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Sehnsüchtige Träume am Mittelmeer

Marion Lennox

Sehnsüchtige Träume am Mittelmeer

1. KAPITEL

Nach einem schweren Autounfall vor vier Jahren verschwand Dr. Elsa Langham von der Bildfläche. An ihre Stelle trat Elsa Murdoch.

Die Einladung lag schon den ganzen Tag auf dem Tisch. Eine quälende Erinnerung an ihr früheres Leben.

Die Internationale Korallen-Gesellschaft bittet Dr. Elsa Langham, Expertin für Weichkorallen (Alcyonacea), ihren Vortrag für das diesjährige Symposium in Hawaii einzureichen.

Offensichtlich hatten die Veranstalter der Konferenz noch nicht mitbekommen, dass Elsa in eine neue Rolle geschlüpft war. Im Nebenraum schlief die achtjährige Zoe. Das Mädchen war komplett auf sie angewiesen, und Elsa fühlte sich überhaupt nicht mehr wie eine führende Wissenschaftlerin.

Sie las die Einladung ein letztes Mal durch, seufzte und warf sie in den Papierkorb.

„Keine Ahnung, warum man mich immer noch einlädt“, vertraute sie der mageren schwarzen Katze an, die unter ihrem Stuhl gesessen hatte und nun hervorkam und um ihre Beine strich. „Ich bin Elsa Murdoch, die Mutter von Zoe. Ich beschäftige mich gelegentlich mit Seesternen, um das wissenschaftliche Arbeiten nicht völlig zu verlernen, und jetzt muss ich meine Katzen füttern.“

Sie stand auf und trug eine Schüssel mit Katzenfutter hinter das Haus. Die kleine Katze folgte ihr argwöhnisch, zögerte kurz, ließ sich dann aber doch von dem verlockenden Geruch verführen.

Vier weitere Katzen warteten bereits. Wie jeden Abend erklärte Elsa ihnen beim Füttern die Regeln, die sie aufgestellt hatte. Als sie mit dem Fressen fertig waren, sperrte sie die Tiere für die Nacht ein. Die Katzen kannten die Prozedur, mochten sie aber nicht und warfen ihr vorwurfsvolle Blicke zu.

„Morgen früh kommt ihr wieder raus“, erklärte sie abschließend. „Zumindest tagsüber könnt ihr tun und lassen, was ihr wollt.“

Und ich auch, dachte sie. Sie konnte mit Zoe an den Strand gehen. Sie konnte Seesterne beobachten. Sie konnte Elsa Murdoch sein.

Und wenn nicht ein Wunder geschah, würde es ewig so weitergehen. Sie blickte zum Nachthimmel auf. Ich brauche nicht wirklich ein Wunder, versuchte sie sich aufzumuntern. Ich liebe Zoe, die Seesterne sind nicht uninteressant, und ich kann mich glücklich schätzen, am Leben zu sein. Dennoch könnte ein bisschen Magie in meinem Leben nicht schaden. Wenn doch nur eine kleine Koralle in der Bucht auftauchte. Oder ein Märchenprinz mit seinem Zauberstab meine Schulden und Zoes Narben zum Verschwinden brächte.

Genug. Die Katzen interessierten sich nicht für ihre Träume. Und auch sonst keiner. Mit einem traurigen Lächeln drehte Elsa den missmutigen Tieren den Rücken zu und ging zurück ins Haus. Ein verstopfter Abfluss musste gereinigt werden.

Märchenprinzen ließen sich nie blicken, wenn man sie am meisten brauchte.

Der kleine Junge würde überleben.

Prinz Stefanos Antoniadis – Dr. Steve, wie seine Patienten ihn nannten – verließ den Operationssaal erschöpft, aber triumphierend. Er hatte es geschafft.

Die Mutter des Jungen sprach kein Englisch. Sie sah mitgenommen aus, doch sie schloss Stefanos mit einem Lächeln, das sämtliche Sprachbarrieren überwand, in die Arme. Und als er die dankbare Frau an sich drückte, spürte Stefanos, wie sich seine Müdigkeit verflüchtigte.

