Logo weiterlesen.de
Seidig wie der Tod

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

JoAnn Ross

Seidig wie der Tod

Roman

Übersetzung aus dem Amerikanischen von

Sarah Falk

1. KAPITEL

Es war Weihnachtszeit in New Orleans. Festliche Beleuchtung glitzerte an den Häuserfronten von St. Charles, an den schmiedeeisernen Balkongittern und mächtigen alten Eichen des Stadtparks, an den altmodischen Straßenbahnen und an der Creole Queen auf dem Fluss.

Weihnachtslieder, melancholischer Blues und Jazz drangen aus den offenstehenden Eingangstüren auf der Bourbon Street. Neben den üblichen Schaustellern auf dem Jackson Square hatten Musiker die Straßenecken im Französischen Viertel besetzt und entzückten Käufer und Passanten mit ihren Liedern von Schlitten, Engeln und anderen weihnachtlichen Wundern.

Inmitten all dieser Festbeleuchtung lag Roman Falconers Stadthaus, düster wie das Innere eines Sargs. Das Haus im Französischen Stil, dessen feuchte Backsteinmauern im Verlauf der Jahre zu einem hellen Rosaton verblasst waren, verfügte an der Vorderfront über mehrere kunstvoll geschmiedete Balkone und ging hinten auf einen geschlossenen Hof hinaus. Roman hatte dieses Haus, dem der Ruf anhaftete, dass es darin spukte, mit den Tantiemen seines ersten Bestsellers, Jazzman’s Blues, erstanden.

Gespannt wie ein Sechsjähriger, der die Ankunft des Weihnachtsmanns erwartet, war Roman in seiner ersten Nacht in diesem alten Haus bis zur Morgendämmerung aufgeblieben und hatte auf eine Erscheinung des Geists gewartet, der der Legende nach in diesem Haus umging.

Fünf Jahre später wartete er noch immer.

Ein Hof umgab den Vollmond, der einen gespenstischen Schein auf die verwitterten Eingangsstufen warf. Der blasse Schimmer, der unheimlich und beklemmend wirkte, entsprach Romans finsterer Stimmung.

Sein Kopf dröhnte, und seine Hände zitterten, als er die moosgrüne Eingangstür aufschloss.

Einmal im Haus schleppte er sich mit schweren Schritten über die Treppe zu seinem Arbeitszimmer, wo er sich eine Flasche irischen Whiskey und ein Glas nahm, das er bis zum Rand vollschenkte.

Der Computer war noch eingeschaltet. Das phosphoreszierende Licht des Bildschirms erfüllte den Raum mit einem geisterhaften grünen Glühen. Roman bemühte sich nicht, die Worte auf dem Bildschirm zu entziffern. Sie waren ihm nur allzu gut bekannt.

Er nahm einen großen Schluck, fühlte die scharfe Flüssigkeit durch seine Kehle brennen und zwang seinen Körper und seinen ruhelosen, gequälten Geist, sich zu entspannen. Aber das war alles andere als einfach angesichts dessen, was er wusste.

Irgendwo im Südpazifik wurde Desiree Dupree von einem modernen Piraten festgehalten, der im Schutz der Nacht ihr schnittiges weißes Segelboot gekapert und sie seinen hemmungslosen Leidenschaften unterworfen hatte, die sogar noch bedrohlicher waren als dieser gefährlich attraktive Mann selbst.

Anfangs hatte sie sich gewehrt, hatte gekratzt, geschlagen und um Hilfe geschrien, obwohl sie wusste, dass niemand in der Nähe war, der sie hören würde. Zum Schluss war ihr nichts anders übrig geblieben, als sich zu ergeben.

Sie lag auf dem Rücken auf dem glatten Teakholzdeck, die Hände über dem Kopf an den weißen Mast gefesselt. Ihre Augen waren geschlossen, und jede Faser ihres Körpers prickelte, als die sündig geschickten Hände ihres Eroberers Kokosnussöl in ihre nackte Haut massierten.

Seine Stimme war leise und verführerisch, als er ihr all das ins Gedächtnis rief, was er ihr bereits angetan hatte, und ihr beschrieb, war er sonst noch alles mit ihr zu tun gedachte – skandalöse, unerhörte Dinge, die Desiree beschämten und erregten.

Unter halbgeschlossenen Lidern sah sie, wie sein gutgeschnittener Mund sich langsam ihren eingeölten Brüsten näherte.

Sein dunkler Kopf glitt tiefer, und eine erwartungsvolle Hitze erfasste ihre Glieder, als hielte der Fremde ein glühendes Eisen an ihre erhitzte Haut.

Sie holte tief Atem.

Und wartete.

Das schrille Klingeln des Nachttischtelefons zerriss die Stille und beendete Desirees erotischen Traum.

Ärgerlich nahm sie den Hörer auf. „Dupree“, meldete sie sich unfreundlich.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang jedoch auch nicht gerade liebenswürdiger. „Schon wieder eine Vergewaltigung. Auf dem St. Louis Cemetery. Sieht aus, als wär’s wieder unser Mann gewesen.“

„Wann?“ Plötzlich hellwach sprang Desiree auf und nahm den Apparat mit zum Kleiderschrank.

„Ich habe es gerade im Polizeifunk gehört. Gut, dass ich den Apparat angelassen hatte, nicht?“, meinte Adrian Beauvier, ihr Produzent bei WSLU-TV.

„Ja“, stimmte Desiree geistesabwesend zu, während sie einen roten Kaschmirpullover und graue Wollhosen aus dem Schrank nahm.

Sie hatte sich schon oft gefragt, wie LaDonna, Adrians Frau, es ertrug, Nacht für Nacht neben einem Gerät zu schlafen, das unablässig schlechte Nachrichten von sich gab. Vielleicht erklärte das zum Teil, warum die beiden früheren Mrs Beauviers Adrian schon nach so kurzer Zeit verlassen hatten.

Trotz allem jedoch musste Desiree sich eingestehen, dass Adrians fanatisches Interesse für die Nachrichten sehr viel zum Erfolg des Senders beigetragen hatte. Und natürlich auch zu ihrer eigenen Karriere, denn durch Adrians frühe Informationen hatte sie in ihren fünf Jahren beim WSLU mehrere große Storys herausgebracht. Keine von ihnen hatte jedoch auch nur annähernd die Möglichkeiten geboten wie diese Letzte neue.

„Ich bin schon auf dem Weg“, versprach sie.

„Ich sage Sugar, dass er dort auf dich warten soll.“

Sugar war ein dreihundert Pfund schwerer afroamerikanischer Kameramann, der nach einer kurzen Laufbahn als professioneller Ringer zum Fernsehen übergewechselt war. Niemand im Sender wusste, warum er sich ausgerechnet „Sugar“ nannte, doch soweit Desiree bekannt war, wagte auch niemand, ihn danach zu fragen. Er war, milde ausgedrückt, nicht sehr gesprächig, und sobald eine Unterhaltung persönlicher wurde, brachte sein berühmter kalter Blick sogar den wortgewandtesten Moderator dazu, ein Stottern zu entwickeln.

St. Louis Cemetery war hell erleuchtet. Desiree hielt hinter den Streifenwagen der Polizei, die mit rotierendem Blaulicht vor den Toren des Friedhofs parkten. Hinter ihnen stand ein rot-weißer Krankenwagen.

Normalerweise wäre der Friedhof um diese Zeit verlassen gewesen, abgesehen von einigen wenigen tapferen Seelen vielleicht, die sich hineinwagten, um am Grab der Marie Laveau, New Orleans’ Voodookönigin des neunzehnten Jahrhunderts, eine Bitte auszusprechen.

Heute Nacht jedoch drängten sich Schaulustige auf den unebenen Wegen des alten Friedhofs. Desiree zeigte den Beamten ihren Presseausweis und glitt unter dem gelben Absperrband hindurch.

„Wurde auch langsam Zeit“, knurrte Sugar. „Aber typisch. Der arme, alte Sugar muss die ganze Arbeit tun, und dann erscheint das junge Talent gerade rechtzeitig für seinen großen Auftritt!“

Desirees erste Reaktion war Ärger, doch dann beschränkte sie sich auf ein Schulterzucken. „Verdammt kalt heute Nacht“, sagte sie, ihre Hände reibend.

„Ich glaube nicht, dass dir so kalt ist wie dem armen Ding dort drüben“, entgegnete er und deutete mit seinem glatt rasierten Schädel auf die Reihen weißer Marmorgrabsteine.

