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Sehnsucht nach dem Märchenprinzen

Margaret Way

Sehnsucht nach dem Märchenprinzen

1. KAPITEL

Gegenwart

Das Wetter war ideal für eine Gartenparty. Der Himmel leuchtete tiefblau. Heller Sonnenschein durchflutete das Tal. Ein kühler Wind machte die Sommerhitze erträglich, Bäume und Büsche standen in voller Blüte und verwandelten die fruchtbare Landschaft in einen überwältigend schönen Garten, der den Blick fesselte und den Atem stocken ließ. Die Welt erschien so vollkommen, dass die Bewohner es als Auszeichnung empfanden, im Silver Valley und in dem gleichnamigen Ort zu leben.

Für Charlotte Prescott-Marsdon – Mutter eines siebenjährigen Sohns und mit sechsundzwanzig Jahren schon Witwe – galt das allerdings nicht. Sie stand vor der Spiegelwand in ihrem Schlafzimmer und haderte mit dem Schicksal. Christopher und sie hatten auf der ganzen Linie verloren, und das tat bitter weh.

Seit vor einem Monat die ersten Einladungen eingetroffen waren, wartete man in Silver Valley ungeduldig auf den großen Eröffnungstag. Im Park von Riverbend, dem stattlichsten Gutshaus aus der Zeit der Kolonialherren, sollte eine „Gartenparty zum Kennenlernen“ stattfinden.

Riverbend – An der Flussbiegung –, ein wahrhaft poetischer Name! Seine Pracht spiegelte den Reichtum und die gesellschaftliche Stellung des Mannes wider, der es um 1880 erbaut hatte: Charles Randall Marsdon. Er hatte sich in seiner Jugend entschlossen, aus einem Land mit großer Vergangenheit in ein Land mit großer Zukunft auszuwandern und dort Karriere zu machen. Ein hochgestecktes Ziel, doch Charles Marsdon hatte nicht nur davon geträumt, sondern es auch verwirklicht. In überraschend kurzer Zeit hatte er es zu geschäftlichem Erfolg und hohem Einfluss in der Kolonialgesellschaft gebracht.

Riverbend war ein romantisch anmutendes zweistöckiges Gebäude mit einer georgianischen Fassade und hoch aufstrebenden Säulen. Breit angelegte, offene Veranden spendeten in dem heißen Klima den unerlässlichen Schatten. Obwohl sechs Generationen hier gewohnt hatten, würde Charlottes Sohn Riverbend niemals erben. Es gehörte den Marsdons nicht mehr. Das Gutshaus mit den umliegenden Weingärten und Olivenhainen – seit der Tragödie stark vernachlässigt – war an eine Gesellschaft namens „Vortex“ verkauft worden. Abgesehen davon, dass der von Vivian Marsdon geforderte horrende Preis anstandslos gezahlt worden war, wusste man nicht viel über den neuen Besitzer.

Charlottes Vater hatte hoch gepokert und gewonnen. Eigentlich hätte er sich das nicht leisten können, denn wirtschaftlich zählte der Name Marsdon nicht mehr. Doch Vivian besaß ein ausgeprägtes Ehrgefühl und pochte auf seine Stellung in Silver Valley. Es kam ihm vor allem darauf an, das Gesicht zu wahren. Da traf es sich gut, dass er nicht um den Kaufpreis feilschen musste, was seinem Ruf womöglich geschadet hätte.

Seitdem waren Monate vergangen, und jetzt wollte der Geschäftsführer von „Vortex“ endlich in dem kleinen Ort aufkreuzen. Natürlich hatten Vivian und Charlotte eine Einladung zu der Gartenparty erhalten, obwohl sie keinen Mitarbeiter der Gesellschaft persönlich kannten. Der Kaufvertrag war von den Anwälten Dunnett & Banfield ausgehandelt worden und enthielt eine Klausel, die Vivian Marsdon lebenslanges Wohnrecht in der Lodge garantierte. Ursprünglich hatte das Gebäude als Wagenschuppen gedient, den Charlottes Großvater zu einem großzügigen Gästehaus hatte umbauen lassen, weil Riverbend damals ein beliebter gesellschaftlicher Treffpunkt gewesen war. Nach seinem Tod sollte es auch dem neuen Besitzer zufallen.

Heute diente die Lodge nur noch Vivian, Charlotte und Christopher als Wohnung. Drei Generationen lebten hier unter einem Dach: Vater, Tochter und Enkel.

