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Seht, ich schaffe Neues

Christian Hennecke / Birgit Stollhoff

Seht, ich schaffe Neues –
schon sprosst es auf

Lokale Kirchenentwicklung gestalten

Christian Hennecke
Birgit Stollhoff

Seht,
ich schaffe
Neues – schon
sprosst es auf

Lokale Kirchenentwicklung gestalten

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Lokale Kirchenentwicklung?

1. Kapitel: Lokale Kirchenentwicklung – eine Vision?

2. Kapitel: Lokale Kirchenentwicklung – eine Erfolgsgeschichte

a) weltweit

b) ökumenisch

c) im Bistum Hildesheim

3. Kapitel: Lokale Kirchenentwicklung – ein Umdenken

4. Kapitel: Lokale Kirchenentwicklung – ein Prozess

a) im Bistum

b) in der Pfarrei

c) Beteiligte vor Ort

d) konkrete Schritte vor Ort

e) Charismen und Kommunikation

f) Höhen und Tiefen

5. Kapitel: Lokale Kirchenentwicklung – eine Hoffnung?

Lokale Kirchenentwicklung in Bildern

1. Die Versorgerkirche

2. Die Kirche der Helfer

3. Das Erwachen der Kirche

4. Die Kirche als Gemeinschaft der Dienenden

5. Sich lokal entwickelnde Kirche

Weitere Informationen

Links

Quellen

Vorwort:
Lokale Kirchenentwicklung?

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Ein geistlicher Prozess

Unkompliziert, nah bei den Menschen, offen für neue Ideen – so ist mein erster Eindruck als Süddeutsche im Diaspora-Bistum Hildesheim.

Der Begriff „Entwicklungen“ ist hier wichtig, Weltkirche, Ökumene und Mission sind auch zentrale Worte, die im Zusammenhang mit Kirche immer wieder fallen.

Ich lerne den Leiter des Fachbereiches Missionarische Seelsorge, Dr. Christian Hennecke, kennen und wir beginnen ein gemeinsames Filmprojekt – eine Dokumentation über „Aufbrüche in der Kirche“. Ich nehme am Kongress Kirche2 teil und vernetze mich auch über die Sozialen Medien im Bistum – immer noch beeindruckt von der Leichtigkeit, mit der dies alles möglich ist.

Im Laufe der Zeit höre ich den Begriff „lokale Kirchenentwicklung“ immer wieder. Es ist der zentrale Schlüsselbegriff hinter allen Entwicklungen im Bistum Hildesheim. Aber noch kann ich ihn nicht einordnen. Ist lokale Kirchenentwicklung nur ein Pastoralkonzept unter mehreren? Es wird viel von Gaben und Taufwürde geredet – wie passt das in den Ansatz? Was bedeutet „lokale Kirchenentwicklung“ im weltweiten Kontext? Ich frage viel und erhalte viele Antworten zu einzelnen Aspekten.

Ich habe Dr. Christian Hennecke gebeten, mir doch „lokale Kirchenentwicklung“ einmal umfassend zu erklären. Aus dieser Bitte kamen wir auf die Idee, ein Buch zu verfassen, das lokale Kirchenentwicklung systematisch und gleichzeitig leicht verständlich erklärt.

1. Kapitel:
Lokale Kirchenentwicklung –
eine Vision?

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Das Evangelium allen bezeugen

Herr Dr. Hennecke, was ist lokale Kirchenentwicklung?

Ich glaube, dass lokale Kirchenentwicklung zuerst und vor allem eine neue Art und Weise des Wahrnehmens ist, eine Art und Weise, neu zu verstehen, was Kirche eigentlich ist und wie sie sich entwickelt.

