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Sehnsucht und Erfüllung

1. KAPITEL

Nach einer langen Autofahrt, vorbei an Ranches und schiefen Weidezäunen, verlassenen Pick-ups und Feldern voller Kornblumen, stand Kelly Baxter mitten in West Texas auf der Veranda eines Landhauses und wartete darauf, dass ihr Nachbar an die Tür kam.

Der Charme der ländlichen Umgebung hatte bisher keine beruhigende Wirkung auf ihre strapazierten Nerven. Wegen dieser Reise hatte sie Streit mit ihrer Mutter gehabt. “Du solltest nicht allein verreisen”, hatte die ihr vorgehalten, “und erst recht nicht allein in einem heruntergekommenen Blockhaus mitten in der Wildnis wohnen. Mach dir lieber Gedanken über eine Vaterschaftsklage.”

Kelly legte eine Hand auf ihren Bauch. Sie hatte das Blockhaus von ihrem Großvater geerbt, und in ihrer jetzigen Situation kam ihr ein abgelegenes Fleckchen Erde gerade recht. Damit ihre Mutter beruhigt war, hatte sie versprochen, bei Dr. McKinley vorbeizuschauen, dem Nachbarn, mit dem ihr Grandpa befreundet gewesen war. Sie würde sich kurz vorstellen und dann weiterfahren.

Als endlich jemand öffnete, verschlug es ihr die Sprache. Der Mann, der da vor ihr stand, war nicht der Veterinär Dr. McKinley, den ihr Großvater ihr als einen rothaarigen Iren Mitte fünfzig beschrieben hatte.

“Ich bin Kelly Baxter”, sagte sie hastig. “Und Sie müssen Shane Night Wind sein.” Dr. McKinleys Sohn, der Halbkomantsche war, und Grandpa zufolge eine ‘Wildkatze in Menschengestalt’.

“Kelly Baxter?”

Mit seinen braunen, gold gesprenkelten Augen sah er sie ebenso unverwandt an wie sie ihn. Dann ließ er den Blick über ihren Körper gleiten und verweilte kurz auf ihrem Bauch.

Sie betrachtete seine hoch gewachsene, kräftige Gestalt eingehend und trat einen Schritt zurück. “Ist Dr. McKinley da?” Tom McKinley hätte sie sicher freundlich begrüßt, während der schwarzhaarige Shane sie nicht mal andeutungsweise anlächelte.

“Er musste zu einer Ranch und nach kranken Tieren sehen. Kann ich Ihnen helfen?”

“Ich wollte mich nur kurz vorstellen. Ich bin Butchs Enkelin und werde für ein paar Wochen in seinem Blockhaus wohnen. Ich bin gerade auf dem Weg dorthin.”

“Butch war ein guter Mann, Miss Baxter. Es tut mir leid, dass Sie ihn verloren haben.”

“Danke.”

Ihr geliebter Grandpa war vor zehn Monaten an Krebs gestorben. Er hatte regelmäßig in dem rustikalen Blockhaus Urlaub gemacht und gehofft, dort seinen Lebensabend zu verbringen. Leider war sein Traum nicht in Erfüllung gegangen.

Kelly atmete tief durch. Sie vermisste ihren Großvater momentan ganz besonders, denn er hätte ihre Unentschlossenheit wegen einer Vaterschaftsklage verstanden. Und er hätte sie fest in die Arme geschlossen, um sie über ihren seelischen Schmerz hinwegzutrösten.

Shanes Blick glitt erneut über ihren Bauch. “Leistet Ihnen drüben denn jemand Gesellschaft?”

“Nein, ich …” Seine Frage verunsicherte sie. “Ich bin allein hergekommen.”

“Sie sind allein? Entschuldigen Sie, Miss Baxter, aber ist Ihnen klar, wie weit wir vom nächsten Ort entfernt sind?”

Kelly ballte die Hände zu Fäusten. Ihre Mutter hatte fast das Gleiche gesagt. Grandpas Hütte sei zu abgelegen. Sie sei dort nicht sicher. Sie solle lieber zu Hause bleiben und sich mit ihrer Situation auseinandersetzen. Wegzulaufen würde wenig nützen.

Ihr Arzt hatte aus gesundheitlicher Sicht keine Bedenken gehabt und ihr nach ihrer Rückkehr eine Routineuntersuchung empfohlen. Das Blockhaus war der ideale Zufluchtsort, wenn auch nur für ein paar kurze Wochen.

Sie straffte die Schultern. “Ich muss los.” Sie hatte einen langen Flug hinter sich und eine noch anstrengendere Autofahrt, und nun schlug ihr die Missbilligung eines Fremden entgegen. Sie stieß schon zu Hause auf genug Widerstand. Auf Shane Night Winds Meinung konnte sie verzichten.

“Warten Sie.” Er hielt sie am Arm fest.

Ihre Blicke kreuzten sich. Die Goldsprenkel in seinen Augen schimmerten noch intensiver.

“Das Blockhaus steht seit über einem Jahr leer.”

Kelly schluckte. In ausgefransten Jeans und abgewetzten Lederstiefeln überragte dieser Mann sie um mindestens dreißig Zentimeter. “Die Verwalterfirma hat mir versichert, dass das Telefon funktioniert und dass ich Strom und Wasser habe.”

Statt zu antworten, betrachtete Shane sie erneut von oben bis unten. Er schien den Blick nicht von ihrem Bauch losreißen zu können. Und gelächelt hatte er immer noch nicht. Ihr wurde ganz unbehaglich. Vielleicht lag es an seinem wildkatzenhaften Wesen, seinem zerzausten dunklen Haar, seiner tiefen Stimme, seiner Art, sich zu bewegen, seiner Kopfhaltung. Aber wie gefährlich konnte ein Mann schon sein, der heimatlose Tiere aufnahm? Irgendwo hinter dem Zaun ihres Nachbarn befand sich ein Gehege für Katzen. Für Raubkatzen, korrigierte Kelly sich im Stillen.

Als sie sich diesmal zum Gehen wandte, hielt er sie nicht zurück. “Ich muss jetzt wirklich los.” Schließlich war sie nach Texas gekommen, um allein zu sein.

Drei Stunden später saß Shane auf den Stufen zur Veranda und wartete auf seinen Vater. Er hatte genug zu tun, konnte sich jedoch nicht aufraffen, sich an den Schreibtisch zu setzen. Buchführung, Rechnungen. Er wusste auch so, dass es Zeit für ein weiteres Spendenfest war. Er verabscheute solche Veranstaltungen, die aber nötig waren, um Geld aufzutreiben.

Ihm war allerdings klar, dass es nicht das bevorstehende Fest war, das ihn so nervös machte. Daran war die Frau schuld, die fluchtartig das Weite gesucht hatte. Sie hatte ihn genauso aus dem Gleichgewicht gebracht wie er sie.

Als er den Wagen seines Vaters endlich in der Einfahrt entdeckte, atmete Shane erleichtert auf. Er musste Tom sofort von Kelly Baxter erzählen.

Wie verschieden wir doch sind, dachte er, als Tom lächelnd ausstieg. Vater und Sohn. Zwei Männer, die noch vor fünf Jahren Fremde gewesen waren.

Als Tom ihm das Haar zerzauste, hielt Shane still, auch wenn diese Geste der Zuneigung eher für einen Sechsjährigen gepasst hätte. Sicher hatte Tom das auch mit Danny gemacht, seinem Halbbruder, den Shane nie kennengelernt hatte.

“Butch Baxters Enkelin war heute kurz hier.”

Tom setzte sich auf die Treppe. “Ja? Ist sie hergekommen, um das Blockhaus zu verkaufen?”

“Das weiß ich nicht. Sie hat vor, ein paar Wochen hier zu bleiben.”

“Sie heißt Kelly, stimmt’s? Butch hat häufiger von ihr gesprochen.”

Shane blinzelte in die untergehende Sonne. Typisch Dad, sich so etwas zu merken, dachte er.

“Sie kam ganz allein her, Dad.”

“Butch hat erzählt, sie sei sehr selbstständig. Zudem ist sie eine erwachsene Frau.”

“Stimmt schon.” Mit ihrem weizenblonden Haar und den unzähligen Sommersprossen hatte sie eher wie ein junges Mädchen ausgesehen. Trotzig in einem Moment, verletzlich im nächsten.

Tom wandte den Kopf. “Du verschweigst doch was, oder?”

“Sie ist hochschwanger.”

“Verstehe.” Tom fuhr sich mit einer Hand durchs Haar.

Shane wusste, dass das ein heikles Thema für seinen Vater war, auch wenn dieses Kapitel in seinem, Shanes, Leben als abgeschlossen galt.

Plötzlich hätte er am liebsten geweint und einen Verlust betrauert, der das Glück eines anderen Mannes geworden war. Fünf Jahre waren seitdem vergangen, und nun war der alte Schmerz durch Kelly Baxter zurückgekehrt. Ihn quälten die Untreue, die Wut, die Angst, die Hoffnung – das ganze Chaos seiner damaligen Gefühle.

Warum beschwor Kelly Baxter Vergangenes herauf? War es die Traurigkeit in ihren Augen? Die Einsamkeit?

Shane sah zum Wildgehege hinüber. Tief im Inneren kannte er die Antwort. Etwas in Kelly Baxters Leben war gründlich schief gelaufen, genau wie seinerzeit in seinem.

“Warum will eine Frau, die bald niederkommt, allein in einer Blockhütte Urlaub machen?”

“Keine Ahnung.” Tom sah seinen Sohn an. “Aber du solltest sie nicht weiter beachten. Lass sie ihr Leben leben, und du lebst deins. Du wärst gut beraten, dich nicht in ihre Angelegenheiten einzumischen.”

“Sie wird doch nur ein paar Wochen hier sein. Wirklich, Dad, ich werde wohl kaum eine Affäre mit ihr anfangen. Ich mache mir nur Sorgen um eine Nachbarin, das ist alles.”

“Du hast recht, entschuldige. Sie ist ganz auf sich gestellt. Da kann sie einen Freund bestimmt gebrauchen. Sag ihr, dass ich sie gern kennenlernen würde.”

Shane zog eine Braue hoch, und Tom musste lachen. “Tu nur nicht so, als hättest du nicht vorgehabt, zum Blockhaus hinüberzufahren.”

Grinsend nahm Shane die Wagenschlüssel aus seiner Hosentasche. Sein Vater kannte ihn mittlerweile sehr gut. Er wollte ihr tatsächlich einen kurzen Besuch abstatten.

Als das kleine Holzhaus in Sicht kam, fiel ihm auf, wie hübsch es zwischen den Schatten spendenden Bäumen aussah. Doch die Idylle konnte ihn nicht täuschen. Auch wenn es im Haus fließendes Wasser gab und eine kleine Küche, so war es doch eine eher rustikale Unterkunft und zu primitiv für eine schwangere junge Frau.

Ob sie verheiratet war? Dass sie sich als Kelly Baxter vorgestellt hatte, hieß nicht, dass sie keinen Mann hatte. Manche Frauen behielten nach der Heirat ihren Mädchennamen bei. Unschlüssig blieb Shane neben seinem Wagen stehen. Die Frau eines anderen sollte dessen Sorge sein, nicht seine.

Shane ging zum Haus hinüber. Wenn sie einen Mann hatte, dann war dieser nicht ganz bei Trost, sie allein wegfahren zu lassen. Eine Schwangere würde nicht wegen eines banalen Ehekrachs Zuflucht in einer entlegenen Blockhütte in Texas suchen. Nein, was auch immer Kelly Baxter zu schaffen machte, es musste etwas Ernstes sein.

Er konnte sich nicht abwenden. Ausgeschlossen.

Ohne erst an die offene Tür zu klopfen, betrat er das Blockhaus und ging Richtung Küche. Er spürte, dass Kelly dort war und putzte. Er überlegte nicht lange, wieso er sich da so sicher war, denn er hatte sich längst an diese Fähigkeit, die manche Leute den sechsten Sinn nannten, gewöhnt. Dieser Instinkt, der ihm etwas von einem Puma gab.

Die Möbel waren zwar noch mit Tüchern verhängt, doch überall lag Staub, und es gab jede Menge Spinnweben. In der Küche war bereits Staub gewischt worden und der Boden war gefegt.

Kelly stand an der Spüle und ließ das Wasser laufen. Sie hatte ihr blondes Haar mit einer Spange hochgesteckt, doch ein paar Strähnen hatten sich gelöst. Es war fast so lang wie seins, wirkte jedoch weich und leicht, beinah fedrig. Von hinten sah sie nicht schwanger aus, sondern schmal und zart, und ihr zerknittertes Sommerkleid wirkte eine Nummer zu groß.

Erschrocken drehte sie sich um. “Was machen Sie denn hier?” Aus dem Schwamm in ihrer Hand tropfte Wasser und lief ihr übers Handgelenk.

Insgeheim verwünschte sich Shane, dass er in ihre Privatsphäre eingedrungen war, ohne anzuklopfen. Sie hatte Angst vor ihm. Und vor seiner Ausstrahlung. Das Raubkatzenhafte an ihm war ihr unheimlich.

“Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich wollte nur sehen, ob Sie vielleicht Hilfe brauchen.”

Sie trocknete sich die Hände an einem Papiertuch ab. “Mir war nicht klar, wie schmutzig es hier sein würde. Ich nahm an, der Verwalter hätte sich darum gekümmert. Als ich anrief, um mich zu beschweren, entschuldigte sich die Mitarbeiterin zwar, erklärte mir jedoch, dass frühestens übermorgen jemand zum Putzen kommen könne.”

Shane deutete auf die auf dem Tresen stehenden Putzmittel. “Sieht aus, als hätten Sie alles Nötige mitgebracht.”

“Kaum. Ich habe das ganze Zeug in dem kleinen Laden an der Ecke besorgt.”

Shane nickte. Der kleine Laden, in dem alle Waren überteuert waren, gehörte zu einer kleinen Tankstelle.

“Sie haben also Barry kennengelernt.”

Sie lächelte amüsiert. “Wenn Sie diesen neugierigen alten Kauz mit dem Kautabak im Mund meinen, ja. Er ist wirklich ein uriger Typ.”

Shane erwiderte ihr Lächeln. Barry Hunt steckte nicht nur seine Nase in anderer Leute Angelegenheiten, er liebte es auch zu tratschen. Bald würde jeder im Umkreis wissen, dass eine junge schwangere Frau namens Kelly Baxter im Blockhaus ihres Großvaters wohnte. Plötzlich hatte Shane das Gefühl, Kelly und ihr ungeborenes Kind beschützen zu müssen. Misshandelte und verlassene Geschöpfe spielten in seinem Leben nun mal eine zentrale Rolle. Aber nicht verheiratete Frauen, ermahnte er sich.

“Weiß Ihr Mann, dass Sie hier sind?”, erkundigte er sich.

Seine Direktheit verunsicherte sie. “Nein. Ich meine, ich bin nicht …”Sie legte eine Hand auf ihren Bauch, eine unbewusst mütterliche Geste. “Ich bin nicht verheiratet, aber meine Mutter weiß, dass ich hier bin.”

Diese Bemerkung klang fast wie eine Warnung, und er erkannte, dass sie ihm immer noch nicht über den Weg traute. Kein Wunder. Vorhin auf der Veranda war er nicht gerade freundlich zu ihr gewesen. Aber ihr Anblick hatte ihn schlagartig in die Vergangenheit versetzt – in die schmerzlichste Zeit seines Lebens.

“Ich kann Ihnen putzen helfen.”

“Danke, aber das ist nicht nötig.”

“Ich habe selbst mal hier gewohnt und kenne mich bestens aus.”

Sie lehnte sich gegen die Spüle. “Grandpa kaufte das Blockhaus von einem Ehepaar namens Mendoza.”

“Ja, ich weiß. Ich habe für die Mendozas gearbeitet. Sie boten mir Kost und Logis als Gegenleistung für Reparaturen und Bauarbeiten im Wildgehege. Natürlich bekam ich auch ein kleines Gehalt.” Shane hielt inne, weil sich das anhörte, als sei er so etwas wie ein Tramp gewesen. Aber zu erklären, warum er einen gut bezahlten Job und ein schönes Zuhause in Oklahoma gegen eine grob gezimmerte Blockhütte in Texas eingetauscht hatte, war ihm unmöglich. Er hätte Tami erwähnen müssen. Und das Baby.

Kelly sah ihn gespannt an, also erzählte er weiter, ließ jedoch vieles aus. “Schließlich übernahmen Dad und ich das Gehege von den Mendozas. Wir kauften auch ihr Haus und den größten Teil ihres Anwesens. Aber das Blockhaus brauchten wir eigentlich nicht, und das zusätzliche Land konnten wir uns nicht leisten. Also verkauften wir es an Ihren Großvater.”

“Grandpa war von dem Gehege fasziniert. Ihm gefiel die Vorstellung, wilde Tiere als Nachbarn zu haben.”

“Die Mendozas hatten schon befürchtet, keinen Käufer für die Blockhütte zu finden. Denn die meisten Leute sind von Raubkatzen nicht so angetan, wie es Ihr Großvater war.” Shane fragte sich, was wohl Kelly davon hielt, nur wenige Meilen von den wilden Geschöpfen entfernt zu schlafen, mit denen er sein Leben teilte. Den Tieren, die ihn zu seinem Vater geführt hatten, die ihm geholfen hatten, den Schmerz, Frau und Kind zurückzulassen, zu überwinden. “Aber ich bin nicht hier, um von mir zu erzählen. Ich möchte Ihnen helfen.”

Sie lächelte verlegen, und er schnappte sich ein paar Putzutensilien.

Nachdem Shane das Bad gesäubert hatte, kehrte er zu Kelly in die Küche zurück.

Sie saß am Tisch und sah ziemlich blass aus. “Sind Sie in Ordnung?”

“Ich bin nur ein bisschen müde. Es war ein langer Tag.”

Und viel zu anstrengend für eine Schwangere. “Wann soll Ihr Baby denn kommen?”

Sie betupfte ihren Hals mit einem feuchten Tuch. “Im nächsten Monat, so um den Achtundzwanzigsten.”

Am liebsten hätte er ihr erneut Vorwürfe gemacht, doch er hatte Mitleid mit ihr. Durch Tami wusste er, was die letzten drei Monate einer Schwangerschaft einer Frau abverlangten. “Sie dürfen sich nicht überanstrengen, Miss Baxter.” Er setzte sich zu ihr. “Warum wohnen Sie nicht drüben bei uns, bis der Verwalter die Blockhütte hat reinigen lassen? Sie können bis dahin unmöglich in diesem Schmutz hier schlafen.”

“Das ist sehr nett von Ihnen, aber vielleicht sollte ich mich lieber in einem Motel einquartieren.”

“Das nächste Motel liegt in der Stadt, und das ist eine Ecke weit weg. Zudem ist es eine ziemlich miese Absteige.”

Offenbar zu müde, um zu widersprechen, nahm sie sein Angebot an. “Grandpa wäre bestimmt einverstanden gewesen, dass ich bei seinem Freund übernachte. Und ehrlich gesagt, ich finde die vielen Spinnweben hier eklig.”

Spinnweben fand auch Shane eklig, aber das mochte er nicht zugeben. “Ja, Butch und Dad waren gute Freunde.” Dabei fragte er sich, was ihr Grandpa wohl so alles über ihn erzählt hatte. “Ich hoffe, Sie mögen schlichte Kost. Dad ist heute mit Kochen an der Reihe, und es soll, glaube ich, Spiegeleier und Bratkartoffeln zum Abendessen geben.”

“Klingt wunderbar. Danke. Ich weiß nicht, was ich ohne Sie gemacht hätte.”

“Das ist doch selbstverständlich unter Nachbarn.” Obwohl es in der Küche nach Haushaltsreiniger roch, nahm Shane noch einen anderen Duft wahr. Wassermelone. Entweder hatte sie die Hände mit einer parfümierten Seite gewaschen, oder es war ihre Handcreme.

Was würde Kelly tun, wenn er sie berühren würde?

Vermutlich nichts. Die meisten Schwangeren waren an Gesten der Zuneigung von Fremden gewöhnt. Zuneigung? Das fehlte ihm gerade noch, Gefühle für sie zu entwickeln. Sie trug das Kind eines anderen Mannes unter dem Herzen. Genau wie Tami.

Shane verwünschte seine Erinnerungen. Tami hatte ihren Körper damals nicht gemocht, doch er hatte große Ehrfurcht vor dem Kind empfunden, das in ihr heranwuchs. Dem Kind, das ihm vorenthalten wurde.

“Kommen Sie, Miss Baxter, gehen wir.”

Sie stand auf. “Wenn wir Freunde werden wollen, dann nennen Sie mich doch Kelly.”

Er nickte, auch wenn er sich fragte, was zum Teufel er da tat. Die letzte Frau, die behauptete, seine Freundin zu sein, hatte ihm das Herz gebrochen. Und jetzt war durch dieses zerbrechlich wirkende Persönchen die alte Wunde wieder aufgerissen.

Als Kelly Shanes Haus betrat, schrieb sie es ihrer Müdigkeit zu, dass sie zugestimmt hatte, bei zwei Männern zu wohnen, die sie kaum kannte. Kaum? Dr. McKinley hatte sie überhaupt noch nicht kennengelernt.

“Kommen Sie, ich mache Sie mit meinem Dad bekannt”, sagte Shane.

Kelly folgte ihm in eine hell erleuchtete, rustikal eingerichtete Küche.

“Dad, ich habe einen Gast mitgebracht.”

Tom McKinley war ebenso groß wie Shane, doch seine Gesichtszüge waren weicher, und er hatte hellblaue Augen und dichtes rotes Haar. Tom hatte nichts Bedrohliches an sich, während Shane diese gewisse verwegene Ausstrahlung hatte, die ihm wohl von so mancher Frau bewundernde Blicke beschert hatte.

Shane stellte Kelly und seinen Vater einander vor. Dann erklärte er kurz Kellys Dilemma, und Dr. McKinley hieß sie mit einem freundlichen Lächeln willkommen. Was für eine herzliche Beziehung die beiden haben, dachte sie, und ihr fielen wieder die jüngsten Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter ein. Die waren der Grund für ihre Reise nach Texas gewesen. Und ihr Schmerz über die Zurückweisung eines Mannes.

Während Dr. McKinley sich wieder dem Abendessen widmete, brachte Shane Kelly in ein sauberes, kleines Gästezimmer.

Kellys Blick fiel sofort auf den hohen Metallkäfig, in dem in einem ausgepolsterten Karton eine gefleckte Katze lag, von Spielzeug umgeben. Neugierig spitzte sie die Ohren.

Shane stellte Kellys Gepäck ab und trat an den Käfig. “Das ist Zuni. Es macht Ihnen hoffentlich nichts aus, das Zimmer mit ihr zu teilen. Sie ist quasi auch ein Hausgast.” Er streckte einen Finger durch die Gitterstäbe, und die Katze haschte mit der Pfote danach. “Wenn ich es mir überlege, sollte ich Zuni doch lieber in mein Zimmer stellen. Wir geben ihr noch die Flasche. Sie wollen bestimmt nicht alle vier Stunden gestört werden.”

“Sie ist noch ein Baby?” Zuni war bereits halb so groß wie eine ausgewachsene Hauskatze und einfach hinreißend. “Wie alt ist sie denn?”

“Fünf Wochen.”

Als Shane den Käfig öffnete, kam das Kätzchen heraus und strich ihm um die Beine. “Sie ist eine afrikanische Wildkatze, die mittelgroß wird.” Er griff nach einem Spielzeug und schüttelte es. Sofort schlug Zuni zu. “Aber diese Kleine wurde in Gefangenschaft geboren. Sie war nie in Afrika.”

“Ist sie ausgesetzt worden?”

“Nein, das werden junge Katzen und Raubkatzen selten. Alle finden sie niedlich. Erst wenn sie größer werden, werden sie zum Problem. Zuni gehört einem Freund, und ich bin nur der Babysitter, während er verreist ist.”

Lächelnd sah Shane hoch. “Möchten Sie sie mal halten?”

Er brauchte nicht zweimal zu fragen. Kelly streckte sofort die Arme aus. Die kleine Katze hatte weiches, flauschiges Fell und lange, dünne Beine, ein Stupsnäschen und große dunkle Augen. Kelly fand es sehr aufregend, eine exotische Katze zu streicheln und sie schnurren zu hören.

“Meinen Sie, Sie könnten mir zeigen, wie man sie füttert? Ich stehe gern alle vier Stunden auf. Daran werde ich mich ja ohnehin gewöhnen müssen.”

“Sind Sie sicher?”

Sie drückte das Kätzchen enger an sich. “Ja.”