Die Polizei hatte so viele Scheinwerfer aufgestellt, dass der Schauplatz des Verbrechens erleuchtet war wie Canal Street während einer Mardi Gras-Parade.

„Fang an zu filmen“, wies Desiree Sugar an, als sie ein vertrautes Gesicht entdeckte. „Und hör nicht eher auf, bis ich es sage.“

„Selbstverständlich, Ma’am“, entgegnete er gedehnt.

Ohne seinen Sarkasmus zu beachten, ging sie durch die Gräberreihen zu dem Mann, der hier die Aufsicht führte. Chief Detective Michael Patrick O’Malley stand hinter drei Sanitätern, die sich über eine junge Frau beugten, die regungslos am Boden lag. Sein Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.

„O’Malley scheint nicht sehr erfreut zu sein, uns hier zu sehen“, bemerkte Sugar mit dem ihm eigenen Talent zur Untertreibung.

„Dreh weiter.“ Während sie sich gegen O’Malleys eisigen Blick stählte, bemühte Desiree sich, nicht an jene, gar nicht so weit zurückliegende Zeit zu denken, in der der Kriminalbeamte sie auf ganz andere Weise angesehen hatte. „Aber keine Aufnahmen vom Gesicht des Opfers!“

O’Malleys erste Worte waren nicht zuvorkommender als sein Blick. „Schläft Beauvier denn nie?“

„Keine Ahnung. Das wirst du LaDonna fragen müssen“, entgegnete Desiree.

„Der Kerl ist wie ein Vampir. Die ganze Nacht lang auf den Beinen. Aber ich frage mich, wieso du nicht zu Hause im Bett bist, Desiree?“

Den grimmigen Umständen zum Trotz wurde seine Stimme weicher bei der Erwähnung ihres Bettes, das er vor drei Monaten noch gern und häufig aufgesucht hatte, bis seine Abneigung gegen die mitternächtlichen Anrufe ihres Produzenten und seine Reibereien mit Desiree ihre Romanze beendet hatten.

„Ich bin Kriminalreporterin“, erinnerte sie ihn wie schon so oft in der Vergangenheit. Im Gegensatz zu jenen anderen Gelegenheiten jedoch, bei denen sie ihn meist angeschrien hatte, blieb ihre Stimme heute kühl. „Verbrecher halten eben leider keine Büroschlusszeiten ein.“

Sie schaute an ihm vorbei auf die dunkelhaarige junge Frau am Boden. Nein, berichtigte Desiree sich, keine Frau, sondern ein junges Mädchen an der Schwelle zum Erwachsensein. Jemand hatte es in eine Decke gewickelt; sein Gesicht war leichenblass, seine braunen Augen stark gerötet.

Ein Erschaudern durchzuckte Desiree. Ihr war, als hätte sie einen Blick in eins der Gräber getan, die sie umgaben. Dies hier war kein prickelnder Sex, wie sie ihn sich so oft in ihren Träumen ausmalte – dies war eine grobe, brutale Vergewaltigung.

Sie holte tief Luft. „Konnte sie euch eine Beschreibung des Angreifers geben?“

„Sie hat noch kein Wort gesagt.“ O’Malley fluchte. „Der Sanitäter sagt, sie stünde unter Schock.“

„Was nicht überraschend ist in ihrer Lage.“

„Nein“, stimmte er mürrisch zu. Im Gegensatz zu Desiree hatte er die Prellungen und Bisswunden des Opfers gesehen. „Das Mädchen kann froh sein, dass es noch lebt. Aber es wird uns keine große Hilfe sein. Einer meiner Männer hat versucht, mit der Kleinen zu reden, aber es war, als spräche er mit einer Wand.“

Desiree beobachtete, wie die Sanitäter das Mädchen zum Krankenwagen trugen. „Weißt du, was sie mitten in der Nacht hier auf dem Friedhof machte?“

„Sie ist eine Prostituierte. Einer der Streifenpolizisten sagte mir, dass sie bei den letzten drei Razzien erwischt wurde. Wahrscheinlich hat sie irgendeinen Kunden hergebracht, um ungestört zu sein.“ Er schaute sich zwischen den weißen Marmorgräbern um. „Ist ja schließlich nicht so, als ob sich die Bewohner hier durch den Lärm belästigt fühlen würden.“

