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Seid ihr Charlie?

1. Habib

Nach den Attentaten hat Habib sich den Bart abrasiert. Man weiß ja nie, sagt er, nimmt seine blaue Mütze vom Kopf und legt sie auf den hübsch im Bauernstil getäfelten Holztisch vor sich. »Ah, c’était pas toi, ça?«, fragten ihn seine Kunden. »Das warst aber nicht du, oder?« Irgendeine Anspielung mussten sie ja über den arabischen Hintergrund der Täter machen. »Sie taten so, als machten sie einen Witz«, sagt Habib und schweigt. »Aber da schwingt mehr mit.«

Es ist Sonntag – nur vier Tage nach dem Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo. Die Verfolgungsjagd auf die Täter ging erst vorgestern am Abend zu Ende, mit den beiden Geiselnahmen in einer Papierfabrik und einem jüdischen Supermarkt. Insgesamt sind siebzehn Menschen ums Leben gekommen. Das ganze Land ist noch im Schockzustand.

Das Café, in dem ich bis soeben auf Habib gewartet habe, ist wie ausgestorben. Nur von der Straße hallt dumpf Stimmengewirr durch die dicken Fensterscheiben, ab und zu hört man anfeuerndes Klatschen, Pfiffe. Sorgfältig bettet Habib, groß und sportlich, seine randlose Brille auf die Mütze. Jetzt erst setzt sich der 41-Jährige. Viermal sei er von der Polizei kontrolliert worden auf dem Weg von der Metrostation hierher, sagt er, daher die Verspätung. »So viel zum Thema Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit.« Er guckt aus dem Fenster.

Zehntausende Menschen drängen sich durch die Pariser Innenstadt, vor dem Fenster schiebt sich eine einzige Menschenmasse entlang. Viele halten Banner hoch: »Je suis Charlie.« Blau-weiß-rote Fahnen wehen im Wind, vereinzelt auch die anderer Nationen.

Ich bin am Tag zuvor in Paris angekommen. Als ich die Gare du Nord erreichte, spürte ich sofort den Ausnahmezustand, der sich über alles gelegt hatte. Es wirkte, als würde die ganze Stadt hyperventilieren, als stehe das ganze Land unter Schock.

Auch heute, am Tag der Großdemonstration, liegt die Aufgeladenheit der Gemüter wie ein elektrisches Surren über der Pariser Innenstadt. Und alle reden nur von Charlie. Wohin man auch blickt, überall steht weiß auf schwarz: »Je suis Charlie.«

»Je suis Charlie« als gigantische Banner an den Kaufhäusern, »Je suis Charlie« auf DIN4-Papier ausgedruckt in den Schaufenstern der Friseursalons, in den Kneipen und Bäckereien. »Je suis Charlie« als Schmiererei an den Häuserwänden und in den U-Bahn-Schächten. »Je suis Charlie« auf den Titelseiten der Zeitungen und überall im Fernsehen und im Internet. Und »Je suis Charlie« – spätestens heute, bei der Demo – als Anstecker millionenfach an der Kleidung der Menschen.

Heute soll der Tag der Einigkeit sein. Der große »Marsch der Republik« geht genau in diesen Minuten los, während Habib und ich uns treffen. Wir hatten beide nicht an die Demo gedacht, als wir uns am Samstagabend für Sonntag um 15 Uhr an der Metrostation Strasbourg Saint-Denis verabredeten. Doch am Tag des Marsches gab es kein Durchkommen mehr, nicht einmal in der Nähe einer Metrostation, die mehr als einen Kilometer vom offiziellen Startpunkt der Demo entfernt ist. Eineinhalb Stunden lang haben Habib und ich versucht, uns in der Menge zu finden. Die Handynetze brachen immer wieder zusammen. Schließlich floh ich aus der Kälte, fand das Café und lotste Habib hierher.

So betrachten wir jetzt die nationale Demonstration der Einigkeit aus dem Warmen. Die ganze Nation soll ihre Solidarität mit den Opfern demonstrieren, gegen Intoleranz und für die Pressefreiheit und die Werte der Republik.

Habib schüttelt den Kopf. Er spürt nichts von der Einigkeit, die seine Regierung seit den Attentaten immer wieder proklamiert. Im Gegenteil: Als in Frankreich lebender Muslim fühlt er sich noch mehr in die Ecke gedrängt als vorher. Er hat nicht eine Sekunde daran gedacht, am Marsch teilzunehmen. Massenmobilisierung sei das. Als würden sie das Volk auf irgendetwas vorbereiten. »Vielleicht wollen sie wieder irgendwo einmarschieren?«, er lacht spöttisch.

Die ganze Aufregung scheint ihn zu nerven. »Warum müssen wir uns rechtfertigen, nur weil wir Muslime sind?« In den vier Tagen zwischen dem Anschlag und der heutigen Demonstration hat der Ausdruck »amalgamer« in den Wortschatz der Medien gefunden, der französische Begriff für »alle über einen Kamm scheren«, der in diesem Fall davor warnen soll, den Islam mit Terror gleichzusetzen. Längst warnen Intellektuelle und Politiker die Franzosen vor dem kollektiven Misstrauen gegenüber Muslimen, von denen es zwischen fünf und sechs Millionen in Frankreich gibt. Das entspricht fast zehn Prozent der Bevölkerung. Es ist die größte muslimische Population Europas.

