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Seduction - Wenn Liebe durch den Magen geht (3in1)

Zum Buch:

„Ich habe ein Dutzend von deiner Art gedatet. Und es endet immer mit einem heftigen Crash!“ Jake schluckt hart bei Addies plötzlichem Ausbruch. Die Mitbesitzerin des „Seduction“ ist die faszinierendste Frau, der er je begegnet ist. Doch sie will nicht glauben, dass seine wilden Tage als Rockstar vorbei sind – seit jener unheilvollen Nacht vor fünf Jahren. Alles, was er heute will, ist in Addies Restaurant zu spielen und den sexy Dickkopf von seinen Zielen zu überzeugen: sie kennenzulernen und in den siebten Himmel zu küssen.

Zur Autorin:

Für New York Times-Bestsellerautorin Kristen Proby geht nichts über eine klassische Liebesgeschichte mit starken Charakteren, die auf Treue und Familie schwören. Ihre Helden haben ihren eigenen Kopf und einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, und die Frauen lassen sich kein X für ein U vormachen. Kristen lebt im malerischen Whitefish in Montana, wo sie Schokolade, Kaffee und den Sonnenschein genießt. Und Nickerchen.

Kristen Proby

Für Happy Ends gibt’s kein Rezept

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Ralph Sander

Widmung

Gewidmet ist dieses Buch Jay Crownover. Danke für deine Freundschaft.

Danke, dass du mich zu einer Szene in diesem Buch inspiriert hast.

Danke, dass du du bist. Ich liebe dich, meine Freundin.

1. Kapitel

Addison

„‚Zusammenfassend lässt sich also sagen‘“, liest Cami, eine meiner besten Freundinnen und außerdem meine Geschäftspartnerin, aus der Portland Tribune vor, „‚das ‚Seduction‘ ist anders als jedes Restaurant, das ich je besucht habe. Das Essen schmeckt köstlich, die Weinauswahl ist beeindruckend, und das ganze Ambiente wirkt so sexy, dass es einem den Atem raubt. Ich kann Ihnen das Restaurant für Ihr nächstes Date nur empfehlen.‘“

„Ich möchte dem Kritiker am liebsten Blumen schicken“, sagt Mia und lächelt breit. „Wer hätte gedacht, dass wir ein halbes Jahr nach der Eröffnung schon eine solche Besprechung bekommen?“

„Na ja, dass die Leute vom Essen begeistert sein würden, war zu erwarten.“ Ich nehme die Zeitung, um die Kritik zum x-ten Mal durchzulesen. „Du bist eben ein Genie in der Küche, Mia. Das wissen wir alle schon seit der Highschool.“

„Trotzdem werde ich immer noch nervös. Jetzt erst recht! Man kann nie wissen, mit welchen Gästen man es gerade zu tun hat. Wir waren ja auch nicht vorgewarnt, dass dieser Typ vorbeikommt.“ Mia knabbert mit besorgtem Blick an der Nagelhaut ihres Daumens. „Vielleicht sollte ich die Speisekarte erweitern.“

„Die Speisekarte ist perfekt.“ Cami schüttelt den Kopf, dass ihre blonden Haare fliegen. „Er fand uns doch super.“

Wir lächeln uns gegenseitig an, bis ich schließlich im Sitzen einen kleinen Freudentanz aufführe. Noch ist das Lokal nicht geöffnet. Kat und Riley, die unser Business-Quintett vervollständigen, sind noch nicht da. Aber Mia, Cami und ich haben den Artikel wieder und wieder gelesen, jubelnd und tanzend.

Wir sind so froh!

Schließlich haben wir uns in den sechs Monaten seit der Eröffnung krummgelegt. Wir haben alles auf diese eine Karte gesetzt. Wir dürfen nicht scheitern.

Und das werden wir auch nicht.

Wir hören, wie die Eingangstür aufgeht und wieder zufällt, und ich rechne damit, jeden Moment Riley oder Kat zu sehen. Doch stattdessen kommt Jeremy ins Lokal, noch ganz zerknittert vom Schlaf. Die Augen bekommt er noch gar nicht richtig auf, er ist unrasiert und seine blonden Haare stehen in alle Richtungen ab, so wie meine Finger sie ihm letzte Nacht zerzaust haben.

Himmel, dieser Mann lässt meine Hormone doch glatt Überstunden machen. Er lächelt und küsst mich auf die Stirn, greift sich meinen Kaffeebecher und setzt sich zu mir.

„Was hast du hier zu suchen?“, fragt Cami irritiert. „Ich bin zu gut gelaunt, um so zu tun, als würde ich dich mögen.“

Ich werfe meiner Freundin einen verärgerten Blick zu, aber sie reagiert nur mit einem Schulterzucken.

„Meine Freundin ist hier“, antwortet Jeremy und nippt an meinem Kaffee. „Sie hat mir gefehlt.“

„Blödsinn“, flüstert Mia und verdreht die Augen. Anfangs konnten meine Freundinnen Jeremy ganz gut leiden, aber inzwischen zeigen sie offen, was sie von ihm halten. Ich denke, sie sind bloß übervorsichtig. Sie wollen nicht, dass er mir wehtut. Zugegeben, er ist Musiker. Kein besonders talentierter, aber hat regelmäßig Gigs für seine Band Hells Roses.

Und … oh Gott … das, was der Mann im Schlafzimmer alles drauf hat, sollte polizeilich verboten sein. Außerdem bringt er mich zum Lachen, und obwohl er allen anderen gegenüber so arrogant auftritt, erlebe ich ihn immer wieder sehr verwundbar und lieb, wenn wir allein sind.

Ist er der Richtige? Vermutlich nicht, allerdings bin ich mir auch ziemlich sicher, dass dieser Richtige sowieso nur eine Erfindung von Liebesroman-Autoren und Disney ist.

„Seid nett“, fauche ich und widme mich wieder der Zeitung. „In der Tribune haben wir eine irrsinnig gute Besprechung bekommen“, lasse ich Jeremy begeistert wissen.

„Logo“, gibt er zurück und küsst mich auf die Wange. „Sind da auch Konzertkritiken drin?“ Schon hat er mir die Zeitung aus der Hand genommen und fängt an zu blättern, bis er die Seite über die Musik- und Clubszene in Portland gefunden hat. „Nicht eine verdammte Zeile über uns?“, beklagt er sich, nachdem er alle Artikel überflogen hat.

Cami sucht meinen Blick und runzelt die Stirn. Ich reagiere mit einem knappen Achselzucken. Er hat mit Gastronomie nichts am Hut, er kann nicht nachvollziehen, warum diese gute Kritik für uns so wichtig ist.

„Ich habe mir etwas überlegt“, wechsele ich schließlich das Thema und stütze die Ellbogen auf den Tisch. „Jetzt, wo der Laden gut läuft, könnten wir es an den Wochenenden mit Livemusik versuchen.“

„Sorry, Cupcake“, wirft Jeremy seufzend ein. „Aber wir sind ausgebucht.“

Gott sei Dank. Jeremys Band spielt nicht die Art von Musik, die mir für mein Restaurant vorschwebt. Aber statt seinem Ego einen Stich zu versetzen, lächle ich ihn nur an und gebe ihm einen Kuss auf die Schulter.

„Ich weiß, Babe. Aber ich möchte trotzdem jemanden engagieren. Vielleicht jemanden, der solo auftritt, nur mit Mikro und Hocker auf der Bühne, wisst ihr, was ich meine?“

„Leisten können wir uns das“, sagt Cami nachdenklich. Sie ist bei uns für die Finanzen zuständig und kümmert sich um alles, was mit Geld zu tun hat. Kopfrechnen beherrscht sie wie keine andere. „An wen hast du gedacht?“

„Ich weiß noch nicht.“ Ich greife nach meinem Kaffeebecher und stutze, als ich feststelle, dass Jeremy ihn bis zum letzten Tropfen ausgetrunken hat. „Babe, gehst du bitte rüber zu ‚Starbucks‘ und holst uns noch mehr Kaffee?“

„Hab mein Portemonnaie vergessen“, murmelt er mürrisch. Ich nehme einen Zwanziger aus meiner Handtasche und gebe ihm den Schein. „Bitte schön.“

„Danke.“

„Ach ja und wegen deiner Musiker-Suche“, fügt er hinzu, als er bereits in Richtung Tür geht. „Am Samstag ist im ‚Crush‘ Talentabend. Da stehen normalerweise immer ganz gute Bands auf der Bühne. Möchte wetten, du findest da genau das, wonach du suchst.“

Ich lächele meinen sexy Freund an und hauche ihm einen Kuss zu. „Super, danke.

Er zwinkert mir zu und schlendert nach draußen. Als die Tür hinter ihm zugefallen ist, sieht Mia mich kopfschüttelnd an. „Ist das wirklich dein Ernst?“

„Wieso? Der Talentabend ist doch eine geniale Idee“, erwidere ich.

„Davon redet sie doch gar nicht“, wirft Cami ein. „Jeremy ist eine Pfeife.“

„Ist er nicht.“ Ich lehne mich zurück. Okay, vielleicht hat er ja seine pfeifenhaften Momente. „Er ist süß. Und sexy.“

„Und er lässt sich von dir aushalten. Sein Portemonnaie steckt in seiner Hosentasche“, beharrt Mia. „Und ich verwette mein monatliches Schokoladenbudget, dass er sich bei dir eingenistet hat.“

„Sein Mitbewohner ist ausgezogen, und allein kann er die Miete nicht bezahlen.“

„Addie“, sagt Cami und fasst nach meiner Hand. „Du bist nicht sein Fußabstreifer.“

„So behandelt er mich doch gar nicht.“

„Oh doch, er macht genau das“, seufzt Mia und greift nach meiner anderen Hand. „Du hast was Besseres verdient.“

„Ich mag euch beide wirklich sehr“, beginne ich und merke, wie sich mein Magen verkrampft. „Und ich weiß, ihr wollt mich nur beschützen. Aber Jeremy ist einer von den Guten. Und ich mag ihn nun mal.“

„Okay.“ Cami nippt einen Schluck Kaffee. „Und wenn er dir das Herz bricht, werden wir für dich da sein.“

„Reden wir lieber über diesen Talentabend. Wer geht mit mir hin?“

Mia und Cami sehen sich kurz an.

„Ich muss arbeiten“, antwortet Mia. „Ich habe da ein paar neue Gerichte für Samstagabend, die ich ausprobieren will.“

„Und ich habe keine Lust“, erklärt Cami ohne Umschweife. „Aber ich bin mir sicher, du findest genau das, was wir brauchen.“

„Dann nehme ich Kat mit.“ Ich kaue auf meiner Unterlippe rum und sortiere die Ideen, die mir durch den Kopf gehen. „Sie hat eine gute Nase für so was.“

„Gute Idee.“

Wieder geht die Tür auf.

„Ah gut. Mr. Wonderful ist zurück“, murmelt Cami.

„Wie kriegst du deine Haare so hin?“, fragt Riley, die auf meinem Hocker sitzt und Eis aus einer Packung Chunky Monkey löffelt. Ich drehe meine Haare währenddessen zu dicken Ringellocken auf. Heute Abend hab ich sie mit lila Strähnchen versehen.

„Das ist nicht so schwer, man braucht nur etwas Übung. Wenn man den Dreh erst mal raus hat, geht es ganz schnell.“

„Das Lila gefällt mir“, sagt sie grinsend. „Und die enge Jeans steht dir auch gut. Du hast einen tollen Hintern.“

Lachend drehe ich mich zur Seite und begutachte, wie mein Hintern in der Jeans wirkt. Sie hat recht, er ist gar nicht so übel. Ich könnte zwar etwas weniger Hüfte vertragen, aber was will man da machen?

„Soll ich über das Top noch eine Jacke anziehen?“ Es ist ein fließendes schwarzes Top, das mein Dekolleté hervorhebt und sich dabei nicht an meinen Problemzonen festklammert.

„Nein, das sieht scharf aus. Damit findest du entweder einen coolen Sänger fürs Restaurant oder angelst dir einen Mann.“

„Ich habe bereits einen.“ Ich sehe hinauf zum Himmel. „Herr, gib mir Kraft.“

„Jeremy ist kein Mann in diesem Sinne“, widerspricht Riley, die inzwischen den Boden des Eisbechers erreicht hat, wie das Kratzen deutlich erkennen lässt. „Er ist jemand, den man vögelt.“

„Riley!“

„Stimmt doch“, sagt sie gelassen. „Daran ist auch nichts verkehrt, solange dir die Sache klar ist.“

„Na, der Sex ist nicht gerade einschläfernd.“ Es wird energisch gegen die Schlafzimmertür geklopft und Kat kommt herein. Sie ist groß und hinreißend und strahlt pures Selbstbewusstsein aus. Die Haare hat sie hochgesteckt, sie trägt ein ärmelloses Top, damit man ihr irres Tattoo sehen kann, und die Absätze ihrer pinkfarbenen Stilettos sind einfach mörderisch.

„Es sollte verboten sein, so scharf auszusehen“, seufzt Riley. „Ihr seht beide scharf aus.“

„Warum kommst du nicht mit?“, will Kat wissen.

„Weil ich mir für diese Musikacts einen neuen Marketingplan überlegen muss.“

„Lahme Ausrede“, sagt Kat und sieht mir beim Schminken zu. „Und wo wir gerade von heißen Frauen reden … Hallo, Sexbombe.“

Ich grinse sie im Spiegel an. „Du bist seit Langem mein heißestes Date.“

„Danke, gleichfalls.“ Sie zwinkert mir zu. „Okay, wonach halten wir heute Abend Ausschau? Addie, diese Gigs sind dein Ding, ich unterstütz dich nur ein bisschen.“

„Es sind unsere Gigs“, erwidere ich.

„Das Foyer gehört dir, und wie du das managst, ist einfach hammer.“ Riley trägt ein wenig von meinem Lippenstift auf ihre vollen Lippen auf, betrachtet sich im Spiegel und wischt alles gleich wieder weg. „Mir steht Lippenstift einfach nicht.“

„Ich will einen Solokünstler, maximal ein Duo.“ Ich zupfe an meinen Haaren, bis sie genau so liegen, wie ich es die ganze Zeit über wollte. „Jemanden mit einer sexy Stimme. So im Stil von Gavin DeGraw.“

„Der ist definitiv heiß.“ Kat nickt zustimmend. „Wie viel können wir ausgeben?“

„Möglichst nicht mehr als fünfhundert pro Abend“, sagt Riley. „Cami meint, dass wir diese Summe ohne Probleme erübrigen können.“

„Nicht schlecht. Jetzt will ich nur hoffen, dass wir auch jemanden finden. Ins Fenster habe ich auch noch einen Zettel gehängt. Schaden kann es nicht.“

„Okay, dann wollen wir mal.“ Wir folgen Kat aus dem Apartment.

„Viel Spaß“, ruft Riley und winkt uns zu, während sie zu ihrem Wagen geht.

„Den werden wir haben“, meint Kat, schlägt mit mir zum High five ein und führt mich zu ihrem Auto.

„Kann ich euch noch einen Chardonnay bringen?“, fragt die Kellnerin Kat, die den Kopf schüttelt.

„Eine Diät-Cola reicht mir.“

„Die nehme ich auch.“

Die Kellnerin nickt und geht weg.

„Kein guter Wein?“, frage ich Kat grinsend.

„Schmeckt wie Pisse“, antwortet sie. „Ich kann ja verstehen, wenn man günstige Flaschen servieren will, aber hier gibt es auch wirklich gute Tropfen. Die sollten uns keinen minderwertigen Fusel vorsetzen.“

Mein Lächeln wird noch breiter. „Das macht mich richtig an, wenn du die Weinkennerin raushängen lässt.“

„Ist nun mal mein Job.“

„Und den beherrschst du verdammt gut.“ Das stimmt auch. Kat ist die beste Sommelière im ganzen pazifischen Nordwesten. Sie kennt sich mit Wein wirklich aus.

„Und was hältst du von dem, was du bislang gehört hast?“

Wir sitzen an einem Tisch ziemlich in der Mitte des Raums und dabei nahe an der Bühne, womit wir einen guten Blick auf die Künstler haben. Im Augenblick singt eine junge Frau einen Song von Trisha Yearwood, trifft aber nicht die richtigen Töne.

„Bis jetzt hat mich noch nichts so richtig begeistert.“

Kat nickt, bevor sie einem Mann einen giftigen Blick zuwirft, der ihr im Vorbeigehen an den Po gefasst hat. „Behalt die Finger bei dir, Freundchen.“

Er zuckt nur mit den Schultern und grinst frech, während er weitergeht.

„Männer sind widerwärtig“, grummelt Kat.

Die Sängerin mit den falschen Tönen ist fertig, wir applaudieren. Dann geht es zurück ins Jahr 1967, nur dass der Kerl auf der Bühne höchstens zweiundzwanzig sein dürfte. Seine Dreadlocks reichen ihm bis weit den Rücken hinunter. Er hat einen Vollbart, seine Kleidung ist schmutzig – vermutlich ein Obdachloser, der sonst an irgendeiner Straßenecke steht und singt.

Dann aber fängt er an zu singen, und ich bin hin und weg. Seine Stimme ist die eines Engels, und sein „Halleluja“ klingt, als würde er irgendwo da oben im Himmel sitzen. Völlig fasziniert sehen wir uns seinen Auftritt an.

Er ist einfach unglaublich.

Als er fertig ist, bekommt er ohrenbetäubenden Applaus.

„Wow.“ Kat starrt mich mit ihren blauen Augen an. „Hast du das gehört?“

Ich nicke. „Wir besorgen uns auf jeden Fall seine Nummer. Wenn wir ihn dann noch dazu bringen, sich zu waschen und etwas Sauberes anzuziehen, könnte er genau der Richtige für uns sein.“

„Vorausgesetzt, er will was Sauberes anziehen“, wendet Kat ein. „Das da ist vielleicht genau das, was er mag.“

Nach einer ganzen Reihe von wenig mitreißenden Künstlern kommt schließlich ein Paar auf die Bühne, ein Mann und eine Frau, die eine Ballade vortragen und sich dabei verliebt in die Augen sehen. Ihre Harmonie wirkt sanft wie Seide.

„Die zwei gefallen mir“, sagt Kat und beugt sich zu mir herüber. „Die haben den richtigen Look, sie sind verliebt und sie sind sexy. Genau das Richtige für unseren Laden.“

„Finde ich auch.“

Ich will die beiden. Unbedingt. Sie sind einfach perfekt. „Ich red mit ihnen.“

Kat nickt nur und konzentriert sich auf das nächste Duo. Das ist aber nicht annähernd so gut wie die zwei, auf die ich es abgesehen habe.

„Entschuldigt.“ Die beiden drehen sich zu mir um, und ich setze mein strahlendstes Lächeln auf. „Ich bin Addison, eine der Inhaberinnen vom „Seduction“. Das ist ein neues Restaurant hier in der Stadt. Ich wollte euch fragen, ob ihr an den Wochenenden bei uns auftreten möchtet.“

Die beiden sehen sich an und lächeln. „Vielen Dank! Ich bin Rebecca.“ Die zierliche Blonde gibt mir die Hand. „Und das ist mein Mann Paul.“

„Ihr seid wirklich ziemlich gut.“

„Das ist alles ihr Verdienst“, meint Paul und sieht seine Frau liebevoll an.

„Ich suche jemanden, der freitags und samstags abends bei uns auftritt. Ich bezahle fünfhundert Dollar für jeden Abend.“

„Pro Person?“, fragt Rebecca, die mich auf einmal listig anschaut.

„Nein“, sage ich. „Pro Auftritt.“

Wieder sehen sie sich an, Paul schüttelt den Kopf. „Tut mir leid, aber wir sind mehr wert als das.“

„Wie viel bekommt ihr denn sonst?“

„Oh, wir haben noch gar keine Engagements. Wir sind neu in der Gegend.“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Ihr seid das wert, was ihr bezahlt bekommt. Danke, nett euch kennengelernt zu haben.“

Ohne ein weiteres Wort drehe ich mich um und kehre zu unserem Tisch zurück. „So was Eingebildetes“, sage ich und setze mich wieder.

„Schade.“

„Kommt vor.“

Ein Mann betritt die Bühne, setzt sich auf den Hocker und schlägt seine Gitarre an. Der Moderator hat den Namen nicht genannt. Der Sänger trägt ein schwarzes T-Shirt und Jeans. Keine Schuhe. Einen Hut hat er tief in die Stirn gezogen, sein Gesicht liegt im Schatten und ist nicht genauer auszumachen. Aber diese Tattoos würde ich überall wiedererkennen.

„Oh mein Gott, ich glaube, das ist Jake Knox“, flüstere ich Kat ungläubig zu.

„Ja, die Tattoos“, haucht sie. „Oh Gott, ich war früher total in ihn verliebt. Auf der Highschool hatte ich seine Poster an der Wand hängen.“

„Hatte wohl fast jeder“, erwidere ich und beobachte, wie seine Finger die Saiten der Gitarre bearbeiten. Es sieht aus, als würde er eine Frau liebkosen.

„Mein Gott, kann der Mann spielen.“

„Was macht er bei einem Talentabend?“ Kat sieht mich verwundert an. „Lebt er hier in der Nähe?“

Ich nicke. „Ja, ich hab mal gehört, dass er hier in der Gegend wohnt. Vielleicht braucht ja sein Ego eine Stärkung.“

Als er zu einem vertrauten Lifehouse-Song ansetzt, verkrampft sich mein Herz einen Moment lang. Ich liebe den Song, und ich liebe seine Stimme. Sie ist so ursprünglich und voll und auch ein bisschen rau. Diese Stimme ist purer Sex.

„Er wäre absolut perfekt“, flüstert Kat. Ich glaube, sie wollte es gar nicht wirklich laut aussprechen. „Ich weiß, wir können ihn nicht bezahlen. Bestimmt tritt er nur bei Promi-Hochzeiten und so auf.“

Jake hebt den Kopf und lässt zum ersten Mal sein Gesicht und seine faszinierenden grünen Augen sehen, die er genau auf mich ausrichtet. Mindestens fünf Zeilen lang wendet er den Blick nicht von mir ab, dann zwinkert er mir zu und senkt den Kopf wieder.

„Verdammt sexy“, haucht Kat. „Himmel, sieh dir nur an, wie sich seine Muskeln bewegen, wenn er spielt.“

Glaub mir, das habe ich längst gesehen. Man muss schon blind und mit einem IQ. von minus zwanzig gestraft sein, um nicht mitzubekommen, wie sich Jake Knox bewegt. Er lässt alles in mir erwachen. Kein Wunder, schließlich dürfte er darauf trainiert sein, genau das auszulösen. Immerhin will er seine Musik verkaufen.

Als er mit seinem Song fertig ist, verlässt er die Bühne. Im Publikum wird gemurmelt, offenbar waren wir nicht die Einzigen, die ihn erkannt haben. Immerhin ist Jake Knox einer der größten Rockstars überhaupt.

Zumindest war er das mal. Ich glaube, er hat seit Jahren nichts Neues mehr veröffentlicht.

Wieso eigentlich nicht?

„Ich glaube, hier werden wir nicht fündig“, meint Kat seufzend. „In den letzten zwei Stunden haben wir uns mindestens zwanzig Leute angehört, und gefallen haben uns nur ein Obdachloser, ein eingebildetes Pärchen und ein Rockstar.“

„Du hast recht. Lass uns gehen.“ Wir nehmen unsere Handtaschen und gehen nach draußen in den kühlen Frühlingsabend. Vor uns läuft ein Mann mit Gitarrenkoffer. Die Statur, die Gangart … ich würde ihn unter Tausenden wiedererkennen.

Jake Knox.

Warum finde ich Musiker mit diesem Bad-Boy-Image bloß so verdammt attraktiv? Es ist immer das Gleiche. Kaum hält sich einer von denen in einem Radius von dreißig Meilen auf, schalten meine Weichteile auf Alarmstufe Rot. Absolut jedes Mal. Schon seit ich in der elften Klasse meine Unschuld an Todd Perkins verlor. Todd war Leadsänger einer Garagenband, und genau in dieser Garage verführte er mich damals auch. Gleich hinter dem Schlagzeug.

Und am nächsten Tag machte er mit mir Schluss.

„Er ist sogar sexy, wenn er nur geht“, flüstert Kat mir ins Ohr.

„Mhm“, erwidere ich.

„Tu bloß nicht so desinteressiert“, sagt sie und schubst mich leicht. „Er macht mich ja schon an, und dabei bist du diejenige mit der Vorliebe für Bad Boys. Das war schon so, als wir uns im ersten Jahr am College kennengelernt haben.“

Ich zucke nur mit den Schultern. Sie hat völlig recht.

„Lass uns zum Restaurant gehen. Ich will sehen, wie sich Jamie hinter der Theke schlägt“, sagt Kat schließlich, als klar wird, dass ich nicht über meinen Hang zu Musikern reden werde.

„Ich check ab, wie es im Service läuft, und dann können wir Mia gemeinsam nach Hause schicken.

„Mia arbeitet heute Abend?“, wundert sich Kat.

„Natürlich arbeitet Mia. Sie schläft nie.“

„Wir müssen unbedingt einschreiten.“

„Ich nehme ein Glas davon“, sagt Mia, als sie sich nach Ladenschluss zu uns an die Theke setzt.

Kat und ich haben uns für den Rest des Abends um unser jeweiliges Personal gekümmert, ein paar Missgeschicke ausgebügelt und dann alle nach Hause geschickt. Jetzt entspannen wir uns noch bei einem Glas Wein, bevor auch wir verschwinden.

„Ich fasse es nicht, dass du immer noch hier bist“, sage ich zu Mia. „Du bist doch schon seit heute Morgen auf den Beinen.“

„Du doch auch“, gibt sie zurück, setzt sich seufzend auf einen Hocker und lässt Kopf und Schultern kreisen. „Es war ein guter Tag.“

„Morgen nimmst du dir frei“, sage ich, ohne sie anzusehen.

„Du bist nicht mein Boss.“

„Doch sind wir. Wir alle zusammen“, betont Kat und gibt zwei Gläser Wein an Mia weiter. „Du arbeitest mit Abstand am meisten von uns allen. Die Küche wird auch mal einen Tag ohne dich auskommen.“

„Was macht man an einem freien Tag?“, will Mia wissen.

„Putz dein Badezimmer. Fahr ans Meer und halt die Füße ins Wasser. Lass dich flachlegen. Hauptsache, du kommst nicht her.“

„Mal sehen“, meint Mia achselzuckend. „Habt ihr einen Musiker für uns gefunden?“

„Nein.“ Ich schüttele den Kopf und trinke einen Schluck von meinem trockenen Wein.

„Aber ihr seid beide so scharf angezogen. Hat sich euch denn keiner an den Hals geworfen?“

„Jemand hat Kat an den Hintern gefasst.“

„Ich will Kat auch an den Hintern fassen“, gibt Mia zurück. „Wollen wir alle, seit wir sie auf dem College kennengelernt haben.“

„Hast du doch schon“, sagt Kat, prostet ihr mit einem Glas Tequila zu und trinkt es auf ex.

„Und dir hat es gefallen“, kontert Mia. „Wie ist denn der Abend gelaufen?“

„Da gibt’s nicht viel zu erzählen. Wir hatten uns für ein Pärchen entschieden, aber die beiden wollten viel zu viel Kohle.“

„Und wir haben Jake Knox gesehen“, fügt Kat zufrieden grinsend an.

„Was?“, kreischt Mia. „Das ist nicht wahr!“

„Doch, ist es. Er hat einen Song performt.“

„Aber wieso das denn? Er ist doch berühmt! Er muss doch bei so was nicht auftreten.“

„Glaub mir, ich habe keinen Gedanken an seine Motive verschwendet.“ Kat schenkt nach. „Ich war einfach dankbar, keine drei Meter von ihm entfernt sitzen zu dürfen.“

„Ich bin ja so eifersüchtig auf euch! Mein Zimmer hing früher voll mit Postern von Hard Knox!“

Kat streckt die Faust für einen Fist Bump aus. „Meins auch.“

„Hard Knox war eine gute Band.“ Ich nippe an meinem Wein. „Aber sie haben sich aufgelöst.“

„Das ist so traurig.“ Mia schüttelt den Kopf. „Mann, ihr habt Jake Knox gesehen!“

„Aber wir haben keinen Act für uns entdeckt.“ Es fühlt sich an wie eine Niederlage. Ich hätte das Ganze so gerne heute Abend in trockenen Tüchern gehabt.

„Wir finden schon jemanden“, sagt Kat. „Jeremy kann sich doch mal umhören.“

„Er spielt nicht die Art von Musik, die mir vorschwebt.“

„Du meinst gute Musik?“, fragt Mia sarkastisch.

„Ach komm, er ist vielleicht kein Bandmitglied von Daughtry, aber soo schlecht spielt er nun auch wieder nicht.“

Kat und Mia ziehen gleichzeitig jede eine Augenbraue hoch und lächeln mich an.

„Ja, okay. Er ist nicht gut.“

Wir müssen alle kichern, dann verfallen wir in einvernehmliches Schweigen. Schließlich lässt Mia wimmernd den Kopf auf die Hände sinken, die gefaltet auf der Theke liegen. „Bin sooo müde.“

„Du nimmst dir morgen frei, Mia. Ich meine das ernst.“ Ich reibe über ihren Rücken. „Du brauchst deinen Schlaf.“

„Okay, aber wenn irgendwas vorfällt, ruft ihr mich sofort an.“

„Werden wir machen“, verspricht Kat und wirft mir einen Blick zu, während ich weiter über Mias Rücken reibe. Keiner von uns muss ein Wort sagen, wir wissen auch so ganz genau, was der andere denkt.

Bevor wir Mia anrufen, müsste schon das ganze Lokal in Flammen stehen.

2. Kapitel

Jake

„Du bist so schweigsam.“

Beim Klang ihrer Stimme zucke ich zusammen und reiße den Kopf hoch, werde aus irgendeinem verdammten Tagtraum gerissen. Unwillkürlich lege ich die Stirn in Falten. „Sorry, keine Absicht.“

„Was geht dir durch Kopf?“

Ich kaue auf meinem Schinkenbrot herum und betrachte Christina über den Tisch des schäbigen Diners hinweg, in dem man das beste Frühstück von ganz Portland serviert bekommt. Sie ist seit fünfzehn Jahren meine beste Freundin, hat mit mir Zeiten von Ruhm und Geld durchgemacht, aber auch einige der beschissensten Stationen in meinem Leben. Sie hat miterlebt, wie ich ganz unten war, und wie ich mich aus der Finsternis wieder nach oben gekämpft habe.

Sie ist der einzige Mensch auf der Welt, dem ich ohne mit der Wimper zu zucken bedingungslos vertrauen kann.

„Musik natürlich, was sonst“, erwidere ich und trinke einen Schluck Kaffee. Sie verdreht ihre hübschen braunen Augen und streicht sich die braunen Haare von den Schultern, so wie sie es immer macht, wenn sie genervt ist.

„Du hast diese Einladung für …“

„Kein Interesse“, schneide ich ihr das Wort ab. „Ich bin damit durch, ich brauche das nicht mehr.“

„Es fehlt dir. Du bist letztes Wochenende zu diesem Talentabend gegangen, und es war absolut perfekt.“

Ich zucke mit den Schultern und streite nicht ab, dass sie recht hat. Es fehlt mir. Nicht vor Publikum zu stehen und Musik zu machen tut mir genauso weh, als würde mir ein Bein fehlen. Aber dieser Talentabend letzte Woche war ein schwerer Fehler. Denn jetzt ist die Sehnsucht wieder erwacht.

Nur verdiene ich es nicht.

Denn im Gegensatz zu mir fehlt Christina tatsächlich ein Bein.

Und mich trifft die Schuld daran.

„Ich liebe den Song, den du für Nash geschrieben hast. Den, der letzte Woche veröffentlicht wurde.“

Ich bringe ein Grinsen zustande. „Danke.“

„Warum hast du das gemacht?“, fragt sie unerwartet.

„Was?“

„Den Talentabend.“

Ich reibe mir über die Lippen und seufze. „Ich … Gott, es fehlt mir einfach, C.“

Sie blickt mich mit sanftem Blick an. „Ich weiß.“

„Also hab ich gesungen. Und jetzt ist auch wieder gut. Thema erledigt.“ Eine glatte Lüge, aber das werde ich ihr gegenüber nicht zugeben.

„Arbeitest du heute Nachmittag?“, will sie wissen.

„Ja, Max und ich sind im Studio und machen ein paar Songs für Daughtry fertig.“

Sie nickt nachdenklich. „Du hast es echt schwer: Deine eigene Produktionsgesellschaft, ein angesagtes Studio bei dir im Haus, und von überall kommen berühmte Leute her, die mit dir arbeiten wollen.“

„Genau, ich hab es richtig schwer“, gebe ich ironisch zurück.

„Du schreibst und produzierst, du bewegst immer noch was in der Musikwelt, nur trittst du selbst nicht mehr auf.“ Sie legt den Kopf schräg und streicht sich mit einem Finger über die Unterlippe, während sie intensiv überlegt.

„Das weißt du doch alles.“

„Entschuldigung?“

Beide drehen wir uns um und sehen eine hübsche Blondine bei uns am Tisch stehen, die nervös die Hände ringt.

„Hi“, sage ich lächelnd.

„Sie sind doch Jake Knox, oder?“, fragt sie, und prompt schalte ich in einen anderen Gang. Mein Lächeln wird frecher, ich lehne mich auf meinem Platz nach hinten und wechsele in meine Rolle.

„Aber sicher bin ich der. Wie heißt du, Sweetheart?“

„M-Michelle“, antwortet sie leicht stotternd, während ihre Wangen rot werden. Jetzt stehe ich schon seit mehr als fünf Jahren nicht mehr im Rampenlicht, und trotzdem kommt mir so etwas mindestens einmal in der Woche unter. „Ich habe das Gerücht gehört, dass Sie jetzt in Portland leben.“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch und sehe zu Christina, die ihren Kaffeebecher so hält, dass ihr Lächeln dahinter verborgen bleibt.

„Stimmt, ich wohne hier in der Gegend“, bestätige ich. „Was kann ich für dich tun?“

„Oh! Ich … ähm … tut mir leid. Meinen Sie, ich dürfte mit Ihnen ein Selfie machen?“ Sie zieht ihr Smartphone aus der Tasche und lächelt mich verlegen an.

„Klar.“ Ich stehe auf, lege ihr den Arm um die Schultern und nehme ihr das Telefon aus der Hand. Ich richte es aus einem hohen Winkel auf uns, setze mein typisches Grinsen auf, das mein Markenzeichen ist, und drücke auf den Auslöser.

„Wow, danke. Ich liebe Ihre Musik. Werden Sie bald ein neues Album rausbringen?“

Christina senkt stirnrunzelnd den Blick auf ihren leeren Teller.

„Danke. Nein, die Band hat sich aufgelöst. Und ich arbeite jetzt mehr hinter den Kulissen.“

„Oh, wie schade“, sagt Michelle betrübt. „Danke für das Foto.“

„Gern geschehen.“

Michelle geht weg und betrachtet überglücklich das Foto auf ihrem Display. Ich setze mich wieder hin.

„War ja gar nicht so schlimm“, sage ich und beiße wieder in mein Schinkensandwich.

„Es ist wirklich schade“, meint Chris.

„Fang gar nicht erst damit an, C.“ Ich werfe das Sandwich auf den Teller zurück und schiebe ihn weg.

„Ich meine ja nur …“

„Du meinst das Gleiche, was du schon seit Jahren meinst. Ich will nicht mehr so in der Öffentlichkeit stehen. Es macht nur alles schlimmer.“

„Du musst ja nicht in der Öffentlichkeit stehen, nur weil du Musik machst.“ Sie schüttelt den Kopf und lässt nicht zu, dass ich ihr ins Wort falle. „Hör mir einfach zu. Kevin und ich waren neulich in einem neuen Restaurant. Der Laden ist Wahnsinn.“ Sie beugt sich vor, ihre braunen Augen strahlen vor Begeisterung. „Der Laden ist sexy.“

„Ein Restaurant, das sexy ist?“

„Ja, und es ist fantastisch. Es liegt in der Innenstadt und wird von ein paar Frauen geführt. ‚Seduction‘ heißt es, also Verführung. Auf der Speisekarte stehen diverse Aphrodisiaka, und dazu gibt es sexy Musik, die für sexy Stimmung sorgt. Und die Weinkarte musst du einfach gesehen haben. Wusstest du, dass Spargel ein Aphrodisiakum ist?“

„Ist mir neu.“

„Ich wusste das auch nicht. Bis wir hingegangen sind. Das Lokal ist perfekt für Paare. Und so wie es aussieht, macht sich das Lokal ganz von selbst einen Namen.“

„Und was zum Teufel hat das alles mit mir zu tun?“, frage ich in sanftem Tonfall und nehme einen Schluck Kaffee.

„Im Fenster hängt ein Zettel, dass sie für die Wochenenden Musiker suchen.“

Ich sehe sie verständnislos an. „Und?“

„Geh hin und stell dich vor!“ Sie schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch und lehnt sich zufrieden lächelnd zurück.

„Ganz bestimmt nicht!“

„Warum nicht?“

„Jake Knox tritt nicht mehr auf.“

„Jake Keller könnte aber auftreten.“

Ich lege den Kopf schräg, mit einem Mal werde ich hellhörig.

„Du musst da nicht als Rockstar hingehen. Schnapp dir einfach deine Gitarre und mach Musik. Du brauchst ja nicht die alten Songs von Hard Knox zu spielen, außer, du willst mal ausprobieren, wie sie sich anhören, wenn du sie akustisch arrangierst. Du kannst andere Stücke covern, wenn dir das lieber ist. Oder du spielst die neuen Sachen, die du geschrieben hast.“

Mit einem Mal ist das Verlangen nach einem Auftritt so groß, dass ich kaum noch atmen kann. Ich liebe es, Songs zu schreiben und zu produzieren. Letzten Herbst war ich einen ganzen Monat in Seattle, um am neuen Album für die Band von Leo Nash mitzuarbeiten. So was gibt mir ein befriedigendes Gefühl. Außerdem ist Leo ein alter Freund von mir.

Aber verdammt noch mal, mir fehlen die Auftritte. Das hat nichts mit den kreischenden Frauen zu tun oder mit den Scheinwerfern oder mit der idiotischen Lautstärke, mit der die Musik aus der Anlage dröhnt.

Es geht nur um die Musik an sich. Nur darum, Songs zu spielen und mitzuerleben, wie die Menge mitsingt. Das lässt sich mit nichts vergleichen. Als ich vor Kurzem da auf der Bühne gesessen und gesungen habe, war es, als würde ich einen alten Freund besuchen.

Trotzdem. Ich habe in jener regnerischen Nacht vor fünf Jahren damit aufgehört, als Christine meinetwegen beinahe getötet wurde und ihr Bein verlor.

Ich schüttele den Kopf und presse die Lippen zusammen. „Nein.“

„Gott, wie kann man nur so verdammt stur sein?“, faucht sie und ballt ihre zierliche Faust. „Nur weil vor ewiger Zeit mal was Idiotisches passiert ist, erwarte ich doch nicht von dir, dass du nie wieder auftrittst.“

„Das ist nicht der Punkt.“

„Ach, hör doch auf mit dem Scheiß.“ Sie beugt sich vor und sieht mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Der Unfall war nicht deine Schuld, J. Ich weiß nicht, wie oft ich dir das sagen muss, bis du es endlich glaubst.“

„Wenn wir uns nicht gestritten hätten …“

„Ich schlag dich grün und blau, aber wie!“

„Mit nur einem Bein? Das will ich sehen.“ Zwar grinse ich sie an, aber bei meinen Worten geht mir ein Stich durch die Brust. „Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde, C.“

„Dann tu mir den Gefallen, geh hin und bewirb dich für den Job. Ich will dich wieder singen hören. Das fehlt mir. Der eine Song neulich abends war nicht genug für dich. Das weiß ich ganz genau.“

„Ich bringe heute Abend meine Gitarre mit.“

Sie schüttelt lächelnd den Kopf. „Geh dich einfach vorstellen. Vielleicht nehmen sie dich ja gar nicht. Könnte doch sein, dass du’s gar nicht mehr drauf hast.“

„Baby, wenn es um Musik geht, hab ich’s immer drauf.“

„Dann beweis es mir.“

„Himmel, du kannst einem wirklich auf die Nerven gehen.“

Sie lacht. „Ich weiß. So, ich muss jetzt zum Arzt.“ Sie zieht seufzend die Nase kraus. „Ich schwöre dir, ganz Portland hat meine Mumu zu sehen bekommen.“

„Deine was?“, frage ich verdutzt. „Wie alt bist du? Acht?“

Sie wirft mit einem Stück Orange nach mir. „Dieser ganze Schwangerschaftskram muss jetzt langsam mal werden. Ständig mit den Füßen in diesen Steigbügeln dazuliegen ist weder sexy noch witzig.“

„Erfährst du heute, ob es geklappt hat?“ Christina und ihr Mann Kevin versuchen seit drei Jahren ein Kind zu kriegen. Sie wünschen es sich mehr als alles andere, und es ist eine weitere Sache, die ihr durch den Unfall genommen wurde. Eine weitere Sache, die ich ihr genommen habe.

„Ja“, sagt sie hoffnungsvoll. „Also, drück mir die Daumen.“

„Mach ich. Und die Zehen dazu.“

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte mich eine junge Frau, als ich das ‚Seduction‘ betrete, mitten im Herzen des Pearl Districts, einem der angesagtesten Viertel von Portland. Von außen sieht es aus wie eine alte Lagerhalle.

Drinnen ist es Sex pur. Aber nicht diese schummrige Art von Sex, die einem in Sexclubs und Striplokalen entgegenströmt. Das hier ist edler Sex.

„Ich würde gern die Managerin sprechen.“

„Das ist Addison“, erwidert sie freundlich. „Ich glaube, sie ist an der Bar.“ Sie zeigt nach hinten.

Ich nicke und durchquere ein Meer aus schwarzen Tischen mit blaugrünen Tischdecken und grauen Plüschsesseln mit breiten Rückenlehnen. An der rückwärtigen Wand reihen sich Separees aneinander, die mit ihren geschmackvollen grauen Vorhängen einen einladenden, intimen Eindruck vermitteln. Alles in diesem Lokal ist zu einer kleinen Bühne hin ausgerichtet, die aber im Moment leer ist. Es ist erst Mittagszeit, und anstelle von Livemusik ertönt aus den Lautsprechern eine ältere Nummer von Adele. Ich summe die Melodie mit, während ich mich dem Barbereich nähere. Er ist in den gleichen Farben gehalten, wirkt aber etwas nüchterner.

Die Wand hinter der Theke ist von übereinander gelagerten Weinfässern gesäumt, in jedem der offenen Fässer liegen Weinflaschen. Insgesamt müssen das um die tausend Flaschen sein. Und der Bereich unter der Theke ist der größte Weinkühlschrank, den ich jemals gesehen habe – ebenfalls randvoll mit Flaschen.

Wein scheint hier offensichtlich gut zu gehen.

„Du solltest mittags auch was essen, nicht nur Wein trinken“, sagt eine Frau mit tiefroten, fast schon burgunderroten Haaren und großen blauen Augen. Sie trägt eine Jeans, die aussieht, als wäre sie auf ihren Hintern maßgeschneidert, dazu ein weißes Tanktop, das genug Haut freilässt, um einige erstaunliche Tattoos zu präsentieren. Ihr Gesicht ist wie das eines Pin-ups geschminkt, und die roten Lippen sind zu einem breiten Lächeln verzogen, das der Blonden gilt, die mit dem Rücken zu mir sitzt und ein Glas Wein in der Hand hält.

„Wein gewinnt man aus Trauben, Trauben sind Obst, also ist mein Mittagessen ein Obstsalat“, erwidert sie und trinkt einen Schluck. „Gott, ist der gut.“

„Natürlich ist er gut“, sagt die Rothaarige ironisch. Im selben Moment bemerkt sie mich. Ich lehne am Durchgang zur Bar. „Können wir Ihnen behilflich sein?“

„Ich suche die Managerin. Mir wurde gesagt, dass ich sie hier finde.“

„Und das haben Sie auch geschafft“, gibt Blondie zurück und dreht sich auf dem Hocker zu mir um.

Plötzlich stockt mir der Atem. Das ist die Frau, die ich an dem Abend im Club gesehen habe. Die eine, an der ich mich einfach nicht sattsehen konnte. Die eine, die jeden anderen im Raum unbedeutend machte.

Das einzige Wort, was mir zu ihr einfallen will, ist Sexbombe – und dabei habe ich dieses Wort in meinem ganzen Leben noch nicht verwendet.

Sie lässt sich vom Hocker gleiten und steht absolut sicher auf ihren irrsinnig hohen schwarzen High Heels. Genauso sicher kommt sie mit schnellen Schritten zu mir. Sie trägt einen schwarzen Bleistiftrock mit hoher Taille, dazu eine weiße Bluse mit hochgekrempelten Ärmeln, deren oberste Knöpfe weit genug geöffnet sind, um mir einen Blick auf das beeindruckendste Dekolleté zu erlauben, das ich je gesehen habe. Ihre blonden Haare hat sie hochgesteckt, hier und da sind ihr ein paar lässige herunterhängende Locken entkommen.

Ihr Make-up ist schlicht und makellos.

Und dazu trägt sie eine Brille mit schwarzem Gestell.

Leck mich.

Ich muss angestrengt schlucken, während ich ihr die Hand hinhalte. Sie aber bleibt einen halben Meter zu früh stehen, sodass sie mir nicht die Hand schütteln kann. „Sie sind …“

„Jake Keller“, unterbreche ich sie und gehe meinerseits auf sie zu, um ihre zierliche Hand zu nehmen, die sich warm anfühlt und einen festen Griff hat. Sie kneift die Augen leicht zusammen.

„Jake Knox“, korrigiert sie mich. „Alle meine Freundinnen hatten Ihre Poster an der Wand hängen.“

„Und Sie nicht?“, frage ich und grinse frech. Sie macht mir jetzt schon Spaß.

„Nein, ich war nicht sonderlich verknallt in Sie.“ Zu meiner Enttäuschung setzt sie die Brille ab und schiebt sie sich über der Stirn ins Haar.

Gott, schöne Frauen mit Brille bringen mich einfach um den Verstand.

„Zu schade.“ Ich grinse sie weiter an.

„Was kann ich für Sie tun?“

„Ich bin wegen des Jobs hier.“

Sie stutzt. „Sie wollen als Kellner arbeiten? Sind die Zeiten tatsächlich so schlecht, Mr. Knox?“

„Keller“, berichtige ich sie. „Aber sagen Sie doch einfach Jake. Ich bin eigentlich wegen der Auftritte am Wochenende hier, aber falls nötig, kann ich auch Tische abräumen.“

Sie legt den Kopf ein wenig schräg, streicht sich eine Strähne hinters Ohr und lächelt mich so an, dass mein Herz aussetzt. Verdammt noch mal, wo kommt denn bloß plötzlich diese Frau her?

Und wo kommen verdammt noch mal solche Gedanken her?

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Budget nicht für Sie reicht, Mr. Keller.“ Sie will sich wegdrehen, aber ich bekomme ihren Ellbogen zu fassen und drehe sie zu mir um.

„Es geht mir nicht ums Geld“, erkläre ich hastig. „Ich möchte einfach nur Musik machen.“

„Ihre ganze Band?“, hakt sie skeptisch nach.

„Nein, nur ich. Ich bringe meine Gitarre mit, und Sie müssen nur für einen Hocker und ein Mikrofon sorgen. Und falls Sie kein Mikrofon haben, werde ich bestimmt eines auftreiben.“

Sie sieht mich an, als wolle ich mich auf Chinesisch mit ihr unterhalten, schließlich fragt sie: „Okay, wo sind die Kameras?“ Sie sieht sich um, zeigt auf die Rothaarige. „Habt ihr euch das ausgedacht? Ihr seid wirklich unmöglich, mir so einen Streich zu spielen.“

Die Rothaarige lacht und schüttelt den Kopf. „Hier spielt dir überhaupt keiner einen Streich, Addie. Aber wenn du mit ihm fertig bist, kannst du ihn zu mir schicken.“

Addie wirft mir einen skeptischen Blick zu. „Sie ist eine der Freundinnen, die Ihr Poster an der Wand hängen hatten.“

„Und ich habe auch kein Problem damit, das zuzugeben“, verkündet die Rothaarige mit volltönender Stimme, während sie weitere Flaschen in die Fässerwand sortiert.

„Also, der Job“, sage ich und verschränke die Arme vor der Brust. Ich sehe, wie Blondies Augen größer werden, als sie das Tattoo an meinem rechten Arm entdeckt. Sie ist also nicht immun gegen mich.

„Sie wollen wirklich für Peanuts hier singen?“

„Popcorn wäre mir zwar lieber, aber ich nehme auch Peanuts.“

Amüsiert beobachte ich, wie sie sich kurz auf die Unterlippe beißt. Dann verschränkt sie ebenfalls die Arme, als wollte sie meine Pose nachahmen, bewirkt damit aber nur, dass sie ihre Titten zusammendrückt und mir einen noch grandioseren Blick auf den wundervollsten Körper gestattet, den ich … jemals zu Gesicht bekommen habe.

Ihre Kurven verschlagen einem glatt den Atem, und dazu hat sie das alles in ein Outfit gepackt, das von Stil und Klasse zeugt. In diesem Moment möchte ich sie einfach an mich ziehen und mich mit ihr vergnügen.

Aber alles zu seiner Zeit.

„Der Job erfordert, dass Sie freitags- und samstagsabends von zehn bis Ladenschluss auf der Bühne stehen.“

„Wann machen Sie zu?“

„Um Mitternacht.“

„Das ist kein Problem.“

Sie nickt, dann fängt sie an zu lachen und legt den Kopf in den Nacken. Ihre Stimme klingt rau und ist genauso sexy wie der ganze Rest.

„Habe ich gerade eben wirklich Jake Knox engagiert?“

„Nein, Ma’am, Sie haben Jake Keller engagiert“, stelle ich klar und reibe mir mit dem Handrücken über den Mund. Dabei merke ich, dass ich mich seit gut einer Woche nicht mehr rasiert habe. Ich muss wirklich sehr professionell rüberkommen: eine alles andere als blitzsaubere Jeans und dazu ein schwarzes T-Shirt. Unrasiert, ungekämmt und wohl völlig zerzaust, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass ich mir heute Morgen nur einmal flüchtig mit den Fingerspitzen durch die Haare gefahren bin, bevor ich das Haus verlasse habe.

Aber Addie kaut nur wieder auf ihrer Unterlippe rum und nickt. „Okay, Sie können Freitag anfangen, dann werden wir sehen, wie es läuft.“

„Sie meinen, ich muss probevorspielen?“, frage ich überrascht.

„Nein, es geht mir eher ums Kennenlernen, Mr. Keller“, antwortet sie und legt die Hände an die Hüften. „Ich werde mir ansehen, ob Sie zu uns passen, und Sie machen sich ein Bild davon, ob wir zu Ihnen passen.“

Oh, ich bin mir ziemlich sicher, dass wir beide ganz hervorragend zusammenpassen werden, Sweetheart.

„Klingt gut. Ich werde am Freitag um halb zehn hier sein, um alles einzurichten.“

„Großartig. Kommen Sie dann direkt an die Bar. Wir treffen uns hier, und dann kann ich Ihnen alles zeigen.“

Ich nicke und schiebe die Hände in meine Hosentaschen, da ich zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder nervös bin, was mich einerseits ärgert, andererseits aber amüsiert. „Nachdem wir das geklärt hätten“, sage ich und halte dem eindringlichen Blick ihrer hübschen blauen Augen stand, „wie wäre es, wenn ich Sie am Freitag nach Feierabend noch irgendwo auf einen Drink einlade?“

Sie hält einen Moment lang inne, dann schüttelt sie den Kopf und lacht, sieht auf ihre Schuhe und schaut mich wieder an.

„Lassen Sie mich das von vornherein klarstellen“, entgegnet sie in unmissverständlichem Tonfall. „Ich bin nicht Teil des Jobangebots, und daran wird sich auch nichts ändern. Ich bin Ihr Boss, und damit hat es sich. Außerdem bin ich ohnehin vergeben.“

„Dummes Weib“, höre ich die Rothaarige hinter der Theke murmeln, aber Addie reagiert nicht darauf.

„Verstehe“, erwidere ich respektvoll und bin enttäuscht. Addison ist eine wunderschöne Frau, und mein Gefühl sagt mir, dass sie mehr ist als nur das. Aber sie gehört einem anderen, also spielt das überhaupt keine Rolle.

Und warum zum Teufel sollte es überhaupt eine Rolle spielen? Himmel, ist es wirklich schon so lange her, dass ich das letzte Mal flachgelegt wurde?

„Dann sehen wir uns Freitagabend.“

„Genau“, entgegnet sie und dreht mir abrupt den Rücken zu, bevor sie auf ihren unglaublich hohen Absätzen zurück zur Theke schlendert. Bei jedem Schritt wackelt ihr Po hin und her.

Ich kann den Freitag kaum erwarten.

Ich winke der Rothaarigen zu und gehe zur Tür. Das Restaurant füllt sich mit Gästen, die zum Mittagessen herkommen. Draußen vor dem Lokal rufe ich Christina an.

„Fehle ich dir etwa schon?“, fragt sie mit einem Lächeln in der Stimme.

„Wie verrückt. Ach ja, ich glaube, ich bin soeben engagiert worden.“

„Du bist hingegangen?“, kreischt sie vor Freude, gibt ihrem Mann Kevin schnell die Neuigkeit weiter und wendet sich dann wieder mir zu. „Und sie haben dich genommen?“

„Natürlich haben sie mich genommen.“

„Hat die Managerin dich erkannt?“

„Ja. Allerdings habe ich so ein Gefühl, dass sie mich trotz, nicht wegen meiner Vorgeschichte engagiert hat.“

„Interessant. Ich kann die Frau jetzt schon gut leiden.“

„Ich auch.“

Die Fahrt nach Hause ins westliche Portland dauert von der Innenstadt aus über den Sunset Highway gerade mal eine halbe Stunde. Das gehört mit zu den Dingen, die ich an dieser Stadt so liebe: Schon nach wenigen Minuten hat man das geschäftige Zentrum hinter sich gelassen und kann die Ruhe der Vorstadt genießen.

Vor gut vier Jahren habe ich auf den Hügeln am Rand von Hillsboro ein Haus auf einem eineinhalb Hektar großen Grundstück gekauft, das von einem hohen Zaun umgeben ist und von einem Sicherheitsdienst im Auge behalten wird. Es ist eigentlich viel zu groß für mich, aber der Pool oder genauer gesagt, das Poolhaus hatte es mir angetan.

Ich schwimme wahnsinnig gern, und wenn ich zu Hause bin, bin ich jeden Tag im Wasser. Zusammen mit meinem besten Freund Max Bishop, dem Mitbegründer von Hard Knox, habe ich das Poolhaus in ein vollwertiges Studio umgebaut und Hard Knox Productions ins Leben gerufen. Seit wir vor zwei Jahren ins Geschäft eingestiegen sind, war von U2 bis Usher bereits fast jeder in meinem Studio, um Songs zu schreiben und aufzunehmen – eben um Musik zu machen.

Musik ist Nahrung für meine Seele. Das ist schon so, seit ich neun war und zu Weihnachten meine erste Gitarre geschenkt bekam. Musik hat etwas Magisches an sich, das sich einfach durch nichts ersetzen lässt. Eine Zeit lang habe ich gedacht, ich könne die Musik völlig aufgeben, aber es hat sich angefühlt, als sei ich ins Fegefeuer verbannt worden.

Dieses Fegefeuer war notwendig gewesen, aber die Qualen hatte es nicht erträglicher gemacht.

Ich stelle den Wagen ab und laufe um das Haupthaus herum. Dass Max bereits arbeitet, als ich ins Studio komme, wundert mich nicht.

„Du bist spät dran“, sagt er beiläufig, nimmt den Bleistift zwischen die Zähne und spielt auf dem Klavier, von dem aus man den ganzen Pool im Blick hat.

„Ich habe einen Job“, verkünde ich und stütze mich auf das Klavier, damit ich einen Blick auf das Notenblatt werfen kann, das Max vor sich hat.

„Wen denn? Ich dachte, Maroon 5 hat den Termin verschoben, weil Adam für seine Show proben muss.“

„Kein Job fürs Studio, sondern reguläre Gigs.“

Er hebt abrupt den Kopf, und als ich die Hoffnung in seinen Augen aufblitzen sehe, versetzt es mir einen Stich. „Gigs für die Band?“

„Nein“, sage ich leise und starre auf das Klavier. „In der Stadt gibt es ein neues Restaurant, das fürs Wochenende jemanden gesucht hat, der Musik macht. Das ist der Job, von dem ich rede.“

Lange Zeit sieht Max mich nur stumm an. „Wer bist du?“, fragt er schließlich.

„Ich dachte, es würde Spaß machen, wenn du von Zeit zu Zeit mitkommst. Dann könnten wir Akustikversionen von unseren alten Songs spielen und mit unserem Können angeben.“

„Bist du krank? Soll ich einen Rettungswagen rufen?“

„Ach, leck mich doch“, kontere ich und drehe mich weg. Ich muss mir diesen Mist nicht antun. Vielleicht sollte ich Addie anrufen und ihr sagen, dass ich es mir anders überlegt habe. Die ganze Idee ist bescheuert.

„Jake“, sagt Max. „Red mit mir. Du hasst es, aufzutreten und zu spielen.“

„Nein, ich kann nur nicht mehr so spielen, wie wir es gemacht haben“, erkläre ich ihm, schiebe die Hände in die Hosentaschen und drehe mich wieder zu ihm um. „Dadurch wurde einmal fast mein Leben zerstört. Es tut mir leid, dass du darunter zu leiden hast.“

„Habe ich doch gar nicht“, stellt er in ernstem Tonfall klar. „Du weißt, dass ich Angebote von anderen Bands hatte, die mich als Leadgitarristen haben wollen. Aber ohne dich will ich nicht.“

„Lass uns lieber nicht über unsere Gefühle reden. Wir sind Kerle.“

„Erzähl mir von diesem Job. Wie kommst du überhaupt dazu?“

„Christina hat mir davon erzählt und mich gebeten hinzugehen.“ Ich lasse mich seufzend auf die Ledercouch fallen, während mein Kopf nach hinten auf das Kissen sinkt und ich die Decke anstarre. „Musik zu produzieren und mit dir zusammen Songs zu schreiben, das gefällt mir richtig gut. Was mir gar nicht fehlt, sind die Tourneen. Genauso wenig wie Alk und die Mädels. Wir haben immer noch die gleichen Freunde, wir machen nach wie vor Musik. Also gibt es keinen Grund, mich zu beschweren.“

„Und was fehlt dir?“, hakt Max nach.

Ich beiße mir auf die Lippe und muss daran denken, wie Addie genau das Gleiche gemacht hat. Unwillkürlich frage ich mich, wie es sich wohl anfühlen würde, ihre vollen Lippen zu küssen und Addie von Kopf bis Fuß unter mir zu spüren.

„Das Singen.“ Ich sehe zu Max, der verstehend nickt. „Die Massen zu sehen, die unsere Songs Wort für Wort mitsingen. Mir fehlt das Gefühl, so laut zu singen, dass mir die Lunge wehtut und mir der Hals schmerzt und es mir trotzdem egal ist, weil nur die Musik zählt.“

„Ich weiß.“

„Und als ich letzte Woche bei diesem Talentabend war, da ist mir so richtig bewusst geworden, wie sehr mir genau das in meinem Leben fehlt.“

„Ich weiß.“

„Und deshalb möchte ich ein paar Stunden die Woche auf der Bühne sitzen, vor Publikum Gitarre spielen und singen.“

„Ich finde das Hammer.“ Er grinst mich an. „Und ich kann es nicht erwarten, mit dir zusammen mit unserem Talent anzugeben. Wir sind nämlich echte Macker.“

„Natürlich sind wir das.“ Ich werde ernst und verschränke die Hände hinter dem Kopf. „Also, jetzt mal im Ernst: Du hältst es nicht für eine dumme Idee?“

„Ich glaube, es ist das Beste, was du für dich selbst getan hast, seit du aus der Band ausgestiegen bist.“

Erst nicke ich nachdenklich, dann schüttele ich den Kopf. „Nein, das Beste ist unser Studio.“

„Das Studio ist großartig, und es bringt uns bergeweise Geld ein, aber ich glaube, das Singen wird deine Wunden heilen. Ich habe nämlich das Gefühl, dass bei dir noch nicht alles verheilt ist.“

„Und du?“

„Ich war nie ein gebrochener Mann, Kumpel. Das war deine Höllenfahrt. Ich bin total happy, dich so zu erleben, wie du jetzt gerade vor mir stehst. So habe ich dich nämlich schon lange nicht mehr erlebt, und das hat mir gefehlt.“

„Denk dran, keine Gefühle“, werfe ich ein.

„Ja, ja, schon gut. Wenn du fertig gefaulenzt hast, kannst du mir bei diesem Song hier helfen. Ich komme mit der zweiten Strophe nicht weiter.“

Ich stehe auf und gehe zurück zum Klavier. Nachdem ich jetzt mit Max über die Auftritte im „Seduction“ geredet habe, fühle ich mich besser. Er hat recht, ich brauche diese Gigs.

„Wir haben darüber geredet, dass die zweite Strophe sich immer weiter steigert und dann abrupt abfällt. Das macht den Refrain viel eindringlicher. Weißt du noch?“

„Ja, stimmt“, sagt er und flucht leise, als er die letzten Noten wegradiert. „Du hältst dich wohl für verdammt schlau.“

Ich feixe. Ich bin weder schlau noch irgendetwas Besonderes. Ich kenne mich nur mit Musik aus, das ist alles.

3. Kapitel

Addison

„Der Spargel war nicht lange genug auf dem Grill“, erklärt Mia und rümpft ihre süße Nase. Da sie heute Abend nicht in der Küche arbeitet, fällt ihr das lange, naturgewellte Haar offen den Rücken hinunter. Sie trägt Make-up, und ihre Kurven sind in ein witziges kurzes Outfit verpackt. Riley greift nach Mias Hand und schüttelt den Kopf.

„Du gehst heute Abend nicht in die Küche“, erklärt sie so bestimmend, dass wir anderen lächeln müssen. „Wir wollen unseren Spaß haben.“

„Ja, ich weiß.“ Mia atmet tief durch. „Ich halte mich ja schon zurück. Aber am Montag muss ich mich noch mal mit meinen Köchen zusammensetzen. Ich wünschte, ich könnte jeden Tag arbeiten, den ganzen Tag.“

„Damit würdest du dich nur selbst umbringen, und das können wir nicht zulassen“, sagt Cami und nimmt einen Happen von ihrem Teller. „Findet ihr das eigentlich auch so ironisch, dass wir alle hier sitzen und Aphrodisiaka verschlingen, obwohl heute Nacht bei jeder von uns im Bett Flaute herrscht?“

Wir sitzen an einem der Tische direkt vor der Bühne, essen zu Abend und warten darauf, dass Jake auftaucht. Als die anderen gehört haben, wen ich als Wochenend-Musiker gebucht hatte, war es, als wären wir alle wieder fünfzehn. Und natürlich sind wir jetzt alle hier, um in der ersten Reihe die Premiere mitzuerleben.

Und natürlich haben wir uns alle bis zum Äußersten gestylt.

Alles nur für den verdammten Jake Knox.

Jake Keller, wollte ich sagen.

„Zwei Mädchen hatten letzte Nacht mehr Glück“, erwidere ich. Die Worte hinterlassen in meinem Mund immer noch einen bitteren Geschmack.

„Davon weiß ich ja noch gar nichts“, sagt Kat und trinkt einen Schluck Wein.

„Ja, erzähl’s noch mal“, sagt Mia. „Ich ergänze es dann um den Teil, in dem ich Jeremy die Eier rausreiße.“

„Es ist bloß die typische Geschichte“, fange ich an. „Gestern Abend bin ich früher als sonst nach Hause gekommen und musste feststellen, dass er in meinem Wohnzimmer mit zwei Frauen rumvögelt.“

Riley kneift die Augen zusammen. „Ich konnte ihn noch nie leiden.“

„Und was hast du gemacht?“, will Cami wissen, während sie ihr silbern glänzendes Tanktop geradezieht.

„Na ja, als den dreien endlich auffiel, dass ich mitten im Zimmer stand, hatte ich von Schock über Enttäuschung bis hin zu rasender Wut schon alles durchgemacht, also habe ich nur freundlich gelächelt …“

„Oh, oh, das ist nie ein gutes Zeichen“, murmelt Cami.

„… und ihnen gesagt, dass sie auf der Stelle mein Haus verlassen sollen.“

„Und Jeremy?“, fragt Kat.

„Der versuchte sich rauszureden, aber ich hab ihn nur angestarrt, ganz ohne Gefühlsregung …“

„Auch kein gutes Zeichen“, wirft Mia ein.

„… und ihm gesagt, dass ich seine widerwärtige verlogene Visage niemals wiedersehen will. Dann ist er auch gegangen.“

Natürlich sage ich kein Wort davon, dass ich mich danach im Bett zusammengerollt und stundenlang geheult habe. Und dass ich mir wieder und wieder die Frage gestellt habe, wieso alle Männer glauben, sie könnten mich wie den letzten Dreck behandeln.

Ich sage kein Wort davon, weil niemals jemand diese Seite von mir zu sehen bekommen soll.

„Mein Männerradar muss kaputt sein“, lasse ich die anderen wissen und beiße von meinem Crostini mit gerösteten Trauben, Brie, Honig und Meersalz ab. Sofort lobpreise ich in Gedanken Mias kulinarisches Genie. „Aber das ist nicht so wild, weil ich von Männern endgültig die Nase voll habe.“

„Dein Radar ist nicht kaputt, er ist nur falsch geeicht“, sagt Riley, um mich aufzumuntern.

„Vielleicht musst du wirklich einfach mal eine Männerpause einlegen. Nach der Trennung von Craig hast du dir ziemlich bald Jeremy geangelt. Da lag nicht viel Zeit zwischen.“

Ich stutze und wundere mich, dass der Schmerz ausbleibt, der sonst zu spüren war, sobald Craigs Name fiel.

„Craig möchte ich immer noch eine reinhauen“, murmelt Kat vor sich hin. „Schließlich hatte ich mich ursprünglich für ihn eingesetzt.“

„War halt auch nur ein Musiker“, meint Riley achselzuckend. „Okay, wir haben alle gedacht, dass er ein anständiger Kerl ist, und immerhin war er ja auch fast acht Jahre lang mit dir zusammen. Aber trotzdem – ein Musiker.“

„Mit Craig wäre es niemals wirklich was geworden“, erwidere ich seufzend. „Auch wenn wir es lange miteinander versucht haben. Länger, als wir es hätten tun sollen. Ich bin anhänglich. Ich will einen Mann regelmäßig bei mir haben, nicht nur seine Stimme hören, wenn wir telefonieren. Er war ja dauernd auf Tour.“

„Du wirst schon noch einen anständigen Nicht-Musiker finden“, sagt Mia voller Überzeugung.

„Ja, und bei allem, was dir heilig ist, hör endlich auf, mit diesen Bad-Boy-Typen auszugehen“, ergänzt Cami. „In diesem Outfit ziehst du jeden Kerl im Umkreis von zehn Meilen an, egal wie anständig oder verdorben er ist.“

Ich sehe auf meine enge schwarze Jeans, mein rotes Top und die schwarze Weste, dann schaue ich wieder zu Cami. „Was stimmt denn nicht mit meinem Outfit?“

„Gar nichts“, erwidert Kat grinsend. „Und deine roten High Heels sind zum Dahinschmelzen. Nicht zu vergessen die roten Strähnen.“

„Du siehst nie an zwei Tagen hintereinander gleich aus“, sagt Riley. „Das liebe ich so an dir.“

Ich zucke mit den Schultern. „Mein Aussehen scheint aber keinen Einfluss darauf zu haben, ob ein Mann mir treu bleibt oder nicht.“

„Das liegt nur daran, dass du dir immer Idioten aussuchst.“ Mia beißt ein Stück Spargel ab und betrachtet missmutig ihre Gabel.

„Ich weiß, was du brauchst“, verkündet Riley. „Du brauchst einen Toy Boy.“

Ich schlucke den Wein runter und sehe meine Freundin fragend an. „Einen was?“

„Du musst dir einen Mann suchen, den du einmal im Monat anrufen und treffen kannst …“

„Aber er lebt nicht in der Nähe“, fügt Cami hinzu und verblüfft mich völlig. „Du musst reisen, wenn du ihn sehen willst.“

„Genau“, wirft Kat ein. „Du brauchst nämlich niemanden, der bei dir rumhängt, sich auf deine Kosten durchfuttert oder dich einfach nur vor Wut kochen lässt.“

„Ganz richtig“, bestätigt Riley prompt. „Er lebt also zum Beispiel in Seattle oder San Francisco, weil dann der Flug nicht so lange dauert. Du bleibst ein paar Tage bei ihm, hast Sex bis zum Abwinken und dann kehrst du zurück und lebst dein Leben. Damit sind alle glücklich, und niemand ist zu irgendwas verpflichtet.“

Während ich von einer Freundin zur anderen sehe und versuche, dieser völlig absurden Unterhaltung zu folgen, komme ich mir vor, als würde ich mir eine bizarre Gameshow ansehen.

Noch bizarrer ist allerdings, dass mir die Idee irgendwie gefällt.

„Aber er darf kein Musiker sein“, gibt Mia zu bedenken.

„Auf keinen Fall“, steige ich ins Gespräch ein. „Das habe ich alles schon mitgemacht und bereut. Aber er muss einen guten Job haben. Einen wirklich guten Job. Und er muss was im Kopf haben.“

„Und im Schlafzimmer muss er was drauf haben“, sagt Kat.

„Und in der Küche“, ergänzt Cami amüsiert.

„Und im Badezimmer. Wasserspiele machen schließlich auch Spaß“, ruft Mia.

Ich muss unwillkürlich lachen. Die Mädels sind einfach superwitzig.

„Deshalb sind wir Freundinnen“, sage ich und wische mir eine Träne aus dem Augenwinkel. „Übrigens sollte er auch fantastische Bauchmuskeln haben. Und vielleicht blondes Haar. Und blaue Augen. Oder grüne? Nein, blau sollen sie sein.“

Ich rede drauflos, und meine Freundinnen lassen mich gewähren. Dabei sehen sie mich amüsiert an.

„Ich mag Tattoos, aber die sind kein Muss. Allerdings muss er groß sein, auf jeden Fall größer als ich. Und er sollte in der Lage sein, mit seinem …“

Ich blicke auf, als ich Camis Blick bemerke. Sie starrt hinter mich und lächelt breit, sodass ich mitten im Satz abbreche.

„Oh Gott. Wer steht hinter mir?“

„Hi, Jake“, sagt Mia und winkt ihm zu.

Einen Moment lang bekomme ich den Mund nicht mehr zu, dann murmele ich: „Ja, leck mich doch.“

Plötzlich spüre ich warme Lippen an meinem Ohr, und Jake flüstert mir zu: „Ich denke, das wäre bei diesem Toy Boy inklusive.“

Kat prustet los, ich dagegen gebe mein Bestes, meine Würde zu wahren, dann räuspere ich mich.

„Hallo, Jake“, sage ich, während ich aufstehe, und zeige auf meine Freundinnen. „Sie erinnern sich bestimmt an Kat.“

Sie winkt ihm zu.

„Das ist Mia, unsere Chefköchin.“ Mia lächelt ihn an.

„Cami ist unsere Finanzfachfrau und Riley kümmert sich um Marketing und Publicity. Wir fünf sind gemeinsam die Eigentümerinnen von ‚Seduction‘.“

„Es ist mir ein Vergnügen, Sie alle kennenzulernen. Sie sind eine beeindruckende Truppe, wissen Sie das?“

„Wie meinen Sie das?“, hakt Riley nach.

„Sie sehen alle atemberaubend aus, sind intelligent, haben Einfluss“, sagt er. „Einfach faszinierend.“

„Ich mag ihn“, urteilt Kat. „Er kann bleiben.“

Jake zwinkert ihr zu, und ich drehe mich zu ihm um, damit ich ihn zur Bühne bringen kann. Er ist wirklich charmant. Und ihm stehen die zerrissene Jeans und das schlichte graue T-Shirt fast schon viel zu gut.

Die Tattoos auf seinen Armen sind einfach … oh Gott! Und sein Körper wirkt fest und straff.

Addison, jetzt reiß dich zusammen!

„Das ist eine ziemlich einfache Anlage“, erkläre ich und werfe mir einen Blick über die Schulter, um mich zu vergewissern, dass er mir auch folgt. Dabei ertappe ich ihn, wie er mir auf den Hintern starrt. „Hey, sehen Sie mir nicht auf den Hintern.“

„Ja, Ma’am“, erwidert er und grinst mich frech an.

Bei diesem Grinsen steigt ein ganzer Schwarm Schmetterlinge in meinem Bauch auf. Als er mich beim ersten Gespräch genau auf dieselbe Weise angelächelt hat, ist mir sofort ein Oh nein! durch den Kopf geschossen. Dieses Lächeln ist genau von der Art, die mich schwach werden lassen kann.

Auf keinen Fall!

„Ich bin größer als Sie, und ich habe Tattoos. Ich weiß, das ist für Sie kein Muss, aber es ist ein Bonus.“

Ich schüttele den Kopf.

„Okay, ich habe braune Haare, aber die kann man färben. Und ich glaube, Sie haben sich zwar auf blaue Augen festgelegt, aber auch von grünen Augen geredet. Und damit: Bingo!“ Er lässt mich tief in seine Augen blicken, und ehe ich weiß, was um mich herum passiert, zieht er sein Shirt hoch.

Oh, lieber Himmel.

„Nicht, dass ich damit prahlen will, aber … tja … Bauchmuskeln.“

„Mikrofon und Hocker sind hier, so wie Sie es haben wollten.“ Während ich rede, drehe ich mich weg und gebe mir alle Mühe, ruhig und gleichmäßig zu atmen und den Mann zu ignorieren. „Wenn Sie spielen, können Sie trinken, was Sie wollen. Sagen Sie nur der Kellnerin Bescheid, dann wird sie sich darum kümmern, dass Sie den ganzen Abend über versorgt sind.“

Er nickt und zieht die Schuhe aus, was mich irritiert.

„Ich singe immer barfuß“, erklärt er. „Seit ewigen Zeiten. Eine Angewohnheit.“

„Wieso?“

„Keine Ahnung.“ Lachend schüttelt er den Kopf. „Ich schätze, es ist einfach nur bequem.“

Und dann sehen diese Füße auch noch sexy aus.

Was sonst.

„Ich kann nicht glauben, dass du es wirklich tust!“ Eine Brünette schmeißt sich Jake an den Hals und drückt ihn an sich. Sie sieht sehr gut aus, ist groß und offenbar sehr vertraut mit ihm. Er fängt an zu strahlen und legt sanft die Arme um sie.

„Ich hab’s dir doch gesagt.“

„Ich weiß. Es ist einfach großartig. Und ich bin so stolz auf dich.“

Jemand sollte dem armen Mädchen sagen, dass ihr Freund eben versucht, sich an mich ranzumachen. Typisch.

Und einfach unfassbar.

Was stimmt bloß nicht mit den Männern?

Jake dirigiert die Frau zur Seite und streckt einem Mann die Hand entgegen, der sich uns von hinten genähert hat. „Hey, Kumpel“, sagt Jake zu ihm. „Danke fürs Kommen.“

„Als ob wir uns das entgehen lassen würden!“, gibt der große attraktive Mann zurück und zieht Jake in eine dieser Männerumarmungen, die ich wohl nie so ganz verstehen werde.

Genauso wie die Sache mit dem Betrügen und dem Schmarotzen und die Unart, den Klodeckel hochgeklappt zu lassen.

Das ist mir alles ein elendes Rätsel.

„Wir sind so unhöflich!“ Die Frau lächelt mich an. „Ich bin Christina und das ist Kevin, mein Mann.“

„Christina ist seit der Highschool meine beste Freundin“, erklärt Jake und fügt ironisch an: „Ich werde sie einfach nicht los.“

„Da hat er recht“, stimmt Christina ihm fröhlich zu.

„Ich bin Addison, eine der Chefinnen hier im ‚Seduction‘. Herzlich willkommen.“ Ich lächle freundlich und will weggehen, da fasst Christina nach meiner Hand.

„Würden Sie sich für ein paar Minuten zu uns setzen? Ich würde mich gern mit Ihnen unterhalten.“

„Ja, klar“, erwidere ich reflexartig und verfluche mich sofort dafür. Ich bin einfach zu sehr darauf bedacht, den Gästen jeden Wunsch zu erfüllen. Aber Christina lächelt nur erfreut und drückt Jake noch einmal an sich.

„Hals- und Beinbruch, J.“

Kevin geht vor uns her zu einem Tisch in der Mitte. Als meine Kellnerin kommt, weise ich sie an, den beiden alles zu bringen, was sie bestellen, und das Ganze aufs Haus abzurechnen.

„Das ist aber nicht nötig“, sagt Kevin, nachdem die Kellnerin weg ist.

„Es ist mir ein Vergnügen“, antworte ich, streiche mit einer Hand die Tischdecke glatt und sehe zu Jake, der soeben seine Gitarre aus dem Koffer geholt hat und sich daranmacht, sie zu stimmen. Er redet kurz mit der Kellnerin, setzt sich auf den Hocker, richtet das Mikrofon so aus, wie er es haben will.

„Guten Abend“, sagt er und lächelte ins Publikum. Aber es ist ein anderes Lächeln als das, was er mich zuvor hat sehen lassen. Es wirkt distanziert, professionell.

Wie ein Pokerface.

Faszinierend.

„Das ist mein erster Abend hier im ‚Seduction‘, mein Name ist Jake Keller.“ Er schaut zu Christina, die einen Daumen nach oben streckt und ihn aufmunternd anstrahlt. „Seien Sie bitte etwas nachsichtig.“

Das Publikum lacht, dann aber wird getuschelt und geraunt. „Sind Sie nicht Jake Knox?“, ruft jemand aus der Menge.

Jake lächelt unverändert. „Der war ich mal. Aber heute Abend bin ich nur ein Typ mit einer Gitarre.“ Und schon setzt er zu einem schnellen Coversong an. Seine Stimme ist so zart wie Karamell, und sie klingt an genau den richtigen Stellen ein bisschen rau.

Das ist Sex pur.

„Was kann ich denn für Sie tun?“, frage ich Christina.

„Ich wollte Ihnen nur danken, dass Sie Jake den Job gegeben haben. Es mag nach einer Kleinigkeit aussehen, aber für ihn ist es wichtig.“ Sie betrachtet ihn mit liebevollem Blick. „Und für mich auch.“

Kevin nimmt Christinas Hand und küsst sie zärtlich.

„Es war für mich schon ein Schock, als er vor ein paar Tagen herkam“, muss ich zugeben.

„Kann ich mir vorstellen.“ Sie lacht. „Man würde nicht auf den Gedanken kommen, dass er nervös ist, oder?“

Ich mustere Jake, der selbstbewusst performt und wie selbstverständlich die Finger über die Saiten wandern lässt, so, als wäre das Instrument ein Teil von ihm. Und auch jede gesungene Note ist genau richtig.

„Nein“, sage ich.

„Er steht gerade Todesängste aus“, lässt sie mich völlig ernst wissen. „Seit fünf Jahren ist er nicht mehr vor Publikum aufgetreten.“

„Aber ich habe ihn doch neulich gesehen“, wende ich ein. „Er hat bei diesem Talentabend mitgemacht. Ich war auf der Suche nach jemandem, der Talent genug besitzt, um hier aufzutreten.“

„Das war nur ein einziger Song“, sagt Christina. „Und das war das allererste Mal. Der Auftritt scheint in ihm den Hunger nach mehr geweckt zu haben, auch wenn er das nie zugeben würde.“

„Ich meine, ich hätte mal gelesen, dass er immer noch schreibt und produziert.“

„Ja, aber das hier ist was anderes, als vor vier guten Freunden ein Stück zu singen, um zu vermitteln, wie es klingen soll.“ Sie nickt bedächtig. „Deshalb bin ich Ihnen so dankbar.“

„Gern geschehen.“ Ich sehe mich um und stelle beruhigt fest, dass es den Gästen schmeckt und sie ihren Spaß daran haben, nebenbei mit Jake mitzusingen. „Er macht unsere Gäste glücklich, würde ich sagen.“

„Und das wird er auch weiterhin machen“, sagt Kevin und bekommt dafür von Christina einen Kuss auf die Wange.

„Wie haben Sie beide sich kennengelernt?“

„Ich hatte vor ein paar Jahren einen Unfall und brauchte Physiotherapie …“, antwortet sie.

„… und ich war ihr Physiotherapeut“, führt er den Satz zu Ende.

Ich muss grinsen. „Wow, tolle Geschichte. Romantisch.“

„Ja, das finden wir auch.“

In diesem Moment spielt Jake das Intro zu einem langsameren Song. Zu meinem aktuellen Lieblingssong, der zurzeit ganz oben in den Charts steht. Jedes Mal, wenn ich ihn höre, schmilzt mein Herz dahin. Weil es von all den Dingen erzählt, bei denen ich mir sicher bin, dass ich sie niemals haben werde.

Während des Liedes sieht Jake die ganze Zeit über nur mich an. Sein Blick schweift nicht ein einziges Mal irgendwohin ab, und auch ich kann mich nicht von seinen Augen losreißen. Christina erzählt mir irgendetwas, aber ich bekomme davon nichts mit.

Ich nehme nur Jake wahr.

Als er zum Refrain kommt und mich darum bittet, ihn zu lieben, muss ich blinzeln. Ich senke den Blick, zwinge mich aufzustehen, entschuldige mich bei Christina und Kevin und laufe zu den Toiletten. Ich schließe die Tür hinter mir ab und stütze mich auf dem Tresen mit dem Waschbecken ab. Dann betrachte ich mein Spiegelbild.

Was zum Teufel ist nur los mit mir?

Wenigstens hält mein Make-up. Smokey Eyes sehen mich an. Ich sehe auf meine glänzenden Lippen und beginne mir Mut zuzureden. „Du fühlst dich nicht zu Musikern hingezogen. Du wirst dir einen Wirtschaftsprüfer oder einen Makler oder einen Anwalt suchen, einen ohne Tattoos. Einen, der dir treu sein wird. Einen, dem sich nicht jede Frau an den Hals werfen will. Einen guten Mann. Natürlich hat er ein tolles Lächeln, weil ich schöne Zähne mag, aber er ist kein Fremdgänger und kein Lügner. Er wird auf dich stolz sein, und du wirst für ihn immer an erster Stelle stehen. Okay, kann sein, dass er ein bisschen langweilig ist, aber langweilig ist gut. Er manipuliert dich nicht, und er würde sich lieber selbst umbringen, als dir ein Haar zu krümmen.“

Ich stelle mich gerade hin und streiche über meine Lederweste und meine Jeans. Dann hebe ich mahnend den Zeigefinger in Richtung meines Spiegelbilds.

„Jake ist kein heißer Typ. Du bist nicht an ihm interessiert. Vergiss ihn einfach.“

Ich gebe mir selbst einen bösen Blick mit auf den Weg, bevor ich die Toilette verlasse. Mein Panzer ist wieder intakt, um mich zu schützen. Inzwischen ist das „Seduction“ ziemlich verwaist. Jakes Auftritt ist erstaunlich gut angekommen. Wenn er will, kann er an den Wochenenden spielen, solange er Lust hat.

Ich höre Geräusche aus der Küche, wahrscheinlich einer der Köche, der für morgen alles vorbereitet. Die letzten Kellnerinnen sind inzwischen gegangen, alle mit strahlenden Mienen, da der Abend ihnen sehr großzügige Trinkgelder eingebracht hat. Cami, Riley und Mia haben sich gleich nach Jakes Auftritt verabschiedet, Kat hat sich gerade eben auf den Heimweg gemacht.

„Kann ich Ihnen einen Drink spendieren?“

Ich wirbele herum, erstaunt, dass Jake noch immer da ist. „Ich hab doch vorhin schon Nein gesagt. Sind Sie senil oder was?“

„Es geht doch nur um einen Drink, Addie. Ich schätze, Sie haben einen langen Tag hinter sich.“

„Das kann ich nicht abstreiten.“ Ich zucke die Achseln. „Okay, einen Drink.“ Was ist denn jetzt los, Addison? Das ist so was von unprofessionell! Im Geiste schüttele ich den Kopf, weil ich wieder mal der Trottel bin, der nicht Nein sagen kann.

Ich gehe vor ihm her zur Bar und begebe mich hinter die Theke. „Was haben Sie heute Abend getrunken? Jack mit Coke?“

„Nur Coke“, erwidert er. „Ich brauche keinen Jack.“

Ich gieße ihm eine Cola ein, erstaunt, dass er während des Gigs keinen Alkohol getrunken hat. Doch ich hake nicht nach. Ich schenke mir einen Wein ein und beuge mich über die Theke, um mit ihm anzustoßen. „Auf Ihren ersten Abend.“

„Cheers.“ Seine Augen funkeln, als er mich über den Glasrand hinweg ansieht. „Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir. Und legen Sie diese mörderischen High Heels ab.“

„Ich bin sie gewöhnt“, erwidere ich, komme um die Theke herum und nehme auf dem Hocker gleich neben ihm Platz. „Allerdings bin ich auf denen auch schon den ganzen Tag unterwegs.“

„Sie haben den ganzen Tag gearbeitet, und dann bleiben Sie heute Abend auch noch bis zum Schluss?“

„Natürlich. Das war Ihr erster Abend.“

„Mein Probe-Vorspiel.“ Er nickt nachdenklich. „Ich glaube, ich habe noch nie für irgendwas vorspielen oder vorsprechen müssen.“

„Sie haben bestanden. Sie können gern jeden Freitag und Samstag hier auftreten, solange Sie möchten.“

In seine unglaublich grünen Augen tritt ein warmer, freudiger Blick.

„Danke. Es gefällt mir hier. Angenehmes Publikum, dazu eine großartige Akustik. Ich würde gern ab und zu Max mitbringen, damit wir zusammen ein paar alte Songs spielen können, wenn Ihnen das recht ist.“

Wenn mir das recht ist?

Was sollte mir daran nicht recht sein?

„Klingt gut“, sage ich und trinke einen Schluck Wein. Es ist ruhig in der Bar. Viel zu ruhig. Jake starrt auf sein Glas, durch das schummrige Licht wirkt das Grün seiner Augen noch dunkler. Eine Falte bildet sich zwischen seinen Augenbrauen, und auf einmal schüttelt er flüchtig den Kopf. Er nippt an seiner Coke, während ich fast reflexartig überlege, über was er wohl gerade nachdenkt.

Und da ich eine Frau bin, frage ich ihn.

Denn wer hört schon auf die Warnung, dass man eine Frage besser nicht stellen sollte, wenn man die Antwort eigentlich gar nicht wissen will?

„Woran denken Sie gerade?“, frage ich also.

„Das wollen Sie nicht wissen.“

„Dann hätte ich nicht gefragt.“

Er dreht sich zu mir herum, legt seine Hand auf die Armlehne meines Hockers, und beugt sich vor. Es kostet mich all meine Kraft, nicht zurückzuweichen. Sein Blick wandert zu meinen Lippen. Unwillkürlich lasse ich die Zunge über meine Unterlippe gleiten, und bemerke dabei, wie sich seine Pupillen weiten.

Das ist eine ganz üble Idee.

Ich schlucke angestrengt, als er unbeirrt weiter meine Lippen fixiert.

„Es ist hier sehr ruhig“, sagt er leise.

„Das ist mir auch aufgefallen.“

„Fühlen Sie sich wohl, wenn alles so ruhig ist, Addie?“

Ich spüre, wie sich meine Brustwarzen zusammenziehen, als er eine Strähne hinter mein Ohr streicht. Seine Finger fühlen sich warm an. Er ist mir jetzt so nah, dass ich ihn zwangsläufig einatmen muss, seinen Duft genießen kann.

„Warum sollte ich nicht?“

„Für manche Menschen ist das nichts. Die brauchen Chaos und Lärm, aber Stille macht sie nervös.“

Du machst mich auch nervös.

Abermals streiche ich mir mit der Zunge über die Lippen. „Stille macht mir nichts aus. Ihnen?“

„Ich liebe Stille.“

Ich muss grinsen. „Sie sind doch Musiker.“

„Ja, und ich liebe Musik. Aber in der Stille steckt die Wahrheit.“

Ich zwinkere einmal, dann noch mal. „Die Wahrheit?“, flüstere ich.

Er nickt knapp. „Es gibt keine Ablenkung. Man kann nichts leugnen. Sie ist aufrichtig.“

„Und, sind Sie das auch? Aufrichtig?“

„Bis zum Äußersten“, bestätigt er. „Übrigens würde ich gern mehr über ihre Idee mit dem Toy Boy erfahren.“

Ich spürte, dass meine Wangen zu glühen beginnen, und wende mich ab, nehme einen Schluck Wein.

„Ich habe nur mit meinen Freundinnen rumgealbert, Jake. Vergessen Sie’s also.“

Er antwortet nicht. Zum Teufel mit dieser verdammten Stille.

Ich wage einen Blick in seine Richtung, er beobachtet mich immer noch. Die Lust steht ihm unübersehbar ins Gesicht geschrieben. „Warum starren Sie mich so an?“

„Ich starre Sie nicht an, aber Sie sehen so absolut hinreißend aus, wenn Sie erröten. Ich frag mich unweigerlich, wie weit die Röte wohl unter dem Stoff noch reicht.“

Einen Moment lang bekomme ich den Mund nicht mehr zu. „Ich würde sagen, Sie sind tatsächlich aufrichtig.“

Wieder lächelte er so verdammt frech, was mich … was mich rasend macht!

„Schuldig im Sinne der Anklage“, antwortet er.

„Und viel zu charmant.“

„Charmant zu sein ist nichts Schlimmes.“

Ich lache, aber nicht etwa, weil der Mann so unglaublich witzig ist. Sofort wird seine Miene ernst. „Glauben Sie wirklich, dass Sie mich auf die Tour ins Bett kriegen? Indem Sie mich auf einen Drink einladen, ein paar sexy Sprüche loslassen? Indem Sie Körpersprache einsetzen, der niemand widerstehen kann?“

„Es geht mir nur um einen Drink und eine Unterhaltung, Addie.“

„Klar. Ich kauf’s Ihnen nur nicht ab. Jake, ich habe so was mit Männern wie Ihnen zu oft mitgemacht. Es ist wie ein freier Fall. Es endet immer mit dem großen Knall.“

„Hören Sie …“

„Nein, Sie hören zu.“ Ich lasse mich von meinem Hocker gleiten und gehe ein paar Schritte von ihm weg. Mein Körper ist mit zu viel Energie aufgeladen, ich bin einfach zu frustriert. Meine Absätze hallen durch die leere Bar. „Ich bin mit Dutzenden Männern wie Ihnen ausgegangen. Ihr seid alle gleich.“

„Das sind wir nicht.“ Ich drehe mich und bemerke seine verbissene Miene.

„Ach, nein? Wollen Sie mir erzählen, dass Sie nicht mit unzähligen Frauen im Bett waren?“ Ich verschränke die Arme vor der Brust und verlagere mein Gewicht auf ein Bein. Dabei sehe ich, wie er die Hände zu Fäusten ballt.

Er streitet es nicht ab.

„Wollen Sie mir erzählen, Sie hätten nie die Nacht mit einer Frau verbracht, während eine andere auf Sie gewartet hat, der sie weisgemacht hatten, dass sie Ihnen etwas bedeutet?“

Er schluckt hart und steht von seinem Hocker auf, sagt aber noch immer kein Wort.

„Versuchen Sie gar nicht erst, mir zu erzählen, dass Sie keiner von den Kerlen sind, die rumhuren, wo sie nur können, Jake. Ich weiß, dass das nicht stimmt. Ich bin mein Leben lang immer wieder an Typen wie Sie geraten. Und ich kenne die Zeitungsberichte über Sie. Ich kenne Ihre Vergangenheit.“

Für den Bruchteil einer Sekunde huscht ein qualvoller Ausdruck über sein Gesicht, der aber schnell wieder verschwindet. Seine Miene ist … vollkommen ausdruckslos. Nicht der Hauch einer Gefühlsregung ist auszumachen.

Es kommt mir vor, als würde sich das anschließende Schweigen mindestens zehn Minuten lang hinziehen, bis Jake flüchtig nickt und sagt: „Tja, ich würde sagen, Sie haben mich und alle Männer komplett durchschaut, nicht wahr?“ Er sieht mich von oben bis unten an, dann dreht er sich weg und verlässt die Bar.

Keine zwei Sekunden später kommt zu meinem Erstaunen Mia aus der Küche geeilt. „Was machst du denn noch hier?“

„Das hat er nicht verdient, Addie.“

Ich zwinkere zwei-, dreimal und gehe wieder hinter die Theke, um mir noch einen Wein einzuschenken. „Diese Kerle sind alle gleich, Mia, und es ist für mich und für ihn eine Beleidigung, wenn er es auch noch abstreitet. Ich bin es leid, angelogen zu werden. Ich bin es leid, von Typen angebaggert zu werden, die mir nur an die Wäsche wollen, sich aber einen Scheiß für meine Gefühle interessieren.“

„Er war nett zu dir.“

„Natürlich war er das.“

„Addie, Jake ist nicht der Mann, den du gestern dabei ertappt hast, wie er mit zwei anderen Frauen rumgevögelt hat.“

Mein Blick zuckt zu ihr rüber. „Ich habe nicht meine Wut an Jake ausgelassen“, sage ich stirnrunzelnd.

„Blödsinn.“

Verlegen drehe ich mich weg, weil mir die Tränen in die Augen steigen. Scham überkommt mich, denn Mia hat völlig recht. Jake hat es nicht verdient, so behandelt zu werden.

„Ich bin ein Miststück.“

„Du bist kein Miststück. Man hat dir wehgetan, und du wehrst dich dagegen, dass du dich zu Jake hingezogen fühlst.“

„Ich fühle mich nicht zu ihm hingezogen.“

Mia grinst ironisch und schüttelt den Kopf. „Schon klar.“

„Okay, ich fühle mich zu ihm hingezogen, aber ich gebe mir alle Mühe, dagegen anzukämpfen.“

„Die Menschen sind nicht alle gleich, Addie.“

„Ich habe einfach was Besseres verdient, Mia. Ich weiß nicht, wieso jeder Mann meint, ich würde zu ihm sagen: Verarsch mich, tu mir weh. Ich mag das.“

Die Tränen wollen sich ihren Weg bahnen, aber ich schlucke und halte sie zurück.

„Du hast bislang einfach Pech mit Männern gehabt“, sagt sie. „Wie übrigens jede von uns.“

„Was du nicht sagst.“

Plötzlich hören wir, wie die Eingangstür auf- und wieder zugeht, danach ist alles ruhig.

„Jetzt sind wir allein“, sagt Mia leise. „Wenn du weinen willst, dann tu es. Das ist schon okay.“

„Nein, ist es nicht. Dadurch ändert sich auch nichts.“

„Ach, Addie, du musst doch nicht immer die Starke spielen. Außer mir ist jetzt niemand hier. Sei mal fünf Minuten lang verletzlich und lass alles raus. Ich werde auch niemandem ein Wort davon sagen.“

Sie legt mir die Arme um die Schultern, und dann kann ich mich nicht länger zusammenreißen. Ich lasse den Kopf auf ihre Schulter sinken und fange an zu weinen. Dabei bin ich dankbar dafür, dass es in meinem Leben einen Menschen gibt, bei dem ich Schwäche zeigen kann. Genau genommen, sind es sogar vier. Gott weiß, dass ich vor langer Zeit gelernt habe, wie riskant es ist, anderen gegenüber Schwäche zu zeigen. Dann wird einem nämlich das Herz aus dem Leib gerissen und in tausend Stücke zerfetzt.

Dieses Risiko werde ich ganz sicher niemals wieder eingehen.

4. Kapitel

Jake

Seit einem Monat trete ich jetzt jeden Freitag und Samstag im „Seduction“ auf. Diese Auftritte bereiten mir mehr Spaß als alles, was ich bis dahin gemacht habe. Und das, obwohl ich bei allen wichtigen Preisverleihungen und Promi-Hochzeiten und in den größten Stadien der Welt gespielt habe.

