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Sehnsucht in meinem Herzen

Rike Thome

Sehnsucht in meinem Herzen

Liebesroman


Herzlichen Dank an Martina.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

Noch heute fragte Myra Carpenter sich, ob sie nicht vor einundzwanzig Jahren bei der Geburt in der Klinik vertauscht wurde. Sie ähnelte ihren Geschwistern, so wie sich Äpfel und Birnen ähnelten. Auch charakterlich unterschieden sie sich wie Tag und Nacht.

Als ihre Mutter mit ihr schwanger wurde, war sie gerade siebzehneinhalb Jahre alt gewesen und auch ihr Vater war gerade erst achtzehn Jahre geworden. Sie beschlossen sich gegen den strikten Willen ihrer Eltern durchzusetzen und zu heiraten. Einfach war es für die jungen Leute damals nicht gewesen. Dennoch hatten sie es als Familie geschafft und dafür bewunderte Myra ihre Eltern noch heute.

Als sie dann zweieinhalb Jahre alt gewesen war, wurde ihre Schwester Daniela geboren. Sascha kam weitere vier Jahre später auf die Welt. Als Myra dann in die fünfte Klasse kam, stellte sich das Nesthäkchen Mike ein. Mit dieser Schwangerschaft hatten ihre Eltern allerdings nicht mehr gerechnet. Ergo, es war nicht geplant gewesen. Ihre Großeltern waren früh gestorben. Onkel und Tanten standen selbst noch voll im Berufsleben oder wohnten zu weit entfernt. Daher war ihrem Vater nichts anderes übrig geblieben, als in der Baufirma, in der er tätig gewesen war, bis zu zehn Stunden am Tag zu schuften. Selbst ihre Mutter musste auf Wechselschicht ihre vier bis fünf Stunden als Zimmermädchen in einem nahe gelegenen Hotel arbeiten. Irgendwo musste das Geld, um die fünfköpfige Familie zu ernähren, ja herkommen.

Was nichts Anderes hieß, als das Myra immer mehr die Mutterrolle für ihre Geschwister übernommen hatte. Schon mit zehn Jahren, fütterte und wickelte sie ihren kleinen Bruder Sascha und badete ihn, wenn es sein musste.

Ihre Schwester hatte dazu zwei linke Hände gehabt oder sie wusste sich nur einfach geschickt zu drücken. Mann hatte sie oft mit einem Jungen verwechselt, denn ihr saß der sprichwörtliche 'Schalk' im Nacken. Dadurch war ihr auch die Obhut nicht zugefallen. Zur Hausarbeit hatte sie sich ebenso wenig herabgelassen. Auch später nicht, als Mike zur Welt kam. Wie es unter Geschwistern nun einmal war, wurde sich oft gezankt und Myra war von Anfang an die Rolle als Friedensstifterin zugetragen worden. Denn sie ließ sich nie auf die Streitigkeiten ihrer Geschwister ein und versuchte instinktiv, die erhitzten Gemüter zu beruhigen, ohne für irgendwen Partei zu ergreifen.

Es war gut, dass ihre Mutter, als Sascha fünf geworden war, dann zu Hause blieb, weil sie es nicht mehr ihrer Ältesten alleine zumuten wollte. Denn als Mike geboren wurde, wäre es anders gar nicht mehr gegangen. Es war wirklich eine harte Zeit für ihre Eltern und auch für sie gewesen. Trotzdem würde Myra es nicht missen wollen. Sie liebte ihre Eltern und auch ihre Geschwister, auch wenn sie so ganz anders als sie waren.

Daniela mit ihrem schwarzen, kurzen Haar und den dunkelbraunen Augen, die nun fast achtzehn war, wusste immer noch nicht, welchen Beruf sie ausüben sollte. Sie hatte keinen Schulabschluss und war sich zudem auch zu fein, um arbeiten zu gehen. Bis sie eines Abends die Bombe platzen ließ und verkündete, dass sie schwanger sei, und Michael - ihren Freund - heiraten wolle.

Dieser arme Kerl, hatte sich Myra noch gedacht. Denn sie wusste, dass Daniela sich nur ins gemachte Nest setzen wollte. Aber wie es aussah, hatte ihre Schwester wirklich Glück. Denn Michael war total vernarrt in sie und hatte sie kurz darauf standesamtlich geheiratet.

