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Sein oder Nichtsein

»To be or not to be: that is the question.«

Shakespeare.

Erster Theil.

I.
Der alte Pfarrer, der »Bruder des Generals« und mehrere merkwürdige Personen.

»Bring mir ein gutes Buch mit,« sagte des Pfarrers Tochter.

»Und mir bringe einen schlechten Knaben, ein Kind böser Leute, mit, aus dem ich einen guten Christen machen kann,« sagte die Pfarrersfrau, als Vater schon im Wagen saß; und die beiden Frauen ihn fest in den Mantel hüllten, um ihn gegen den scharfen Westwind zu schützen.

Der alte Pfarrer Japetus Mollerup sollte Kopenhagen, wo er schon seit dreißig Jahren nicht gewesen war, einmal wiedersehen; jetzt kam man leicht hinüber, jetzt ging das Dampfschiff von Aarhuus nach der Hauptstadt. – Noch immer war der Alte lebensvoll und warmherzig, ein Verkündiger des Wortes im alten Glauben und in alter Innigkeit. Sollen wir übrigens auch seine Schwäche anführen, so bestand sie darin, daß er zuviel Tabak rauchte und zwar schlechten Tabak. Das läßt sich nun einmal nicht läugnen. Tabaksrauch war der erste Eindruck, den man von ihm empfing. Er war in jedes seiner Kleidungsstücke, ja in jeden Faden dergestalt eingedrungen, daß, selbst wenn sie über das Weltmeer gesandt wären, sie doch den Duft des durchdringenden, stinkenden Knasters »bester Qualität« behalten hätten. Da freilich, wo er sich in Kopenhagen zuerst zu zeigen gedachte, würde man schwerlich darüber eine Bemerkung haben fallen lassen. Sein Besuch galt einem Studenten, einem Verwandten, der in der »Regenz « gerade auf demselben Gange wohnte, wo Japetus Mollerup selbst mit seinem Stubenburschen in seinen Studententagen gehaust hatte.

In beiden Stuben war hier alles aufgeräumt, geordnet, abgestaubt und niedlich gemacht; Röcke und Beinkleider hingen verhängt in einem Winkel, die Bücher standen in Reih und Glied, und der Tisch, auf dem sonst Papiere, Collegienhefte, Teller mit Butterbrot, Tintenfässer und Halskragen umherlagen, war mit einem reinen Tuche bedeckt. Das alles hatte der Student, der heute den Wirth machte, selbst gethan, denn es war noch so vieles andere zu besorgen, was nur von Paul, dem gemeinschaftlichen Aufwärter mehrerer Studenten, ausgeführt werden konnte. Er bekleidete, wie die witzigen Köpfe in der Regenz sagten, einen hohen Posten, ja er war ein Mann, der die höchste Stellung in des Königs Hauptstadt einnahm. Er war oben auf dem runden Thurme bei dem astronomischen Observatorium Pförtner oder Thürhüter, wie sie es auch nannten; dort wohnte er hoch über allen Gewaltigen dieser Erde, wenn man die Thurmwächter ausnimmt. Jeden Morgen stieg er von seiner Höhe hinab, um die Stiefeln der Studenten zu putzen und ihre Kleider auszuklopfen; des Nachmittags machte er ihre Besorgungen in der Stadt, wobei er an seinem kleinen Sohne Niels, einem lebhaften und aufgeweckten Knaben, der sogar schon, wie wir bald sehen werden, ein halber Lateiner war, einen getreuen Mithelfer hatte. Heute gab es, wie gesagt, viel zu laufen. Eine ganze Flasche Punschextract, feiner Käse, zweierlei Wurstsorten, Schlackwurst und Lübecker Wurst und dergleichen mehr sollten geholt werden.

Der Ehrengast des Festabends, der alte Japetus, war selbst der Erste, der sich einstellte, und zwar in Staatskleidern, von einem jütländischen Bauernschneider, der im ganzen Kreise umherwanderte und Herren wie Knechte bekleidete, nach alter Mode zugeschnitten. Der alte Pfarrer sah sehr stattlich aus; das schwarze Käppchen auf dem silberweißen Haare stand ihm gut; das ganze Gesicht strahlte ihm vor Freude, als er jetzt wieder in der alten Stube stand und sich von seinem Schwestersohne und den Söhnen guter Freunde von dort drüben in Jütland umringt sah. Es wäre herrlich, sagte er, mit der Jugend wieder einmal in dem alten rothen Hause zusammen zu sein.

Ja, schön ist es, als alter Mann unter der Jugend jung sein zu können.

Der ganze hier versammelte Kreis bestand bis auf einen, der unter den Studenten als eine Art Altmeister gelten konnte, aus Jütländern. – Er war, und deshalb befand er sich ebenfalls hier, ein Freund des Schwestersohnes und war dereinst von dem alten Pfarrer zur Universität vorbereitet worden. »Der Bruder des Generals« wurde er genannt. Wer war er denn eigentlich und wer war der General? Ei nun, dieser war nur General in der Verkürzung. Generalkriegscommissär ist doch ein gar zu erschrecklich langes Wort und bedeutet nicht einmal so viel wie General und deshalb ließ er sich kurzweg »General« und seine Frau »Generalin« nennen. Durch sie war er erst etwas geworden. Er war nicht auf dem Alltagswege vorwärtsgekommen, sondern auf dem Ehestandswege. Der Bruder war dagegen gar keinen Weg gegangen, er war eine Art Genie. Sein Vermögen und was noch schlimmer ist, seine Zukunft, die ihm eine gute Laufbahn versprach, hatte er in Erfindungen, besonders in Luftballons, zugesetzt, und sie hatten es dahin gebracht, daß alles, was er hatte, in nichts aufging. Von der Natur war er dazu bestimmt, ein Kunstliebhaber, ein Mäcen zu sein, für das Schöne zu leben, aber davon kann man nicht leben, das frißt einen noch eher auf. Jetzt ernährte er sich kümmerlich als Corrector und durch den Ankauf guter alter Bücher und Kupferstiche auf Auctionen, die er dann wieder Sammlern abtrat. Gewöhnlich war er mit einem prächtigen Humor gesegnet, und dann betrachtete er die Dinge dieser Welt nur von ihrer heiteren Seite, machte sich über sie und sich selbst und seinen Bruder, den »General«, lustig. Aber es kamen auch Zeiten, in denen er sich in der allerdüstersten Gemüthsstimmung befand, geistig und körperlich angegriffen, ja vollkommen krank war, und so lange dieser Zustand dauerte, war er völlig menschenscheu und schloß sich in sein Zimmer ein. War dieser Anfall jedoch vorüber, so wurde er noch einmal so lustig und lachte darüber, wie er sich selbst so plagen könnte. – An diesem Abend war er unter allen der lebhafteste.

Der Punsch wurde eingeschenkt; der alte Pfarrer hielt sich indeß streng an das eine Glas und duldete nicht, daß es wieder gefüllt wurde. Er erklärte es für eine Lust, in Kopenhagen zu sein, in der belebten Zeit mit zu leben. Kopenhagen hätte große Vorzüge. Allein die hohen Häuser hier, die engen Straßen, die Nachbarn gegenüber, die Familien oben und unten erinnerten ihn doch zu sehr an die Arche Noahs.

»Auch hier kann man frisch und frei wohnen,« sagte der Bruder des Generals, der eigentlich Herr Schwan hieß, wie wir ihn von nun an nennen wollen. »Ich hoffe, mein alter Freund wird die vielen Treppen nicht scheuen und sich meine einfache Wohnung ebenfalls ansehen. Liegt sie auch im Hinterhause, so hat man von ihr aus doch eine Aussicht, wie sie in Venedig nicht besser sein kann. Der große Kanal von der Knüppelbrücke bis an das Zollamt geht gerade unter meinen Fenstern vorüber; der Rhein hat kein so klares und grünes Wasser, wie das, welches hier strömt, und dann überschaut man den Holm, die Docks, Häuser, Thürme, Schiff an Schiff.«

»Ei, der Tausend!« versetzte der Pfarrer, »das muß ich sehen, und gewiß werde ich dich besuchen. Womit beschäftigst du dich indessen jetzt? Hast du irgend eine besondere Arbeit?«

»Hauptsächlich beschäftigen mich die Sternschnuppen,« entgegnete Herr Schwan. »Die Ideen fallen noch immer blitzgleich auf mich hernieder und verschwinden auch ebenso wieder. Ich denke an eine Tragödie, die ich nimmer schreibe; ich sammle Stoff zu einem Volksbuch, das es nie zum Druck bringen wird.«

»Und die Tragödie, die du nimmer schreibst?«

»Ei nun, das ist eine Tragödie, in der niemand stirbt, in der jedoch der Hauptheld so gequält wird, wie man nur gequält werden kann, ohne daß es dabei an das Leben geht; geht es erst daran, dann ist es ja auch mit der Qual und der Tragödie zu Ende. »Ambrosius Stub« heißt mein Trauerspiel. Es handelt sich um jenen armen dänischen Dichter, der die frischen klangvollen Lieder sang, um ihn, der als Lustigmacher zu den Gelagen der adligen Herren auf der Insel Fünen umherzog und von Leuten, die geistig unter seinen Stiefelabsätzen standen, als Narr und Eulenspiegel behandelt wurde. Aber das Trauerspiel wird nicht niedergeschrieben; jetzt habe ich es in mir und habe so das Vergnügen, ohne das Gefasel der Anderen darüber anhören zu brauchen.«

»Aber bringe es doch zu Papier, selbst wenn du es später liegen lassest,« sagte der alte Pfarrer.

»Was hätte das für einen Zweck? Wie viel liegt nicht bereits vergessen und vergraben da, wovon sich das ganze neue Geschlecht nichts träumen läßt! Vielleicht wäre es eine gute That, ein Buch unter dem Titel »Rettungsanstalt für vergessene Schriftsteller« herauszugeben und das alte Gute, welches unverdienterweise in Vergessenheit gerathen ist, von neuem aufzutischen! Sehen Sie, das ist auch so eine Idee, eine jener schnell verschwindenden Sternschnuppen. Aber wir sprachen gerade von Ihrem Besuche bei mir. Wir könnten vielleicht gleich eine Stunde zur Besichtigung der Wohnung festsetzen; sie ist eine Art Vogelbauer, ein Luftballon, old curiosity shop

»Dort sieht es in der That aus wie in Hoffmanns Hirnschädel!« sagte einer aus der Gesellschaft, »Hoffmann in Callots Manier!«

»Ich werde mich schon hinfinden!« wiederholte der Pfarrer.

»Hier ist übrigens der beste Begleiter,« sagte Herr Schwan, als der kleine Niels, der Sohn jenes Pauls vom »Runden Thurme« mit einer Karaffe frischen Wassers eintrat. »Er ist mein Pathe,« fuhr er fort; »habe ich nicht bei dir Gevatter gestanden, mein Junge?«

Und Niels nickte lächelnd.

»Er kann seine »Tausend und eine Nacht« auswendig und etwas Latein noch obendrein.«

»Sonst dürfte er diese gelehrten Hallen auch nicht betreten,« ließ sich ein anderer vernehmen.

Man sah augenblicklich, daß der Kleine lebhaft und aufgeweckt war; die jungen Leute hatten sich mit ihm abgegeben, hatten Leselust und Auffassungsvermögen in ihm geweckt. Ganze lange Verse, ja sogar eine lateinische Ode des Horaz wußte er auswendig. Eines Tages hatte man ihm die Ode »Maecenas atavis edite regibus« gezeigt und gesagt: »Kannst du den Burschen hier auswendig lernen und ihn vom »Runden Thurme« in deinem Kopfe mit herunterbringen, so bist du ein ganzer Lateiner und sollst das hohe Vorrecht erhalten, hier auf dem Boden der Gelehrsamkeit erscheinen zu dürfen, um uns Butter und Heringe zu holen.«

Der Knabe las und lernte die Ode, und seit dieser Zeit hieß er der Lateiner, und jeder Student betrachtete sich als seinen Mäcen. »Ja, er ist der jüngste Lateiner hier im Hause,« wurde erzählt und ihm ein halbes Glas Punsch überreicht. Er mußte seinen Horaz aufsagen und that es laut und richtig.

»Er wird schon noch sein Glück machen,« sagte Herr Schwan, »nicht weil er mein Pathe, sondern weil er von hoher Geburt ist, und das thut viel. Er ist so hoch geboren, wie irgend jemand geboren sein kann; seine Wiege stand oben auf dem »Runden Thurme«, auf dem er noch mit seinem Vater wohnt und auf die Sterne Acht giebt. Die Mutter ist todt und von dannen.«

Am nächsten Vormittage sollte sich Niels zur bestimmten Stunde in dem alten Wirthshause, in welchem Pfarrer Japetus Mollerup wohnte, einfinden und ihn mit dem Schlage elf Uhr von dort zu Herrn Schwan führen; so lautete die Verabredung, und auf Niels konnte man sich verlassen.

Es war erst neun Uhr abends, als der alte Pfarrer aufbrach, denn er sehnte sich nach Ruhe. Aber morgen! – ja, was wird der morgende Tag bringen? Daran dachte er, als er sich in seinem alten Wirthshause zu Bette legte; daran dachte der kleine Niels, der mit seinem Vater in den »Runden Thurm« hinaufging, hoch hinauf über alle Häuser zu dem kleinen Stübchen, in dem sie wohnten.

Was der morgende Tag bringen wird? Ach, es ist immer gut, daß man es nicht weiß. – Hier wurde es ein Tag des Verhängnisses in mehr als einer Bedeutung.

Herr Schwan wohnte, wie gesagt, in einem Hinterhause der Amalienstraße, in der Nähe der Stelle, wo sich jetzt das Casinogebäude erhebt. Eine schmale, nicht sehr reinliche Küchentreppe führte zu ihm über einen engen Gang hinauf, der durch verschiedene, auf ihn hinausgestellte Sachen wie Kasten mit Sand, Plättbreter und alte Holzkörbe noch enger wurde. Behaglich war es hier nicht, alles deutete auf einen Umzug oder auch wohl auf einen allgemeinen Scheuertag; aber hier war es jeden Tag so, und zugleich herrschte im ganzen Hause eine Art Dämmerung. Desto heller strahlte es dagegen in dem kleinen Zimmer des Herrn Schwan, wenn man nur erst hineingekommen war; trotz all seiner Einfachheit hatte es etwas freundlich Einladendes. Die Wände selbst waren mit Bildern und Versen beklebt, wie man es wohl noch auf alten Bettschirmen sieht; alberne, aus den Zeitungen geschnittene Annoncen, Anekdoten und Gedichte waren zwischen illuminirten wie nichtilluminirten Kupferstichen die Kreuz und die Quer angebracht. An jeder Seite des einzigen, aber sehr großen Fensters, über welches sich eine frische Epheuranke guirlandenartig hinzog, erhob sich ein Regal mit Büchern vom Fußboden bis zur Decke. Von hier aus hatte man die Aussicht über die Speicher der Kaufmannschaft, über die Salzsee, den Nyholm mit seinen Krahnen, seinen großen Gebäuden, grünen Bäumen und Rasenplätzen und über eine Lagune nach der Ostsee hin, auf der die Schiffe mit vollen Segeln heranschwebten.

Herr Schwan stand mit einem Lächeln da, als ob er sagen wollte: »Dies alles ist mir unterthänig! Ich brauche nicht ins Ausland zu reisen; was vom Auslande kommt, muß alles an mir vorüber!« Er sah sich in seinem kleinen Zimmer um, die Thüre zum Schlafzimmer war geöffnet und überall war es rein und nett, daß es der Wirthin zur Ehre gereichte; man vergaß die Scheuervorbereitungen auf dem Gange. Ein blendend weißes Tuch war über einen Tisch gebreitet, und auf ihm stand ein Teller mit Brezeln und Theekuchen. Was aber am meisten in die Augen fiel, war ein kleiner, alter, geschnitzter Schrank, der sehr schön angestrichen und oben mit Nippsachen und Spielzeug besetzt war. Man hätte glauben sollen, Herr Schwan hätte das Spielzeug sämmtlicher Kinder seiner Straße in Verwahrung genommen.

Und die Uhr schlug elf, aber noch immer nicht zeigte sich Japetus Mollerup, der alte Pfarrer; auch der kleine Niels, der ihn hierher führen sollte und sonst so zuverlässig und pünktlich war, stellte sich nicht ein. Die Dienstmagd der Wirthin, von der Herr Schwan das heiße Wasser zu seinem Kaffee und Thee erhielt, hatte sich schon dreimal erkundigt, ob sie die Chocolade bringen sollte; denn der Pfarrer sollte großartig bewirthet werden, und Chocolade, das wußte man aus alten Zeiten, war sein Lieblingsgetränk. Aber wo blieb er nur, und wo blieb Niels?

Jetzt schlug es zwölf – sollten sie vielleicht gar nicht kommen?

Endlich ließen sich Tritte auf der Treppe vernehmen, es klopfte an die Thür – es war der Pfarrer, aber allein, ohne Begleiter. Niels wäre nicht bei ihm gewesen; vergebens hätte er dagesessen und bis zwölf gewartet; dann hätte es ihm zu lange gedauert, und er sich selbst auf den Weg gemacht und ihn auch richtig gefunden.

Was konnte Schuld daran sein, daß der sonst so pünktliche Niels nicht kam? Sicherlich war doch dieser Auftrag heute Morgen sein erster und einziger Gedanke gewesen, und ebenso seines Vaters Gedanke, und trotzdem –; wie konnte sich dies nur aufklären? Dahinter lag etwas, wovon weder der Pfarrer noch Herr Schwan eine Ahnung hatte, wovon aber jeder von ihnen berührt wurde.

Ein geistreicher Professor sagte in einer seiner Vorlesungen, als er einen klaren Begriff von der kunstreichen Zusammensetzung des menschlichen Körpers geben wollte: »Das Gehirn ist der Sitz der Seele, das heißt, es ist der Geschäftsinhaber; das Rückenmark ist nur das große Hauptcomptoir, von dem aus die ihm ertheilten Befehle ausgeführt werden; von dort laufen die elektromagnetischen Fäden der Nerven aus. Der Geschäftsinhaber befiehlt: ich will hier oder dort hin, und nun wird die Maschinerie in Bewegung gesetzt, die Glieder verrichten ihre Arbeit, und damit hat der Verstand auch nicht das Geringste zu thun. Er denkt gar nicht daran: jetzt muß der Fuß gehoben und weiter gesetzt, jetzt muß die Wendung gemacht werden; die Glieder gehorchen einfach dem ertheilten Befehle, bis ihnen ein neuer Befehl zugeht. Aber inzwischen giebt sich die Seele anderer Thätigkeit hin, denkt an Vergangenes und Zukünftiges.« Das erleben wir jede Stunde; aber an das ganze Wunder, denn ein solches ist es doch, sind wir so gewohnt, daß wir gar nicht darüber nachdenken, wenigstens that Paul vom »Runden Thurme« es nicht, als er des Morgens auf die Straße hinaustrat und zweifelhaft stehen blieb, ob er nach rechts oder erst nach links gehen sollte; nach beiden Richtungen hin hatte er Besorgungen. Er stand, wie gesagt, einen Augenblick still. Die Seele hatte den Gliedern noch keinen entschiedenen Befehl gegeben, ob der Weg nach dieser oder jener Seite eingeschlagen werden sollte, ob sie nach rechts oder links gehen wollte; beides lag gleich nahe da, und ..... ja, es muß doch wohl noch ein höherer Befehl vorhanden sein als der, welchen unsere Seele zu geben hat. Paul wählte den Weg linker Hand und veranlaßte dadurch eine Begebenheit von der größten Bedeutung für ihn, seinen Sohn und für uns alle, die diese Blätter lesen.

Wie viel hängt nicht von der Bestimmung eines einzigen Augenblicks, wie viel von der Wahl des rechten oder linken Weges ab! Jetzt war der Befehl ertheilt, die Füße befanden sich in Gang. Ein großer Anschlagzettel, auf dem ein Ochse abgebildet war, hing drüben an der Ecke; der mußte angesehen werden; nur einer Secunde bedurfte es dazu, aber auf diese Secunde kam es an! Darauf bog der Mann um die Ecke und ging die Querstraße entlang, und gerade dort fiel, so genau wie Menschen es nicht hätten berechnen können, ein Fenster aus den Händen einer Dienstmagd vom dritten Stockwerk hinab und traf Paul auf den Kopf, so daß er zu Boden stürzte, nicht todt, aber doch mit einem Loche im Kopfe, groß genug, daß die Seele hinausfliegen konnte. Es sammelten sich Leute; Paul wurde zu einem Barbier und von dort in das Krankenhaus getragen, wo ihn zufälligerweise einer der jungen Ärzte, der in der Regenz verkehrte, erkannte.

Als Niels den alten Pfarrer in seinem Gasthause aufsuchen wollte und eben aus dem Hause hinaustrat, kam ein Knabe aus der Nachbarschaft und sah ihn starr an.

»Weshalb siehst du mich denn so an, Junge?«

»Weil dein Vater von einem Fenster todtgeschlagen ist! Das weißt du doch schon?«

»An allem, was du sagst, ist nicht ein wahres Wort.«

»Glaubst du etwa, ich werde in solchen Sachen lügen?«

Auf diese Weise wurde er von dem Vorfalle in Kenntnis gesetzt. Er erschrak zwar, glaubte aber doch nicht an die Wahrheit der Mittheilung und wäre sicherlich nach dem Wirthshause gegangen, wenn nicht Mutter Börre, die alte »Apfelfrau«, die unter der Thurmhalle saß und Obst verkaufte, den andern Knaben näher ausgefragt und durch ihr Entsetzen Niels völlig in Angst gesetzt hätte. Jetzt, sagte sie zu ihm, wäre nicht Zeit, nach dem Wirthshause zu gehen. Er sollte den Pfarrer Pfarrer sein lassen und sich erkundigen, wie es mit seinem Vater stände. Gewiß wäre ein Unglück geschehen, denn darauf müßte man sich immer gefaßt machen. Und nun lief Niels nach dem Krankenhause; als er dort ankam, war sein Vater schon todt. –

Japetus Mollerup und Herr Schwan saßen in lebhaftem Gespräche bei einander und hatten die letzte Tasse Chocolade geleert. Niels könnte nicht krank geworden sein, meinte Herr Schwan, denn dann wäre sein Vater gekommen; es müßte sich um etwas ganz anderes als um Krankheit handeln. »Vielleicht,« bemerkte Herr Schwan, »sind ein paar Hunde in jeder Straße, denn die sind sein Tod. Er ist im Stande, einen langen Umweg zu machen, um nur nicht einem Hunde zu nahe zu kommen. Sonst muthig und unerschrocken, ist er doch einem Hunde gegenüber eine vollkommene Memme.«

Da öffnete sich die Thür, und Niels trat verweint und jammernd ein. »Mein Vater ist todtgeschlagen!« waren die ersten Worte, die er sagte, und nur durch sein Schluchzen hindurch vernahmen sie endlich das ganze Unglück.

Es ist betrübend, ein armes, von Trauer ergriffenes Kind zu sehen, betrübend zu wissen, daß es völlig verlassen ist und dies nicht einmal in seinem ganzen Umfange begreift.

»Du armer Junge,« sagte der alte Pfarrer und fragte nach seiner Familie und an wem er jetzt hier in der Stadt einen Anhalt hätte.

»Er hat gar keinen Anhalt,« versetzte Herr Schwan. »Ich bin sein Pathe, das wird wohl die nächste Verwandtschaft sein. Nun, trockne dir die Thränen ab, das Weinen hilft nichts. Hier muß der Herr selber helfen.«

»Er hat gar keinen Anhalt?« wiederholte der Pfarrer, »ist ganz auf sich allein angewiesen? Gottes Wege sind unerforschlich!« – und der alte Mann sah ihn mit bekümmerter Miene an.

Niels war wirklich ganz verlassen. Gute Menschen oder das Armenwesen, die wir hier jedoch nicht als Gegensätze bezeichnen wollen, mußten sich seiner annehmen.

Der Mama Worte bei der Abreise: »Bringe mir einen schlechten Knaben mit, aus dem ich einen guten Christen machen kann,« traten lebendig vor des Pfarrers Seele. Niels war allerdings kein schlechter Knabe, war nicht böser Leute Kind, wie seine Frau verlangt hatte. Das alte brave Ehepaar wollte etwas Gutes in dieser Richtung thun, gerade das Nämliche, was ein oder zwei Jahre später durch den »Rettungsverein für verwahrloste Kinder« verwirklicht wurde.

Japetus Mollerup war Niels schon seit dem vorhergehenden Abend wohlgeneigt. Der Knabe verrieth Leben und Fassungsvermögen, und es deutete auf ein gutes Gedächtnis hin, daß er ohne Kenntnis der lateinischen Sprache eine Ode des Horaz hersagen konnte; und nun stand er so verlassen, in so tiefer Trauer da! Wäre er nur ein verwahrlostes Kind, »ein schlechter Knabe« gewesen, dann hätte ihn der Pfarrer augenblicklich zu sich genommen; jetzt war er jedoch noch unschlüssig aus reiner Gewissenhaftigkeit. Zwar wußte er, daß Mutter mit seiner Entscheidung und Handlungsweise in jeder Beziehung zufrieden sein würde. Ohne es zu wissen, schloß sie sich den Schülern des Pythagoras an, die, was der Meister vortrug, unbedingt glaubten, und sich bei zweifelhaften Dingen mit einem: αυτοσ εφα (er hat es selbst gesagt) seinem Ausspruche fügten. Was der Vater in der Pfarrei sagte, war das einzig Richtige, wenn sie es auch selbst nicht begriff; sollte er nun hier seine Macht und Alleinherrschaft geltend machen? Er überlegte hin und her und theilte darauf Herrn Schwan mit, wie sich seine Gedanken kreuzten.

»Das ist gut, das ist sehr gut,« erwiderte dieser, als er die Verabredung vernommen und gefaßt hatte, aber er lachte darauf ganz laut über die buchstäbliche Deutung der Worte.

»Sie wollen also durchaus einen schlechten Jungen haben,« sagte er, »ein etwas moralisch verdorbenes Kind? Unser Herrgott gönnt es Ihnen besser. Ist es nicht, als hätte er Sie mit dem, was Sie suchten, selbst überrascht, hätte es Ihnen aber in guter Gestalt gegeben? Nun soll freilich durchaus ein Fehler dabei sein, damit Sie doch auch etwas auszumerzen haben. Nun, der ist auch vorhanden. Er hat etwas Koboldartiges in sich; es geht ihm wie dem Spritzkuchen, er will immer gleich oben hinaus; nicht wahr, Niels? Sei dem nun, wie ihm wolle; Sie werden Freude an ihm haben, und ich höre nicht eher auf, mit Worten auf Sie einzudringen, bis Sie ihn nehmen. Ich habe als Pathe das Taufgelübde abgelegt, für sein Christenthum zu sorgen, wenn seine Eltern ihn verlassen sollten, und deshalb werde ich immer von neuem bitten.«

Japetus Mollerup überlegte wieder, meinte dies und meinte das, ohne seinen Gedanken Worte zu geben. Herr Schwan war unermüdlich, ihn im Scherz und Ernst zu bestürmen. »Niemand weiß, in welche Hände der Knabe hier in der Stadt fallen kann; gute Anlagen gleichen einem sehr guten Acker, nur muß dieser ordentlich gepflügt werden und die rechte Saat erhalten, sonst – – – doch genug des Geredes; der Junge ist ehrlich und ein Kobold steckt in ihm.«

Ein paar schwere Thränen in den Augen des Knaben verliehen der Goldmünze der Theilnahme ihr volles Gewicht, und der Entschluß war gefaßt. Der alte Pfarrer fühlte, daß er es gegen seine Frau wie sein Gewissen verantworten könnte, dieses Kind anzunehmen.

Niels sollte also Kopenhagen verlassen, sollte nach Jütland versetzt werden, hinein in das stille Pfarrhofsleben auf der Haide.

Es wäre bei allem Unglück doch auch ein Glück ohne Gleichen, versicherten sie alle, und auch in seinem jungen Herzen leuchtete es hell auf. Das Neue, das Unerwartete erfüllte ihn, und nachdem er am Sarge seines Vaters aufrichtig geweint hatte, strahlte die Sonne wieder in sein kindliches Gemüth. Den Freunden auf der Regenz sagte er Lebewohl, sagte es dem »Runden Thurme« mit seiner Heimat dort oben. Ja, er barg wie in einer Summe sein ganzes Leben und Dasein, und deshalb müssen wir vor der Abreise noch einmal mit ihm dort hinauf, wo alle Gedankenkeime für die Zukunft geschlummert haben, müssen wie er diese Heimat kennen, aus der ihm ein Schatz der Erinnerung wie auf der Haide so später in seinem bewegten Leben blieb.

Wir wollen mit auf den runden Thurm hinaufsteigen und werden dann, ehe wir ihn verlassen, ein klareres Bild von dem kleinen Niels haben.

II.
Der »Runde Thurm«.

Alle Kopenhagener kennen den »Runden Thurm«, und die Leute in der Provinz kennen ihn wenigstens aus dem Kalender, auf dessen Titelblatte er im Holzschnitte steht. Man weiß, daß König Christian IV., dem Ewald und Hartmann auch das Gold des Gesanges zu seiner Reise in die Unsterblichkeit mitgegeben haben, den »Runden Thurm« für Tycho Brahe, Dänemarks berühmtesten Sohn, der während der Minderjährigkeit dieses Königs hatte das Land verlassen müssen, als Sternwarte erbauen ließ.

Der Thurm enthält keine Treppe mit Stufen; man gelangt auf einem sich in vielfachen Windungen schlängelnden Steinwege hinauf, der so glatt und eben ist, daß der Czar Peter von Rußland einmal in einem Vierspänner hinaufgefahren sein soll. Der Sage nach hätte er, als er oben auf der Zinne stand, einem seiner Diener befohlen, sich hinabzustürzen, und dieser würde gehorcht haben, wenn ihn nicht der König von Dänemark zurückgehalten hätte. »Würden deine Leute eben so gehorsam sein?« fragte der Czar. »Ich würde keinen solchen Befehl geben,« erwiderte der König, »aber ich weiß, daß ich jedem meiner Diener, selbst dem allergeringsten, mein Haupt in den Schoos legen und ruhig schlafen könnte.«

So lautet die Sage, auf welche die Dänen stolz sein dürfen. Dem kleinen Sohne des Pförtners dort oben galt sie als eine entschieden wahre Begebenheit. Allein bei seiner genauen Ortskenntnis wußte er, daß der Czar nicht bis ganz hinauf an die Galerie gefahren sein konnte, sondern schon vor der Thüre seiner Eltern den Wagen verlassen haben mußte. Von dort führte eine Treppe bis oben hinauf.

Gewiß wenige Stätten bieten in Kopenhagen an sich und durch ihre nächsten Umgebungen dem Gedanken und der Phantasie so viel dar, wie gerade der »Runde Thurm«, und besonders wenn man dort oben geboren ist, wie es mit Niels der Fall war.

Mitten in der geräuschvollen Stadt, in dem geschäftigen Treiben der engen Straßen, hoch bis zu der Kirche hinauf erhebt sich der alte Thurm mit seinen offenen Fensterbogen, durch die der Wind hineinbraust und zur Winterszeit der Schnee haufenweise auf dem steilen Steinweg zusammengeweht wird. Die Orgeltöne und der Choralgesang, welche dort unten über Wessels und Ewalds Gräber hinausklingen, dringen mit gleicher Kraft bis hier oben hinauf.

Durch den »Runden Thurm« gelangt man zur Universitäts-Bibliothek, die sich wie ein großer Saal, in dem die Bücherregale Kreuz- und Querstraßen bilden, über die Kirchengewölbe hinweg erstreckt. An der tiefsten Stelle und ungefähr dort, wo unterhalb in der Kirche der Altar steht, befand sich damals das altnordische Museum; hier wurden tausendjährige Steinäxte, Aschenkrüge und Schwerter des Alterthums aufbewahrt. Das klingt nun freilich, als hätte ich es auf eine Beschreibung Kopenhagens abgesehen, aber in der Erinnerung dessen, der damals der kleine Niels, der Sohn Pauls aus dem Thurme hieß, klingt es noch in seinen Mannesjahren wie ein schönes Lied aus seiner Kindheit; wir hören nur die schlichten Worte, er aber vernimmt die Melodie.

Von dem dem Thurme gegenüber liegenden Hause, von der Regenz, der Studentenkaserne, klang an sternenhellen Abenden und bei klarem Mondschein der Gesang der jungen »Herren im Reiche des Geistes«; so frisch, so schwellend erhob er sich bis zur Pförtnerfamilie oben auf dem Thurme, dessen Fenster offen stand, daß sie, wäre ihr der Text bekannt gewesen, jede Silbe hätte verstehen können. Wie oft saß Niels nicht lauschend da! Sein ganzes Herz war voller Seligkeit. Tief unter ihm lag die ganze geschäftige Stadt wie im Traume. An den dunklen Abenden nahmen sich alle Straßen bei ihrer Beleuchtung wie Nebelstreifen aus; hier und da strahlte ein Licht aus einer Dachkammer; hell und licht war es aber auch in seinen Gedanken, und es beschäftigte ihn, sich die Stadt in den verschiedenen alten Zeiten vorzustellen; er sah im Geiste, wie sie sich aus einem Fischerdorfe zu einem Handelsplatze, einem »Kaufmannshafen« entwickelte und endlich zu einer Königsstadt heranwuchs, so wie er es von ihr gelesen hatte.

Manche stürmische Nacht lag er wach in seinem Bette und hörte, wie gewaltig der Wind durch die scheibenlosen Fensteröffnungen brauste und pfiff; es war, als wollte er den alten Thurm in die Höhe heben, und daß der Sturm Gewalt und Stärke besitzt, hatte Niels zur Genüge erfahren, als er mit seinem Vater einst noch spät bei solchem Wetter auf den Thurm stieg. Das Laternenlicht bewegte sich die Mauer entlang scharf über die dort aufgestellten Runensteine und steinernen Särge. Ängstlich spähte das Auge umher, und immer schärfer wurde das Ohr. Der Sturm verlöschte das Licht, ergriff sowohl Vater wie Sohn und schleuderte sie gegen die Wand, während es über und unter ihnen sauste, pfiff und heulte. Es war ein Sturm, der seine Gewalt fühlbar machte; sie mußten sich vor ihm neigen, und der Thurm that dasselbe; sie sahen es.

Niels Kindheitszeit hier oben war eine Zeit wunderlicher Träume gewesen. Wenn er in späteren Jahren sich eine Biene an der Spitze eines schlanken Rosenstockes zwischen den Blättern tummeln sah, dann gedachte er wieder seiner Kindheit auf dem »Runden Thurme«. Dort war er wie die Biene genießend und träumend gewesen, dort hatte er dasselbe Spiel getrieben, dieselbe Lust empfunden, von der uns Tieck in seinem Märchen »Die Elfen« erzählt, in welchem diese mit der kleinen Marie Obstkerne in die Erde legen. Zwei schlanke Bäume schießen aus ihnen empor, in deren Wipfeln sich die Kleinen schaukeln und in die Welt hinausschauen. So hatte auch er dort oben im Thurme sich auf seinen Gedanken geschaukelt; der Thurm war sein Zauberbaum gewesen, der hoch über Stadt und Land emporragte.

Auch das Schauerliche fand hier in der Heimat seiner Kindheit einen Vertreter, und dieser war kein anderer als die sonst sehr achtungswerthe Mutter Börre, die alte Äpfelfrau. Wie bereits erwähnt, saß sie unten in der Thurmhalle und verkaufte daselbst Obst und die bei den Kindern so beliebten billigen, wohlschmeckenden und stets rosenrothen Zuckerferkel, vier Stück für einen Groschen. Dort saß sie Sommer und Winter, hatte aber in der kältesten Zeit einen Kohlentopf zur Erwärmung. Manch einen halbverdorbenen Apfel, manch ein zerbrochenes Ferkelchen machte sie Niels zum Geschenk; aber als er über die ersten Kinderjahre hinaus war, aß er sie nicht mehr; nein, er warf sie weit von sich und war nicht dazu zu bewegen, Mutter Börre die Hand zu geben; Grausen überfiel ihn, wenn sie ihm über das Haar strich; und weshalb? – Er hatte von seinen Eltern gehört, daß sie ihr Skelett bei lebendigem Leibe an einen Doctor des Armenhauses verkauft hatte. Für ihn war es etwas Schauerliches, daß schon bei ihren Lebzeiten ihre Leiche verkauft war; es galt ihm als eine Art Verschreibung, wenn auch gerade nicht an den Teufel, so doch an den Tod. Für diese Verschreibung bezog sie eine jährliche Pension von zwei Reichsthalern. Einen von diesen lieh sie einmal, als sie ihr gerade ausgezahlt waren, der Pförtnersfrau; als ihn Niels wechseln mußte, kam es ihm vor, als trüge er Blutgeld.

Rein und hübsch war es in dem kleinen Zimmer der Pförtnersleute an der Sternwarte. Am Tage hatte Vater Paul fleißig umherzuspringen, aber des Abends blieb er gern zu Hause bei Frau und Sohn und las ihnen einen Abschnitt aus der Geschichte Dänemarks vor. Oft befanden sich in seinen Büchern schöne Bilder, so daß man sehen konnte, wie alles gewesen war. Er erhielt sie aus der Universitätsbibliothek gerade unter sich geliehen, denn man wußte, daß er sorgfältig und ordentlich war.

Der Familie eigener Bücherschatz bestand nur aus zwei Büchern, aus der Bibel, die der Mutter gehörte, und aus dem alten Märchenbuche »Tausend und eine Nacht«, welches Niels Eigenthum und ein Geschenk seines Pathen, des Herrn Schwan, war. Beide Bücher wurden beständig gelesen, und Niels war in beiden, in Bibel und Märchenbuch, so entgegengesetzt sie auch waren, vollkommen zu Hause und sie galten der kindlichen Seele für zwei Bücher gleicher Wahrheit. Ein Schriftsteller, Humboldt, wenn ich mich nicht irre, sagt, daß Träume Gedanken sind, die im wachen Zustande nicht ausgedacht wurden und sich nun im Schlafe lösen; deshalb träumt man nie, was man am liebsten will und die Gedanken am meisten erfüllt. Wie sehr sich bei Niels der Gedanke oder der Wunsch festgesetzt hatte, ein Aladdin zu sein, können wir nicht sagen, aber für sein reiferes Alter wurde ein Traum aus seinen Kinderjahren bedeutungsvoll. Ihm träumte nämlich in einer Nacht, er stiege wie Aladdin in die Höhle hinab, wo ihn Tausende von Schätzen und schimmernden Früchten fast blendeten; aber er fand und bekam die Wunderlampe, und als er mit ihr nach Hause kam, war es – – die alte Bibel seiner Mutter.

Wie bedeutungsvoll wurde nicht dieser Traum mit der Zeit! Das Kind kann das, was sich der Ältere erst nach des Lebens Kampf und Streit zu eigen macht, zwar nicht ergreifen, aber doch erblicken.

Der ferne Orient, der Schauplatz von »Tausend und Eine Nacht«, und der Boden, auf dem die heiligen Geschichten der Bibel ihr Leben hatten, waren ihm ein und dasselbe Stück der Welt; Damaskus und Jerusalem, Persien und das steinige Arabien bildeten für ihn ein und dasselbe Reich, auf dem er bekannt und heimisch war und das mit Dänemark, wo er lebte, für ihn die ganze Welt ausmachte. Andere Reiche und Länder hörte er wohl mitunter nennen, aber sie waren ihm fremd und ferner noch als Sonne und Mond; diese konnte er doch vor sich sehen. – Es gab sogar eine Zeit, in der er glaubte, die schwarzen Flecke im Monde rührten von einem Manne her, der Kohlen gestohlen hätte und zur Strafe dafür hinauf versetzt wäre, um von allen Menschen gesehen zu werden. Das war eine gräßliche Strafe.