Obwohl Desiree bei seinem gefühllosen Ton zusammenzuckte, wusste sie, dass sein Galgenhumor nichts als ein Versuch war, mit den grausamen und tödlichen Seiten des Lebens fertig zu werden. „Das werde ich veröffentlichen.“

Er zuckte mit den Schultern. „Tu, was du nicht lassen kannst. Das machst du ja sonst auch immer.“

Es war nicht der Moment, alte Streitfragen hervorzukramen. „War es derselbe Mann?“

Ein weiteres Schulterzucken. „Kann ich noch nicht sagen.“

Desiree sah die vertraute Barriere zwischen ihnen wachsen. „Aber der Modus operandi ist der gleiche?“

„Ich erinnere mich nicht, etwas über die Art seines Vorgehens gesagt zu haben.“

Mehr als fünf Worte gleichzeitig aus Michael Patrick O’Malley herauszulocken, war keine leichte Aufgabe. „Das Einzige, was du mir sagst, ist also, dass du mir nichts verraten wirst.“

„Du weißt bisher schon mehr als der Rest der Presse.“ Er schaute sich um und fluchte. Auch andere Reporter waren inzwischen eingetroffen. „Wenn man vom Teufel spricht …“

Er wandte sich an einen Streifenpolizisten in der Nähe. „Kolbe begleiten Sie Miss Dupree und ihren Kameramann hinter die Absperrung zurück. Das Interview ist beendet.“

„Komm, Michael“, lockte Desiree, „gib mir ein paar Fakten, und ich gehe freiwillig.“

Wie du gehst, ist nicht mein Problem. Nur dass du gehst.“

Da war er wieder, dieser flüchtige Ausdruck, der Desiree zu Bewusstsein brachte, dass sie nicht die Einzige war, die manchmal an vergangene Zeiten zurückdachte.

„Lass mich in Ruhe, Desiree“, sagte er ruhig. „Wenn ich dich bleiben lasse, muss ich auch diese Schakale dort hereinlassen. Und dann wird bald jede Spur, die ich mich zu bewahren mühe, zertrampelt sein.“

Darin, das musste sie zugeben, hatte er recht. „Können wir später reden?“

„Oh Gott, ich hatte schon vergessen, wie stur du sein kannst, wenn du dich in eine Story verbissen hast.“

„Ich will nur sichergehen, dass ich die richtigen Fakten habe. Wenn ein gewohnheitsmäßiger Vergewaltiger das Viertel unsicher macht, müssen die Leute es erfahren. Und wenn nicht, willst du doch sicher nicht, dass die Bürger von New Orleans in unnötige Panik versetzt werden.“

O’Malley wusste, wann er sich geschlagen geben musste. „Wenn ich es schaffe, treffe ich dich morgen früh um acht im Coffee Pot“, entgegnete er resigniert.

„Fantastisch! Ich lade dich gern zum Frühstück ein.“

„Kommt nicht infrage! Unsere Steuerzahler sollen nicht glauben, ihre Polizisten ließen sich mit Cajunsteaks und Pommes frites bestechen.“

„Doch nicht bei dir“, entgegnete Desiree. „Du gehörst zu den Unbestechlichen.“

„Vergiss das nicht“, versetzte er trocken. „Und jetzt verschwinde, bevor ich meine Autorität geltend mache.“

Desiree ließ sich von einem Beamten hinter die Absperrung zurückbegleiten. „Mach eine Aufnahme von den Schaulustigen“, forderte sie Sugar auf. „Danach können wir meinen Kommentar filmen.“

„Ein bisschen Lokalkolorit ist immer gut“, stimmte Sugar zu.

In der Hoffnung, jemanden zu finden, der etwas gesehen hatte, mischte Desiree sich unter die anderen Reporter. Sie ging gerade auf eine dicke Frau mit krausem, grauem Haar zu, als eine Bewegung am Rand der Menge ihre Aufmerksamkeit erregte.

Roman Falconer.

Nein, dachte Desiree, er kann es nicht sein. Obwohl sie wenig über die privaten Gewohnheiten berühmter Bestsellerautoren wusste, bezweifelte sie, dass sie dazu neigten, mitten in der Nacht die schäbigeren Stadtviertel zu durchstreifen.

Andererseits war es natürlich möglich, dass Falconer sich auf Themasuche für ein neues Buch befand. Da alle seine Romane von Mord und anderen Gewalttaten handelten, musste ein Vergewaltiger im Französischen Viertel ein gefundenes Fressen für ihn sein.

