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Seine Gnade ist bunt

Titel

Inhalt

  1. A. Einige Worte vorab
  2. B. Einleitung
  3. C. Gottesdienstmodelle – aus der Praxis für die Praxis
    1. 1. Gott schaut mit liebevollen Augen
    2. 2. Ein ganz besonderer Schatz
    3. 3. Fest verankert bei Gott
    4. 4. Gut beschirmt durchs Leben gehen
    5. 5. Manche Tunnel haben Kurven
    6. 6. Gott kennt unser Herz
    7. 7. Begleitet im Lebens-Labyrinth
    8. 8. In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen
    9. 9. Möchten Sie gern ein Schaf sein?
    10. 10. Vom Freitag und vom Fisch
    11. 11. Spuren im Sand
    12. 12. Leben wie ein Baum
    13. 13. Zeit-Sammeln mit Tante Sofia
    14. 14. Zu Gott gehören – heilig leben
    15. 15. Hände begleiten uns ein Leben lang
    16. 16. Mein Zimmer der Geborgenheit
    17. 17. Bei Gott ist alles wichtig
    18. 18. Gottes Liebe ist wunderbar
    19. 19. Kennen Sie die Telefonnummer Gottes?
    20. 20. Musik macht lebendig
    21. 21. Tränen sind Briefe an Gott
    22. 22. Gemeinsam geht’s besser
    23. 23. Das Kreuz erzählt vom Leben
    24. 24. Wenn die Blätter fallen
    25. 25. Auf den Eckstein kommt es an
    26. 26. Die Taufe – unsere Planke nach dem Schiffbruch
    27. 27. Das Wort vom Kreuz – nicht Torheit, sondern Gotteskraft
    28. 28. Das schönste Herz
    29. 29. Der Herr ist mein Hirte
  4. D. Anhang
    1. Übersicht 1: Die gesungenen Lieder
    2. Übersicht 2: Die verwendeten Biblischen Voten
    3. Übersicht 3: Die verwendeten Gottesanreden
    4. Übersicht 4: Literaturtipps
    5. Übersicht 5: Kopiervorlagen

Alle Predigttexte sowie alle abgedruckten Bilder können Sie sich bequem im Internet einzeln downloaden. Die Bilder sind online auch farbig zu finden. So kommen Sie in den Download-Bereich: Rufen Sie die Internetseite www.neukirchener-verlage.de/seinegnade auf und klicken Sie auf „Materialien zum Buch“. Anschließend öffnet sich ein neues Fenster. Dort können Sie den Code KE8X26Z4 eingeben, auf den Button „Downloads“ klicken und sich bequem die einzelnen Dateien anschauen, ausdrucken oder auch für eventuelle Begleitung mit Hilfe eines Beamers in elektronischer Form nutzen.

A. Einige Worte vorab

Wer Gottesdienste feiern möchte, kann das nicht allein bewerkstelligen. Insbesondere Gottesdienste im Altenheim bedürfen vieler Helfer und Helferinnen bei der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung: Ankündigungsplakate müssen erstellt und ausgehängt werden. Bewohner/innen sind immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass sichtbare Hinweise vorhanden sind, die an den Gottesdiensttermin erinnern; sie müssen am Gottesdiensttag selbst noch einmal oder auch mehrmals gesagt bekommen, dass am Nachmittag alle zur gottesdienstlichen Feier eingeladen sind, und sie benötigen individuelle Hilfe dabei, sich für den Gottesdienstgang zu rüsten, ihn anzutreten und dann auch tatsächlich durchzuführen. Betten, Rollstühle und Rollatoren müssen bewegt und sonstige Gehhilfen zur Verfügung gestellt werden; langsame Schritte älterer beziehungsweise alter Menschen benötigen nun einmal Begleitung und Unterstützung. – Das alles hört sich einfach an, ist aber mit ziemlich großem Aufwand für sämtliche Beteiligten verbunden. Es braucht viel Geduld, Verständnis und Einfühlungsvermögen, bis die Gottesdienstgemeinde im Altenheim zusammengefunden hat, sich jeder und jede am richtigen Platz befindet und ein Gottesdienstblatt (das auch rechtzeitig fertiggestellt werden musste) in Händen hält. Und selbst wenn das der Fall ist, bleibt noch vieles zu tun. Auch während des Gottesdienstes wird Begleitung benötigt, und unterschiedliche Schutz- und Stützmaßnahmen sind erforderlich. Gleiches gilt für die Zeit nach dem Gottesdienst. Alle, die miteinander gefeiert haben, müssen wieder wohlbehalten in ihre Wohnbereiche und Zimmer zurückgeleitet werden; und dort angekommen, sind sie auch auf die eine oder andere Hilfe angewiesen, wenn sie sich zurechtfinden können sollen. Wer all das regelmäßig oder ausnahmsweise mitvollzieht – gegebenenfalls auch nur bedenkt –, wird bestätigen können: Gottesdienst im Altenheim findet in der Tat unter besonderen Umständen und in einer speziellen Umgebung statt. Diese Tatsache konfrontiert mit außergewöhnlichen Herausforderungen und fordert von allen, die sich darauf einlassen, hohen Einsatz von materiellen und vor allen Dingen personellen Ressourcen.

Im Jacobi-Haus Bünde, in dem ich von 2005 bis 2010 neben meiner professoralen Tätigkeit als Pfarrerin der Westfälischen Landeskirche gearbeitet habe, wurde all dies nicht nur vor dem Hintergrund des evangelisch-diakonischen Profils eines Altenheims in evangelischer Trägerschaft gesehen und bedacht, sondern auch ganz selbstverständlich tatkräftige Unterstützung meiner pastoralen Arbeit im Alltag geleistet: Gottesdienste sind auch von den Mitarbeitenden als bedeutsam eingestuft und dementsprechend geschätzt worden; sie bekamen einen hohen Stellenwert zugemessen und erschienen nicht als lästige Pflichtübungen, sondern als erfreuliche Kür, deren Ermöglichung ein Herzensanliegen ist. Für mich war das alles andere als selbstverständlich; ich freute mich immer wieder aufs Neue darüber und fühlte mich dadurch dauerhaft getragen und entlastet, ich könnte auch sagen ‚auf kollegiale Weise zur Erfüllung (m)eines spezifischen Dienstauftrages befähigt beziehungsweise befreit‘. Aus diesem Grund möchte ich mich an dieser Stelle – so wie ich es bereits 2008 und 2011 anlässlich der ersten und zweiten Auflage dieses Buchs sowie 2012 anlässlich des Erscheinens meiner Gottesdienstbände ‚Himmelsglanz für dich und mich‘ sowie ‚Leuchtend wie Gottes Regenbogen‘ getan habe – rückblickend noch einmal ganz herzlich bedanken: Bei Bernd Hainke (Heimleiter), Evelyn Genat, (Verwaltungsfachkraft, Mitarbeiterin im Begleitenden Dienst und Seelsorgebeauftragte), Monika Höke-Jung (Diplom-Sozialarbeiterin im Sozialdienst), Anja Schweble und Nastja Weiz (Wohnbereichsleiterinnen bis Juli 2009 und spätere Pflegedienstleiterinnen), Nina Budzyganov sowie Katharina Ens (beide Wohnbereichsleiterinnen seit 2009), die hier stellvertretend für alle anderen in der Pflege und sonstigen Betreuung Tätigen zu benennen sind, allen Ehrenamtlichen, die sich zum Beispiel als ‚Grüne Damen und Herren‘ oder ‚Grüne Patenschüler/innen‘1 eingebracht haben und bei Dr. Isabelle Lewis, die als Organistin für schöne Töne und Klänge sorgte und immer wieder erfahrbar werden ließ, dass Musik (vor allen Dingen auch Musik im Gottesdienst) lebendig macht. Sie alle trugen während meiner (Arbeits-)Zeit im Altenheim und gewiss auch darüber hinaus – durch ihr Engagement dazu bei, dass im Jacobi-Haus Bünde regelmäßig Gottesdienste angeboten und ältere beziehungsweise alte Menschen durch die von ihnen ausgehende Kraft-Wirkung ermutigt und gestärkt werden konnten.

