einfach irgendeinen Case zu ... Ach? Das hast du schon? Schön ... In einer halben Stunde? Prima ... Nein, nein. Ich sag ihr Bescheid.“ Zum ersten Mal an diesem Tag spürte Elias so etwas wie Freude und lächelte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Sektion 3 I Hanseapolis - Schlangenfutter" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen