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Sehnsucht nach dir & deinen Küssen

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1. KAPITEL

Saskia Bloom blies sich eine Ponysträhne aus den Augen und starrte auf das Foto von StudMuffin33.

„Nie im Leben bist du auch nur einen Tag jünger als 40“, sagte sie zu dem Mann, der ihr von der Dating By Numbers – Webseite entgegengrinste. Saskia machte sich Notizen, während StudMuffin33 unbeirrt weiterlächelte. Er sah aus, als sei er sich absolut sicher, dass sein beunruhigend sportlicher Steckbrief sie die Schwindelei beim Alter vergessen lassen würde.

Lieblingsfilm: The Fast and the Furious

Ich sammele: Surfbretter

Dieser Schauspieler würde mich am besten verkörpern: Jason Stratham

Ich suche: Eine humorvolle, aufgeschlossene Frau

Um Himmels willen.

Beim Anblick des nächsten Bildes zuckte Saskia unwillkürlich zurück. BirdLover28 hatte buschiges Haar, sein Lächeln hatte eher die Bezeichnung Fratze verdient, und auf seiner Schulter saß ein Huhn.

Lieblingsserie: Dr. Who

Meine Sonntage sind reserviert für: Flohmärkte

Für diesen Promi habe ich eine Schwäche: Tyra Banks

Ich suche: Eine Frau, mit der man an allen möglichen und unmöglichen Orten Spaß haben kann.

Für Saskia kam ein solcher Spaß ganz sicher nicht infrage. Das lag nicht nur am Foto von BirdLover28. Seit sieben Monaten war sie Single, doch auf der Suche nach einem Partner war sie nicht. Auch nicht nach einem ‚Saturday-Night-Special‘, als das einer der Herren sich so galant angeboten hatte.

Ihr Benutzerkonto bei Dating By Numbers hatte sie aus rein beruflichen Gründen eingerichtet. Sie und ihre Geschäftspartnerin Lissy – sie firmierten als SassyStats – waren vom Betreiber der Partnerbörse gebeten worden, eine unterhaltsame Statistik zum Thema Onlinedating zu erstellen. Und da Saskia der Überzeugung war, dass man sich mit einer Materie einigermaßen auskennen musste, um eine aufschlussreiche Erhebung darüber anzufertigen, hatte sie sich kurzerhand bei der Singlebörse angemeldet.

Saskia sah kopfschüttelnd die Profile der anderen zwölf Männer an, die per Mail Interesse an ihr bekundet hatten.

Beruflich hin oder her – es war ziemlich schmeichelhaft.

Mit ihren schulterlangen dunklen Locken, der olivfarbenen Haut, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, den braunen Augen und der schlanken Figur, an der die Pubertät so gut wie spurlos vorübergegangen war, konnte man sie durchaus hübsch nennen. Wenn das Licht stimmte und nicht übermäßig viel Luftfeuchtigkeit ihre Haare in ein krauses Durcheinander verwandelte, wie sie in Gedanken ergänzte. Es erschien ihr wie ein Wunder, dass so viele Männer sie angeschrieben hatten.

Vielleicht hätte sie sich schon viel früher hier anmelden sollen! Aus ganz privatem Interesse. Warum auch nicht? Stu hatte sie in einer Kneipe kennengelernt, und sie wusste ja, wie das ausgegangen war.

Mit seinem alten Mantel und den tintenverschmierten Fingern hatte er sehr geheimnisvoll gewirkt. Und so ausgesehen, als bräuchte er etwas Warmes zu essen – und jemanden, der ihn lieb hatte. Doch leider hatte sich herausgestellt, dass er nur ihr Handy, ihren Fernseher und einige weitere ihrer Elektrogeräte nötig gehabt hatte. Als Entschädigung hatte er einen gemeinen Brief zurückgelassen, einen Haufen Schulden und seinen Hund.

Saskia sah zu Ernest hinüber. Der große Airedaleterrier lag auf einem alten Sessel in einer Ecke ihres Arbeitszimmers und schlief. Mit Ernest hatte sie sich inzwischen angefreundet, aber mit den blauen Briefen, die Woche für Woche in ihrem Briefkasten landeten, konnte sie sich nicht abfinden. Um sie loszuwerden, arbeitete sie wie eine Verrückte, oft bis spät in die Nacht.

Saskia nahm die Hand von der Maus, um sich Notizen zum nächsten Kandidaten zu machen, doch als sie sein Foto sah, hielt sie inne.

Es war ein gelungener Schnappschuss. Der Mann blickte nicht direkt in die Kamera, sondern leicht am Fotografen vorbei. Und er sah nicht einfach nur gut aus. Er war umwerfend! Das dunkelblonde Haar kurz geschnitten, die Ärmel seines hellblauen Hemdes hochgekrempelt, sodass sehnige Unterarme zu sehen waren. Er hob eine Braue und sein sehr sinnlicher Mund wurde von einem kleinen Lächeln umspielt. Doch das alles war nichts gegen die Augen. Sie waren vom tiefsten Blau, das Saskia je gesehen hatte.

Wie konnte es angehen, dass ein so attraktiver Mann Single war? Angesichts der offensichtlichen Schwindeleien auf diesem Internetportal konnte man allerdings gar nicht sicher sein, ob das überhaupt stimmte.

Er sah ziemlich resolut aus, so, als sei er keine Widerworte gewohnt. Womöglich war er ein Fiesling. Oder er strickte gern. Oder er hatte Mundgeruch. Oder hässliche Fußnägel.

Mit wachsender Neugier scrollte Saskia zu seinem Steckbrief hinunter.

Lieblingsbuch: Catch-22

Lieblingsgetränk: Doppelter Espresso

Ich sage oft: „Und jetzt?“

Ich suche: Jemanden, der mich zu einer Hochzeit begleitet.

Das war ungewöhnlich. Und Saskia liebte Ungewöhnliches. Diese Vorliebe hatte sie dazu veranlasst, in die Forschung zu gehen und sich nicht ausschließlich mit Statistik zu beschäftigen. Als sie daran dachte, kam ihr eine Idee. Sie griff nach einem Stapel Papier und suchte die Pressemitteilung heraus, die Marlee von Dating By Numbers ihr zusammen mit den anderen Unterlagen für den Auftrag geschickt hatte.

Es war verblüffend, wie viele Leute sich allein auf diesem Datingportal angemeldet hatten. Ihnen allen war es nicht gelungen, auf den üblichen Wegen einen Partner zu finden – genau wie Saskia selbst. Und hier war ein Mann, der Kaffee ebenso sehr liebte wie sie, begeistert war von einem ihrer Lieblingsbücher und mit Mitte 30 offenbar noch nicht seine Traumfrau gefunden hatte, obwohl er mindestens so gut aussah wie der junge Paul Newman. Warum zögerte sie noch?

Außerdem: Vielleicht war ihr gerade der Aufhänger für ihre Infografik über den Weg gelaufen.

Plötzlich schob sich eine riesige Kaffeetasse neben ihrem Ell­bogen in ihr Sichtfeld. Sie fuhr zusammen. „Oh Gott, du hast mich zu Tode erschreckt!“

„Kein Wunder. Du hast schon wieder deinen irren Forscherblick“, erwiderte Lissy und stellte den Becher neben Saskia ab. Die blauen und violetten Spitzen ihrer langen blonden Locken wippten, als sie sich auf den Stuhl auf ihrer Seite des farbbeklecksten alten Schreibtisches plumpsen ließ. „Übrigens: Wenn es erlaubt wäre, würde ich deine Espressomaschine heiraten.“

„Da bist du nicht die Einzige.“ Saskia atmete den Kaffeeduft ein, schloss genüsslich die Augen und nahm einen Schluck. Die Maschine war ihre erste Anschaffung gewesen, nachdem Stu sich mit all ihrem Hab und Gut davongemacht hatte. Vielleicht gab es Wichtigeres. Aber man musste Prioritäten setzen. Und Computer konnte man leasen.

„An was sitzt du gerade?“, wollte Lissy wissen. „An der Sache mit dem Bahnnetz?“

„Nee, an der Singlebörsen-Geschichte.“

„Ah, gut. Das macht bestimmt mehr Spaß.“

„Allerdings. Und ich glaube, dass mir gerade eine gute Idee gekommen ist. Ich überlege, ob ich einen weiteren Punkt in die Analyse aufnehme. So eine Art Liebesformel.“

Lissy stellte ihren Becher ab. „So was wie Pralinen plus Blumen mal wilder Sex gleich niemals um Verzeihung bitten müssen?“

Lachend malte Saskia Schnörkel auf ihren Block. „Nicht ganz. Ich finde trotzdem, es ist ein einleuchtender Gedanke, dass Gefühle nicht aus dem Nichts kommen. Sie müssen doch irgendwie berechenbar sein.“

Lissy warf einen vielsagenden Blick auf den dicken Stapel Rechnungen, der auf Saskias Seite des Tisches lag. Zum allerersten Mal war auch eine Mahnung wegen Zahlungsverzugs ihrer Hypothekenrate dabei.

„Es wäre nicht viel Arbeit. Ich mache die Analyse ja ohnehin“, sagte Saskia. „Und es wäre ein super Aufhänger.“

Und doch hat Lissy vielleicht recht, dachte sie. Ich darf mich nicht ablenken lassen, wenn ich meine Finanzen wieder in den Griff bekommen will. Und ich will das Haus renovieren.

Doch Lissy, eine begnadete Grafikerin, für die Konzentration ein Fremdwort war, hatte schon angebissen. „Hat das noch nie jemand gemacht? Das mit der Formel, meine ich.“

„Vielleicht“, sagte Saskia. „Vielleicht aber auch nicht. Möglicherweise ist bislang keiner auf die Idee gekommen, weil eine Art Denkanstoß gefehlt hat.“

„So was wie der Apfel, der Einstein auf den Kopf gefallen ist?“

„Newton.“

„Dann eben Newton. Und was ist dir auf den Kopf gefallen?“

„Nichts“, antwortete Saskia und warf einen unüberlegten Blick auf ihren Bildschirm.

Lissy kniff lauernd die Augen zusammen. Dann sauste sie um den Tisch herum und sah über Saskias Schulter, bevor diese das Profil des schönen Unbekannten schließen konnte. „Ha!“, rief Lissy. „Apropos Denkanstoß – wen haben wir denn da?“

„Sein Benutzername ist NJM.“

„Benutzername? Ist er von der Singlebörse?“ Lissy gab einen anerkennenden Pfiff von sich. „Warum habe ich das mit dem Austesten nur dir überlassen?“

„Weil du mit Katastrophen-Dave zusammen warst. Der alle deine Möhren durchgebrochen hat, nur weil du den Gemüsehändler angelächelt hast.“

Lissy verzog das Gesicht. „Ich gebe ja zu, dass der Typ ein bisschen überempfindlich war …“

Saskia lachte laut auf.

„… aber er konnte so gut küssen!“, fuhr Lissy verträumt fort, ging an ihren Platz zurück und wies mit ihrer Tasse auf Saskias Laptop. „Details, bitte.“

Saskia klickte auf den Link zum Profil von NJM. „Eins neunzig. Blaue Augen, dunkelblondes Haar. Investor. Keine Hobbys.“

Letzteres war schon ein wenig traurig.

„Ich wäre bereit, ihm welche zu verschaffen“, bemerkte Lissy.

Saskia lachte wieder und bemerkte, dass sie noch immer versonnen über das Scrollrad streichelte. Gerade, als sie die Hand von der Maus nahm, um ihre Finger zu strecken, sagte Lissy: „Pfeif auf die Erhebung und triff dich mit ihm. Ernsthaft.“

Saskia verzog den Mund. Und schon lag ihre Hand wieder auf der Maus – und deren Zeiger schwebte über dem knallgelben Button mit der Aufschrift ‚Warum nicht?‘.