Dabei ist kein Geheimnis, dass ein großer Teil der Franzosen den muslimischen Mitbürgern schon vor den Anschlägen misstraute; laut einer von der Zeitung Le Figaro 2012 in Auftrag gegebenen Studie nehmen fast die Hälfte der Franzosen die Präsenz der Muslime in Frankreich »eher als Bedrohung« wahr – und nicht als Chance für kulturellen Austausch.

Der radikalislamische Hintergrund der Attentäter Chérif und Saïd Kouachi hat die Debatte über den Islam und die Rolle der Muslime in der Gesellschaft verschärft. In einer Analyse für die aktuelle Wochenendausgabe von Le Monde teilt der Politikwissenschaftler Olivier Roy den landesweiten Diskurs in zwei Lager auf: Die Mehrheit der Bevölkerung, schreibt er, glaubt, dass Terrorismus ein Ausdruck des »wahren Islam« sei und dass alle Muslime quasi von Natur aus in ihrem Unbewussten einer radikalen Logik folgen, die sie letztlich anpassungsunfähig macht. Die zweite Gruppe, die antirassistische Minderheit, ruft unter dem Slogan »not in my name«, nicht in meinem Namen, in Erinnerung, dass der Islam nichts mit Terrorismus zu tun hat und dass er auch beim Anschlag auf Charlie Hebdo unter falschen Prämissen vertreten wurde.

Klar ist: Die Anschläge auf die bekannten Karikaturisten der satirischen Zeitung wurden in Frankreich als Angriffe auf einige der höchsten Werte der Republik verstanden: Meinungsfreiheit. Pressefreiheit. Überhaupt, Freiheit! Die Anschläge waren in den Augen eines Großteils der Bevölkerung Angriffe auf die »westliche« Welt.

Vereinigt euch!, riefen die Politiker und Intellektuellen der Republik darum in den vergangenen Tagen ihr Volk auf. Aber dieser Aufruf erreichte keineswegs alle gleichermaßen. Denn: Einigkeit, schon über das Wort kann Habib nur lachen. Hört man dem 41-Jährigen zu und sieht zugleich die homogene mitteleuropäische Masse auf der Straße draußen, dann stellen sich zwei Fragen: Wer ist überhaupt dieses französische Volk, das heute auf die Straße geht? Und: Gegen wen vereinigt es sich?

Und so gerät der Marsch nicht zu einer Demonstration der Einigkeit, sondern zu einer Demonstration der tiefen Gräben, die in der französischen Gesellschaft aufklaffen.

Die Attentate auf Charlie Hebdo haben etwas aufgewirbelt, was in der multikulturellen Gesellschaft, die Frankreich ist, schon länger geschwelt haben muss. Etwas, was mit den jahrzehntelangen Einwanderungsströmen, mit dem Erbe der Kolonialpolitik und mit nicht geglückten Intergrationsmaßnahmen zu tun hat. Alles, das merke ich in diesen Tagen im Januar stärker als jemals zuvor, explosive Themen hier.

Es ist noch immer eine traurige Realität, dass die sozial Schwächsten der Gesellschaft, Franzosen wie Einwanderer, in bestimmte Gebiete abgedrängt sind, manche sagen auch: gettoisiert sind. Der Begriff »Banlieue« ist für viele zu einem Synonym für Misere und Armut geworden, für brennende Reifen und vermummte Jugendliche. Probleme, für die Frankreich seit Jahrzehnten nach Lösungen sucht.

Dabei sind die Banlieues in großen Teilen ganz normale Vorstädte, in denen die untere Mittelklasse wohnt, Menschen, denen das Leben in der Stadt entweder zu teuer oder zu schnell geworden ist. Auch wenn aber an vielen Orten viel Geld in Infrastruktur gesteckt wird, in Schwimmbäder, Bibliotheken und Schulen – es gibt sie, die Gegenden, in denen jedes Vorurteil wahr ist.

Diese ZUS, Zones Urbaines Sensibles, genannten »heiklen städtischen Zonen« sind ein Problem, das jedem Franzosen nur zu gut bewusst ist. Das ist spätestens seit 2005 so, als Unruhen in den Banlieues des ganzen Landes dazu führten, dass die Regierung den Ausnahmezustand ausrief.

Während sich draußen die Demonstranten vorbeischieben, erzählt Habib, dass er in einer dieser »stereotypen Banlieues«, wie er sie nennt, großgeworden ist, in einer Cité in Nanterre, einem Vorort nordwestlich von Paris. Cités sind die Plattenbauten, horizontal und vertikal, die in den Siebzigerjahren für die Industriearbeiter gebaut wurden. Heute gibt es längst nicht mehr so viele Arbeiter. Dafür aber »80 Prozent Ausländeranteil«, so Habib über die Cité, in der er aufwuchs. Wie man sich das eben vorstelle. All die Yasminas und Ahmeds und Tariks lebten dort, sagt er.

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