Sascha hingegen, nun vierzehn Jahre, dunkelblond, blauäugig und schlank, befand sich in der Lehre als Schreiner und hatte zumindest einen Hauptschulabschluss. Außer dass er oft die Freundin wechselte, fiel er nicht negativ auf. Er meinte einmal zu ihr, dass er sich erst die Richtige suchen müsse und das gehe eben nicht, ohne dass er die Mädels ausprobierte.

Myra fand, dass die Mädels selbst schuld waren. Denn sie himmelten ihren Bruder geradezu an.

Und da war noch ihr kleiner Bruder Mike, das Nesthäkchen. Ein neunjähriger, hellblonder Engel mit dunkelblauen Augen, der noch brav zur Schule ging, aber jetzt schon den Mädels den Kopf verdrehte. Allerdings ohne, dass er es darauf anlegte. Er fand die Mädels noch doof und wollte lieber gute Noten, damit er einen Ausbildungsplatz als Heizungsbauer bekam.

Mutter hatte nun ihre Rolle als Hausfrau und Mutter von vier Kindern komplett übernommen und Vater, der aussah wie ein heißblütiger Italiener mit seinem dunklen Haar und den dunklen Augen, arbeitete immer noch in derselben Baufirma.

Myra musste lächeln, wenn sie an ihre Eltern dachte. Ihre Mutter war schlank und blond, was auch der Grund für Vaters Interesse gewesen war. Selbst nach so vielen Jahren waren sie sich noch treu ergeben.

Nur sie, Myra, die zwar einen Schulabschluss und eine abgeschlossene Lehre als Verkäuferin hatte, konnte beim Thema Freunde nicht mit Daniela oder Sascha mithalten. Sie bekam immer mehr das Gefühl, irgendetwas verpasst zu haben. Und jetzt, da ihre Schwester verheiratet und Mutter war und ihre Brüder ihre Hilfe auch nicht mehr so benötigten, wollte sie sich nun um ihre eigene Zukunft kümmern.

1. Kapitel

 

„Guten Morgen, mein Schatz!“

„Guten Morgen Mutter!“ Myra gähnte und sah zur Uhr auf dem Nachttisch. Es war erst acht Uhr früh an einem Sonntagmorgen. Ihre Mutter war eine Frühaufsteherin und ging immer davon aus, dass ihre Tochter dies auch wäre. Doch der Sonntag war ihr einziger Tag, an dem sie sich ausschlafen konnte. Sie arbeitete auf Frühschicht als Metzgereiverkäuferin in der Fleischerei Krämer, der sich nur einen Block von ihrer Wohnung entfernt befand. So konnte sie sich die Fahrtkosten für öffentliche Verkehrsmittel sparen, weil sie trotz ihrer fast zweiundzwanzig Jahre keinen Führerschein besaß. Dafür war das Geld ihr zu schade und sie sparte lieber jeden Pfennig für ihre eigene Wohnung. Selbst ihr Lehrlingsgehalt konnte sie damals zum Großteil zur Seite legen, weil sie bis zum Ende ihrer Ausbildung im Elternhaus wohnte und dort mit anpackte.

 

„Oh Mutter! Es ist gerade einmal acht Uhr früh und noch dazu Sonntag. Ist etwas passiert, oder warum wirfst du mich so früh aus dem Bett?“

„Tut mir leid Liebes! Ich wusste nicht, dass du noch geschlafen hast. Aber wie auch immer, jetzt bist du ja wach. Hattest du gestern eine lange Nacht?“, wollte sie mal wieder wissen. Ihre Mutter versuchte in letzter Zeit immer häufiger, sie zum Ausgehen zu drängen, weil sie sich mal amüsieren und einen netten, jungen Mann kennenlernen solle.

Myra liebte sie ja. Aber ihre Mutter hatte keine Ahnung, worin das Problem ihrer Tochter bestand. Und sie würde es ihr auch ganz bestimmt nicht verraten.

 

„Mutter! Ich erkläre es dir noch einmal. Ich arbeite von montags bis freitags von sechs bis vierzehn Uhr im Laden. Freitags halte ich zusätzlich meinen Hausputz in meiner Wohnung ab und samstags arbeite ich noch nebenher im Pub, um mir das Geld für den Massagelehrgang zu verdienen. Somit habe ich mir doch einen Sonntag zum Ausschlafen verdient. Oder etwa nicht?“

 

Myra wusste, dass ihre Mutter das nicht absichtlich tat. Diese hatte nur noch ihre Brüder bei sich wohnen und sehnte sich nach Frauengesprächen. Ihre Schwester Daniela, die sich lieber schwängern ließ, um nur nicht arbeiten gehen zu müssen, hatte noch das Glück, einen netten und verantwortungsvollen Mann kennenzulernen, mit dem sie verheiratet war. Was Myra heute immer noch nicht verstehen konnte. Wenn sie doch nur ein wenig von dem Glück ihrer Schwester abbekommen hätte. Aber nein! Ihr liefen keine Männer nach wie ihrer Schwester. Vor ihrer Hochzeit mit Michael hatte Daniela nur mit den Männern gespielt. Sie hatte schon immer einen wilden Charakter gehabt, was vielleicht auch der Grund dafür war, warum sie keinen Mangel an Interessenten hatte.

Ihre Schwester sah aber zugegebenermaßen nicht schlecht aus mit ihrem kurzen, schwarzen Haar und den dunkelbraunen Augen. Sie war zwar nicht allzu groß, wusste sich dafür aber aufreizend zu kleiden.

 

„Ach Liebes!“, seufzte nun ihre Mutter in den Hörer. „Ich will doch nur nicht, dass du dich so abschuftest. Das Leben kann so kurz sein.“

Oh je! Das klang gar nicht gut. Myra kannte diesen Ton. Und sie behielt recht.

„Schatz, warum gehst du an Sylvester nicht mit uns zu Waltraut? Sie hat Livemusik bestellt und es sind schon etliche Anmeldungen für die Sylvesterparty bei ihr eingegangen. Ach bitte! Dein Vater würde sich auch freuen, wenn du mit uns kommen würdest.“

 

Waltraut war die Wirtin und Freundin ihrer Mutter, die in Siersburg das „Zur Siersburg“, eine gut gehende und gemütliche, große Gaststätte mit Tanzsaal betrieb.

Ihre Eltern gingen meist jedes Wochenende hin, weil sie sehr viele Leute dort kannten und es ihnen gefiel. Noch dazu war es nur einen Fußweg von fünf Minuten zu ihrem Zuhause entfernt. Sie selbst war einige Male mit ihnen gegangen und hatte dort ihre Freundin Karin kennengelernt, mit der sie immer noch regen Kontakt hatte. Sie beide wohnten nur eine Straße entfernt.

 

Myra wollte zwar ihre eigene Wohnung, aber sie brachte es nicht fertig, von Siersburg wegzuziehen. Dafür gefiel es ihr in diesem schönen Örtchen viel zu sehr. Die Menschen dort waren sehr nett. Siersburg lud gerade im Sommer viele Touristen zum Campen, Wandern und zu Besichtigungen ein. Zumal es da auch die schöne, alte Burg gab, wo Wanderer sich immer wieder gerne aufhielten. Auch das alte Rathaus mit seinen Säulen und etlichen Verzierungen und die alte Kirche im Ortskern zogen die Touristen regelrecht an. Dieser Ort hatte trotz seiner kleinen Größe viele Sehenswürdigkeiten zu bieten.

 

„Bis wann musst du Bescheid wissen? Habt ihr euch schon angemeldet? Ich frage mal Karin, was sie an Sylvester vorhat. Denn ich habe ihr schon versprochen, mit ihr und Frank gemeinsam ins neue Jahr zu rutschen. Ich gebe dir dann Bescheid!“

„Reichen dir zwei Tage, Liebes? Dann würde ich euch beide mit auf unsere Anmeldung schreiben.“

„Ja Mutter! Wenn es sonst nichts Neues gibt, würde ich gerne noch etwas schlafen. Vielleicht komme ich am Nachmittag bei euch vorbei und bringe uns dann etwas Kuchen mit.“

„Mach das, Liebes! Ich freu mich. Bis später und schlaf noch schön. Ich hab' dich lieb!“

„Ich dich auch. Bis später!“

 

Nachdem sie ein spätes Frühstück zu sich genommen hatte, griff Myra zum Telefon und rief ihre Karin an.

„Hallo?“

„Hallo Karin! Myra hier. Was hast du heute Nachmittag vor?“, fragte sie. Denn sie würde Karin gerne mit zu ihren Eltern nehmen.

„Oh, hallo Myra. Bis jetzt noch nichts. Warum? Hast du etwas vor?“, kam die neugierige Frage aus dem Hörer.

Myra schmunzelte. „Hättest du Lust, mit mir zu meinen Eltern zu gehen? Ich habe Mutter versprochen, am Nachmittag mit Kuchen vorbeizukommen. Du kennst sie ja. Es wird bestimmt Abend, bis sie mich wieder gehen lässt. Mit dir an meiner Seite, schaffe ich es vielleicht, früher wegzukommen.“

„Einverstanden! Du weißt ja, dass ich sie sehr mag. Und für Kuchen bin ich immer zu haben“, meinte ihre Freundin und lachte gutmütig.

 

Dass Karin, die bei Weitem mehr aß als sie, so schlank war, konnte Myra einfach nicht verstehen. Das Leben konnte ja so ungerecht sein. „Wie machst du das nur? Du stopfst Mengen in dich hinein und nimmst einfach nicht zu. Wohingegen ich aufpassen muss, was ich zu mir nehme. Das ist einfach nicht gerecht“, seufzte sie.

„Nun ja Myra. Ich weiß, du willst es nicht hören. Aber es stimmt nun einmal. Keine Sportart verbraucht mehr Kalorien wie Sex. Damit halte ich auch Frank fit“, behauptete sie mal wieder.

 

Karin wusste, welchen Knopf sie bei ihr drücken musste. Aber Myra hatte nie Zweifel daran, dass ihre Freundin es nur gut mit ihr meinte. Frank war Karins Freund, mit dem sie seit einem halben Jahr zusammen war. Er fuhr oft mit seinem schweren LKW, auf dem er Autos transportierte, ins Ausland. Ihre Freundin erzählte ihr einmal, dass Frank für einen Automobilverkäufer aus Saarlouis oft mehrere Tage unterwegs wäre.

„Ja ja, ich weiß! Mir entgeht etwas.“

„Warte es ab! Auch dich wird es irgendwann treffen. Dann werde ich darauf bestehen, jedes Detail zu erfahren“, drohte ihre Freundin ihr an. Allerdings bestand zurzeit keine Gefahr.

Um Liebe zu machen, müsste sie erst mal die Liebe finden. Aber aus irgendeinem Grund schenkten Männer ihr keine Beachtung. Obwohl sie sich nicht für so hässlich hielt. Sie war nur ein ruhiger Mensch.

 

Nachdem sie sich mit Karin für den Nachmittag verabredet hatte, ging sie in ihr Schlafzimmer, um sich für ihren Fünfkilometerlauf, den sie jeden Sonntag absolvierte, umzuziehen. Sie betrachtete sich in ihrem großen Spiegel von Kopf bis Fuß. Ihr schulterlanges, braunes Haar, das sich durch die Naturlocken leicht wellte, benötigte wirklich einmal einen Schnitt. Mit ihren bernsteinfarbenen Augen und den langen Wimpern, der kleinen Nase und dem fein geschnittenen Gesicht, war sie einigermaßen zufrieden. Den Busen fand sie jedoch zu klein, ihre Lippen zu voll, ihre Beine zu lang, aber die Figur okay.

 

Bevor sie in Selbstmitleid verfiel, schüttelte Myra die Gedanken ab und zog sich zum Joggen an. Dann nahm sie sich ihren Schlüssel und machte sich auf den Weg über die Niedbrücke, am Campingplatz entlang, vorbei am Friedhof, bis zu ihrem Lieblingsplatz, wo sie sich im Sommer gerne aufhielt, um sich dort zu sonnen. Denn hier gab es keinen Trubel wie auf dem Campingplatz. Die Aussicht auf grüne Wiesen und den Niedarm mit dem kristallklaren Wasser bot kein anderer Platz.

Dort war sie für sich alleine und fühlte somit wohler, wenn sie in ihrem Bikini unter der Sonne lag. Als sie eine Stunde später zurück kam, sprang sie schnell unter die Dusche. Sie hatte noch vor, für den Nachmittagskaffee den Kuchen zu besorgen, bevor die Auswahl zu gering wurde.

 

„Hallo, mein Schatz! Hallo Karin! Kommt doch rein“, begrüßte ihre Mutter sie.

Myra stellte den Kuchen auf der Küche ab, damit man ihn auf eine Platte legen konnte. Sascha, ihr Bruder, kam aus seinem Zimmer, umarmte sie zur Begrüßung und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Tut mir Leid, Myra. Aber ich kann nicht bleiben. Ivonne und ich wollen ins Kino, danach fahre ich mit zu ihr.“

„Schon gut, du Schürzenjäger“, lächelte sie ihn an.

„Ist Ivonne eine frische oder eine ältere Freundin?“, hakte nun Karin bei ihm nach.

„Echt komisch, Karin! Wenn ihr es genau wissen wollt, Ivonne und ich sind seit vier Monaten zusammen. Aber mehr sage ich nicht, du neugierige Tante“, konterte Sascha, lachte aber kurz darauf. Auch Karin wurde kurz umarmt und schon war er verschwunden.

 

„Wo ist Vater?“ Myra ging in den Garten und erwartete ihren Vater in seiner Werkstatt anzutreffen. Er suchte sich immer etwas zu reparieren oder baute etwas aus Holz. Dies war eines seiner Hobbys.

„Er ist nicht da, Myra. Er und Georg sind zu Rainer gefahren, um ein bisschen Musik zu proben.“

Auch ein Hobby ihres Vaters. Er und seine beiden Musikerfreunde machten gern zusammen Musik und traten ab und an bei Veranstaltungen auf.

„Dann ist das also wirklich ein Frauentag“, stellte Karin fest und setzte sich mit ihnen an den Kaffeetisch.

 

Nachdem sie ihren Nachmittagsschmaus beendet hatten, kam Mike, ihr jüngster Bruder, hereingeschneit, winkte ihnen kurz zu und verschwand in seinem Zimmer.

„Der Junge macht mich noch fertig. Kaum, dass er von seinem Freund kommt, setzt er sich an seinen Computer und spielt seine Spiele, wenn er nicht gerade am Chatten ist“, erzählte ihre Mutter vorwurfsvoll.

„So ist die Jugend heute nun einmal, Mutter. Aber beschweren kannst du dich nicht. Er ist Klassenbester und wird seinen Weg gehen.“

Myra sah ihre Mutter an und legte ihr einen Arm um die Schulter. Die drei Frauen alberten herum, zogen sich gegenseitig auf, bis das Lieblingsthema ihrer Mutter wiederkam.

„Ach Karin! Hat Myra dich schon gefragt, was Sylvester angeht?“

„Nein, was ist denn da?“

 

Myra erzählte es ihr schnell und als Karin zustimmte, fragte sie, was dann mit Frank sei. Aber Karin meinte nur, dass er entweder mit seinen Kumpels etwas unternehmen oder mitkommen würde.

„Das ist ja prima! Dann schreibe ich euch gleich auf die Anmeldung dazu. Mike und Sascha haben ihre eigene Party irgendwo. Oh das wird bestimmt toll, Myra! Ach, eh ich es vergesse. Waltraut erzählte mir heute, dass die Party ganz formell gestaltet wird. Mit schönen Kleidern und die Männer in Anzügen. Darin sehen sie immer so gut aus!“, schwärmte ihre Mutter.

 

Myra sah sie erschrocken an, dann zu Karin. Wenn sie das vorher gewusst hätte, wäre sie nie auf die Idee gekommen, zuzusagen. Sie fühlte sich in Hosen sehr viel wohler, weshalb sie, außer bei Danielas Hochzeit, keine Kleider anzog. Deutlich fühlte sie Karins Blick auf sich ruhen, denn ihre Freundin wusste von ihrer Abneigung gegen Kleider. Nichtsdestotrotz schien die Ulknudel sich auf ihre Kosten zu freuen und legte ihr einen Arm um.