„Er ist nicht mein Typ.“

„Von wegen. Der gefällt jeder. Und wenn er nicht auf der Suche wäre, hätte er sich nicht auf der Seite angemeldet.“

„Moment. Erstens ist das hier nur ein Job. Und zweitens ist er zwar auf der Suche, aber nur nach einer Begleitung für eine Hochzeit.“

„Klingt spannend. Vielleicht meint er ja sogar seine eigene.“

„Lissy …“

„Ich weiß, ich weiß. Sobald du so weit bist, wirst du dich auf die Suche machen. Aber wie lange ist es jetzt her, dass sich Dingens davongemacht hat?“

„Sieben Monate.“

Lissy zeigte auf Saskias Monitor. „Das wär doch mal was Neues für dich. Kein kaputter Typ, sondern ein attraktiver Mann, der so aussieht, als könnte er prima auf sich selbst aufpassen. Und sich auch ein wenig um andere kümmern – falls du verstehst, was ich meine.“ Sie warf Saskia einen vielsagenden Blick zu und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

Saskia versuchte, es ihr gleichzutun; sie schrieb ‚Dating By Numbers‘ oben auf eine leere Seite ihres Blocks und ‚Liebesformel‘ darunter.

Sie musste an die Unterhaltung denken, die sie schon so oft mit ihrer Freundin und Kollegin geführt hatte. Lissy war der Meinung, dass Saskias Schwäche für hilflose Männer daher rührte, dass Saskia ihre gesamte Kindheit hindurch vergeblich versucht hatte, ihrem alleinstehenden Vater, einem Matheprofessor, das Leben zu erleichtern. Saskia sah die Sache anders. Sie mochte eben, wen sie mochte. Und was war falsch daran, wenn das zufällig Männer waren, die ihr das Gefühl gaben, gebraucht zu werden?

Abgesehen davon, dass es nie lange dauerte.

Ihr Blick fiel wieder auf ihren Bildschirm. NJM schien ein völlig anderes Kaliber zu sein. Keine Spur von bedürftig. Aber ob er küssen konnte? Ja, dachte Saskia, bestimmt, und in ihrem Bauch begann es zu kribbeln.

Doch das war nicht der Grund dafür, dass sie schließlich auf ‚Warum nicht?‘ klickte. Sie musste ihre Arbeit machen – ihre gut bezahlte Arbeit. NJM wich von den übrigen Subjekten ihrer Studie ab und bedurfte somit einer genaueren Untersuchung.

Immer wieder waren es Hochzeiten.

Nate Mackenzie hatte Jahre gebraucht, um seinen Schwestern klarzumachen, dass sie nicht versuchen sollten, etwas an seinem Singledasein zu ändern. Er war inzwischen leidlich erfolgreich damit. Außer die Einladung zu einer Hochzeit lag im Briefkasten.

Und jetzt war es wieder so weit.

Gerade hatte er das Telefonat mit seiner älteren Schwester Jasmine beendet, da riefen auch schon Faith und Hope, die Zwillinge, an.

„Sie ist supernett“, rief eine von ihnen, bevor sie ihn auch nur begrüßt hatte.

Er lehnte sich zurück und drehte sich mit seinem Schreibtischstuhl zur Fensterfront seines Büros. Sonnenstrahlen fielen in sein Gesicht. „Mir geht es gut, danke. Und euch?“

Ohne sich um seinen Sarkasmus zu kümmern, redeten die Zwillinge gemeinsam auf ihn ein. „Jasmines Freundin kann super backen. Ich habe Fotos von ihr gesehen, sie ist genau dein Typ.“

Gerade wollte er fragen, was denn sein Typ sei, doch er besann sich eines Besseren.

Sie waren gut darin, seine Schwachstellen aufzuspüren. Aber er war besser.

Schließlich hatte er ihnen alles beigebracht, was sie wussten. Seit seinem 15. Lebensjahr war er der Mann im Haus gewesen.

Er griff sich an die Schläfe, in der es zu pochen begann. „Es freut mich, dass ihr genug Zeit und Muße habt, euch in mein Leben einzumischen, aber ihr müsst eure überschüssige Energie auf etwas anderes verwenden. Etwas, das sich lohnt. Vielleicht die Dritte Welt?“

„Aber …“

„Keine weiteren Verkupplungsversuche. Haltet euch dran.“

Eine kurze Pause folgte – und dann ein Gelächter, das auch noch seine andere Schläfe pochen ließ.