Mein besonderer Dank gilt – last but not least – all den Altenheimbewohner/innen im Bündener Altenheim, die sich über fünf Jahre hinweg in vierzehntägigem Rhythmus immer wieder aufgemacht haben, um mit mir gemeinsam Gottesdienst zu feiern und auf vielerlei Weise deutlich zum Ausdruck zu bringen, wie wichtig das für sie war. Sie alle sind mir ans Herz gewachsen und motivierten mich mit ihrer Freude und ihrem Interesse von Mal zu Mal neu, gottesdienstliche Themen sowie Motive zu suchen und zu finden, die für ältere und alt Gewordene ansprechend sind. – Ohne sie wäre gottesdienstlich gar nichts gegangen; mit ihnen gelang erstaunlich viel.

Zum Schluss meiner einleitenden Vorbemerkungen möchte ich nun noch ein paar kurze Ausführungen zu den Gottesdienstmodellen C.25 bis C.29 im vorliegenden Gottesdienstband anfügen. Sie sind zu den 24 ‚regulären‘, bereits 2008 vorgelegten Entwürfen aus ‚Gnade ist bunt‘ hinzugekommen, weil Leser/innen und Nutzer/innen meiner Bücher immer wieder um Anregungen im Blick auf Gottesdienste zu besonderen Anlässen gebeten haben. Dabei dachten sie weniger an Gottesdienste zu Fest- und Feiertagen des Kirchenjahres, die ja bereits 2011 in ‚Himmelsglanz für dich und mich‘ berücksichtigt wurden, sondern – ich zitiere aus einer an mich gerichteten Mail – ‚an all das, was es sonst noch gibt‘. Darüber, was im Einzelnen darunter zu verstehen ist, kann man sicher sehr verschiedener Meinung sein; von mir wurden unter dieser ‚Überschrift‘ Sonder-Gottesdienste zusammengestellt, die sich entweder auf außergewöhnliche, im Altenheimkontext eher singuläre, aber bedeutsame Ereignisse wie Kindstaufe (C.26) und Altarkreuzübergabe (C.27) beziehen oder auf regelmäßig, wenn auch in größeren Abständen wiederkehrende Feieranlässe wie Kronenkreuzverleihung (C.25), Verabschiedung (C.28) und Dienstjubiläum (C.29). Die in den verschiedenen Sonder-Gottesdienstmodellen abgedruckten Predigten sind situationsspezifisch ausgerichtet, können aber fast alle2 durch leichte Textveränderungen so abgewandelt werden, dass sie auch in Altenheimgottesdiensten ohne besondere Beweggründe problemlos zu halten sind.

1  ‚Grüne Patenschüler/innen‘ sind Jugendliche aus Bündener Realschulen, die sich im Rahmen von Schulpraktika im Jacobi-Haus Bünde engagieren; sie besuchen Altenheimbewohner/- innen, spielen mit ihnen oder lesen ihnen etwas vor.

2  Eine Ausnahme stellt der Gottesdienst C.29 (Der Herr ist mein Hirte – Dienstjubiläum) dar, der nicht für Altenheimbewohner/innen, sondern für Altenheimmitarbeiter/innen gedacht ist.

B. Einleitung

Gottesdienste sollten immer etwas Besonderes sein. Gottesdienste im Altenheim sind es auf jeden Fall – und das in mehrfacher Hinsicht:

Sie bieten eine Art Oase mitten im Alltag und werden von vielen als Kraftquelle wahrgenommen. Wer als älterer oder alter Mensch zum Gottesdienst kommt, bringt eine Menge unterschiedlicher Erfahrungen mit, vor allen Dingen Erinnerungen an Vergangenes oder auch Entgangenes. Wer als älterer oder alter Mensch den Gottesdienst verlässt, nimmt diese Erfahrungen und Erinnerungen zwar wieder mit, hat aber vielleicht durch ‚Gottes Dienst an sich‘ einen etwas anderen Blick für sie gewonnen oder auch neue Erfahrungen gemacht beziehungsweise neue Erinnerungen, vor allen Dingen die Erinnerung an die von Gott verheißene Zukunft, kennengelernt und verinnerlicht. Wer davon hört, dass Gott menschliche Dinge behutsam in sein Licht rückt und dann mit liebevollen Augen auf sie schaut, bekommt die Chance, mit ihm gemeinsam veränderte Sichtweisen zu entwickeln. Altbekanntes kann so neu entdeckt und ‚anverwandelt‘ werden, und weniger Vertrautes oder sogar Unbekanntes rückt näher und erscheint auf diese Weise nicht mehr allzu fremd. Wer erfährt, dass Gott für alle Menschen, also auch für in die Jahre Gekommene, neues Leben hier und heute und vor allen Dingen an der – für Achtzig- oder Neunzigjährige in der Regel nicht mehr fernen – Todesgrenze schafft, wird dazu befähigt, über den Horizont zu schauen und dabei die Begrenzungen der eigenen Lebensumstände gedanklich, aber auch emotional-befreiend zu überschreiten. Gottesdienste erlangen vor diesem Hintergrund ein präventiv-unterstützendes oder sogar therapeutisches Profil. Sie laden dazu ein, die eigene (Alters-)Existenz mit allem, was daran schön und beschwerlich ist, gelten zu lassen und sie zu bejahen, weil darauf gesetzt werden kann, dass Gott (als ‚Geber und Hüter allen Lebens‘) ‚Ja‘ zu ihr sagt. Wo diese Einladung angenommen wird, werden Geschwächte gestärkt und mit Beschränkungen Konfrontierte mit neuen Möglichkeiten ausgestattet. Sie sind dazu in die Lage versetzt, menschliche Wirklichkeit (ihre eigene Wirklichkeit!) in der Beziehung zu Gott zu ‚ent-decken‘ und sich selbst, aber auch andere in ihrem engeren und weiteren Lebensumfeld dabei als wirkliche Menschen in Gottes Gegenwart zu ‚er-leben‘. So gesehen kann jeder Gottesdienst im Altenheim als eine außergewöhnliche ‚Bildungsveranstaltung mit spiritueller Note‘ verstanden werden. Er führt bestenfalls zum Kontakt mit sich selbst, mit anderen und mit Gott und hilft bei der (Wieder-)Aneignung verloren gegangener oder bislang gar nicht berücksichtigter Lebensimpulse;3 seine Wirkung ist demzufolge als Horizont erweiternde ‚Vervollständigung‘ oder auch ‚Verlebendigung‘ zu beschreiben:

Viele Altenheimbewohner/innen, die unter der Woche kraftlos und traurig-deprimiert erscheinen, leben am Gottesdiensttag plötzlich auf. Sie möchten das Bett verlassen und bitten darum, ‚angemessen‘ angekleidet zu werden beziehungsweise suchen selbst nach verschönernden Accessoires wie Tüchern oder Schmuck. Sie fragen danach, ob ihr Jackett oder ihr Rock sitzt oder ob ihre Haare gut liegen, und mobilisieren sämtliche zur Verfügung stehende Restenergien, um das eigene Aussehen positiv zu verändern. Körperliche und seelische Beeinträchtigungen, die ansonsten von zentraler Bedeutung sind, rücken so – zumindest eine Zeit lang – in den Hintergrund. Wichtig ist im Vorfeld eines Gottesdienstes vor allen Dingen, sich umfassend ‚vorzubereiten‘ und sich rechtzeitig ‚aufzumachen‘, um von Anfang an ‚dabei zu sein‘ und nichts von dem zu verpassen, was während der gottesdienstlichen Feier geschehen wird. Gottesdienst im Altenheim ist schließlich ein öffentliches Ereignis mit ‚Event-Charakter‘, das die Vielzahl ansonsten vorhandener beschwerlicher Alltagsvorgänge alter Menschen ‚heilsam‘ unterbricht. Er verbindet mit sichtbarer und unsichtbarer (Er-)Lebens-Welt und baut Brücken, die zu überschreiten – trotz zahlreicher damit verbundener Anstrengungen – auf jeden Fall ‚lohnt‘. Ein Blick auf die versammelte Altenheimgemeinde kann deutlich machen, wie das im Einzelnen vonstattengeht beziehungsweise gehen kann:

Männer und Frauen, die vor Beginn eines Gottesdienstes in sich zusammengesunken verstummt sind, singen plötzlich andächtig oder auch fröhlich mit. Sie ‚erwachen‘ – tatsächlich beziehungsweise im übertragenen Sinne – mit erwartungsvollen Gesichtern beim ersten Ton der Orgel, und manche gebeugte Gestalt strafft sich beim Mitvollzug der Liturgie. Während der Predigt wird meistens erstaunlich konzentriert zugehört, aber mitunter auch zustimmend genickt beziehungsweise bestätigend ‚Ja!‘ oder ‚So war es!‘ gerufen. – Wer zur gottesdienstlichen Gemeinde im Altenheim gehört, genießt ganz offensichtlich das (geistliche) Miteinander und bringt sich dementsprechend auch gern auf vielfältige Weise in die ‚Gemeinschaft (der Heiligen)‘ mit ein. Dabei sollte wesentlich mehr erlaubt und toleriert sein als in anderen Gottesdiensten, denn schließlich befinden sich die hier zusammen Kommenden in mehrfacher Hinsicht in einer unvergleichlichen Situation.

Sie sind auf jeden Fall älter beziehungsweise alt, manchmal auch älter beziehungsweise alt und behindert oder sogar älter beziehungsweise alt, behindert und krank. Die ‚Webfehler im Teppich ihres Lebens‘4 haben allemal merklich zugenommen und sollten nicht ausgeblendet, sondern akzeptiert, zutreffend gedeutet und adäquat berücksichtigt werden. Wer zum Beispiel mitten im Gottesdienst zum Toilettengang aufbricht, will im Regelfall nicht andere stören, sondern fühlt sich selbst gestört. Wer unruhig wird und sich auffällig hin und her bewegt, kann unter Umständen nicht mehr sitzen, weil die Beine oder das (verlängerte) Rückgrat schmerzen. Und wer plötzlich weint oder schluchzt, signalisiert vielleicht besondere emotionale Beteiligung oder auch Überforderung – manchmal auch ganz einfach das Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung. Es ist gut und wichtig, auf all das je nach Situation ad hoc einzugehen, ohne den geplanten Gottesdienstablauf aus den Augen zu verlieren. Der/die Einzelne soll dabei spüren, dass er/sie willkommen ist und ‚sein‘ beziehungsweise ‚bleiben‘ darf; und die gesamte Gottesdienstgemeinde soll sich dabei als tragfähige Einheit erfahren, in der mit spontan auftretenden Irritationen souverän umgegangen wird. Beides zu gewährleisten, ist nicht immer leicht, aber eine Grundvoraussetzung für ein gelingendes Miteinander während des Gottesdienstes, das in gewisser Weise exemplarisch für alles weitere Gemeinschafts(er)leben sein kann.

Eingedenk der besonderen Ausgangslage der gottesdienstlichen Gemeinde im Altenheim, die zwar nicht nur, aber doch auch durch zunehmende Defizite und Defizit-Erfahrungen (Stichwort: ‚Webfehler im Lebens-Teppich‘) bestimmt wird, ist es angeraten, das Gottesdienstgeschehen prinzipiell so zu arrangieren, dass – trotz aller Begrenzungen und Einschränkungen – möglichst viele Sinne angesprochen beziehungsweise Wahrnehmungskanäle Berücksichtigung finden (Stichwort: ‚Mehrdimensionalität‘). Wo dies geschieht, steigt die Chance, vorübergehende oder auch andauernde Ausfälle in bestimmten Sinnesbereichen zu kompensieren und jede/n einzelne/n Gottesdienstteilnehmer/in tatsächlich zu erreichen. Wer schlecht hört, sollte etwas für die Augen geboten bekommen (Farben, Formen, Bilder). Wer schlecht sieht, benötigt neben dem gesprochenen Wort zusätzliche akustische Anreize (Klänge, Töne, Musik). Und wer geschädigte Ohren und Augen hat, ist sehr wahrscheinlich erfreut darüber, etwas zu berühren und zu fühlen oder zu riechen (Gegenstände). Je höher und je breiter gefächert das jeweilige Anregungspotential, desto intensiver und nachhaltiger der vermittelbare beziehungsweise schlussendlich tatsächlich vermittelte ‚Erlebniswert‘. Und nicht zuletzt dieser bestimmt darüber, ob der Gottesdienst als lebensrelevante ‚Bereicherung‘ erfasst wird oder nicht und ob er als solche auch älteren beziehungsweise alten Menschen mit mehr oder weniger ausgeprägten Erinnerungsschwierigkeiten und daraus resultierenden größeren beziehungsweise kleineren Gedächtnislücken erinnerlich bleibt. Um insbesondere Letzteres zu ermöglichen, empfiehlt es sich, Gottesdienste von einer thematisch bestimmten ‚Sinn-Mitte‘ (einem ‚Generalthema‘) her zu konstruieren und ein ‚zentrales Motiv‘ für sie auszuwählen, das – eventuell auch variiert – wiederkehrend auftaucht, bewusst Redundanzen erzeugt und so etwas wie einen ‚Roten Faden‘ entstehen lässt. Dabei hat es sich als überaus hilfreich erwiesen, von mir so genannte ‚Mitbringsel‘ und ‚Mitgebsel‘ zum Einsatz zu bringen, die im Regelfall bereits vor Beginn oder zu Beginn eines Gottesdienstes sinnenfällig erkennen lassen, um was es inhaltlich gehen wird, und die nach Abschluss des Gottesdienstes immer wieder bewusst machen, um was es inhaltlich gegangen ist. Dazu ein paar veranschaulichende Reminiszenzen aus dem konkreten Altenheimalltag im Umfeld von Gottesdiensten:

Gemeinhin habe ich bereits am Montag (also ein paar Tage vor dem nächsten Gottesdienst am Freitag5) damit begonnen, ein ‚Mitbringsel‘ vorzustellen6 oder – falls nötig – auch herzustellen. Ich trug zum Beispiel einen markanten Gegenstand (eine Uhr, ein Stofftier, eine Holzscheibe oder Ähnliches) – halb verborgen und nur ansatzweise identifizierbar, aber doch durchaus auffällig – über den Flur oder setzte mich mit Bastelmaterial (Buntpapier, Stiften, Schere, Klebstoff und so weiter) zu den Bewohner/inne/n und fing an zu zeichnen, zu schneiden und zu kleben. Recht schnell wurde nachgefragt: „Was wird denn das Schönes?“ „Was haben Sie denn da?“ Und dann begann ein überaus beliebtes ‚Spiel‘ mit ‚festen Regeln‘. Ich verwies auf die überall ausgehängten Gottesdienstplakate und verweigerte lachend die Aussage. Die Begriffe ‚Geheimnis‘ und ‚Überraschung‘ wurden von mir ins Spiel gebracht. Manchmal gab ich auch ein paar Hinweise, die das Thema des nächsten Gottesdienstes andeuteten; wirklich ‚verraten‘ wurde aber nichts.

Am Gottesdiensttag erschien ich kurz vor Beginn der gottesdienstlichen Feier mit meinem ‚Mitbringsel‘ und meinen ‚Mitgebseln‘. Letztere wurden im Gottesdienstraum in der Nähe des Altars deponiert. Ersteres kam zu Beginn des Gottesdienstes zum Einsatz. Ich brachte es bei meinem Einzug mit herein und ‚präsentierte‘ es während des Orgelvorspiels beziehungsweise kurz danach. Da meine ‚Mitbringsel‘ in der Regel recht groß sind (Gebasteltes und Gemaltes hat zumeist das Format DIN-A2 oder DIN-A1.), konnten beinahe alle Gottesdienstteilnehmer/innen erkennen, um was es sich handelte. Gelang dies im Einzelfall nicht, wurde das jeweilige ‚Mitbringsel‘ ganz nah vors Auge gerückt, zum Anfassen weitergereicht oder auch – in Ausnahmefällen – mit wenigen Worten beschrieben. Anschließend erhielt es einen Platz an exponierter Stelle (zum Beispiel auf der vorn im Altarraum stehenden Orgel). Dort blieb es während des ganzen Gottesdienstes sichtbar, konnte unter Umständen noch einmal (zum Beispiel während der Predigt) zur Hand genommen werden und wurde erst zum Schluss des Gottesdienstes endgültig verlagert; dann stand beziehungsweise lag es am Ausgang auf einem Stuhl und war so noch einmal von allen wahrzunehmen, die den Gottesdienstraum verließen, nachdem sie einzeln verabschiedet worden waren. Manche ‚Mitbringsel‘ blieben nach dem Gottesdienst noch für längere Zeit an einer gut einsehbaren Stelle im Haus ausgestellt, andere wurden zu bestimmten Anlässen (Morgenrunde, Besuch in den Wohngruppen oder Einzelbesuch) noch einmal mitgebracht.

‚Mitgebsel‘ sind entweder Mini-Ausgaben oder kleinformatige Variationen der ‚Mitbringsel‘. Sie bündeln die Zentralaussage der Predigt und verdeutlichen noch einmal pointiert das behandelte Gottesdienstthema. Ihre Verteilung erfolgte in meinen Altenheimgottesdiensten immer nach dem Orgelnachspiel am Ausgang des Gottesdienstraumes und erfreute sich großer Beliebtheit. Alle wollten unbedingt etwas ‚mitnehmen‘ und warteten gespannt darauf, endlich sichtbar und fühlbar in Händen zu halten, was bereits vor Tagen angekündigt wurde beziehungsweise im gerade zu Ende gegangenen Gottesdienst ganz wichtig geworden war. Einige Altenheimbewohner/innen fragten regelmäßig nach zusätzlichen ‚Mitgebseln‘, die sie in ihren Wohnbereichen an diejenigen weiterreichen wollten, die nicht am Gottesdienst teilnehmen konnten; andere hatten vor, ihre Angehörigen zu bedenken. Auf diese Weise wurden die ‚Gottesdienst-Mitgebsel‘ öffentlichkeitswirksam und erzielten Vernetzung; sie transportierten einen Teil des gottesdienstlichen Geschehens nach ‚außen‘ und wirkten kommunikationsanbahnend beziehungsweise -fördernd. Dies galt beispielsweise dort, wo ‚Mitgebsel‘ gesammelt und unübersehbar an Türen oder Fensterrahmen platziert wurden, um sie nicht nur immer wieder selbst anschauen zu können, sondern auch anderen zu zeigen und auf diese Weise etwas von den hausinternen Ereignissen und vor allen Dingen der eigenen (Er)-Lebens-Welt mitzuteilen. Die farbige Vielfalt der unterschiedlichen ‚Mitgebsel‘ weckte Aufmerksamkeit und positive Erinnerungen; sie repräsentierte die ‚bunte Gnade Gottes‘ (vgl. 1. Petr 4,10)7, die in jedem Gottesdienst aufscheinen sollte, und verwies gestalthaft visualisiert auf die guten Absichten dessen, der Leben schenkt und erhält, und/oder auf deren Auswirkungen für die Existenz ‚seiner‘ Menschen. Für viele Altenheimbewohner/innen war das – wenn auch nicht immer bewusst – sehr wichtig. Sie fühlten sich dadurch – zu Recht – beschenkt sowie wertgeschätzt und empfanden es als echte Bereicherung. Dazu abschließend eine kurze Szene, die sich im Nachgang zu einem Gottesdienst zum Thema ‚Hände begleiten uns ein Leben lang‘ (Gottesdienst C.15) im Zimmer einer alten Dame ereignete:

Als ich durch die offen stehende Tür eintrat und ‚Guten Tag‘ sagte, schaute Frau G., die gerade von ihrer Tochter besucht wurde, sofort hoch. Sie versuchte ganz offensichtlich zu erfassen, wer da vor ihr stand, aber in ihrem Blick war kein Wiedererkennen wahrzunehmen. Auch der Hinweis der Tochter, die ‚Pastorin‘ sei gekommen, wurde ohne sichtbare Regung hingenommen. Dann plötzlich ein Blick in eine andere Richtung; er wirkte wie ‚ein Blick zurück‘. Frau G. ‚erinnerte‘ sich. „Oh, ja“, sagte sie auf einmal ganz lebendig. „Sie sind die Frau mit dem M.“ Die Tochter schaute fragend. „Ja“, sagte Frau G. noch einmal. „Das mit den Ms ist wichtig. Es ist richtig gut.“ Sie zeichnete mit ihrem Zeigefinger ein großes M in eine ihrer Handflächen. „Das hat sie gesagt: Gott hat in jede Hand ein M geschrieben. Das heißt: ‚Du bist mein Mensch.‘ Findest du das nicht auch wirklich schön?“ – In der Tat hatte ich kurz zuvor in einem unserer Gottesdienste (hier C.15) ‚Mitgebsel‘ mit eben dieser Botschaft verteilt. Es handelte sich um Fotokopien einer Handinnenseite, auf der ich die M-förmigen Lebenslinien deutlich nachgezeichnet hatte. Auf einem Querbalken aus farbigem Papier abgedruckt stand darunter der Satz: „Gott spricht: ‚Du bist mein Mensch; du gehörst zu mir.’“ (Vgl. z.B. Jes 43,1b) Frau G., ihre Tochter und mich hat dieser Gedanke noch eine Zeit lang beschäftigt. Wir haben uns darüber ausgetauscht, was er für uns bedeutet, und das war überaus ‚verbindend‘. Als ich mich verabschiedete, wusste Frau G. auch wieder, dass ich die ‚Pastorin‘ bin, die gekommen war, um ein Gemeindeglied zu besuchen.

Der Tatsache, dass die Gottesdienstteilnehmer/innen im Altenheim mit einer besonderen Ausgangslage (Defizite und Defizit-Erfahrungen; Stichwort: ‚Webfehler im Lebens-Teppich‘) zurechtkommen müssen, ist auch in Bezug auf das strukturelle und inhaltliche Gottesdienst-Setting zu entsprechen. Ältere und alte Menschen benötigen dringender als andere einen fest gefügten Rahmen, der ‚Erwartungsicherheit‘ zubilligt und ‚Beheimatung‘ möglich macht; um das zu gewährleisten, sind verschiedene Faktoren zu berücksichtigen:

Der Gottesdienst sollte tunlichst immer am gleichen Tag und zur gleichen Uhrzeit stattfinden. Für die meisten Altenheimbewohner/innen ist ein Nachmittagstermin angenehmer als ein Termin am Vormittag, da Aufstehen, Körperpflege und Frühstück in der Frühe bereits viele Kräfte absorbieren, das Mittagessen um 12.00 Uhr eine in gewisser Hinsicht ‚bedrängende‘ Zeitschranke darstellt und die Aufmerksamkeit nach einem erholsamen Mittagsschlaf und einer Tasse Kaffee oder Tee gegen 15.30 Uhr am höchsten sein dürfte. – Wichtig ist auch, dass der Gottesdienst an solchen Wochentagen stattfindet, an denen keine anderen Veranstaltungen angeboten werden und genügend Hauptamtliche und Ehrenamtliche zur Verfügung stehen, um Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der gottesdienstlichen Feier hinlänglich sicherzustellen.

Besonders wichtig für einen möglichst problemlosen Gottesdienst(mit)vollzug ist eine klar gegliederte Liturgie mit bekannten Liedern und Texten, in jedem Gottesdienst wiederkehrenden Abläufen sowie geprägten und deshalb einprägsamen (Rede-)Wendungen. – Die im Folgenden abgedruckten Gottesdienstmodelle entsprechen fast alle diesem Umstand8 und sind speziell darauf ausgerichtet, Vertrautheit zu erhalten beziehungsweise (wieder)herzustellen und auf diese Weise Entlastung zu bieten.

So wird zum Beispiel nach erfolgtem Einzug unter Orgelmusik und der oben beschriebenen Präsentation des ‚Mitbringsels‘ stets eine ‚Doppelbegrüßung‘ durchgeführt: Zunächst erfolgt die Bewillkommnung durch eine/n leitende/n Mitarbeiter/in des Hauses, danach der liturgische Gruß der Pfarrerin (in den Gottesdienstmodellen: ‚Liturg/in‘). Erstere ist eine Art besonderes ‚Vor-Zeichen‘ zum Gottesdienst, das Wertschätzung dem gottesdienstlichen Geschehen und allen an ihm Beteiligten gegenüber zum Ausdruck bringt; zweiterer eröffnet den eigentlichen Gottesdienst und macht deutlich, in wessen Namen und zu welchem Zweck die Gemeinde versammelt ist.

Durch die Formulierung kurzer Vorsprüche und Überleitungen zu einzelnen liturgischen Stücken und den Lesungen biblischer Texte werden im Verlauf des gesamten Gottesdienstes immer wieder Akzente gesetzt und Verständnishilfen angeboten. Dabei sind an der ein oder anderen Stelle außergewöhnliche liturgische Rituale entstanden. So wartete beispielsweise die gesamte Altenheimgemeinde auf den regelmäßig vor der Psalmlesung erfolgenden Hinweis darauf, dass der fromme Beter, der sich in ihr ausspricht, eventuell auch eine fromme Beterin gewesen sein mag. Sobald die Formulierung ‚Sie wissen schon, was ich an dieser Stelle immer wieder sage …‘ erklang, wurden Köpfe gehoben und Lippen bewegt. Etliche der Gottesdienstteilnehmer/innen sprachen das Ende meines Satzes leise oder auch laut mit: ‚Vielleicht war es ja auch eine fromme Beterin!?‘ Es wurde bestätigend genickt und anschließend – aufmerksamer als es sonst vielleicht der Fall gewesen wäre – auf das gehört, ‚was er oder sie vor mehr als zweitausend Jahren formuliert hat‘.