Er fühlte sich großartig.

Auf dem Weg in den Umkleideraum hätte er am liebsten die Faust in die Luft gereckt.

Dann fiel es ihm schlagartig wieder ein. Es gab keinen Grund zum Feiern. Er saß in der Patsche.

Vor zwei Monaten war König Giorgos von den Diamanteninseln ohne einen Erben gestorben. Stefanos’ Cousin Christos stand in der Thronfolge der Mittelmeerinsel Khryseis an erster Stelle. Einziges Problem: Christos war unauffindbar. Und noch schlimmer, falls Christos verschwunden blieb, würde die Regierungsgewalt auf Stefanos übergehen. Ein Albtraum für einen erfolgreichen Neurochirurgen.

In seiner Verzweiflung hatte Stefanos Nachforschungen anstellen lassen. Dass der Mann, den er beauftragt hatte, Christos zu finden, nun persönlich vor ihm stand, konnte nichts Gutes bedeuten.

Stefanos streckte dem Freund die Hand entgegen. „Was gibt’s Neues?“

„Was dich persönlich betrifft?“ Sein Freund, der in diplomatischen Kreisen verkehrte und für die Suche nach dem Verschwundenen bestens geeignet war, schüttelte ihm die Hand. „Du kannst aufatmen. Du bist nicht Giorgos’ Nachfolger.“

„Nicht!“ Überwältigt vor Erleichterung atmete Stefanos tief durch.

Seit nahezu zwanzig Jahren lebte er in den Vereinigten Staaten, wo er nach Abschluss der Schule sein Medizinstudium aufgenommen hatte. Seine Heimatinsel im Mittelmeer erschien ihm endlos weit weg. „Dann hast du Christos also gefunden?“

„Sozusagen.“ Etwas im Gesicht seines Gegenübers ließ Stefanos’ Freude verfliegen.

„Christos lebt nicht mehr“, fuhr der Freund leise fort. „Er kam vor vier Jahren in Australien bei einem Autounfall ums Leben.“

„Er ist tot?“ Stefanos erstarrte. „Christos? Mein Cousin? Was ist geschehen?“

„Du weißt, dass er die Insel kurz nach dir verlassen hat. Anscheinend ist er mit seiner Mutter nach Australien ausgewandert. Sie haben alle Brücken hinter sich abgebrochen. Seine Mutter ist kurz nach der Beerdigung ihres Sohnes leider auch verstorben.“

„Großer Gott!“

„Das sind die schlimmsten Nachrichten“, fuhr sein Freund fort. „Aber das ist noch nicht alles. Christos hatte ein Kind.“

„Ein Kind!“, wiederholte Stefanos wie betäubt.

„Ein kleines Mädchen. Seine Mutter, Christos’ Frau, kam bei dem Unfall ebenfalls um. Das Mädchen hat überlebt. Es ist inzwischen acht Jahre alt.“

Schweigend blickte Stefanos an seinem Freund vorbei ins Leere.

Ein Kind.

„Sie heißt Zoe. Sie lebt nach wie vor in Australien und wird von einer Frau namens Elsa Murdoch betreut. Aber Steve …“

„Ja?“ Er wusste, was nun kommen würde.

„Das Mädchen wird zwar einmal den Fürstentitel erben. Doch bis dahin bist du Prinzregent von Khryseis.“

Stefanos schwieg. Die Erschütterung ging zu tief. Seine Forschungsarbeit, die neue Operationstechnik, die er entwickelt hatte, seine Karriere … Vor ihm tat sich ein Abgrund auf.

„Ich habe Erkundigungen über die Verfassung der Insel eingeholt“, erläuterte sein Freund. „Bis zu Zoes fünfundzwanzigstem Geburtstag trägst du die Verantwortung für sie und die Regierungsgeschäfte. Soll ich dir die Adresse von diesem Kindermädchen Elsa besorgen?“

2. KAPITEL

Ein Märchenprinz stand an Elsas Strand.

Das türkisblaue Meer glitzerte im hellen Sonnenlicht. Seit Monaten hatte sich das Wasser bei Ebbe nicht mehr so weit zurückgezogen. Geblieben waren unzählige Gezeitentümpel, die nur so vor Kleinstlebewesen wimmelten.

Sie waren weit hinausgeschwommen, bis zu der Boje, die anzeigte, dass der Meeresboden an dieser Stelle steil abfiel. Eine Schule Delfine hatte ihnen neugierig dabei zugesehen, wie sie nach Seesternen getaucht waren. Später hatten Elsa und Zoe sich träge im flachen Wasser treiben lassen. Nichts linderte den Schmerz in Elsas Hüfte besser, als wenn sie sich in Rückenlage von den Wellen tragen ließ. Anschließend hatten sie sich Kronen aus Seegras gebastelt, und nun marschierten Königin Elsa und ihre Hofdame Zoe über den Strand zurück zum Haus. Es war Zeit fürs Essen und einen Mittagsschlaf.

Dann sahen sie den Prinzen. Er hatte keine Seegraskrone auf dem Kopf.

Einen Moment lang glaubte Elsa, sich zu lange in der Sonne aufgehalten zu haben. Der Mann sah wirklich aus, als wäre er Zoes Märchenbuch entstiegen. Er trug eine perfekt sitzende schwarze Uniform mit purpurroten Schulterklappen, Litzen und Orden. Die Jacke und die obersten Hemdknöpfe unter der gelockerten Krawatte standen offen, was ihn erstaunlicherweise nur noch fürstlicher wirken ließ.

Ein Prinz, der sich lässig gab?

Mit einer raschen Bewegung nahm sie sich den selbst gebastelten Kopfschmuck ab und registrierte verwundert, dass ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Zoes Vater hatte in ständiger Furcht vor dem König seiner Inselheimat gelebt. Doch die Berichte von schlimmen Ereignissen, die sie aus Christos’ Mund kannte, waren Elsa immer übertrieben vorgekommen.

„Sieh mal“, sagte Zoe verwirrt und griff nach ihrer Hand. Ob sie sich ebenfalls noch an die Erzählungen ihres Vaters erinnerte?

Vielleicht genügte aber auch der Anblick eines Mannes in Uniform, um sie zu erschrecken.

„Ja, ich habe ihn gesehen“, erwiderte Elsa. „Glaubst du, er ist aus deinem Dornröschenbuch abgehauen?“

Zoe kicherte.

Gut, dachte Elsa. Ich werde nicht zulassen, dass jemand dem Kind Angst einjagt.

„Vielleicht will er zu uns. Vielleicht kommt er von Khryseis.“ Zoes Stimme hatte einen leicht besorgten Unterton angenommen.

„Möglich.“ Keiner von ihnen kannte die Heimatinsel von Zoes verstorbenem Vater, die, soweit Elsa sich erinnerte, von einem korrupten König regiert wurde.

Und dieser Mann? War er der Prinz? Er kam ihnen nun quer über den Strand entgegen. Groß, tief gebräunt und umwerfend attraktiv. Elsa blieb stehen und drückte Zoes Hand, um sie zu beruhigen.

Jeder andere hätte in der gleichen Situation lächerlich gewirkt. Nicht so der Fremde. Maskulin, mit markanten Zügen und dunklen Augen, die nichts preisgaben, machte er einen würdevollen und gebieterischen Eindruck.

Und dann lächelte er. Elsa grub die Zehen in den Sand. Ein leichter Schwindel überfiel sie. Beherrsch dich! Halt deine Hormone im Zaum!

Sie rang sich ein dünnes Lächeln ab. Seines hingegen wirkte aufrichtig. Dann blickte er zu Zoe hinab, und das Lächeln erstarb. Elsa war darauf gefasst. Jeder, der Zoe zum ersten Mal sah, reagierte so.

Instinktiv zog sie das Mädchen näher an sich heran und wartete auf den üblichen erschrockenen Ausruf. Sie konnte es dem Kind nicht ersparen. Ihre eigenen Narben waren nicht auf den ersten Blick erkennbar, doch Zoes sprangen direkt ins Auge.

Doch die erwartete Reaktion blieb aus. „Zoe.“ Die Stimme des Mannes klang warm und herzlich. „Du musst Zoe sein. Du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.“

Elsa wusste ebenso wenig wie Zoe, was sie darauf sagen sollte. Sie standen in der gleißenden Sonne, während Elsa versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.

Sie fühlte sich dumm, fehl am Platz. Völlig zu Unrecht. Sie befanden sich an einem australischen Strand, und wenn hier jemand nicht hinpasste, dann war es der Fremde in seiner Uniform.

„Es tut mir leid“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken erraten. „Ich weiß, ich sehe sonderbar aus. Ich musste ein paar Gefälligkeiten einfordern, um Sie zu finden. Im Gegenzug wurde von mir erwartet, dass ich bei meiner Ankunft an einem Empfang teilnehme. Leider hat die Presse herausgefunden, in welchem Hotel ich abgestiegen bin. Hätte ich mich nach dem Empfang dort blicken lassen, um mich umzuziehen, wäre man mir hierher gefolgt. Und das wollte ich Ihnen ersparen.“

Elsa schluckte. Das musste sie erst einmal verdauen. Handelte es sich bei dem Fremden also tatsächlich um einen Prinzen? Sollte sie sich vor ihm verbeugen?

Niemals!

„Und wer sind Sie?“, fragte sie schließlich, während Zoe den Mann schweigend betrachtete.

„Ich bin Stefanos. Der Prinzregent von Khryseis.“ Er wandte sich Zoe zu. „Unsere Großväter waren Brüder. Ich bin der Cousin deines Vaters. Also bist du mehr oder weniger auch meine Cousine.“

Zoe hatte Verwandte? Elsa spürte, wie ihre Knie nachzugeben drohten.

Der Mann sprach mit einem griechischen Akzent, nicht stark, aber wahrnehmbar. Was für sich genommen noch gar nichts bewies.

„Christos hatte keinen Cousin“, behauptete sie aufs Geratewohl. „Ich habe nie von einem gehört.“

„Und ich wurde nicht davon unterrichtet, dass Christos umgekommen ist“, erwiderte der Fremde sanft. „Es tut mir so leid, Zoe. Ich habe deinen Vater und deine Großmutter sehr gut gekannt. Ich hätte den Kontakt aufrechterhalten sollen. Dann wäre ich für dich da gewesen, als du mich so dringend brauchtest.“

Elsa spürte, wie sie zu zittern begann. Zoe hatte nur sie. Und wenn sie ehrlich war, so hatte auch sie seit vier Jahren niemanden mehr außer Zoe.

„Sie können sie nicht haben.“ Es war ihr herausgerutscht, bevor sie nachdenken konnte. Und ihre Panik wirkte ansteckend. Sie bemerkte, wie Zoe sich sofort versteifte.

„Ich gehe nicht mit Ihnen“, flüsterte die Kleine, und dann wurde ihre Stimme schrill. „Nein, nein, niemals!“ Sie vergrub ihr Gesicht in Elsas T-Shirt und begann hemmungslos zu schluchzen. Elsa hob das Kind hoch und drückte es fest an sich.

Und Stefanos … oder wie auch immer er heißen mochte … blickte sie beide verwundert an.

„Nicht schlecht“, bemerkte er trocken. „Übertreiben Sie nicht etwas?“

Vermutlich hat er recht, dachte sie, ohne Zoe loszulassen. Aber sie war nicht bereit, die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen.

„Sie finden, dass wir übertreiben?“, fragte sie spitz. „Der Märchenprinz am Strand von Queensland?“ Sie sah an ihm vorbei zu der Limousine, mit der er gekommen sein musste. Ein Bentley, sogar mit Chauffeur. Nein, ihre Reaktion war durchaus angemessen. „Sie machen Zoe Angst. Und mir auch.“

„Das hatte ich nicht vor.“

„Und was haben Sie dann vor?“

Sie hielt Zoe immer noch fest an sich gedrückt. Das Mädchen wischte sich mit der Hand über die Augen und drehte sich zu dem Fremden um. Es war viel zu klein und dünn für sein Alter. Die vielen Operationen waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen.

