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Sehnsuchtsmelodie

1. KAPITEL

Allein, mitten im rostroten Sand unter dem endlosen blauen Himmel, sah er aus wie ein Cowboy.

Genauer gesagt, er sah so aus, wie jede Frau sich einen Cowboy vorstellte. Er hatte sich den Hut tief in die Stirn gezogen, und das Gesicht lag halb im Schatten, aber ein einziger Blick auf das Profil verriet jeder Frau alles, was sie über ihn wissen musste. Kantiges Kinn, fester Mund, durchdringender Blick … auch wenn er die Welt um ihn herum gar nicht richtig wahrzunehmen schien.

Er war nicht der Typ, der den flachen Bauch und die Muskeln durch ein zu enges T-Shirt betonte. Er hatte gelernt, seine Kräfte zu sparen – für die langen Tage, an denen er die Zäune abritt, Rinder mit Brandzeichen versah oder eine Herde auf frisches Weideland trieb. Im Moment ruhten die muskulösen Unterarme auf dem hölzernen Geländer vor ihm. Er war Viehzüchter, ein Rancher im australischen Outback, der in der Weite des riesigen Kontinents auf seinem Land lebte und arbeitete.

Neun von zehn Frauen sahen genauer hin, als sie an ihm vorbeigingen. Acht von zehn waren beeindruckt und wüssten gern mehr über ihn. Welche Farbe hatten seine Augen? War die Haut unter den kurzen Ärmeln hell oder ebenfalls gebräunt? War er ungebunden? War er so gut, wie er aussah?

Aber falls der Rancher das Interesse der Frauen registrierte, so ließ er es sich nicht anmerken. Wer vermutete, dass Callan Woods in Gedanken mindestens zweihundert Meilen entfernt war, lag keineswegs falsch.

„Sieh ihn dir an, Brant! Was sollen wir tun?“

Branton Smith antwortete nicht sofort. Wie Callan verbrachten auch Dusty Tanner und er die Tage fast nur im Freien. Sie arbeiteten hart, und wenn es Probleme gab, beispielsweise durch Dürre, Flut oder Feuer, oder wenn sie ein verletztes Tier fanden, dann packten sie einfach noch energischer an. Sie bestiegen ein Pferd und trieben die Rinder oder Schafe auf höher gelegenes Land. Sie standen morgens zwei Stunden früher auf und warfen Heuballen auf die Ladefläche eines Lastwagens, bis ihre Hände schwielig wie Leder waren und jeder Muskel schmerzte. Sie waren große, tüchtige Männer mit Verstand und suchten nach praktischen Lösungen.

Aber was sollten sie mit Callan tun?

„Vielleicht sollten wir einfach nur für ihn da sein“, antwortete Brant schließlich.

Dusty lachte abfällig. „Du klingst wie die Lebensberaterin in einer Frauenzeitschrift!“

Richtig.

Außerdem war der Rat nicht gerade einfallsreich, denn sie beide waren „für Callan da“, seit seine Frau Liz vor vier Jahren gestorben war. Trotzdem schien er sich in diesem Jahr noch weiter in sich selbst zurückgezogen zu haben.

Wie die beiden anderen Männer stand Callan an der Bahn, auf der Australiens bekanntestes Outback-Pferderennen ausgetragen wurde. Der gedankenverlorene Blick, die hängenden Schultern, der schmale Mund und das brütende Schweigen ließen vermuten, dass er gar nicht mitbekam, was um ihn herum vorging.

Die drei Männer waren befreundet, seit sie zusammen auf die Cliffside-School in Sydney gegangen waren. Das lag jetzt siebzehn Jahre zurück, und damals waren sie schüchterne Jungen aus dem Outback gewesen, die zum ersten Mal von zu Hause fort waren und mit den Söhnen von Börsenmaklern, Autohändlern und Immobilienhaien die Bänke drückten.

Jetzt besaßen sie Rennpferde, fünf rassige Vierbeiner, von denen gerade zwei starteten. Drei davon wurden auf einem Gestüt in der Nähe von Brants Schafzucht westlich der Snowy Mountains trainiert, während die beiden, die heute antraten, bei einem Trainer in Queensland nicht weit von Dusty untergebracht waren. Als Hobby deckte der Rennstall gerade eben seine Kosten, als gemeinsames Unternehmen dreier Freunde war er Gold wert.