Auf diesem Hocker zu sitzen, die Gitarre umgehängt, und vor vielleicht hundert Leuten neue und alte Songs zu spielen, gibt mir mehr als jeder andere Auftritt. Denn das hier geschieht zu meinen Bedingungen. Es gibt nur mich und meine Musik, die auf das absolute Minimum reduziert ist. Das gibt mir viel mehr, als ich es mir je hätte vorstellen können.

Es macht mich regelrecht süchtig.

„Wenn du mit dem Besteck fertig bist, Ashley, kannst du für heute Schluss machen“, sagt Addison zu ihrer Oberkellnerin, die gerade noch ihr Trinkgeld zählt.

Apropos süchtig machen.

Addison ist eine Wahnsinnsfrau. Sie sieht fantastisch aus mit ihren blonden Haaren und ihren Kurven, so fantastisch, dass alles Männliche in mir erwacht und in Alarmstellung geht. Und dazu ist sie auch noch unglaublich intelligent. Sie hat den Laden so gut im Griff, dass absolut alles wie geschmiert läuft. Von den Angestellten wird sie respektiert und geschätzt, und die Gäste kommen bei ihr immer an erster Stelle. Es ist eine echte Augenweide zu beobachten, wie sie während meiner Auftritte von Tisch zu Tisch geht. Ab und zu schenkt sie mir einen Blick.

Mein Herz schlägt jedes Mal ein bisschen schneller, wenn ich sehe, wie sie gegen ihren Willen zu einem Lächeln ansetzt, ehe sie sich schnell umdreht und weggeht.

Außerdem weiß ich nie, wie sie aussehen wird, wenn ich abends herkomme, denn sie wechselt ihren Style häufiger als mancher seine Unterwäsche. Und dabei sieht sie jedes Mal atemberaubend aus. Ob sie sich für einen klassischen oder einen topmodernen Look oder für irgendeinen Stil dazwischen entscheidet, es ist immer wieder eine Überraschung.

Für mich die beste Überraschung seit Jahren.

Jetzt ist wieder alles ruhig, die Mitarbeiter räumen auf und packen weg, während ich noch mit meiner Gitarre hantiere und die Saiten stimme. Ehrlich gesagt, gibt es da gar nichts zu stimmen, aber ich will Addie dabei zusehen, wie sie im Restaurant herumeilt.

Was eigentlich verdammt kläglich ist. Sie will nichts von mir, das hat sie mir klar und deutlich zu verstehen gegeben. Mich macht das wütend, aber gleichzeitig amüsiert es mich auch.

Ich war noch nie gut darin, ein Nein zu akzeptieren. Und das wirft die Frage auf, ob es vielleicht genau diese Herausforderung ist, die sie für mich so anziehend macht.

„Können wir kurz über meinen Dienstplan reden?“, fragt Ashley. „Nächstes Wochenende hat mein Dad Geburtstag, und da findet ein großes Abendessen für die ganze Familie statt. Ich würde deshalb gern meine Schicht tauschen.“

„Klar.“ Addie sieht sich suchend um. „Mist, mein iPad liegt noch im Wagen. Ich bin gleich wieder da.“

„Ich warte an der Bar auf dich“, sagt Ashley.

Gute Idee.

Ich trinke nicht viel, jedenfalls nicht mehr, aber jetzt könnte ich einen Drink gebrauchen.

„Tolle Songs heute Abend, Jake“, sagt Kate, die hinter der Theke steht. Ihr Lippenstift ist fast genauso dunkelrot wie ihr Haar. Sie trägt eine enge Jeans und dazu ein AC/DC-Tanktop, das viele ihrer Tattoos unbedeckt lässt.

„Danke.“ Ich lächle sie an.

„Was kann ich dir bringen? Das Übliche?“, fragt sie. Mit ihr und den anderen bin ich längst per du, es ist einfach angenehmer, als sich zu siezen.

„Ich habe etwas Übliches?“ Verwundert ziehe ich eine Augenbraue hoch und behalte weiter die Tür im Auge, die in die Gasse hinter dem Restaurant führt. Wo ist Addie? Irgendwie kommt mir die Zeit zu lange vor, die sie braucht, um ihr iPad zu holen, aber wahrscheinlich mache ich mich nur lächerlich.

„Na, klar. Coke“, antwortet Kat. „Ich bin Barkeeperin, Jake. Es gehört zu meinem Job, so was zu wissen.“

„Du bist mehr als nur eine Barkeeperin“, entgegne ich ernst. „Du leitest die ganze Bar, und zwar ganz hervorragend.“

„Ich weiß.“ Sie lächelt selbstbewusst, was meinen Respekt vor ihr nur noch größer werden lässt. Jede dieser Frauen ist in ihrem Job einfach fantastisch. „Ich habe ein Faible für Drinks.“

„Du klingst wie eine Säuferin“, sagt Mia, die aus der Küche kommt und neben mir an der Theke Platz nimmt. „Ist sie aber gar nicht“, fügt sie an mich gerichtet hinzu.

„Nur, weil man sich mit Alkohol auskennt, ist man nicht zwangsläufig Alkoholiker“, sage ich. Langsam mache ich mir wirklich Sorgen um Addie. „Das ist schließlich eine Art Kunst.“

„Ich kann dich gut leiden“, sagt Kat und haucht mir einen Kuss zu.

„Wo ist Addie?“, fragt Mia. „Ist sie schreiend vor dir davongelaufen und in der Nacht verschwunden?“

„So reagieren Frauen normalerweise nicht auf mich.“ Kat schiebt mir einen Drink hin, ich trinke einen Schluck.

„Sie ist zum Auto gelaufen, um ihr iPad zu holen“, wirft Ashley ein, die etwas auf ihrem Handy herumtippt.

„Das ist aber schon ziemlich lange her. Ich sehe mal nach, wo sie bleibt.“

„Ich kann ihn wirklich gut leiden“, höre ich Kat noch sagen, als ich bereits durch die Küche zum Hinterausgang gehe. Vor der Tür bleibe ich stehen und lausche, da ich nicht weiß, wo Addie ihren Wagen geparkt hat.

„Du nutzloses Stück Scheiße!“, höre ich da jemanden brüllen und sprinte sofort los. Als ich um die nächste Ecke biege, sehe ich rot. Ein Mann, nicht viel größer als Addie, hat sie mit dem Rücken gegen ihren Wagen gedrückt. Eine Hand liegt um ihren schlanken Hals. Addie hat die Augen weit aufgerissen und presst beide Hände gegen die Brust des Mannes, aber sie kann ihn nicht zurückdrängen.

Er holt mit der freien Hand aus, die er genau in dem Moment zur Faust ballt, als ich die beiden erreiche. Ich kann noch eben dazwischengehen und ihn von ihr wegziehen.

„Hey, was soll das?“, herrscht er mich an, verstummt aber, als sein Kiefer Bekanntschaft mit meiner Faust schließt.

„Jake!“, ruft Addie mit rauer Stimme. Ich nehme kaum ihre Hand an meinem Arm wahr, als ich über den Dreckskerl gebeugt dastehe, der auf sie einprügeln wollte. „Jake, hör auf!“

„Du bleibst hinter mir.“

„Was ist das denn für ein Arsch?!“, flucht der Kerl, der immer noch auf dem Boden liegt und sich Blut aus dem Mundwinkel wischt. „Lässt du dich von ihm auch vögeln?“

„Halt die Fresse“, zische ich in frostigem Tonfall. „Ich rate dir, von hier zu verschwinden, bevor ich die Cops rufe.“

„Wieso? Wir haben nur geredet.“ Mühselig steht er auf und sieht mich leicht schwankend an. Er ist eindeutig betrunken. Vielleicht ist er sogar high.

„Du hast sie angegriffen.“

„Geht dich nichts an!“

„Hau einfach ab, Jeremy“, sagt Addie, die noch immer hinter mir steht. Ihre Stimme klingt ruhig und fest, aber die Hand, mit der sie sich an mich klammert, zittert spürbar, was mich nur noch wütender macht. Mein Gefühl sagt mir nämlich, dass einiges nötig ist, um dieser Frau Angst einzujagen.

„Du hast sie gehört“, füge ich an.

Jeremy wirft mir einen wütenden Blick zu, spuckt vor mir auf den Boden und dreht sich weg, um durch die Gasse davonzuschwanken. Als er außer Sichtweite ist, drehe ich mich zu Addie um und drücke sie an mich. Sie zittert, aber sie weint nicht.

„Alles in Ordnung?“

„Ja, alles okay.“

„Wer war denn dieser Arsch?“

„Ein Exfreund“, murmelt sie. „Niemand Wichtiges.“

Auf jeden Fall jemand, der sich für wichtig genug hält, ihr aufzulauern, denke ich, behalte das aber lieber für mich. „Soll ich die Cops rufen?“

„Nein, er hat mich ja nicht geschlagen.“

„Ich werde dich jetzt noch eine Minute lang festhalten.“

„Gute Idee.“ Sie klammert sich an mich, die Fingerspitzen drückt sie mir in den Rücken, ihr Gesicht ruht an meiner Brust. Sie passt genau. Anders kann ich es nicht beschreiben. Ich lege die Arme enger um sie und vergrabe meine Nase in ihren Haaren, um ihren Duft einzuatmen. Sie riecht nach Pfirsich. In dieser schwarzen Bluse, die immer eine Schulter freilässt, und dem engen roten Rock sieht sie auch heute Abend wieder wunderschön aus.

Schließlich löst sie sich von mir und schluckt. „Danke dafür. Ich habe Jeremy nicht mehr gesehen, seit ich ihn vor mehr als einem Monat aus meiner Wohnung geworfen habe. Ich weiß nicht, was er heute Abend hier zu suchen hatte.“

„Er lauert dir also nicht regelmäßig auf?“

„Nein.“ Sie strafft die Schultern und hebt das Kinn an.

Braves Mädchen.

„Okay, dann werde ich dich jetzt nach Hause bringen.“

„Was?“ Sie sieht mich verständnislos an. „Wieso?“

„Du bist gerade eben in einer düsteren Gasse überfallen worden, Addie.“

„Ich muss erst meine Arbeit erledigen.“ Sie holt das iPad aus dem Wagen und geht auf das Restaurant zu. „Ich kann jetzt nicht einfach nach Hause gehen.“

Und da ist sie wieder, die starrsinnige Frau.

Ich folge ihr nach drinnen, lasse sie aber nicht aus den Augen. Sie sucht schnurstracks Ashley auf und schaltet das Tablet ein. Mir entgeht trotzdem nicht, dass ihre Finger noch immer ein wenig zittrig sind.

Ich sollte sie packen und nach Hause bringen. Aber ich weiß, sie würde mich keine drei Meter weit kommen lassen, ohne Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, damit ich sie in Ruhe lasse.

Sie ist so verdammt heiß.

„Was ist los?“, fragt Kat, die uns beide aufmerksam beobachtet.

„Addie …“, setze ich an, aber Addies Blick genügt, um mich gleich wieder verstummen zu lassen.

„Gar nichts.“ Sie dreht sich zu Ashley um, und die beiden reden über den Dienstplan vom nächsten Wochenende.

„Was ist los?“, will jetzt auch Mia wissen. „Ist alles in Ordnung?“

Jeremy war draußen“, räumt Addie schließlich ein, ohne einen von uns anzusehen. „Er war betrunken und hat sich wie ein Idiot aufgeführt. Jake hat ihn verjagt.“

Sie verschweigt ganz bewusst, dass der Kerl sie hatte schlagen wollen.

Aber das geht mich nichts an.

Ich zucke nur kurz mit den Schultern, trinke mein Glas aus und schiebe es Kat hin, damit sie nachschenkt.

„Tausend Dank“, sagt Ashley auf einmal und verlässt mit strahlender Miene das Lokal. Damit sind nur noch wir vier hier.

„Erzählst du uns, was passiert ist?“, fragt Kat an Addie gewandt, die immer noch auf ihr iPad konzentriert ist.

„Was wo passiert ist?“, gibt sie zurück.

„Himmel, wie kann man nur so verbohrt sein?“, meint Mia und öffnet ihr langes dunkles Haar. Sie massiert leicht die Kopfhaut und seufzt wie in Ekstase. „Das fühlt sich schon besser an.“

„Du hast schöne Haare“, sage ich zu ihr. Üblicherweise fühle ich mich zu Brünetten hingezogen, und Mia ist wirklich eine sehr hübsche Frau. Ihre Kurven sind noch etwas ausgeprägter als bei Addie, zudem ist sie noch ein ganzes Stück kleiner. Das Lächeln, das ihre Lippen umspielt, zeugt von reiner weiblicher Befriedigung.

„Danke.“

„Wenn du mit allen Eigentümerinnen des Restaurants geflirtet hast, kannst du gehen“, sagt Addie.

Als ich ihren giftigen Blick bemerke, muss ich unwillkürlich grinsen.

„Ich gehe, wenn du gehst, meine Schöne.“

„Er flirtet tatsächlich mit uns“, sagt Kat zu Mia, als wäre ich gar nicht anwesend.

„Tue ich nicht.“

„Na klar, Schönheit“, kontert Kat amüsiert.

„Also gut, ich gehe jetzt nach Hause“, verkündet Addie, klappt ihr iPad zu und macht sich auf den Weg zum Büro, um ihre Sachen zu holen.

„Geht es ihr gut?“, fragt Mia. „Ganz ehrlich?“

„Jetzt ja.“

Kat und Mia sehen mich ernst an, doch bevor sie noch etwas sagen können, ist Addie schon wieder da.

„Du musst mich nicht zum Wagen bringen.“

„Mhm.“ Ich nehme meine Gitarre und sage weiter nichts, sondern gehe hinter Addie her bis zu ihrem Auto. Mein eigenes steht nämlich genau neben ihrem. Wortlos steigt sie in ihren neuen Jetta ein, ich mache es mir in meinem Mustang bequem. Sie fährt los, und ich folge ihr durch die auch am Samstagabend noch so betriebsame Innenstadt, dann durch die hügelige Gegend im westlichen Portland bis zu einem eingezäunten Apartmentkomplex. Während sie ihren Wagen in die Garage fährt, stelle ich den Mustang in der Auffahrt ab und steige aus.

„Warum verfolgst du mich?“

„Weil ich sichergehen wollte, dass dieser Arsch dich nicht verfolgt“, erwidere ich. Meine Finger zucken, weil ich eine Strähne hinter ihr Ohr streichen will, die ihr ins Gesicht gefallen ist. „Und ich wollte mich davon überzeugen, dass es dir gut geht.“

„Mir geht es bestens.“

„Du musst den anderen sagen, dass er dich angegriffen hat.“ Sie versucht gar nicht erst so zu tun, als wüsste sie nicht, was ich meine.

„Die anderen sollen sich nicht unnötig Sorgen machen.“

„Sie müssen es wissen, falls er mal im Restaurant aufkreuzt.“ Sie blickt mit gerunzelter Stirn zu Boden. Aber so schnell gebe ich nicht auf. „Addie.“

„Also gut, dann werde ich es ihnen eben sagen. Aber du übertreibst. Mir geht es gut.“ Doch sie schluckt heftig, und in ihrem Blick steht noch immer die Angst.

„Kann ich mit reinkommen?“

„Wie bitte?“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust und stellt sich mir mitten in der Tiefgarage in den Weg.

Ich ertrage es nicht länger, mache einen Schritt auf sie zu und streiche behutsam eine Strähne hinter ihr Ohr. Dann wandert mein Finger an ihrem Hals entlang bis zu ihrer nackten Schulter. „Du hast sexy Schultern.“

„Bitte geh.“

Ich sehe in ihre eisblauen Augen. „Darfst du niemanden mit nach Hause bringen?“

Sie bleibt völlig ernst. „Ich weiß genau, dass ich gleich heule.“

„Aha.“

„Ich will nicht, dass du mich so siehst.“

„Okay“, seufze ich. „Aber ich muss Gewissheit haben, dass du sicher bis in deine Wohnung kommst und dass dort alles in Ordnung ist.“

Den Grund dafür verstehe ich selbst nicht. Wieso ist es mir so wichtig, sie zu trösten und zu beschützen? Außer bei Christina habe ich so etwas noch nie empfunden, und selbst bei ihr ist es nicht so intensiv.

Aber ich kann einfach nicht anders.

„Ich brauche keinen Aufpasser.“

„Bitte.“

Sie verdreht die Augen und wendet sich von mir ab, betätigt die Taste, die das Garagentor schließt, und geht dann vor mir her die Treppe nach oben zum Apartment. Ihre Wohnung ist groß und offen geschnitten, alles ist noch ganz neu, die Möbel sind trendy und trotzdem bequem.

Addie legt Handtasche und Schüssel auf den Esstisch, dann dreht sie sich zu mir um. „Okay, ich bin in Sicherheit.“

Ich gehe zu ihr, weil ich sie jetzt einfach nicht hier zurücklassen will. Ich nehme sie so wie auf dem Parkplatz wieder in die Arme und wiege sie sanft.

„Es hat mir Angst gemacht“, flüstere ich.

„Was?“

„Mit anzusehen, wie er dir die Hand um den Hals gelegt hatte.“

Der Gedanke, er könnte dir wehtun. Der Gedanke, dich zu verlieren, obwohl ich dich gar nicht habe.

„Mir hat das auch nicht gefallen.“

Ich lächle sanft. Meine Lippen streichen über ihre Haare. Oh Gott, sie duftet einfach himmlisch, und so wie sie ihren sexy Körper gegen meinen drückt, fühlt sich das an wie die reinste Sünde.

Die denkbar schönste Art von Sünde.

„Bist du dir auch ganz sicher, dass ich nicht die Polizei rufen soll?“

„Absolut sicher.“

„Geh dich umziehen“, flüstere ich und lasse sie los. „Zieh dir was Bequemes an.“

Seufzend sieht sie mich an und verschwindet im Schlafzimmer. Ihre Absätze klacken laut auf dem Hartholzboden. Als ich höre, wie sie die Tür hinter sich zuzieht, wende ich den Blick ab und sehe mich im Zimmer um. Die Wände sind weiß, auch die Küchenschränke sind weiß, lediglich die Arbeitsplatte aus Granit ist schwarz. Die großen Fenster bieten tagsüber sicher eine schöne Aussicht.

Mich zieht der Kamin mit dem Sims an, auf dem mehrere Bilderrahmen stehen. Die Fotos zeigen die fünf Eigentümerinnen des „Seduction“ aus verschiedenen Jahren. Offenbar kannten Addie, Mia und Cami sich schon, als sie noch sehr jung waren. Riley und Kat tauchen erst auf späteren Fotos auf.

Gleich neben dem Kamin steht ein Regal, das vom Boden bis zur Decke mit Büchern vollgepackt ist. Sie hat Kochbücher, Romane, Biografien … praktisch alles, was man sich vorstellen kann. Dann fällt mir ein Buch ins Auge, dessen Rücken nicht beschriftet ist.

Es ist ein großformatiges Buch, eines von der Art, wie es viele Leute auf dem Wohnzimmertisch liegen haben. Als ich es aufschlage, erstarre ich. Es ist randvoll mit Fotos von Addie.

Addison war Model.

Es gibt Fotos, die sie auf dem Laufsteg zeigen, Fotos in Alltagsmode und Bademode. Manchmal lächelt sie die Kamera an, mal flirtet sie mit ihr. Dann wieder ist sie ganz ernst. Und sie ist noch so jung, dass es fast schmerzt, sie so zu sehen. Auf den Bildern ist sie noch etwas schlanker als heute, aber ihre Kurven sind schon genauso ausgeprägt.

