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Sehschlachten

1
Lachlan O’Neill schaute übers Wasser

Lachlan O’Neill schaute übers Wasser von Sydney Cove. Es war hellgrün, nur die Bugwellen der ein- und ausfahrenden Fährschiffe wurden von der Vormittagssonne in glänzendes Weiß getaucht. Von Wharf 3 legte gerade die »Freshwater« ab. Sie würde sich gleich vorbeischieben, einige Wellen gegen die Kaimauer schwappen lassen und nach Steuerbord drehen, um hinter den Dachmuscheln des Opera House zu verschwinden. Sie würde Kurs auf Manly nehmen, vorbei an Fort Denison, und Taronga Zoo am Nordufer links liegen lassen, Nielsen Park rechts. Vor Middle Head würde der Seegang rauher werden, wenn der Pazifik seine Wellen in den Hafen hereinschickte. Ein paar Spritzer würden aufs Vorderdeck schlagen, ein paar Touristinnen würden einen schnellen Schritt zurück tun und angesichts der Gischtspritzer auf ihren T-Shirts einen verhalten erschrockenen Gesichtsausdruck aufsetzen. Die Surfer auf dem Weg zu Manlys Ocean Beach würden einen Mundwinkel geringschätzig hochziehen, einander wissende Blicke zuwerfen und ihr Brett unter den anderen Arm klemmen. So weit war alles in Ordnung.

Einen Moment lang sah sich O’Neill selbst auf dem Surfbrett liegen, weit draußen, bevor die Wellen ins Weiße umkippten, sah sich, wie er den Kopf hob und in den Ozean hinaus spähte, um die Welle rechtzeitig zu sehen, die große Welle, die Jahrhundertwelle, auf die sie alle immer warteten und hofften. Vielleicht könnte er am Abend noch schnell hinausfahren, nach Dienstschluß. Wenn er pünktlich Schluß machen konnte. Wenn nichts Unvorhergesehenes passierte. Es konnte immer etwas Unvorhergesehenes passieren. O’Neill war Kriminalpolizist. Er lehnte sich ans Geländer des Kais und sah an sich hinab. Er trug ein weißes T-Shirt der Größe XL, Shorts und seine Joggingschuhe. Über der rechten Schulter hing die Kamera, eine Hasselblad, in der kein Film war.

O’Neill war ein Detective, der hoffte, wie ein Tourist auszusehen. Zumindest für die anderen. Sich selbst könnte er nicht täuschen. Er würde sofort erkennen, wenn sich jemand als Tourist nur herausgeputzt hätte. Denn ein echter, ein authentischer Tourist sieht nicht nur wie ein solcher aus, er bewegt sich auch in einer ganz unverwechselbaren Weise. Langsamer als Geschäftsleute, doch nicht so gemächlich wie die einheimischen Rentner, die nur im Sonnenschein spazierengehen wollen. Sein Kurs ist weniger zielstrebig als der von Hausfrauen beim Einkaufen, doch beileibe nicht beliebig. Nie geht er lange geradeaus, nie promeniert er auf und ab. Wie durch Magneten wird der Tourist von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt gezogen, entlang einer Zickzacklinie, die aufs Pflaster zu zeichnen sich O’Neill ohne weiteres zutrauen würde. Am deutlichsten erkennt man einen Touristen jedoch an seiner Art zu schauen, an seinen Foto- und Panoramablicken, an seiner Vorliebe für das Ferne und die oberen Etagen der Stadt, an seinem zufriedenen passiven Schauen, das nicht durch prüfende Gedanken getrübt wird.

Zumindest war das hier so, in O’Neills Revier, am Circular Quay, mitten in Sydney, dem Gateway Australiens, am schönsten Hafen der Welt, der sich heute in der klaren Morgensonne von seiner besten Seite zeigte: gelassen, jung, sportlich, selbstbewußt, lebenslustig. Einfach schön.

Es war O’Neills Revier. Er hatte dafür zu sorgen, daß die Touristen hier unbehelligt promenieren und den schönsten Hafen der Welt bewundern konnten. Daß sie stehen konnten, wo er jetzt stand, und in Ruhe den Blick schweifen lassen konnten über den riesigen Bogen der Harbour Bridge, über das Hin und Her der Fähren und Sightseeing-Boote, über Akrobaten und Musiker an der Uferpromenade, die mit ihren Vorführungen ein paar Dollar zu machen versuchten, und über die Skyline Sydneys, die hinter den Kaianlagen aufragte. Jeder sollte sich in Ruhe und Frieden satt sehen können, sollte das Leben mit seinen Augen einsaugen können, einschlürfen wie Austern, denn es war schön hier, es war der schönste Fleck, den O’Neill kannte. Er würde dafür sorgen, daß das so blieb. Er war für Sicherheit und Ordnung zuständig. Es gab keine Schönheit ohne Harmonie, und keine Harmonie ohne Sicherheit und Ordnung. Dessen war sich Lachlan O’Neill sicher. Das war der Sinn seines Jobs. Und sein Job bestand im Moment darin, als angeblicher Tourist am Circular Quay East zu stehen und seine Augen offenzuhalten. Er war im Dienst. So weit war alles in Ordnung.

Detective O’Neill ließ seinen Blick über die dicht gedrängten Häuser der Rocks am gegenüberliegenden Ufer wandern, Sandstein und Ziegel, von denen das Sonnenlicht warm zurückflutete, über die Rasenflächen vor dem Museum, aus deren Grün schon die ersten Gruppen von Picknick-Enthusiasten hervorstachen. Seitwärts schmiegten sich die Anlegestellen der Fähren ans Wasser, und weiter links kam die Promenade ins Bild, auf der Touristen und Schulklassen in seine Richtung und an ihm vorbei zur Oper pilgerten. O’Neill brauchte gar nicht bewußt hinzusehen, er kannte alles zu genau, er würde spüren, wenn etwas anders als sonst wäre, anders, als es sein sollte. Er nahm keine Einzelheiten wahr, keine Umrisse, keine Fassaden, keine Schiffe, keine Menschen, keine Gesichter, er nahm eine Stimmung auf, den Zusammenklang all dessen, und maß ihn unwillkürlich daran, wie es zu sein hatte. Vielleicht nahm er ganz ähnlich wahr wie die Touristen. Vielleicht könnte er sich doch nicht von einem echten Touristen unterscheiden. Er war ein ziemlich authentischer Tourist. Er war vielleicht der beste falsche Tourist, der sich je am Circular Quay herumgetrieben hatte. Er war ein guter Polizist.

O’Neill nahm die Hasselblad, in der kein Film war, von der Schulter, visierte das Stahlskelett der Harbour Bridge an und drückte auf den Auslöser. Es klickte. O’Neill hängte die Kamera wieder um. Fünf Touristen war in den vergangenen fünf Tagen die Kamera gestohlen worden. Eine pro Tag. Die Methoden waren unterschiedlich gewesen, konnten jedoch alle unter den Tatbestand des Trickdiebstahls gefaßt werden. Mal hatten die Opfer von zwei Tätern gesprochen, mal von einem. Mit den Täterbeschreibungen war nicht viel anzufangen, wenn man davon absah, daß die Betroffenen übereinstimmend von Jugendlichen gesprochen hatten. Fünf Tage, fünf Diebstähle. Heute war der sechste Tag. Nicht, daß O’Neill den Diebstahl von Fotoapparaten für den Kulminationspunkt zeitgenössischen Verbrechens hielt, aber daß ein paar Jugendliche Circular Quay, sein Revier, ungeniert zu ihren Jagdgründen erklärten, das ging dann doch zu weit.

O’Neill wandte sich um und drehte dem Hafenbecken von Sydney Cove seinen Rücken zu. Eine Gruppe von Japanern, die alle die gleichen dunkelblauen Jacken trugen, spazierte in Zweierreihen vorbei. Ein paar Leute standen um eine junge Frau, die vor einem großen Bogen Papier auf dem Boden kniete und knallbunte, unwirklich anmutende Raumwelten aufs Weiß sprühte. Die Künstlerin trug eine Gasmaske. Sie schüttelte jede Sprühdose sorgfältig, bevor sie sie gebrauchte. Von der Oper kam eine Schulklasse zurückgestürmt, fünfundzwanzig, dreißig kleine Jungen in olivfarbenen Schuluniformen: Hemd, Shorts und Kniestrümpfe. Nur wenige Tische der Oyster Bar waren besetzt. Eine ältere Dame schrieb Postkarten. Ein circa Fünfzehnjähriger rollte auf dem Skateboard vorbei. Das Schild seiner Baseballkappe hatte er in den Nacken gedreht. Ein alter Mann – griechischer oder italienischer Einwanderer wahrscheinlich – angelte vom Kai aus.

Es gab niemanden, der zu schnell oder zu langsam lief, keinen, dessen Blick nicht zu seinem Aussehen paßte, es gab keine unmotivierten Zusammenrottungen, keine Aufläufe, kein Umschleichen, Umlauern, kein überbetontes Einhalten eines Sicherheitsabstands zu anderen. Da war nicht die geringste, nicht die unmerklichste Störung. O’Neill begann zu gehen. Mit dem typischen Touristenschlendern schlenderte er auf Wharf 2 zu. So weit war alles in Ordnung.

Es war dunkel. Stockdunkel. Dunkler als die Nacht.

»Sträfling John?« fragte Sträfling Maggie.

Es war dunkler als dunkel. Es war so dunkel, daß man die eigene Hand nicht vor den Augen sah.

»Kannst du etwas sehen, Sträfling John?« fragte Sträfling Maggie.

Sie wußte, daß das eine überflüssige Frage war. Wie sollte Sträfling John etwas sehen können, wenn es so dunkel war?

»Man sagt, daß sich die Augen mit der Zeit an die Dunkelheit gewöhnen«, sagte Sträfling Maggie.

Die Frage war, was ›mit der Zeit‹ bedeutete. Sträfling John und sie selbst waren schon sehr lange Zeit hier im Dunkeln. Eine Ewigkeit waren sie schon da, und ihre Augen hatten sich noch immer nicht an die Schwärze gewöhnt. Das heißt, an die Schwärze hatten sie sich schon gewöhnt, nur sehen konnten sie nichts. Außer Schwarz.

»Vielleicht ist eine Ewigkeit noch nicht lange genug«, mutmaßte Sträfling Maggie.

»Denkst du, daß die Ewigkeit, die wir hier sind, noch nicht lange genug ist, Sträfling John?« fragte Sträfling Maggie.

Es könnte natürlich auch sein, daß es besser war, nichts zu sehen. Daß Sträfling Maggie sich gar nicht fragen durfte, warum sie nichts sah. Sie sollte vielleicht froh sein, daß es nichts als Schwarz um sie herum gab, nur dieses unglaubliche Dunkel, das nirgends begann und nirgends aufhörte. Vielleicht sollte sie dankbar sein. Vielleicht war es sogar ein Verbrechen, etwas sehen zu wollen, wenn man in solch einer schwarzen Suppe saß.

»Glaubst du, daß es ein Verbrechen ist, etwas sehen zu wollen, Sträfling John?« fragte Sträfling Maggie.

Oder sie konnte nichts sehen, weil gar nichts da war. Das wäre ebenfalls eine Möglichkeit. Vielleicht sah sie nichts als das Schwarz, weil es nur das Schwarz gab. Dann wäre alles ganz normal. Sie sähe so gut und klar, wie sie es früher vermocht hatte, bevor die Ewigkeit begonnen hatte. Nur, daß es nichts mehr zu sehen gab, weil alles verschwunden war, außer dem Schwarz. Vielleicht war die Welt untergegangen. Nuklearkrieg oder so.

»Hast du irgendwann Blitze gesehen, wie von Atombomben, Sträfling John?« erkundigte sich Sträfling Maggie.

Und wenn Sträfling John auch tot war? Wenn sie ganz allein auf der Welt war? Auf einer Welt, die es gar nicht mehr gab, die nur noch ein Meer von tiefstem, dunkelstem Nichts war?

»Sträfling John?« fragte Sträfling Maggie.

Da war nichts als Schwarz.

»Ich sehe dich, Sträfling John«, sagte Sträfling Maggie, »ich sehe dich ganz genau.«

Es stimmte nicht. Sie sah nichts. Sie schloß die Augen. Vielleicht konnte sie besser sehen, wenn sie nicht dauernd in dieses Schwarz stierte.

»Du sitzt da drüben an der Wand und lehnst dich mit dem Rücken an und hast die Beine angewinkelt. Deine Arme liegen auf den Knien. Ich kann jede Einzelheit genau erkennen, Sträfling John!«

Ob sie die Augen öffnete oder schloß, das spielte überhaupt keine Rolle. Das machte keinen Unterschied.

»Du hast den Kopf auf die Arme gelegt. Du siehst heute etwas müde aus, Sträfling John. Abgespannt.«

Wahrscheinlich sah sie selbst genauso aus. Abgespannt. Das war nicht weiter schlimm, da es ja niemanden gab, der sie sehen konnte. Alles hatte eben seine Vorteile. Sogar diese ewige Nacht.

»Meine Beine sind ausgestreckt«, sagte eine Stimme aus dem Dunkel heraus. Es hatte kein Nuklearkrieg stattgefunden. Sträfling John war noch da.

»Unmöglich, Sträfling John«, sagte Sträfling Maggie, »du täuschst dich. Ich sehe dich doch ganz genau.«

»Vielleicht habe ich das linke Bein ein bißchen angezogen«, sagte Sträfling John.

Sträfling Maggie lachte.

»Ich sehe sowieso viel besser als du«, sagte Sträfling John, »ich sehe alles hell und klar.«

Sträfling Maggie lachte wieder.

»All die Farben«, sagte Sträfling John, »rot und grün, lila, braun und gelb. Die bunten Blumen auf dem Rasen und die blinkenden Sterne und die Leuchtreklame von Coca Cola. Die Sonne scheint hell auf die Tiere im Zoo, der weiße Tiger ist weiß und der Orang-Utan orange, und der Kamm des Kakadus ist gelb. Wie immer. Die Fahrräder der Kinder sind …«

»Du kannst nicht gleichzeitig die blinkenden Sterne und die Sonne sehen«, unterbrach ihn Sträfling Maggie.

»Doch«, sagte Sträfling John, »kann ich!«

»Du kannst auch nicht die Tiere im Zoo sehen, weil wir nicht im Zoo sind.«

»Und ob ich kann!« sagte Sträfling John.

»Du kannst gar nichts sehen, weil es hier absolut dunkel ist. Keiner kann hier etwas sehen.«

»Ich schon«, sagte Sträfling John.

»Nein«, sagte Sträfling Maggie.

Da war nur tiefstes Dunkel. Sträfling John saß drüben an die Wand gelehnt. Sicher hatte er die Arme auf die Knie und den Kopf darauf gelegt.

»Und den Drachen?« fragte Sträfling John. »Hast du etwa den Drachen hier noch nie gesehen? Den mit dem blutroten Schweif und den Warzen und Beulen. Den Drachen, der Feuer spuckt, das dir in den Augen brennt?«

»Doch«, sagte Sträfling Maggie.

»Es ist eigentlich kein böser Drache, obwohl er Feuer spuckt und häßlich ist. Es ist eigentlich ein guter Drache.«

»Ja«, sagte Sträfling Maggie.

»Es gibt gar keine Drachen«, sagte Sträfling John, »vielleicht ist es eine gute Fee, die nur aussieht wie ein Drache.«

Sträfling Maggie sagte nichts.

»Feen können ihr Aussehen verändern. Es ist eine Kleinigkeit für eine Fee, wie ein häßlicher Drache auszusehen. Feen haben einen Zauberstab, mit dem sie dreimal in die Luft tippen. Dann leuchten kleine bunte Sternchen auf, und wenn die Fee den richtigen Zauberspruch aufsagt, kann sie jede Gestalt annehmen, die sie will.«

Sträfling Maggie sagte nichts. Sie schaute in das Dunkel hinein, in die Richtung, in der Sträfling John sitzen mußte. Sie sah einen Klumpen, der noch schwärzer war als das Schwarz um ihn herum.

»Wenn sie den richtigen Zauberspruch weiß, kann sich eine Fee zum Beispiel in ein Kaninchen verwandeln«, sagte Sträfling John.

Sträfling Maggie starrte zu dem Klumpen hinüber. Man könnte sich vorstellen, daß der Klumpen ein Mensch wäre, der an der Wand hockt und den Kopf auf den angewinkelten Beinen liegen hat.

»Oder eben in einen feuerspeienden Drachen«, sagte Sträfling John.

Sträfling Maggie starrte zu dem Klumpen hinüber. Der Klumpen könnte Sträfling John sein.

»Sie muß nur die richtigen Zaubersprüche wissen«, sagte Sträfling John.

Sträfling Maggie konnte Sträfling John sehen. Er saß ein paar Meter weiter drüben an der Wand. Sträfling Maggie sah ihn. Sie sah etwas. Sie sah wieder.

»Sicher«, sagte Sträfling John, »eine Fee muß ein gutes Gedächtnis haben, bei all den vielen verschiedenen Zaubersprüchen.«

»Still!« sagte Sträfling Maggie. Sie hob ihre linke Hand. Sie konnte ihre linke Hand im Umriß erkennen. Es war nicht mehr völlig dunkel.

»Vielleicht gibt es einen Zauberspruch, mit dessen Hilfe man sich alle anderen Zaubersprüche merken kann«, sagte Sträfling John.

»Schau!« sagte Sträfling Maggie. Sie konnte jetzt auch die untersten Stufen der Treppe erkennen.

»Das wäre praktisch!« sagte Sträfling John.

»Es ist jemand gekommen«, sagte Sträfling Maggie.

Der Klumpen, der Sträfling John war, bewegte sich.

»Nein«, stöhnte er.

»Es ist nicht mehr ganz schwarz«, sagte Sträfling Maggie.

»Der Drache!« sagte Sträfling John voll Entsetzen.

»Die Fee«, verbesserte er sich.

Es war jemand gekommen. Sträfling Maggie wußte, daß ER wieder gekommen war. ER würde Sträfling John und sie holen.

»Nein«, flüsterte Sträfling John.

ER kam immer nur, um sie zu holen. Das war der einzige Grund, weshalb ER kam. ER würde sie ein Stockwerk höher bringen und nachher wieder nach unten führen. Dann würde ER sie wieder einschließen. Das war immer so gewesen.

»Ich kann gar nichts sehen«, flüsterte Sträfling John. »ER ist gar nicht gekommen.«

Vielleicht würde ER ihnen etwas zu essen geben. Sträfling Maggie wollte nichts zu essen. Sie hatte überhaupt keinen Hunger. Sie wünschte sich das Schwarz zurück, in dem man die eigene Hand nicht vor den Augen sah.

»Nein, nein«, flüsterte es von drüben.

Gleich würde ER außen das Licht einschalten, und dann gäbe es hier nicht mehr nur unterschiedliche Grade von Schwarz. Dann würde alles hell sein. Sie wäre erst geblendet und könnte dann alles erkennen, Sträfling John zum Beispiel und seine Haare, und ob er rote Backen hatte oder abgespannt aussah. Dann würde die Kellertür aufgesperrt werden, und ER würde herunterkommen und sie holen.

»Liebe Fee …«, flüsterte Sträfling John.

Der Riegel vor der Kellertür schnappte zurück. Die Tür schwang auf. Es wurde grau, dämmrig. Das Schwarz wurde grau. ER hatte diesmal das Licht nicht eingeschaltet. Sträfling Maggie drückte sich enger gegen die Wand. Sie brauchte nicht hinüberzusehen, um zu wissen, daß Sträfling John das gleiche tat. ER war ein dunkler Umriß im Grau über der Kellertreppe. ER tappte langsam die Stufen hinab. Wahrscheinlich sah ER nichts. Wahrscheinlich mußten sich seine Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen. Vielleicht war das Licht kaputt. ER hielt auf der dritten Stufe an. ER bückte sich und stellte etwas ab.

Sträfling Maggie wußte, daß ER keine Fee war. Feen verwandelten sich vielleicht in Kaninchen oder Drachen, aber nicht in Männer, die die Kellertreppe herabkamen, um Sträfling John und sie zu holen. Den Zauberspruch, der das bewirkte, den gab es nicht. Solch eine Fee gab es nicht. Sträfling Maggie saß da und wartete.

ER, der keine Fee sein konnte, kauerte immer noch auf der dritten Stufe. ER war nichts als ein grauer Schatten vor einer grauen Kellerwand. Sträfling Maggie schaute auf den Schatten, rührte sich nicht und dachte über die verschiedenen Arten von Feen nach, die es gab. Dann dachte sie über die Feen nach, die es nicht gab. ER richtete sich auf. Jetzt würde ER sie holen und nach oben führen. Nachher würde ER sie wieder herabbringen und einsperren. Sträfling Maggie dachte an die Feen, die es vielleicht gab.

ER stieg die Stufen wieder langsam hinauf. ER holte sie nicht, diesmal nicht. ER tastete sich nach oben. Wahrscheinlich hatten sich seine Augen noch immer nicht an die Dunkelheit gewöhnt. Dann war ER verschwunden. Das Grau war noch da. ER hatte sie nicht geholt. Diesmal nicht. Sträfling Maggie wagte noch nicht, sich zu rühren. Vielleicht kam ER wieder. Vielleicht wollte ER nur Werkzeug holen, um das Licht zu reparieren.

»ER ist eine gute Fee«, sagte Sträfling John.

Plötzlich wußte Sträfling Maggie, daß etwas anders war als sonst. Nicht nur, daß ER sie nicht geholt hatte.

»Sträfling John!« sagte Sträfling Maggie.

Etwas war anders. Das Grau. Das Grau war noch da. Überall war es grau. Da war keine schwarze Nacht, in der man die eigene Hand nicht vor den Augen sah.

»Sträfling John!« sagte Sträfling Maggie.

ER war weg, und es war nicht schwarz geworden.

»ER hat die Tür nicht verriegelt, Sträfling John«, sagte Sträfling Maggie.

Sträfling John bewegte sich nicht. Wenn die Tür nicht verriegelt war, dann konnte man vielleicht hinaus. Sträfling Maggie stand auf.

»ER hat die Tür nur angelehnt. Sie ist nicht versperrt, Sträfling John. Komm hoch!« sagte Sträfling Maggie.

Es war noch nie vorgekommen, daß ER die Tür nicht wieder verriegelt hatte. Vielleicht würde ER sein Versäumnis noch bemerken. Sie mußten schnell machen.

»Wir hauen ab, Sträfling John!«

Wenn sie abhauten, könnte ER sie nie mehr holen. Sie wären einfach verschwunden, und wenn ER wiederkäme und die Glühbirne auswechselte und das Licht einschaltete, dann sähe ER nur einen leeren Kellerraum. ER würde unter den beiden Pritschen nachsehen, aber da wäre auch niemand. Erst dann würde ER langsam begreifen, daß sie abgehauen waren.

»Los, Sträfling John!« sagte Sträfling Maggie. »Wir hauen ab, bevor ER wiederkommt.«

ER würde sie nicht mehr finden, wenn ER wiederkam, um sie zu holen. Sie wären längst weg, draußen, wo es Blumen gab und blinkende Sterne und die Leuchtreklamen von Coca Cola.

»Nein«, sagte Sträfling John, »das dürfen wir nicht.«

Sie würden die Farben sehen, alle Farben, die es gab, nicht nur Schwarz und Grau.

»Abhauen ist verboten!« sagte Sträfling John.

»Wir können in den Zoo gehen, wenn wir abhauen«, sagte Sträfling Maggie, »wir können den weißen Tiger und den Orang-Utan anschauen!«

»Es ist verboten!« sagte Sträfling John.

»Es war die gute Fee«, sagte Sträfling Maggie, »die gute Fee hat die Tür aufgesperrt, damit wir abhauen können. Es war gar nicht ER, es war die gute Fee, die seine Gestalt angenommen hat.«

Sträfling John sagte nichts.

»Wie kann es verboten sein abzuhauen, wenn extra die gute Fee kommt, um uns die Tür aufzusperren?«

»Bist du sicher, daß es die gute Fee war, Sträfling Maggie?« fragte Sträfling John mißtrauisch.

»Aber ja«, sagte Sträfling Maggie.

