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Sehnsucht erwacht auf Mallorca

1. KAPITEL

„Mr. Symmonds, würden Sie Ihrer Mandantin freundlicherweise erklären, dass ihr Verhalten gestern äußerst unvernünftig war. Ich wollte Miguel abholen …“

„Mr. Shaw, würden Sie Ihrem Mandanten bitte mitteilen, dass ich hingegen sein gestriges Verhalten für weit mehr als unvernünftig halte – es war eindeutig unmenschlich!“ Brynnes dunkelblaue Augen blitzten auf, ihre Wangen waren gerötet. Zornig starrte sie auf den groß gewachsenen Mann, der auf der anderen Seite des Büros am Fenster stand.

Paul Symmonds, der sie anwaltlich vertrat, nahm neben ihr Platz und sagte mit ruhiger Stimme: „Ich fürchte, dass Señor Santiago das Gesetz auf seiner Seite hat, Miss Sullivan …“

„Vielleicht hat er das, aber …“

„Kein ‚Vielleicht‘, Miss Sullivan. Vor drei Wochen hat der Richter entschieden, dass Miguels Platz an meiner Seite ist, denn ich bin sein Vater“, unterbrach Alejandro sie mit eisiger Stimme. „Und als ich gestern wie vereinbart zu Ihnen nach Hause kam, weigerten Sie sich, mir Miguel zu geben.“

„Michael ist sechs Jahre alt“, sagte Brynne, wobei sie absichtlich die englische Version des Namens ihres Neffen benutzte. „Und er hat erst vor Kurzem seine Eltern bei einem Autounfall verloren. Er ist kein übrig gebliebenes Gepäckstück, das Sie nach Belieben abholen können, nur weil Sie zufällig sein leiblicher Vater sind!“ Sie atmete heftig und hatte die Hände zu Fäusten geballt.

Am liebsten würde sie schreien und toben und diesem Mann endgültig klarmachen, dass es ihr egal war, ob er der Vater des Kindes war oder nicht. Auch wenn sie nur die angeheiratete Tante war: Der kleine Junge gehörte zu ihr!

Doch sie wusste, dass sie keine Chance hatte. Die gerichtliche Auseinandersetzung mit Alejandro Santiago war bereits verloren.

Trotzdem war ihr zum Schreien zumute.

Alejandro musterte sie. Seine Miene verriet keinerlei Gefühl. Er war groß, hatte mittellange Haare und die kältesten grauen Augen, die Brynne je gesehen hatte. Sein Gesicht war kantig, und sein maßgeschneiderter Anzug verstärkte noch den Eindruck ungerührter Gleichgültigkeit. In dem heftigen Streit um das Sorgerecht für Michael in den letzten Wochen hatte er sie das Fürchten gelehrt.

„Ich weiß sehr gut, wie alt Miguel ist, Miss Sullivan“, entgegnete er auf Brynnes Gefühlsausbruch. „Und Sie wissen ebenso gut wie ich, dass mein Sohn zu mir gehört.“

„Er kennt Sie noch nicht einmal!“, protestierte sie.

„Das ist mir klar“, erwiderte er mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Aber ich kann nichts dafür, dass mein Sohn die letzten sechs Jahre ohne mich verbringen musste.“

„Sie hätten versuchen können, seine Mutter zu heiraten!“

Alejandros Nasenflügel zitterten vor Wut. „Was wissen Sie denn schon! Bilden Sie sich ja nicht ein, Sie könnten mir vorhalten, was ich vor sieben Jahren hätte tun oder lassen sollen!“

Sie schluckte seinen Kommentar herunter und beschloss, diesem arroganten Spanier einen kostenlosen Ratschlag zu erteilen. „Seit der Gerichtsverhandlung vor drei Wochen warte ich vergebens darauf, dass Sie Michael kennenlernen möchten. Aber Sie haben sich nicht ein einziges Mal mit ihm getroffen. Ich wusste noch nicht einmal, ob Sie überhaupt im Land waren. Und nun wagen Sie es …“

Seine harten grauen Augen wurden schmal. „Wo ich in den letzten drei Wochen war, geht Sie überhaupt nichts …“ Ungeduldig brach er ab und wandte sich an die beiden Rechtsanwälte, die den Streit beobachteten. „Mr. Symmonds, können Sie Ihrer Mandantin nicht begreiflich machen, dass Sie kein Recht hat, meinen Sohn von mir fernzuhalten? Ich habe dem heutigen Treffen allein aus Höflichkeit Miss Sullivan gegenüber zugestimmt. Ich akzeptiere, dass sie den Jungen mag …“

„Ihn mögen?“, wiederholte Brynne, außer sich vor Zorn. „Ich liebe ihn. Michael ist mein Neffe …“

„Das ist er nicht, er ist kein Blutsverwandter von Ihnen. Miguel war bereits vier Jahre alt, als seine Mutter Ihren Bruder heiratete …“

„Er heißt Michael“, stieß sie wütend hervor.

„Sehen Sie, Miss Sullivan“, ergriff Paul Symmonds das Wort. „Ich habe Sie vor dem Treffen darauf hingewiesen, dass Sie wirklich keine andere Wahl haben …“

„Michael ist noch vollkommen durcheinander, weil er seine Eltern verloren hat“, fuhr Brynne fort. Sie war selbst noch längst nicht über den Tod ihres älteren Bruders und seiner Frau hinweggekommen. Ein Autounfall hatte Michael zur Waise gemacht. „Ich bin mir sicher, dass der Richter davon ausging, dass Mr. Santiago die dreiwöchige Übergangsfrist nutzen würde, um Michael kennenzulernen, und dass er nicht plötzlich wie ein Wildfremder bei mir vor der Tür steht und erwartet, dass ich ihm das Kind anvertraue.“

Alejandro hob die kräftigen Augenbrauen und fragte sich nicht zum ersten Mal, warum diese Frau ihn so erbittert bekämpfte. Seit sechs Wochen schien sie nichts anderes zu tun. Vor eineinhalb Monaten hatte sich herausgestellt, dass der Junge, der durch die Heirat ihres Bruders ihr Neffe geworden war, tatsächlich sein Sohn war. Er war das Ergebnis der kurzen Affäre, die er vor sieben Jahren mit Joanna gehabt hatte.

Wenn Brynne Sullivan glaubte, diese Enthüllung hätte ihn unberührt gelassen, dann irrte sie sich. Er hatte in der Zeitung von dem schrecklichen Unfall gelesen, bei dem acht Menschen getötet worden waren, darunter auch Joanna und ihr Mann Tom. Ein Zeitungsfoto zeigte Joannas Sohn. Der kleine Junge, der den Unfall wie durch ein Wunder überlebt hatte, wies eine verblüffende Ähnlichkeit mit ihm selbst in diesem Alter auf. Er wurde misstrauisch und stellte diskrete Erkundigungen an. Dabei kam heraus, dass Michael bereits vier Jahre alt gewesen war, als Joanna Tom Sullivan heiratete, und dass der Name seines leiblichen Vaters unbekannt war.

Möglicherweise war Alejandro also tatsächlich der Vater. Auf der Stelle flog er für weitere Nachforschungen nach England. Kurz darauf beantragte er das Sorgerecht, und das Gericht ordnete einen Vaterschaftstest an, dessen Ergebnis eindeutig war.

Doch diese Frau, diese Brynne Sullivan, die jüngere Schwester von Joannas Mann, hörte nicht auf, gegen die Entscheidung des Gerichts anzukämpfen.

Sie warf ihm Unmenschlichkeit vor!

„Wie ich bereits sagte, mit dem Treffen heute wollte ich Ihnen entgegenkommen, und jetzt ist es beendet.“

„Nein, das ist es nicht!“ Brynnes Stimme war fest.

„Oh doch, und ob es das ist“, beharrte er betont ruhig, obwohl er nahe daran war, die Geduld zu verlieren.

„Sie werden Miguels Sachen zusammenpacken und ihn darauf vorbereiten, dass er morgen um diese Zeit mit mir kommt …“

„Nein, das werde ich nicht.“ Entschlossen schüttelte sie den Kopf. „Ich werde nicht zulassen, dass Sie ihn einfach so mitnehmen …“

„Ich fürchte, Sie haben keine andere Wahl, Miss Sullivan“, mischte Alejandros Anwalt sich mit freundlicher Stimme ein. „Señor Santiago hat das Gesetz auf seiner Seite.“

Für seine Mühe erntete er nichts als einen wütenden Blick aus blauen Augen.

Unter anderen Umständen hätte Alejandro sich von der Frau angezogen gefühlt. Sie war schlank, hatte lange tizianrote Haare und einen hellen Teint. Ihre Augen blitzten, und sie strahlte jugendliches Selbstvertrauen aus. Doch da sie zwischen ihm und seinem Sohn stand, ärgerte er sich nur in höchstem Maße über sie. Unter anderen Umständen hätte er sich über ihre Hartnäckigkeit amüsiert, da er hinter ihrem Verhalten einen Willen erkannte, der ebenso unzähmbar war wie sein eigener. Aber die Umstände waren nun einmal nicht anders, und so war Brynne Sullivan für ihn nur eine Quelle des ständigen Ärgers, die er so schnell wie möglich loswerden wollte.

„Aber er liebt Michael nicht so wie wir!“, sagte sie jetzt und starrte Alejandro mit unverhohlener Abscheu an. „Michael war erst vier, als Tom und Joanna heirateten, und jetzt, wo sie tot sind, sind meine Eltern und ich die einzigen Verwandten, die er noch hat …“

„Er hat Großeltern, Onkel und Tanten und zwei Cousins in Spanien“, unterbrach Alejandro sie.

„Die er genauso wenig kennt wie Sie“, gab sie scharf zurück.

Er holte tief Luft. „Miss Sullivan, seit sechs Wochen bringen Sie immer nur dieselben Argumente. Doch wie ich bereits sagte, weder Sie noch Ihre Eltern sind mit Michael verwandt …“

„Sie sind wirklich ein Ungeheuer!“ Brynne stand auf und schleuderte ihm die Anschuldigung entgegen. „Michael hat immer noch Albträume, weil seine Mutter und der einzige Vater, den er je kannte, tot sind. Wie können Sie nur daran denken, ihn auf diese gefühllose Weise den Menschen zu entreißen, die er für seine Großeltern und seine Tante hält?“

„Ich nehme nur mein Recht als Vater wahr.“ Er war sich immer noch nicht sicher, was er davon halten sollte, dass Joanna ihm Miguels Existenz all die Jahre verheimlicht hatte. Zugegeben, ihre Affäre hatte nicht lange gedauert, und es war nicht mehr als ein Urlaubsflirt gewesen. Aber Joanna musste gewusst haben, dass das Kind von ihm war. Trotzdem hatte sie ihm nichts von dem Jungen erzählt.

Frustriert starrte Brynne ihn an. Sie wusste, dass es keinen Zweifel daran gab, dass dieser Mann Michaels leiblicher Vater war. Genauso wie sie wusste, dass er das Recht hatte, sein Kind überallhin mitzunehmen.

Sie hatte niemals eine echte Chance gehabt, Michael zu behalten. Nicht, nachdem Alejandro Santiago das Sorgerecht beantragt hatte. Was konnte eine alleinstehende fünfundzwanzig Jahre alte Lehrerin schon gegen einen Mann ausrichten, der Millionen Pfund verdiente, überall auf der Welt Häuser besaß und zu seinen Geschäften rund um den Globus im eigenen Privatjet flog? Die einfache Antwort lautete: Nichts. Aber das hielt sie nicht davon ab, es zumindest zu versuchen.

„Ich kann wirklich nicht noch mehr Zeit mit diesem Thema verschwenden“, erklärte dieser Spanier gerade seinem Anwalt. „Ich habe dringende Termine auf Mallorca, ich musste bereits einige verschieben …“

„Das kommt natürlich nicht infrage, dass Michaels Glück Ihre Geschäftsinteressen gefährdet!“

Alejandro streifte sie mit einem kalten Blick, ehe er sich wieder an Paul Symmonds wandte. „Bitte sorgen Sie dafür, dass Ihre Mandantin alles vorbereitet hat, wenn ich Miguel morgen früh um zehn Uhr aus ihrem Apartment abhole“, sagte er kurz angebunden. „Andernfalls werde ich die Polizei einschalten.“

Das würde er tatsächlich fertigbringen, dachte Brynne. Als sie den unversöhnlichen Gesichtsausdruck des Mannes sah, gestand sie sich ihre Niederlage ein.

Sie konnte kaum glauben, dass ihre schöne, lebenslustige Schwägerin Joanna sich jemals mit einem Mann wie Alejandro Santiago eingelassen hatte. Er war etwa Mitte dreißig und von einer arroganten Selbstsicherheit, die fast unterkühlt wirkte. Doch ihr war bewusst, dass seine Größe, das dunkle Haar und die klaren, wie aus Stein gemeißelten Gesichtszüge ihn zum Inbegriff männlicher Schönheit machten.

Diese Tatsache war ihr trotz ihrer Wut und Enttäuschung in den letzten Wochen nicht entgangen.

War er vor sieben Jahren auch so reserviert gewesen? Oder war seitdem etwas geschehen, das ihn so hatte werden lassen?

Letztlich war diese Frage aber völlig unerheblich. Das Gericht hatte sein Sorgerecht für Michael bestätigt, und es gab absolut nichts, was sie dagegen unternehmen konnte.

Herausfordernd sah sie Alejandro an. „Haben Sie nicht etwas vergessen, Mr. Santiago?“

Er zog die Augenbrauen in die Höhe. „Und was sollte das sein?“

Brynne Sullivans Stimme bekam einen triumphierenden Klang. „Der Richter hat noch einige andere Entscheidungen getroffen. Eine davon besagt, dass Sie mir erlauben müssen, in den ersten vier Wochen bei Michael zu bleiben, um ihm die Eingewöhnung in sein neues Leben zu erleichtern.“

Das stimmte, doch er hätte nie gedacht, dass diese Frau, die ihn offensichtlich nicht leiden konnte, auf der Regelung bestehen würde.

Er war sich sicher, dass Brynne Sullivan eine einzige Plage sein würde, wenn sie mit ihm und Miguel nach Mallorca kam. Zweifellos würde sie jede seiner Entscheidungen über die Zukunft seines Sohnes infrage stellen.

„Diese Lösung scheint mir ganz im Sinne von Michaels Wohlergehen zu sein, meinen Sie nicht, Señor Santiago?“, regte Paul Symmonds vorsichtig an.

Alejandro warf seinem eigenen Anwalt einen zornigen Blick zu, erntete jedoch nur ein ergebenes Achselzucken.

Und was war mit seinem eigenen Wohlergehen? Er kochte innerlich vor Wut. Der rebellischen Brynne Sullivan würde es in den nächsten vier Wochen ein Vergnügen sein, ihm das Leben zur Hölle machen.

Brynne war keineswegs begeistert von der Vorstellung, nach Mallorca zu fahren, ebenso wie Alejandro keine Lust hatte, sie mitzunehmen. Bei allen Streitigkeiten spürte sie nur zu gut, wie anziehend dieser Mann auf sie wirkte. Doch ihre Anwesenheit würde Michael dabei helfen, sich einzugewöhnen. Am Ende des Monats würde es für Brynne nicht einfacher sein, sich von ihm zu trennen, doch zumindest konnte sie versuchen, Michael die erste Zeit des Zusammenlebens mit seinem neuen Vater zu erleichtern.

Natürlich hatte sie versucht, Michael alles zu erklären, aber mit seinen sechs Jahren war er einfach noch nicht in der Lage, die komplizierte Situation zu begreifen.

„Mr. Santiago …“ Streitsüchtig sah sie zu ihm hinüber und war sich bewusst, dass ihre Abneigung im gleichen Maße erwidert wurde. Das überraschte sie nicht, schließlich hatte sie diesen Mann in den letzten sechs Wochen erbittert bekämpft.

Doch es war etwas völlig anderes, ob sie akzeptierte, dass dieser Mann ein Recht auf seinen Sohn hatte, oder ob sie zuließ, dass er den Jungen einfach den Menschen wegnahm, die ihn liebten.

Desinteressiert hob Alejandro die breiten Schultern. „Es ist mir gleichgültig, ob Sie Miguel nach Mallorca begleiten oder nicht, Miss Sullivan“, erwiderte er abweisend.

„Ich bin sicher, dass es Ihnen nicht egal ist“, gab sie unbeirrt zurück. Ihre Wangen waren immer noch gerötet.

„Doch falls Sie sich dazu entschließen, sollten Sie morgen früh um zehn Uhr ebenfalls reisefertig sein“, schloss er kühl.

Er war so unversöhnlich. Und so unglaublich arrogant!

Nur der Gedanke, noch einen weiteren Monat mit Michael zusammen sein zu können, brachte Brynne überhaupt dazu, die Gegenwart dieses Mannes noch länger zu ertragen. Sie sollte ihn abgrundtief verabscheuen, doch stattdessen bekam sie weiche Knie, wenn sie ihn ansah, und ihr Puls begann zu rasen.

2. KAPITEL

„Hast du den Swimmingpool gesehen, Tante Bry? Und den Strand? Tante Bry, hast du den Strand gesehen?“, fragte Michael aufgeregt. Er öffnete eine der beiden großen gläsernen Flügeltüren, die von seinem Zimmer auf den Balkon hinausführten. Alejandro hatte ihm erklärt, dass dies sein Zimmer sei, solange sie auf Mallorca blieben. Brynnes Zimmer lag direkt nebenan. „Ich kann das Meer sehen, Alej … äh, Vater“, verbesserte Michael sich verlegen, als er seinen neuen Vater ansprach, der mit ihnen nach oben gekommen war. „Das Meer ist ganz türkis, und der Sand ist fast weiß. Und …“

„Geh nicht zu nah an die Brüstung, Michael“, sagte Brynne automatisch, als sie dem Jungen nach draußen folgte.

Die Hitze der mallorquinischen Julisonne brannte auf sie nieder. Vor ihnen lag ein terrassenförmig angelegter Orangenhain, der sich bis zum Meer erstreckte. Eine schmale Treppe führte an den Orangenbäumen vorbei zu einer kleinen Bucht. Der weiße Sandstrand wurde von schroffen Felsen geschützt, an denen sich die Wellen des Mittelmeeres brachen. Eine sanfte Brise trug den Duft wilder Kräuter herauf.

Es war nicht schwer, Michaels Begeisterungsstürme nachzuvollziehen. Wenn sie mit dem Kind ihre Ferien hier verbrächte, würden die Landschaft und die Villa sie ebenso bezaubern. Aber das Wissen, dass sie in einem Monat allein wieder abfahren musste, dämpfte ihre Freude an der luxuriösen und farbenprächtigen Umgebung.

Sie hätte sich denken können, was für ein Domizil sich ein spanischer Millionär auf Mallorca auswählte. Dabei hatte sie schon nach dem Flug im Privatjet gedacht, dass sie nichts mehr überraschen konnte. Das Flugzeug hatte zwölf Sitze, die eher bequemen Liegestühlen glichen, und ein junger Mann hatte ihnen einen Lunch serviert, der in den besten Londoner Restaurants nicht zu bekommen war.

Doch diese Villa war einfach unglaublich. Auf jedem Stockwerk führten breite Flügeltüren auf Terrassen und Balkone heraus. Rankende Bougainvilleen und Clematis, Oleander und Rosenstöcke bildeten ein Blütenmeer, das einen intensiven Duft verströmte. Im Inneren des Hauses sorgten Marmorböden für eine angenehme Kühle, und die weiße Einrichtung verstärkte noch den Eindruck der Frische. Am Rand der großen Terrasse glitzerte einladend ein Swimmingpool. Es war eine verlockende Alternative zu der kleinen Bucht und dem türkis schimmernden Wasser des Mittelmeers.

Michael war zunächst etwas ängstlich gewesen, doch das hatte sich rasch gelegt, nachdem sie den Privatjet bestiegen hatten. Anfangs hatte Alejandro ihn eingeschüchtert, weil er Brynne und Michael komplett ignoriert und sich sofort in seine Papiere vertieft hatte, die er aus seinem Aktenkoffer zog. Doch sobald sie in der Luft waren, kannte die Faszination des kleinen Jungen keine Grenzen mehr.

Brynne wünschte, sie könnte sein Vergnügen teilen, doch anders als Michael konnte sie Alejandro Santiagos Gegenwart während des gesamten Fluges nicht vergessen, und noch weniger, als er mit ihnen im Fond der großen Limousine saß, die auf dem Flugplatz von Mallorca auf sie wartete. Der Weg führte sie quer durch die dünn besiedelte Serra de Tramuntana, einen Gebirgszug an der Westküste der Insel bis in die Nähe von Banyalbufar, einem kleinen Dorf direkt am Meer. Hier in den Bergen regnete es häufiger als im Süden der Insel, sodass in den Tälern Orangen und Zitronen gediehen. Michael staunte über die dicht bewachsenen Berghänge, aus denen immer wieder Felsen emporragten. So etwas kannte er nicht aus dem heimatlichen England, ebenso wenig die wilden Bergziegen, die auf den engen Serpentinen immer wieder ihren Weg kreuzten. Die Serra de Tramuntana reichte bis an das Meer heran, nur hin und wieder fanden sich in den zerklüfteten Felsen kleine verschwiegene Buchten. Direkt über einer von ihnen hatte Alejandro Santiago seine Villa errichtet.

Brynne hatte ihn bisher nur im Anzug gesehen. Doch als er heute Morgen in maßgeschneiderter schwarzer Hose und kurzärmeligem Hemd vor ihr stand, war sie schlicht und einfach überwältigt. Seine Attraktivität hatte etwas Wildes und Unbändiges an sich. Seit er sie und Michael heute Morgen in ihrem Apartment abgeholt hatte, war er ihr gegenüber stets korrekt und höflich geblieben, mehr noch, er schien ihre Anwesenheit überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen. Seine Bemerkungen richtete er ausschließlich an „Miguel“. Doch Michael reagierte zuerst nicht darauf, bis er schließlich begriff, dass er mit diesem fremden Namen gemeint war.

Als sie die beiden zusammen sah, wurde sich Brynne schmerzhaft bewusst, warum Alejandro so sicher gewesen war, dass Michael sein Sohn war. Beide hatten schwarze Haare und graue Augen, und selbst in Michaels kindlichem Gesicht begannen sich bereits die scharfen Kanten abzuzeichnen, die die Züge des Vaters prägten. Außerdem war Michael recht groß für sein Alter, was darauf hindeutete, dass er als Erwachsener ebenso groß sein würde wie Alejandro.

„Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, ich würde Miguel ein strenger Vater sein“, sagte Alejandro jetzt, während er Brynne aufmerksam beobachtete. Ihre Augen schimmerten feucht, als sie dem Jungen zusah, der von einer Seite der Terrasse auf die andere rannte und über die ausgedehnten Täler und das glitzernde Meer staunte.

Sie drehte sich zu Alejandro um, und ihre Augen schienen blauer und größer als je zuvor. In den langen dunklen Wimpern hingen Tränen. „Bisher habe ich nicht den Eindruck, dass Sie ihm überhaupt irgendein Vater sein werden“, erwiderte sie scharf.

Er konnte selbst immer noch nicht recht fassen, dass er Miguels Vater war. Nicht, dass er daran zweifelte. Er wusste, dass das Ergebnis der medizinischen Tests eindeutig war. Doch es war alles so schnell gegangen von dem Augenblick, in dem er Miguels Bild in der Zeitung gesehen hatte, bis zum positiven Ergebnis. Und die ganze Zeit über hatte Brynne sich hartnäckig geweigert, Miguel seiner Obhut zu überlassen.

Er räusperte sich. „Ich werde ein paar Erfrischungen auf der Terrasse neben dem Pool servieren lassen. Sie können sich inzwischen ein wenig frisch machen.“ Er wandte sich zur Tür, die ins Zimmer führte, und rief: „Miguel?“

Als würde er einen Hund zu sich rufen, dachte sie aufgebracht, während Michael glücklich angesprungen kam und den Raum mit seinem neuen Vater verließ. Wie erwartet schien ihre Anwesenheit es dem Kind leichter zu machen, seine neuen Lebensumstände zu akzeptieren.

Schwerfällig ließ sie sich auf Michaels Bett sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. Die Tränen, die sie bisher verdrängt hatte, liefen heiß über ihre blassen Wangen.

Tränen, die schon längst überfällig waren.

Nach dem entsetzlichen Unfall, bei dem Joanna und Tom ums Leben kamen, hatte sie sich zusammengerissen. Sie musste sich um die trauernden Eltern und den verwirrten Michael kümmern und hatte keine Gelegenheit gefunden, ihre eigene Trauer zuzulassen. Aber jetzt, umgeben von dem Luxus, den Alejandro Santiago seinem Sohn bieten konnte, schien der richtige Zeitpunkt dafür gekommen zu sein.

„Ich wollte Ihnen noch kurz … Warum weinen Sie?“ Alejandros Stimme klang schroff, als er abrupt stehen blieb.

Sie schaute hoch. Trotz ihrer ablehnenden Gefühle ihm gegenüber konnte sie nicht ignorieren, wie attraktiv er aussah. „Was glauben Sie denn?“, fragte sie abweisend. Sie ärgerte sich, dass dieser Mann, der ihren Puls zum Rasen brachte, sie so sah: in Tränen aufgelöst, weil sie ihre Trauer nicht länger zurückhalten konnte.

Er reckte sein kantiges Kinn vor. „Ich habe keine Ahnung.“

„Nein.“ Sie richtete sich auf. Der Moment der Schwäche war vorüber, als hätte man sie in eiskaltes Wasser getaucht. „Natürlich haben Sie keine Ahnung“, sagte sie verächtlich. „Warum sind Sie zurückgekommen?“, fuhr sie rasch fort und wischte sich die Tränen von den Wangen, während sie aufstand, um ihm direkt ins Gesicht schauen zu können.

Diese junge Frau hat Mut, stellte Alejandro nicht zum ersten Mal fest. Sie war sehr jung, zehn Jahre jünger als er mit seinen fünfunddreißig Jahren. Er fühlte sich unbehaglich, weil sie geweint hatte, doch ihre Tränen ließen ihn nicht vollkommen unberührt.

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