„Ich denke, wir sollten uns erst einmal richtig bekannt machen“, meinte Elsa, nachdem sie ihre Fassung wiedererlangt hatte.

„Hallo“, flüsterte Zoe.

„Hallo.“ Stefanos schüttelte dem Mädchen die Hand.

Dann richtete er sein Augenmerk auf Elsa. „Und Sie müssen Mrs. Murdoch sein.“

„Sie heißt Elsa“, wurde er von Zoe berichtigt.

„Gut, dann also Elsa, wenn es Ihnen recht ist“, sagte Stefanos, ohne ihren Blick loszulassen. Mit Zoe auf dem Arm konnte sie ihm nicht die Hand reichen, wie sie erleichtert feststellte. Doch dieser Mann war auch ohne Körperkontakt beunruhigend genug.

Wie sollte es nun weitergehen? Konnte man einen Prinzen auf eine Tasse Tee einladen, oder erwartete er ein Zwölf-Gänge-Menü?

„Wohnen Sie hier?“, fragte er immer noch mit sanfter Stimme. Es befand sich nur ein Gebäude in Sichtweite. Ihr Bungalow, eine armselige, heruntergekommene Bude. „Ist das Ihr Haus?“

„Ja.“

„Kann ich reinkommen, damit wir uns unterhalten können?“

„Ihr Chauffeur …“

„Dürfte ich Sie darum bitten, mir später ein Taxi zu rufen? Ich lasse meinen Fahrer nicht gern warten.“

„Es gibt hier kein Taxi.“

„Oh.“

Was nun? Sie gab sich einen Ruck. „Ich habe einen Wagen und fahre Sie gern zurück in die Stadt. Es dauert nur fünfzehn Minuten. Normalerweise bin ich nicht so abweisend. Die Situation ist nur sehr ungewöhnlich.“

„Natürlich.“ Erneut schenkte er ihr ein Lächeln, bei dem ihr ganz schummrig wurde. „Ich möchte mich Ihnen aber keinesfalls aufdrängen.“

„Wenn Ihnen ein einfaches Sandwich genügt, können Sie gern mit uns essen“, sagte sie bedächtig. „Und natürlich bringe ich Sie später zu Ihrem Hotel. Schließlich sind Sie Christos’ Cousin.“

„Dann kann ich ja kein ganz übler Kerl sein“, bemerkte er mit leiser Ironie, und sie errötete.

„Ich habe sehr an Christos gehangen“, erklärte sie. „Und an Amy. Zoes Eltern waren meine besten Freunde.“ Sie brachte ein kleines Lächeln zustande. „Um ihretwillen sind Sie mir willkommen.“

Das Haus war in die Jahre gekommen. Es hätte dringend einen neuen Anstrich gebraucht. Auch wirkte das Gebäude, als würde es keinem ordentlichen Sturm standhalten. Es erweckte den Eindruck, nur von den Kletterpflanzen zusammengehalten zu werden, die sich an ihm emporrankten. Allerdings sorgte der üppig blühende Garten für aufmunternde Farbtupfer.

Doch Stefanos hatte kein Auge für den Garten. Er konnte den Blick nicht von der Frau abwenden, die vor ihm stand.

Sie sah … hinreißend aus. Natürlich, anmutig und frei.

Frei – eine ungewöhnliche Beschreibung, aber es war das Erste, was ihm bei ihrer Erscheinung in den Sinn kam. Sie trug Shorts und eine nicht mehr neue weiße Bluse, deren oberste Knöpfe offen waren, sodass er einen Einblick in ihren entzückenden Ausschnitt bekam. Ihre schlanken Beine erschienen ihm endlos lang. Der Anblick ihrer bloßen, sandigen Füße sandte ihm einen lustvollen Schauer über den Rücken. War es sonderbar, sandige Zehen sexy zu finden? Nun, dann war er eben sonderbar.