»Das ist kein Kohlendieb,« sagte Herr Schwan, »es ist ein kleiner Schalk, der im Glasballon umherfliegt und den Leuten in die Fenster guckt. Nimm dich vor dem Luftschiffer in Acht; er fliegt rund um die Erde und lacht uns alle aus.«

Diese Worte und diese Erklärung machten einen tiefen Eindruck auf Niels, und er sprach davon und sogar zu dem Studenten, der dem Professor der Astronomie bei der Handhabung der Instrumente behilflich war.

»Das ist ja ein entsetzlicher Aberglaube und eine fürchterliche Unwissenheit bei einer Person, die mit der Sternwarte Wand an Wand wohnt,« sagte der Student und ließ ihn durch eines der großen Fernröhre sehen. Da zeigte sich ihm der Mond wie eine riesengroße Kugel mit förmlichen Landkartenzeichnungen. Darauf mußte er die Sonnenflecke betrachten, die sich ihm auszudehnen und zusammenzuziehen schienen; und nun hörte er erzählen, daß Sonne und Mond, ja jeder einzelne Stern ein ganzer Weltkörper wäre. Es war wie ein Märchen anzuhören. Irgend einen einigermaßen klaren Begriff bekam er freilich nicht, aber seine Phantasie schwang sich in den unendlichen Weltraum hinaus; jeden Stern bevölkerte er mit Menschen und dachte, ob sie wohl da oben mit ihren Fernröhren Kopenhagen und den »Runden Thurm«, wo er wohnte, sehen könnten.

Wieder und immer wieder wünschte er nun wie die Schwalben fliegen zu können, die in pfeilschnellem Fluge an seinem Fenster vorüber in den Thurm hineinschossen, um dann wieder, sich hochemporschwingend, umher zu kreisen, bis sie seinen Blicken entschwanden; in einem solchen Fluge mußte er den leuchtenden Stern erreichen können. »Dort hinauf brauchtest du doch ein paar hundert Jahre,« hatte der Student gesagt, und diese Worte hatten sich ihm so tief eingeprägt, daß er wirklich in einer Nacht träumte, er schwänge sich hurtig und leicht wie die Schwalbe von der Erde empor, die kleiner und kleiner wurde. Der Stern jedoch, auf den er zuflog, wurde nicht größer, weit war er in den unendlichen Raum hinausgelangt, und fort und fort tönte ihm des Studenten Stimme vor Ohren: »Dort hinauf brauchtest du doch ein paar hundert Jahre!« Aber dorthin wollte, dorthin mußte er, und wie von der Luft getragen flog er dahin, und klarer und klarer leuchtete der Stern, aber nicht näher, und noch weit vom Ziele entfernt, erwachte er mitten im Fluge.

Der Vater hatte seiner Familie aus einer alten dänischen Übersetzung des »Hinkenden Teufels« vorgelesen, jenes Teufels, der zu einem fast eben so hoch wie sie auf dem »Runden Thurme« wohnenden Studenten kam und vor ihm des Nachts alle Dächer von den Häusern hob, so daß derselbe alles sah, was in ihnen vorging. Die Phantasie erwies Niels den gleichen Liebesdienst; was er jedoch sah, waren einzig und allein gedeckte Tische, Gesellschaften, die bei Braten und Kuchen saßen, oder die Herrlichkeit des Weihnachtsabends mit strahlenden Weihnachtsbäumen. Er erhielt selbst jeden Weihnachtsabend einen solchen, wenn auch nur kleinen; in einem Blumentopfe stand er, mit ausgeschnittenen Netzen und wirklichen Äpfeln behängt; an der Spitze strahlte ein goldener Stern, der auf Jesu Geburtsstern hindeuten sollte. Und gerade am heiligen Weihnachtsabende, als er gegessen hatte und eben im Begriff stand, sich vom Vater eine Geschichte vorlesen zu lassen, stieß die Mutter einen Seufzer aus und saß zugleich starr da, als wäre sie gestorben. Vater lief nach dem Arzte, ein Aderlaß wurde vorgenommen, Mutter öffnete wieder ihre Augen, aber von dem Augenblicke an waren alle ihre Glieder gelähmt, und nur in ihren Augen zeigte sich Leben; ein Schlagfluß hatte sie getroffen. Sie mußte aus dem Bette und in das Bett getragen werden, und auf diese Weise verliefen fünf schwere lange Monate.

Noch immer wurde des Abends aus der Bibel vorgelesen, und ihren Augen sah man es an, daß sie den Vortrag verstand. Oft war in des kleinen Niels Gegenwart geäußert worden: »Die Bibel ist Gottes Wort«, und deshalb nahm er eines Abends in frommem und kindlichem Glauben die Bibel und berührte mit ihr den stummen Mund der Mutter, damit die Bibel, der Mund Gottes, gleichsam den Mund der Mutter küssen möchte. Es war, als ob sie seine Absicht verstanden hätte; nie vergaß der Knabe, selbst später als Mann nicht, den Ausdruck, der aus ihren Augen leuchtete; in ihnen lag das einzige Band zwischen der Seele und der sie umgebenden Welt.

Gegen Ende des Mai starb sie; es war für Niels der erste große Verlust in dieser Welt, der erste Riß in das schöne Bilderbuch des Lebens; wohl lebte der Vater noch, wohl blieb ihm noch die Heimat, aber die eine Hälfte der Welt war ihm verloren.

Den Thurm hinab trugen sie den Sarg der Mutter; draußen auf der Straße hielt der Leichenwagen für die Armen; zu Fuß folgten Mann und Sohn den langen Weg nach dem vor dem Nordthore gelegenen Friedhofe hinaus; die Sonne schien, die Bäume hatten vor Kurzem Knospen bekommen; die Landseen, an denen der Zug vorüberging, spiegelten die blaue Luft wieder. Noch nie war Niels außerhalb der Wälle Kopenhagens gewesen; nur vom Thurme aus war ihm der Anblick der Vorstädte, Felder, Wiesen und Wälder zu Theil geworden. Zum ersten Male kam er an diesem frischen, schönen Frühlingstage in die grüne Natur unter Blumen und Bäume hinaus, aber nur am Grabe seiner Mutter.

Man erzählt von einer englischen Familie, die auf der Reise nach Petersburg in Kopenhagen auf einige Stunden an das Land ging, einen Wagen nahm und dem Kutscher befahl: »Fahre uns dahin, wo etwas Schönes zu sehen ist,« und das Schönste, was der Kutscher kannte, waren nicht Bildergalerien oder Museen, nein, es war der Armenfriedhof. Dort hinaus fuhr er die Engländer, und sie sollten so entzückt gewesen sein, daß sie wiederzukommen versprachen, um sich hier begraben zu lassen, da hier die schönste Stelle in der Welt wäre. So hat es wenigstens der Kutscher erzählt, und Niels theilte völlig seine und der ganzen englischen Familie Ansicht: ja, es war die schönste Stelle in der Welt! Hier unter den schönen Bäumen, wo die Vögel sangen, wo die Mauern mit Bildern prangten und die Gräber mit Denkmälern, Blumen und Kränzen dastanden, hier wünschte er mit seinem Vater immerdar weilen zu können. Hier war es so festlich, so lieblich, und doch weinte er, denn sein Vater weinte, und über den Sarg der Mutter hinab warfen sie die schwarze, schwere Erde.