Ich möchte das deutlich machen an einem biblischen Wort, das den Auftakt zur lokalen Kirchenentwicklung in unserem Bistum begleitet hat. In diesem Wort spricht Gott durch den Propheten Jesaja zu seinem Volk und sagt:

„Schaut nicht mehr auf das, was vergangen ist. Denkt nicht mehr an das, was längst vorüber ist. Seht, ich schaffe Neues, schon sprosst es auf. Merkt ihr es nicht?“

Hier wird sehr sichtbar, was die Grundhaltung lokaler Kirchenentwicklung ist:

„Schaut nicht mehr auf das, was längst vergangen ist …“

Wir beurteilen kirchliche Entwicklung in der Regel oft auf dem Hintergrund, wie es früher war und wie es heute nicht mehr ist. Also: „Es gehen nicht mehr so viele Menschen zur Kirche. Wir haben nicht mehr so viele Priester. Wir haben manchmal nicht mehr so viel Geld und so weiter. Es ist alles anders, als es früher war.“ Und das bewerten wir tendenziell negativ und lange Zeit haben wir die Entwicklung der Kirche in unserem Land eher unter dem Stichwort des Niedergangs gesehen. Das Wort des Jesaja lädt ein, anders auf die Wirklichkeit zu schauen, und zwar mit den Augen des Glaubens, ja man könnte fast sagen: mit den Augen eines Menschen, der daran glaubt, dass Gott heute, in dieser Zeit – wie zu allen Zeiten – agiert und handelt und dass es darum geht zu entdecken, was er heute tut, wie er heute in der Menschheit gegenwärtig ist und wie er heute sein Volk sammelt.

„Seht, ich schaffe Neues, schon sprosst es auf.“

Und das verweist uns auf unsere Gegenwart: „Merkt ihr es nicht“, fragt der Prophet, „was sich in diesem Umbruch ereignet? Was schon geschieht? Es entsteht Neues, auch ohne dass wir etwas Großes getan hätten. Es ist schon eine Entwicklung im Gange. Die erste Frage lokaler Kirchenentwicklung heißt: Schauen wir doch mal hin, was hier tatsächlich passiert, was in unserer Gesellschaft geschieht, aber auch was sich in unserer Kirche an Verwandlung schon ereignet hat und was an neuen Aufbrüchen vorhanden ist.“

Und was sehe ich, wenn ich auf eine Gemeinde schaue, die die lokale Kirchenentwicklung umgesetzt hat? Was ist das „Zielbild“? Lokale Kirchenentwicklung umsetzen – das ist nicht ein Fingerschnips und auch nicht eine einfache Umsetzung von Vorgaben. Es geht doch um viel mehr. Es ist ein Wandlungsprozess und braucht deswegen einen langen Weg. Aber wohin führt der? Das ist ja die Frage. Eine Pfarrei, die sich auf einen solchen Prozess lokaler Kirchenentwicklung eingelassen hat, wird einen fundamentalen Blickwechsel vollzogen haben: Die Christen vor Ort werden einen neuen Blick auf die Welt und ihre Zeitgenossen werfen. Sie werden ihren Blick abgewandt haben von den klassischen Strukturfragen und für sich selbst neu verstehen, dass sie Kirche sind. Konkret heißt das dann: Lokale Kirchenentwicklung beginnt mit einem neuen Blick auf die „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, besonders der Armen jedweder Art“ (Gaudium et spes 1), also ganz konkret und vor Ort mit der Frage, wer die Menschen sind, mit denen wir leben, was sie bewegt, was ihre Not ist und wie wir Christen uns einbringen können. Aus der konkreten Sendung wächst Gemeinschaft, sicherlich in ganz verschiedenen Formen und Weisen – Gemeinschaft, die aus dem Evangelium lebt und sich in Christi Gegenwart weiß und aus dieser Gegenwart schöpft. So entsteht dann wirklich so etwas wie ein Netzwerk vieler unterschiedlicher kirchlicher Orte, vieler unterschiedlicher kirchlicher Entwicklungen, wo wir das Evangelium verkünden. Die Menschen, die zur Kirche an diesem Ort gehören, verstehen sich als Protagonisten dieser Entwicklung. Die Gemeinde wird auch daran erkennbar sein, dass ihre Mitglieder das Selbstbewusstsein haben, dass sie als Getaufte und Gefirmte, als Gemeinschaft der Gläubigen am Ort, alle Gaben in sich tragen, um die Sendung der Kirche zu leben. Die Gemeindemitglieder werden sich ihrer eigenen Würde bewusst sein, ihrer eigenen Gaben, ihrer eigenen Verantwortung, und zwar nicht im Sinne von „Du musst jetzt endlich mal die Ärmel hochkrempeln!“, sondern aus der Haltung: „Wir trauen uns zu, dass wir Kirche sind hier am Ort.“ Das führt zu einem neuen Verständnis des priesterlichen Dienstes und auch des Dienstes der kirchlichen Berufe. Sie machen dieses tiefe geistliche Verstehen von Sendung und Gemeinschaft möglich: immer wieder neu an die Zielperspektive des Reiches Gottes inspirierend zu erinnern, immer wieder neu durch die Feier der Sakramente zu ermöglichen, dass die Christen „genährt“ werden – und angesichts der wachsenden Vielfalt jenen Dienst der Einheit zu tun, der entdecken lässt, dass die Kirche vor Ort eingewoben ist in die Orts- und Weltkirche.

Lokale Kirchenentwicklung ist im Ergebnis nicht nur eine Verwaltungs- oder Strukturentwicklung. Sie ist auch keine Mangelverwaltung, sondern eine genuine Entfaltung dessen, was aus der Kraft des Evangeliums an Potentialen an diesem Ort da ist. Kirche ist dann nicht mehr irgendeine Institution, irgendeine Struktur, sondern ist das Leben, das wir miteinander teilen, in deren Mitte Christus lebt, der uns die Wege zeigt – und die natürlich eine angemessene strukturelle Gestalt braucht.

Stellen wir uns einmal vor, es ist das Jahr 2030 und die lokale Kirchenentwicklung ist überall umgesetzt. Wie sieht das Bistum Hildesheim aus?

2030 werden wir, wie es aussieht, sehr wenig Priester haben und eine begrenzte Anzahl von Hauptberuflichen. Die Pfarreien werden recht groß sein, aber innerhalb dieser Pfarreien wird es an sehr unterschiedlichen Orten zur Bildung von sehr unterschiedlichen Gemeinschaftsformen und Gemeindestrukturen kommen. Neben bewährten Gemeinden werden neue Gemeindeformen entstanden sein. Wir werden eine ganze Reihe von institutionellen Orten, etwa Einrichtungen der Caritas und Kindergärten, haben, die wesentlich für die Verkündigung des Evangeliums sind. Ich stelle es mir eigentlich sehr vielfältig vor: als ein Netzwerk sehr unterschiedlicher Orte. Das lässt sich ja heute schon entdecken

Wo Menschen sind, die leidenschaftlich mit einer Vision unterwegs sind und die so gemeinsam entdecken, wozu sie heute da sind, da wächst Kirche. Immer, zu allen Zeiten. Ich glaube, dass die Chancen für das Christentum bis zum Jahr 2030 eher wachsen, in dem Maß, in dem wir offen und verwurzelt sind in der Wirklichkeit und indem wir zugleich tiefer verwurzelt sind in Jesus Christus. Da wo diese beiden Akzente, dieses Dienen in der Welt, das „Mit-den-Menschen-Sein“ und das „Mit-Christus-Sein“, sich ereignen, da, glaube ich, haben wir große Chancen.

Und die heilige katholische Kirche insgesamt wird durch die lokale Kirchenentwicklung …?

Die wird mehr sie selbst! Mehr das wandernde Gottesvolk auf dem Weg zum Heil im Wissen um die Gegenwart Gottes. Kirche wird mehr Zeichen und Werkzeug einer Gemeinschaft der Einheit, die sich mit Freude in die Lebensbereiche aller Menschen hineinbegibt und so dient.

2. Kapitel:
Lokale Kirchenentwicklung –
eine Erfolgsgeschichte

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Ökumene der Sendung

a) weltweit

Herr Dr. Hennecke, wer hat die lokale Kirchenentwicklung erfunden?

