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Sehnsuht nach Riga

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Erster Teil
  5. Erstes Kapitel
  6. Zweites Kapitel
  7. Drittes Kapitel
  8. Viertes Kapitel
  9. Fünftes Kapitel
  10. Sechstes Kapitel
  11. Siebtes Kapitel
  1. Zweiter Teil
  2. Achtes Kapitel
  3. Neuntes Kapitel
  4. Zehntes Kapitel
  5. Elftes Kapitel
  6. Zwölftes Kapitel
  7. Dreizehntes Kapitel
  8. Vierzehntes Kapitel
  9. Fünfzehntes Kapitel
  10. Sechzehntes Kapitel
  11. Siebzehntes Kapitel
  12. Achtzehntes Kapitel
  13. Neunzehntes Kapitel
  14. Zwanzigstes Kapitel
  15. Einundzwanzigstes Kapitel
  16. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  17. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  18. Vierundzwanzigstes Kapitel
  19. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  20. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  21. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  22. Achtundzwanzigstes Kapitel
  23. Neunundzwanzigstes Kapitel
  24. Dreißigstes Kapitel
  25. Einunddreißigstes Kapitel
  26. Zweiunddreißigstes Kapitel
  27. Dreiunddreißigstes Kapitel
  28. Vierunddreißigstes Kapitel
  29. Fünfunddreißigstes Kapitel
  30. Sechsunddreißigstes Kapitel
  31. Siebenunddreißigstes Kapitel
  32. Achtunddreißigstes Kapitel
  1. Über die Autorin

Erstes Kapitel

Gut Zehlendorf (Lettland), 1894

Die Maulschelle klatschte der schmächtigen Marenka so heftig ins Gesicht, dass sie gegen den Kamin taumelte, zu Boden stürzte, aufschrie und sich sogleich die Hand gegen die geschlagene Stelle drückte.

»Du wagst es zu schreien?« Freiherrin Cäcilie von Zehlendorf kniff die Augen zusammen, die wie zwei schmale dunkle Schlitze aus ihrem kalkweißen Gesicht schauten. Ihre Unterlippe zitterte, der Busen bebte. Die geballten Fäuste presste sie fest an ihre Schenkel. Immer wieder rang die Freiherrin nach Luft, und die Haushälterin Ilme stand bereit, ihre Herrin sofort aufzufangen, falls sie ohnmächtig werden sollte.

Das geschlagene Kindermädchen wimmerte auf, duckte sich und legte die Arme schützend über den Kopf. Gleichzeitig versuchte sie, den Knopfstiefeletten der Freiherrin auszuweichen, die wutentbrannt nach ihr trat.

»Nicht!«, jammerte Marenka. »Bitte nicht.«

Ein Tritt traf die Brust der jungen Frau, der nächste landete zwischen ihren Rippen.

»Nicht, bitte nicht«, flehte Marenka weiter, doch schon wurde sie wieder getroffen, diesmal an der Schulter. Das Kindermädchen heulte auf. »Ich kann doch nichts dafür!«

Das Gesicht der Gutsherrin war weiß, der Mund zur Grimasse verzerrt. »Und ob du etwas dafür kannst, du Trampel. Deine Aufgabe ist es, auf die Kinder aufzupassen. Und was hast du gemacht?«

Ihre Stiefelspitze zielte jetzt auf Marenkas Bauch.

Die Haushälterin rang die Hände. Noch nie hatte sie ihre Herrin so außer sich erlebt. In ihrer Verzweiflung ging sie dazwischen, packte die Freifrau bei den Handgelenken und sagte beruhigend: »Pscht, pscht. Davon wird’s nicht besser.«

Sie führte Cäcilie von Zehlendorf zu einem Sessel, legte ihr eine Decke über die Beine und goss ihr einen Sherry ein. Dann nahm sie ein kleines braunes Fläschchen, das hinter den Flaschen der Bar verborgen war und die Aufschrift »Laudanum« trug. Zehn Tropfen davon ließ sie in das Sherryglas fallen. Dann wandte sie sich an die Kinderfrau, die noch immer auf dem Boden vor dem Kamin lag und leise schluchzte. »Ruf den Arzt, schnell.«

»Den Arzt?«, fragte Marenka. »Wieso denn? Den brauchen wir doch nicht mehr. Soll ich nicht lieber nach dem Bestatter schicken?«

Ilme sah das Kindermädchen drohend an und legte einen Zeigefinger auf ihre Lippen. Mit dem Kinn deutete sie auf die Freifrau, die halb von Sinnen in ihrem Sessel hing. »Mach schon. Tu, was ich dir sage!«

Die Geschlagene rappelte sich auf und stürzte aus dem Salon.

Ilme, eine dicke Frau in mittlerem Alter, die stets ein weißes Kopftuch und eine weiße Schürze über ihrem blauen Kleid trug, tätschelte der Freifrau die Hand. »Nu trinken Se mal.«

Cäcilie von Zehlendorf leerte das Glas, dann schlug sie die Hände vor das Gesicht und begann heftig zu weinen. »Mein Gott, was für eine Tragödie. Was für eine furchtbare Situation! Was sollen wir nur tun?«

»Nu, nu«, murmelte Ilme und zwinkerte die Tränen weg, die in ihr hochgestiegen waren. Sie hatte das Gefühl, als ob ein schwarzer, dunkler Stein sich auch auf ihre Brust gelegt hätte. Nur mit Mühe konnte sie einen langen verzweifelten Seufzer zurückhalten. »Dr. Matthus wird kommen«, sagte sie.

»Wo ist sie?« Die Freifrau zog ein Spitzentaschentuch aus ihrem Ärmel und sah Ilme mit einem so verzweifelten Blick an, dass die Haushälterin wegschauen musste.

»Nu, ich glaub, sie ist im Kinderzimmer. Mit dem jungen Herrn.«

»Wie bitte? Mit Ruppert?« Die Freifrau sprang auf. »Wie kann man diesen Teufel mit Ruppert allein lassen?«

Sie eilte aus dem Salon und hetzte die Treppe hinauf zum Kinderzimmer. Ilme folgte ihr.

Im Kinderzimmer saßen ein kleines Mädchen im weißen Musselinkleid und ein etwas größerer Junge auf dem Boden und malten. Als ihre Mutter die Tür aufriss, fuhren sie zusammen, das offene Fenster schlug mit einem Knall gegen den Rahmen.

»Ruppert!«, rief Cäcilie von Zehlendorf und breitete die Arme aus. »Ist dir etwas passiert? Hat sie dir auch etwas angetan?«

Der sechsjährige Junge schüttelte stumm den Kopf. Seine Miene zeigte keinerlei Regung. Nur Ilme sah, wie er ein Blatt, das er augenscheinlich gerade bemalt hatte, in der Faust zerknitterte und hinter seinem Rücken verbarg.

Das kleine Mädchen rappelte sich vom Boden hoch und stürzte der Mutter entgegen. Auf seinem Gesichtchen waren Tränenspuren zu erkennen. Das hellbraune zerzauste Haar ringelte sich bis auf seine Schultern, und einer seiner kleinen Schuhe lag achtlos auf dem Boden. Es wollte sich seiner Mutter in die Arme werfen, doch die wandte sich ab.

»Geh weg«, zischte sie voller Abscheu. »Geh weg von mir. Du bist nicht mehr meine Tochter, du bist ein Teufel!«

Zweites Kapitel

Gut Zehlendorf (Lettland), 1894

Als der Freiherr Wolfgang von Zehlendorf sich in seine Kutsche begab, versank die Sonne hinter den Dächern von Mitau. Er legte sich eine Reisedecke über die Beine und seufzte. Von der Versammlung der lettländischen Ritterschaft hatte er sich einiges erhofft, doch seine Erwartungen waren enttäuscht worden. Der Freiherr seufzte noch einmal und dachte an seinen Sohn. Ruppert war mittlerweile sechs Jahre alt, und Wolfgang von Zehlendorf hielt es für geboten, ihn in eine Schule zu schicken. In den Schulen von Mitau aber gab es seit einiger Zeit nur Unterricht in russischer Sprache. Dazu kam, dass seit dieser Neuerung die Schulen von Russen bevölkert wurden, von ungezähmten kleinen Jungen ohne Manieren und Wertgefühl. Und die deutsche Ritterschaft hatte es nicht vermocht, vom Zaren die Genehmigung für eine einzige deutsche Schule zu erhalten. Also blieb nur der Privatunterricht. Wolfgang schauderte, wenn er daran auch nur dachte. Grässliche Gouvernanten in langweiligen dunklen Kleidern und mit spitzen Gesichtern würden zu Mittag bei Tisch sitzen. Schweizer Bonnen, die nach Kampfer und Hustenbonbons rochen, würden mit ihrem komischen Dialekt das Haus füllen, und sein Sohn würde nie aus diesem von Frauen dominierten Haushalt herausfinden.