„Was machst du da?“

Langsam drehe ich mich zu ihr um und lächle sie an. „Ich dachte mir doch, dass mir dein Gesicht irgendwie bekannt vorkommt.“

Sie sieht, welches Buch ich in den Händen halte, und faucht los: „Das ist privat.“

Mir bleibt schier das Herz stehen, als ich sie von Kopf bis Fuß betrachte. Sie trägt ein altes weißes T-Shirt, dazu Herren-Boxershorts. Ihre langen Haare hat sie zu einem Dutt zusammengesteckt, und ihr Gesicht ist völlig frei von Make-up.

Noch nie fand ich sie schöner als in diesem Moment, und dabei habe ich sie bestimmt in einem Dutzend verschiedener Outfits erlebt. Aber das hier ist die echte, die richtige Addie, die so wunderschön ist, dass es mir den Atem verschlägt.

„Sagst du auch mal was, oder willst du mich nur weiter anstarren?“

„Du bist einfach der Wahnsinn.“

Sie zwinkert und scheint für ein paar Sekunden aus dem Gleichgewicht zu geraten. „Wie bitte?“

„Du bist wunderschön.“

„Wieso bist du so nett zu mir?“, fragte sie verwundert. „Ich war doch schrecklich zu dir.“

Ich klappe das Buch zu und stelle es zurück ins Regal, dann gehe ich zu ihr, nehme ihre Hand und führe sie zur Couch. Ich setze mich hin und ziehe sie runter, damit sie neben mir Platz nimmt. Am liebsten wäre es mir, wenn sie sich auf meinen Schoß setzen würde, aber ich bin mir nicht sicher, dass sie das auch tun würde.

Sie legt die Beine hoch und lässt ihre Wange gegen meine Schulter sinken, während sie die Hände um meinen Oberarm legt.

„Das ist schon okay“, sage ich leise und widerstehe der Versuchung, sie auf den Kopf zu küssen. „Du warst einfach nur professionell.“

„Ich bin eiskalt.“

„Dir wurde wehgetan.“

Sie schnaubt abfällig.

„Außerdem magst du mich, und das bereitet dir Angst.“

Sofort stößt sie sich von mir und schüttelt den Kopf. „Davon träumst du.“

Mit einem Lächeln ziehe ich sie jetzt doch auf meinen Schoß und halte sie an mich gedrückt. Sie sieht mich dabei so misstrauisch aus ihren blauen Augen an, wie sie es auch tun sollte. Aber ich werde sie nicht dazu drängen, dass sie mit mir ins Bett geht. Nicht heute Nacht. Heute Nacht braucht sie einen Freund, der sie festhält. Ich würde es zwar nie zugeben, aber nachdem ich sie heute in dieser Gefahr erlebt habe, geht es mir selbst eigentlich nicht viel besser.

„Gib zu, dass du mich magst.“

„Ich mag es, wenn du wieder gehst.“ Sie lächelt mich breit an und schaut mich unter ihren langen Wimpern hindurch an.

„Du bist rechthaberisch.“

„Auf jeden Fall.“

„Gut.“

„Gut?“ Sie legt die Wange gegen meine Brust und zeichnet imaginäre Kreise auf mein Shirt. „Normalerweise regt es die Leute auf.“

„Ich bin auch rechthaberisch, ich kenne mich damit aus.“

„Ich finde es schön, dass du groß bist.“

„Wieso?“, frage ich.

„Weil ich auch groß bin.“

Und du passt zu mir, wenn du dich an mich drückst.

„Erzähl mir was übers Modeln.“

„Das mache ich nicht mehr.“

„Wirklich nicht?“ Meine Stimme klingt so trocken, wie sich mein Hals anfühlt, als meine Hand über ihren Rücken streicht, einmal runter bis zum Po und wieder rauf. „Sagst du mir, warum?“

Sie seufzt. „Mädchen mit Kurven können sich in dieser Branche nicht allzu lange halten. Ich hatte Größe 40, viel zu groß für ein Model auf dem Laufsteg.“

„Blödsinn.“

„Nein, das ist wahr.“

„Dass es wahr ist, weiß ich, aber ich halte es für Blödsinn.“

„So ist es aber nun mal“, sagt sie achselzuckend. „Jetzt habe ich eine noch größere Größe, deshalb liegt diese Zeit endgültig hinter mir. Aber ich liebe Mode. Ich liebe es, mit verschiedenen Stilen zu spielen. Das war schon immer so.“

„Das ist mir aufgefallen. Es ist verdammt sexy.“

„Es macht Spaß.“

„Von wem hast du das Buch bekommen?“

„Das war ein Geschenk von meiner Stylistin Cici. Wir haben uns ganz zu Anfang meiner Karriere kennengelernt, und ich habe sie überallhin mitgenommen. Sie ist die beste Friseurin und Visagistin, die ich kenne. Sie schneidet mir immer noch die Haare. Genau genommen uns fünf.“

„Lebt sie hier in Portland?“

„Ja, sie ist vor ein paar Jahren mit ihrem Mann und den Kindern hergezogen. Einmal im Monat veranstalten wir einen Mädelsabend, dann macht sie uns die Haare, die Fingernägel und Fußnägel, wir bekommen ein Waxing … na ja, halt alles, was dazugehört.“

„Das klingt … beängstigend“, erwidere ich lachend, frage mich aber auch, welche Art von Waxing sie über sich ergehen lässt. Der Gedanke lässt meinen Schwanz zucken, weshalb ich tief durchatmen muss und an junge Hunde und Baseball und weiß Gott was denke, Hauptsache NICHT AN SEX!

„Tja, dann ist es wohl besser, wenn ich dich nicht zu den Abenden einlade“, scherzt sie.

„Fehlt dir das Modeln?“

Sie macht einen unschlüssigen Eindruck, während sie weiter mit den manikürten Fingernägeln über meine Brust streicht. Wenn sie damit nicht bald aufhört, kann ich für nichts mehr garantieren. Auch nicht dafür, dass ich sie nicht rücklings auf die Couch lege.

Himmel, Keller, jetzt reiß dich gefälligst zusammen.

„Mir fehlt es, so viele verschiedene Kleider tragen zu können. Das hat mir riesigen Spaß gemacht. Und es fehlt mir auch, dass sich jemand um meine Haare und um mein Make-up kümmert.“

„Das machst du doch jeden Tag selbst.“

„Das ist nicht das Gleiche“, antwortet sie betrübt. „Da war ich von so vielen Leuten umgeben, von den Designern und den Fotografen. Was ich allerdings nicht vermisse, sind die Bemerkungen, dass ich fett bin.“

„Du bist nicht fett.“

„In dieser Welt war ich es aber. Ich habe nun mal Kurven, das ist eben mein Körper, und daran kann ich nichts ändern.“

„Solltest du auch nicht.“

„Wenn man noch jung ist, kann einem so was wirklich zusetzen. Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung machen konnte, und es haben Freundschaften diese Zeit überdauert, aber ich froh, dass das alles hinter mir liegt.“

Gott, das kann ich nur zu gut verstehen.

„Warum hat sich deine Band aufgelöst?“, fragt sie leise.

„Weil ich ein Idiot bin.“

Sie lehnt sich zurück, um mir ins Gesicht sehen zu können. „Dann mögen die anderen aus der Band dich auch nicht?“

„Auch nicht?“

„Ja, so wie ich.“

„Oh, du magst mich.“ Als sie bloß eine Augenbraue hochzieht, muss ich lachen. „Natürlich mögen sie mich.“

„Dann erzähl mir, was du Idiotisches angestellt hast.“

„Die Geschichte hebe ich mir lieber für ein anderes Mal auf. Erst will ich mit dir über Jeremy reden.“

„Du weißt genug.“ Sie vergräbt das Gesicht wieder an meiner Brust, als wollte sie sich verstecken.

„Hat er einen Schlüssel zu deiner Wohnung?“

„Ich werde die Schlösser morgen austauschen lassen.“

„Warum hast du das nicht längst getan?“

„Weil ich nicht dachte, dass er mir etwas tun würde. Er war weg.“

Ich lasse dich heute Nacht nicht allein.

„Lass den Zugangscode am Tor auch ändern.“

„Werde ich machen.“ Einen Moment lang schweigt sie. „Er wollte mich schlagen.“

Mein Magen verkrampft sich, und ich wünschte, er wäre jetzt hier, damit ich ihn zusammenschlagen könnte. „Hätte er aber nicht. Ich hätte das nicht zugelassen.“

„Wärst du nicht dazwischengegangen, hätte er mich geschlagen. Ich habe ihn nicht betrogen, ich habe nichts verkehrt gemacht. Und trotzdem wollte er mich schlagen.“

„Er ist nicht weiter wichtig“, flüstere ich, gebe ihr einen Kuss auf den Kopf und stehe mit ihr in meinen Armen auf. Dann trage ich sie ins Schlafzimmer, lege sie aufs Bett, ziehe die Schuhe aus und lege mich ansonsten komplett angezogen zu ihr.

„Was soll das denn werden?“

Hervorragende Frage, Sweetheart. Ich glaube, das bezeichnet man als Trösten ohne die Erwartung auf anschließenden Sex.

Was für mich eine völlig neue Erfahrung ist.

„Wir besiegen den Schmerz.“ Ich ziehe sie an mich, lege Arme und Beine um sie, und sie lässt den Kopf auf meine Brust sinken. „Ich glaube, wir können beide Trost gebrauchen.“

„Wieso du denn?“, will sie wissen.

Oh, Sweetheart, wenn ich dir alle Gründe aufzählen würde, dann würdest du schreiend aus dem Zimmer rennen.

„Weil ich heute Abend einem Kerl einen Kinnhaken verpasst habe und mir jetzt die Hand wehtut.“

„Oh.“ Sie nimmt meine Hand und küsst die Knöchel, und ich keuche auf. „Tut mir leid“, murmelt sie.

„Bitte mach weiter.“

Wieder drückt sie ihre vollen, sexy Lippen auf meine Haut. Auf einmal nimmt sie meine Hand und legt sie an ihre Wange. „Danke.“

„Wofür?“, frage ich im Flüsterton.

„Dass du mich vor diesem Vollidioten gerettet hast. Und dass du so nett zu mir bist, obwohl ich mich dir gegenüber wie ein Miststück verhalten habe.“

„Du bist kein Miststück. Du magst mich eben.“

„Tu ich nicht.“

Ich lächle und drücke sie fester an mich, dabei betrachte ich die Schatten, die durch das Fenster an die Decke geworfen werden. Das Zimmer ist dunkel und kühl, also ideal zum Schlafen.

„Du magst mich. Das ist schon okay. Auf Frauen habe ich halt diese Wirkung.“

Sie verkrampft sich kurz, dann entspannt sie sich wieder. „Davon bin ich überzeugt.“

Ich hebe ihren Kopf leicht an, damit ich im Mondschein ihre Augen sehen kann. „Das war ein Scherz, Addie.“

„Das spielt keine Rolle.“

„Doch, ich glaube, bei dir spielt es eine.“

Sie schaut auf meinen Mund und fährt mit der Zunge über ihre Lippen. Es kostet mich all meine Beherrschung, mich nicht mit ihr umzudrehen, damit sie unter mir liegt und ich sie jetzt und hier nehme. Dann aber sieht sie mir in die Augen und drückt ihre Lippen auf mein Kinn. „Danke.“

„Du hast dich schon bei mir bedankt.“

„Das war es wert, zweimal gesagt zu werden.“ Und damit schmiegt sie sich an mich, und nur Minuten später atmet sie tief und gleichmäßig, da der Schlaf sie ereilt hat.

Ich kämpfe seit Jahren mit Schlafstörungen, also mache ich mich auf eine lange Nacht gefasst, in der ich nichts anderes zu sehen bekomme als die Decke in Addies Schlafzimmer. Aber nach einer Weile stelle ich fest, dass ihre Atemzüge eine einlullende Wirkung auf mich haben.

Ja, sie passt wirklich zu mir.

5. Kapitel

Addison

Er ist nicht gegangen.

Ich habe die Augen noch nicht geöffnet, aber ich spüre die Wärme, die sein Körper abstrahlt. Und ich kann ihn atmen hören. Natürlich schnarcht ein Jake Knox nicht.

Ich schon. Was wirklich das Erschreckendste auf der Welt ist.

Vorsichtig mache ich ein Auge auf, und da ist er. Wirklich. Er trägt immer noch die Sachen, in denen er sich gestern Abend auf mein Bett gelegt hat. Er sieht zerknittert und verdammt sexy aus. Er liegt auf dem Rücken, ich auf der Seite direkt neben ihm. Wir berühren uns nicht.

Durch die Wärme und die sexy Schwingungen, die von ihm ausgehen, ist es aber eigentlich so, als würden wir uns berühren. Gott, er ist so heiß. Als würde man im Wörterbuch unter „heiß“ nachsehen und statt einer Erklärung einfach nur ein Foto von Jake vorfinden. Und wenn er dann noch lächelt, gibt es gar kein Halten mehr. Mit seinem frechen Lächeln sorgt er seit einem Monat dafür, dass mein Höschen ständig feucht ist.

Es war gestern Abend nett von ihm, mein Verhalten schönzureden, aber ich kenne die Wahrheit. Ich war einfach schrecklich zu ihm. Weil ich mich so verdammt zu ihm hingezogen fühle. Mein Männer-Radar ist nicht bloß kaputt oder falsch geeicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich gar keinen besitze.

Ich würde es nicht aushalten, wenn mein Herz noch ein weiteres Mal gebrochen würde.

Allerdings wären mir gestern Abend ganz sicher ein paar Knochen gebrochen worden, wenn Jake sich nicht in letzter Sekunde eingemischt hätte. Mir wird jetzt noch schlecht, wenn ich daran denke. Was zum Teufel hat sich Jeremy nur dabei gedacht? Ich war gerade an meinem Wagen angekommen, als er wie aus dem Nichts hinter mir auftauchte, mir einen riesigen Schreck einjagte, mich herumriss und dann gegen den Wagen drückte. Er schrie mich an, er wisse nicht mehr wohin, und das sei alles meine Schuld.

Ich lasse mich so leicht nicht einschüchtern, also habe ich ihm Kontra gegeben und ihn als Loser bezeichnet, der lieber zusehen soll, dass er sein Leben in den Griff bekommt.

Das hat ihm nicht gefallen.

Allerdings hätte ich es nie für möglich gehalten, dass er mir wehtun könnte. Über Jeremy kann man einiges sagen, aber auf die Idee, dass er Frauen schlägt, wäre ich niemals gekommen.

Und dann kam Jake. Noch nie habe ich solche Erleichterung verspürt wie in dem Moment, als er Jeremy von mir wegzog. Er war mein Retter in der Not.

Und das klingt so was von kitschig.

Wenn ich hier im morgendlichen Sonnenschein liege, kann ich nicht anders als zugeben, dass er sexy ist. Und dass er überraschenderweise eine wirklich süße Seite hat. Und es nicht nur sein Aussehen ist, das mich anzieht. Ja, natürlich kribbelt es mir in den Fingern, die Tattoos auf seinem Arm nachzuzeichnen und die Hände in seinen Haaren zu vergraben. Aber in diesem einen Monat habe ich auch festgestellt, dass Jake ein netter Kerl ist.

Ich bin erwachsen genug, um zuzugeben, dass er mir mehr als nur ein bisschen Angst einflößt.

Jetzt ist der Morgen danach. Passiert ist gar nichts, und trotzdem fühlt es sich viel intimer an, als wenn wir beide nackt wären. Ich drehe mich auf den Rücken, beiße mir auf die Unterlippe und versuche, unbemerkt das Bett zu verlassen, als sich ein starker Arm um meine Taille legt. Jake zieht mich sanft an seine Brust.

„Wohin willst du?“, haucht er mir ins Ohr.

„Es ist morgens.“

Seine Hand rutscht unter den Saum meines T-Shirts, seine Fingerspitzen zeichnen Kreise auf meiner Haut.

Heilige Muttergottes, fühlt sich das gut an.

„Vergiss es, ich werde nicht mit dir schlafen“, sage ich geziert und versuche auf Abstand zu ihm zu gehen.

„Das war auch keine Aufforderung. Also hör auf zu strampeln.“ Er knabbert an meinem Hals, dass mir der Atem stockt, bewegt weiter seine Finger über meinen Bauch, als würde er Gitarre spielen. Dann drückt er sich fester gegen mich, und ich muss kichern.

„Was immer das auch sein mag, was da gegen meinen Hintern drückt, ist offensichtlich anderer Meinung als du.“

„Das ist nichts, bloß meine Taschenlampe.“

Ich lache laut auf. „Trägst du immer eine Taschenlampe mit dir rum?“

„Nur morgens“, antwortet er todernst und küsst mich unterhalb des Ohrs auf den Hals, woraufhin ich reflexartig die Hüften kreisen lasse.

Meine Nippel sind steif, und mein Slip völlig durchnässt.

Dieser Mann besitzt Macht.

Er ist gefährlich.

So verdammt heiß.

„Ehrlich, Jake, ich werde keinen Sex mit dir haben.“

„Ehrlich, Addie, ich fühle mich gar nicht zu dir hingezogen. Hör endlich auf, ständig von Sex zu reden.“

Wieder muss ich kichern. Ich nehme seine Hand und halte sie an meine Lippen.

Und beiße zu.

„Oh, sie ist eine Beißerin!“

„Ich fühle mich auch nicht zu dir hingezogen.“

„Jetzt übertreib mal nicht, Sweetheart. Und wie du dich zu mir hingezogen fühlst. Du magst mich.“

„Du bist größenwahnsinnig.“

Er dreht mich auf den Rücken und lächelt mich an. Seine Fingerspitzen gleiten über meine Wange, streichen ein paar lose Strähnen hinter mein Ohr.

Au weia. Der Morgenatem.

Natürlich nicht seiner. Aber ich bin mir sicher, dass mein Atem es mit dem eines Drachen aufnehmen könnte. Also fasse ich nach dem Bettlaken und halte es mir vor den Mund.

„Willst du sichergehen, dass ich dich nicht küssen werde?“

„Ich will sichergehen, dass mein Morgenatem dich nicht umbringt.“

Er lacht leise und küsst meine Schläfe. „Du riechst so gut.“

„Aber sicher. Musst du nicht irgendwohin?“

„Es ist Sonntag, Addison“, flüstert er mir zu.

„Na und? Vielleicht musst du ja noch was erledigen. Oder ins Fitnesscenter. Oder in die Kirche.“

„Nichts davon steht heute auf meiner Liste“, antwortet er amüsiert.

„Okay, aber ein paar von den Dingen stehen auf meiner Liste.“ Wieder wandert seine Hand unter meinem T-Shirt nach oben, seine talentierten Finger streichen über meine empfindliche Haut.

„Es macht mich ganz verrückt, wenn du dir auf die Unterlippe beißt“, haucht er mir zu, während er mir das Laken vom Kinn wegzieht.

Seine grünen Augen brennen, als er mich an sich drückt, um mit mir zu schmusen. Wann habe ich das letzte Mal mit einem Mann einfach nur geschmust? Ich kann mich gar nicht daran erinnern, was vermutlich damit zu tun hat, dass ich es hasse zu schmusen.

Ja, ich hasse es!

„Du denkst zu viel“, sagt er.