Die zweijährige Stute Surprise Bouquet war am Vormittag bei ihrem Jungfernrennen nach einem schwachen Start immerhin noch Fünfte geworden. Saltbush Bachelor war das Pferd, von dem sie sich heute am meisten versprachen.

Callan, Brant und Dusty sahen sich nicht sehr oft, aber die Renntage waren ein Ereignis, bei dem sie sich regelmäßig trafen. Callan hatte zwei Jahre verpasst, als Liz krank gewesen war. Sie war Ende September gestorben, und für ihn gehörten die Veranstaltung in Birdsville und ihr Tod untrennbar zusammen.

„Er ist dreiunddreißig“, murmelte Dusty. „Wir dürfen nicht zulassen, dass er denkt, sein Leben wäre vorbei, Brant.“

Callan stand neben seinen beiden Freunden und dachte nicht das, was sie befürchteten.

Jedenfalls nicht genau.

Aber er wusste, dass Brant und Dusty sich um ihn Sorgen machten. Die mitfühlenden Blicke. Die leisen Kommentare, die er zwar nicht immer verstand, deren Inhalt er jedoch erriet. Die übertrieben aufmunternden Einladungen, ein Bier trinken zu gehen. Die gelegentlichen Bemerkungen über eine Frau – nichts Plumpes, nur „hübsche Beine“ oder so ähnlich. Und danach stießen sie ihn immer an, und er nickte jedes Mal pflichtschuldig.

Brant und Dusty fanden, dass er eine neue Mutter für seine Jungen suchen sollte.

Callan hatte das auch geglaubt. Früher.

Vor drei Jahren, um genau zu sein, bei diesen Renntagen.

Ihm kam es vor wie gestern.

Er erinnerte sich an die Panik, die Einsamkeit, die Trauer und die quälende Frage, wie seine Söhne den Verlust der Mutter verkraften würden.

Aber hatte er an jenem Tag wirklich angenommen, dass jemand aus der Großstadt, mit „hübschen Beinen“, einem Glas Champagner in der einen Hand und dem Rennprogramm in der anderen, ihm ernsthaft helfen konnte?

Auch äußerlich war an der jungen Frau alles falsch gewesen. Die Sommersprossen an der Nase waren nicht Liz’ Sommersprossen. Das Blond ihrer Haare war nicht das von Liz. Die Figur stimmte nicht, ebenso wenig wie die Stimme.

„Sie sind jetzt in den Startboxen“, verkündete Brant. „Er sieht lebhaft aus, aber nicht zu nervös.“

„Und Garrett ist scharf auf diesen Sieg“, fügte Dusty hinzu. „Er wird ihn genau richtig reiten.“

Beide Männer hatten Feldstecher vor den Augen und wollten, dass auch Callan sich dafür interessierte, wie Saltbush Bachelor abschnitt.

Die Seidentrikots der Jockeys flimmerten im hellen Sonnenschein. Auf dem benachbarten Flugplatz standen die Propellermaschinen aufgereiht wie Minivans im Parkhaus eines Einkaufszentrums, und die Bevölkerung der ländlichen Kleinstadt war von ein paar Hundert auf mehrere Tausend angewachsen. Es roch nach Bier und Grillwürsten, Sonnencreme und Pferdefutter und Staub.

Callan gab sich einen Ruck. „Ja, Mick Garrett ist ein guter Jockey“, sagte er zu den Freunden, ohne das Fernglas zu heben. In Gedanken war er bei seinen Jungen und deren Großmutter auf der Arakeela Creek Ranch. Bei seinem Vieh und der Katastrophe, die er vor drei Jahren hier in Birdsville mit der Frau mit den hübschen Beinen erlebt hatte.

Und bei der anderen Frau, der skandinavischen Rucksacktouristin, die am Wasserloch in der Schlucht von Arakeela gezeltet und mit ihm geflirtet hatte. Der One-Night-Stand mit ihr war ein absoluter Reinfall gewesen.