Für Charlottes Schwiegereltern, Gordon und Lesley Prescott, existierten die Marsdons inzwischen nicht mehr – ebenso wenig wie für ihre Tochter Nicole. Seit Martyns Tod vor anderthalb Jahren war eine völlige Entfremdung zwischen den Familien eingetreten. Martyn war in seinem hochtourigen Sportwagen durch das Tal gerast, hatte in einer berüchtigten Kurve die Kontrolle über das Steuer verloren und war mit dem Auto an einem Baum zerschellt. Eine junge Frau war bei ihm gewesen und hatte den Unfall wunderbarerweise mit leichten Schrammen überlebt. Man munkelte, sie sei seit einem halben Jahr Martyns Geliebte gewesen, weil seine Ehefrau ihn sträflich vernachlässigt habe.

Was hast du nur aus deinem Leben gemacht? hielt Charlotte stumme Zwiesprache mit ihrem Spiegelbild.

Die Antwort darauf konnte sie sich selber geben. Sie hatte ihr Leben genauso verpfuscht wie ihr Vater seins schon vor der Tragödie. Sein Schwiegersohn war ihm ziemlich gleichgültig gewesen. Er kreiste um sich selbst und besaß nicht das geringste Verantwortungsgefühl. Ging etwas schief, war ein anderer schuld, oder er sah sich als Opfer höherer Mächte.

Mit dem Tod von Sir Richard Marsdon, Charlottes hoch geachtetem Großvater, hatte der Verfall eingesetzt. Sein Sohn war nicht fähig gewesen, in seine Fußstapfen zu treten. Die Gesetzmäßigkeit innerhalb von drei Generationen bestätigte sich immer wieder: Die erste erwarb das Vermögen, die zweite vermehrte es, und die dritte brachte es durch. Viel Geld zu besitzen ließ einen gut schlafen, aber nicht jede Generation brachte einen Midas hervor, durch dessen Berührung alles zu Gold wurde.

Charlottes Vater, in Reichtum und Überfluss geboren, besaß weder Sir Richards Charakterstärke noch seinen ausgeprägten Geschäftssinn. Marsdon-Aktien verloren an der Börse ihren Wert. Warnungen von Anwälten und Finanzberatern verhallten ungehört. Vivian blieb auf beiden Ohren taub. Er wusste alles besser und büßte einen erheblichen Teil des einstigen Vermögens ein – und das schon vor der Tragödie, die das Unglück der Familie vollends besiegelte.

Seufzend griff Charlotte nach ihrem hübschen Hut und setzte ihn auf. Sie trug ihr langes Haar nur noch selten offen. Meist frisierte sie es streng zurück und hielt es in einem Knoten zusammen. So auch heute. Ihr Kleid aus chartreusegrüner Seide, dessen Rock kurz und weit war, wurde nur von einem breiten Träger über der rechten Schulter gehalten. Ihre Kopfbedeckung war farblich darauf abgestimmt und mit Seidenpäonien in dunklen Pinktönen garniert, die sich lebhaft von dem zarten Goldgrün abhoben.

Das Ensemble war nicht neu, aber sie hatte es erst einmal getragen – zum „Melbourne Cup“, als Martyn noch lebte. Er hatte großen Wert auf ihr Aussehen gelegt, und sie hatte ihn nie enttäuscht. Martyn glich charakterlich ihrem Vater. Er war Erbe eines riesigen Vermögens und konnte tun und lassen, was er wollte. Schon als Kind war er entschlossen gewesen, Charlotte zu heiraten und so zwei der ältesten hier ansässigen Familien miteinander zu verbinden. Er erreichte dieses Ziel und führte mit seiner jungen, hübschen Frau ein ausschweifendes Leben, dem sein früher Tod ein Ende setzte.

Manchmal hatte Charlotte die Hoffnung gehegt, Martyn würde mit den Jahren reifer werden, sich endlich gegen seinen erfolgreichen Vater durchsetzen und begreifen, dass er seinem Namen und dem traditionsreichen Familienunternehmen verpflichtet war. Leider hatten sich diese Hoffnungen, die Charlotte mit ihrem Schwiegervater teilte, nicht erfüllt. Sie waren zerplatzt wie Seifenblasen, trotzdem sprach Charlotte sich nicht von aller Schuld frei. Sie hatte Martyn nie geliebt, sondern immer nur als guten Freund geschätzt. Die große romantische Liebe war es nicht gewesen. Sie wusste zwar, was Leidenschaft bedeutete, und hatte sich doch für die Sicherheit entschieden. Sie hatte auf der ganzen Linie versagt.