»Du meinst, die Fee wollte, daß wir abhauen und uns die Tiere und die Farben anschauen?«

»Los, komm!« sagte Sträfling Maggie. Sie war schon an den untersten Stufen der Treppe, über der das Grau heller war als im Rest des Raumes. Sträfling John hielt sich hinter ihrem Rücken. Sie stiegen die Stufen empor, vorbei an dem Kasten, den die Fee abgestellt hatte.

»Der Zauberkasten der guten Fee?« fragte Sträfling John.

»Komm, schnell!« sagte Sträfling Maggie und zog ihn weiter.

Die Kellertür stand zwei Handbreit offen. Rechts führte eine weitere Treppe nach oben. Sträfling Maggie und Sträfling John schlichen an geschlossenen Zimmertüren vorbei, auf den Eingang zu. Auf dem Steinboden lagen blaue und rote Schatten, die vom Licht aus den bunten Glasscheiben gezaubert wurden, die in die Tür eingesetzt waren. Der Knopf ließ sich drehen, die Tür sprang auf, und das Sonnenlicht flutete herein. Es war viel zu hell. Selbst die Schatten waren zu hell. Die Hofeinfahrt war asphaltiert. Die Wurzeln eines Baumes hatten den Asphalt aufgeworfen und ein paar Sprünge gerissen. Das Einfahrtstor bestand aus hellblau gestrichenen Latten. Es stand offen. Auf dem kleinen Platz vor dem Haus war niemand zu sehen. Drei Autos waren am Straßenrand geparkt. Im Schatten der Bäume führte eine Fußgängertreppe nach oben. In die andere Richtung öffnete sich der Blick weit. Vor der Silhouette der Stadt lag eine Bai, in der Kriegsschiffe festgemacht hatten. Auf dem Deck des vordersten waren Matrosen zu erkennen, die sich unterhielten oder ins Wasser starrten. Das Wasser war tiefblau. Es war ein schöner, sonniger Morgen.

»Soll ich dir etwas verraten, Sträfling Maggie?« fragte Sträfling John.

»Hm?«

»Es gibt gar keine guten Feen. Nur im Märchen. In Wirklichkeit gibt es überhaupt keine Feen.«

Bevor sie sich auf den Weg machten, warf Sträfling Maggie einen Blick zurück. Das Haus, das innen schwarz und grau war, war außen rosa gestrichen. Es war ein ganz zartes, schon etwas verwaschenes Rosa. Ein Rosa, das nach ein paar Regenfällen wahrscheinlich gar nicht mehr zu erkennen sein würde.

Zwei Mädchen gingen vorüber. Beide hatten lange blonde Haare und trugen Kleider, die oben hauteng anlagen, so daß man alles sehen konnte. Die Umrisse. Die beiden Mädchen gingen schnell. Sie hatten wohl keine Zeit. Sie waren sehr jung und sehr groß. Sie waren viel größer als San Phra, mindestens einen Kopf größer. San Phra sah auch nicht richtig hin, nur so ein bißchen. Aus den Augenwinkeln. Es gehörte sich nicht, daß man fremden Mädchen nachsah und auf ihre Umrisse starrte. Die Umrisse waren auch groß. San Phra wußte nicht, ob die Tatsache, daß die großen blonden Mädchen so enge Kleider trugen, bedeutete, daß man auf die Umrisse schauen sollte. Ob auch er, der einen Kopf kleiner war, hinschauen sollte. San Phra warf einen Seitenblick auf seine Frau, die sich neben ihm hielt. Kim war etwas kleiner als er selbst. Da ihr Rücken krumm war, wirkte sie noch kleiner, als sie tatsächlich war. Kim hatte schwarze Haare, war ein bißchen dick und hatte kurze Beine. Sie könnte nie so schnell wie die beiden Mädchen gehen, selbst, wenn sie es sehr eilig hätte. San Phra liebte seine Frau. Sie war die schönste Frau der Welt. Da konnten die jungen weißen Mädchen ihre Umrisse herzeigen, soviel sie wollten!

»Schön, nicht?« sagte San Phra.

Um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, daß er von den Umrissen irgendwelcher Mädchen spreche, zeigte er auf das Eukalyptusgrün der Hügel am Nordufer des Hafens und nahm seinen Fotoapparat zur Hand. Kim lächelte. Sie konnte wunderbar lächeln. San Phra liebte seine Frau über alles in der Welt. Er machte eine Aufnahme von Kim auf der Uferpromenade. Er war froh, daß er mit ihr hier sein konnte, mit ihr zusammen. Es war ihr erster Urlaub im Ausland. Ihr erster Urlaub zu zweit. Jetzt, nachdem ihre Tochter Sun geheiratet hatte.

San Phra und Kim gingen langsam am Kai entlang. Die Luft war klar, viel klarer als in Bangkok, wo die Sonne oft nur fahl durch Dunst- und Abgaswolken schimmerte. Es gab keine Tuk-Tuks in Sydney und, zumindest hier im Zentrum, nicht den Bruchteil des Verkehrschaos, das Busse, Taxis, Motorräder und Autos in Bangkok schon am frühen Morgen produzierten. Sydney war eine saubere Stadt, das mußte San Phra zugeben. Keine leeren Dosen, keine alten Zeitungen lagen in den Rinnsteinen, keine stinkenden Abfallsäcke lehnten an den Hauswänden. San Phra hatte in den drei Tagen, die er hier war, noch nicht eine Katze gesehen, die in Mülltonnen stöberte. Selbst das Hafenbecken wirkte, als ob es zweimal täglich gereinigt würde. Keine Ölschlieren glätteten das Wasser, keine Plastikbehälter tanzten auf den Wellen. San Phra nickte. Sauberkeit war wichtig. Ordnung war auch wichtig. Sauberkeit und Ordnung, das gehörte zusammen. Der Rasen zum Beispiel war ordentlich gemäht, ein streichholzkurzes, sattes Grün, das sich vor dem Museum ausstreckte. Kein Halm wuchs über die Einfassung auf den Gehweg hinaus. Sauber abgestochen.

Die beiden blonden Mädchen waren längst außer Sichtweite, die schönste Frau der Welt ging an seiner Seite, und San Phra bekam plötzlich Lust, Unsinn anzustellen. Ins Wasser zu springen, eine Runde zu schwimmen und sich nach dem Herausklettern zu schütteln wie ein nasser Hund. Oder sich auf eine Parkbank zu stellen, ein Bein anzuziehen, mit den Armen zu schlagen und »Kikeriki« zu krähen. Irgend etwas, das Kim zum Lachen brächte. Er würde natürlich nichts dergleichen tun; es war nur, weil er glücklich war, weil alles so freundlich war. Die Sonne schien, die Luft war klar, die Stadt war sauber und ordentlich. Auch die Gesichter der Leute, die ihnen entgegenkamen, waren freundlich. Manche strahlten sogar. Ein älterer Mann nickte San Phra zu. San Phra nickte zurück. Es war schön. San Phra griff nach der Hand seiner Frau. Das tat er sonst nie in der Öffentlichkeit.

»Ich muß dich etwas fragen, Kim«, sagte er, so feierlich er nur konnte.

»Ja?«

»Willst du mich heiraten?« fragte San Phra.

Kim sah ihn verblüfft an.

»Wenn du dich nicht sofort entscheiden willst, frage ich dich morgen wieder, und übermorgen, und so weiter, bis du ›ja‹ sagst.«

»Aber wir sind doch seit achtundzwanzig Jahren …!« sagte Kim.

»Ich bin nur Bankangestellter«, sagte San Phra, »ich verdiene nicht viel, aber wenn wir sparsam leben, genügt es für uns beide.«

»Ach du …«, lachte Kim.

»Erhöre mich!« flehte San Phra. »Bitte!«

»Kindskopf!« Kim schüttelte den Kopf.

»Ich verspreche dir, dich immer zu lieben, dich gut zu behandeln und nur ganz selten anderen Mädchen nachzusehen.«

»So?« sagte Kim streng. »Ich werde es mir überlegen.«

»Sei nicht so grausam!« rief San Phra und ergriff auch ihre andere Hand.

»Was sollen die Leute denken?« flüsterte Kim.

»Das ist mir egal«, sagte San Phra, und in diesem Moment war das tatsächlich so. »Erst mußt du ›ja‹ sagen!«

»Na gut«, sagte Kim, »ja!«

San Phra war glücklich. Er hätte seine Frau gern geküßt, nein, seine zukünftige Frau natürlich, seine Braut. Er war so glücklich, daß er sie vielleicht sogar hier vor Hunderten von Passanten hätte küssen können, aber ihr wäre das sicher peinlich gewesen.

