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Sehnsucht erwacht in Schottland

1. KAPITEL

Es war eine lange, nicht enden wollende Fahrt gewesen – die aufregendste und verheißungsvollste Reise, die Georgia jemals unternommen hatte. Zugute kam ihr dabei, dass sie das Autofahren liebte und als versierte, sichere Fahrerin galt. Und ihr Labrador Hamish war der beste Begleiter, den sie sich wünschen konnte – einmal abgesehen von ihrem Bruder Noah, der aber im Augenblick nicht bei ihr sein konnte.

Schweigend fuhr sie durch die sommerliche Abenddämmerung. Das Radio hatte Georgia ausgeschaltet und ließ nun den Blick über die zauberhafte Landschaft der Highlands schweifen. Beim Anblick der atemberaubenden Natur war die Müdigkeit plötzlich wie verflogen. Wo sie auch hinsah, entdeckte sie wunderschöne Details: im Sonnenlicht schimmernde tiefblaue Seen, hell glänzende Bergspitzen und saftig grüne Felder. Selbst Hamish schien beeindruckt, als er die Schnauze ans offene Fenster hielt. Bestimmt konnte er es kaum erwarten, ausgelassen über die weiten Flächen toben zu dürfen. Es war eine völlig andere Umgebung als der übervölkerte Londoner Vorort, in dem Georgia lebte.

Langsam spürte sie, wie die Verspannung aus Nacken und Rücken wich. Von Stunde zu Stunde entspannte Georgia sich mehr.

Obwohl sie während der Fahrt einige Pausen eingelegt hatten, würden sie ihr Ziel rechtzeitig erreichen. Konzentriert warf sie einen Blick auf die Straßenkarte, die auf dem Beifahrersitz ausgebreitet lag. Ihr zukünftiger Boss hatte per E-Mail eine ausgesprochen präzise Wegbeschreibung geschickt. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie Glenteign erreichten.

„Kein Wunder, dass Noah der Job hier gefallen hat“, sagte sie laut, und Hamish wedelte zustimmend mit dem Schwanz.

Ihr Bruder war überzeugt, dass auch sie das riesige Anwesen lieben würde. Er hatte die letzten sechs Monate dort verbracht und als selbstständiger Gartenbauingenieur die traditionellen Anlagen des Anwesens gepflegt.

Es sei ein Ort, an dem man wirklich durchatmen könne, hatte er erklärt. Und seine Leidenschaft für die überwältigende Natur und ihre herbe Schönheit hatte Georgia aus seinen Worten deutlich herausgehört. Seiner Meinung nach täte es Georgia nur gut, London, den ununterbrochenen Verkehrsstaus und der schlechten Luft für eine Weile den Rücken zu kehren.

Als Assistentin des Gutsherrn – seine Privatsekretärin erholte sich gerade von einem üblen Sturz – müsse sie nicht jeden Tag die ermüdende Pendelstrecke in die Londoner Innenstadt zurücklegen. Und Georgia würde hier oben eine andere Art zu leben kennenlernen – eine entspannte und erfüllende.

Georgia hatte den Job angenommen, weil sie den Versprechungen ihres Bruders nur zu gern Glauben schenken wollte. Doch im Stillen hegte sie Bedenken.

Wie würde es sein, für einen Mann zu arbeiten, der noch nie in seinem Leben mit Geldsorgen konfrontiert worden war? Für jemanden, der aufgrund seines gesellschaftlichen Standes einen Titel trug? Die gewöhnlichen Sterblichen um den Laird herum taugten aus seiner Sicht sicher höchstens zur Dienerschaft.

Dass jemand sein Vermögen geerbt hatte, fand Georgia nicht anstößig. Außerdem würde sie niemals einen anderen Menschen wegen seiner komfortablen Umstände beneiden. Doch sie selbst hatte mehr als einmal hart ums Überleben kämpfen müssen. Mit jemandem konfrontiert zu werden, der einfach in unermesslichen Reichtum hineingeboren wurde, ohne jemals dafür einen Finger krumm machen zu müssen, führte ihr die eigene Situation jedoch schmerzlich vor Augen.

Zweifellos hatte der Laird of Glenteign auch Schwierigkeiten … Nur waren die eben anders gelagert als Georgias. Aber Probleme hin oder her: In dieser traumhaften Umgebung musste selbst er all seine Sorgen vergessen – oder nicht?

Nachdem ihr alter, aber verlässlicher Renault die Zufahrt nach Glenteign passiert hatte, stellte Georgia den Motor ab. Ein flaues Gefühl in der Magengegend, schaute sie sich um.

Die historische Bauweise des Hauses sprang ihr auf den ersten Blick deutlich ins Auge. Es war ein eindrucksvolles Gebäude, dessen gemauerte Türme in den wolkenlosen azurblauen Himmel emporragten. Der Anblick erinnerte Georgia an eine altertümliche Festung, die jedem Ansturm von Mensch oder Natur trotzte. Noch immer stand sie da, stolz und unzerstörbar, von einer beinahe arrogant anmutenden Schönheit.

Georgia wandte sich zur Seite und betrachtete die saftig grünen Wiesen, die wie flauschige Teppiche bis zum Horizont zu verlaufen schienen. Zur Rechten befand sich eine hohe Steinmauer, hinter der sich vermutlich die prachtvollen Gartenanlagen verbargen, an denen Noah während des letzten halben Jahres gearbeitet hatte.

Sie konnte es kaum erwarten, die Gärten zu sehen. Nicht nur weil sie zu einem großen Teil das Werk ihres Bruders waren, sondern auch weil er ihr von ihnen vorgeschwärmt hatte. Als sie den Blick weiterschweifen ließ, erregte ein hochgewachsener Tannenwald ihre Aufmerksamkeit. Er erstreckte sich scheinbar endlos hinter den gepflegten Rasenflächen. Das alles war so imposant und überwältigend! Unbegreiflich, dass dies alles nur einer Person gehören sollte.

Allmählich begriff Georgia, was dieser prestigeträchtige Auftrag Noah bedeutete. Nach seiner erfolgreichen Arbeit hier betreute ihr Bruder mittlerweile ein gigantisches Anwesen mitten in den Highlands – ein Großauftrag, den er auf Empfehlung des Lairds of Glenteign bekommen hatte. Er war von Noahs Schaffen offenbar tief beeindruckt.

Liebe und Stolz erfüllten ihr Herz. Jedes Opfer, das sie für Noah gebracht hatte, damit er sein Geschäft zum Laufen bringen konnte, war es wert gewesen …

„Dann haben Sie uns gefunden?“

Jäh aus den Gedanken gerissen, wandte sie sich auf dem Fahrersitz um und sah in ein Paar klarer blauer Augen. Der Blick war so intensiv, dass es ihr für einen Moment die Sprache verschlug.

Das männliche Gesicht, in dem diese eindrucksvollen Augen funkelten, war von klassischer Schönheit. Georgia konnte den Blick nicht abwenden, so sehr war sie von den markanten Zügen fasziniert. Sie wirkten wie von Künstlerhand gemeißelt.

Sie war nicht die Einzige, die wie gebannt schwieg. Ihr Gegenüber betrachtete sie mit regungsloser Miene, bis Georgia unter der schonungslosen Musterung zu beben begann.

Weil sie nicht gewohnt war, so mit Blicken fixiert zu werden, wurde sie allmählich unsicher. Aber noch ehe sie die Stimme wiederfand, öffnete er galant die Fahrertür und trat einen Schritt zurück, damit Georgia den hellen Kies der Auffahrt betreten konnte.

„Ja … hallo“, stammelte sie unbeholfen und streckte die Hand aus. Sein Händedruck fühlte sich wie ein Stromschlag an. Instinktiv wollte Georgia die Finger zurückziehen.

Warum fühlt sich eine vollkommen normale Geste wie eine intime Berührung an? schoss es ihr durch den Kopf.

Während ihr zukünftiger Chef sie weiterhin prüfend betrachtete, ärgerte Georgia sich im Stillen über ihre zerknitterte Kleidung. Das cremefarbene Leinenkleid mit dem hohen Kragen war bei der Abfahrt noch glatt und frisch gewesen. Leider sah es inzwischen nicht mehr so aus.

„Hatten Sie eine angenehme Reise?“

In der höflichen Frage schwang eine leichte Anspannung, so als würde er diesen belanglosen Small Talk weder schätzen noch genießen. Georgia verlor die anfängliche Zuversicht.

„Ja, vielen Dank. Ihre Wegbeschreibung war ausgesprochen hilfreich.“

„Gut.“

„Ich nehme an, Sie sind der Laird of Glenteign?“

„Ja, das bin ich. Und Sie sind Georgia, Noahs Schwester.“

Es war eine Feststellung, keine Frage. Er erwartete keine Antwort darauf.

„Wie soll ich Sie anreden?“, erkundigte Georgia sich vorsichtig.

„Der korrekte Titel wäre Chief, aber mir wäre es lieber, wenn Sie mich Keir nennen – das habe ich auch Ihrem Bruder angeboten. Da wir gerade von ihm sprechen, ich muss sagen, mir fällt keinerlei Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Noah auf.“

„Das sagen die Leute häufig.“

„Dann tut es mir leid, dass ich so reagiere wie die anderen.“

Obwohl die Berührung nur sehr kurz gewesen war, beunruhigte Miss Camerons Händedruck ihn. Zwischen ihnen war spürbar ein Funke übergesprungen, der sein Innerstes erwärmt hatte. Im Bruchteil einer Sekunde war etwas in Keir wachgerufen worden. Jetzt spürte er, wie seine Aufmerksamkeit von Georgia Camerons zauberhaftem Gesicht gefesselt wurde.

Ihn überraschte tatsächlich, dass sie ihrem blonden, blauäugigen Bruder so wenig ähnlich sah. Doch seltsamerweise gefiel Keir dieser Unterschied außerordentlich gut. Sicher würde jeder mit einem Hang zum Schönen derart faszinierende braun-goldene Augen bewundern. In einem makellosen Gesicht wie ihrem – mit hohen, eleganten Wangenknochen und einem weichen, sinnlichen Mund – schimmerten sie wie kostbare Edelsteine. Es schien unmöglich, sich ihrem Zauber zu widersetzen. Tatsächlich waren sie das Schönste, was Keir jemals gesehen hatte …

Allerdings war ihm eine derartige Ablenkung ganz und gar nicht willkommen. Ihn interessierten in erster Linie ihre professionellen Fähigkeiten, nicht ihr Aussehen. Er hatte sie engagiert, weil ihr Bruder sie als die fähigste Sekretärin beschrieben hatte, die man sich wünschen konnte. Zurzeit war sie bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt, aber da der Vertrag in naher Zukunft endete, könne Miss Cameron praktisch sofort in Glenteign anfangen.

Keir war zwingend auf kompetente Unterstützung angewiesen, um das große Anwesen zu verwalten. Nachdem sein Bruder bei einem Unfall in Übersee ums Leben gekommen war, hatte Keir den Titel des Laird of Glenteign und alle damit verbundenen Aufgaben geerbt, wenn auch eher widerwillig. Keirs eigene Sekretärin Valerie hatte sich zu allem Überfluss bei einem Treppensturz das Bein gebrochen. Nun, die nächsten Wochen würden zeigen, ob Noah Cameron mit dem Loblied auf seine Schwester maßlos übertrieben hatte oder nicht!

„Sie möchten bestimmt direkt auf Ihr Zimmer gehen und sich frisch machen?“, mutmaßte er.

„Eine Sache muss ich unbedingt vorher erledigen, falls Sie nichts dagegen haben.“

„Und das wäre?“

„Ich muss mit Hamish spazieren gehen. Der arme Kerl ist schon so lange in meinem Kleinwagen eingesperrt und braucht Bewegung. Um ehrlich zu sein, geht es mir ähnlich. Wir werden nicht lange unterwegs sein. Ist das in Ordnung?“

„Sicher, ich hätte daran denken sollen.“

Keir trat an Georgias staubiges kleines Auto heran, öffnete die hintere Tür und bedeutete dem Hund herauszuspringen. Der Labrador überschlug sich fast vor Dankbarkeit und tobte ausgelassen um Keir herum.

„Ach, du meine Güte! Er hat Sie sofort ins Herz geschlossen. So benimmt er sich nicht bei jedem. Ganz offensichtlich spürt er, dass Sie ein netter Mensch und großer Hundefreund sind!“ Georgia lächelte strahlend.

So viel überschäumende Freude auszulösen kam für Keir vollkommen unerwartet. Regungslos sah er Georgia an und war innerlich hin und her gerissen. Einerseits fühlte er sich von ihren Komplimenten geschmeichelt und seltsam angerührt. Andererseits wollte er lieber schleunigst mehr Distanz zu seiner Sekretärin gewinnen.

Plötzlich zweifelte er an seiner spontanen Entscheidung, eine entwaffnend attraktive Frau für sich arbeiten zu lassen – auch wenn es nur für kurze Zeit war.

Abrupt entschied er sich, ihre freundschaftlichen Gesten, so gut es ging, abzuwehren. Sie hatten eine rein geschäftliche Beziehung. Und sollte Georgia seine Erwartungen nicht erfüllen, würde Keir sie fristlos entlassen, ohne mit der Wimper zu zucken. Außerdem würde er nicht nachsichtig mit ihr sein, nur weil ihr Bruder ihn mit seiner Leistung zutiefst beeindruckt hatte.

James Strachan hätte es sicherlich genauso gehandhabt. Es hatte wohl nie einen kühleren, unsensibleren Mann als ihn gegeben. Obwohl Keirs Vater die ernste Haltung im Alter offensichtlich hatte ablegen wollen, war es ihm vor dem unvorhergesehenen Tod nicht gelungen. Seine Bemühungen, nach all den Jahren endlich eine emotionale Bindung zu seinem jüngeren Sohn aufzubauen, waren zu spät gekommen. In jedem Fall viel zu spät für Keirs Bruder Robbie …

„Ich würde das nicht überbewerten“, sagte er steif und schob die Hände in die Taschen seiner sandfarbenen Baumwollhose. Damit wollte er signalisieren, dass er dem Hund keine unnötige Aufmerksamkeit schenken würde, solange dieser hier war. Immerhin hatte Keir seiner Herrin schon erlaubt, ihn mitzubringen. Das musste reichen.

„Er freut sich nur, dass er endlich rausdarf“, fuhr er fort. „Sie können hier überall herumlaufen. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie das Tier von meinen Blumenbeeten fernhielten. Ist Ihr Gepäck im Kofferraum? Das Hauspersonal ist gerade beschäftigt, deswegen werde ich es in Ihr Zimmer bringen. Es liegt im zweiten Stock. Ich lasse die Tür offen stehen, dann finden Sie es gleich. Abendessen gibt es um acht Uhr, und ich lege großen Wert auf Pünktlichkeit. Genießen Sie Ihren Spaziergang.“

Georgias Lächeln wich einem Stirnrunzeln. „Danke sehr.“

Als er ihren Blick auffing, hatte Keir das Gefühl, sich selbst etwas Kostbares versagt zu haben. Aber dann sagte er sich schnell, dass er es nicht anders verdiente. Während Georgia nach der Hundeleine für Hamish suchte, lud Keir ihr Gepäck aus dem Wagen und trug es ins Haus.

Nach dem Spaziergang mit ihrem Hund hatte Georgia geduscht. Anschließend setzte sie sich aufs Bett und las sorgfältig den Arbeitsvertrag durch, den Keir ihr zur Unterzeichnung ins Zimmer gelegt hatte.

Er hat nicht viel Zeit verloren, überlegte sie. Glaubt er etwa, dass ich nach den ewigen Stunden Herfahrt einfach wieder verschwinde?

Tatsächlich hatte sie für den Bruchteil einer Sekunde mit diesem Gedanken gespielt. Nach der frostigen Antwort, mit der er sie wegen ihrer Bemerkung über Hamishs Zuneigung abgekanzelt hatte, würde sie ihm diesen Gefallen jedoch nicht tun. Sie würde Keir Strachan, dem Laird of Glenteign, beweisen, wie zuverlässig und effizient sie arbeiten konnte. Und vor allem würde sie ihm zeigen, dass sie zu ihrem Wort stand. Wenn sie einmal ein Versprechen gab, hielt sie sich daran.

Schwungvoll setzte sie ihren Namen unter den Vertrag, legte danach die Papiere beiseite und frottierte ihr Haar mit einem Handtuch. Während sie sich mit den Fingern durch die feuchten Strähnen strich, sah sie sich ihre neue Umgebung genauer an.

Der Raum war elegant ausgestattet und hatte durchaus eine feminine Note. Rosarote Samtvorhänge mit gleichfarbigen Ornamenten hingen an den Fenstern, der alte Frisiertisch war aus glänzendem Mahagoni. Glitzernde ovale Spiegel schufen eine angenehme Stimmung. Der betörende Duft eines warmen Spätsommertages hing in der Luft, und in einer pinkfarbenen Vase waren weiße Rosen zu einem bildschönen Bouquet arrangiert worden.

Georgia fragte sich, wer wohl für diese geschmackvolle Einrichtung verantwortlich war. Noah hatte erzählt, Keir sei nicht verheiratet. Also musste es eine andere Frau sein … Dass sie überhaupt darüber nachdachte, störte Georgia.

Ich sollte mich darauf konzentrieren, den bestmöglichen Eindruck auf meinen zukünftigen Arbeitgeber zu machen, ermahnte sie sich streng. Basta!

Sie föhnte sich das Haar und stellte nach einem Blick auf die Uhr fest, dass es bereits zehn vor acht war. Ein mulmiges Gefühl im Magen, erinnerte Georgia sich daran, wie genau es ihr neuer Boss mit Pünktlichkeit nahm.

Mühsam unterdrückte sie den Widerwillen, den dieser Gedanke in ihr weckte. Stattdessen bereitete sie sich darauf vor, gleich die anderen Angestellten kennenzulernen.

Noah hatte ihr berichtet, wie sehr ihm die Haushälterin Moira Guthrie während seiner Zeit hier ans Herz gewachsen war. Wenn diese Dame auch nur halb so nett war, wie Noah es beschrieben hatte, dann musste Georgia nicht beunruhigt sein bei der Aussicht, in diesem prachtvollen, beeindruckenden Haus zu wohnen. Ganz zu schweigen von der Vorstellung, als Privatsekretärin für einen Mann zu arbeiten, der auf freundliche Gesten mit derselben Begeisterung reagierte wie auf eine giftige Schlange im Bett!

Anders als Georgias Zimmer war das Esszimmer eher maskulin eingerichtet. An den Wänden hingen strategisch perfekt platzierte glänzende Schwerter und zahlreiche Porträts, die vermutlich die bereits verstorbenen Lairds of Glenteign abbildeten. Atemberaubend und eindrucksvoll erstrahlte der Raum in hochherrschaftlicher Pracht. Während sie Moira Guthrie folgte, glaubte Georgia fast, über sich Fanfaren ertönen zu hören.

Sie biss sich auf die Unterlippe, um ein amüsiertes Lächeln zu unterdrücken. Unter der hohen, gewölbten Decke, angesichts der alten Kerzenleuchter, des polierten Silberbestecks, des eleganten Geschirrs und der üppigen Tafel konnte man sich leicht in eine andere Zeit zurückversetzt fühlen.

Die gesamte Aufmachung stand in krassem Gegensatz zu dem kümmerlichen Esszimmer bei Georgia und Noah zu Hause. Dort standen nur ein abgenutzter Holztisch aus dem örtlichen Secondhand-Möbelhaus und vier passende Stühle, die dringend neu bezogen werden mussten.

Unsicher sah sie an sich herunter, auf das pinkfarbene Baumwollkleid und den herzförmigen Anhänger, den die Mutter ihr hinterlassen hatte. Unwillkürlich fragte Georgia sich, ob ihr Gastgeber von ihr in diesem imposanten Haus nicht eine edlere und aufwendigere Abendgarderobe erwartete.

Nun ja, dachte sie. Noah hat sich nicht um diese Dinge geschert, ich werde mich deswegen auch nicht verrückt machen.

Keiner von ihnen war jemals in der Lage gewesen, sich teure Kleidungsstücke zu kaufen, selbst wenn sie gewollt hätten. Die meiste Zeit über waren sie zu sehr damit beschäftigt gewesen, ums bloße Überleben zu kämpfen.

Noah war erst vierzehn Jahre alt gewesen, als sie beide Elternteile verloren hatten. Gerade mal neunzehn, hatte Georgia die Vormundschaft für ihn übernommen und von da an permanent mit finanziellen Sorgen gekämpft.

Es kam sogar so weit, dass sie jeden Gedanken an eine normale Liebesbeziehung aufgab und ihr Leben als Dauer-Single akzeptierte. Jedenfalls stand ihr nach Ansicht von besorgten Freunden ohnehin dieses Schicksal bevor. Für Georgia bedeutete der Verzicht auf einen festen Freund kein echtes Opfer. Sie würde absolut alles jederzeit wieder genauso entscheiden, wenn sie erneut vor die Wahl gestellt würde. Dass der profitable Auftrag vom Laird of Glenteign genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen war, konnte sie dennoch nicht leugnen.

Georgia hatte jeden Penny, den sie nicht für den Lebensunterhalt brauchten, in Noahs neu gegründete Gartenbaufirma gesteckt. Mit ihrem Einverständnis plante er jetzt, auch den Gewinn aus diesem Auftrag in seinen Betrieb einfließen zu lassen, damit die Firma wachsen konnte. Vielleicht mussten sie sich in ein paar Jahren keine finanziellen Sorgen mehr machen, anstatt rund um die Uhr fürs bloße Überleben zu arbeiten.

„Keine Sorge, meine Liebe! Hier geht es nicht jeden Abend so formell zu“, beruhigte Moira sie, da sie Georgias zweifelnden Gesichtsausdruck bemerkte. „An den Wochenenden halten wir gern die Form ein, aber unter der Woche ist es hier lockerer. Es gibt noch ein kleineres Esszimmer gleich am Ende des Flurs hinter der Küche. Dort essen wir für gewöhnlich. Bitte entschuldigen Sie mich, ich werde mal nachschauen, wo Chief Strachan bleibt. Wahrscheinlich sitzt er am Schreibtisch und hat die Zeit vergessen. Gott allein weiß, wie tief der arme Mann in Arbeit steckt, seit er wieder hier ist. Und nachdem Valerie sich das Bein gebrochen hat, sind Sie keine Sekunde zu früh hierhergekommen, meine Liebe, so viel steht fest!“

Erleichtert atmete sie auf, nachdem Moira den Raum verlassen hatte. Ein paar Augenblicke allein kamen Georgia sehr gelegen, um darüber nachzudenken, wo sie hier eigentlich gelandet war. In Bezug auf ihren Job zweifelte sie nicht daran, Keir mit ihren Fähigkeiten vollends überzeugen zu können. Allerdings fragte sie sich, ob sie darüber hinaus gut miteinander auskommen würden.

Eines stand fest: Für jemanden zu arbeiten, der keinen Funken Humor besaß, konnte extrem ermüdend sein. Im Stillen hatte Georgia in dieser Hinsicht auf einen regelrechten Durchbruch gehofft. Die Londoner waren verschlossen, völlig in das Korsett ihrer täglichen Geschäfte eingezwängt und von ihren Karrieren besessen gewesen. Darum war es Georgia nicht leichtgefallen, ein ums andere Mal für diese rastlosen Chefs als Teilzeitsekretärin zu arbeiten.

Seufzend durchquerte sie das Esszimmer, um sich die Gemälde an den Wänden anzusehen. Während sie, den Kopf in den Nacken gelegt, dastand und die Bilder betrachtete, fiel ein Teil der inneren Anspannung von ihr ab.

„Entschuldigen Sie bitte die Verspätung!“

Der Klang seiner tiefen, kraftvollen Stimme ließ Georgia herumfahren.

Mit festen Schritten ging Keir auf den Kopf der Tafel zu und zog seine Hemdsärmel zurecht. Er wirkte, als würde er an einer Konferenz teilnehmen, statt normal zu Abend essen zu wollen. Zu Georgias Überraschung trug er Jeans, und in der Luft hing ein schwacher Hauch von Eau de Cologne.

Der Blick aus seinen azurblauen Augen war für einen kurzen Moment so forschend und eindringlich auf sie gerichtet, dass Georgia sich plötzlich fühlte, als stürzte sie im freien Fall zu Boden.

Noah hätte mich ruhig vor Keirs attraktivem Äußeren und seinem spröden Charme warnen können! dachte sie verärgert. Aber natürlich lassen kleine Brüder solche entscheidenden Details aus, wenn sie ihrer großen Schwester einen Mann beschreiben.

Noch mehr ärgerte sie, dass sie sich nicht im Griff hatte und von dem unbestreitbaren Charisma ihres Arbeitgebers völlig aus der Bahn werfen ließ. Normalerweise war Georgia nicht so leicht zu beeindrucken. Bewusst lockerte sie die Schultern.

„Das macht gar nichts. Ich habe gerade Ihre wunderschönen Bilder bewundert. Die Porträts sind für meinen Geschmack etwas zu ernst, wenn ich das sagen darf. Aber die Landschaftsmotive gefallen mir sehr.“

„Mögen Sie Kunst?“

„Natürlich.“

Ihre Überraschung war nicht gespielt. Stumm schien Georgia Cameron zu fragen: Tut das nicht jeder? Keir gefiel ihre vehemente Reaktion außerordentlich gut.

„Es gibt viele Gemälde in diesem Haus. Einige von ihnen stammen sogar von sehr berühmten schottischen Künstlern.

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