Rohan. Sein Name hatte sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Christophers helle Stimme weckte Charlotte aus ihren Gedanken. „Mummy“, hörte sie ihn ängstlich rufen. „Bist du fertig? Grandpa möchte gehen!“

Gleich darauf stürmte er ins Zimmer – ein auffallend hübscher Junge, der ein leuchtend blaues Hemd mit Perlmuttknöpfen und eine graue Cargohose trug. „Komm schon“, drängte er und streckte die Hand aus. „Grandpa marschiert ungeduldig im Flur auf und ab und wird langsam rot im Gesicht. Sein Blutdruck steigt wieder, nicht wahr?“

„Darüber musst du dir keine Sorgen machen, Schatz“, antwortete Charlotte gelassen. „Grandpa ist topfit. Er kann nur nicht warten. Dabei sind wir noch nicht zu spät dran.“

Gleich nach Martyns tödlichem Unfall hatte Vivian Marsdon seine Tochter und seinen Enkel gedrängt, zu ihm in die Lodge zu ziehen. Er fühlte sich einsam und wurde nur schwer mit den tief greifenden Veränderungen in seinem Leben fertig. Natürlich wusste Charlotte, dass sie sich irgendwann mit Christopher von ihm lösen musste, aber wie? Silver Valley war ihre Heimat, und auch Christopher hatte hier seine Wurzeln. Er liebte seine Freunde, seine Schule, die landschaftlich schöne Umgebung und die Geborgenheit bei seinem Großvater. Eine alleinstehende Mutter hatte es schon schwer genug. Sollte sie das Tal verlassen und sich damit neue Schwierigkeiten einhandeln?

Martyn hatte ihr nur wenig Geld hinterlassen. Sie hatten auf High Grove wie die Fürsten gelebt und keine finanziellen Sorgen gehabt. Gordon Prescott hatte alles für sie bezahlt, kannte seinen Sohn aber gut genug, um ihm kaum Bargeld in die Hand zu geben. Seine Witwe, so war man im Familienrat übereingekommen, verdiente keine höhere Zuwendung.

„Grandpa hat immer seinen eigenen Zeitplan“, betonte Christopher und schüttelte die blonden Locken. Charlottes Haar hatte die gleiche Farbe und, anders als ihr Sohn, der blaue Augen besaß, grüne. Martyns waren graublau gewesen.

„Wie hübsch du in dem Kleid aussiehst, Mum.“ Christopher war ungeheuer stolz auf seine schöne Mutter. „Sei heute bitte nicht traurig. Wäre ich doch bloß schon siebzehn Jahre alt und nicht erst sieben. Dann könnte ich für dich sorgen.“

„Als mein Ritter in schimmernder Rüstung.“ Charlotte umarmte ihn, ergriff seine ausgestreckte Hand und schwenkte sie hin und her. „Vorwärts, christliche Soldaten!“

Christopher sah sie fragend an.

„So lautet der Anfang eines englischen Chorals“, erklärte Charlotte. Kirchenlieder gehörten offenbar nicht zum Lehrstoff ihres Vaters. Er war selbst kein großer Sänger und nach der Tragödie noch mehr verstummt. „Es bedeutet, dass man nach vorn sehen und im Leben kämpfen soll.“

Christopher genoss bei seinem Großvater so etwas wie Privatunterricht. Obwohl sein Enkel die beste Schule von Silver Valley besuchte, bemühte Vivian sich, die Bildung des Kleinen ständig zu erweitern, indem er ihm historische Fakten, Geographie und Allgemeinwissen nahebrachte. Christopher kannte sich mit dem Computer gut aus, aber Vivian bestand darauf, die Lösungen in den Büchern seiner reichhaltigen Bibliothek zu suchen. Das tat Christopher, und er mogelte niemals. Er war wirklich ein begabter kleiner Junge.

Von der Lodge zum Gutshaus war es nur ein kurzer Weg, und die Party war bereits in vollem Gang, als sie ankamen. Riverbend ist in alter Pracht wiedererstanden, dachte Charlotte beim Anblick des ihr so vertrauten Gebäudes. Leichte Wehmut überfiel sie, und sie wusste, dass ihr Vater genauso fühlte, obwohl er äußerlich den alten Gutsherrn herauskehrte.