Wenn Wolfgang von Zehlendorf ehrlich zu sich war – und das war er meist, wenn er allein in seiner Kutsche durch die baltische Landschaft fuhr –, so musste er zugeben, dass Ruppert nicht so geraten war, wie er sich das für seinen Erben erhofft hatte.

Wolfgang von Zehlendorf sah aus dem Fenster und erblickte eine Gruppe junger Birken. Dahinter erstreckte sich fruchtbarer Boden, über dem der Abendnebel hing. Knapp zwanzig Werst lag Gut Zehlendorf von Mitau entfernt. Mit der Kutsche brauchte er, je nach Witterung, gut zwei Stunden von der Stadt bis nach Hause. Zeit genug, um eine Entscheidung über die Zukunft des Jungen zu treffen.

Er muss aus dem Haus, entschied der Freiherr. Es geht nicht an, dass die Frauen ihn noch mehr verwöhnen. Er muss mit Gleichaltrigen zusammen sein. Gut möglich, dass er es schwer haben wird in den ersten Monaten. Möglich sogar, dass seine Mitschüler ihn so manches Mal verprügeln. Aber, Herr im Himmel, es ist das Beste für den Jungen.

Wolfgang von Zehlendorf hatte Rupperts Entwicklung im letzten Jahr mit Sorge betrachtet. Einmal war er dazugekommen, als der Junge ein neugeborenes Kätzchen quälte, indem er versuchte, dessen Schwanz anzuzünden. Ein anderes Mal hatte Ruppert mit der Peitsche auf einen Stalljungen eingeschlagen, weil dieser sich geweigert hatte, dem Sechsjährigen ein Pferd zum Ausritt zu satteln. Hinter dem Rücken seiner Kinderfrau schnitt er Fratzen, doch kaum kamen seine Mutter oder sein Vater hinzu, wurde aus Ruppert der liebste Junge der Welt.

Es tat weh, aber Wolfgang von Zehlendorf musste sich eingestehen, dass der Junge einen Hang zur Hinterhältigkeit und Niederträchtigkeit hatte. Die Ursache hierfür lag natürlich darin, dass seine Gattin Ruppert unmäßig verwöhnte. Zudem wurde sie nicht müde, dem Jungen zu erklären, welch unendlich großen Besitz und welche Reichtümer er einmal erben würde und welche Macht sein Wort den Dienstboten gegenüber heute schon hatte.

Wolfgang würde es nicht wagen, seiner Frau zu erklären, welche Fehler sie im Umgang mit dem Jungen beging, oder ihr gar Vorschriften zu machen. Die Kindererziehung war Sache der Frauen, trotzdem machte er sich Sorgen. Außerdem scheute er die Auseinandersetzungen mit Cäcilie von ganzem Herzen, denn sie wusste stets sehr genau, was gut und richtig war, wer etwas zu tun oder zu lassen hatte. Manchmal schien es dem Freiherrn geradezu, als ob in der Brust seiner Gattin statt eines Herzens ein Verhaltens- und Regelbüchlein für alle Lebenslagen schlug. Ihr gegenüber kam sich Wolfgang oft ein wenig beschränkt vor, ein Mann vom Lande, nur wenig besser als ein Bauer.

Der Freiherr wusste, dass es ihm an städtischem Schick mangelte, den Cäcilie im Gegensatz zu ihm in ihrer Jugend in Riga wie Nektar eingesogen haben musste. Stets beherrscht, lächelte sie über seine Ungeschicklichkeit mit der Austernzange hinweg und legte ihm bei Tisch eine Hand auf den Unterarm, wenn er die Gäste mit seinen Theorien zur besseren Bestellung der Landwirtschaft langweilte. Sie war es gewesen, die nach ihrer Heirat vor sieben Jahren wertvolles Porzellan angeschafft hatte, die Kristallgläser aus Italien und Champagner und Foie gras aus Frankreich kommen ließ. Und sie war es auch gewesen, die ihm eine Zigarettenspitze aufgenötigt und einen Humidor für seine Zigarren angeschafft hatte. Seit sie dem Haushalt vorstand, gab es die merkwürdigsten Gerichte mit den seltsamsten Zutaten und mit unaussprechlichen französischen Namen. Fingerschälchen, Messerbänkchen und Damastservietten kannte Wolfgang selbstverständlich aus seiner Kindheit, aber Schneckenzangen und silberne Olivenstäbchen hatte es zuvor auf Gut Zehlendorf nicht gegeben.

Alles in allem bewunderte Wolfgang seine Gattin für ihren gesellschaftlichen Schliff und ihre untrügliche Sicherheit in allen Dingen des Lebens. Nur manchmal kam ihm der Gedanke, dass auch Cäcilie nicht mit jedem Problem so leicht fertig wurde, wie es den Anschein hatte. Insbesondere dann, wenn die kleine Marie-Luise ihrer Mutter Fragen stellte, die mit »Warum« oder »Woher« begannen. Woher weiß die Sonne, dass es Morgen ist und sie aufgehen muss? Warum muss ich abends und morgens die Zähne putzen, auch wenn ich in der Nacht gar nichts esse?

Cäcilie betrachtete ihre Tochter dann mit einem Blick, als würde sie das kleine Mädchen überhaupt nicht kennen und auch nicht wissen, wie das Kind vor ihre Füße gekommen war. Sie zog die Augenbrauen nach oben und antwortete mit ungewöhnlicher Schärfe: »Weil das nun einmal so ist und auch du es nicht ändern wirst.«

Marie-Luise. Immer wenn Wolfgang von Zehlendorf an seine kleine vierjährige Tochter dachte, umspielte ein Lächeln seine Lippen. Ihr Haar war so fest und dick, als würde man in einen Handfeger fassen, während Rupperts Haar eher fein und seidig an seinem Kopf lag und nur mit Mühe die Ohren verdeckte. Malu hatte weiße ebenmäßige Zähnchen, die sie beim Lachen zu gern zeigte, während Ruppert die langen Zähne – ein Erbe der Familie seiner Mutter – meist hinter der vorgehaltenen Hand versteckte. Malus Augen wirkten mal grau, mal grün und mal braun, doch stets waren sie groß, rund und wissbegierig, während Rupperts blaue Augen eng beieinanderstanden und seine Blicke flink wie Frettchen hin und her huschten.

Malu, das Sonnenkind. Malu, die so viel von ihm hatte. Sie war mehr Land- als Adelskind und mit ihrer unbekümmerten Fröhlichkeit schon jetzt eine Herzensdiebin. Vielleicht, dachte Wolfgang, hatte er Malu stärker ins Herz geschlossen, weil Cäcilie immer etwas an dem Kind auszusetzen hatte. Stets war ein Fleck auf Malus Kleid oder ein Halm im Haar, und oft verlor sie ihre Schuhe, weil sie lieber das Gras unter ihren kleinen Fußsohlen spüren wollte, als eingezwängt in den engen Schuhen zu laufen. Malu liebte Tiere, näherte sich ohne Furcht oder Abscheu den Rindern und Schweinen, jagte die Hühner über den Hof oder trieb die Gänse mit ausgebreiteten Armen vor sich her. Bei Tisch zappelte sie herum und sprach schon mal mit vollem Mund, weil sie zu aufgeregt war, um erst hinunterzuschlucken. Sie biss herzhaft in einen Pfirsich, statt ihn sich von der Kinderfrau mit Messer und Gabel in Stücke schneiden zu lassen. Sie trank Wasser aus dem nahen Bach, aß Beeren ungewaschen direkt vom Strauch und schlief jede Nacht so tief und fest wie ein Bärenjunges.

»Malu.« Wolfgang flüsterte den Namen der Kleinen zärtlich vor sich hin. Mit ihr würde er keine Sorgen haben. Sie würde ihren Weg gehen. Schon jetzt galt ihre ganze Liebe den einfachen Dingen. Sie würde einen Gutsherrn heiraten und mit Freude ihr Haus führen. Sie würde Anteil nehmen am Gedeih und Verderb der Güter, würde zupacken, wenn es darauf ankam, und stets das tun, was gerade nötig war.

Die Kutsche durchquerte das große schmiedeeiserne Tor mit dem Wappen derer von Zehlendorf. Knirschend rollte sie über die kiesbestreute Auffahrt, umrundete das Rondell vor der Freitreppe und kam schließlich mit einem Ruck zum Stehen.

Wolfgang von Zehlendorf warf die Decke von sich, als der Kutscher den Schlag aufriss, und stieg aus.

Er blickte an der Fassade des Hauses empor. »Was ist hier los?«, fragte er. »Es sind beinahe alle Zimmer erleuchtet. Gibt meine Gemahlin heute Abend eine Gesellschaft?«

Der Kutscher schüttelte den Kopf. »Ich weiß von nix, jnädiger Herr. Is’ auch nich meine Sache. Soll ich in der Küche fragen?«

»Nein, geh ruhig nach Hause, warst lange genug auf den Beinen.«

Der Kutscher riss sich die Mütze vom Kopf. »Danke, Herr. Ein’ schön’ Abend auch.«

Wolfgang nickte. Dann stieg er langsam die Freitreppe hinauf und unterdrückte dabei ein schlechtes Gewissen, denn Cäcilie hasste es, wenn er zu spät kam und die Gäste warten ließ.

Im Vestibül war jedoch alles ruhig. In der Garderobennische hingen keine fremden Mäntel, und in der Silberschale auf der kleinen Nussbaumanrichte lagen keine Visitenkarten. Nur die Blumen in einer Vase verloren mit einem zarten Geräusch die ersten Blütenblätter. Und doch brannten alle Petroleumlampen. Sogar der schwere Deckenlüster war mit frischen Kerzen bestückt und malte Schatten an die Wände. Aus der Küche, deren Tür offen stand, drang nicht das kleinste Geräusch. Im Herd glomm ein Feuerrest, die kupfernen Töpfe, Kessel und Pfannen hingen blank geputzt an ihrem Gestell, der schwarz-weiß geflieste Boden war sauber gewischt, der Holztisch mit Sand gescheuert.

Wolfgang beruhigte sich ein wenig. Lag die Küche verlassen, dann gab es keine Gesellschaft, und er hatte folglich nichts verpasst.

Überhaupt herrschte im Haus eine so ungewohnte Stille, dass Wolfgang von Zehlendorf nun doch eine dunkle Ahnung überfiel. Meist waren die Kinder zu hören, die irgendwo im Haus spielten, oder die Dienstmägde, welche die letzten Arbeiten des Tages verrichteten. Heute aber hörte Wolfgang keinen Laut. Das Haus lag still. Totenstill. Ob etwas passiert war? Er spürte sein Herz rascher schlagen. War jemand erkrankt? Hatte es einen Unfall gegeben?

Er öffnete die Tür zum Salon und fand seine Frau auf einer der beiden dunkelroten Récamieren. Sie hatte die Füße angezogen und hielt sich eines der Kissen vor den Bauch. Auf einem kleinen Tisch neben ihr stand das Fläschchen Laudanum.

Cäcilie war sehr blass, beinahe schon durchsichtig. Schon immer hatte ihr Anblick Wolfgang den Atem geraubt. Selbst nach über sieben Jahre Ehe konnte er es nicht fassen, dass ausgerechnet diese schöne Frau sich in ihn verliebt hatte. Sie trug ihr volles braunes Haar zu einem kunstvollen Knoten aufgesteckt, das schmale Gesicht mit den griechischen Zügen war nun von Dunkelheit überschattet. Unter der edlen Nase zitterte der volle Mund ein wenig, als ob Cäcilie nur mühsam einen Schrei unterdrücken konnte. Ihre schiefergrauen Augen glänzten, und die Lider waren geschwollen.

Wolfgang eilte auf seine Frau zu, kniete sich vor ihr auf den Boden und griff nach ihrer Hand. »Zilchen, was ist?«, fragte er. Sanft strich er über ihren Arm. So schwach und verletzlich hatte er sie noch nie gesehen. Ihr Anblick schmerzte ihn. »Was, in aller Welt, ist geschehen?«

Cäcilie öffnete den Mund, doch die Worte erstarben ihr auf der Zunge. Schließlich schüttelte sie den Kopf und läutete mit einer Glocke nach Ilme.

Die Haushälterin kam, nahm ihrem Herrn den Hut und den Mantel ab. Sie tat dies mit einem Seufzen, ohne wie üblich zu lächeln oder ihn zu begrüßen.

»Jetzt sagt mir endlich, was hier los ist«, verlangte der Freiherr. »Euren Blicken nach zu urteilen, ist jemand gestorben.«

»So ist es auch«, hauchte die Freifrau. »Ilme, erzähle du ihm alles. Ich … ich fühle mich zu schwach dafür.«

Die dicke Haushälterin trat von einem Bein auf das andere. »Nu, wie soll ich anfangen?«

»Am besten mit dem Anfang«, erwiderte Wolfgang von Zehlendorf. »Setz dich hin dabei.«

Ilme ließ sich auf der vordersten Stuhlkante nieder, in den Händen knüllte sie ein Putztuch. Sie senkte den Blick, dann begann sie zu sprechen: »Herr, een Unjlück ist passiert. Die Tante, unsere gnädige Freifrau Camilla, sie ist tot. Aufjebahrt liejt sie, drüben, im kleinen Salon. Die Totenwäscherin wird wohl jleich kommen.«

»Oh, das ist wahrhaft traurig«, erklärte Wolfgang von Zehlendorf. Er erhob sich und goss sich an der kleinen Bar einen Wodka ein. »Du auch?«, fragte er die Haushälterin. Deren Blicke huschten zur gnädigen Frau, die mit geschlossenen Augen auf der Récamiere lag.

»Nu, auf den Schreck.« Ilme streckte die Hand aus.

Als beide getrunken hatten, sagte Wolfgang: »Das ist schade, wirklich jammerschade. Die gute Camilla. Fast neunzig Jahre lebt so ein Mensch, und doch kommt sein Tod unverhofft. Na ja, man hätte es wohl erwarten können.«

»Das … das ist noch nicht alles«, murmelte Ilme.

»Was denn noch?«

Stumm streckte die Haushälterin ihrem Herrn das leere Schnapsglas entgegen. Wolfgang zog die Augenbrauen hoch, dennoch schenkte er ihr nach. »Na, wir woll’n mal nicht übermütig werden, Ilme. Du trinkst doch sonst nichts.«

»Am besten, Sie jießen sich auch noch einen ein, Herr«, murmelte Ilme. »Sie werden’s brauchen können.«

»So, jetzt aber raus mit der Sprache!«

Cäcilie von Zehlendorf schluchzte auf.

»Die Malu, die Kleine, sie war’s«, nuschelte Ilme.

»Was war Malu?«

»Sie … sie hat unsere gnädige Freifrau Camilla umgebracht.«

»Was?« Wolfgang von Zehlendorf brach in Gelächter aus. »Was ist denn das für ein Unsinn? Malu ist vier Jahre alt!«

Cäcilie richtete sich ein wenig auf. »Camilla … Sie wollte ausfahren. Gerade war sie im Begriff, die Kutsche zu besteigen. Das Kind hat mit einem Katapult auf die Pferde geschossen. Die gingen durch, Camilla stürzte, und nun ist sie tot.« Ihre letzten Worte gingen in Schluchzen unter.

Wolfgang von Zehlendorf ließ sich in einen Lehnstuhl fallen. »Was?«, fragte er und schüttelte ungläubig den Kopf. »Wie bitte?«

»Ja! So war es! Du kannst es ruhig glauben, mein Lieber. Deine Tochter ist eine Mörderin. Noch so klein und doch schon so böse. Oh, Herr im Himmel, warum hast du mich einen solchen Satan zur Welt bringen lassen? Warum strafst du mich so? Hättest du sie nicht in meinem Leib sterben lassen können?« Cäcilie fiel zurück auf das Sofa und schluchzte haltlos.

Wolfgang schüttelte noch immer den Kopf. »Warum?«, fragte er. »Wie ist Malu auf den Gedanken gekommen, mit einem Katapult zu schießen?«

»Der Teufel steckt in dem Kind, der hat’s ihr eingegeben.« Cäcilies Stimme war nur noch ein leiser Hauch.

»Unsinn!« Wolfgang von Zehlendorf sprang auf. »Ein Kind ist ein Kind und kein Teufel. Kinder sind niemals von Grund auf böse, und Malu am allerwenigsten.« Seine Stimme klang barsch. Er zeigte mit dem Finger auf Cäcilie. »Ich möchte nicht, dass du so über unsere Tochter redest. Hast du gehört?« Selten hatte er mit seiner Frau in diesem Ton gesprochen.

Er betrachtete sie mit einem unwilligen Blick, dann eilte er aus dem Salon. Mit energischen Schritten stieg er die geschwungene Doppeltreppe hinauf in den ersten Stock, in dem die Schlafzimmer lagen. Vor Malus Zimmer hielt er inne. Sie wird schon schlafen, dachte er. Ich sollte bis morgen warten. Doch dann überlegte er es sich anders und drückte die Klinke herunter.

Das Kindermädchen fuhr mit einem Schrei hoch, als er die Petroleumlampe entzündete.

»Herr, was ist?«, fragte sie verschlafen und sah nach Malu, die wie ein Engel in ihrem Bett lag, den Daumen der rechten Hand im Mund.

»Warst du dabei, als es passiert ist?«, fragte Wolfgang von Zehlendorf barsch. Die Kinderwärterin Marenka, ein Mädchen aus dem Dorf, setzte sich auf und presste die Zudecke fest an die Brust. Ihr langes Haar, das sie gewöhnlich zu einem geflochtenen Kranz um den Kopf trug, fiel ihr lose über die Schultern, ihre Wange war leicht geschwollen. »Ich war in der Küche … habe für den jungen Herrn eine heiße Schokolade geholt.« Sie begann zu weinen. »Hätte ich gewusst, was passieren würde, dann wäre ich geblieben.« Sie schüttelte den Kopf. »Der junge Herr, er hatte den Katapult. Ich wollte ihn wegnehmen, aber der junge Herr sagte, er gibt ihn mir erst, wenn ich ihm eine Schokolade hole.«

»Ruppert hatte das Ding?«

»Ja. Und ich hab ihm noch gesagt, dass er es auf gar keinen Fall der Kleinen geben soll.«

»Was hast du gesehen, als du zurückgekommen bist?«

Marenka wischte sich mit dem Handrücken den Rotz von der Nase. »Mausetot. Den Kopf im Nacken, die Augen starr geradeaus, der Mund eine Handbreit offen – so lag sie auf dem Boden, die gute Freiherrin. Die Kutsche war umgekippt. Ein Pferd hatte sich losgerissen und rannte wie wild über das Gelände, das andere wieherte laut und schleifte die Kutsche hinter sich her.«

»Und die Kinder?«

»Malu hatte den Daumen im Mund und lutschte daran, so wie sie es immer tut, wenn etwas sie ängstigt.«

»Und Ruppert?«

»Ich weiß es nicht mehr, gnädiger Herr.« Marenka heulte auf. »Es ging alles so schnell. Ich weiß es einfach nicht mehr. Er muss wohl neben ihr gestanden haben.«

Wolfgang von Zehlendorf blickte zu seiner Tochter, die im Schlaf ein Brummen von sich gab. Sie ist noch so klein, dachte er. Wie kann ein so kleines Kind mit einem Katapult so fest schießen, dass die Pferde durchgehen? Ein Kind mit geballten Fäustchen, die nicht größer sind als eine Aprikose. Man braucht Kraft dazu, mehr Kraft, als Malu haben kann.

»Was hat Ruppert getan?«, wollte Wolfgang wissen.

»Geschrien hat der junge Herr, dass man glauben konnte, das ganze Haus steht in Flammen. Mit dem Finger hat er auf das kleine Fräulein gezeigt und gebrüllt: »Die war’s! Die da war’s! Die hat den Katapult abgeschossen. Ich hab’s genau gesehen.«

Wieder betrachtete Wolfgang von Zehlendorf seine schlafende Tochter. Er trat zu ihrem Bett und hob die Hand, um ihr eine Haarsträhne aus der Stirn zu streichen. Malus Lider zitterten sanft. Sie spitzte das Mündchen, sog an ihrem Daumen und seufzte friedvoll. Er ließ die Hand sinken. Sein Gesicht wurde düster, verzerrte sich im Schmerz. Ein herzzerreißender Seufzer entrang sich seiner Brust. Dann wandte er sich rasch ab. »Hat Malu etwas gesagt?«

Die Kinderwärterin schüttelte den Kopf. »Nein. Nichts hat sie gesagt. Nur geschaut mit ihren großen Augen, als ob sie gar nicht verstünde, was geschehen war.«

»Wie sollte sie auch?«, empörte sich Wolfgang. »Mein Gott, sie ist noch so klein! Ein kleines unschuldiges Mädchen, das ist sie.«

Die Wärterin duckte sich ein wenig unter den heftigen Worten. »Lieb gehabt hab ich sie immer, Herr. Sogar jetzt noch.«

»Was?« Mit einem einzigen Schritt war Wolfgang am Bett der jungen Frau und gab ihr eine heftige Kopfnuss. »Das musst du auch«, zischte er. »Malu muss man einfach lieb haben. Und wenn du das plötzlich nicht mehr kannst, dann sag es, nimm deine paar Sachen und geh!«

Wieder weinte Marenka heftig. »Aber …«, schluchzte sie. »Aber die gnädige Frau hat …«

»Was hat die gnädige Frau?«

Marenka schniefte und sah ihren Herrn verzweifelt an. »Gesagt hat sie, von nun an soll ich die Kleine warten und nicht mehr.«

»Was heißt das?«

»Ich soll sie waschen, anziehen, füttern, zu Bett bringen. Mehr nicht.« Marenka schlug die Hände vor ihr Gesicht und heulte laut auf. »Schmusen soll ich nicht mit ihr, keine Märchen ihr mehr vorlesen, keine Spaziergänge unternehmen, sie nicht herzen und küssen. Nicht einmal auf den Schoß darf ich sie heben, wenn sie weint. Weil sie des Teufels ist, sagt die gnädige Frau. Am liebsten wäre es der Herrin wohl, wenn wir das Kind einsperren würden.«

»Hat sie das so gesagt?«

Marenka schüttelte den Kopf, legte sich nieder und schluchzte so steinerweichend, dass Wolfgang von Zehlendorf hilflos das Zimmer verließ.

Seine Frau wartete im Salon auf ihn, aber er hatte nicht die Kraft, ihr unter die Augen zu treten. Plötzlich fühlte er sich unsagbar müde und erschöpft. Er ließ sich auf der obersten Treppenstufe nieder, stützte die Ellbogen auf die Knie und den Kopf in die Hände. In seinem Kopf herrschte ein unbeschreibliches Durcheinander, seine Gedanken wimmelten umher wie Ameisen. Malu, die Kleine, der Sonnenschein, sollte getötet haben. Was wog sie wohl gerade? Zwanzig Kilogramm? Nein, das war sicher zu viel. Vor sechs Wochen, an ihrem Geburtstag, hatte er sie gemessen und in den Türrahmen eine Kerbe geschnitten. Exakt einen Meter war sie damals groß gewesen. Vielleicht wog sie nur fünfzehn oder sechzehn Kilogramm. Wie viel Kraft konnte sie schon haben?

Wolfgang schüttelte den Kopf. Nein. Nie und nimmer. Er wollte und konnte nicht glauben, was seine Frau ihm erzählt hatte. Kraftlos wie ein alter Mann richtete er sich auf, fasste nach dem Geländer und schlurfte die Treppen hinab, als drücke eine ungeheuer schwere Last auf seine Schultern.

»Ich glaube es nicht«, erklärte er müde und setzte sich auf einen Sessel gegenüber der Récamiere, auf der noch immer seine Frau ruhte.

»Ja. Ich weiß. Es ist furchtbar. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir einen Teufel aufgezogen haben. Eine wilde, böse Bestie. Eine Kalamität.« Cäcilie von Zehlendorf ließ keinen Zweifel daran, dass Malu für sie die Täterin war.

»Was ist mit Ruppert?«

Wolfgang hatte die Frage leise gestellt. Doch kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da überzog sich das blasse Gesicht seiner Frau mit Dunkelheit. Sie kniff ihre Augen zu Schlitzen zusammen, ihre Nasenflügel bebten.

»Nein!«, zischte sie. »Diese Frage will ich nicht gehört haben. Reicht es nicht, eine Bestie zur Tochter zu haben? Brauche ich noch einen Ehemann, der mir den Sohn schlechtreden will?« Sie warf die Arme nach oben. Die Ärmel ihres Kleides rutschten und gaben den Blick auf ihre zarte Haut frei. »Lieber Gott!«, rief sie verzweifelt. »Warum strafst du mich so? Was habe ich getan? Nicht Ruppert. Nicht auch noch Ruppert.«

Dann warf sie sich in die Kissen und weinte haltlos. Ihre Schultern bebten, der ganze Körper zitterte wie im hohen Fieber. Plötzlich entriss sich ein Schrei ihrer Kehle, der Kopf sank hinab, die Augen fielen zu.

»Cäcilie!« Wolfgang sprang auf und rüttelte seine Frau, die wie ein Sack Wäsche hin und her fiel. »Ilme! Schnell!«

Die Haushälterin schien hinter der Tür gestanden zu haben. Sie holte aus ihrer Kittelschürze ein Riechfläschchen und hielt es Cäcilie von Zehlendorf unter die Nase.

»Das war alles zu viel für sie«, murmelte die ältere Frau. »Mein Jott, was für ein Unjlück!«

Als Cäcilie sich leise regte, sagte Ilme zu ihrem Herrn: »Sie braucht Ruhe. Nichts darf sie aufrejen. Das hat schon der Arzt jesacht. Sie hat doch so eine zarte Jesundheet.«

Wolfgang nickte. Vorsichtig setzte er sich auf den Rand der Récamiere und nahm seine Frau in die Arme. »Alles wird gut, mein Liebling. Alles wird gut.«

Sie sah ihn an, und Wolfgang erschrak über den Schmerz in ihren Augen. In diesen Augenblick begriff er, dass er alles nach ihrem Willen tun musste, um sie nicht zu verlieren. Sie würde sterben. Einfach die Augen schließen und sterben, wenn er ihr noch größeren Schmerz zumutete. Einmal schon hatte er sie so gesehen. Damals, als der Junge zur Welt gekommen war. Beinahe wäre sie an ihm gestorben. Sie hatte so viel Blut verloren. Der Arzt hatte betroffen den Kopf geschüttelt und Wolfgang eine Hand auf die Schulter gelegt. »Es ist Zeit, Abschied von ihr zu nehmen«, hatte er gesagt, und Wolfgang war es, als würde Gott eigenhändig sein Herz zerreißen. Doch dann hatte Ilme der Todkranken den Jungen gezeigt, hatte ihre Hand auf den kleinen Kopf des Säuglings geführt und ihn gleich darauf an Cäcilies Brust gelegt. Und während Wolfgang gefürchtet hatte, der Junge würde mit der Milch auch den letzten Rest Lebenskraft aus Cäcilie heraussaugen, war genau das Gegenteil eingetreten. Der Junge hatte ihr die Kraft zum Weiterleben gegeben. Damals. Und heute? War es jetzt anders?

Sanft strich er mit dem Zeigefinger über ihre Wange. »Es tut mir so leid«, flüsterte er und wusste dabei nicht, ob er Cäcilie, Malu oder sich selbst meinte. »Mein Liebling, es tut mir so unendlich leid.« Tränen stiegen in ihm auf; er hatte nicht die Kraft, sie zurückzuhalten. Er presste seine Frau an sich, ließ die Tränen in ihr Haar rollen, während der Schmerz in seiner Brust ihn in Stücke riss.

»Ruppert?«, flüsterte Cäcilie nach einer Weile mit blasser Stimme. »Was ist mit Ruppert?«

»Nichts ist mit ihm, mein Herz. Gar nichts. Es war so, wie du meinst. Malu hat die Tante getötet. Es war ein Unfall. Und Ruppert konnte nichts dagegen tun.«

Drittes Kapitel

Gut Zehlendorf (Lettland), 1895

Seit dem Tod der Tante vor knapp einem Jahr kränkelte Cäcilie von Zehlendorf. Matt lag sie in einem Liegestuhl unter dem Apfelbaum, das Gesicht so bleich wie der Leinenstoff. Bei der kleinsten Bewegung geriet sie in Atemnot, der Kopf schmerzte beinahe ständig. Auch mit ihrer Verdauung stand es nicht zum Besten. Doch am schlimmsten war ihre Nervosität. Beim kleinsten Geräusch zuckte Cäcilie zusammen. Lärm war ihr ein Gräuel, plötzliche Bewegungen verursachten eine Krisis. Sie litt an einer schweren Chlorosis, auch Bleichsucht genannt.

Dr. Matthus kam beinahe jeden Tag. Er hatte erklärt, dass es Cäcilie an roten Blutkörperchen mangelte. Um dies zu beheben, hatte er zu einer Diät aus Roter Bete und roten Früchten geraten. Außerdem verschrieb er ihr immer wieder Laudanum und viel Ruhe, doch nichts half. Selbst ein Kuraufenthalt an der Küste bei Jūrmala hatte keinen Erfolg gebracht. Selten konnte sich Cäcilie noch zu irgendeiner Tätigkeit aufraffen, selbst das Blättern in der Rigaschen Hausfrauenzeitung war ihr meist zu schwer. Nur für Ruppert nahm sie sich nach der Mittagsruhe stets ein halbes Stündchen Zeit. Dann fragte sie ihn nach den Fortschritten beim Lernen, lachte über seine Abenteuer und streichelte dem Jungen über Rücken und Haar.

Für Malu hatte sie keinen Blick übrig, kein Wort, keine Berührung. Fremden konnte es scheinen, als gehöre das Kind einer der Mägde oder gar Ilme, der Hofmutter, obwohl diese längst zu alt für ein so kleines Mädchen war. Sah die Herrin nicht hin, schaukelte Ilme die Kleine auf dem Schoß. Ruhte Cäcilie von Zehlendorf in ihren Gemächern, wühlte Malu mit der Wäschemagd in Stoffen und Stoffresten und spielte mit den bunten Knöpfen. Bald sprach sie die lettische Sprache ebenso gut wie die deutsche, kannte den Unterschied zwischen einer geraden und einer Zickzack-Naht.

Am liebsten aber war es ihr, wenn sie mit Nina, der Wäschemagd, in der kleinen Nähstube sitzen konnte. Während Nina die schadhafte Wäsche ausbesserte, erzählte sie der Kleinen Geschichten aus der eigenen Kindheit, und Malu schmiegte sich dann eng an sie. Manchmal, wenn Nina ein wenig Zeit hatte, nähte sie gemeinsam mit Malu eine Puppe.

Sie nahm Stroh, knetete es zu einer festen Kugel und zog einen Strumpf darüber. »Schau, das ist der Kopf«, erklärte Nina. »Und jetzt nähen wir Augen dran.« Sie ließ Malu zwei Knöpfe aus der bunten Knopfschachtel aussuchen und nähte sie an den Kopf.

»Und jetzt der Mund!«, verlangte die Kleine. »Sie soll lachen!«

Nina nahm roten Faden und nähte dem Puppenkopf einen Mund an, der wie bei einem Clown lachte. Danach durfte Malu Stoff aus der alten Kiste für ein Puppenkleid aussuchen. Anschließend lachte Nina, drückte die Kleine an sich und gab ihr einen Kuss auf das Haar. »Du hast ein Händchen für Stoffe, kleine Lady. Immer suchst du dir die teuersten aus.«

Malu schüttelte den Kopf. »Ich nehme doch nur die, die sich am besten anfühlen«, erklärte sie. »Und die schön fallen.«

Die Wäschemagd nickte und erwiderte: »Das wird dir im Blut liegen. Auch deine Großtante hatte ein Händchen für Stoffe und Zierrat.«

War Nina zu beschäftigt, um mit Malu zu nähen oder in den Stoffkisten zu wühlen, dann stromerte Malu über das Land. Niemand, außer dem Verwalter und ihrem Vater, kannte das Gut besser als sie, und keiner war fremder darauf als sie.

Wolfgang von Zehlendorf sah manchmal nach ihr, strich über das gelockte Haar und seufzte. Da bekam Malu jedes Mal Angst. Er seufzte, als hätte sie etwas Schlimmes getan, über das er sich nicht trösten könnte. Und die Mutter tat, als gäbe es sie nicht. Malu war zu klein, um zu verstehen, was vorgefallen war, aber sie hatte begriffen, dass sie von einem auf den anderen Tag anders geworden war, nicht mehr zugehörig, allein. Manchmal war da ein Druck auf ihrer Brust, schwer wie ein Stein, den sie nicht loswerden konnte. Dann weinte sie, ohne zu wissen, warum. Aber bald schon tröstete sie sich. Sie lief zu den Milchmädchen in den Stall und sah ihnen beim Melken zu, stippte den Finger in die Teigschüssel eines Küchenmädchens, das gerade Kuchen backte, oder spielte mit dem Staubwedel eines Stubenmädchens.

Eines Tages starb der alte Pfarrer, und wenige Wochen später zog ein neuer in das Pfarrhaus ein und brachte seine Familie mit. Pastor Mohrmann war ein stiller, ernster Mann, der es sehr mit der Gerechtigkeit hielt. Seine Frau aber, eine Lettin, sprühte vor Lebensfreude und Lebenslust. Das helle Haar umspielte ihr Gesicht wie ein Heiligenschein, und ihr lautes Lachen drang bis zum Herrenhaus. Sie schlug gern jedem wohlwollend auf die Schulter und ging mit ihren beiden Kindern so natürlich um, als wäre sie zur Mutter geboren. Constanze war so alt wie Malu; ein eher schüchternes Kind, von dem man meinte, die Mutter habe all seine Lebendigkeit in sich vereint. Am Anfang beobachtete Malu ihre Altersgenossin aus einem Busch heraus, wenn diese im Pfarrgarten spielte. Constanze hatte meist eine Puppe bei sich, die wunderschönes langes Haar besaß, aber, wie Malu fand, ein schreckliches Kleid trug.

Wie schön wäre die Puppe in einem roten Rock, dachte Malu, und nahm sich vor, gleich morgen in der großen Stoffkiste nach etwas Passendem zu suchen.

Am nächsten Morgen konnte sie es kaum erwarten, dass Nina Zeit für sie hatte. »Wir müssen ein Puppenkleid nähen«, erklärte sie der Wäschemagd. »Ein rotes. Und lang muss es sein, damit die Puppe nicht an den Beinen friert.«

Nina strich ihr über den Kopf. »Ach, Mädelchen. Die gnädige Frau hat verlangt, dass wir ihre Winterkleidung vom Boden holen und frisch machen. Ich habe wirklich keine Zeit dafür. Kann das nicht bis nächste Woche warten?«

Malu kniff die Lippen zusammen und schüttelte ernsthaft den Kopf. »Nein. Kann es nicht. Es wird kälter. Die Puppe wird frieren. Ich brauche das Kleid jetzt.«

Nina legte den Zeigefinger an ihr Kinn und überlegte. »Wie wäre es, wenn du einmal allein ausprobierst, ob du schon ein Kleid nähen kannst? Wir haben das Papiermuster vom Kleid deiner Puppe. Such dir einen roten Stoff, schneid ihn zu, und dann rufe mich.«

Malu bekam vor Aufregung glühende Wangen. »Darf ich wirklich?«, fragte sie und hüpfte von einem Bein auf das andere.

»Wenn du mit der Schere gut achtgibst. Und stich dich bloß nicht an den Nadeln.« Nina strich ihr noch einmal über den Kopf. »Wenn etwas ist, dann ruf einfach nach mir. Aber ruf laut, denn es kann sein, dass ich auf dem Dachboden bin.«

Schon wühlte Malu in der Stoffkiste. Sie fand ein altes Tuch, das ihre Mutter früher einmal an kalten Abenden über den Schultern getragen hatte. Es war rot, und auf den Stoff waren winzige gelbe Blumen gestickt.

Malu hockte sich auf den Boden, die Schneiderkreide in der einen, die Schere in der anderen Hand. Sie breitete das Tuch sorgsam vor sich aus, legte den Papierschnitt darüber und trennte den Stoff vorsichtig durch. Die Kleine arbeitete so konzentriert, dass ihre Zunge immer wieder zwischen die Zähne rutschte. Sie war gerade fertig, als Nina nach ihr sah.

»Na, wie sieht es aus. Kommst du voran?«

»Hier! Sieh nur, ich bin fertig.«

Nina begutachtete die Stücke. »Das hast du prima gemacht. Fast wie eine richtige Schneiderin. Als Wäschemagd könntest du dich jetzt schon verdingen.« Sie lachte. »Willst du die Stücke zusammenheften? Nimm weißen Faden dafür, und mach die Stiche ruhig größer. Dann zeig mir, wie das Kleid geworden ist. Danach können wir es auf der Maschine nähen.«

Kaum zwei Stunden später war Malu mit dem Heften fertig. Mit dem Kleid in der Hand stieg sie hinauf zum Dachboden. Ilme lüftete gerade die Pelze ihrer Herrin, und Nina kontrollierte die Winterkleider auf Mottenlöcher.

»Was hast du denn da?«, fragte Ilme.

Malu strahlte. »Das Kleid, es ist fertig. Es muss nur noch genäht werden.«

Ilme betrachtete die Arbeit, zeigte Malu eine Stelle, an der sie nicht sorgfältig geheftet hatte, und lobte sie dann überschwänglich.

Aber Malu war damit nicht zufrieden. »Es muss jetzt genäht werden, das Kleid. Die Puppe kann nicht länger warten. Sie erfriert sonst.«

Nina seufzte und wollte zu einer weiteren Erklärung ansetzen, doch Ilme unterbrach sie: »Es ist schon gut, Nina. Näh mit Malu das Kleid fertig. Ich schaffe das hier oben auch alleine. Und morgen ist auch noch ein Tag.«

Malu jubelte, packte Nina bei der Hand und zog sie die Treppen hinunter in die Nähstube.

»Willst du es einmal allein probieren?«, fragte Nina und nahm die Haube von der Nähmaschine. »Es ist nicht schwer. Ich trete unten, und du musst nur das Rad an der rechten Seite drehen und zusehen, dass die Nadel genau auf die Heftlinie trifft.«

Malu nickte nur, vor Aufregung brachte sie kein Wort heraus. Sie setzte sich auf den Nähstuhl und bedauerte sehr, dass ihre Beine noch nicht bis hinunter zu der Metallplatte reichten, um die Maschine anzutreiben. Aber da hatte Nina schon den Faden in die Nadel gesteckt und forderte Malu auf, das Rad zu drehen. Malu war mit solchem Eifer bei der Sache, dass ihre Wangen sich rot färbten und die Zunge immer wieder zwischen den Zähnen hervorlugte. Viel zu schnell für ihre Begriffe war das Kleid fertig. Als Nina die Nähmaschine unter der Haube verbarg, war Malu beinahe traurig darüber.

Aber Nina nahm sie in die Arme. »Herzlichen Glückwunsch zum ersten Kleid. Das hast du wirklich gut gemacht. Wenn du magst, können wir ja in der nächsten Woche gemeinsam ein paar neue Kissen für dein Zimmer nähen.«

»Danke, Nina!« Die Kleine umarmte die Wäschemagd, dann holte sie sich ihre Jacke und rannte hinaus bis zum Zaun, der das Gut vom Pfarrhof trennte. Eine Weile stand sie da und beobachtete das blonde Pfarrersmädchen, das wieder mit seiner Puppe allein spielte. Schließlich nahm Malu ihren ganzen Mut zusammen. »Ich habe ein Kleid für deine Puppe genäht!«, rief sie über den Zaun. »Willst du mal sehen?«

Das Mädchen sah auf. Zögernd kam es näher, blieb stehen und zog an seinen Zöpfen.

»Komm doch!«, rief Malu. »Oder hast du etwa Angst vor mir?«

Das Mädchen schüttelte zaghaft den Kopf, trat dann an den Zaun und reichte Malu die Hand. »Ich heiße Constanze«, sagte es leise. »Und wie heißt du?«

Von Stund an spielten die beiden Mädchen jeden Tag zusammen. Meist bestimmte Malu das Spiel, und die ruhigere Constanze tat, was sie ihr sagte. Aber manchmal saßen die beiden Mädchen auch nur still zusammen oder wühlten gemeinsam in den Stoffkisten des Gutes.

Constanze hatte einen zwei Jahre älteren Bruder namens Johann. Als Malu ihn zum ersten Mal sah, wusste sie sogleich – sie fühlte es ganz deutlich –, dass Johann gekommen war, um ihre Einsamkeit zu beenden. Johann. Der Große, der Starke. Aber genau wie Ruppert beachtete der Junge das kleine Mädchen nicht weiter. Manchmal, wenn sie sich begegneten, fragte er, wie es ihr ginge, doch kaum wollte sie ihm ein neues Puppenkleid zeigen, schürzte er verächtlich die Lippen und ging weiter. Meist verschwand er im Wald. Malu hätte zu gern gewusst, was er dort anstellte, aber es war ihr verboten, allein in den Wald zu gehen.

Einmal aber tat sie es doch. Sie schlüpfte durch den Zaun, lief barfuß über die Felder und hinein in den Wald, immer weiter und weiter. Schließlich kam sie an einer Lichtung vorbei, wo sie den schweren Duft der Felder und zugleich den leichten Geruch der Kiefern und des Sandbodens roch. Spinnweben hingen zwischen den Ästen, und als die Sonne dorthin schien, sah das Gewebe wie feinstes Geschmeide aus. Verzückt blieb Malu stehen und betastete vorsichtig das Gespinst. Einen Stoff müsste es geben, der so fein und zart ist wie Spinnweben, dachte sie. Wenn ich einmal groß bin, kann ich mir daraus ein wunderschönes Kleid nähen.

Sie war so fasziniert, dass sie immer weiter in den Wald hineinging, immer den Spinnweben hinterher. Nach einer Weile blieb sie stehen und sah sich um. Der Wald hatte sich verändert, ohne dass es ihr aufgefallen war. Der Mischwald, der hinter den Feldern anfing, hatte sich in einen reinen Kiefernwald verwandelt. Dichtes Unterholz lag vor ihr, so dicht, dass kein Durchkommen war. Von fern hörte sie einen Eichelhäher rufen. Sie wandte sich um, doch nichts hier kam ihr bekannt vor. Sie rannte ein Stück zurück, aber auch hier tat sich plötzlich vor ihr dichtes Unterholz auf. Malu drehte sich nach links und nach rechts. Überall standen meterhohe junge Kiefern so dicht nebeneinander, dass am Boden zwischen den Bäumen völlige Dunkelheit herrschte. Es roch nach Pilzen und nach etwas, das Malu noch nie gerochen hatte. Irgendwie modrig, irgendwie dunkel und beängstigend. Und nun wurde ihr klar, dass sie sich verlaufen hatte, dass sie ganz allein wer weiß wo in diesem Wald war und nicht einmal wusste, in welche Richtung sie gehen sollte, um zurück zum Gut zu kommen.

Tränen stiegen in ihr auf, aber sie wischte sie kräftig mit den Fäusten weg. Sie wollte nicht weinen. »Weinen hilft nicht«, sagte ihr der Vater immer, und auch Ilme, die Hausmutter, hatte ihr erklärt, dass Tränen zwar einen Schmerz lindern können, aber keine Probleme lösen.

Also formte Malu mit den Händen einen Trichter vor ihrem Mund und rief, so laut sie konnte: »Hallo! Ist da wer? Ich habe mich verlaufen!«

Doch niemand antwortete. Nur der Wind rauschte in den Bäumen, und die Stimmen des Waldes murmelten.

Noch einmal und noch einmal rief Malu. Sie schrie und brüllte sich die Lunge aus dem Hals, doch niemand hörte sie. Zu Malus Angst kam jetzt die Erschöpfung. Sie musste stundenlang durch den Wald gelaufen sein. Die Dämmerung hatte eingesetzt, und Nebelfetzen hingen zwischen den Bäumen. Malu hockte sich hin, umklammerte mit ihren Armen die Knie und weinte nun wirklich. Die Tränen flossen ihr über das Gesicht, und sie konnte kaum atmen, so sehr weinte sie. Das ist bestimmt die Strafe für das, was ich gemacht habe, dachte sie. Jeder Teufel kommt einmal in die Hölle.

Und sie weinte und schluchzte so sehr, dass sie nicht hörte, wie ganz in der Nähe Zweige knackten.

»Malu, da bist du ja!« Johann stand vor ihr. Als er ihr tränenüberströmtes Gesicht sah, hockte er sich hin, nahm sie in die Arme und streichelte ihr beruhigend über den Rücken. »Wir haben dich gesucht. Alle haben dich gesucht«, flüsterte er. »Wie gut, dass ich dich gefunden habe. Alle haben sich Sorgen gemacht.«

»We-her denn?«, schluchzte Malu.

»Na, alle eben. Nina und Ilme, dein Vater und der Kutscher Will, Constanze und meine Mutter. Sie hat dich übrigens in den Wald gehen sehen. Als du ewig nicht wiederkamst, ist sie rüber zum Gutshaus gelaufen. Schwarzrock, der Verwalter, hat für sich und deinen Vater die Pferde gesattelt. Der Förster Schneider hat die Hunde geholt, und wir anderen laufen seit einer Stunde durch den Wald und rufen nach dir. Aber jetzt bist du ja da. Ich bin so froh.«

Malu sah auf. »Bist du wirklich froh? Ich dachte immer, ich gehe dir auf die Nerven.«

Johann lächelte und drückte sie noch einmal an sich. Dann zog er seine Jacke aus und hängte sie Malu über die Schultern. »Alle kleinen Mädchen gehen den großen Jungs auf die Nerven. Wengistens tun sie so. Aber ich mag dich halt und will nicht, dass dir etwas geschieht.«

Malu lächelte das erste Mal seit vielen Stunden. »Hat Ruppert auch nach mir gesucht?«, wollte sie wissen. »Ihm gehe ich nämlich auch auf die Nerven.«

Johann wich ihrem Blick aus. »Er wird auf dem Gut zu tun haben«, erwiderte er leise.

Aber Malu schüttelte den Kopf. »Nein, das ist nicht wie bei dir. Ihm gehe ich wirklich auf die Nerven. Er hat schon oft gesagt, dass mich niemand auf Zehlendorf braucht und dass ich allen nur Unglück bringe. Wie der Tante Camilla, die ich auf dem Gewissen habe. Ihm wäre es bestimmt lieber, wenn mich die wilden Tiere fressen würden. Und meiner Mutter auch.«

Johann erwiderte nichts. Er wischte Malu nur zart die Tränen von den Wangen und zog sie hoch. »Komm, wir müssen uns beeilen. Bald wird es dunkel. Du hast bestimmt Hunger.«

Hand in Hand liefen sie durch den Wald, der Malu jetzt gar nicht mehr bedrohlich erschien.

Johann brachte sie bis zum Gut. Dort nahm er noch einmal ihre beiden Hände und sagte ernst: »Wenn du mal einen richtigen Bruder brauchst, Kleine, dann ruf nach mir.«

Malu nickte und lächelte schüchtern. Immer wenn sie später an dieses Erlebnis zurückdachte, behauptete sie stets, das sei der Tag gewesen, an dem sie sich in Johann verliebt hatte.

Von da an war Johann ihr bester Freund, so wie Constanze ihre beste Freundin war. Johann war derjenige, der sie beschützte, ihr die Tränen abwischte, wenn sie gestürzt war und weinte, während die eigene Mutter nur angewidert das Gesicht verzog. Und Johann war es auch, der ihr das Pfeifen auf zwei Fingern beibrachte und das Kirschkernspucken, der sie spielerisch an den Zöpfen zog und beim Baden im See untertauchte, ganz so, als ob sie ein richtiger Junge wäre.

Manchmal beneidete Malu ihre Freundin um Johann. Einen Bruder wie ihn hätte sie zu gern gehabt. Aber sie hatte eben nur Ruppert: einen gemeinen Jungen, der grob an ihren Zöpfen riss, der ihr Stöcke zwischen die Beine schob und sie beim Essen in die Rippen stieß, sodass sie die Suppe verkleckerte. Aber jetzt, da Johann auch eine Art Bruder für sie war, fühlte sie sich beschützt und gemocht. Beschützt sogar vor ihrem leiblichen Bruder. Mochte Ruppert, so viel er wollte, mit der Mutter tuscheln, mochte sie ihm nur immer wieder über das Haar streichen. Malu hatte jetzt neben dem Vater, Nina und Ilme auch noch Constanze und Johann. War das nicht viel mehr?

Gut Zehlendorf war nicht besonders groß für lettische Verhältnisse, gerade mal vierhundert Hektar. Doch der Boden war fruchtbar, die Wälder voller Wild, der Fischteich übervoll. Ilme, die Hofmutter, teilte jeden Morgen den Mägden die Arbeit zu. Ihr Ehemann war der Kutscher Will, der wie sie aus der Nähe von Mitau stammte. Herr Schwarzrock, der Verwalter, überwachte die Knechte, die Arbeit auf den Feldern und in den Ställen. Markus Schneider, der Förster, der sich um das Wild und die Fische kümmerte, kam aus Deutschland.

Am Rande des Gutes befanden sich die Gesindehäuser. Es waren so viele, dass sie einem Dorf glichen. Dort gab es eine eigene Schänke, eine Schusterei, eine Schneiderei und sogar einen Gemischtwarenladen.

Wolfgang von Zehlendorfs Vater hatte die Gesindehäuser bauen lassen, und Malu kannte sich in ihnen bald besser aus als im Gutshaus. Ständig hing der Geruch der Paraffinlampen in ihren Haaren, und oft spielte sie mit den Kindern des Gesindes an der einzigen Pumpe mitten im Gutsdorf, wobei Johann stets ihr Anführer war. Malu ging jedoch nicht nur ins Dorf, um zu spielen, sondern schaute sich auch mit kindlicher Neugier an, wie das Leben dort ablief. Sie beobachtete, wie die Frauen sich am Brunnen trafen, dort Neuigkeiten austauschten und hernach die vollen Eimer zu den Wasserfässern hinter ihren Häusern schleppten. In den Häusern fielen der Kleinen vor allem die Schlafstellen auf. So standen in manchen die russischen Kachelöfen mit den breiten Ofenbänken, auf denen im Winter, mit Fellen bedeckt, die Familien schliefen. In anderen Häusern gab es Betten, in denen mehrere Familienmitglieder auf einmal nebeneinander schliefen.

Gut Zehlendorf – das waren für Malu jedoch nicht nur das Gesindedorf und Johann, sondern auch die Ställe, der Wald, der See, der Wäscheplatz, die Gemüsefelder, die Obst- und Beerensträucher, die Scheunen, Speicher, Rauch- und Vorratskammern. Am liebsten waren Malu die Waschtage. An diesen Tagen blieb der Liegestuhl unter dem Apfelbaum leer, denn die Mutter konnte den Gesang der Wäscherinnen nicht ertragen.

Wenn gewaschen wurde, gelang es nicht einmal Johann, Malu zum Spielen zu überreden, und auch Frau Mohrmanns Streuselkuchen lockte sie nicht. Schon Tage vorher durfte Malu der Hofmutter helfen, die Seifenlauge herzustellen. Mit einem Korb in der Hand durchstreifte sie mit Ilme die Wiesen auf der Suche nach Seifenkraut. Danach sah sie zu, wie die Waschfrauen, die extra zum Waschen aus dem Dorf aufs Gut gekommen waren, unter Gesang die Wurzeln in Stücke schnitten und zum Trocknen auslegten. Ilme, die die Lauge aus Seifenkraut für die feinen Kleider von Malus Mutter brauchte, überwachte jeden Arbeitsschritt, kochte dabei eine deftige Pilzsuppe mit Speck und sang mit ihrer brüchigen Stimme die Strophen der Waschlieder mit. Wenn die Wurzelstücke getrocknet waren, füllte Malu sie in ein Säckchen und hängte es in einen Kessel. In diesem Sud wurden später die Kleider und Wäsche ihrer Mutter geweicht. Während der Sud zog, durchstöberte Ilme alle Truhen und Schränke im Haus und wählte die Wäschestücke aus, die zu reinigen waren. Anschließend bereitete sie für die weiße Leinenwäsche und die Tisch-, Bett-und Nachtwäsche eine Brühe aus schwarzbraunen Kornrade-Samen zu. Manchmal fuhr sie Malu an, wenn die Kleine mit ihren Händchen in der giftigen Brühe planschen wollte. Zum Schluss stellte Ilme noch eine Brühe aus Efeublättern her, die für die dunkle Wäsche gedacht war, weil Efeu, wie sie Malu erklärte, die Farben auffrischte.

Der Waschtag selbst begann im Morgengrauen. Von diesem Zeitpunkt an stand Ilme mit geschürzten Röcken, aufgekrempelten Ärmeln und ihrem weißen Kopftuch am Waschzuber in der Waschküche, wo ihr ein Dutzend Frauen aus dem Dorf halfen. Zu Mittag gab es auf dem Gut nur einen Eintopf, weshalb es Wolfgang von Zehlendorf meist so einrichtete, dass er mit seinem Verwalter Schwarzrock nach Mitau fuhr, um dort im Goldenen Schwan Pelmeni – mit Schweinefleisch gefüllte Teigtaschen – in ungeheuren Mengen zu essen.

Während die Frauen zwischen Waschstube und Trockenplatz hin- und hereilten und die ersten Bügeleisen auf den heißen Herd stellten, saß der Gutsherr nach dem Mittagessen mit dem Verwalter in seiner Mitauer Stammkneipe. Dort diskutierte er mit Gleichgesinnten über die politische Weltlage, die nationalen Getreidepreise und das regionale Wetter. Wenn die Frauen am Abend die saubere und gebügelte Wäsche zwischen Leinensäckchen mit Lavendel in Truhen und Schränken verstauten, sangen der Gutsherr und sein Verwalter bierselig in der Kutsche Trinklieder, und der Kutscher gab den Takt mit der Peitsche dazu.

An diesen Tagen vergaßen die Erwachsenen die Kinder, und Malu konnte so lange aufbleiben, bis die letzte Waschfrau gegangen war. Vorher wurde sie in einen Zuber mit heißem Wasser auf den Hof gestellt und von ihrer Kinderfrau abgeschrubbt. War noch Zeit, so spülte ihr Marenka das Haar mit Kamille, war Eile geboten, wurde Malu nur mit einem Eimer Wasser übergossen, eingeseift und abgespült wie ein Wäschestück.

Arbeit und Spiel, Sonne, Staub und Tiere – das war Malus Gut Zehlendorf.

Gut Zehlendorf – das waren für Ruppert der Kricketplatz, der Tenniscourt und die Fliederlaube, dazu kamen vielleicht noch die Sammlung Majolika, die in Glasschränken ausgestellt wurde, und die Ahnengalerie, die sich an den Treppenwänden entlang nach oben zog.

Als der Sommer zur Neige ging, waren Malus Haare strohblond gebleicht, ihre Arme und Beine braun gebrannt und von Kratzern übersät. Ruppert hingegen war noch immer blass wie ein Fischbauch, hatte stets reine Hände und manikürte Nägel. Und während seine Schwester bedauerte, dass es immer kühler wurde, war er glücklich, den heißen, langweiligen, sonnendurchglühten, schläfrigen Tagen endlich entkommen zu sein.

Die ersten Herbststürme bogen die Birken vor dem Haus und rissen an ihren Blättern, als Wolfgang von Zehlendorf es wagte, seine Frau um ein Gespräch zu bitten.

»Die Kinder müssen zur Schule«, erklärte er, während er sich ihr gegenüber in den Sessel setzte. »Ruppert ist überfällig. Sieben Jahre ist er, beinahe ein Jahr zu spät schon, während Malu noch etwas Zeit hat, sie ist immerhin zwei Jahre jünger als Ruppert. Wir müssen ihn endlich auf ein Internat schicken. Ich habe an Riga gedacht. Das ist nicht zu weit; er kann so manches Wochenende, die Feiertage und die Ferien hier verbringen.«

»Nein!« Cäcilies Stimme, ansonsten klein und blass, entwickelte mit einem Mal eine nahezu erschütternde Kraft. »Der Junge bleibt hier. Er ist noch zu klein, um aus dem Haus zu gehen.«

»Nun, meine Liebe, da bin ich anderer Meinung. Sieh ihn dir doch an: bleich, schwächlich, ungeübt in allen Dingen, die Jungs in seinem Alter tun. Er muss heraus – muss unter Gleichaltrige. Nicht einmal mit Johann, dem Pfarrerssohn, spielt er. Er sei ihm zu grob, hat er mir gesagt. Dabei ist Johann ein ganz normaler, richtiger Junge.«

»Johann ist nicht von Adel! Ein ganz ordinärer Junge ist er, der sich geehrt fühlen sollte, wenn Ruppert ihn auch nur einmal ansieht. Nein, mein Sohn bleibt hier!«

Cäcilie von Zehlendorf richtete sich von ihrer Récamiere auf und griff nach dem Laudanumfläschchen. Ihr Blick war waidwund, und Wolfgang von Zehlendorf zerriss es das Herz, doch dieses Mal gedachte er, seinen Willen durchzusetzen.

»Wir müssen nicht streiten, Liebling. Ich habe bereits alles in die Wege geleitet. Am Montag werde ich ihn auf die höhere Schule nach Riga begleiten. Ilme hat Anweisungen, seine Sachen zu packen.«

»Nein!« Dieses Mal klang das Wort wie ein Schrei. Cäcilie begann zu zittern, ihre Schultern bebten, die Brust hob und senkte sich in raschen Stößen. »Warum willst du mir noch den Sohn nehmen, wo ich schon die Tochter verloren habe?«

Wolfgang von Zehlendorf sah auf seine Hände hinab, die sich in seinem Schoß zu Fäusten geballt hatten. »Du hast deine Tochter nicht verloren«, erwiderte er leise. »Malu ist da. Du kannst mit ihr sprechen, sie berühren, sie hören und sehen.«

Seine Gattin schloss die Augen und ließ sich gegen die Lehne sinken. »Die, die du meinst, ist nicht meine Tochter.«

»Meine Güte, Cäcilie! Warum kannst du ihr nicht vergeben?«

»Mord verjährt nicht. Auch in meinem Herzen nicht.«

»Mord. Du bist die Einzige, die das so nennt.« Wolfgangs Stimme war lauter geworden. »Alle anderen bezeichnen es als ›Unfall‹ oder ›Unglück‹. Sie war vier Jahre alt, Herrgott! Sie wusste nicht, was sie da tat.«

Cäcilie seufzte. »Wir müssen nicht darüber sprechen. Es ist bekannt, dass wir in diesem Fall verschiedener Ansicht sind.«

»Du irrst dich, Cäcilie. Wir müssen darüber sprechen. Ich dulde es nicht länger, dass du Malu ignorierst, sie anschaust, als wäre sie ein besonders ekliger Wurm, und im Gegenzug Ruppert nach Strich und Faden verwöhnst. Du tust beiden Kindern damit nichts Gutes.«

Cäcilie lächelte schmerzlich. »Was willst du tun, Wolfgang? Ein Herz lässt sich nicht befehlen. Das müsstest du doch von uns allen am besten wissen.«

Wolfgang von Zehlendorf zuckte unter diesen Worten zusammen wie unter einem Schlag. Obwohl seine Frau es nicht ausgesprochen hatte, wusste er, was sie ihm zu verstehen geben wollte – dass sie ihn niemals geliebt hatte.

Er senkte den Kopf, fühlte sich plötzlich kraftlos und müde. So müde, dass er glaubte, nicht mehr aus dem Sessel aufstehen zu können. Er hatte früher gedacht, er wäre ein starker Mann, ein echtes baltisches Mannsbild mit breiten Schultern und der Kraft, einen kleinen Bullen auf der Weide umzustoßen. Er hatte früher gedacht, nichts könnte ihm Angst bereiten, vor nichts und niemandem würde er den Kopf einziehen. Doch da hatte er Cäcilie noch nicht gekannt. Jetzt war sie es, die seinem Leben eine Bedeutung gab. Sie – die Schöne, die Kultivierte. Sie allein hatte die Macht, ihn zu erheben oder in den Staub zu stoßen. Seit Jahren kämpfte er um ihre Liebe. Ein Lächeln von ihr machte ihn glücklich, eine Berührung selig. Seit er mit ihr verheiratet war, besaß er keine eigene Kraft mehr. Klein, dumm, unzulänglich. Genau das war er. Mit einem Blick konnte sie ihn vernichten, mit einer Geste zum Zwerg schrumpfen lassen.

Sie hob die Arme und strich sich mit den Händen über das aufgesteckte Haar. »Nun, so ist es also beschlossen. Wir werden für Ruppert einen Lehrer suchen, der ihn hier unterrichtet. Er wird selbstverständlich nicht nach Riga gehen.«

»Und die Kleine?«

Cäcilie zuckte verächtlich mit den Schultern. »Soll sie machen, was sie mag. Möglichst so, dass ich sie nicht sehen muss.«

Wieder fühlte sich Wolfgang, als hätte er einen Schlag bekommen. Doch dieser Schlag ging nicht nur gegen ihn, sondern gegen Malu, sein Sonnenkind – und sie musste er unbedingt schützen.

Er stand auf, straffte die Schultern und reckte das Kinn. »Ich komme dir entgegen, meine Liebe. Ich werde einen Hauslehrer finden. Aber der Unterricht wird nicht allein für Ruppert abgehalten. Er braucht Altersgenossen.

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