„Mach' doch nicht so ein Gesicht!“ Leise sprach sie ihr ins Ohr. „Wolltest du dich nicht ändern, indem du nun an die Zukunft denkst?“

„Aber doch nicht so!“, fauchte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

„Komm schon, Myra. Trau' dich! Wir haben zwei Wochen Zeit. Wir werden uns einen Tag frei nehmen, zum Friseur gehen und danach so richtig schoppen. Bitte, bitte! Ich wollte das schon so lange mit dir machen. Lass mich jetzt nicht hängen.“

 

Na, das war ja allerhand. Wann bitteschön hatte sie Karin mal sitzen gelassen? Doch noch nie! Sie befand sich nun trotzdem in einer misslichen Situation, weil es stimmte. Karin bettelte schon lange an ihr herum, ihr dabei helfen zu wollen, sich weiblicher zu fühlen. Denn sie war überzeugt, dass sie dadurch mehr Selbstbewusstsein bekommen würde. Womit sie womöglich recht hatte. Da Myra schon immer ein Problem damit hatte, ihrer Familie oder Karin eine Bitte abzuschlagen, fügte sie sich in ihr Schicksal und gab dieses Mal nach.

Überschwänglich bedankte sich ihre Freundin, zwinkerte ihr zu und meinte: „Ich kann es kaum erwarten. Niemand wird dich wiedererkennen. So umwerfend wirst du aussehen. Jungs, haltet euch die Hosen fest!“, rief Karin übermütig aus. Wie sollte es anders sein, mussten sie und ihre Mutter bei dieser Bemerkung mit lachen.

 

Armin Webster saß hinter seinem Schreibtisch, als sein Freund Frank in sein Büro hereinplatzte und die Tür mit seinem Fuß zustieß. Nach dessen Miene zu urteilen, hatte er heute nicht gerade einen guten Tag gehabt. In letzter Zeit kamen immer mehr Aufträge, mit diesen auch Reklamationen auf seinen Schreibtisch herein. Er seufzte und sah in Erwartung seinen Freund an.

 

„Mann, Armin! Wenn das so weitergeht, häng' ich mir hinter meinen LKW noch einen Wohnwagen. Seit zwei Wochen fahre ich im ganzen Land herum, bringe Neuwagen in die Autohäuser und beschädigte oder andere Karren mit zurück. Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie es ist, fünf, manchmal sogar sechs Tage in der Woche acht bis elf Stunden mit so einem Monster von LKW zu fahren?“

 

Sogleich stand er von seinem Schreibtischstuhl auf, ging in die Ecke hinter einer Trennwand und kam mit zwei Flaschen Bier zurück.

„Hier, trink erst einmal einen Schluck! Und ja, ich kann mir vorstellen, wie öde und anstrengend das ist. Aber Frank, du bist mein bester Mann. Und dass wir so gut florieren, davon haben hier alle etwas. Keiner hier verdient schlecht!“

Er setzte sich neben seinen Freund, klopfte ihm auf die Schulter und genoss mit ihm das kühle Bier. Noch eine Stunde, dann wäre sowieso Feierabend für heute. Und übermorgen wäre Sylvester. Das hieß, für alle bis zum fünften Januar Urlaub.

 

Das würde Frank wieder besänftigen. Er sah, dass sein Freund nachdenklich aus dem Bürofenster blickte.

„Was ist los, Frank? Irgendwie habe ich das Gefühl, dass dein Frust nicht allein mit der Arbeit zusammenhängt. Willst du darüber reden? Ich bin ein guter Zuhörer!“

„Armin! Wie lange kennen wir uns schon? Wir beide sind doch gute Freunde, nicht wahr?“

„Zweifelst du an unserer Freundschaft? Wir kennen uns seit drei Jahren. Habe ich dir irgendetwas getan, dass du dir unsicher bist?“

„Nein, nein. So ist das nicht! Ach, ich weiß auch nicht.“ Frank klopfte ihm auf die Schulter und wollte wissen: „Warst du jemals verliebt? Ich habe dir doch von Karin erzählt, mit der ich seit sieben Monaten zusammen bin. Kannst du dir vorstellen, dass ein Kerl wie ich, mit neunundzwanzig Jahren Angst davor hat, seine Freundin zu verlieren, nur weil er wenig Zeit für sie hat?“

 

Überrascht sah er Frank an. Und ob er es gut nachvollziehen konnte, was in seinem Freund vorging! Auch er hatte einmal geglaubt, nicht genug Zeit für Melissa aufgebracht zu haben. Was ein tragisches Ende genommen hatte. Heute wusste er, dass es nicht seine Schuld war. Es hatte ihn aber zu dem Schluss gebracht, sich niemals mehr ernsthaft zu binden.