Wie er diese Erinnerungen hasste! Hatte er wirklich geglaubt, dass ein Abenteuer mit einer Wildfremden seine Trauer vertreiben würde?

Brant und Dusty wechselten besorgte Blicke.

„Weiß er überhaupt, dass das Rennen schon läuft?“, murmelte Dusty.

„Er weiß es“, erwiderte Brant. „Aber es interessiert ihn nicht.“

„Wenn Salty gewinnt …“

„… wird es ihm egal sein. Verdammt, Dusty, was sollen wir bloß tun? Einfach da zu sein reicht nicht. Du hast recht, er braucht Ablenkung.“

„Ablenkung? Wir tun doch, was wir können! Als er aus der Renngemeinschaft aussteigen wollte, haben wir es ihm ganz einfach verboten.“

„Und seine Mutter hat es ihm ausgeredet.“

Die Rennpferde galoppierten um die Kurve, und die Farben der Jockeys verschwammen.

Neben Brant feuerten zwei Möchtegern-Paris-Hiltons das Pferd an, auf das sie gewettet hatten. „Los, Van Der Kamp!“, riefen sie immer wieder, aber der Hengst lief erst im nächsten Rennen. Keiner der Männer machte sich die Mühe, die beiden aufzuklären.

„Kerry hat mich in der letzten Woche angerufen und gebeten, auf ihn aufzupassen“, fuhr Brant fort.

„Als würden wir das nicht längst tun.“

Die Pferde bogen auf die Gerade ein. Die Paris-Hilton-Mädchen hatten inzwischen gemerkt, dass sie bei diesem Rennen auf Salty gesetzt hatten, und feuerten ihn an.

„Er schafft es!“, schrie Brant. „Er ist vorn! Das wird eng. Siehst du ihn, Dusty? Callan?“

Callan antwortete nicht.

Die Pferde donnerten vorbei. Noch zwanzig Meter, noch zehn …

„Da ist er … und wird Zweiter! Er ist … Verdammt, er fällt zurück, aber er …“ Brant verstummte.

Zweiter? Es war ein Fotofinish, also würden sie auf das offizielle Ergebnis warten müssen. Brant spitzte die Ohren, als der Sprecher den Einlauf verkündete. Keiner der Namen, die aus dem scheppernden Lautsprecher kamen, klang auch nur entfernt wie Saltbush Bachelor. Ihr Pferd war mit einer Nasenlänge Rückstand Vierter geworden.

Die beiden jungen Frauen seufzten enttäuscht.

Callan reagierte gar nicht.

„Sprich mit deiner Schwester, Brant“, schlug Dusty vor. Eine Fliege summte an seinem Mund vorbei. Wie die meisten Menschen, die im Outback aufgewachsen waren, hatte er früh gelernt, die Lippen beim Sprechen nicht zu weit zu öffnen – was bei vertraulichen Unterhaltungen ein echter Vorteil war. „Vielleicht kann sie uns einen Rat geben. Nuala ist ein kluger Kopf.“

„Aber voller verrückter Ideen“, knurrte Brant.

„Vielleicht ist eine verrückte Idee genau das, was wir brauchen.“

„Ja, weil die normalen nicht funktioniert haben! Na gut, ich rede mit ihr, aber ich warne dich, es kann sein, dass ihre Idee dir nicht gefallen wird.“

Dusty machte ein trotziges Gesicht. „Hauptsache, sie hilft Callan.“

2. KAPITEL

„Wie sollen wir uns an Nuala für diese blödsinnige Idee rächen?“, fragte Dusty Brant fast sechs Monate später.

Es war ein Freitagabend im späten Februar. Ihre Pferde hatten im Frühjahr ein paar kleinere Rennen gewonnen. Brants Land hatte mehr Regen als sonst abbekommen, während Dustys unter der Dürre in Queensland gelitten hatte. Kerry Woods hatte die beiden Männer eindringlich gebeten, etwas für ihren Sohn Callan zu tun.