Lokale Kirchenentwicklung ist ein Weg, den die Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil weltweit in unterschiedlicher Weise geht. Erfunden ist deshalb ein schwieriges Wort. Wir haben es hier bei uns im Bistum entdeckt, aber die Wirklichkeit dahinter ist eine, die sich seit etwa 40, 50 Jahren weltweit ereignet. Sie ist entstanden aus einer Herausforderung, die nach dem Konzil immer deutlicher wurde. Papst Paul VI. hat zum Beispiel gesehen, dass die klassische Form der Pastoral in Lateinamerika nicht funktionieren kann. Schon damals gab es in Lateinamerika riesige Pfarreien, und der Papst sagte den Bischöfen: „Die klassische Pastoral, so wie ihr sie macht, so eine zentrale Pfarrpastoral, das kann bei euch nicht funktionieren. Müsst ihr nicht eher darauf schauen, dass die Menschen, die in den Stadtteilen, in den Ortschaften eurer großen Pfarreien sind, lernen, Kirche zu sein aus der Kraft ihrer Berufung und ihrer Taufe?“ Diese Entwicklungsmöglichkeit haben die lateinamerikanischen Bischöfe aufgenommen. Sie griffen Impulse von Erneuerungsbewegungen auf und so entstanden die kirchlichen Basisgemeinden. Das war also kein Prozess von unten, sondern ein Prozess, den die Bischöfe initiiert haben, weil ihnen deutlich wurde: Kirche kann immer nur in Beziehungsräumen leben. Kirche kann nicht anonym eine riesige Menge Menschen sein. Natürlich haben wir in Gottesdiensten manchmal tausende von Menschen, aber das alltägliche Leben dieses Kircheseins spielt sich da ab, wo die Menschen leben, in ihren Bezügen, in ihren Beziehungen. Das war einer der Ausgangspunkte.

Ein zweiter Ausgangspunkt zeigte sich zur selben Zeit in Afrika. Schon vor dem Konzil hatte es Versuche etwa im Kongo gegeben, Kirche von einer zentralisierten „Komm-Struktur“ zu einer Lebensgestalt in den örtlichen Beziehungsräumen zu transformieren. Mit Erfolg. Die afrikanischen Bischöfe kehrten vom Zweiten Vatikanischen Konzil zurück und sagten: „Das ist ja alles prima, wie die Europäer Pastoral gestalten, aber das werden wir nie so können wie die. Die klassische Missionspfarrei wird nie eine europäische Pfarrei werden. Aber was können wir tun? Wir können örtliche Gemeinden ermöglichen und sie darin fördern, aus dem Wort Gottes zu leben.“

Damit griffen beide Episkopate, die lateinamerikanischen und die afrikanischen, Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils auf und entwickelten Schritt für Schritt eine Kultur, die es den Christen ermöglichte, Kirche im Lebensraum und im Beziehungsraum zu gestalten.

Durch viele Missionare, die weltweit agieren, ist das dann ein Prozess geworden, der ganze Bischofskonferenzen in Asien, Afrika und Lateinamerika immer wieder beschäftigt hat. Dieser Prozess der Entwicklung von Pfarreien zu einer Gemeinschaft von Gemeinden, deren Mitglieder aus der Kraft ihrer Taufe leben, ist natürlich ein langwieriger Prozess. Basisgemeinden kann man nicht einfach so einteilen, sondern man muss sie gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickeln, damit sie selbst entdecken können: Wir sind Kirche, wir leben aus der Heiligen Schrift, wir teilen unser Leben aus dem Glauben miteinander in dem Lebensraum, indem wir sind – und wir fragen: „Welches ist unser Dienst, unsere Sendung hier an diesem Ort?“

Beschreiben Sie so eine Basisgemeinde.

Das ist eigentlich immer sehr schlicht und einfach. Nehmen wir mal ein Stadtviertel in einer großen Stadt in den Philippinen. 200, 300 Familien gehören zu diesem Bereich. Und in diesem Bereich wird dann durch Initiative des Pfarrers und des Pastoralrates ein Weg gesucht, wie Kirche im Nahraum entwickelt werden kann. Da gibt es Menschen, die dann sagen: „Zuerst einmal lasst uns hier in diesem Stadtviertel Gemeinschaft werden. Was verbindet uns? Was bewegt uns? Was sind unsere Herausforderungen? Und wie können wir miteinander wirklich auf den Weg kommen? Wie können wir aus dem Evangelium leben? Und so beginnt ein Prozess, der Kreise zieht. Und dann wächst im Nahraum Kirche: Wir treffen uns und lesen das Evangelium miteinander. Wer kommt, ist herzlich eingeladen. Wir sorgen uns um die Armen, die hier sind und die wir alle kennen.

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