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Sehnsucht unter den Sternen Siziliens

Maja Franklin

Sehnsucht unter den Sternen Siziliens

1. KAPITEL

Mit den Worten „Hier beginnt Privatbesitz, weiter fahre ich nicht“ hatte der Taxifahrer Hannah abgesetzt. Nun lag vor ihr eine Anhöhe, bewachsen mit Pinien. Zumindest gab es eine richtige Straße, das machte es leichter, den Koffer hinter sich her zu ziehen. Vom Meer wehte eine frische Brise heran, bewegte sanft die Baumspitzen und zupfte an ihren zu einem Zopf geflochtenen Haaren.

Obwohl es erst Anfang Mai war, herrschten auf Sizilien bereits sommerliche Temperaturen. Selbst das Shirt und die hellblaue Hose erschienen ihr nun zu warm. Zum Glück hatte sie genügend leichte Kleidung eingepackt.

Doch sie war nicht als Touristin hier, sondern zum Arbeiten. Noch konnte sie das Haus nicht sehen, aber laut Professor Gabriella Guscettis Beschreibung musste es direkt hinter den Bäumen liegen. Je näher sie kam, desto schneller schlug ihr Herz. Die Professorin arbeitete als Herzchirurgin in dem Krankenhaus, in dem auch Hannah tätig gewesen war, und hatte sie vorgewarnt, dass ihr Sohn Dr. Sergio Guscetti über ihr unerwartetes Erscheinen womöglich nicht erfreut sein würde. Vorsichtig hatte Hannah angemerkt, dass das nicht die besten Voraussetzungen für eine Therapie seien; sie konnte nur jemandem helfen, der sich auch helfen lassen wollte.

Doch davon hatte Gabriella Guscetti nichts hören wollen. Und das versprochene Honorar noch einmal erhöht. Das war vor einer Woche gewesen. Als Hannah die Adresse auf dem Vertrag las, hatte sie gestutzt. Der Name der Stadt klang Italienisch, und Professor Guscetti hatte bestätigt, dass sie in Sizilien in der Nähe von Palermo lag.

Auf ihre Frage, wieso ausgerechnet sie diesen Fall übernehmen sollte, hatte die Professorin nur gesagt, dass sie sehr viel Gutes über sie gehört habe und nur die beste Therapeutin für ihren Sohn wolle. Das Kompliment hatte sie verlegen und gleichzeitig auch ein wenig stolz gemacht.

Aber was sie wirklich dazu gebracht hatte, zuzusagen, war der Ausdruck im Gesicht der älteren Frau gewesen. Wenn sie von ihrem Sohn sprach, lag ein solcher Schmerz in ihrem Blick. Sie litt, weil er litt und sie ihm nicht zu helfen vermochte. Hannah hatte schlucken müssen. Normalerweise bewahrte sie stets eine professionelle Distanz zu ihren Patienten und deren Angehörigen, aber in diesem Fall fiel ihr das schwer. Sie konnte gut verstehen, wie Professor Guscetti sich fühlte, auch wenn ihre eigene Situation damals etwas anders gewesen war. Die Professorin setzte all ihre Hoffnungen in sie. Das machte die vor ihr liegende Aufgabe nicht einfacher.

Endlich oben auf dem Hügel angekommen, musste Hannah erst einmal Atem schöpfen. Mit dem Handrücken wischte sie sich über die Stirn und hoffte, noch einigermaßen frisch auszusehen. Aber gleich würde sie sich sicher ausruhen und etwas Kühles trinken können.

Ihr Blick wanderte über den weißen Steinbau. Es handelte sich offensichtlich um ein Familiendomizil: zweistöckig und mit einem ausladenden Seitenflügel. Mehrere der vielen Fenster standen auf Kipp. Links von ihr plätscherte ein Springbrunnen. Steinerne Engelsfiguren ließen Wasser durch ihre Hände fließen. In Kugelform geschnittene Buchsbäume standen neben der niedrigen Treppe zum Eingang.

An der Haustür befand sich ein schwerer Messingklopfer in Form eines Löwenkopfes. Hannah betätigte ihn und wartete. Als nichts geschah, klopfte sie erneut und hielt Ausschau nach einem Klingelknopf. Doch den gab es offensichtlich nicht.