Doch es lag nicht nur an ihren Zehen. Nicht nur an ihrem Körper.

Ihr gebräuntes Gesicht mit den wachen, intelligenten Augen, den vereinzelten Sommersprossen und dem sinnlichen Mund, der gern zu lächeln schien, raubte ihm schier den Verstand. Sonnengebleichte Strähnen durchzogen das honigblonde Haar perfekter, als ein Friseur es jemals hinbekommen hätte. Nichts an dieser Frau wirkte gekünstelt. Sie trug kein Make-up. Auf ihrer Nase befand sich noch ein Klecks weißer Sonnencreme. Die ungebändigten feuchten Locken schienen seit Tagen nicht mehr mit einem Kamm in Berührung gekommen zu sein.

Nie hatte er eine schönere Frau gesehen.

„Wollen Sie nicht hereinkommen?“ Elsa ging an ihm vorbei auf die Veranda und musterte ihn mit einem amüsierten Lächeln. Wahrscheinlich habe ich schon mal intelligenter dreingeblickt, schoss es Stefanos durch den Kopf.

„Ist das ein Ferienhaus?“ Er riss sich zusammen und betrachtete seine Umgebung. Man hatte ihm gesagt, dass sie hier wohnte. Es musste ein Irrtum sein.

„Nein.“ Ihr Lächeln erstarb. „Das ist unser Zuhause. Ich versichere Ihnen, dass es drinnen sauber ist. Sie brauchen sich keine Sorgen um Ihre Uniform zu machen.“

„Ich wollte nicht …“

„Ich weiß“, lenkte sie ein. Erneut umspielte ein kleines Lächeln ihre Lippen und ließ sein Herz schneller schlagen.

Er folgte ihr die Verandastufen hinauf. Zoe war bereits im Haus verschwunden, und er hörte das Rauschen von Wasser.

„Zoe duscht als Erste, während ich das Essen herrichte“, erklärte Elsa. „Dann deckt sie den Tisch, und in der Zeit gehe ich ins Bad.“

Ihre Stimme klang herausfordernd. So, als wolle sie ihm zu verstehen geben, dass sie und das Kind ihre Gewohnheiten seinetwegen nicht ändern würden.

Dabei war diese Frau doch nur Zoes Kindermädchen. Man hatte ihm mitgeteilt, dass sie aus der Erbschaft des Mädchens bezahlt wurde, und der Gedanke, dass eine Fremde an dem Kind verdiente, hatte ihn beunruhigt.

Doch hier vor Ort stellte sich die Situation ganz anders dar. Es war unübersehbar, dass zwischen den beiden eine tiefe Zuneigung bestand.

Und ihre Angst? Sie wollte die Versicherung von ihm, dass er Zoe nicht mitnehmen würde. Er konnte es ihr nicht versprechen. Er sah Elsa an und spürte, dass sie seinen Gedanken gefolgt war.

Warum hatte er nicht mehr Informationen über sie eingeholt? Weil er keine Schwierigkeiten vorausgesehen hatte. Doch so, wie diese Frau hier vor ihm stand, sonnengebräunt, sommersprossig und barfuß, die Arme abwehrend vor der Brust gekreuzt, wusste er, dass er kein leichtes Spiel haben würde. Elsa Murdoch war keine gewöhnliche Nanny.

„Ich bin nicht gekommen, um Zoe zu erschrecken“, begann er. „Ich will nur ihr Bestes.“

„Gut“, erwiderte sie schroff.

„Haben Sie gewusst, dass Zoe die zukünftige Fürstin von Khryseis ist?“, fragte er, und sie erstarrte.

„Wovon reden Sie?“

„Sie wissen, wovon ich rede“, sagte er leise. „Ihr Gesichtsausdruck …“

„Hat nichts zu bedeuten“, fiel sie ihm ins Wort. „Ich bin müde, verwirrt und hungrig. Außerdem hat Ihre Uniform mich völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Setzen Sie sich, während ich uns etwas zu essen richte. Aber wenn Sie Zoe gegenüber auch nur eine Andeutung machen, sind Sie schneller draußen, als Sie bis drei zählen können. Verstanden?“

„Äh … verstanden“, lenkte er ein.