Das Haus war nach dem Auszug der Marsdons gründlich renoviert und einem Wirtschafterehepaar anvertraut worden. Mehrere Gärtner bemühten sich, den Parkanlagen ihren alten Glanz zurückzugeben, und ab und zu tauchte eine junge Frau aus Sydney auf, um alles zu überprüfen. Charlotte war ihr zufällig einmal begegnet …

Die junge Frau hatte ihren Mercedes abseits der kiesbestreuten Auffahrt abgestellt, um einen besseren Blick auf die Lodge zu haben, die fast überall durch eine Baumgruppe verdeckt wurde. Charlotte beschnitt gerade die kostbaren tiefroten „Ecstasy“-Rosen, als die ungebetene Besucherin auf hohen Pumps angestöckelt kam. Sie hatte braunes Haar und dunkle Augen und trug ein sündhaft teures schwarzes Kostüm und eine weiße Rüschenbluse.

„Oh … guten Tag!“, rief sie von Weitem. Sie hatte eine laute, klare Stimme. „Hoffentlich habe ich Sie nicht erschreckt.“

Irgendwie schon, dachte Charlotte. „Nur ein bisschen“, antwortete sie. Der Befehlston der Fremden signalisierte Charlotte, dass sie für diese nur eine Angestellte war. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“

Die Frau maß Charlotte kritisch von oben bis unten, ehe sie näher kam und mit ihren spitzen Absätzen den Rasen ruinierte. Sie sank dabei so tief ein, dass sie erneut stehen bleiben musste.

„Behilflich? Das glaube ich kaum. Ich bin Diane Rodgers.“

„Guten Tag, Miss Rodgers.“

Die junge Frau blieb kühl. „Der neue Besitzer von Riverbend hat mich beauftragt, den Fortgang der Arbeiten zu kontrollieren. Da wollte ich auch einen kurzen Blick auf die Lodge werfen.“

„Sind Sie Grundstücksmaklerin?“, fragte Charlotte. Sie hielt das zwar für ausgeschlossen, aber der hochmütige Ton dieser Person forderte sie dazu heraus.

„O nein.“ Diane war offensichtlich schockiert über Charlottes Anmaßung.

„Es war nur eine Annahme, Miss Rodgers. Die Lodge ist Privatbesitz, aber das wissen Sie natürlich.“

„Sie haben doch nichts dagegen, dass ich mich hier ein bisschen umsehe?“ Ihr Sarkasmus war nicht zu überhören. „Ich komme ja nicht als Inspektorin.“

„Das wäre wirklich völlig unangebracht“, erwiderte Charlotte.

Diane zog die dunklen Augenbrauen hoch. „Inwiefern?“

„Ich möchte nicht deutlicher werden, aber Sie befinden sich auf privatem Grund“, wiederholte Charlotte. Hätte Diane einen umgänglicheren Ton gewählt, wäre vielleicht alles etwas anders verlaufen. Doch ihr lag wohl daran, ihre Überlegenheit zu zeigen.

„Kommen Sie von Ihrem hohen Ross herunter“, meinte sie und lachte verächtlich. „Der Abschied vom Herrenhaus muss wohl sehr bitter für Sie gewesen sein. Sie sind doch die Tochter des ehemaligen Besitzers?“ Das war eine Feststellung, keine Frage.

„Wie kommen Sie darauf?“ Charlotte fuhr in ihrer Arbeit fort.

„Ich habe von Ihnen gehört, Mrs Prescott.“ Diane betonte die Worte so, als wüsste sie genau über Charlotte Bescheid. „Sie sind wirklich so hübsch, wie man mir gesagt hat.“

„Schönheit ist nicht alles, Miss Rodgers. Es gibt wichtigere Dinge, aber wer hat Ihnen von mir erzählt?“

Diane schnitt ein Gesicht. „Ich werde meine Quelle doch nicht verraten. Sie wissen ja selbst, wie schnell die Leute reden. Offenbar schlägt das Schicksal auch bei den Reichen und Schönen zu. Wie man hört, haben Sie schon als Kind Ihren Bruder verloren … und vor Kurzem noch den Ehemann. Beides muss Sie schwer getroffen haben.“

Charlotte hatte das Gefühl, als drehte sich ihr der Magen um. Von wem hatte diese unsensible Person ihre Kenntnisse? Hatte sie sich im Ort umgehört oder Nicole, Martyns jüngere Schwester, ausgefragt? Ihre Schwägerin hatte sie schon immer gehasst. Falls sie Dianes Informantin war, hatte sie bestimmt ihr Gift verspritzt.