Sie trat einige Schritte von der Tür zurück. „Hallo?“, rief sie laut.

Nichts rührte sich. Die Tür blieb verschlossen.

Hannah seufzte und setzte sich auf ihren Koffer. War Dr. Guscetti vielleicht gerade unterwegs? Aber seine Mutter hatte doch gesagt, dass er das Haus überhaupt nicht verließ. Folglich musste er daheim sein.

„Hallo!“, rief Hannah erneut und diesmal noch lauter. Heiß brannte ihr die Sonne auf den Kopf. Sie sehnte sich nach einem großen Glas eiskaltem Mineralwasser.

„Hallo!“, schrie sie noch einmal, so laut diesmal, dass ihre Kehle schmerzte.

Doch mit Erfolg, denn nur Sekunden später wurde die Haustür schwungvoll aufgerissen. Ein Schwall italienischer Worte ergoss sich über sie und ließ sie von ihrem Koffer aufspringen. Der Mann vor ihr sah aus, als bereite er sich auf eine Rolle in einem Horrorfilm vor. Sein schwarzes Haar stand ihm wirr vom Kopf ab, die ebenso dunklen Brauen waren zusammengezogen, und in den markanten Gesichtszügen ließ sich keine Spur von Freundlichkeit entdecken. Außerdem war er groß, deutlich über 1,80m, dabei von athletischer Statur mit breiten Schultern.

„Entschuldigen Sie“, sagte Hannah auf Englisch und trat einen Schritt näher. Er mochte bedrohlich wirken, aber dass er ihr wirklich etwas tun würde, glaubte sie nicht. „Sie müssen Dr. Guscetti sein. Ich bin Hannah Ashford …“

„Das interessiert mich nicht“, unterbrach er sie, ebenfalls Englisch sprechend. Nur einen leichten Akzent konnte sie vernehmen.

Oh je, das fing ja schon gut an! Aber vielleicht hielt er sie für eine Staubsaugervertreterin oder dachte, sie wäre gekommen, um ihm eine Versicherung anzudrehen. „Ich will Ihnen nichts verkaufen, ich bin Physiotherapeutin.“

„Schön für Sie. Ich brauche keine. Wie kommen Sie überhaupt hierher? Hat meine Mutter Sie geschickt?“

„Ja.“ Signora Guscetti hatte sie ja vorgewarnt, aber dass er sie so ablehnend empfangen würde, hätte Hannah nicht vermutet. „Vielleicht beruhigen Sie sich erst einmal und wir …“

„Es gibt kein wir.“ Er spie das Wort aus, als sei es eine Beleidigung.

Der war tatsächlich eine harte Nuss! Hannah unterdrückte ein Seufzen. „Ich würde Ihnen wirklich gerne helfen, Dr. Guscetti.“

„Glauben Sie mir, bei mir würde Ihnen jede Freude direkt vergehen.“

So wie er sie ansah, glaubte sie ihm das wirklich. Und doch konnte sie nicht umhin, zu bemerken, was für ein attraktiver Mann er trotz dieses harten Zugs um seinen Mund war. Aber natürlich spielte das keine Rolle. Er war ihr Patient, nicht mehr und nicht weniger.

„Was ist nun?“, fragte er, da sie immer noch nicht geantwortet hatte.

Hannah behielt ihr Lächeln bei. „Es geht mir nicht darum, von Ihnen erfreut zu werden.“ Als sie die Worte ausgesprochen hatte, merkte sie, wie zweideutig sie klangen. Hitze stieg ihr ins Gesicht.

Was Dr. Guscetti ebenfalls registrierte, denn nun spielte ein spöttisches Lächeln um seine Mundwinkel. „Sie wären die erste Frau, die sich beschwert.“

Sein männliches Selbstbewusstsein weckte ebenso Ärger wie Verlangen in ihr. Rasch unterdrückte sie beides. „Ich bin erschöpft von der Anreise, und ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn wir diese Diskussion zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen könnten.“

„Den wird es nicht geben.“

Diesmal ließ sich das Seufzen nicht unterdrücken. „Gewähren Sie mir dann wenigstens für den Moment Ihre Gastfreundschaft?“

Sergio musterte die Frau. Das sah seiner Mutter ähnlich, dass sie ihm eine so junge und schöne Physiotherapeutin auf den Hals hetzte, statt eine, die zwanzig Jahre älter als er selbst war, hundert Kilo wog und von Warzen geplagt wurde. Leichter Wind zupfte an ihren geflochtenen Haaren, sodass einzelne Strähnen ihr nun ins Gesicht wehten und dazu einluden, die Hand auszustrecken, um sie ihr zur Seite zu streichen. Was für eine ungewöhnliche Farbe ihr Haar besaß. Nicht rot und nicht braun, eher so wie Zimtstangen. Ob es auch so gut roch?

Sofort verdrängte er diesen unerwünschten Gedanken. Es spielte keine Rolle, wie Hannah Ashford aussah oder wie ihr Haar roch. Sie sollte verschwinden, und das besser früher als später. Er wollte keine Therapie. Das brachte sowieso nichts, außer, dass er seine Zeit damit verschwendete, sich zu ärgern.

Aber eine Frau vor dem Haus stehen zu lassen, ging gegen seine Ehre. Er mochte nicht glücklich über ihre Anwesenheit sein, doch gab ihm dies noch lange nicht das Recht, sich wie ein ungehobelter Klotz zu verhalten.

Mit zwei Schritten war er bei ihr und wollte den Koffer nehmen.

Wie beschützend schlangen sich ihre schlanken Finger um den Griff. „Das kann ich schon allein.“

Natürlich, sie dachte an seine Verletzungen und glaubte, er würde es ohnehin nicht schaffen, einen Koffer ins Haus zu ziehen. Heißer Zorn wallte in ihm empor. Mehr noch, da er nicht sicher war, den Koffer tatsächlich greifen zu können.

Es beschämte ihn zutiefst, tatenlos daneben stehen zu müssen, während Hannah ihr Gepäck ins Haus zog. Auf seine guten Manieren war er immer so stolz gewesen. Charmant und höflich hatte er Frauen schwere Koffer abgenommen, Türen aufgehalten und Stühle vorgerückt. Und nun war er nicht einmal dazu fähig, seine Hände zu Fäusten zu ballen und irgendwo gegen zu schlagen, um den Schmerz des Schamgefühls zu überdecken.

Lediglich die Tür öffnen konnte er.

In der Diele blieb Hannah stehen und sah ihn fragend an. „Wohin?“

„Lassen Sie den Koffer einfach hier stehen.“ Er deutete nach links. „Kommen Sie, dort ist das Wohnzimmer.“

Er hielt ihr auch diese Tür auf und ließ sie vorangehen. Ihr leiser Pfiff brachte ihn zum Schmunzeln. Da er selbst nichts anderes gewöhnt war, fiel es ihm leicht, zu vergessen, wie luxuriös die Einrichtung auf jemanden wirken musste, der nicht von teuren Designermöbeln, Brokatkissen, exquisiten Teppichen und Originalgemälden umgeben war.

„Das ist so groß wie meine gesamte Wohnung“, murmelte Hannah, während sie sich umsah.

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Ein eisgekühltes Mineralwasser vielleicht?“

„Das wäre wunderbar.“ Sie folgte ihm in die Küche, und als er den Schrank öffnete und ein Glas herausholte, schoss ihre Hand vor, um es ihm abzunehmen.

Sergio unterdrückte einen deftigen Fluch. Er hasste seine Eingeschränktheit, aber noch weit mehr hasste er es, wenn sie ihm so deutlich vor Augen geführt wurde.

„Alles in Ordnung?“ Hannah musterte ihn.

Nichts war in Ordnung! Doch er durfte sich nicht anmerken lassen, wie sehr ihr Verhalten ihn erzürnte. Sie konnte ja nichts dafür. „Gläser kann ich durchaus noch anfassen.“

„Ich wollte doch nur …“ Sie verstummte und schien wohl zu begreifen, dass sie einen Fehler gemacht hatte.

Sergio holte aus dem Kühlschrank die Wasserflasche, schraubte sie auf. Vielleicht verlieh ihm seine Wut diese Entschlossenheit, denn was sonst länger dauerte, klappte nun sofort. Beim Eingießen geriet er an seine Grenzen. Ein Großteil des Wassers schwappte auf die Arbeitsplatte.

Diesmal fluchte er laut. „Porca miseria!“

„Das macht doch nichts.“ Schnell griff Hannah nach der Küchenrolle, wischte das Wasser auf, nahm das Glas und trank einen Schluck.

Zumindest besaß sie genug Taktgefühl, nicht weiter darauf einzugehen, als sie ihm nun mit dem Glas zurück ins Wohnzimmer folgte.

Nachdem sie Platz genommen hatte, setzte auch Sergio sich, die Hände, wie er es mittlerweile in Gesellschaft gewohnt war, zwischen den Knien. Wie er es hasste, wenn jemand auf die Narben starrte, die Augen zusammenkniff, um genauer hinzusehen. Und sich dann dieses Mitleid in den Blick schlich, um den Mund ein bedauernder Zug entstand.

Doch Hannah sah ihm ins Gesicht. „Ich möchte mich wirklich nicht mit Ihnen streiten, Dr. Guscetti.“

„Sagen Sie Sergio.“ Er konnte es nicht ertragen, zu hören, wie sie ihn mit einem Titel anredete, der nun zu nichts mehr nutze war.

„Gut, Sergio.“ Ihm gefiel die Art, wie sie seinen Vornamen aussprach. Mit nicht ganz korrekter Betonung zwar, aber gerade das machte es besonders. „Sie wissen ja bereits, dass Ihre Mutter mich zu Ihnen geschickt hat.“

„Ja. Aber wenn Sie mit meiner Mutter gesprochen haben, wissen Sie, dass ich keine Therapie will.“

„Weil Sie keinen Sinn darin sehen.“

„So ist es.“ Stimmte sie ihm etwa zu? Einfach so? Ohne eine lange und anstrengende Diskussion?

Natürlich nicht. Sie holte tief Luft. „Wovor fürchten Sie sich?“

„Fürchten?“, wiederholte er und lachte spöttisch. „Sie denken, ich würde mich vor Ihnen fürchten? Das ist doch lächerlich.“

„Nicht vor mir. Davor, dass die Therapie anschlägt und Sie sich nicht mehr wie ein Maulwurf in dieser – wenn auch ausgesprochen hübschen – Einöde verkriechen können. Schließlich sind Ihre Hände eine gute Ausrede für so ziemlich alles. Sie müssen nicht am normalen Leben teilnehmen, keiner wird Sie belästigen, kurzum, Sie sind entschuldigt.“

„Schwachsinn“, knurrte er und kämpfte gegen die in ihm aufschäumende Wut. „Ich bin lediglich Realist. Mir kann keine Therapie helfen. Ich bin ein Krüppel. Sie wissen doch sicher um die Art meiner Verletzungen.“ Ganz bestimmt hatte seine Mutter sie in allen Details darüber aufgeklärt. Auf der rechten Seite war sein Schlüsselbein gebrochen, was den Plexus brachialis, das Armnervengeflecht, verletzt hatte. Linksseitig hatte er eine Muskelathrophie, verursacht durch eine infizierte Fraktur, die die Nerven geschädigt hatte. Dazu kamen die Narben, die seine Hände überzogen, hässlich, entstellend. Nie würde er den Blick vergessen, mit dem Charlaine ihn angesehen hatte, als sie zu ihm ins Krankenzimmer kam. Sie hatte ihn abstoßend gefunden. Dass sie nicht mit kranken oder behinderten Menschen umgehen konnte, wusste er. Charlaine schreckte schon davor zurück, wenn jemand nur einen gebrochenen Arm hatte, und entdeckte sie bei sich einen Pickel, so kam das für sie einer Katastrophe gleich. In ihrer Welt zählten nur perfekte Körper. Sie zierte die Cover angesehener Magazine und besuchte in ihrer Heimatstadt Paris nur die exklusivsten Clubs. Und Sergio vermutete, dass sie nach dem Unfall dort nicht mehr mit ihm hätte auftauchen wollen.

Hannahs Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Plexusverletzungen können sehr lang anhaltende Lähmungen und Sensibilitätsstörungen verursachen. Aber Sie wissen, dass die peripheren Nerven sich regenerieren können. Die Chance wächst, je mehr Sie üben. Darum sollten wir möglichst bald damit anfangen.“

Wollte sie ihn belehren? Danach sah es aus. Das war doch wohl die Höhe. Sie wusste garantiert, was er beruflich gemacht hatte. „Sparen Sie sich Ihre Erklärungen. Meine Hände sind beeinträchtigt – nicht mein Gehirn.“

Sie nickte und sah ihn ruhig an, während sie weitersprach. „Umgekehrt wäre es viel einfacher für mich.“

Sergio blieb der Atem weg. So hatte noch niemand mit ihm gesprochen. Nach seinem Unfall hatte ihn jeder wie ein rohes Ei behandelt. Selbst seine Geschwister schienen unsicher, wie sie mit ihm umgehen sollten, legten jedes Wort auf die Goldwaage. Und seine Mutter hatte das ständige Bedürfnis, ihn zu umsorgen. Sie hatte sich nach seinem Unfall mehrere Wochen unbezahlten Urlaub genommen, um bei ihm sein zu können. In Hannahs Gegenwart fühlte er sich zum ersten Mal, seit er im Krankenhauszimmer das Bewusstsein wiedererlangt hatte, nicht als Invalide. Sie behandelte ihn, als hätte er diese Behinderungen gar nicht.

Sein Schweigen nutzte sie, um gleich weiterzusprechen. „Sehen Sie mich bitte nicht als Ihre Feindin an.“

„Meine Feinde sehe ich in der Tat anders an“, bemerkte er und ließ seinen Blick über ihren schlanken Körper wandern.

„Dann sind Sie also bereit, eine Therapie zu versuchen?“

„Moment, davon habe ich kein Wort gesagt.“

„Sie haben mich in Ihr Haus gelassen und reden mit mir. Das ist sogar mehr, als ich erwartet hatte, nach dem, was ich über Sie zu hören bekam.“

Er musterte sie, um herauszufinden, ob sie die Wahrheit sagte. Wirkte er auf seine Mitmenschen tatsächlich so schrecklich? Darüber hatte er sich bisher gar keine Gedanken gemacht. Alles, was er wollte, war seine Ruhe. Doch das akzeptierte ja keiner.

Hannah brauchte all ihre Selbstdisziplin, um ruhig und gelassen zu bleiben. Sergio weckte eine wahre Gefühlsflut in ihr. Zum einen Zorn, dass er sich so hängen ließ, zum anderen wirkten seine dunklen Augen so faszinierend, dass sie sich stark konzentrieren musste, um nicht zu vergessen, was sie eigentlich sagen wollte.

Zudem kam Angst dazu; sie fürchtete, dass er recht hatte und sie wirklich nicht in der Lage war, ihm helfen zu können. Seine Verletzungen waren zwar nicht lebensgefährlich gewesen, aber die Schädigung der Nervenbahnen gravierend. Als Herzchirurg würde er nie mehr arbeiten können, und die Narben würden für immer bleiben. Wenn er sich auf die Therapie einließ, konnte sie ihm die Beweglichkeit seiner Finger zurückgeben und so auch seine Lebensqualität erhöhen. Falls es nur die Hände waren. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass die sichtbaren Verletzungen nur die Spitze des Eisbergs bildeten.

„Was haben Sie schon zu verlieren, wenn Sie es versuchen?“

„Sie geben wohl nicht so leicht auf, was?“

Sie lächelte. „Natürlich nicht.“ Schon gar nicht, wenn ihr Fall eine solche Herausforderung wie Dr. Sergio Guscetti darstellte. Er würde nicht nur ihr berufliches Können, sondern auch ihre Selbstbeherrschung erfordern. Was genau sie reizte, vermochte sie nicht zu sagen. Aber sie spürte, dass sie diesen Fall unbedingt übernehmen musste.

Er schüttelte den Kopf und seufzte leise. Einen Moment glaubte Hannah schon, er würde nachgeben, aber da hatte sie sich getäuscht. „Es ist Zeitverschwendung; Ihre noch weit mehr als meine. Sie sind doch sicher irgendwo fest angestellt. Also behalten Sie den Vorschuss, den meine Mutter Ihnen bestimmt gezahlt hat, und kehren Sie an Ihren ursprünglichen Arbeitsplatz zurück.“

„Das geht nicht; dort habe ich vor einigen Wochen gekündigt. Ich plane, mir eine eigene Praxis aufzubauen. Und ganz sicher werde ich kein Geld behalten, das mir nicht zusteht.“

„Meine Mutter wird schon nichts dagegen haben.“

„Sie wird aber etwas dagegen haben, dass ich einfach so verschwinde.“

Ein harter Zug bildete sich um seinen Mund. „Sie müssen es ihr eben erklären. Sagen Sie, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin, das will sie ja seltsamerweise nicht wahrhaben. Man kann nichts machen bei Verletzungen wie meinen.“

„Ach ja? Und woher wollen Sie das wissen?“

Sein Lächeln wirkte herablassend. „Ich bin Arzt.“

„Sie sind Herzchirurg. Oder haben Sie zufällig auch eine Ausbildung in Physiotherapie?“

„Nein, aber …“

„Nun, ich schon. Daher weiß ich, dass es möglich ist, Ihnen die Beweglichkeit Ihrer Hände zurückzugeben. Was wurde bisher an Therapien gemacht?“

„Nichts.“

„Nichts?“, wiederholte sie ungläubig.

Er zuckte leicht mit den Schultern. „Ich habe mich geweigert, eine Physiotherapie zu beginnen.“

„Also bleiben Sie lieber in dieser schönen großen Wanne voller Selbstmitleid sitzen und baden weiter darin. Aber dazu sollten Sie dann auch ganz offen stehen. Und wenn ich mich so umsehe, ja, hier kann man es sicher aushalten. Na gut, vielleicht ein bisschen umständlich, kaum etwas selbst machen zu können, doch bei Ihrem finanziellen Rückhalt können Sie sich ja sicher problemlos eine Putzfrau, einen Gärtner, einen Koch und was sonst noch so gebraucht wird, leisten. Und sich weiter darauf ausruhen und damit entschuldigen.“

Er knirschte mit den Zähnen, und Hannah wusste, dass sie gerade einen sehr empfindlichen Punkt getroffen hatte. „Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass das Unsinn ist. Wenn ich denken würde, es bringt etwas, hätte ich mich ja schon längst in eine entsprechende Behandlung begeben.“

„Und ich glaube Ihnen erst, wenn ich sehe, dass es aussichtslos ist. Bis dahin werde ich mich keinen Schritt von hier rühren.“

„Bitte, wenn es Ihnen so gut auf der Couch gefällt. Das Haus hat ja noch elf andere Zimmer, da muss ich dieses nicht weiter nutzen.“

„Es ist mein voller Ernst, Sergio. Ich werde nicht gehen, bis wir nicht zumindest versucht haben, Ihre Hände zu therapieren“, sagte sie ruhig, ohne auf seinen provozierenden Ton anzuspringen.

„Sie haben mindestens vierzig Pfund weniger als ich und sind fast einen Kopf kleiner – wie wollen Sie mich zu irgendetwas zwingen?“

„Oh, ich habe da meine Methoden …“

„Da bin ich ja gespannt.“

„Ach, jetzt doch?“

Er merkte wohl, dass er ihr in die Falle getappt war, dennoch schien er darüber nicht verärgert, auch wenn es in seinen dunklen Augen blitzte. „Zugegeben, Sie sind durchaus unterhaltsam.“

„Soll das etwa ein Kompliment sein?“

„Nein, selbstverständlich nicht.“

„Natürlich, wie hätte ich auch glauben können, von Ihnen ein nettes Wort zu hören.“

„Ich habe Sie ja vorgewarnt, dass ich nicht nett bin.“

„Also, wann fangen wir mit der Therapie an?“

„Moment, so weit waren wir noch nicht.“

„Genau, noch nicht. Ich denke aber, das können wir abkürzen. Heute werde ich Sie schonen, Sie sind ja schon geschockt genug, dass ich hier bin.“

„Diesen Eindruck mache ich auf Sie?“

„Ich denke, für Sie ist es schwer, zu akzeptieren, dass es einen Weg aus Ihrer bequemen Einsiedelei gibt“, sagte sie und lächelte dabei lieb.