Er war groß und hager, und bei näherem Hinsehen bestand kein Zweifel mehr, dass der Mann, der sich so eindringlich auf dem Schauplatz des Verbrechens umsah, Roman Falconer war. Das erste Mal, als Desiree jene verwirrend blauen Augen aufgefallen waren, war vor fünf Jahren gewesen, als sie in einer Auslage auf Magazine Street einen Buchtitel mit seinem Porträt gesehen hatte.

Das letzte Mal hatte sie sein Gesicht heute Nacht gesehen, auf der Rückseite seines neuesten Bestsellers, der auf ihrem Nachttisch lag. Und wenn sie genauer darüber nachdachte, hatte der Pirat in ihrem Traum eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Kriminalschriftsteller aufgewiesen.

Ihre Blicke begegneten sich – Desirees fragend, Falconers düster und mit einem seltsam gehetzten Ausdruck.

Seine Kleidung – schwarze Lederjacke und schwarze Jeans – wirkte streng, abweisend und ließ ihn wie ein Geschöpf der Nacht erscheinen. Desirees ausgeprägte Fantasie verglich ihn sofort mit Jack The Ripper. Es fehlte nur noch ein bisschen Nebel, um das Bild zu vervollständigen.

„Hey! Ich weiß, wer Sie sind!“ Eine kräftige Stimme unterbrach den seltsam intimen Blickaustausch zwischen ihnen, und eine Frau packte Desiree am Arm. „Sie sind Desiree Dupree, die Fernsehreporterin!“

Dank Jahren der Erfahrung gelang es Desiree, einen gereizten Ton aus ihrer Stimme fernzuhalten. „Ja.“

„Wissen Sie, Sie sehen viel besser aus als im Fernsehen!“

„Danke.“ Desiree zwang sich zu einem Lächeln, bevor sie der Frau ihren Arm entzog und sich wieder nach Roman Falconer umdrehte.

Doch er war bereits verschwunden, rasch und lautlos, als hätte er sich aufgelöst in Rauch.

2. KAPITEL

Als Roman an diesem Abend zum zweiten Mal heimkehrte, schenkte er sich einen Drink ein und ging dann auf den Balkon. Dort beobachtete er, wie noch mehr Streifenwagen in Richtung Friedhof rasten. Die Verstärkung war unsinnig, das wusste er. Zu diesem Zeitpunkt der Ermittlungen würden all diese zusätzlichen Beamten höchstens die letzten Spuren am Schauplatz des Verbrechens zertrampeln.

Doch selbst Polizisten waren unter ihren Uniformen auch nur Menschen, die das gleiche krankhafte Interesse für Gewalt entwickelten wie Zivilisten. Die makabre Neugier, die heute Nacht so viele Menschen zum Friedhof getrieben hatte, erklärte auch die üblichen Verkehrsstockungen bei Verkehrsunfällen.

Während seiner Zeit als Staatsanwalt hatte Roman die Beobachtung gemacht, dass Qual, Leid und Tod die Menschen magisch anzogen. Je grausiger, desto besser. Seit er beschlossen hatte, lieber über Mörder zu schreiben, als sie zu verfolgen, hatte diese Kenntnis menschlicher Schwächen ihn zu einem reichen Mann gemacht.

Doch jetzt, im Zeitalter der „politischen Korrektheit“, wurden seine Romane wegen der Darstellung von Gewalt heftig kritisiert. Erst im vergangenen Monat hatte ein Senator aus den Südstaaten Ausschnitte aus Killing Her Softly im Kongressbericht zitiert und Roman der Verherrlichung von Mord und Vergewaltigung bezichtigt. Presseberichten zufolge hatte der Senator den Autor sogar beschuldigt, Amerika eigenhändig zu zerstören.

Roman hatte derartige Kritiken stets mit einem Achselzucken abgetan. Seine Romane waren pure Fiktion, mehr nicht. Nie hatte er das Bedürfnis empfunden, seine Arbeit zu verteidigen.

Bis die Serie von Vergewaltigungen im Französischen Viertel begonnen hatte.