Während seine Schwestern fortfuhren, ihm zu erzählen, dass er sich nicht ewig auf seinen Charme und seine blauen Augen verlassen konnte, drehte Nate sich wieder zu seinem Schreibtisch. Er überlegte, wie er seine Schwestern endgültig davon abbringen konnte, eine Frau für ihn zu suchen. Dass er vor lauter Arbeit keine Zeit dafür hatte, war nichts Neues.

„Ich bin gerade vergeben“, sagte er. Stille am anderen Ende der Leitung. Nate fragte sich plötzlich, wieso er nicht schon vor Jahren eine Lebensgefährtin erfunden hatte. Eine, die ständig unterwegs war, ungern telefonierte und ihre gesamte Familie bei einem tragischen Unfall verloren hatte. Weshalb er ihr natürlich den Schmerz ersparen musste, seine eigene Familie kennenzulernen.

So in Gedanken versunken, verpasste er den idealen Zeitpunkt, das Telefonat zu beenden.

„Kann sie einen ganzen Satz bilden, ohne ‚äh‘ zu sagen?“, fragte eine der Zwillinge.

„Mir doch egal“, keifte er. „Solange sie schön ist und gut riecht und zufrieden nach Hause geht.“

„Nate“, sagten beide wie aus einem Mund in vorwurfsvollem Ton.

In Anbetracht dessen, was ich alles für sie getan habe, könnten sie dankbarer sein, dachte er. Doch die Sturheit der Mackenzies war stärker.

„Das Schlimmste ist, dass du es ernst meinst“, sagte die eine.

„Die perfekte Frau für Nate will sich eben nicht binden und auf keinen Fall heiraten“, sagte die andere.

„Wenn ihr die findet, können wir weiterreden“, sagte Nate, als seine Bürotür aufging. Gabe steckte seinen Kopf herein. Mit einem Winken bedeutete Nate seinem Geschäftspartner, einzutreten.

Gabe schloss die Tür, durchquerte den Raum und setzte sich.

„Ich muss aufhören. Gabe ist da“, sagte Nate und legte auf.

„Na, sind die Mädels auf dem Kriegspfad?“, fragte Gabe, als sich Nate die Schläfen rieb.

„Diesmal habe ich es dir zu verdanken.“

„Wieso das?“

„Wärest du nicht mit Paige zusammen, würdest du Mae und Clint nicht kennen. Dann wäre ich nicht zu ihrer Hochzeit eingeladen und müsste mich nicht schon wieder darum kümmern, die Verkupplungsversuche meiner Schwestern auszubremsen.“

Gabe sah ihn empört an. „Wünschst du nun etwa meine Frau weg?“

„Nein, natürlich nicht. Du bist jahrelang herumgelaufen wie ein Grizzly mit Zahnweh. Jetzt bist du zu einem Teddybären mutiert. Das ist sogar für mich ziemlich angenehm.“

Das Handy des Teddybären klingelte. Mit einem schroffen „Hamilton“ nahm Gabe das Gespräch an.

Es kam Nate wie gestern vor, dass er und sein Freund in einer Kneipe in der Nähe der Uni Pläne für ihr gemeinsames Finanzunternehmen gemacht hatten. Und aus diesem dahingekritzelten Plan war ein Unternehmen geworden, das ein leuchtendes Beispiel für Vertrauenswürdigkeit und Verantwortung in einer ins Zwielicht geratenen Finanzwelt abgab.

Nate hatte sein Ziel von damals längst erreicht. Er besaß Immobilien auf der ganzen Welt, hielt Anteile an einigen der bedeutendsten Firmen Australiens und schwamm geradezu in Geld. Und doch war der Zeitpunkt nicht in Sicht, an dem er sich zufrieden zurücklehnen konnte. Noch immer nahm er jede Entscheidung, jede Investition, jede Büroklammer so ernst, als würde er alles verlieren, wenn er es auch nur ein wenig schleifen ließ. Und das, obwohl ihm klar war, dass er auf das Alter zuging, in dem sein hart arbeitender Vater eines Tages nicht mehr aus dem Büro zurückgekommen war.