Zehn Minuten später hatte Kelly gelernt, wie man die Ersatzmilch anrührte und das Fläschen erwärmte. Sie stand neben Shane in der Küche, während sein Vater Kartoffeln schälte. Wieder fiel ihr auf, welche Harmonie zwischen den beiden herrschte. Ob sie sich je stritten? Auch sie hatte sich gut mit ihrer Mutter verstanden. Doch die Frage einer Vaterschaftsklage hatte einen tiefen Graben zwischen ihnen aufgerissen.

Shane reichte Kelly die Flasche. “Wir weichen ein wenig vom Zeitplan ab, aber das stört Zuni sicher nicht.”

Gleich darauf waren sie wieder im Gästezimmer. Als Zuni die Flasche erspähte, setzte sie sich Kelly zu Füßen und gab einen hellen Laut von sich.

“Nicht alle Arten von Wildkatzen miauen oder brüllen”, erklärte Shane.

Sie setzten sich auf die Bettkante, und Zuni kletterte sofort auf Kellys Schoß. Als Shane sich zu ihr beugte, musste Kelly schlucken. Plötzlich kam ihr die Situation viel zu intim vor. Die Zimmertür war geschlossen, das Licht gedämpft.

“Füttern Sie sie in der Stellung, in der sie von ihrer Mutter gesäugt würde. Sie muss also auf dem Bauch liegen. Katzen dürfen beim Füttern nicht wie Menschenbabys in den Arm genommen werden. Sonst können sie Milch in die Lunge bekommen.”

Interessiert hörte Kelly Shane zu, während Zuni am Fläschchen zu saugen begann.

Shane legte einen Arm um Kelly, um die Position der Flasche zu korrigieren. “Sie muss etwas zum Festhalten haben. Sehen Sie, wie sie versucht, einen Platz für ihre Pfoten zu finden? Geben Sie ihr Ihre Hand.”

Kelly nickte. Merkte Shane, wie nah er ihr war? Dass sein Atem ihre Wange streifte?

Zunis Schmatzen verstärkte die Stille im Raum nur noch. Shane ließ den Arm auf Kellys Schulter, den Blick auf die kleine Katze konzentriert. Plötzlich hätte sie sich am liebsten an ihn geschmiegt. Von solchen Momenten hatte sie immer geträumt. Auch wenn es der falsche Mann war, das Gefühl war das richtige. Die zärtliche Vertrautheit. Die menschliche Wärme.

Zuni hörte auf zu trinken, sah zu Kelly hoch und begann dann, am Sauger zu kauen.

Shane wackelte mit der Flasche. “Nein, nein, Kleine. Jetzt wird nicht gespielt.”

Er nahm den Arm von Kellys Schulter. Kelly bedauerte das augenblicklich. Der Zauber war gebrochen, die Wirklichkeit hatte sie wieder. Shane war nicht Jason. Er war nicht der Vater ihres Kindes, der Mann, der liebenswürdig zu ihr sein sollte.

Shane hielt die Flasche hoch, um zu überprüfen, wie viel Zuni getrunken hatte. Er schien nett zu sein, doch das hatte Jason sie auch glauben gemacht. Im Gegensatz zu Shane war der Vater ihres Babys nicht groß wie ein Hüne und trug auch keine ausgefransten Jeans und abgestoßenen Lederstiefel. Jason Collier hatte perfekt gestyltes Haar, keine schulterlange schwarze Mähne, seine Gesichtszüge waren klassisch schön, und mit seiner durchschnittlichen Größe konnte er sportlich-elegante Mode bestens tragen. Er war schon auf der Highschool ihr Schwarm gewesen.

“Zuni muss noch ihr Bäuerchen machen.”

“Was?” Kelly riss sich von ihren Gedanken los und sah auf das zappelnde Tier hinunter. “Wie …”

“Legen Sie sich Zuni an die Schulter und tätscheln Sie sie.”

“Wie ein Baby?”

Shane nickte, und Kelly nahm Zuni hoch. “Ich fasse es nicht, dass ich eine Katze Bäuerchen machen lasse.”

“Und ich fasse es nicht, dass sie nicht versucht hat, Sie zu zwicken.” Er legte eine Hand auf Kellys Hand, damit sie nicht mit dem sanften Klopfen aufhörte. “Wildkatzen beißen gern. Wenn auch meistens nur spielerisch, so kann das doch ganz schön wehtun.”

Als Zuni gleich darauf ihr Bäuerchen machte, mussten sie beide lachen.

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