„Du hast gesagt, es ist dir egal, wie verrückt sie ist. Hauptsache, sie hilft Callan“, erinnerte Brant seinen Freund. Dabei hatte er – seit die neueste Ausgabe von Today’s Woman in den Zeitschriftenregalen lag – selbst schon überlegt, wie sie es seiner Schwester heimzahlen konnten.

„Ich bin immerhin hergekommen, oder nicht?“, entgegnete Dusty. „Mein Foto ist in dem verdammten Magazin abgedruckt. Ich musste meine Hobbys auflisten und erzählen …“ Er malte Anführungsstriche in die Luft. „… was mir an einer Frau gefällt und warum ich glaube, dass Liebe von Dauer sein kann. Und dann haben sie höchstens ein Viertel von dem genommen, was ich gesagt habe.“

„Du hast die Fragen besser beantwortet als ich“, knurrte Brant.

Dusty grinste. „Ich war ehrlicher.“

„Hast du denn gar keinen Selbsterhaltungstrieb?“

„Reichlich sogar. Ich bin nur kein sehr guter Lügner. Glaubt deine Schwester allen Ernstes, dass Callan auf diese Weise findet, was er sucht?“

Die beiden Männer sahen sich in dem elegant eingerichteten Raum um. Es war kurz nach sechs, und die Klimaanlage kämpfte gegen die Sommerhitze von Sydney. An den Stränden wimmelte es von schlanken, gebräunten Körpern und sandigen Kindern. Auf den Straßen vermischten sich die Autoabgase mit den Gerüchen aus den unzähligen Restaurants.

Hoch über dem dichten Feierabendverkehr war dies der ideale Ort für eine Cocktailparty, mit Blick auf den Hafen und die Brücke, die die renovierten Piers überspannte.

Er war Lichtjahre von Brants, Dustys und Callans Ländereien entfernt.

Brant schätzte die Zahl der Gäste auf etwa fünfzig. Sie setzten sich zusammen aus zwanzig männlichen Outback-Singles und zwanzig weiblichen Großstadt-Singles, hinzu kamen einige Journalisten und Fotografen von der Zeitschrift und eine Handvoll Kellner, die mit Getränken und modischen, nicht sehr nahrhaft aussehenden Häppchen umherstreiften.

„Laut Nuala soll er nicht finden, was er sucht, sondern herausfinden, was er sucht“, verbesserte Dusty.

„Sagt ausgerechnet Nuala, die sich erst neulich mit einem Mann verlobt hat, den sie kennt, seit sie … wie alt war? Drei?“, brummte Dusty. „Ja, sicher, sie ist eine echte Beziehungsexpertin!“

„Nuala um Rat zu fragen war deine Idee“, widersprach Brant.

„Und sie glaubt wirklich …“

„Soll ich sie zitieren?“, unterbrach Brant ihn und zählte die Argumente seiner Schwester an den Fingern ab. „Es wird Callan dazu bringen, sich bewusst zu machen, was er will und was in seinem Leben fehlt. Er wird merken, dass es auch ohne Liz noch ein paar anständige Frauen gibt. Und er wird begreifen, dass er nicht der Einzige ist, dessen Herz …“

Er brach ab, als er merkte, dass sie nicht mehr allein in der Ecke standen.

„Hi! Wen haben wir denn hier? Dustin, richtig?“ Die übertrieben begeisterte Amerikanerin warf einen diskreten Blick auf ihr Klemmbrett, während direkt neben ihr ein Blitzlicht aufflackerte. Reporterinnen von der Frauenzeitschrift, alle beide.

Dusty blinzelte. „Dusty.“

„Dusty …“ Die Amerikanerin setzte ein strahlendes, aber äußerst künstliches Lächeln auf.

Brant machte einen Schritt zurück und sah, dass sie glänzendes Haar, einen breiten Mund und hübsche Beine hatte. Wer Rennpferde besaß, hatte einen Blick für Beine. Auch Dusty musterte sie interessiert.

„Du bist gekommen, um Mandy kennenzulernen, Dusty“, sagte die Amerikanerin. „Und hier ist sie!“

Fehlt nur noch der Tusch, dachte Brant.

Mandy trat vor. Sie war etwa eins siebzig groß, mit ziemlich unauffälligen Beinen, hatte aber dunkle Augen und lächelte eifrig. Außerdem war sie sichtlich stolz darauf, dass sie erraten hatte, welches Foto zu den Angaben passte, die Dusty über sich gemacht hatte – wodurch sie die Teilnahme an dieser Party gewonnen hatte.

Dusty wirkte etwas verwirrt, doch als sie ihm mit ihren großen Augen ins Gesicht sah …

Ja, dachte Brant, wahrscheinlich würde ich mich auch geschmeichelt fühlen. Es war schön, wenn eine Frau sich ernsthaft für einen interessierte. Er machte sich auf die Suche nach einem Drink und fragte sich nervös, welche für ihn vorgesehen war.

Als er an Callan vorbeikam, sah er, dass sein Freund – dem dieses ganze absurde Manöver galt – in Gedanken meilenweit entfernt war.

„Warum bin ich hier?“, murmelte Jacinda Beale.

Sie fühlte sich auf dieser schicken, extravaganten, mondänen Cocktailparty wie ein gehetztes Tier, das von einem Suchscheinwerfer erfasst wurde. Außerdem kannte sie keine Menschenseele. Sie war noch nicht mit dem Mann bekannt gemacht worden, den sie hier kennenlernen sollte.

Die Frau, die dafür zuständig war und sich Jacinda als Shay-von-der-Zeitschrift vorgestellt hatte, huschte umher und sah fast so nervös aus wie die meisten Gäste, von denen die meisten viel zu schüchtern waren, um von allein mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Warum bist du hier, Jacinda?

Na los, such dir etwas aus, erwiderte ihre innere Stimme. Schließlich bist du Drehbuchautorin. Dich zwischen den verschiedensten Motiven zu entscheiden gehört zu deinem Job.

Weil ich einem verrückten Impuls nachgegeben und gedacht habe, dass es Spaß machen … oder wenn nicht, wenigstens gut für mich sein könnte.

Weil in Today’s Woman eine Serie namens „Gesucht: Ehefrauen fürs Outback“ erscheint und ich erstens erraten habe, welche Beschreibung eines Outback-Singles zu welchem Foto eines Outback-Singles passt, und zweitens der Zeitschrift in höchstens dreihundert Worten geschrieben habe, warum ich die ideale Kandidatin bin.

Ja, eine Einladung zu dieser Cocktailparty sollte für mich so etwas wie ein Hauptgewinn sein.

Weil ich verzweifelt bin und alles tue, was auch nur einigermaßen Erfolg versprechend erscheint.

Weil ich Autorin bin und dringend Anregungen für mein nächstes Drehbuch brauche.

Die letzte Antwort verstärkte ihre Panik. Autoren konnten behaupten, dass so ziemlich alles Recherche war. Um Ideen zu sammeln, hatte Jacinda teuren Schmuck anprobiert, im Mülleimer eines fremden Menschen gewühlt, sich in eine besonders steile Achterbahn getraut, in einem der exklusivsten Restaurants der USA gegessen und … Die Liste war endlos.

Aber war sie wirklich noch Autorin?

Elaine Hutchison, ihre Chefin bei Heartbreak Hotel, fand es jedenfalls.

„Du hast eine Schreibblockade“, hatte Elaine vor sechs Wochen gesagt. „Du brauchst eine Pause. Schnapp dir deine süße Tochter, flieg über den Ozean und komm frühestens in einem Monat wieder. Danach wirst du vor Ideen nur so sprühen, und ich kann dir Reeces und Naomis Szenen geben, denn du bist die Einzige, die ihre Dialoge auch nur annähernd glaubwürdig hinbekommt.“

„Über welchen Ozean?“, hatte Jacinda gefragt.

„Egal, Honey. Hauptsache, ein großer. Weißt du, warum ich das sage?“

Elaine hatte keine Namen genannt, aber Jacinda war auch so klar gewesen, was ihre Chefin meinte. Dass sie so viel Entfernung wie möglich zwischen sich und Kurt legen sollte. Und der Pazifik war der größte Ozean in der Gegend – außerdem liefen seine Wellen praktischerweise am Strand von Kalifornien aus. Also befand sie sich jetzt auf der anderen Seite, auf einer Cocktailparty, die sie ebenso wenig genoss wie die vielen anderen, zu denen sie mit Kurt gegangen war.