»Ich könnte dich küssen«, sagte er.

Kim lächelte.

»Alter Kindskopf«, sagte sie, und für San Phra klang das wie die schönste Liebeserklärung. Er sah Kim an, ihre glatten schwarzen Haare, ihren leicht gekrümmten Rücken, ihre schon etwas faltigen Hände.

»Ja«, sagte er.

Kims Augen wurden groß. San Phra sah es und spürte im gleichen Moment, wie ihm jemand von hinten auf die Schulter tippte. War er zu weit gegangen? Fühlte sich jemand gestört? Er hatte doch nur ein bißchen Theater gespielt, weil er glücklich war. Davon konnte sich doch niemand belästigt fühlen! Das konnte doch kaum jemand bemerkt haben!

San Phra wandte sich um. Es war gar kein Polizist, der ihm auf die Schulter geklopft hatte. Es war ein junger Mann. Ein Weißer. Auch er war einen Kopf größer als San Phra. Er hatte lockige blonde Haare und trug eine Sonnenbrille. Er grinste von einem Ohr bis zum anderen.

»Hi«, sagte er.

San Phra lächelte höflich.

»Sehr angenehm, Sie kennenzulernen«, sagte er im besten Englisch, über das er verfügte.

Der junge Mann nickte und ließ einen Schwall von Worten los. San Phra lächelte. Er hatte nichts verstanden. Der junge Mann schob seine Sonnenbrille in die Stirn und wiederholte. Dabei wies er mit dem Finger abwechselnd auf San Phra, Kim, das Opera House jenseits des Wassers und San Phras Fotoapparat. San Phra begriff, daß der junge Mann sich anbot, ein Foto von ihm und seiner Frau vor dem Hintergrund der Oper zu schießen. San Phra blickte zum lachenden Gesicht des jungen Mannes hinauf. Seine Augen blitzten, und die Locken fielen ihm in die Stirn. Er hatte ein offenes Gesicht. Er sah eigentlich wie ein guter Mensch aus.

»Sehr freundlich von Ihnen«, sagte San Phra, »aber vielleicht doch lieber nicht.«

»No worries, mate«, sagte der junge Mann, »ich dachte nur …«

San Phra lächelte ihm zu. Dann sah er Kim an. Kim lächelte auch. Hinter ihr glitzerten die weißen Dächer der Oper. Wie riesige Segel, die sich vor dem Nordwind blähten, sahen sie von hier aus. Oder wie Drachenzähne, die am Rande des Meeres aus dem Boden wachsen und Fruchtbarkeit verkünden. Oder wie gigantische Schmetterlinge, die im Begriff stehen, aus ihrer Verpuppung auszubrechen. Man ahnte ihre wundervollen Farben unter der glänzenden weißen Hülle.

»Viel Spaß noch in Australien«, wünschte der junge Mann und wandte sich ab.

»Herzlichen Dank!« sagte San Phra, und er wußte, daß er noch etwas sagen sollte, da er nur höflich gewesen war, nicht aber freundlich. Vielleicht, weil er Angst hatte. Immer hatte er Angst, daß ihn jemand bedrohte, daß er jemanden belästigte, daß er beschimpft, beleidigt, bestohlen und verhaftet würde. Vor Hunden hatte er Angst und vor Flugzeugen, vor der Polizei genauso wie vor Dieben. Selbst vor jungen Mädchen in engen Kleidern hatte er Angst. Und jetzt?

San Phra wußte nicht, ob es daher kam, daß er gerade in diesem Moment keine Angst haben wollte, oder weil die Oper in der Sonne glitzerte wie ein achtlos hingeworfener Haufen Edelsteine, er wußte nicht, warum er es tat, doch er sagte:

»Einen Moment, bitte.«

Kim sah ihn verwundert an, er sah sie an, er wollte keine Angst haben, weil er in Kim die schönste Frau der Welt sah und weil er mit ihr glücklich war.

»Wenn Sie vielleicht doch ein Foto von uns machen könnten?«

»Klar!« grinste der junge Mann.

»Wir haben uns nämlich verlobt. Wir wollen heiraten«, sagte San Phra, während er den Gurt der Nikon über seinen Kopf hob. Kim schaute ihn strafend an.

»Glückwunsch!« rief der junge Mann und schüttelte beiden die Hand. Das tat man bei Fremden nicht, aber San Phra wußte, daß es freundlich gemeint war.

»Danke«, sagte er, »wir werden glücklich sein.«

Er spannte die Kamera, stellte die Blende auf 11 und zeigte dem jungen Mann den Auslöser.

»Nur hier drücken, bitte!«

»Schöner Apparat«, sagte der junge Mann, als er die Nikon in die Hand bekam. Er war einen Kopf größer als San Phra und hatte viel längere Beine. San Phra würde ihn nie einholen, wenn er mit dem Fotoapparat wegliefe. Und selbst wenn er ihn einholte, wäre er nicht stark genug, um ihn zu zwingen, den Apparat wieder herauszugeben. San Phra hatte Angst, aber nun war es zu spät. Er konnte jetzt nicht mehr nein sagen, ohne den jungen Mann zu beleidigen. Er mußte jetzt gute Miene zum bösen Spiel machen. San Phra lächelte Kim zu und zog sie die paar Meter zum Metallgeländer, das die Uferpromenade zum Hafenbecken hin abgrenzte. Es war grün gestrichen, und die vertikalen Pfosten liefen in Spitzen aus, die an die Wats Bangkoks erinnerten. Kim und er stellten sich nebeneinander vor das Geländer, ohne sich anzulehnen. Kim lächelte. Sie war klein und hatte einen krummen Rücken, aber sie war eine starke Frau.

Der junge Mann hatte die Nikon wie eine Maske vor den Augen liegen. San Phra war sich sicher, daß der junge Mann seine Kamera stehlen würde. Er sah ihn schon weglaufen, sah seine langen Beine wirbeln. Schnell wie der Wind.

»Cheese«, sagte der junge Mann.

Er stand noch da, ein paar Meter entfernt. San Phra schaute aufs Objektiv und versuchte, das Auge des jungen Mannes zu erkennen, das auf der anderen Seite in den Sucher starrte. Natürlich gelang es ihm nicht, doch er wußte, daß der junge Mann blaue Augen hatte. San Phras Blick glitt über die Locken des Mannes nach oben, gewann Tiefe und blieb an den vertikalen Linien des Gebäudes im Hintergrund hängen. Zwei Stoffbahnen hingen senkrecht an der Fassade nach unten. Eine zeigte nichts als schreiend bunte Farben, auf der anderen stand ›Museum of Contemporary Art‹ zu lesen.

»So«, sagte der junge Mann und ließ die Nikon sinken. San Phra hatte nicht bemerkt, daß er den Auslöser gedrückt hatte.

»Vielen herzlichen Dank!« sagte San Phra.

Vielleicht würde der junge Mann mit den blonden Locken seine Kamera doch nicht stehlen. San Phra ging auf den jungen Mann zu und streckte die Hand aus.

»Sehr nett von Ihnen!« sagte er noch, und da kam von rechts das Geschoß herangebraust, wie Blitz und Donner gemeinsam kam es herangerollt, aus Richtung des Ocean Terminal, doch eigentlich aus dem Nichts entsprungen, aus einer anderen Dimension plötzlich materialisiert, dessen war sich San Phra sicher. Ein Geist, der sich in Zeit und Raum geirrt hatte, der davon unbeirrt seine Bahn zog, funkensprühend, und die Passanten zur Seite spritzen ließ. Riesig war das Geschoß, übermenschengroß, knapp über dem Boden schwebte, zischte es entlang, ganz dicht über den Platten. Auf San Phra zu. Genau auf ihn raste der Geist zu, ihn würde er holen, ihn würde er durchstoßen, vernichten, so daß nur ein Häufchen rauchender Asche bliebe.

»Ojojojoi«, schrie der Geist.

Schnell kam er näher, beschleunigte noch, indem er sich in der Luft knapp über dem Boden zweimal abstieß. Die Füße des Geistes steckten in Stiefeln. Schnell wie der Wind schoß der Geist in Stiefeln auf San Phra zu, der starr stand, die Hand noch ausgestreckt, der sich nicht zu rühren vermochte, nur entsetzt schauen konnte, zuschauen mußte, wie ihn der Geist gleich vernichten würde.