Die Lesung des neutestamentlichen beziehungsweise alttestamentlichen Bibelabschnitts wird stets durch das gleiche anschauliche und konzentrierende Gebet9 und ein, zwei zusätzliche, die Hauptaussage des nachfolgenden Textes bündelnde, hinführende Sätze eingeleitet. Sie ist – so wie die erste Begrüßung vor Beginn des eigentlichen Gottesdienstes – Aufgabe eines leitenden Mitarbeiters beziehungsweise einer leitenden Mitarbeiterin des Hauses und lässt erkennen, dass im Gottesdienst viele unterschiedliche Dienste zusammenkommen und verschiedene Menschen füreinander tätig werden. Der zur Lesung überleitende kurze Satz ‚Herr H./Frau G. wird für uns lesen.‘ stellt also wesentlich mehr dar als eine bloße Floskel.

Die Abkündigungen, insbesondere die Verlesung der Namen der seit dem letzten Gottesdienst Verstorbenen, werden im Altenheimkontext üblicherweise sehr aufmerksam verfolgt. Da sie sich auf positiv und/oder negativ konnotierte Lebensbewegungen beziehen, wecken sie zahlreiche Emotionen und brauchen schon deshalb etwas mehr Raum. Diesen schafft unter anderem ein abschließend vorgebrachtes Biblisches Votum, das entweder so ausgerichtet ist, dass es die von Gott zugesagte Zukunft der zuvor namentlich benannten Toten beleuchtet, oder so, dass es die Hinterbleibenden in ihrer Traurigkeit erfasst und trösten kann.

Die wenigen gesungenen Passagen der Liturgie (Gloria Patri und Gloria), das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser waren meiner Altenheimgemeinde (noch) vertraut und konnten dementsprechend ohne abgedruckte Textgrundlage miteinander intoniert beziehungsweise gesprochen werden. Aus diesem Grund mussten sie nicht auf dem für jeden Gottesdienst vorbereiteten Liedblatt erscheinen. In ein paar Jahren könnte dies bereits ganz anders sein; das müsste dann selbstverständlich durch entsprechende Maßnahmen wie zum Beispiel die Erweiterung des Liedblattes Berücksichtigung finden.

Zum Schluss des Gottesdienstes wurde von mir im Regelfall ein Irischer Reisesegen10 gesprochen, in dem sich (auch für ältere und alte Menschen) typische Alltagssituationen widerspiegeln; mitunter kam der Aaronitische Segen (siehe Num 6,24-26) zum Einsatz, den viele Gottesdienstteilnehmer/innen noch aus der Liturgie der von ihnen früher besuchten Gemeindegottesdienste kannten. Beide Segensformulierungen wurden (sowohl in inklusiver als auch in exklusiver Form) von der Gottesdienstgemeinde im Altenheim gleichermaßen geschätzt und gehörten zum festen Grundbestand der Orientierung und Halt vermittelnden Liturgie.

Auch die nachfolgend dokumentierten Predigten sind formal und inhaltlich so ausgerichtet, dass ‚Erwartungssicherheit‘ entsteht und ‚Beheimatungsgefühle‘ entwickelt werden können. In ihnen kommen an vielen Stellen Eindrücke, Erlebnisse und/oder Erfahrungen aus dem aktuellen oder früheren Umfeld der am Gottesdienst Teilnehmenden vor. Geschichten ‚von damals‘ kommentieren beziehungsweise veranschaulichen aktuelles Geschehen der Gegenwart; es wird viel erzählt, eindrücklich geschildert und dabei auf wörtliche Rede zurückgegriffen. Häufig sind dabei alte Menschen Protagonist/inn/en, so beispielsweise Männer und Frauen, die sich in ähnlichen Situationen befinden beziehungsweise befunden haben wie die Altenheimbewohner/innen, oder auch ‚meine Oma‘, bei der ich aufgewachsen bin und von der ich dementsprechend manches Wichtige lernen durfte. Wo ihre (Er-)Lebens-Welt in den Blick kommt, wird die (Er)-Lebens-Welt der Gottesdienstgemeinde ‚nach-‚ beziehungsweise ‚mitempfunden‘ und erlangt so zentrale Bedeutung; die Gemeindeglieder können immer wieder (neu) wahrnehmen: ‚Hier geht es um mich/uns und mein/unser Leben.11 Hier wird etwas verhandelt, was mich/uns betrifft und für mich/uns wichtig ist.‘ Auf diese Weise wird Interesse geweckt und aufrechterhalten. Dabei ist es nicht unerheblich, dass die Gottesdienstteilnehmer/innen auch außerhalb des gottesdienstlichen Geschehens regelmäßig Kontakt mit ‚ihrer‘ Pfarrerin hatten. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte viel weniger auf gemeinsam Durchlebtes und Durchlittenes zurückgegriffen und eingegangen werden können. Da aber fast täglich Begegnungssituationen vorhanden waren, gab es einen großen Schatz geteilter Erfahrungen, der miteinander verbunden und in Beziehung gesetzt hat. Aus diesem Grund konnte auch während der Predigten von ‚wir‘ gesprochen werden oder von Szenen ‚bei uns hier im Jacobi-Haus‘. Dies entspricht der gemeindlichen Ausgangslage fast aller nachfolgend dokumentierten Gottesdienste12, in denen Menschen zusammengekommen sind, die als Gemeindeglieder und Liturgin eine ganze Menge voneinander wussten und die Sprache des beziehungsweise der jeweils anderen kannten und wohl auch mochten13.

3  Der hier zu Grunde gelegte Bildungsbegriff entspricht dem von Wolfgang Klafki eingeführten; er basiert auf der Annahme, dass Bildung sich dort ereignet, wo wirkliche Menschen in Kontakt mit menschlicher Wirklichkeit treten und wechselseitige Austauschprozesse in Gang kommen.

4  Diese Formulierung stammt nicht von mir, sondern von einem neunundsiebzigjährigen Mann, der mit ihr seine Selbstwahrnehmung im Alter kommentierte.

5  Im Jacobi-Haus Bünde fanden Gottesdienste im Normalfall am Freitag (also unter der Woche) und nicht am Sonntag statt. So konnte gewährleistet werden, dass viele Helfer und Helferinnen zugegen waren und dass keine Kollisionen mit anderen regelmäßigen Veranstaltungen, die meistens in der Zeit von Montags bis Donnerstag durchgeführt wurden, auftraten.

6  In gewisser Weise trifft das auch im Blick auf das ‚besondere Mitbringsel‘ ‚Taufkind‘ im Gottesdienst C.26 zu. Der kleine Täufling wurde zwar erst am Tauftag selbst der Gemeinde vorgestellt, aber vorab war bereits durch Plakate und Handzettel darauf hingewiesen worden, dass im Gottesdienst eine Taufe stattfinden würde. Dabei blieb bewusst offen, wer getauft werden sollte.

7  1. Petr 4,10 war Ausgangspunkt für die Wahl des Haupttitels des vorliegenden Gottesdienstbandes (ursprünglich: ‚Gnade ist bunt‘ und in der hier vorliegenden überarbeiteten sowie ergänzten Fassung ‚Seine Gnade ist bunt‘), der deutlich machen soll, dass Gottes heilsame Gegenwart Farbe ins Leben bringt und dabei helfen kann, Alltagsgrau zu überwinden.

8  Eine Ausnahme bildet der letzte im Folgenden abgedruckte Gottesdienst C.29 (Der Herr ist mein Hirte – Dienstjubiläum), der ja nicht für alte Menschen, sondern für Altenheim-Mitarbeiter/innen gedacht ist.

9  ‚Lieber Himmlischer Vater, schenke uns nun deinen Heiligen Geist, der uns dein Wort in unsere Herzen schreibe, so dass wir’s annehmen und glauben und uns seiner in Ewigkeit freuen und trösten. Amen.‘

10  ‚Der Herr sei vor dir, um dir den richtigen Weg zu zeigen. Er sei neben dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist. Er sei hinter dir, um dich zu bewahren vor Menschen, die manchmal voller böser Absichten sein können. Er sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst. Er sei über dir, um dir in allen Situationen ganz nahe zu sein. So segne dich der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.‘

11  Das zuvor skizzierte Grundprinzip kommt – wenn auch leicht abgewandelt – auch in der Predigt mit Ps 23 aus C.29 (Der Herr ist mein Hirte – Dienstjubiläum) zum Tragen. Auch jüngere und mittelalte Gemeindeglieder möchten und sollen ja so angesprochen werden, dass sie sich mitsamt der sie bestimmenden Wirklichkeit in den Predigtworten und den durch sie geschilderten Szenen‚wiederfinden‘ können.

12  Die gemeindliche Ausgangslage im Gottesdienstmodell C.29 (Der Herr ist mein Hirte – Dienstjubiläum) ist von der in allen anderen Gottesdienstmodellen deutlich unterschieden, da an zentralisierten Jubiläumsgottesdiensten nicht nur Menschen teilnehmen, die sich gut kennen, sondern auch viele, die sich fremd und ausschließlich über Erfahrungen aus gleichen Arbeitsbereichen miteinander verbunden sind.

13  Mir lag und liegt viel daran, die Sprache meiner Gemeinde wahrzunehmen und zu verstehen. Umgekehrt galt im Jacobi-Haus Bünde im Blick auf mich ganz offensichtlich das Gleiche. Einige der Altenheimbewohner/innen kommentierten zum Beispiel gern meine sprachlichen ‚Sonderlichkeiten‘ und zeigten so, dass sie sehr genau hinhörten und mitdachten. So hieß es mitunter: „Sie sagen immer ‚Gott liebt seine Menschen.‘ Das gefällt mir.“ Oder: „Ich habe wohl gehört, dass es bei Ihnen immer heißt ‚Jesus, der Christus‘. Das ist etwas ganz Besonderes für mich.“

C. Gottesdienstmodelle – aus der Praxis für die Praxis

1. Gott schaut mit liebevollen Augen

Biblischer Bezug: 1. Sam 16,7bβ; Ps 33,18; Spr 15,3

Zentrales Motiv: Auge (Gottes)

Orgelvorspiel

Begrüßung durch eine/n leitende/n Mitarbeiter/in des Hauses

Liturg/in: ,Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.’ – Liebe Gemeinde, mit diesen Worten aus dem 1. Buch Samuel (1. Sam 16,7bβ) begrüße ich Sie alle ganz herzlich zu unserem heutigen Gottesdienst. – Gott schaut anders als wir; sein Blick macht sich nicht an Äußerlichkeiten fest, sondern an dem, was im tiefsten Inneren geschieht. Das zu hören und sich ganz darauf einzulassen, tut gut, denn es befreit. Daran können wir denken, wenn wir nun Lied 168 (‚Du hast uns, Herr, gerufen’) anstimmen. Wir singen die Strophen 1 bis 3 miteinander.

EG 168,1-3 (‚Du hast uns, Herr, gerufen’)

Liturg/in: Wir sind hier heute nicht in unserem eigenen Namen zusammengekommen, sondern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Gemeinde: Amen.

Liturg/in: Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, …

Gemeinde: … der Himmel und Erde gemacht hat …

Liturg/in: … und sie auch erhält. – Gott schaut anders als wir. Sein Blick macht sich nicht an Äußerlichkeiten fest, sondern an dem, was im tiefsten Inneren geschieht. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Sie hat schon viele vor uns beschäftigt und geprägt; und sie wurde auf ganz unnachahmliche Weise formuliert. So zum Beispiel von dem frommen Beter (Sie wissen schon, was ich an dieser Stelle immer wieder sage: Vielleicht war es ja auch eine fromme Beterin!?) des 33. Psalms. Aber hören Sie selbst, was er oder sie vor mehr als zweitausend Jahren formuliert hat!

Psalmlesung (Ps 33,13-18):

‚Der Herr schaut vom Himmel und sieht alle Menschenkinder. Von seinem festen Thron sieht er auf alle, die auf Erden wohnen. Er lenkt ihnen allen das Herz, er gibt Acht auf alle ihre Werke. Einem König hilft nicht seine große Macht; ein Held kann sich nicht retten durch seine große Kraft. Rosse helfen auch nicht; da wäre man betrogen; und ihre große Stärke errettet nicht. Siehe, des Herrn Auge achtet auf alle, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.’

Liturg/in: Gott schaut anders als wir. Sein Blick macht sich nicht an Äußerlichkeiten fest, sondern an dem, was im tiefsten Inneren geschieht. – Darum kommt, lasst uns zu seiner Ehre singen!

Gemeinde: Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Liturg/in: Gott schaut anders als wir. Er schaut mit liebevollen Augen. – Weil das so ist, können wir Gott loben und miteinander singen: ‚Allein Gott in der Höh sei Ehr …’

Gemeinde: Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum, dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass. All Fehd hat nun ein Ende.

Liturg/in: Lieber Himmlischer Vater, schenke uns nun deinen Heiligen Geist, der uns dein Wort in unsere Herzen schreibe, so dass wir’s annehmen und glauben und uns seiner in Ewigkeit freuen und trösten. Amen.

Wir hören gleich Zeilen aus dem Alten Testament, und zwar aus dem 1. Buch Mose (Gen 1,27-31a). In ihnen wird davon erzählt, dass Gott seine Schöpfung von Anfang an mit liebevollen Augen betrachtet hat. Er schaute sich alles ganz genau an, und siehe, es war sehr gut … – Frau G. wird für uns lesen.

Alttestamentliche Lesung (Gen 1,27-31a):

‚Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht. Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.’

Liturg/in: Wir singen nun Lied 322 (‚Nun danket all und bringet Ehr’) miteinander.

EG 322,1.2.5.8 (‚Nun danket all und bringet Ehr’)

Liturg/in: Lasst uns nun miteinander unseren christlichen Glauben bekennen.