 

„Du hast sie mir doch einmal vorgestellt, als wir uns bei Waltraut trafen. Frank, so wie ich Karin einschätze, würdest du der Beziehung eher schaden, wenn du wie eine Klette an ihr hängst. Wenn mich nicht alles täuscht, ist sie völlig verschossen in dich. Dennoch finde ich, dass sie eher der Typ ist, der es langsam angehen lassen möchte. Aber wenn du dir unsicher bist, solltest du dich vielleicht mit ihr aussprechen“, versuchte er ihn aufzumuntern.

„Du hast recht! Sie selbst hat es mir ja gesagt, dass sie mit dem zufrieden ist, was ich ihr gebe. Manchmal vermisse ich sie nur einfach. Ich glaube, mich hat´s ganz schön erwischt. Ich habe schon einige Male daran gedacht, wie es denn wäre, wenn wir unsere Beziehung vertiefen würden. Du weißt schon... So mit Verlobung und so.“

„Hey, du verliebter Gockel! Du hast doch nicht ernsthaft vor, dir einen Ehering anzustecken?“

„Ich glaube doch. Hör zu Armin! Ich liebe Karin wirklich sehr. Sag' nicht, du hast in deinen zweiunddreißig Jahren nicht einmal daran gedacht. Ich würde es dir nämlich nicht abnehmen. Sicher, du hast ein paar Frauen gehabt, aber als Playboy gehst du damit noch nicht durch. Und sag' mir nicht, dass du noch keine Frau wirklich geliebt hast“, warnte sein Freund ihn.

 

Oh doch! Geliebt hatte er schon einmal. Mit bitterem Nachgeschmack. Ein Playboy war er wirklich nicht. Was aber nicht hieß, dass er keine Frauen mochte. Nur wollte er keine feste Bindung eingehen. Irgendwie war es schon komisch. Zwischen Frank und ihm befand sich eine Freundschaft, in der sie beide sich über alles unterhalten konnten.

„Du täuschst dich, Frank. Auch ich habe einmal sehr geliebt. Willst du dir meine Geschichte wirklich anhören? Es könnte dich Zeit kosten!“

Sein Freund bejahte, fand es aber besser, mit ihm nach Hause zu fahren, damit sie sich noch ein Bier dabei genehmigen könnten.

 

Als sie in seiner Wohnung ankamen, checkte er schnell noch seinen Anrufbeantworter und zog sich im Schlafzimmer um. Dann nahm er für beide ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich zu Frank ins Wohnzimmer. Nach einem erwartungsvollen und neugierigen Blick von seinem Freund, nahm er einmal tief Luft und fing an, ihm seine Geschichte mitzuteilen. Er erzählte ihm, dass seine Eltern, als er gerade einmal achtzehn war, durch einen Autounfall ums Leben kamen, seine Schwester, die damals zweiundzwanzig gewesen war, bei ihrem Freund und jetzigen Mann in Berlin blieb und er weggezogen war und sich seitdem ehrgeizig hochgearbeitet hatte. Und seit sie sich kennen würden, er jetzt in Siersburg wohnte und die Absicht hatte, dort zu bleiben, weil es ihm da gefiel.

 

„Jetzt habe ich es geschafft, Frank. Mit der Firma verdiene ich mehr, als ich ausgeben kann. Und das verdanke ich auch der Kompetenz meiner Mitarbeiter. Auch dir!“

„Danke! Mann, das war hart! Wie ging es dann weiter? Du erwähntest etwas von Liebe.“ Armin fuhr fort, dass er mitten in seiner Aufstiegszeit, Melissa kennengelernt hatte, als er einundzwanzig und sie sechsundzwanzig war.

„Du hattest eine ältere Freundin?“, kam es leicht geschockt.

„Das hatte auch gewisse Vorteile. Aber du hast recht! Heute weiß ich, dass sie durch ihre Reife eigentlich besser hätte damit fertig werden müssen, oft alleine zu sein. Sie machte mir immer mehr Vorwürfe, indem sie mir sagte, dass meine Arbeit mir mehr bedeuten würde, als sie. Bis ich dann eines Abends nach Hause kam und sie mit meinem Arbeitskollegen im Bett erwischte.“

 

Verblüfft sah Frank ihn an. „Autsch! Ich hoffe doch sehr, dass du ihr einen Tritt gegeben hast. Weißt du? Ich kann es zwar nicht mit Bestimmtheit sagen, aber Karin würde eher Schluss machen, bevor sie sich einem Anderen zuwendet.“

„Das glaube ich auch, Frank! Karin ist mit ihren Vierundzwanzig reifer, als Melissa es war. Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen“, pflichtete er ihm bei.

Frank nickte lächelnd und forderte ihn ungeduldig auf: „Erzähl weiter. Wie ging es mit dir weiter?“

„Um das leidige Thema abzuschließen… Ich warf sie raus, betrank mich an diesem Tag und fasste den Entschluss, niemals mehr auf eine Frau hereinzufallen. Natürlich wechselte ich nach dieser Sache meinen Job und landete dort, wo ich heute bin. Drei Monate später, hatten die Beiden einen Liftunfall in ihrem Urlaubsort. Beide waren auf der Stelle tot. Dies erfuhr ich von meinem früheren Chef, dem ich meinen Erfolg heute verdanke.“

 

Armin zuckte mit der Schulter und gab Frank zu verstehen, dass dies schon viele Jahre zurücklag und er längst darüber hinweg sei. Sie entschlossen, sich eine Pizza kommen zu lassen und sich das Fußballspiel im Fernsehen zusammen anzusehen. Weil es eh' schon zu spät wäre, wollte Frank heute Karin nicht mehr stören. Er bedankte sich bei ihm, einen so guten Boss und Freund wie ihn zu haben.

„Hör mal Frank. Was hast du übrigens übermorgen Abend vor? Sollen wir nicht mit ein paar anderen Kumpels Sylvester feiern?“

„Sorry Armin. Aber ich fahre kurz am Abend zu Dirk und habe Karin versprochen, mit ihr zu Waltraut zu gehen. Sag' nicht, du weißt nichts von dem Silvesterball?!“

„Verdammt, das habe ich total vergessen. Ich könnte Wally anrufen und fragen, ob ich mich noch dazu melden kann. Dann könnten wir uns dort treffen.“

„Gute Idee! Soweit ich weiß, bringt Karin jemanden mit“, zwinkerte ihm Frank zu. „Na ruf schon Wally an, bevor es nicht mehr klappt.“

Nach einem kurzen Telefongespräch war alles geregelt und Sylvester stand nichts mehr im Weg. An Anzügen mangelte es ihm schon aus beruflichen Gründen nicht. Sie verabredeten sich für zehn Uhr bei Wally und Frank machte sich daraufhin zu seiner Bude auf.

 

Für Donnerstag, zwei Tage vor Sylvester, hatte Myra sich mit Karin zum Schoppen verabredet. Zuerst zog ihre Freundin sie zu ihrem Friseur, und nachdem diese mit dem Herrn getuschelt hatte, setzte sie sich neben sie und wurde von dessen Frau bedient.

„Was hast du zu ihm gesagt?“, wollte Myra von ihr wissen.

„Ich habe ihm nur erzählt, dass wir auf eine Party gehen und er dich hübsch herrichten soll... Zugegeben, ich sagte ihm auch, dass er dich mit seinem Können überraschen soll. Dafür wird er jetzt deinen Spiegel abdecken. Du hast es mir versprochen, vergiss das nicht!“

Somit entkam Karin geschickt einer Standpauke. Myra wurde es bei diesem Gedanken doch etwas mulmig. Hoffentlich wusste ihre Freundin es zu schätzen, wie viel Vertrauen sie von ihr damit bekam. Trotzdem hoffte sie, dass ihre Haare nicht allzu kurz geschnitten wurden.

 

Henry, der Friseur, musterte sie von oben bis unten und meinte dann: „Sie haben so ein hübsches Gesicht und verstecken es ...

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