Selbst als Kurt und sie noch verliebt gewesen waren.

Ja, sie war mal naiv genug gewesen, ihn zu lieben.

Das einzig Positive in ihrer Ehe war die Geburt von Carly gewesen.

„Jacinda?“, sagte eine Frauenstimme, die so amerikanisch klang wie ihr eigene.

Sie drehte sich nun zu der dynamischen Redakteurin um. „Hi …“

Der große Moment war da.

Neben Shay-von-der-Zeitschrift stand ein Mann. Er sah sogar noch besser aus als auf dem Foto, wirkte jedoch wesentlich weniger entspannt. Das Foto zeigte ihn in seinem Element, ein langes, in Jeans gehülltes Bein auf einem rostroten Felsbrocken, das Gesicht unter einem staubigen Hut. Er hatte die Finger in das dichte Fell eines – ebenfalls rostroten – Hundes geschoben, und sein Lächeln machte die Augen so schmal, dass sie kaum zu erkennen waren.

Aber jetzt sah Jacinda sie deutlich, und sie waren … unglaublich. Blau und ernst, voller vielschichtiger Emotionen, die sie noch vor dreißig Sekunden niemals einem südaustralischen Viehzüchter zugetraut hätte.

Ja, Today’s Woman hatte es ihr nicht schwer gemacht. Der endlose Himmel, der Hund und die Eidechse auf dem Felsbrocken waren Hinweis genug gewesen, dass es sich um Callan Woods, Rancher, handelte – nicht um Brian Snow, Bergmann in einer Opalmine, oder Damian Peterson, Arbeiter auf einem Erdölfeld, oder einen der anderen siebzehn Outback-Singles, die in der Februar-Ausgabe vorgestellt worden waren.

Today’s Woman behauptete, dass es im Outback jede Menge einsamer Männer gab, die Probleme hatten, die richtige Frau zu finden.

Die ich nicht sein werde, dachte Jacinda. Nicht für diesen Mann.

„Callan, ich möchte dir Jacinda vorstellen“, verkündete Shay-von-der-Zeitschrift fröhlich.

„Hi“, sagte er nur.

Er wirkte nicht gerade begeistert … was immerhin eine Gemeinsamkeit war.

„Du glaubst nicht, wie Jacinda dich deinem Foto zugeordnet hat, Callan!“, säuselte Shay. „Sie hat doch tatsächlich erkannt, was für eine Eidechse auf dem Felsbrocken hockt! Kannst du dir das vorstellen?“

„So? Den Bartagam?“ In seinen Augen zeigte sich ein Anflug von Interesse, als er Jacinda die Hand gab. Er hatte einen festen Händedruck, ließ sie jedoch schnell wieder los.

„Der Bartagam war der Grund, weshalb ich …“ Sollte sie sich Shays lockerem Ton anpassen? Vermutlich. „… dich ausgesucht habe“, fuhr sie zaghaft fort und sah Shay an. „Meine Tochter fand ihn süß.“ Dass es sich um einen Bartagam handelte, hatte Lucy ihr erzählt.

Ihr ging auf, dass das keine sehr taktvolle Erklärung war. Süß sollte nicht das Reptil, sondern – wenn überhaupt – der Mann sein.

Aber Callan schien geradezu erleichtert zu sein. „Ja, auch mein Sohn Lockie liebt Bartagams“, erwiderte er mit leuchtenden Augen. „Er hatte mal einen als Haustier, fand es jedoch schrecklich, ihn in einen Käfig zu sperren.“

„Also hast du auch Kinder?“, fragte Jacinda dankbar. „Meine Tochter ist vier.“

„Ich habe zwei Jungen. Lockie ist zehn, Josh acht. Wir haben ihre Mutter …“ Er atmete tief durch. „Meine Frau ist vor vier Jahren gestorben. Das sollte ich wohl gleich sagen.“ Er sah Shay verlegen an.

„Das verstehe ich“, versicherte Jacinda.