Glaubensbekenntnis:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Liturg/in: Gott betrachtet seine Schöpfung – und das heißt auch uns! – mit liebevollen Augen. Das ist ein großes Geschenk! Lasst uns daran denken, wenn wir nun Lied 328 (‚Dir, dir, o Höchster, will ich singen’) miteinander anstimmen.

EG 328, 1-3 (‚Dir, dir, o Höchster, will ich singen’)

Predigt

EG 328,1.5.7 (‚Dir, dir, o Höchster, will ich singen’)

Abkündigungen

Verlesung der Namen der seit dem letzten Gottesdienst Verstorbenen

Biblisches Votum:

‚Ziehet hin mit Frieden; euer Weg, den ihr geht, ist dem Herrn vor Augen.’ (Ri 18,6)

Liturg/in: Unseren Gottesdienst beschließen möchte ich mit einem kurzen Gebet, das uns zum Vaterunser führt:

Gütiger Gott,

du schaust deine ganze Schöpfung – auch uns! – mit liebevollen Augen an.

Du suchst nach dem Schönen und Guten

und nicht nach dem Hässlichen und Schlechten.

Du suchst und du findest.

Das macht uns hoffnungsfroh und zuversichtlich,

das schenkt uns Mut und neue Kraft.

Wir danken dir dafür!

Und wir bitten dich:

Lass uns danach streben, es dir nach zu tun!

Lass auch uns jeden Tag neu versuchen, Schönes und Gutes zu entdecken

und nicht ausschließlich auf Hässliches und Schlechtes zu starren!

Gib auch uns liebevolle Augen, die Wesentliches sehen! Amen.

Unseren Dank und unsere Bitten können wir zusammenfassen mit dem Gebet, das Jesus selbst seine Jünger und Jüngerinnen gelehrt hat, mit dem Vaterunser. Gemeinsam sprechen wir:

Vaterunser:

Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme; dein Wille geschehe – wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen, denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Liturg/in: Wir singen nun Lied 171 (‚Bewahre uns, Gott’) miteinander, und zwar die Strophen 1 bis 4.

EG 171,1-4 (‚Bewahre uns, Gott’)

Schlusssegen:

Empfangt nun den Segen unseres Herrn, jeder und jede für sich und doch alle gemeinsam! – Der Herr sei vor dir, um dir den richtigen Weg zu zeigen. Er sei neben dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist. Er sei hinter dir, um dich zu bewahren vor Menschen, die manchmal voller böser Absichten sein können. Er sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst. Er sei über dir, um dir in allen Situationen ganz nahe zu sein. So segne dich der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Gemeinde: Amen. Amen. Amen.

Orgelnachspiel

Wortlaut der ausgeführten Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Einladen möchte ich Sie, einladen dazu, mit mir gemeinsam in Gedanken in Ihre Kinderzeit zurückzuwandern, in die Zeit, in der Sie alle noch ganz klein waren, in der die Jungen kurze Hosen und die Mädchen Zöpfe trugen. Damals gab es jede Menge Gebote und Verbote für Sie; vieles musste und anderes durfte auf gar keinen Fall getan werden. Und wenn etwas schieflief, dann folgten die Strafen: Mahnende Worte, aber auch Stubenarrest und Hiebe mit dem Rohrstock – bei den einen auf die Hand, bei den anderen auf das verlängerte Rückgrat. Mitunter erhob auch der Pfarrer seinen moralischen Zeigefinger, und mit großem Ernst in der Stimme hörten Sie ihn sagen: „Der liebe Gott sieht alles. Ihm entgeht nichts.“ Einigen wird die in diesen Worten enthaltene Drohung gar nicht richtig bewusst geworden sein; etliche haben sie wohl auch geflissentlich überhört, aber für viele war sie einengend und alles andere als angenehm. »Gott sieht alles; ihm entgeht nichts.« – Vor ihm ist nichts zu verbergen; ihm kannst du nicht entkommen. Er lauert überall und überwacht als »Oberaufpasser« dein Tun und Lassen. Er entdeckt jeden Fehler, jedes noch so kleine Vergehen und rechnet alles auf – jede Tat und jedes Versäumnis.

Das Bild von Gott, das so entstand, war wirklich nicht anziehend. Es führte entweder zu Angst und Angstreaktionen oder zu heftigem Abwehrverhalten. Wer will schon unter »Dauerbeobachtung« stehen? Wer kann das leiden, ewig angestarrt zu werden und mit Blicken verfolgt? Und wer mag beten »Vater, lass die Augen dein heute über meinem Bette sein!«, wenn er oder sie sich vorstellen muss, dass Gott nichts anderes zu tun hat, als mit kaltem, berechnendem Blick Fehlverhalten festzustellen?

Nein, das Bild von Gott, das so entstand, war wirklich nicht anziehend; es war verzerrt und alles andere als schön.

Dabei wird nirgendwo in der Bibel davon erzählt, dass Gott den Menschen auflauert, um sie zu überführen, dass er sie überwacht und bespitzelt. Ganz im Gegenteil! Überall dort, wo von der Gegenwart Gottes die Rede ist, wird auch von Freiheit und Befreiung gesprochen. Der Herr, der vom Himmel schaut und alle seine Menschenkinder sieht, macht frei; er befreit und schenkt Raum zum Leben. Seine Blicke sind keine Blicke, die verletzen und wehtun; sie sind achtsam und voller Güte. Darum heißt es zum Beispiel im 33. Psalm: ‚Siehe, des Herrn Auge achtet auf alle, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.’ (Ps 33,18) Und das »Fürchten«, von dem hier die Rede ist, hat nichts mit Furcht und Zittern zu tun; es meint »Ehrfurcht«, die aus dem Herzen aufsteigt, also so recht von Herzen kommt. »Ehrfurcht«, die darauf setzt, dass in Gottes Nähe Gnade vor Recht ergeht. Wenn wir uns das klarmachen, dann ist es plötzlich überhaupt nicht mehr schlimm, dass Gott alles sieht, dass seine Augen an allen Orten sind, wie es im Buch der Sprüche heißt (vgl. Spr 15,3). Denn wer achtsam und voller Güte schaut, bleibt nicht an Äußerlichkeiten hängen, sondern sieht in die tiefsten Tiefen, mitten ins Herz hinein. Und dort entdeckt er Zusammenhänge, von denen andere womöglich gar nichts ahnen: Freude und Glück, aber auch Brüche und Sprünge, schlecht verheilte Seelenwunden und Seelennarben. Gott sieht das alles, und er weiß darum, wie es entstanden ist, denn er kennt jede einzelne Geschichte dazu, jede individuelle Lebensgeschichte mit ihren Höhen und Tiefen, ihrem Auf und Ab. Und dieses umfassende Wissen, diese »Tiefen-Kenntnis«, die benutzt er nicht dazu, Menschen kleinzumachen und sie zu bedrücken, sondern dazu, sie aufzurichten und ihnen so etwas mehr innere Größe zu schenken. – ,Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.’ (1. Sam,16,7bβ).

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