Ein greller Schmerz zuckte hinter seinen Lidern auf, als er über die Dächer zu dem hellen Lichtschimmer hinüberschaute, der vom Friedhof aufstieg. Im vergangenen Jahr, während der Verfilmung von Jazzman’s Blues, waren einige der Szenen hier im Viertel gedreht worden.

Roman erinnerte sich, dass der Friedhof während der Aufnahmen auf die gleiche Weise beleuchtet worden war wie jetzt. Bei jener Gelegenheit allerdings war das Mordopfer aufgestanden, als die Szene abgedreht war, hatte sich das falsche Blut vom Gesicht gewischt und eine Zigarette angezündet, um sodann mit dem Rest des Teams zu den Jazzklubs auf der Bourbon Street aufzubrechen.

Unglücklicherweise würde es für das Opfer des heutigen Abends nicht so einfach sein, sich von dem Schrecken zu erholen. Roman verzog das Gesicht, stürzte den Rest des Drinks hinunter und ging hinein, um das Glas wieder aufzufüllen. Dabei erblickte er für einen Moment sein Spiegelbild im Fenster. Sein Gesicht, das schon immer kantig gewesen war, sah nun verzerrt und hager aus; sein Kinn war dunkel von den Stoppeln eines mehrtägigen Barts.

Er sah, gelinde gesagt, wie der Teufel aus.

Und der war er ja vielleicht auch.

Sein Blick glitt zum Computerbildschirm, zu der Szene, die er früher am Abend verfasst hatte, und in der es um einen Teenager ging, der gefesselt und geknebelt auf einem New Orleanser Friedhof lag. Die entsetzten Augen des Mädchens waren weit aufgerissen, ihre Züge gespenstisch weiß, während der schwarzgekleidete Mann unaussprechliche Dinge mit ihrem nackten jungen Körper anstellte.

Mit einem derben Fluch trank Roman das Glas aus und stellte den Computer ab. Dann trug er Flasche und Glas hinaus und verbrachte die einsamen Stunden vor dem Morgen damit, in düstere, unheilvolle Gedanken versunken zum Friedhof hinüberzustarren und sich in stiller Verzweiflung zu betrinken.

Es herrschte reger Betrieb im Coffee Pot. Desiree drängte sich durch die Menge zu einem Tisch am Fenster.

„Du siehst müde aus“, begrüßte sie O’Malley.

„Ich fühle mich sogar noch schlechter, als ich aussehe“, entgegnete er seufzend, stand auf und zog einen Stuhl für sie heran. Solch galantes männliches Verhalten war normal im Süden, und obwohl Desiree sich für eine emanzipierte Frau hielt, konnte sie nicht abstreiten, dass ihr diese Art von Höflichkeit in ihren Collegezeiten an der Ostküste sehr gefehlt hatte.

O’Malley hatte bereits Kaffee bestellt. „Du Armer“, sagte sie, lächelte mitleidig und berührte seine Wange. „Hattest du Schwierigkeiten mit dem Bürgermeister?“

O’Malleys Augen wurden schmal. „Woher weißt du das?“

„Du weißt so gut wie ich, dass die Büros der Politiker wie rostige Wasserhähne lecken.“

Er trank einen Schluck Kaffee und starrte in die Tasse. Desiree, die daran gewöhnt war, dass er seine Worte sehr bedächtig wählte, nippte an ihrem Kaffee und wartete geduldig.

„Was ich dir anvertraue, muss noch geheim bleiben“, warnte er.

Damit hatte sie gerechnet. „Einverstanden.“

„Ich meine es ernst, Desiree.“ Seine Miene war sogar noch grimmiger als in der Nacht zuvor. „Es könnte mich meinen Posten kosten, falls herauskommt, dass ich mit dir darüber gesprochen habe!“

„Ich sage nichts. Ich schwöre es“, versprach sie und legte die Hand aufs Herz, um die Stimmung etwas aufzulockern.

Doch ihre Bemühung blieb erfolglos. O’Malley verzog keine Miene. „Das letzte Opfer ist eine sechzehnjährige Ausreißerin aus Baton Rouge namens Mary Bretton.“

Desiree schloss einen Moment die Augen, um ein stummes Gebet zu sprechen für das junge Mädchen, das nur getan hatte, was sie selbst auch gern getan hätte, als sie in Marys Alter gewesen war. „Wie traurig“, sagte sie schließlich leise.