„Ich bin eigentlich kein … wildes Herz auf der Suche nach Liebe“, zitierte er die Überschrift aus der Zeitschrift. „Zwei Freunde von mir wollten unbedingt teilnehmen und haben mich zum Mitmachen überredet.“

Jacinda betrachtete die beiden hochgewachsenen Männer, auf die er unauffällig zeigte. Einer von ihnen blickte auf eine Frau hinunter, deren Hand auf seinem Arm lag.

„Ich tue es für sie“, fuhr er fort. „Für Brant und Dusty. Ehrlich gesagt suche ich niemanden.“

Die Freunde sahen in seine Richtung.

Jacinda entging nicht ihr besorgtes Stirnrunzeln. Und auch nicht, wie die beiden sowohl Callan als auch sie aufmerksam musterten. Schlagartig ging ihr auf, dass es genau umgekehrt war.

Callan tat das hier für seine Freunde? Nein, Brant und Dusty taten es für ihn.

Sie hörte ihn etwas murmeln und begriff, wie sehr ihn seine Worte schmerzen mussten. Meine Frau ist vor vier Jahren gestorben. Auch sie hasste es, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Kurt und ich sind jetzt geschieden. Es war, als würde man sich die Kleidung aufreißen, um einem wildfremden Menschen seine Operationsnarben zu zeigen.

„Das verstehe ich“, wiederholte sie. „Dies ist eine … künstlich geschaffene Situation. Man müsste schon verrückt sein, um zu hoffen, dass man ausgerechnet hier den richtigen Partner findet. Egal, wie sehr man sucht. Aber trotzdem kann es ganz nützlich sein. Um in Übung zu bleiben oder … seine Menschenkenntnis zu erproben. Ich bin geschieden. Und es war eine hässliche Scheidung.“ Also habe ich auch Narben. „Ich weiß gar nicht mehr, wann ich mich zuletzt mit einem Mann unterhalten habe, den ich nicht kenne. Einfach nur so … um Kontakt zu schließen.“

Er nickte nur. Vielleicht sprach er lieber mit seinem Hund. „Du bist keine Australierin“, sagte er nach einigen Sekunden.

„Der Akzent verrät mich, was?“ Sie lächelte.

„Ja. Aber du lebst hier?“

„Ich mache hier Urlaub. Ich wohne bei einer australischen Freundin, die ich vor ein paar Jahren in Kalifornien kennengelernt habe. Lucy. Sie hat mir vorgeschlagen, an diesem Wettbewerb teilzunehmen, nur aus Spaß. Und es hat mir Spaß gemacht“, versicherte Jacinda. „Ich bereue es nicht.“

Nein?

Während der ersten zwanzig Minuten der Cocktailparty hatte sie es bereut, dass sie Lucys Drängen nachgegeben hatte. Jetzt tat sie es plötzlich nicht mehr. Weshalb? Wegen der blauen Augen? Weil Callan Woods diese Veranstaltung ebenfalls nicht ernst zu nehmen schien?

„Ich auch nicht“, sagte Callan. „Zugegeben, meine Freunde mussten mich erst überreden, aber bisher war es nicht so schlimm, wie ich erwartet habe.“

Jacinda sah ihm an, wie erleichtert er war. Wie jemand, der gerade einen Termin beim Zahnarzt überstanden hatte. Es tat gut, wieder ein Gefühl mit einem Mann zu teilen – auch wenn es jemand war, den sie nicht kannte.

„Wann fliegst du nach Hause?“, fragte er.

„Am Dienstag. In drei Tagen. Wir waren einen Monat hier, und ich kann nicht glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist. Ich habe sie genossen, genau wie Carly, meine Tochter.“

„Dienstag.“ Er entspannte sich ein wenig mehr. „Also nimmst du das hier auch nicht ernst.“

„Nein.“

„Gut, dass wir uns darin einig sind!“

Sie lächelten einander zu, nahmen sich jeder ein Häppchen von einem vorbeikommenden Kellner und schafften es irgendwie, sich während der nächsten zwei Stunden zu unterhalten, ohne sich zu langweilen.

„Meine? Ein Reinfall“

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