Langsam ging es nun wieder heimwärts nach dem alten Thurme, wo Niels dem Vater jetzt alles war; das Triebrad der Heimat war fort, er war von nun an dem Vater gleichsam theurer geworden, indem er den verlassenen Platz der Mutter in seinem Herzen einnahm, und Niels verstand das wohl. Weniger leicht ist dagegen zu verstehen, – und doch verhält es sich so, – daß das Kind seine Mutter so bald vergißt, sie vergißt, deren Herz ganz für dasselbe schlug, ganz für dasselbe lebte, ganz von ihm erfüllt war, die es liebte, wie nur eine Mutter zu lieben vermag, die sich über dieses Kind selber vergißt und nur in diesem ihre Hoffnung, ihre Zukunft hat. Auch Niels vergaß seine Trauer, vergaß fast seine Mutter, und während der nächsten drei Jahre wissen wir von keiner größeren und bedeutenderen Schattenseite, die ihm das Leben bot, als von der, daß es Hunde gab.

Dreist, fast herausfordernd, heftig aufbrausend und von festem Willen, war er doch nach einer Seite hin eine vollkommene Memme: er hatte eine angeborene Furcht vor Hunden. Das bloße Dasein dieser Geschöpfe war sein Kummer. Sobald ein Hund ihn nur beschnüffelte, überfiel Zittern alle seine Glieder, und man wird es deshalb begreifen, welche Qual es für Niels sein mußte, durch die Straßen Kopenhagens zu gehen, das selbst im Auslande und mit vollem Rechte, wegen seines unglaublichen Hundegewimmels berühmt ist. Reisende haben darüber geschrieben und gesagt, daß wir Konstantinopel, daß doch wegen seiner Schaaren umhertreibender, herrenloser Hunde berüchtigt ist, hierin noch übertreffen. »In Kopenhagen sind sie nicht herrenlos,« sagte Herr Schwan, und wir wollen seine Äußerungen über diesen thierischen Trieb der Hauptstadt, wie er sich in guter Laune ausdrückte, einmal mitanhören.

»Hier sind die Hunde keine herrenlosen, keine umherschweifenden Schaaren; nein, sie haben eine Heimat. Jeder Herr, jeder Bursche, jede Frau besitzt einen eigenen Hund, jedes Haus hat seine eigenen Hunde. Am lebhaftesten geht es in dem Hafen zu; auf den Obstschuten und Frachtschiffen bellen und heulen sie dort so gottesjämmerlich bis in die Nacht hinein, daß, wer in den dortigen Straßen einen leichten Schlaf hat, kaum zum Schlafen gelangt. Ist nun dort ein Hund ausgesperrt, so bellt oder heult er mit wie ein neues Tau auf einer alten Winde, wenn schwere Waaren aufgehißt werden. Das hört ein anderer Hund auf seiner nächtlichen Wanderschaft und antwortet. Jetzt giebt es Duette und Terzette, aber nie ein Finale, nie ein Ende, ehe die Nacht endet und der Tag anbricht. Nun beginnt ein förmliches Schauspiel: vier, fünf Hunde stehen da und versperren dir Thor und Hausthür; zwei liegen in der Sonne und nehmen das Trottoir ein, ein bissiger Köter jagt quer über die Straße, und es fehlt nicht viel, so rennt er anständige Leute zu Boden. Der Spitz der gnädigen Frau bellt zum offenen Fenster hinaus; ein kleiner Hund ohne Kennzeichen der Rasse, zu welcher er gehört, bellt sich an der Hausthür heiser, und widerlich feist, wie ein im Wasser aufgeschwollenes Aas, watschelt der Mops einher; es läuft einem das Wasser im Munde zusammen, wenn man alle diese Hunde sieht. Da triffst du Hunde, die dazu geboren sind, an der Kette zu liegen, Hunde für alte Jungfern, Hunde mit und ohne Dressur, und nicht nur Hunde auf der Straße, sondern auch Hunde in den Höfen und in den Stuben, oft auf dem Sopha, selbst im Bette und oben auf dem Tische, kurz eine wirkliche große Bestie, ohne alles wohlriechende Wasser, mitten im Schooße der Familie; sie wird von der ganzen Familie geküßt und ist ein Glied derselben, und das ist nicht etwa übertrieben, aber es ist mit den Hunden übertrieben.«

So drückte sich Herr Schwan aus. Jetzt war der kleine Niels von dieser Plage befreit, von ihnen allen erlöst, war fern von Kopenhagen, von der Heimat und von dem »Runden Thurme«, der noch unverändert, schwer und grau dastehen wird, als wäre kein Tag vergangen, wenn Niels vielleicht nach Jahren größer, älter und in vielem verändert, wieder hierher zurückkommen sollte. Seine Kleider wurden in einen kleinen schweren Holzkoffer, den einzigen, der hier zu finden war, gepackt. Die alte Bibel und »Tausend und Eine Nacht«, die die ganze Bibliothek oben im »Runden Thurme« bildeten, nahm er mit, und – nun ging die Reise nach Jütland.

III.
Der Pfarrhof auf der Haide. Musikanten-Grethe.

Über Silkeborg, dessen schnelles Emporblühen damals noch niemand ahnte, führte die tiefe, nur ein langsames Fortkommen gestattende, sandige Straße nach Niels an der Westküste liegenden neuen Heimat, dem alten Pfarrhofe am Fuße der Windingedalhügel, die durch den »Langsee« von umfangreichen Waldungen abgeschnitten und von der einem Meere gleich sich weithin ausdehnenden Haide begrenzt werden. Es war schon spät am Abend und dunkles Wetter; müde waren die Reisenden, müde die Pferde, und langsam ging es durch die Einsamkeit in lautloser Stille vorwärts. Plötzlich vernahm man Hundegebell.

»Das ist unser Kettenhund.« sagte der Pfarrer; »jeder Laut ist weit vernehmbar.«

Der Gruß des Hundes war der erste in der neuen Heimat. Wie sah es hier aus? Ja, schon seit einigen Stunden ließ sich in der dichten Finsternis nichts wahrnehmen und erkennen. Bereits den Abend vorher waren Wagen und Pferde nach Aarhuus gesandt, damit sich letztere ausruhen und frische Kräfte für die Rückreise sammeln könnten; allein jetzt waren die Kräfte erlahmt, langsam schlichen die Pferde die Straße entlang; Gott behüte, daß jetzt keines der Räder bricht! Der Sand wurde tiefer, die Nacht finsterer. Lange unterschied man das Brausen des Wassers durch die Schleusen am Gudenaa; bald wieder ertönte ein seltsamer Vogelschrei, bei dem Niels in die Höhe fuhr; aber selbst an dieses Fremdartige gewöhnte er sich allmählich, und seine müden Augen schlossen sich. Die einförmig langsame Bewegung des Wagens, das Scharren des Sandes gegen die Räder wiegten ihn in Schlaf, und die vielen Sagen und Erscheinungen dieser Gegend kannte er damals noch nicht, sonst würde der dunkle Abend sowohl sie wie ihn belebt haben.

Niels erwachte erst, als der Wagen im Pfarrhofe anhielt. Alles war in Bewegung, alles auf den Beinen; sogar die Lichter schienen in den Stuben umherzulaufen und zu rufen: »Jetzt kommen sie! Jetzt kommen sie!« Der Kettenhund bellte, der Hahn auf seiner Stange krähte und die Hühner gackerten; die Holzschuhe der Mägde klapperten über den Hof, und Mutter stand mit lächelndem Antlitz da und bekam einen Kuß. Dicht neben ihr stand ein nicht mehr ganz junges Mädchen mit ernst sinnenden, aber sanften Zügen. Es war achtundzwanzig Jahre alt und das einzige Kind der Pfarrersleute, es war Bodil. Lichter waren in die Fenster gestellt, eine ganze Illumination, und in der Wohnstube war der Tisch wie zu einem Feste gedeckt. Vater konnte heute nichts Ordentliches gegessen haben, denn Wirthshausessen ist doch nur halbes Essen, und deshalb bekam er jetzt eine warme Suppe, Hasenbraten und Bohnen.

Die Pfarrerfrau hatte viel zu erzählen, viel mehr als Vater, der doch so weit her kam: der Marder hatte fünf Enten geraubt, und von den Bildern war eines herabgefallen und hatte sie erschreckt; sie hatte geglaubt, es wäre ein böses Vorzeichen. Der Amtsrichter hatte mit seiner jungen Frau schon in dem westlichen Theile seines Bezirks Besuche abgestattet. Ja, es hatte sich viel in den vierzehn Tagen zugetragen, während deren sich Japetus Mollerup, ihr Väterchen, in Kopenhagen aufgehalten hatte.

Bodil trug besonders für Niels Sorge; freundlich und herzlich hieß sie ihn willkommen; selbst Mutter, die gottesfürchtige, wackre Pfarrerfrau, hieß ihn mit wohlthuenden Worten im Hause willkommen; aber sie konnte sich doch nicht verhehlen, daß sie lieber ein etwas moralisch verdorbenes Kind aufgenommen hätte, welches sie zum Guten führen, anleiten und erziehen durfte, das ihr Freude auf Erden und Lohn im Himmel gewähren konnte; ein solches würde sie mit größerer Herzlichkeit aufgenommen haben. So sind wir armen Menschen in unseren guten Vorsätzen!

Bodil führte Niels in sein Kämmerlein hinauf; Mutter legte ihm sehr ans Herz, ja das Licht auszulöschen; später kam Bodil selbst und sah nach, ob es geschehen war. Weich und schön lag er im Bette in dem reinen frischen Leinen und betete sein Vaterunser; aber wie müde er auch war, fühlte er sich doch außer Stande, sofort einzuschlafen.

Noch waren kaum vierundzwanzig Stunden verflossen, seitdem er Kopenhagen und seine alte Heimat, den »Runden Thurm« verlassen hatte. In dieser kurzen Zeit hatte er so unendlich viel erlebt, wie sonst in Jahren nicht. Er war auf dem Dampfschiffe gewesen und auf diesem segellosen Schiffe in herrlichem Wetter an mehr als hundert Schiffen vorübergeflogen, die alle ihre Segel beisetzten und ihnen doch nicht zu folgen vermochten. Er hatte die ganze Küste Seelands, Helsingör nebst Kronburg gesehen, ja sie waren der schwedischen Küste so nahe gekommen, daß man auf ihr Menschen zu Fuß und zu Pferde gewahrte. In Jütland war er in einer ganz fremden Stadt an das Land gestiegen und von dort über bedeutende Anhöhen, von denen man eine weite Aussicht hatte, eine große Strecke gefahren. Er war an Sandhügeln, so hoch erhaben, wie er sich die Berge vorstellte, vorübergekommen und in große Wälder hinein- und wieder hinausgefahren, immer in stiller Einsamkeit. In dem Wirthshause, in dem sie Rast hielten, war ihm alles, sogar die Sprache, vollkommen fremd, und jetzt war dieses Land, diese Stätte hier, von der er nichts wußte, wo ihm alle Menschen fremd waren, seine Heimat. Diese Gedanken erfüllten sein Gemüth und hielten seine Augen offen.

Durch das Fenster schien ein großer Stern zu ihm hinein; er kannte ihn; gerade derselbe hatte, wie es ihm schien, von derselben Stelle aus und in gleicher Höhe, dort oben auf dem Thurme manchen Abend zu ihm hereingestrahlt; er war ihm hier herüber gefolgt. Er freute sich darüber wie über den Anblick eines alten Freundes, sprach sein Abendgebet noch einmal und schlief dann ein.

Als er am nächsten Morgen zum Thee gerufen wurde, klang ihm Musik entgegen, lange, getragene Töne, wie von einer Schalmei oder Harmonika; von letzterer rührten sie her. In der Wohnstube saß eine Bauerfrau, die dem Instrumente mit großem Ernste Melodien entlockte, die wie ein altes Bardenlied klangen. Aus wunderbar großen, blauen Augen blickte ihn die Alte an.

Der Pfarrer saß im Lehnstuhle und sagte, als der letzte Ton verhallt war, mit freundlichem Lächeln: »Besten Dank, Grethe! Das war also der Gruß zum Willkommen! Ich wußte wohl, daß Euch euer Herz treiben würde, ihn mir zu bringen.«

»Ja,« erwiederte sie, »ich wußte, daß Ihr gestern Abend heimkehren würdet, und blieb lange über meine Schlafzeit auf, um Euch mein Willkommen bei der Rückkehr von der Königsstadt Kopenhagen, dieser langen, langen Reise zu bringen. Ich stand in meiner Thür und wartete; aber als es sich allzu lange über die Zeit hinauszog, kroch ich in das Bett und bin deshalb erst heute Morgen hierher gekommen.« Dabei küßte sie die Hand des Pfarrers.

Es war »Musikanten-Grethe«, wie sie genannt wurde. Sie wohnte in einem aus Torf gebauten Hause am Fuße des Hügels. Sie hatte sich hier mit dem Besten, was sie hatte, mit ihrem Schatze in dieser Welt eingefunden, und noch dazu mit einem Schatze, der sich gut verzinste. Viele Jahre besaß sie bereits diese Harmonika, und in Folge ihres merkwürdig guten Gehörs hatte sie sie spielen gelernt, ohne eine Note zu kennen. Jede alte Melodie, die sie singen konnte, jedes neue Lied, das sie hörte, konnte sie, einzig und allein von ihrem musikalischen Gehör geleitet, gar bald auf dem Instrumente spielen. Es wurde ihr zu einer kleinen Erwerbsquelle, indem sie bei Bauernhochzeiten bisweilen zum Tanze aufspielte. Dafür liebte sie diese Harmonika auch so innig, als wäre sie ein lebendes Wesen und freute sich über ihre Töne. Musik war nun einmal ihres Lebens Seligkeit. Eine aufrichtige Freude war es für sie, wenn sie einmal nach dem etwas entfernteren Kirchspiele kam, wo die jungen Pfarrerleute ein Klavier besaßen, welches die Frau wunderbar schön spielte. Oft hatte Musikanten-Grethe draußen auf dem Gange gestanden und der himmlischen Musik zugelauscht. Einige Male war sie hereingerufen worden, und als sie einmal mit der Pfarrerfrau allein gewesen und ihre Schüchternheit besiegt hatte, war es ihr zuletzt nach einigen Versuchen gelungen, die Melodie nachzuspielen. Wäre Musikanten-Grethe in anderen Lebensverhältnissen und in einer anderen Umgebung geboren, so wäre sie bei ihrem musikalischen Genie vielleicht eine europäische Größe in der Welt der Töne geworden; jetzt war sie nur die Musikanten-Grethe.

Sie war Niels erste Bekanntschaft in seiner neuen Heimat; bald kamen aber noch andere Persönlichkeiten zum Vorschein, Knechte und Mägde, Geflügel und Vierfüßler, kurz alles, was zum Hause gehörte, und alles war lustig anzusehen und bildete den vollkommenen Gegensatz zu dem, was Kopenhagen und die Stube auf dem »Runden Thurme« darbot. Einen Hund gab es zwar hier im Pfarrhofe ebenfalls, aber er lag an der Kette, bellte allerdings, kannte jedoch das Haus und wußte folglich, wer dazu gehörte. Die Schweine grunzten, die Enten schnatterten, Tauben und Sperlinge gingen friedlich umher, die Mägde nickten, die Knechte sangen; aber die Sprache war für Niels nicht leicht zu verstehen, sie schien ihm der Kopenhagener Sprechweise gar nicht zu ähneln.

Es war ein wahrhaft christliches Haus, in welches Niels eingetreten; es waren gute Menschen, mit dem besten Willen zum Guten beseelt. Hier herrschte viel Herzlichkeit und nur ein wenig zu viel Tabaksrauch. Daran war Vater Schuld, und trotzdem gönnten ihm alle das Vergnügen, welches er dabei empfand. Mutter und Bodil hatten sich ja ebenfalls an den Tabaksrauch gewöhnt.

Vierzehn Tage lang hatte Vater seine Pfeife nicht zu Hause geraucht, allein ihr Duft hatte sich gleichwohl, nicht verloren, der erfüllte alles, wie ja auch das russische Juchtenleder, die englischen Bücher und die Hobelspäne an dem Arbeitsrocke des Schreiners stets ihren eigentümlichen Duft behalten.

Der alte Japetus Mollerup war in seinem Herzen, wie

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