Gabe beendete sein Telefonat und fragte: „Hast du heute Mittag schon was vor? Um eins treffe ich mich mit dem Spieletypen, von dem ich dir erzählt habe. Es schadet sicher nicht, wenn du dabei bist.“

„Ich könnte um Viertel nach dazukommen.“

„Umso besser. Lassen wir ihn ein wenig zappeln.“ Gabe stand auf, ging zur Tür und wandte sich noch einmal um. „Hast du jetzt eigentlich eine Begleitung für Maes und Clints Hochzeit?“

Nate verzog das Gesicht.

„Also nein?“, fragte Gabe. Und weg war er.

Nate war wieder allein mit seinen pochenden Schläfen. Natürlich nein. Und nun hatte er Faith und Hope auch noch erzählt, dass er vergeben sei.

Er musste eine Begleitung finden, schon allein, um sich in den Wochen bis zu der Hochzeit seine Schwestern vom Hals zu halten. Aber es durfte niemand sein, den sie kannten. Oder den er kannte.

Sich mit einer Frau zu verabreden war eine Sache. Sie zu fragen, ob sie einen zu einer Hochzeit begleitete, war eine andere. Welche Frau wollte schon ausgerechnet auf einer Hochzeit von ihrem Begleiter hören, dass zwischen ihnen nichts Ernstes war? Und dass nichts Ernstes daraus werden würde. Schon gar keine Ehe.

Denn es würde nichts Ernstes daraus werden. Nicht mit Nate.

Das hatte seinen Grund. Er hatte genug von Verantwortung. In den Jahren nach dem Tod seines Vaters hatte er zu viel davon geschultert. Es waren seine drei Schwestern gewesen, die ihn überstrapaziert hatten. Sie hatten seine Zahnbürste benutzt und seine Sachen angezogen. Sie waren mit seinen Kumpels ausgegangen. So zuwider ihm das gewesen war – er hatte sie gewähren lassen. Und dann immer wieder dieser Liebeskummer, herzzerreißendes Weinen, nächtelang. Eines Tages war er für Tränen, Launen und weibliche Tricks unempfänglich geworden war. Anders hätte er es nicht länger ertragen.

Zwei Stunden nachdem Maes Einladung angekommen war, hatte er sich bei einer Singlebörse angemeldet. Und sich seitdem mit sechs netten, attraktiven Frauen getroffen. Keine von ihnen hatte verbergen können, dass sie Nates Anblick augenblicklich dazu inspirierte, sich ihn im Smoking vorzustellen, im gemeinsamen Eigenheim und im Range Rover mit Einparkhilfe.

Keine Chance.

Doch nun wurde allmählich die Zeit knapp.

Er rief seine E-Mails ab und fand eine neue Nachricht von einer Frau, die er ebenfalls angeschrieben hatte. Betreff ‚Warum nicht?‘. Der Nickname der Absenderin war Bloomin.

Lieblingspizzabelag: Schinken & rote Paprika

Lieblingsmusik: Retro-Grunge

Wo ich am liebsten wäre: Da, wo ich bin.

Ich suche: Jemanden zum Reden

Retro-Grunge? Was zum Kuckuck war das? Klang fies. Trotzdem öffnete er ihr Bild. Und dann erinnerte er sich.

Nachdem er sich bei der Partnerbörse angemeldet hatte, hatten ihm eine Stunde lang Frauen im Bikini vielsagend entgegengelächelt. Doch dann war er über ein weiteres Foto gestolpert. Über dieses Bild hier.

Eine Frau Ende 20 in einem Café. Ihr dunkles Haar war schulterlang und etwas wirr, sie trug einen alten Filzhut und einen zotteligen Schal um den Hals.

Nate beugte sich vor und zoomte das Foto heran, bis es den Bildschirm füllte. Mit ihrem schmalen Kinn, der kleinen Nase und ihrem entspannten Lächeln war sie auf unkonventionelle Weise hübsch. Sie hatte außergewöhnlich schöne Augen – braun, weit auseinanderstehend und von langen dunklen Wimpern umgeben.

Doch was Nate am meisten fesselte, war ihr Blick. Es lag ein Ausdruck darin von etwas, das er selbst sich versagte. Zufriedenheit.

Er war nicht einmal mehr sicher, ob er überhaupt noch wusste, wie sich das anfühlte: zufrieden zu sein. Und hier war eine Frau, die genau dies von sich behauptete.

Ohne lange nachzudenken, klickte er auf ‚antworten‘, schlug Datum und Uhrzeit vor und bat Bloomin, einen Treffpunkt zu wählen. Zwar war er mit einigen der besten Köche der Stadt per Du, aber in diesem Fall hielt er es für besser, irgendwo anders hinzugehen. Denn seine Schwestern sollten nicht unbedingt davon erfahren.

2. KAPITEL

Das Mamma Rita, ein italienisches Restaurant in Fitzroy, war schummrig, unkonventionell und bei Künstlern und Hipstern beliebt. Saskia schätzte den Laden vor allem des guten, günstigen Essens wegen.

In ihren liebsten Batikhosen, Sandalen aus Nepal und eingewickelt in einen Schal, den sie aus einem alten T-Shirt angefertigt hatte, saß sie an einem Tisch und betrachtete mit Interesse den Mann, der gerade hereingekommen war.

Sein Foto hatte nicht zu viel versprochen. Er sah makellos aus mit seinem dunklen Anzug, der roten Krawatte und den breiten Schultern. Als er eine vorbeikommende Kellnerin anlächelte, konnte Saskia selbst auf die Entfernung sehen, dass das arme Mädchen weiche Knie bekam.

Er war wirklich schön. Und, was Saskia noch besser gefiel: Er war ungewöhnlich. Warum hatte sich dieser Mann bei einer Singlebörse angemeldet?

Saskia fuhr sich durchs Haar. Er musste die Bewegung bemerkt haben, denn kurz darauf sah er sie direkt an.

Wow, dachte sie, während sich ein angenehmes Kribbeln in ihr ausbreitete. Für diese Augen bräuchte er eigentlich einen Waffenschein.

Er hob eine Hand und winkte ihr zu. Sie tat es ihm gleich.

Und sie fühlte eine Unruhe in sich aufsteigen. Reiß dich zusammen. Das hier ist kein echtes Date, sondern eine Art … Arbeitstreffen. Und wenn ihr ein Gespräch mit diesem Traummann dabei helfen konnte, ihre Infografik nicht nur informativ, sondern auch noch fesselnd zu gestalten: umso besser.

Als ihr Forschungsobjekt näher kam, erhob sie sich. Und stützte sich dabei so unglücklich auf dem Tisch ab, dass ihre Hand auf dem Zinken der Gabel landete, die daraufhin wie ein Katapult durch den Raum schoss.

Mit offenem Mund sah Saskia zu, wie die Gabel klirrend auf dem Tisch eines jungen Paares landete. Das Mädchen dort schrie erschrocken auf.

Rasch eilten ein paar Kellner hinzu, um den Tisch aufzuräumen, die junge Frau zu beruhigen und dem Paar Gratis-Desserts anzubieten.

„Können Sie die gebrauchen?“, hörte Saskia eine tiefe Stimme sagen. Sie riss ihren Blick vom Unglücksort los und sah einen Jackettknopf dicht vor sich, dann eine rote Krawatte, ein perfekt geschnittenes Kinn, eine dementsprechende Nase und diese blauen Augen, deren Blick ihr durch und durch ging. Als sie wieder zu sich kam, sah Saskia auch die frische Gabel, die NJM ihr entgegenhielt.

„Oh ja, danke“, sagte sie, schüttelte fassungslos den Kopf und lachte schließlich. „Das war gerade nicht einer meiner elegantesten Auftritte.“

NJM lächelte. „Sollen wir?“, fragte er und deutete auf den Tisch.

Er wartete, bis sie sich gesetzt hatte, und nahm ihr gegenüber Platz, während er den Knopf seines Jacketts öffnete. Seine Fingernägel waren so sauber und gepflegt wie alles an ihm, die Finger lang und schmal, aber sehr männlich.

Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. „Ich bin Saskia. Saskia Bloom.“

„Nate Mackenzie“,

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