Er schnaubte. „Zwei Wochen.“

„Bitte?“

„Ich gebe Ihnen zwei Wochen. Dann verschwinden Sie aber von hier.“

„Sergio, Sie wissen genauso gut wie ich, dass eine Physiotherapie nicht innerhalb von zwei Wochen zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden kann.“

„Physiotherapie bedeutet auch, den Patienten so weit zu unterweisen, dass er selbstständig die Übungen durchführen kann. Das werden Sie mir innerhalb von zwei Wochen ja wohl beibringen können.“

„Ein Vorschlag: Nach den zwei Wochen schauen wir, welche Fortschritte Sie gemacht haben. Und wenn Sie zufrieden sind, dann bleibe ich. Wie klingt das?“

„Grässlich.“

„Ah, wir sind also wieder an dem Punkt, dass Sie gar nicht gesund werden wollen.“

„Na schön“, knurrte er. Hoppla, da hatte sie wohl wirklich eine empfindliche Stelle erwischt. „Zwei Wochen.“

„Mehr verlange ich doch gar nicht.“ Aber sie fühlte sich längst nicht so sicher, wie sie hoffentlich klang. Dieser Fall würde für sie der schwerste ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn werden. Und was, wenn Sergio sich schon morgen früh weigerte, wirklich mitzumachen? Oder sie tatsächlich rauswarf? Schließlich war das hier ja sein Haus, sie konnte schlecht gegen seinen Willen bleiben.

Sie brauchte diesen Job unbedingt. Nicht allein wegen des Geldes, obwohl das ebenfalls eine Rolle spielte, denn eine andere Einkommensquelle hatte sie zurzeit nicht. Sie würde es nicht ertragen, wenn sie auch in diesem Fall versagte. Zumal sie bei Sergio wusste, dass sie sich in der Lage befand, ihm helfen zu können.

2. KAPITEL

Die erste Therapiestunde fand im Fitnessraum statt. Was in einer Physiotherapie gemacht wurde, wusste Sergio, jedenfalls im Groben. Auch, dass die trainierten Muskelgruppen anfangs schmerzen würden. Doch davor fürchtete er sich nicht. Viel schlimmer fand er Hannahs Feststellung, dass er in dem langärmeligen Hemd nicht die nötige Beweglichkeit hatte und sie ihn bat, es auszuziehen.

Hätte er sich doch bloß heute Morgen direkt ein T-Shirt übergezogen! Aber dazu war es nun zu spät. Und sie hier stehen zu lassen, um sich umziehen, kam auch nicht infrage. Das würde ja aussehen, als schäme er sich, vor ihr sein Hemd abzulegen.

Seine Finger nestelten an den Knöpfen herum, schafften es nicht, sie zu fassen und durch die Löcher zu schieben.

Schon trat Hannah vor. „Lassen Sie mich das machen, dann geht es schneller.“

Vermutlich wollte sie nur freundlich sein, doch in ihm kochten Zorn und Scham. Am liebsten hätte er ihre Hände zur Seite geschoben. Aber da hatte sie bereits die obersten Knöpfe gelöst. Ihre Fingerknöchel streiften seine Brust.

Scharf sog Sergio die Luft ein.

Hannah stockte in der Bewegung, blickte ihm in die Augen.

Er schluckte und versuchte nicht daran zu denken, wie nah sie vor ihm stand und wie verführerisch ihr weicher Mund aussah. Volle, leicht geschwungene Lippen, zum Küssen einladend …

Die Hände noch an seiner Brust trat Hannah einen Schritt zurück. Rasch löste sie die restlichen Knöpfe und streifte ihm das Hemd von den Schultern. Er wusste, was sie nun sah: die scheußlichen Narben. Auch seine Arme waren damit überzogen.

Doch zu seiner Überraschung entdeckte er keine Abscheu in Hannahs Gesicht. Ihr Blick ruhte eine Spur zu lange auf seinem Oberkörper.

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