„Darauf können Sie sich selbst die Antwort geben“, erklärte sie nach einer Pause. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe zu tun. Das Essen muss vorbereitet werden.“

„Für Ihren Vater und Ihren Sohn, nicht wahr?“

Warum verhielt sich Diane so aggressiv? Sie zeigte keine Spur von Mitleid, und das machte Charlotte wütend. „Also dann“, sagte sie und legte die Gartenschere in den weißen Bastkorb, der neben ihr stand. „Bitte denken Sie in Zukunft daran, dass Fremde hier nicht erwünscht sind.“

Diane gab sich amüsiert, aber sie konnte ihren Unwillen nicht ganz verbergen. Wer war diese Charlotte Prescott, um sie so von oben herab zu behandeln? Wie es hieß, war sie längst von ihrem Postament gestürzt.

„Wie Sie wünschen“, sagte sie kurz angebunden und machte auf dem Absatz kehrt. Zu schnell, wie sich herausstellte, denn sie verlor das Gleichgewicht und musste mit den Armen rudern, um nicht hinzufallen.

2. KAPITEL

Die eingeladenen Damen hatten sich mächtig herausgeputzt. Duftige pastellfarbene Kleider und breite Hüte beherrschten das Bild. Man hatte gelernt, sich vor der glühenden Sonne Australiens zu schützen. Charlotte erinnerte sich noch gut, wie sorgfältig ihre Mutter bei sich und ihrer Tochter darauf geachtet hatte. Das war lange her. Heute hörte Charlotte kaum noch von ihr. Sie meldete sich selten und sprach nie über alte Zeiten.

Charlottes Eltern hatten sich zwei Jahre nach der Tragödie scheiden lassen. Wenig später hatte Barbara Marsdon einen Mann namens Kurt Reiner geheiratet und lebte seitdem in Toorak, einem Nobelvorort von Melbourne. Die Hoffnung, dass sie in ihrem hübschen Enkel Trost finden würde, hatte sich zu Charlottes bitterer Enttäuschung nicht erfüllt. Für ihre Mutter hatte es nur einen Jungen gegeben: ihren Sohn Matthew, Stolz und Freude ihres Lebens.

„Darf ich mit Peter spielen, Mummy?“ Auch diesmal wurde Charlotte durch Christopher von ihren trüben Gedanken abgelenkt. Peter Stafford war seit der Vorschule sein bester Freund. Er stand auch jetzt neben ihm und grinste übers ganze Gesicht.

„Ich wüsste nicht, was dagegen spricht.“ Charlotte lächelte ebenfalls. „Guten Tag, Peter. Du siehst sehr chic aus.“ Sie deutete auf sein bunt kariertes Hemd.

„Wirklich?“ Peter wurde knallrot vor Freude. Christopher hatte ihm verraten, dass er eine lange Hose tragen würde, und deshalb hatte Peter nicht geruht, bis seine Mutter ihm auch eine gekauft hatte. Er kam sich sehr erwachsen darin vor.

Christopher stieß ihn mit dem Ellbogen in die Seite. „Du weißt, dass Mum nur nett sein will, nicht wahr?“

„Im Gegenteil“, beteuerte Charlotte, „ich meine es ehrlich.“ Sie sah sich flüchtig um. „Sind deine Eltern auch hier?“

Peter nickte. „Zusammen mit Angie.“ Angela war seine ältere Schwester. „Wir mussten Stunden warten, bis sie fertig angezogen war. Sie hat ständig die Kleider gewechselt, aber das erste gefiel mir am besten. Dann ging es mit dem Haar los … Mum war zum Schluss richtig wütend.“

„Inzwischen hat sie sich bestimmt wieder beruhigt.“ Charlotte kannte Angela Stafford. Sie war so schwierig, wie Peter umgänglich war. „Wir sind hier, um uns zu amüsieren, und es ist so schönes Wetter.“ Sie strich Christopher über den Kopf. „Du meldest dich doch ab und zu bei mir?“

„Natürlich.“ Christopher sah sie forschend an, fast wie ein Erwachsener. „Wenn du willst, können Pete und ich auch bei dir bleiben.“

„Sei nicht albern“, protestierte Charlotte. Wie ritterlich ihr kleiner Sohn sich verhielt! „Verschwindet endlich, ihr beiden.“

Die Jungen machten sich auf den Weg. Nach wenigen Schritten drehte sich Peter um und sagte: „Es tut mir sehr leid, dass Riverbend nicht mehr der Familie gehört, Mrs Prescott … für Sie und Mr Marsdon. Sonst hätte Chris es geerbt.“

Peters bekümmerte Miene rührte Charlotte fast zu Tränen. „Du weißt doch, wie es im Leben geht, Pete“, tröstete sie ihn. „Auch das Glück ist vergänglich. Es war nett von dir, dich daran zu erinnern. Du bist ein guter Junge. Deine Familie kann stolz auf dich sein.“

„So wie meine auf mich!“, krähte Christopher und strich sich das blonde Haar aus der Stirn, eine für ihn typische Geste.

Sie wandte sich bewegt ab und sah, dass ihr Vater sich gerade mit dem vierschrötigen Bürgermeister unterhielt, der wahrscheinlich nur zuhörte, weil der Name Marsdon immer noch etwas darstellte.

Die Trennung und anschließende Scheidung von Charlottes Eltern hatte Silver Valley in zwei Lager geteilt. Die schöne, stilvolle Barbara Marsdon war Vorsitzende mehrerer Wohltätigkeitsvereine gewesen und hatte Riverbend zum gesellschaftlichen Zentrum gemacht. Man verehrte sie allgemein – viel mehr als ihren Ehemann, der in seiner blinden Selbstüberschätzung nichts davon merkte.

Die Tragödie hatte Barbara wie ein vernichtender Schlag getroffen. Vivian hatte zwar auch getrauert, war aber nicht daran zerbrochen.

Und Charlotte? Sie war in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass ihre Mutter sie liebte, obwohl Matthew, der Erstgeborene, immer ihr bevorzugter Liebling blieb. Barbara gehörte zu den Müttern, für die ein Sohn alles bedeutete. Das hatte Charlotte nicht gestört, zumal sie selbst schwärmerisch zu dem älteren Bruder aufsah. Er war ein ungewöhnlich harmonischer Junge gewesen. Ein Kind des Lichts. Und er hatte einen sehr guten Freund gehabt: Rohan, den Sohn von Mary Rose Costello, einer alleinstehenden Mutter.

Mary Rose, früh verwaist, war von ihrer Großmutter erzogen worden, einer strengen, bescheidenen Frau. Sie hatte ihre auffallend hübsche Enkelin auf die angesehene Klosterschule geschickt, wo das rothaarige Mädchen mit der hellen Haut wohlgelitten war, weil sie sich nicht „herumtrieb“. Doch Mary Rose zerstörte ihren guten Ruf, indem sie schwanger wurde – noch dazu, ohne verheiratet oder zumindest verlobt zu sein. Und es kam noch schlimmer. Obwohl in der kleinen Gemeinde nur selten etwas verborgen blieb, ließ sich kein Hinweis auf Rohans Vater finden. Dabei hatte man sich, weiß Gott, bemüht, etwas herauszubekommen!

Mary Rose vertraute sich niemandem an, nicht einmal ihrer schockierten und zutiefst enttäuschten Großmutter. Sie erwähnte keinen Namen, aber man war allgemein der Ansicht, dass Rohan einen selten gut aussehenden Mann zum Vater hatte. Und einen überdurchschnittlich intelligenten, denn Rohan entwickelte sich nicht nur zum hübschesten, sondern auch zum klügsten Jungen von Silver Valley.

Mary Roses Großmutter war menschlich genug gewesen, das Cottage mit dem kleinen Garten ihrer Enkelin zu hinterlassen. Den Lebensunterhalt verdiente sich Mary Rose, indem sie bei den Prescotts und Marsdons im Haushalt half. Sie versuchte sich auch als Schneiderin und entwickelte dabei großes Talent. Charlottes Mutter ermutigte sie, auf Bestellung zu arbeiten, und empfahl sie ihren Freundinnen und Frauen in der weiteren Umgebung. Sie nahm sich auch sonst der Costellos an und garantierte so ihr Überleben.

Bis es zu der Tragödie kam.

Die Besucher drängten sich auf dem saftig grünen Rasen vor dem Gutshaus. Wer die Sonne fürchtete, konnte sich in den Schatten der Magnolienbäume flüchten, die im üppigen Schmuck ihrer tellergroßen wachsbleichen Blüten prangten. Einige Kinder spielten zwischen den Buchsbaumhecken Verstecken, andere balgten sich auf der großen ...

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