„Darin widerspreche ich dir nicht.“ O’Malley trank einen Schluck Kaffee. „Es ist derselbe Kerl.“

„Der die anderen drei Mädchen vergewaltigt hat?“

Die Ankunft der Kellnerin ließ ihn mit der Antwort zögern. Obwohl Desiree sonst nie viel zum Frühstück aß, schlug sie heute Morgen, weil sie nach der langen Nacht hungrig war und begierig, das Gespräch so lange wie möglich auszudehnen, sämtliche Diätvorschriften in den Wind. „Ein großes Glas Orangensaft, zwei Eier auf Kreolenart und Toast bitte. Mit Honig.“

Obwohl O’Malley die Augenbrauen hochzog über ihre ungewöhnlich große Bestellung, bemerkte er nichts dazu. „Ich hätte gern Tomatensaft und eine doppelte Portion callas“, sagte er zu der Bedienung.

Desiree nahm den Faden wieder auf. „Wenn du weißt, dass es derselbe Mann ist, muss das Mädchen dir doch eine Information gegeben haben.“

„Noch nicht.“ Er strich sich müde übers Haar. „Sie wurde hysterisch, als der Arzt sie untersuchen wollte. Sie haben ihr ein Beruhigungsmittel gegeben. Der Doktor meinte, sie hätte die Nacht aus ihrer Erinnerung verdrängt.“

„Woher willst du dann wissen, dass es derselbe Täter ist?“

„Der Modus operandi ist der gleiche. Er hat einen Tick, der Kerl.“

„Wirst du mir sagen, welchen?“

„Nein.“ Auf ihren enttäuschten Blick hin fügte er hinzu: „Nicht, weil ich dir nicht vertraue. Aber ich darf dir zu diesem Zeitpunkt wirklich noch nichts darüber verraten.“

Sie kannte ihn gut genug, um ihn nicht zu bedrängen. „Ich schätze, deine Leute haben mit den Prostituierten im Viertel gesprochen, um zu sehen, ob sie in letzter Zeit Kunden mit irgendwelchen Macken hatten?“

„Natürlich. Aber du weißt so gut wie ich, dass jede Dirne, die diesem Psychopathen entkommen sein mag, ihn vermutlich längst als Berufsrisiko abgeschrieben hat.“

Ihr Frühstück erschien. O’Malley stürzte sich auf seine callas – traditionelle Reiskuchen mit Butter und Sirup – mit dem Enthusiasmus eines Mannes, dem seine Henkersmahlzeit vorgesetzt wird.

Sie aßen schweigend, in Gedanken verloren, von denen Desiree annahm, dass sie der gleichen Richtung folgten. Einer der Gründe, warum sie und der Kriminalbeamte sich einst zueinander hingezogen gefühlt hatten, war ihre fast unheimliche geistige Übereinstimmung gewesen.

Nur leider nicht hinsichtlich ihrer Berufe. Michael Patrick O’Malley war nicht ohne Narben in seiner gefährlichen Laufbahn davongekommen. Ein jugendlicher Ladenräuber hatte ihn eines Abends, als der Detective Zigaretten kaufen wollte, in einem Tabakwarenladen auf der St. Peter’s Street in den Arm geschossen.

Als Desiree in der Klinik eingetroffen war, hatte O’Malley den Vorfall mit einem Achselzucken abgetan und gesagt, er betrachtete ihn als Beweis dafür, dass Rauchen tatsächlich sehr schädlich für die Gesundheit war. Mit der eisernen Willenskraft, die sie so an ihm bewunderte, hatte er noch in derselben Nacht sein zehnjähriges Laster aufgegeben.

Und doch, obwohl er seine eigenen Risiken auf die leichte Schulter nahm, war er nicht bereit gewesen, ihr die gleiche Freiheit zu gewähren, und hatte nie verstanden, wieso eine Frau ihre Zeit damit verschwendete, über Verbrechen zu berichten.

Während einer besonders denkwürdigen – und lauten – Auseinandersetzung hatte er sie gefragt, warum zum Teufel sie sich nicht damit zufriedengeben konnte, über Ereignisse wie etwa die Geburt eines Löwenbabys zu berichten.

Worauf sie aufgebracht entgegnet hatte, warum er nicht seine Dienstmarke abgab, einen Job als Politesse annahm und Falschparkern am Jackson Square ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Seidig wie der Tod" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen