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Segeltörn ins Glück

Lisa Ruff

Segeltörn ins Glück

1. KAPITEL

Ein Schatten bewegte sich über die Wand. Kate erschrak. Das Herz aus Glas, das sie soeben vollendet hatte, glitt ihr aus der Hand und zerschellte auf dem Arbeitstisch in tausend rote Scherben. Vorwurfsvoll schaute sie zur Tür.

„Himmel, Patrick! Kannst du nicht wenigstens anklopfen?“

Der große dunkelhaarige Mann, der im Licht der Nachmittagssonne im Türrahmen stand, betrat die Werkstatt. Auf seinem gebräunten Gesicht lag ein verführerisches Lächeln, das die gefühlte Temperatur im Raum um zehn Grad ansteigen ließ. Kates Puls raste immer noch. Aber nicht vor Schreck, sondern wegen Patrick Berzani, der jetzt dicht vor ihr stand.

„Nach drei Monaten auf dem Ozean habe ich mit einer liebevolleren Begrüßung gerechnet.“

Seine volltönende sympathische Stimme jagte ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Einerseits schien er sich darüber zu amüsieren, dass er ihr einen Schrecken eingejagt hatte. Andererseits glaubte sie aus seinem Tonfall herauszuhören, wie sehr er sich nach ihr gesehnt hatte. Sofort fielen ihr wieder Dinge ein, die sie längst aus ihrer Erinnerung verbannt hatte: ihr erster gemeinsamer Kaffee, seine schwarzen Locken auf ihrem Kissen … Sie bekam die Bilder einfach nicht aus ihrem Kopf, sosehr sie sich auch bemühte.

Das Lächeln, die Augen, sein Haar, der kleine goldene Ohrring – alles an ihm hatte sie von Anfang an fasziniert. Nein, er sei kein Künstler, hatte er lachend auf ihre Frage geantwortet. Sondern Segler. Ein Hochseesegler, dessen künstlerische Talente sich darauf beschränkten, den Rumpf eines Bootes anzumalen. Den Ohrring trug er seit einem Trip rund um Kap Hoorn. Später, als sie bereits ein Liebespaar waren, erfuhr sie mehr über ihn: Das Tattoo an seinem Arm hatte er sich machen lassen, nachdem er zum ersten Mal über den Äquator gesegelt war. Er trug ständig Segelschuhe. Und für Notfälle hatte er stets ein Stück Kordel und ein Klappmesser in der Hosentasche.

„Wenn du dich hier so anschleichst, hast du keine andere Begrüßung verdient.“ Es sollte ärgerlich klingen, aber so leicht war Patrick nicht zu täuschen. Er spürte, dass auch sie sich viel zu sehr nach ihm gesehnt hatte.

Er streckte die Hand nach ihr aus. Da sie nur zu genau wusste, was passieren würde, wenn er sie jetzt berührte, bückte sie sich rasch und griff nach Besen und Kehrblech, die unter dem Tisch standen.

„Ich muss die Splitter zusammenfegen …“

„Später.“ Er nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und drückte ihr einen innigen Kuss auf die Lippen.

Sie spürte seine Leidenschaft und die Wärme seines muskulösen Körpers, als er die Arme um sie schlang und sie an sich zog. Kehrblech und Besen fielen klappernd zu Boden, als sie seine Umarmung erwiderte. Patrick Berzanis Duft hüllte sie wie eine Wolke ein. Wie eine Ertrinkende klammerte Kate sich an den Mann, aber im Gegensatz zum offenen Meer, wo sie tatsächlich Angst vorm Ertrinken hatte, war das Gefühl in diesem Moment überwältigend, und sie wagte es, in Tiefen hinabzutauchen, in die sie sich in der Realität niemals getraut hätte.

Das Kribbeln in ihrem Bauch wurde intensiver, als er ihr über die Wangen strich und ihr mit den Finger durchs Haar fuhr. „Warte, Patrick.“ Sie klang atemlos. Seine Berührung hatte Wünsche in ihr geweckt, die nach Erfüllung verlangten. Er streifte ihr das Stirnband ab, und die üppigen Locken fielen ihr wie Wellen über die Schultern. „Das geht mir zu schnell.“ Sie trat einen Schritt zurück.

„Nicht schnell genug.“ Er streckte die Hand nach ihr aus, doch Kate wich ihm aus. „Ich muss eine Arbeit zu Ende bringen. Ich kann jetzt nicht unterbrechen.“

„Natürlich kannst du das.“ Patricks Lächeln wurde noch verführerischer. „Du hast es ja schon mal getan.“

Unwillkürlich lächelte sie. „Dieses Mal geht’s wirklich nicht.“ Sicherheitshalber zog sie sich auf die andere Seite des Tisches zurück.

„Draußen auf dem Meer musste ich dauernd an dich denken.“

Geschah ihm recht. Warum ließ er sie auch wochenlang allein? „Dann musst du eben noch ein bisschen länger an mich denken.“

Das Baby in ihrem Bauch begann zu strampeln, als ob es Kate daran erinnern wollte, dass sie nicht die Einzige war, die dieser Mann nervös machte. Sie holte tief Luft und widerstand dem Drang, die Hand auf die leichte Wölbung zu legen. Stattdessen griff sie zu einem breiten Pinsel und kehrte die Glassplitter auf ein Tablett. Den Handfeger holte sie lieber nicht. Der lag nämlich noch neben Patricks Füßen.

Patrick setzte sich auf einen Schemel.

„Tut mir leid mit dem Glas.“

Kate wandte ihm den Rücken zu, während sie die Scherben in den Schmelztiegel kippte. „Ach, das passiert mir auch öfter“, erwiderte sie leichthin. Aus dem großen Brennofen, in dem das Glas erhitzt wurde, holte sie eine bläulich schimmernde Kugel heraus und legte sie auf eine Asbestunterlage. Dann nahm sie einen Pinsel und Farbe zur Hand. Patrick ließ sie die ganze Zeit nicht aus den Augen.

„Wann bist du zurückgekommen?“

„Gestern. Genauer gesagt, heute ganz früh.“

Kate zog eine Augenbraue hoch. „Und da kommst du erst jetzt?“ Es war drei Uhr.

„Man muss ja auch mal schlafen, oder?“

„Du schläfst doch sonst kaum. Ich wette, du bist segeln gewesen.“ Sein Grinsen sagte ihr, dass sie richtig geraten hatte. „Kannst du nie genug davon bekommen? Drei Monate segelst du übers Meer, und kaum bist du hier, geht es schon wieder los.“

„Anderes Boot, anderes Gefühl.“ Patrick zuckte mit den Schultern. „Günstige Winde muss man ausnutzen.“

Kate seufzte. Er würde sich nie ändern. Kopfschüttelnd griff sie nach dem Metallstab, an dessen einem Ende die Glaskugel befestigt war, und begann, sie mit einer spiralförmigen Linie zu verzieren.

„Sieht hübsch aus“, meinte Patrick.

„Ich probiere eine neue Farbe aus. Nach dem Brennen leuchtet sie intensiver.“ Unter seinen forschenden Blicken konnte sie sich kaum auf ihre Arbeit konzentrieren. Ihre Hände zitterten, und die Linie drohte, ungleichmäßig zu werden. Deshalb legte sie die Kugel beiseite, ging zum Brennofen und kontrollierte den Schmelztiegel.

„Ich habe dich vermisst, Katie.“ Sie hatte gar nicht gemerkt, dass er sich hinter sie gestellt hatte. „Hast du mich auch vermisst?“

„Manchmal.“ Verstohlen streichelte sie über ihren Bauch. Um dieses Kindes willen hätte sie ihn längst vor die Tür setzen müssen. „Wie lange bleibst du dieses Mal hier?“

„Kommt drauf an.“

„Worauf?“

„Ich muss zwei neue Boote ausprobieren. Und es kommt auch auf dich an.“

„Wirklich? Seit wann denn das?“ Kate drückte sich an ihm vorbei und ging um den Tisch herum. Die Selbstverständlichkeit, mit der er sich in ihrer Werkstatt bewegte, irritierte sie. Glaubte er wirklich, dass sie nach der monatelangen Trennung einfach dort weitermachen konnte, wo sie aufgehört hatten? Offenbar war ihm nicht klar, dass sich einiges geändert hatte.

Patrick zog die Augenbrauen hoch. „Ich dachte, wir könnten noch was zusammen machen, ehe ich zur Trans-Oceana-Regatta starte.“

Kate hob das Stirnband auf, das zu Boden gefallen war, und stopfte es in die Gesäßtasche ihrer Jeans. „Ich weiß nicht, ob ich Zeit habe.“

„Sonst hattest du immer Zeit.“

Sie musterte ihn kühl. „Patrick, seit drei Monaten bist du wie vom Erdboden verschluckt. Ich habe schon nicht mehr daran geglaubt, dich wiederzusehen.“

„Warum denn das?“ Erstaunt schaute er sie an. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich wiederkomme.“

„Warum hast du dich die ganze Zeit nicht gemeldet?“

„Ich habe dich angerufen“, verteidigte er sich.

„Einmal. Ein einziger Anruf.“

„Ich war mitten auf dem Atlantik …“

„Erzähl mir bloß nicht, dass du keine Möglichkeiten hattest, mit dem Rest der Welt zu kommunizieren. Immerhin hattest du genügend Zeit, deine Homepage zu pflegen. Täglich hast du etwas Neues geschrieben.“

„Das war ich gar nicht“, verteidigte er sich. „Ich bin nur gesegelt. Der Sponsor hat mir jemanden mit einem Satellitentelefon aufs Boot gesetzt. Er hat jeden Tag einen aktuellen Bericht geliefert.“

„Und was war vorher? Das Rennen hat drei Wochen gedauert. Gut, nach deiner Ankunft in Frankreich hast du mich angerufen. Aber dann hast du wochenlang im Hafen gelegen. Nicht ein einziges Mal hast du mich angerufen und gefragt, wie es mir geht. Hast du überhaupt an mich gedacht, als du weg warst?“

„Das habe ich dir doch schon gesagt.“ Patrick blickte ihr ins Gesicht. „Vor so einem Rennen gibt es jede Menge Stress. Die Zeit läuft einem davon. Und irgendetwas geht immer schief.“

„Es gab Fotos von dir auf dem Boot, auf den Kais und auf allen möglichen Partys.“ Wütend funkelte sie ihn an. „Mit dem Bierglas in der Hand hast du wirklich sehr gestresst ausgesehen.“

Patrick fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Katie, ich …“

„Du hast nicht einmal an mich gedacht, stimmt’s?“ Forschend sah sie ihm in die Augen. Was sie dort entdeckte, stimmte sie eher traurig als zornig.

Patrick schwieg. Ein Schatten fiel über sein Gesicht. Schließlich hob er abwehrend die Hände. „Es tut mir leid. Ich hätte mich öfter melden sollen.“

Kate seufzte. Seine Entschuldigung machte sie nur noch melancholischer. Außerdem ärgerte sie sich über sich selbst, weil sie die Beherrschung verloren hatte. Dennoch war sie nach wie vor davon überzeugt, dass es das Beste wäre, einen Schlussstrich zu ziehen.

„Ja, das hättest du, aber darum geht es gar nicht.“ Kate fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Als du gegangen bist, war es aus zwischen uns. Ich …“

„Wirklich?“ Sein Lachen klang rau. „Bevor ich gefahren bin, haben wir doch jede Nacht zusammen geschlafen. Habe ich da vielleicht irgendetwas nicht mitbekommen?“

Kate wurde rot, als sie sich an die Leidenschaft erinnerte, mit der sie sich geliebt hatten. „Es hätte mir klar werden müssen, nachdem ich nach der ersten Woche kein Sterbenswörtchen von dir gehört hatte. Wenigstens aus dem Internet habe ich erfahren, dass du dich amüsiert hast.“

„Es tut mir wirklich leid, Kate.“ Patrick wollte sie in den Arm nehmen. „Lass uns noch mal von vorn anfangen.“

„Vergiss es!“ Ihre Antwort fiel heftiger aus, als sie beabsichtigt hatte.

„Bitte!“

„Es war bloß eine Affäre.“ Sie ließ sich auf einen Hocker fallen und stützte sich mit dem Ellbogen auf den Tisch. „Ich hatte gedacht, es wäre mehr, aber nachdem ich ein Vierteljahr nichts von dir gehört habe, weiß ich es besser. Es war wirklich nur eine Affäre.“ Resigniert ließ sie die Schultern hängen.

Ihre Blicke trafen sich. Seine Augen schienen dunkler geworden zu sein. Sie verrieten nicht, was in seinem Kopf vor sich ging.

„Und wie soll es weitergehen?“

Kate schluckte hart. Was sie ihm zu sagen hatte, würde ihm wehtun. Und ihr auch. „Ich möchte, dass du gehst. Wir sollten uns nicht mehr sehen. Du segelst durch die Welt, und ich arbeite hier. Jeder macht mit seinem Leben weiter.“

„Nein, so darf es nicht enden! Dafür war es zu schön mit uns beiden.“

Kate erhob sich und sah ihn an. Es fiel ihr unsagbar schwer, nicht zu ihm zu gehen und sich an seinen starken Körper zu lehnen. Aber sie hütete sich, es zu tun. In ihrem Zustand durfte sie nicht nur an sich selbst denken. Sie straffte die Schultern.

„Du hast recht, Patrick. Es war schön. Und jetzt ist es vorbei.“

Stumm schaute er sie an. Sein Gesicht war eine ausdruckslose Maske. Doch über seine Augen fiel ein Schatten. „Ich kann nicht glauben, dass du das ernst meinst.“

„Du kannst es ruhig glauben. Während du weg warst, hat sich einiges geändert.“

„Ich weiß.“ Er vergrub die Hände in den Taschen seiner Jeans. „Genau über diese Veränderung müssen wir uns unterhalten.“

Kate wurde blass. „Wer hat es dir erzählt?“, fragte sie entgeistert.

„Shelly. Ich habe sie vor zwanzig Minuten im Coffeeshop getroffen.“

Kate verschränkte die Arme vor der Brust und schaute aus dem Fenster auf einen wunderschönen Sommernachmittag, der ewig weit entfernt schien. Ihr fehlten die Worte.

„Wann wolltest du es mir sagen, Kate?“

„Gar nicht.“

„Was?“ Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Immerhin bin ich doch der Vater, oder?“

Seine Unterstellung machte Kate wütend. „Ja, Patrick“, sagte sie in scharfem Tonfall. „Technisch betrachtet.“

„Technisch betrachtet?“, echote er. „Das klingt ja so, als sei ich bloß ein Samenspender, der gerade zur Hand war.“

Kate wand sich. „So habe ich das nicht gemeint.“

„Wie denn dann?“

Sie seufzte. „Hör zu. Ich wollte nicht schwanger werden. Aber inzwischen bin ich froh darüber, dass es passiert ist. Ich wollte schon immer ein Kind haben, und jetzt bekomme ich eins.“

„Na wunderbar! Wo also liegt das Problem? Wir bekommen ein Baby. Ich werde Vater. Öffnen wir den Champagner!“

„Nein, Patrick. Ich bekomme ein Baby.“ Er wollte etwas erwidern, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Es ist mein Baby, und ich denke, du solltest dich da nicht mit einbezogen fühlen.“

„Wie soll denn das bitte funktionieren?“

„Ich meine …“ Kate hielt inne und holte tief Luft. Das war schwerer, als sie gedacht hatte. „Mein Baby hat einen Vater, ja. Aber der Erzieher bist du nicht.“

„Ist es nicht ein wenig zu spät, um daran noch etwas zu ändern?“ Die Ironie in Patricks Stimme war nicht zu überhören. „Und wenn ich Vater bin, bin ich auch Erzieher.“

Kate schüttelte den Kopf. „Du verstehst mich nicht …“

„Oh doch, ich habe dich sehr gut verstanden.“

„Es gibt da ein paar Alternativen – eine Liste sozusagen …“

„Eine Liste? Und ich stehe nicht drauf?“ Er stützte sich auf den Arbeitstisch und lachte. Es klang nicht fröhlich. „Soll das ein Witz sein?“

„Nein.“ Kate spürte, wie sie rot wurde. Trotzdem streckte sie ihm herausfordernd das Kinn entgegen. „Sieh den Tatsachen ins Auge, Patrick. Du wärst kein guter Vater. Deshalb suche ich mir einen anderen.“

Ein Schatten fiel über sein Gesicht. „Du hast keine Ahnung, was für ein toller Vater ich sein werde. Außerdem hast du kein Recht, mir mein Kind vorzuenthalten.“

Sie straffte die Schultern und sah ihn direkt an. „Patrick, du bist doch nie hier. Ein Kind braucht Mutter und Vater. Bist du wirklich gewillt, das Segeln aufzugeben, um ein guter Vater zu werden?“

„Nur weil ich gerne segle, heißt das nicht, dass ich kein guter Vater sein kann.“

„Also hörst du auf mit dem Segeln?“

„Ich muss es ja nicht aufgeben, um …“

„Doch, das musst du.“ Kate ignorierte seinen Protest. „Du musst bei ihr sein, um sie im Arm zu halten und zu lieben. Sie braucht dich, damit du sie nachts zudeckst, damit du bei ihr bist, wenn sie krank ist, und damit du ihr helfen kannst, wenn sie Probleme hat. Du musst hier sein, Patrick, und nicht irgendwo mitten auf dem Ozean oder in irgendeinem Hafen, wo du überhaupt nicht an sie denkst.“

Er hob eine Augenbraue. „Es ist ein Mädchen?“

„Ich weiß es nicht. Ich will es auch gar nicht wissen. Aber ich sage nicht gern ‚es‘.“

„Ich würde nie mein eigenes Kind vergessen“, erwiderte er mit rauer Stimme.

„Das sagst du jetzt. Bloß wenn du auf dem Meer bist, vergisst du alles andere.“

„Was weißt du denn schon davon, Kate? Du warst noch nie auf einem Segelboot.“

„Darum geht es auch gar nicht.“ Kate wurde immer gereizter. „Wir reden davon, ob du im Zweifelsfall für das Kind zur Stelle sein wirst.“

Er warf ihr einen wütenden Blick zu, aber Kate ließ sich nicht beeindrucken. Sie wusste, was es bedeutete, einen Vater zu haben, der niemals anwesend war. Ihrem Baby würde sie dieses Schicksal ersparen. Dazu war sie fest entschlossen. Sie drehte Patrick den Rücken zu und spürte die Hitze des Brennofens im Gesicht. Normalerweise empfand sie das Feuer als angenehm, doch dieses Mal fachten die Flammen ihren Zorn nur noch mehr an und machten sie traurig. Plötzlich hatte sie das Gefühl, nicht länger mit ihm in einem Raum sein zu können. Und da sie ihn nicht einfach hinauswerfen wollte, wandte sie sich zum Gehen.

Patrick folgte ihr. An der Tür fasste er ihren Arm. „Bitte, Kate. Lauf nicht weg. Es ist auch mein Baby.“

Sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. „Du bist nicht die Art Vater, die ein Kind braucht. Du bist doch kaum da. Du bist nur der Samenspender.“ Bewusst wählte sie seine Worte.

Als sie sich von ihm löste, fuhr seine Hand wie zufällig über ihren Bauch und blieb auf der kaum spürbaren Rundung liegen. Kate wehrte sich nicht länger. Eine Weile blieben sie reglos stehen. Kate spürte seinen Atem auf ihrem Haar und das Schlagen seines Herzens an ihrem Rücken.

Langsam ließ Patrick die andere Hand zu ihrem Unterleib gleiten. Sanft streichelte er ihr über den Bauch, der vor Kurzem noch ganz flach gewesen war. Kate ließ ihn gewähren. Die Mauer, die sie zwischen ihm und sich aufgerichtet hatte, begann bei seiner Berührung zu bröckeln. Dies war der Vater ihres Kindes. Sie spürte einen Kloß im Hals, als er das kleine Lebewesen streichelte, das aus ihnen beiden entstanden war.

Er drehte sie in seinen Armen herum und zog ihr T-Shirt hoch. Lange ruhte sein Blick auf ihrem schwangeren Bauch. Dann schaute er ihr in die Augen.

„Wie lange?“, wollte er wissen.

„Viereinhalb Monate.“

Erneut legte er die Hand auf ihren Bauch und spreizte die Finger, als wollte er so viel wie möglich von dem, was unter der Oberfläche lag, erfassen. Seine gebräunte Hand wirkte auf ihrer blassen Haut noch dunkler.

„Spürst du schon etwas?“

Kate nickte. „Sie ist ziemlich aktiv. Zuerst war es so, als hätte ich einen Schmetterling da drin. Aber jetzt fühlt es sich an, als ob sie tanzt.“

„Lass mich der Vater sein, Kate.“ Er musterte sie durchdringend. „Das darfst du mir nicht nehmen. Ich möchte es.“

Abrupt löste sie sich von ihm und zog sich das T-Shirt über den Bauch. „Es geht nicht darum, was du möchtest oder was ich möchte. Es geht um mein Kind.“

Patrick ließ sie nicht aus den Augen. „Unser Kind.“

„Ihr Glück ist mir das Wichtigste. Aber würdest du das genauso sehen? Ich glaube nicht, dass du so selbstlos bist.“

„Du gibst mir ja nicht mal eine Chance.“ Patrick fuhr sich mit der Hand durch sein langes Haar. Erregt lief er durch die Werkstatt. Nachdem er Kate eine Weile den Rücken zugewandt hatte, ließ er die Hand sinken und drehte sich um. „Ich habe dich nicht geschwängert und bin dann einfach abgehauen.“

„Ich weiß.“ Kate holte tief Luft. „Aber für mich ist alles anders geworden.“

„Du redest, als würde es sich um Jahre handeln. Dabei waren es gerade einmal drei Monate.“

„Drei Monate ohne dich. Ich war ganz auf mich allein gestellt, während ich über mein Kind nachgedacht habe. Ich führe jetzt ein anderes Leben, Patrick.“ Sie legte eine Hand auf die Stelle ihres Bauches, wo seine gewesen war. „Ich glaube nicht, dass du mir geben kannst, was ich brauche oder was ein Kind braucht. Und ehrlich gesagt möchte ich nicht noch einmal von dir verletzt werden. Oder dass das Baby verletzt wird …“

„Kate, ich …“

„Nein, Patrick. Ich bin müde und habe keine Lust, noch länger darüber zu streiten.“

„Aber wir müssen …“

Kate hob die Hand. „Nicht heute.“

Er biss die Zähne zusammen. „Heute Morgen habe ich erfahren, dass ich Vater werde. Jetzt erzählst du mir, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken. Wir beide müssen das. Ich komme morgen wieder.“

Kate schüttelte den Kopf. Natürlich würde er sich damit nicht abfinden. Er war hartnäckig. Aber sie wusste auch, dass er nicht gewinnen würde. Das Baby würde jedes seiner Argumente übertrumpfen. Er wäre zu selten da, um seiner Vaterrolle gerecht zu werden, und das konnte sie nicht akzeptieren.

„Morgen geht es nicht. Ich habe einen Termin.“

„Bei deinem Arzt? Ich begleite dich.“

„Nein.“ Kate spürte, wie sie errötete.

Sie drehte sich um und begann, ihr Werkzeug an die Haken einer Hartfaserplatte, die an der Wand befestigt war, zu hängen. Die Eisendorne klapperten, als sie sie in einer Schublade unter dem Arbeitstisch verstaute. Vorsichtig goss sie Glasurmasse in zwei Gefäße, die sie auf einem Ablagegestell am Ende des Tisches platzierte. Anschließend hob sie den Pinsel auf, den sie fallen gelassen hatte, und tauchte ihn in ein Glas mit Terpentin. Mit einem Lappen wischte sie Farbflecke vom Tisch. Die ganze Zeit über behielt Patrick sie im Auge, doch sie vermied es, ihn anzusehen.

„Du triffst dich also mit einem meiner Ersatzmänner.“

Kate fuhr herum. „Wer hat dir …?“ Sie hielt inne, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. Er hatte nur geraten, aber ihre Reaktion hatte seine Vermutung bestätigt.

„Dir ist es wirklich ernst damit, nicht wahr?“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Verdammt, Kate, ich kann das nicht glauben.“

„Dann kannst du es eben nicht glauben. Es gibt nichts mehr zu besprechen. Ich habe meine Entscheidung getroffen.“

„Das ist verrückt.“ Mit ausholenden Schritten ging er zur Tür und riss sie auf. „Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Noch lange nicht.“ Laut krachte die Tür hinter ihm ins Schloss, als er die Werkstatt verließ.

Kate zuckte zusammen. Seufzend ließ sie sich auf den Schemel fallen. Unruhig bewegte sich das Baby in ihrem Bauch. Beschwichtigend legte sie die Hand auf die Wölbung.

„Es ist alles in Ordnung, Schatz. Mama hat das Richtige getan.“ Der Laut, den Kate von sich gab, war eine Mischung aus Schluckauf und Schluchzen, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. „Es ist vorbei. Jetzt ist alles vorbei.“

2. KAPITEL

Patrick parkte seinen Truck am Jachthafen. Nur wenige Fahrzeuge standen auf dem mit Kies bestreuten Areal. Die meisten gehörten Leuten, die im Hafen arbeiteten. Ihre Autos waren leicht von denen der Bootsbesitzer zu unterscheiden: am Alter, am Grad der Abnutzung und der Verschmutzung. Genau wie Patricks Dodge: Einstmals weiß, war er inzwischen eher schmuddlig grau gefärbt, und auf dem Wagendach befand sich eine v-förmige Delle, die von einem Mast stammte, der auf den Wagen gefallen war.

Patrick blieb hinterm Steuer sitzen und starrte durch die Windschutzscheibe, die Hände um das Lenkrad geklammert. Unvermittelt stieß er mit der Schulter die Tür auf, sprang hinaus und schlug sie so wütend wieder zu, dass der Wagen unter dem wuchtigen Schlag erbebte. Nach der Kühle im Wageninneren umfing ihn die Julihitze, die von der Chesapeake-Bucht herüberwehte, wie ein feuchtes Handtuch. Patrick ging um das Auto herum, öffnete den Kofferraum und griff nach dem Rucksack mit seinen Segelsachen.

Sie kann mir mein eigenes Kind nicht vorenthalten! Dazu hat sie kein Recht!

Aber was konnte er dagegen tun? Wütend schlug er mit der Faust auf die Heckklappe, sodass eine Delle zurückblieb. Ein sengender Schmerz schoss von seinem Handgelenk bis hinauf zum Ellbogen. „Verdammt noch mal!“

Er schob die Hand in seine Achselhöhle, was den Schmerz allerdings nicht linderte.

Schwer ließ er sich auf die Stoßstange fallen und massierte sich die Finger. „Verdammt“, wiederholte er leise.

Der Schmerz war größer als seine Wut. Das Herz lag ihm wie ein Stein in der Brust. Überrascht stellte er fest, wie viel ihm das Baby jetzt schon bedeutete. Resigniert ließ er die Schultern hängen. Tausend Gedanken schwirrten in seinem Kopf umher. Melancholisch betrachtete er die Kieselsteine zu seinen Füßen.

„He, was ist los?“

Patrick schaute auf. Sein Bruder Ian stand vor ihm, die dunklen Augenbrauen fragend hochgezogen.

„Das willst du gar nicht wissen“, antwortete Patrick.

„Warum du auf deinen Wagen eingeprügelt hast?“ Ian grinste. In einer Hand hielt er einen Segeltuchbeutel mit Werkzeugen, aus dem eine Bogensäge hervorlugte; die andere hatte er auf eine Holzplanke gelegt, die er auf seiner Schulter balancierte. „Doch, das will ich wissen.“

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