„Okay.“ Sie wandte sich um und ging ins Haus. Ihre ganze Haltung gab ihm zu verstehen, dass sie es vorgezogen hätte, wenn er freiwillig und sofort verschwunden wäre.

Sobald er den Bungalow betreten hatte, zog er seine Jacke aus, nahm die Krawatte ab, öffnete zwei weitere Knöpfe seines Hemdes und krempelte die Ärmel hoch.

Sprachlos sah sie zu, wie er es sich mit lässigen Bewegungen bequem machte, so als wäre er bei ihr zu Hause.

Hatte er draußen bereits beeindruckend gewirkt, so fühlte sie sich nun von seiner männlichen Ausstrahlung nahezu überwältigt. Dass ein Mann so gut aussehen konnte, so sexy, es sollte verboten sein.

Sexy, wie kam sie nur darauf? Rasch schob sie den Gedanken beiseite.

„Wunderbar“, sagte er, und sie riss sich zusammen und versuchte, das Haus mit seinen Augen zu sehen.

Baufällig. Natürlich war es das. Sie konnte sich keine größeren Reparaturen leisten. Eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, würde Zoe in die Schule gehen. Dann konnte Elsa wieder einen richtigen Job annehmen und Geld verdienen. Bis dahin mussten sie sich eben durchschlagen.

„Wo haben Sie all die Sachen her?“ Er machte eine allumfassende Handbewegung. „Das ist einfach erstaunlich.“

„Das meiste haben wir gefunden oder selbst gemacht.“

Er betrachtete die bunt zusammengewürfelte Mischung aus farbenfrohen Kissen, verblichenen karmesinroten Vorhängen und geknüpften Teppichen. Von der Decke hingen mit Muscheln verzierte Hummerkörbe, und eine Wand war mit einem Fischernetz voller riesiger Muscheln und anderer Meeresfunde bespannt. Überall standen Keramikvasen mit Schnittblumen aus dem Garten. Daneben Paradiesvogelblumen in leuchtendem Rot und tiefem Grün.

„Das haben Sie alles gefunden?“, fragte er ungläubig.

„Ich hatte eine kleine Wohnung auf dem Unigelände“, erklärte sie. „Der Bungalow ist ein Erbstück von meinen Eltern. Die Wochenenden habe ich immer hier verbracht. Ich bin Meeresbiologin, und wir … Der Bungalow war eine Art Forschungsstation. Zoes Eltern lebten in einem Wohnmobil. Sie sind viel herumgezogen. Fast alles, was sie besaßen, wurde bei dem Unfall zerstört. Zoe und ich haben das, was noch brauchbar war, mitgenommen. Den Rest hat uns das Meer zugetragen.“ Sie sah ihn herausfordernd an. „Zoe und ich sind die besten Strandgutsucher der Welt.“

„Daran gibt es keinen Zweifel.“ Stefanos betrachtete sie neugierig. „Sie sind Meeresbiologin?“

„Ja.“ Nach kurzem Zögern fuhr sie fort: „Ich arbeite zurzeit sehr wenig, da Zoe nicht in die Schule geht.“

„Sie geht nicht zur Schule?“

„Ich unterrichte sie noch zu Hause.“

„Während Sie Christos’ Lebensversicherung aufbrauchen.“

Elsa hatte gerade die Kühlschranktür geöffnet und den Eisbergsalat herausgeholt. Wie erstarrt blieb sie stehen.

Hätte sie sich umgedreht, der Salatkopf wäre in seinem Gesicht gelandet.

„Richtig“, sagte sie eisig. „Ich nehme Zoe aus, so gut ich kann.“

„Das wollte ich nicht …“

„Doch, genau das wollten Sie sagen.“ Langsam drehte sie sich um und legte den Salat vorsichtig ab. „Wer sind Sie eigentlich, und was wollen Sie von uns?“

Die Tür schwang auf, und Zoe erschien.

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