»Ajajajai«, schrie der Geist in Stiefeln mit sich überschlagender Stimme. Immer schneller wurde er, immer näher kam er, und er schwang die Arme wie Sicheln, die alles abzumähen drohten, was ihnen in den Weg kam. Die Haut des Geistes mit den sichelnden Armen war weiß und ockerbraun gestreift. Vom Kopf bis dorthin, wo die Knöchel in den Stiefeln verschwanden, war nichts zu sehen als weiße und ockerfarbene Haut. Der Geist war nackt. Bis auf die Stiefel. Das Ding zwischen seinen Beinen schwang im Rhythmus der sichelnden Arme mit. Es war weiß.

»Ujujujui«, heulte der nackte Geist und wackelte mit dem Kopf. San Phra sah, daß der Geist nicht direkt auf ihn zukam. Vielleicht war er gar nicht das erwählte Opfer. Vielleicht war der Geist …

San Phra sah plötzlich alles genau. Der Geist schwebte nicht über dem Boden. San Phra sah die Rollen unter den Stiefeln des Geistes. Phosphorgrüne Rollen. Der Geist war gar kein Geist. Der Geist war ein nackter, weiß und ocker geschminkter, brüllender Rollschuhläufer. Ein Verrückter, ein Spinner, ein Exhibitionist. Ein Weißer, ein Westler, einer von denen, die einer wie San Phra nie verstehen würde.

San Phra sah aus den Augenwinkeln, daß der junge Mann, der seine Nikon in der Hand hielt, den nackten Rollschuhläufer nicht beachtete. Der junge Mann musterte ihn, San Phra. San Phra machte einen Schritt auf den jungen Mann zu. Er sah, daß der Rollschuhläufer auf der anderen Seite neben ihm vorbeischießen würde. Drei, vier Meter vorbei, nahe am Hafenbecken, nahe am Geländer, dort, wo Kim stand.

»Ejejejei«, brüllte der Rollschuhläufer. Er hatte nur Augen für Kim, und sein weiß bemaltes Ding schwang zwischen seinen Beinen. San Phra sah es genau. Er wußte Bescheid. Er wußte, daß der junge Mann und der verrückte Rollschuhläufer unter einer Decke steckten, er wußte, daß sie sich gegen ihn verschworen hatten. Daß es um Kim ging, um seine Frau, die schönste Frau der Welt. Daß sie sie entführen wollten, verletzen, irgend etwas Entsetzliches wollten sie ihr antun. Und er hatte sich weglocken lassen, nur ein paar Meter, aber das war schon zuviel. Weil er Angst um seinen Fotoapparat gehabt hatte! Wegen dieser lächerlichen Kamera hatte er seine Frau verlassen, im Stich gelassen. Deswegen war er dem jungen Mann auf den Leim gegangen, deswegen stand er nun ein paar Meter von seiner Frau entfernt, nur vier, fünf Meter, aber er würde nicht mehr rechtzeitig bei ihr sein können, um sie zu schützen. Nie mehr könnte er bei ihr sein.

»Ijijijii«, kreischte der Rollschuhläufer, als er Kim erreichte. Ohne zu bremsen, nahm er sie hoch. Er bückte sich nur, seine Hand tauchte hinab, knickte Kims Kniekehlen, und schon stand er wieder aufrecht, hatte er sie hochgewirbelt, wie eine Feder schwebte sie einen Augenblick in der Luft, dann hatte er sie auch mit der anderen Hand umklammert. Wie ein kleines Kind lag sie in seinen Armen.

»Yep!« rief der Rollschuhläufer.

Seine Arme, die nicht mehr wie Sicheln schwangen, hielten Kim umklammert. Mit den Füßen stieß er sich ab, um wieder schnellere Fahrt zu gewinnen, und endlich gelang es San Phra, loszulaufen. Er lief hinterher, lief dem gebückten Oberkörper des Rollschuhläufers nach, dem herausgereckten, weiß und rotbraun gestreiften Hintern, lief seiner Frau hinterher, die der Verrückte vor seiner Brust wiegte. San Phra ließ seine Beine wirbeln, er lief, so schnell er konnte, dem rot-weißen Blitz nach, der schon fast die Biegung des Kais erreicht hatte. Er lief, so schnell er laufen konnte, aber er hatte keine Chance. Er wußte nicht, ob er schrie. Vielleicht schrie er um Hilfe, vielleicht nicht. Es spielte keine Rolle. Die Blicke der Leute, die er zur Seite stieß, waren verständnislos, empört. Für sie war er ein Verrückter, der einem Verrückten nachlief, der eine kleine Frau spazierenfuhr. Oder es war bloß Spaß für sie, ein Heidenspaß, eine Mordsgaudi, just fun. Für San Phra war es kein Spaß. Er lief um das Leben seiner Frau, um die Frau seines Lebens.

Er lief schneller, als er laufen konnte. Bilder tanzten vor seinen Augen, Dinge sprangen ihm entgegen, Sonnenbrillen, Rucksäcke, Einkaufstüten. Er stieß sie zur Seite, er kurvte um sie herum, er rannte und rannte, und endlich hatte er die Biegung erreicht, sah er wieder den rot-weißen Hintern, der schon in den Schatten des überdachten Zugangs zu Wharf 6 eintauchte. Den Hintern, über dem sich ein gestreifter Rücken nach vorne beugte. San Phra rannte und sah, wie sich der Rollschuhläufer in eine enge Kurve legte, so daß das Bündel vor seiner Brust sichtbar wurde, das Bündel, das Kim war, seine Frau, sein ein und alles. Er sah, wie das rot-weiße Monster elegant abschwang, wie es zum Stehen kam und das Bündel sachte absetzte. Ganz sanft stellte es das Etwas, das Kim war, auf die Füße, stützte es noch einen Moment lang an den Oberarmen, so lange, bis es sicher war, daß sich Kim aufrecht halten konnte, daß ihr die Beine nicht wegsackten, daß sie nicht zusammenbrach. Zart, fast zärtlich hielt das rot-weiße Monster San Phras kleine Frau, nur einen Augenblick lang, und San Phra rannte immer noch und glaubte, gleich wahnsinnig werden zu müssen.

Dann, endlich, ließ der Verrückte Kim los, nahm seine Hände von ihren Oberarmen und gewann mit ein paar kurzen Schritten wieder Fahrt. Seine Arme schwangen mit, im Nu hatte er seinen Rhythmus gefunden und ging zu langen, gleitenden Bewegungen über. Er schwebte am Kai entlang, hatte schon Wharf 5 passiert, umkurvte die Passanten, näherte sich Wharf 4. Nur gelegentlich blitzten noch rot-weiße Streifen durch die Menge, dann verschwand der Verrückte aus San Phras Augen, rollte aus seinem Leben.

San Phra hatte Kim erreicht. Er keuchte. Er japste. Er war es nicht gewohnt, so schnell zu laufen. Seine Frau stand dort, wo sie der Rollschuhläufer abgesetzt hatte. Sie stand unverändert da und sah aus, wie eine Frau aussieht, die von einem nackten, ocker und weiß geschminkten, laut brüllenden Rollschuhläufer in voller Fahrt aufgegriffen und fünfzig Meter weiter wieder abgesetzt wird. Sie sah gut aus. Schön. Sie war die schönste Frau der Welt. San Phra keuchte.

»Kim!« stieß er hervor.

»Es ist gar nichts passiert«, sagte Kim, »es ist nur …«

Sie griff seine Hand und zog ihn in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren, den Weg entlang des Kaigeländers, den San Phra so schnell gelaufen war, wie er noch nie in seinem Leben gelaufen war. Entlang der Hafeneinfassung, an die müde die Wellen von Sydney Cove schlugen. Entlang des Wassers, von dem die Sonne blendend widerschien.

»Es war nur wegen des Fotoapparats«, sagte Kim.

Da war das Museum, davor der Rasen. Der junge Mann vor dem Museum war verschwunden. Das Dach der Oper auf der anderen Seite sah aus wie zerbrochene Hühnereischalen. San Phras Nikon war auch verschwunden.

»Sie wollten nur die Kamera stehlen«, sagte Kim.

San Phra nickte. Sie hatten nur die Kamera stehlen wollen. Das war alles.

O’Neill sah dem Straßenkünstler zu. Der Künstler trug einen schwarzen Frack, einen Zylinder, ein weißes Rüschenhemd, weite Hosen, die auf den Schuhen aufstanden, und schwarze Handschuhe. Sein Gesicht war weiß geschminkt. In der einen Hand hielt er eine Sense. Sein Oberkörper war zur Seite gebeugt, und der rechte Arm war so weit hinter den Rücken gedreht, daß die gespreizten Finger auf der gegenüberliegenden Seite seines Rumpfs hervorsahen. So stand der Künstler da und bewegte keinen Muskel. Nicht einmal seine Augenlider zuckten.

O’Neill sah dem Künstler nicht eigentlich zu, denn es geschah nichts, bei dem man hätte zuschauen können. Man konnte ihn höchstens ansehen. Er stand stocksteif und still. Er wirkte wie eine etwas eigenwillig gestaltete Statue. Wie eine sehr lebensecht geformte Gliederpuppe. O’Neill dachte, daß das ein ausgezeichneter Künstler sein müsse, denn es gab sicher wenige Künstler, denen man dabei zusah, wie sie gar nichts taten.

Vor dem Künstler stand ein Koffer, auf dessen Boden Münzen lagen und in dessen aufgeklapptem Deckel ein Schild lehnte, das die Zuschauer aufforderte, Körper oder Glieder des Künstlers zu bewegen. Niemand bewegte Körper oder Glieder des Künstlers. Es gab auch nur wenige Zuschauer. Und die meisten schauten nur einen Moment hin, bis sie erkannten, daß nichts geschah, dann lachten sie oder schüttelten den Kopf und setzten ihren Weg entlang des Kais fort, zu ihrer Fähre oder durch die Schranken und über die Rolltreppe hinauf zur Haltestelle der City Rail, über der die Autos auf dem Cahill Expressway dahindonnerten.

Vielleicht stand der Künstler schon seit Stunden in dieser verdrehten Stellung, in die ihn ein sadistischer Tourist gezwungen hatte. Vielleicht hatte ein Junge am frühen Morgen Polizist gespielt, den Künstler mit einer Wasserpistole bedroht, ihm – durch ausbleibenden Widerstand ermutigt – den Arm auf den Rücken gedreht, um dann nach kurzer Zeit die Lust zu verlieren und sich neuen Opfern zuzuwenden. Lachlan O’Neill hätte nicht mit dem Künstler tauschen wollen. Er war einer, der sich bewegen mußte, er war ein Läufer, ein Sportler, ein Jäger. O’Neill spannte versuchsweise seine Muskeln an, linker Oberschenkel, rechter Oberschenkel, Bizeps eins, Bizeps zwei. Alles funktionierte.

O’Neill schaute den Künstler an. Nichts rührte sich. Kein Zittern, nichts. Wenn es sich nicht um eine so künstliche Stellung gehandelt hätte, hätte O’Neill vermutet, daß der Mann tot wäre. Dazu die Sense. Das gefiel O’Neill nicht. Diese Verhöhnung des Todes. Mit dem Tod scherzte man nicht. Den Tod sollte man nicht darstellen. Den Tod sollte man auch nicht begaffen. O’Neill hatte genug Tote gesehen. Er wußte, wovon die Rede war. Er konnte den Tod ums Verrecken nicht ausstehen.

O’Neill sah den Künstler unbeweglich stehen und entschloß sich trotz allem, ihm ein paar Münzen in den Koffer zu werfen. Als er in seiner Geldbörse nach 50 Cents kramte, sah er plötzlich, daß etwas nicht stimmte. Er spürte es. Er nahm zwei Bewegungen wahr, die signalisierten, daß nicht mehr alles in Ordnung war. Die eine war nur ein Wimpernschlag, nicht mehr als ein winziges Zucken im weiß geschminkten Gesicht des Künstlers, aber O’Neill war es nicht entgangen. Die andere war eine Art Welle, die vom westlichen Ende des Kais heranflutete, eine Welle aus Stimmen und Augendrehen, aus Verblüffung und Verständnislosigkeit. Eine Welle, die nichts Gutes verhieß. O’Neill sah die Welle auf sich zukommen, und schon an ihrem Aussehen erkannte er, daß nichts Gutes sie ausgelöst hatte, daß es etwas war, womit er sich dienstlich befassen mußte, wogegen er einzuschreiten hatte. Das war Erfahrung. Es gab solche Wellen und solche. Mit ein bißchen Erfahrung wußte man Bescheid. Vielleicht war es auch Instinkt. O’Neill hätte schwören können, daß die Jugendgang wieder tätig geworden war, daß weitere Fotoapparate unrechtmäßig den Besitzer gewechselt hatten.

Diebstahl oder Raub? dachte er.

Als Lachlan O’Neill einen von oben bis unten geschminkten Rollschuhläufer von Wharf 5 her rollen sah, als er begriff, daß dieser die Welle ausgelöst hatte, war er sich nicht mehr ganz sicher. Auf jeden Fall hatte der Rollschuhläufer keine Kamera umhängen. Er hatte gar nichts umhängen. Er war nackt.

Erregung öffentlichen Ärgernisses, dachte O’Neill.

Oder es war ein Ablenkungsmanöver. Sicher war der nackte Rollschuhläufer ein Ablenkungsmanöver, das die Aufmerksamkeit der Opfer auf sich zog, so daß die Komplizen gefahrlos zuschlagen konnten. Der Rollschuhläufer hatte die Arme auf den Rücken gelegt und glitt in ruhigen Bewegungen vorwärts. Wenn er für ein Ablenkungsmanöver sorgen sollte, dann war das schon geschehen. Dann war schon alles vorbei. Dann waren seine Komplizen schon lange verschwunden. Dann würde O’Neill dort hinten niemanden mehr finden als einen verstörten Touristen, der vielleicht noch nicht einmal bemerkt hatte, daß ihm die Kamera gestohlen worden war. Der keinerlei Beschreibung eines Täters liefern könnte. Der ihn, O’Neill, nur Zeit verlieren ließe.

O’Neill tat zwei Schritte auf die Promenade hinaus und baute sich dort mit ausgebreiteten Armen aus. Er sah aus wie ein Tourist, der beschlossen hat, Verkehrspolizist zu spielen. Der Rollschuhläufer war etwa sieben Meter entfernt.

»Stop!« rief O’Neill. Er brauchte die Täter selbst nicht zu erwischen. Der Rollschuhläufer genügte ihm. Der würde schon plaudern. Er würde das gern tun. Lieber zumindest, als eine Anzeige wegen Beihilfe und Erregung öffentlichen Ärgernisses zu erhalten. Und wenn er den Märtyrer spielen wollte, bekämen O’Neill und seine Kollegen die Namen der anderen trotzdem heraus. Da gab es Freunde, Nachbarn, Kollegen. Wenn man einen hatte, kam man auch auf die anderen. Das war Routine.

»Stop!« sagte O’Neill noch einmal.

»Ojoi?« fragte der Rollschuhläufer und nahm die Arme hinter dem Rücken hervor. O’Neill spannte die Muskeln an. Linker Oberschenkel, rechter Oberschenkel, Bizeps eins, Bizeps zwei. Alles funktionierte. O’Neill trainierte jeden Tag, er war in ausgezeichneter Form, wie immer. O’Neill war ein Sportler, ein Jäger. Aus Instinkt. Sein Körper brannte auf seinen Einsatz.

Der Rollschuhläufer legte zwei kurze, schnelle Schritte ein. Er verlagerte sein Gewicht auf den rechten Fuß und zog in einer vorsichtigen Kurve nach außen. Den linken Fuß setzte er korrigierend nach.

»Einen Moment«, sagte O’Neill und duckte sich.

Der Rollschuhläufer weitete seinen Bogen mißtrauisch aus, ohne O’Neill aus den Augen zu lassen. O’Neill sprintete los. Er schoß nach links vorne, auf den Punkt zu, den der Rollschuhläufer menschlichem Ermessen nach gleich erreichen würde.

»Ijii«, kreischte der Rollschuhläufer, als O’Neill nach vorne schoß wie der Kopf einer Tiger Snake, wie der Taipan, die Death Adder, wie der unumschränkte Meister aller Klassen an tödlichen Schlangen Australiens, bereit, seine Fangzähne in die nackte, ocker-weiß bemalte Haut seines Opfers zu schlagen.

»Ijii«, kreischte der Rollschuhläufer und sprang senkrecht in die Luft, sprang entsetzt dem Himmel entgegen, der Sonne, deren Strahlen an den Betonschalen des Expressways entlangschnitten und einen harten Schatten auf das Ziegelpflaster zeichneten. Wie ein gestreifter Gummiball sprang er hoch, wirbelte durch die Schattengrenze und senkte sich wieder. Klack, klack, setzten die Rollen kurz nacheinander auf den Boden auf, zwei Meter von dem vorberechneten Zugriffspunkt entfernt, an dem O’Neills erster, tödlich gedachter Stoß soeben ins Leere ging. O’Neill warf sich noch in der Bewegung nach links und setzte über den aufgeklappten Koffer, aus dem silberne Münzen emporblinkten. Der Rollschuhläufer raste tief vornübergebeugt hinter dem Künstler vorbei, der unbeweglich in seiner verdrehten Haltung verharrte, der in seinem lächerlichen schwarzen Anzug Statue spielte. Der absolut dämlich dort stand, der – verflucht noch mal – im Weg stand, zwischen O’Neill und seinem Opfer, zwischen Willen und Tat, zwischen Aufgabe und Pflichterfüllung. Der Künstler war kein Künstler mehr, sondern ein Etwas, das stumm, starr und unbeschreiblich blöd in O’Neills Stoßrichtung stand. Der Künstler war nichts als ein Hindernis. O’Neill warf die Schulter nach vorne, machte sich schmal, bog sich zur Seite, wand den Oberkörper schlangengleich, während seine Beinmuskeln ihn weiter katapultierten.

Fast hätte er es geschafft. Fast wäre er vorbeigekommen. Fast hätte er zum Sprung ansetzen können, hätte er den Rollschuhläufer von seinen Rollen geholt, eisern gepackt, überwältigt, verhaftet, verhört, aktenmäßig erfaßt, dem Richter zugeführt und den ganzen Rest. Fast. Es war nur die Sense. Es war nur der Holzstiel der Sensenattrappe, in den er einfädelte. Der Stiel, der ihm zwischen die Beine geriet und ihn abblockte, der ihm den Sprung, seinen entschiedenen, entscheidenden Sprung, abwürgte und in einen stolpernden Fall verwandelte. O’Neill tauchte nach unten ab und sah aus den Augenwinkeln, daß das schwarz gekleidete Etwas, das offensichtlich an der Sense festgewachsen war, um die eigene Achse gewirbelt wurde und ihm nachsegelte. Dann setzte O’Neill bäuchlings auf und schürfte ein kleines Stück den Rollen nach, die den Nackten davontrugen. Die Rollen waren phosphorgrün. Voller Haß sah O’Neill dem Rollschuhläufer nach, der durch die Eingangshalle der City Rail Station auf den gegenüberliegenden Eingang zuglitt. Dann krachte der Sensenmann auf O’Neill nieder. Wie ein Sack Kohlen. Wie ein schwarzes, schweres Etwas fiel der Künstler auf ihn nieder und begrub ihn unter sich. Das Sensenblatt schrammte an O’Neills Hals entlang nach unten. Es bog sich durch, als es auf die Bodenziegel traf. Es war aus Hartgummi. O’Neill lag da, mit dem unbeweglichen Etwas über sich, und spürte etwas Hartes in seiner zur Faust geballten Hand. Es war die 50-Cent-Münze, die er dem Künstler vorher hatte geben wollen.

Der Rollschuhläufer kurvte drüben auf die Alfred Street hinaus. Nach links. O’Neill wälzte den schwarzen Sack, den er für einen Künstler gehalten hatte, von sich ab.

»Idiot!« sagte O’Neill, als er sich aufrappelte. Er blutete an Knien und Ellbogen. Alles brannte. Ein schwarzer Schatten zog vor seinen Augen auf und verschwand wieder. O’Neill probierte seine Muskeln aus, linker Oberschenkel, rechter Oberschenkel, Bizeps eins, Bizeps zwei. Obwohl er zerschlagen und zerschunden war, begann O’Neill zu laufen. Ohne recht bei Sinnen zu sein, ohne zu wissen, was los war, lief er durch die Halle, nach links in die Alfred Street. O’Neill war ein harter Hund. Er war fit. Er war ein guter Polizist. Ein geborener Jäger. Er folgte seinem Weg aus Instinkt.

Die der Stadt zugewandte Seite der City Rail Station »Circular Quay« gehörte nicht den Touristen, sondern den Sydneysidern, die hier auf die Busse in die Eastern Suburbs warteten. Sekretärinnen standen auf dem Square vor dem Customs House und rauchten ihre letzte Mittagspausenzigarette, während die in untadelige dunkle Anzüge gekleideten Geschäftsleute sich schon wieder Richtung George Street, zu Börse und World Trade Center, aufmachten. Vor dem McDonalds lungerten junge Schulschwänzer herum. Alles war wie sonst und doch ganz anders. Fremd, wie mit einem schwarzen Schleier verhangen. Der Sturz.

O’Neill zögerte einen Augenblick, als er ins Sonnenlicht eintauchte. Er zwinkerte mit den Augen. Dann erblickte er den Rollschuhläufer am Scout Place. Er war nicht in die Young Street abgebogen, hatte sich nicht schnellstmöglich in die City abgesetzt, um dort in den unterirdischen Passagen und Shopping Centres der Wolkenkratzer für immer zu verschwinden. O’Neill flog die Straße entlang, er spurtete, er spürte seine Beine nicht, doch sie gehorchten willig. Er war schnell, und er hatte eine Chance, denn er sah, wie der Rollschuhläufer der Albert Street Richtung Macquarie Street folgte. Es ging dort steil bergauf, nicht sehr weit, aber steil. O’Neill kannte hier jeden Zentimeter, es war sein Revier, auch wenn plötzlich ein unwirklicher Schatten über allem lag. Oder lag etwas vor seinen Augen? Ihm war, als ob er durch die geschlossenen Lider wahrnehmen müßte.

Der Anstieg zur Macquarie Street war kein Gelände für einen Rollschuhläufer, eher schon für einen Sprinter wie O’Neill. Er würde aufholen. Er sah, wie sein Opfer die Schrittlänge verkürzte, schon war er selbst am Scout Place und setzte in ungeheuren Sätzen über die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten. Als ob ihm die Autos gar nichts anhaben könnten. An der Ecke lag das Justice and Police Museum, ein alter Steinhaufen mit einer breiten Veranda, an deren Pfeilern uniformierte Polizisten aus Pappe hochkletterten, um Einbrecher aus Pappe zu verfolgen, die übers Dach flüchteten. Pappkameraden, dachte O’Neill, als er in die Steigung hineinhastete, Schattengestalten, dämlichste Silhouetten, Kinderphantasien. Kein Bezug zur Wirklichkeit.

Ich bin auf jeden Fall noch nie Einbrechern auf irgendein Dach nachgeklettert, dachte O’Neill, während der Rollschuhläufer oben nach links in die Macquarie Street einbog.

Gut, dachte O’Neill. Prächtig, dachte O’Neill. Das war das Ende, da war es aus und vorbei, da würde der Nackte nicht weiterkommen, da ging es nur zur Oper hinaus, und dann war da nur noch Wasser. Rundum Wasser, Meer, nichts anderes. Schluß, aus, das Ende der Welt, das Ende der Jagd. Wenn er nicht die Schwimmflügel auspackt, dachte O’Neill, während er an Mellony’s Pasta-Restaurant vorbeikeuchte.

Er keuchte, aber er hatte aufgeholt. Er war wieder dran, er war in übermenschlicher Form, er würde ihn erwischen. Zwei lange Schritte noch, um die Ecke des Blocks, und der weite Blick die Macquarie Street entlang öffnete sich. Vor O’Neill gähnte der Tunnel unter der zweistöckigen Expressway-Überführung, und dahinter gleißte das Sonnenlicht bis zum Opera House Forecourt und dem grünen Wasser neben dem Broad Walk.

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