„Tu ich nicht.“

„Seit einer halben Stunde denkst du unentwegt nach“, erklärt er. „Als jemand, der das auch ständig macht, sage ich dir, dass du damit aufhören sollst. Du machst dich damit nur selbst verrückt.“

„Du machst mich verrückt.“

„Ich weiß. Weil du nämlich verrückt nach mir bist. Das ist eigentlich ziemlich peinlich.“

Ich muss abermals kichern, weil ich nicht anders kann. Diese verspielte Seite an ihm macht einfach nur Spaß. Das unterhaltsame Gezänk nimmt mir die Last, die auf meiner Brust liegt, und macht es mir möglich zu entspannen. Vielleicht hat er recht. Vielleicht denke ich tatsächlich zu viel.

„Du solltest mal dein Ego kontrollieren lassen“, schlage ich bissig vor.

„Oh, es ist groß genug, glaub mir“, erwidert er und gibt mir einen Kuss auf die Stirn. „Aber du hattest recht, ich habe heute noch was zu erledigen.“

Verdammt. Ich hatte zwar nicht vor, ihn für den Rest des Tages bei mir zu behalten, aber das hier fühlt sich im Moment so gut an. Ich will nicht, dass es endet.

„Wo ist dein Handy?“, will er wissen.

„Da drüben.“ Ich zeige auf den Nachttisch auf seiner Seite. Jake greift danach und zieht anschließend sein eigenes Handy aus der Tasche. „Wir brauchen uns keine Nachrichten zu schreiben, Jake. Ich bin ja hier.“

„Ich habe deine Handynummer gar nicht, nur die vom Restaurant.“ Er aktiviert sein Telefon und sieht mich erwartungsvoll an.

„Das Restaurant ist die einzige Nummer, die du brauchst.“

„Stimmt nicht.“ Er beugt sich vor und küsst mich auf die Nasenspitze. „Ich will mich mit dir auch so treffen, nicht nur im ‚Seduction‘.“

„Bist du dir sicher?“

„Seit ich dich das erste Mal gesehen habe, Sweetheart.“

Ich muss schlucken. „Ich gebe aber meine Privatnummer nicht einfach so raus.“

Für einen Moment wirkt er ein wenig verletzt, was den Druck auf meiner Brust wieder stärker werden lässt. Dann aber verzieht er den Mund wieder zu diesem frechen Grinsen.

„Addison, würdest du mir bitte deine Nummer geben?“

Gott, dieses Grinsen. Ich weiß genau, ich werde nicht Nein sagen können. Also leiere ich die Nummer runter. Augenblicke später meldet mein Handy den Eingang einer Nachricht.

Du bist wunderschön.

„Du bist charmanter, als es für dich selbst gut ist“, erwidere ich, während ich die Augen verdrehe.

„Das ändert nichts daran, dass du nach dem Aufwachen verdammt gut aussiehst.“

Verlegen halte ich mir die Hände vors Gesicht. Er drückt sie lachend zur Seite, seine Lippen sind nur ein paar Zentimeter von meinen entfernt.

„Addie, ich will dich küssen.“

„Okay. Damit kann ich leben.“

„Aber wenn ich dich jetzt küsse, kommen wir aus dem Bett nicht wieder raus. Deshalb werde ich mir den Kuss für später aufheben.“ Enttäuschung macht sich in mir breit, als er mich bloß auf die Stirn küsst und in die Arme zieht, damit er das Gesicht an meinem Hals vergraben kann. „Alles okay?“, fragt er.

„Ja.“ Ich lächle ihn an, als er sich von mir löst. „Alles okay.“

„Gut. Wir müssen jetzt leider aufhören zu kuscheln. Du musst mich jetzt gehen lassen, ich muss nämlich heute noch arbeiten.“

Ich lasse ihn los, doch dann legt er meine Arme wieder um sich und seufzt gespielt frustriert. „Ehrlich, Addie, ich muss los. Himmel, was bist du anhänglich.“

„Du bist nicht ganz so unwiderstehlich, wie du glaubst“, kontere ich lachend und setze mich hin. Als mein Blick auf die Uhr fällt, reiße ich erstaunt die Augen auf. „Heilige Scheiße, wir haben bis fast elf Uhr geschlafen!“

„Du vielleicht. Ich bin schon seit einiger Zeit wach. Wusstest du eigentlich, dass du schnarchst?“

„Oh verdammt!“ Schnell halte ich mir erneut die Hände vors Gesicht. „Ich hatte gehofft, dass das nicht passiert.“

„Es ist eigentlich ganz süß. Außerdem bedeutet es, dass du tief und fest schläfst. Mir macht das nichts aus.“

Ich nehme die Hände runter und sehe ihn an. „Du bist wirklich sehr nett zu mir.“

„So was kommt vor.“ Er küsst mich auf die Wange, dann verlässt er das Bett und kratzt sich am Kopf, wodurch seine Haare nur noch zerzauster aussehen. „Ich mache mich jetzt auf den Weg. Ruf mich an, wenn du mich brauchst.“

Wenn ich ihn wofür brauche?

„Schönen Tag.“

„Was? Kein ‚Du kannst mich auch anrufen, wenn du mich brauchst‘?“

„Wofür solltest du mich denn brauchen?“

Sein Blick wird ernst, seufzend betrachtet er mich, als wolle er ins Bett zurückkehren und mit mir eine Nummer schieben. Ich könnte nicht mal mit Gewissheit sagen, ob ich ihn wegstoßen würde.

„Ich hätte da eine ganze Liste, aber darüber können wir später reden. Dir auch einen schönen Tag.“

Und im nächsten Moment ist er verschwunden.

Ist das gerade wirklich passiert? Ich streiche mit der Hand über das Bett und merke, dass die Stelle, an der er eben noch gelegen hat, noch warm ist.

Ich hieve meinen Hintern aus dem Bett, tapse ins Badezimmer und drehe die Dusche auf. Ein glücklicher Seufzer entfleucht meinen Lippen, als mir das heiße Wasser auf die Schultern prasselt und über den Rücken läuft.

Jake ist witzig. Dieser Morgen hätte richtig übel sein können. Stattdessen hat er geschafft, dass ich mich wohlfühle. Hat mir das Gefühl gegeben, dass ich ihm wichtig bin.

Diese Morgen-danach-Sache kann er richtig gut.

Und da wird mir etwas klar: Sicher, diese Morgen-danach-Sache kann er richtig gut.

Weil es für ihn Routine ist. Ein alter Hut.

Mist.

Ich bringe das restliche Duschen im Eiltempo hinter mich und greife anschließend nach dem Telefon. Ich muss dringend mit meinen Freundinnen reden. Mia und Kat schlafen bestimmt noch, also scheiden sie aus. Riley würde das Ganze viel zu rational betrachten. Also Cami. Sie ist süß, aber verliert nicht den Kopf. Und sie sollte um diese Zeit wach sein. Also rufe ich sie an.

„Was gibt’s, Buttercup?“

„Hey, du musst mit mir ins Fitnesscenter gehen.“ Ich ziehe meine Yoga-Shorts an und hüpfe auf der Stelle, um sie über den Hintern zu bekommen, dann schnappe ich mir den Sport-BH. Irgendwie mache ich das mit dem Duschen und dem Fitnesscenter in der falschen Reihenfolge, aber so was kommt vor, wenn man der besten Freundin sein Herz ausschütten muss und zu viel Energie im Leib hat, um still dazusitzen.

„Hab ich irgendwas getan? Bist du sauer auf mich?“

Ich lächle flüchtig. Oh, ich liebe Cami. „Nein, du Dummerchen. Ich muss mit jemandem reden und gleichzeitig aufs Laufband, also kombinieren wir einfach beides.“

„Ich will aber nicht“, gibt sie ein wenig weinerlich zurück.

„Ach, komm schon. Das wird Spaß machen. Du bist meine Freundin, ich muss reden.“

„Du hast noch drei andere Freundinnen, Addie. Nimm Riley, die geht gern ins Fitnessstudio.“

„Ich will aber dich. Ich muss über Jake reden.“

„Jake?“ Mit einem Mal lebt sie förmlich auf. „Wir treffen uns in einer Viertelstunde.“

„Du weißt aber schon, dass du hier Mitglied bist?“, sage ich zu Cami, als wir Seite an Seite auf den Laufbändern losgehen. Sie betrachtet ihr Gerät so finster, als wäre es irgendein bösartiges Wesen.

„Ich weiß. Ich war ja auch schon mal hier. Genau einmal.“

„Einmal?“ Ich lache leise und erhöhe das Tempo.

„Ja, aber da waren all diese schrecklichen Nebenwirkungen. Ich war nass geschwitzt und außer Atem, meine Beine haben gezittert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das alles zusammen bedeutet, dass es mir nicht guttut. Stell dir doch vor, ich habe keine Luft mehr gekriegt, Addie.“

„Du bist einfach unmöglich.“ Ich muss laut lachen, während ich das Lauftempo noch ein wenig anziehe.

„Okay, aber jetzt bin ich ja auf dieser Höllenmaschine. Nun sag schon, was los ist.“

„Ich habe die letzte Nacht mit Jake verbracht.“

Cami stolpert und fällt fast vom Laufband, dann bekommt sie einen Hustenanfall. Der heiße Typ an der Kundentheke sieht besorgt rüber und überlegt garantiert, ob er den Rettungsdienst anrufen soll.

„Was?“

„Du hast mich schon verstanden.“

„Du hattest Sex mit Jake Knox?“

„Nein.“

Sie stutzt. „Warte mal. Was?“

„Er hat die Nacht mit mir verbracht, aber wir hatten keinen Sex.“

„Was habt ihr dann gemacht? Halma gespielt?“

Ich erzähle ihr, wie mich Jeremy gestern Abend bedrängt hat, erwähne aber nicht, dass Jake mich vor dem ersten blauen Auge meines Lebens bewahrt hat. Das würde sie nur ausrasten lassen, und schließlich ist ja nichts passiert. Und Jeremy ist jetzt weg. Wahrscheinlich hat er sich schon die nächste ahnungslose Frau geangelt.

Sie kann ihn geschenkt haben.

„Ich konnte den Kerl noch nie ausstehen.“

„Ich weiß, ich hätte auf euch hören sollen.“

„Und wie ist das mit Jake passiert?“

„Er ist mir bis nach Hause gefolgt, um sich zu vergewissern, dass mir nichts passiert.“

„Ach, wie schön“, seufzt sie verträumt. „Und dann?“

„Dann hat er mich fast die ganze Nacht hindurch einfach nur festgehalten.“

Sie sieht mich lange Zeit nur an. „Und … das ist alles?“

„Ja.“

„Und du hast dich von ihm halten lassen? Du bist nicht gerade der Typ fürs Kuscheln.“

„Ich weiß, aber es hat sich gut angefühlt.“ Ich zucke mit den Schultern und wische mir den Schweiß von der Stirn. „Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal mit jemandem gekuschelt habe.“

„Das liegt daran, dass du keine Kuschlerin bist“, betont sie. „Ich bin mir ganz sicher, dass du immer anti-kuschelig warst.“

Ja, weil ich da noch nicht mit Jake gekuschelt hatte.

„Er will sich wieder mit mir treffen.“

„Gut.“

„Gar nicht gut.“

„Jetzt bin ich verwirrt.“ Cami schüttelt den Kopf, ihre honigblonden Haare wippen hin und her, während sie zügig neben mir herläuft. „Was ist denn daran schlecht? Du fandest es schön, mit ihm rumzuschmusen, und er hat dich vor deinem Ex-Schwachkopf bewahrt. Er ist nett zu dir, Addie. Das ist eine gute Sache.“

„Er ist zu gut darin. Er war heute Morgen völlig lässig und witzig, sodass alles völlig entspannt war.“

„Oh, dieser Dreckskerl!“, empört sie sich gespielt. „Du hast völlig recht. Halt dich bloß von ihm fern.“

„Hör zu, du Komikerin. Ich will damit sagen, dass er zu gut ist. Weil er es schon so oft gemacht hat. Ich bin für ihn nichts Besonderes. Ich bin nur eine Frau unter vielen, neben denen er schon aufgewacht ist.“

„Jetzt hör mal gut zu. Das zu sagen, ist ziemlich mies. Er hätte dir gar nicht hinterherzufahren brauchen, und er hätte auch nicht bei dir bleiben müssen. Nur weil er nicht wollte, dass ihr beide heute Morgen verlegen seid, heißt das nicht, dass er so was jeden Tag macht.“

„Bloß ist er ein Rockstar. Deshalb macht er das wahrscheinlich so.“

Sie wirft mir einen finsteren Blick zu. „Er ist ein Ex-Rockstar. Er ist seit fünf Jahren nicht mehr aufgetreten, Addie. Leute können sich in fünf Jahren sehr verändern. Womit ich zum zweiten Punkt komme: Er ist einer von den Guten. Im Restaurant ist er zu allen Mitarbeitern nett und höflich. Er macht einem zwar schnell schöne Komplimente, aber er flirtet mit niemandem. Außer mit dir.“

Ich stutze und denke daran, wie Jake sich im letzten Monat verhalten hat. Cami hat recht. Er ist nett, aber er flirtet nicht bei jeder Gelegenheit mit jeder Frau, die ihm über den Weg läuft.

„Ich bin der Meinung, dass du dir viel zu viele Gedanken machst.“

„Du bist nicht die Erste, von der ich das zu hören bekomme.“ Ich drossele die Geschwindigkeit auf einen zügigen Spaziergang. „Es scheint in meiner Natur zu liegen.“

„Natürlich ist es in deiner Natur, du bist eine Frau.“ Cami reduziert ebenfalls das Tempo. „Heilige Scheiße, guck dir das an!“

Schräg gegenüber stemmt ein Mann Gewichte. Er hat völlig irrsinnige Muskeln, und er sieht gar nicht mal schlecht aus.

„Eins sage ich dir“, redet Cami weiter, ohne den Blick von dem Muskelpaket abzuwenden. „Sie sollten hier eine Aussichtsterrasse haben, von der aus man sich mit einem Glas Wein das Theater hier ansehen kann. Ich würde jeden Tag kommen.“

„Die Idee hat was“, antworte ich gespielt ernsthaft. „Wir sollten das als Vorschlag in den Zettelkasten werfen.“

„Das werde ich auf jeden Fall machen!“

„Wunderbar. Nachdem wir das dann erledigt haben, bleibt nur noch eine Frage offen: Was mache ich mit Jake?“

„Du triffst dich mit ihm. Und wenn du dir wegen der ganzen Sache zu sehr den Kopf zerbrichst, dann sprich mit ihm darüber. Frag ihn, ob das Ganze für ihn nur ein Spiel ist oder ob er mehr will. Wenn dir seine Antwort gefällt, lass dich auf ihn ein. Wenn nicht, lass es bleiben.“

„Du sagst das, als wäre das alles ganz simpel.“

„Das ist es auch, Addie. Es ist simpel. Mach es nicht komplizierter als unbedingt nötig.“

Sie hat recht. Auf dieses Gespräch mit ihm bin ich zwar nicht gerade wild, aber ich muss nicht alles unnötig verkomplizieren.

„Ich muss mir den Ansatz nachfärben lassen“, seufzt Cami, als wir beide unsere Laufbänder anhalten und uns auf den Weg zu den Duschen machen.

„Dann lass uns Cici anrufen und für diese Woche einen Mädelsabend vereinbaren.“

„Das hört sich himmlisch an. Es gibt nichts Besseres, als sich von Cici verwöhnen zu lassen.“

Sich von Jake Keller verwöhnen zu lassen, ist auch nicht so schlecht.

„Du hast seit dem letzten Schneiden zu lange gewartet“, muss Mia sich von Cici vorhalten lassen, als die ihr die Haare macht. „Du hättest schon vor Wochen kommen sollen.“

„Ich weiß nicht, ob du es mitgekriegt hast“, gibt Mia sarkastisch zurück, „aber ich muss nebenbei auch noch eine Küche führen.“

„Das ist kein Grund, seine Haare zu vernachlässigen.“

Cici ist klein und immer noch spindeldürr, obwohl sie vier Kinder zur Welt gebracht hat. Ihr platinblond gebleichtes Haar trägt sie zum Bob geschnitten, und ihr Make-up ist immer tadellos. Es war sogar tadellos, als sie in den Wehen lag.

„Seit wann hast du denn diese Chanel-Tasche?“, fragt sie mich.

„Seit letzter Woche.“ Es ist die reinste Freude, das schwarze Leder zu berühren. „Schön, nicht wahr?“

„Mir ist Gucci lieber“, meint Riley, die in einer People-Ausgabe blättert, während sie darauf wartet, dass die Farbe einzieht. „In dieser Saison gibt es neue braune High Heels, für die ich morden würde.“

Kat ruht auf der Liege, ihr Gesicht ist mit einer Maske und die Augen sind mit Gurkenscheiben bedeckt. Die Hände hat sie gefaltet auf den Bauch gelegt. „Ihr gebt einfach zu viel Geld für solche Accessoires aus“, kommentiert sie.

„Du magst Tattoos“, erwidert Cami, die Cicis jüngstes Baby im Arm hält. Die Kleine ist erst drei Monate alt, und wir alle lieben sie. „Die beiden mögen eben Taschen und Schuhe.“

„Und was magst du?“, will Mia von Cami wissen.

„Mein Geld zusammenhalten“, antwortet sie grinsend und gibt dem Baby einen Kuss auf den Kopf.

„Mom! Mom! Mom!“ Zwei kleine Jungs mit Schaumstoffschwertern und schokoladeverschmierten Gesichtern kommen in Cicis Salon im Kellergeschoss gerannt. „Daddy sagt, dass wir nicht noch länger fernsehen dürfen!“

„Ihr wisst, dass ihr hier unten nichts zu suchen habt“, gibt Cici mit finsterer Miene zurück. „Wo ist eure Schwester?“

„Die telefoniert. So wie immer.“ Die Jungs liefern sich mitten im Zimmer einen langen, dramatischen Schwertkampf, dann rennen sie so plötzlich und so schnell wieder weg, wie sie gekommen sind.“

„Du weißt, ich mag dich wirklich sehr, Cici“, sagt Kat. „Aber das beste Verhütungsmittel ist für mich immer noch, einmal im Monat bei dir vorbeizukommen.“

„Oh bitte, lernt ruhig aus meinen Fehlern, ihr Lieben. Nicht, dass auch nur einer von den vieren ein Fehler wäre. Ich würde sie für nichts auf der Welt hergeben. Aber sie kosten ganz schön Nerven.“

„Dann komme ich einfach her und schone deine Nerven für eine Weile“, meint Cami lächelnd. Mit dem Kind im Arm sieht sie schon so aus wie die großartige Mutter, die sie eines Tages mal sein wird.

Mein Handy meldet eine SMS. Ich lächele unwillkürlich, als ich sehe, dass sie von Jake kommt. Seit Sonntagmorgen habe ich ihn nicht mehr gesehen, aber er schickt mir jeden Tag mehrere Nachrichten. Was mich jeweils erwartet, weiß ich im Voraus nicht. Mal flirtet er mit mir, mal sind es alberne Selfies, und manchmal schreibt er einfach nur, was an dem Tag passiert ist.

Es ist erst Mittwoch, und er fehlt mir jetzt schon.

Muss gerade an dich denken. Was machst du heute Abend?

„Wer schreibt dir denn?“, wundert sich Mia. „Wir sind doch alle hier.“

„Ist es Jake?“, fragt Cami mit Unschuldsmiene, woraufhin ich sie finster anschaue.

Die Mädels und ich lassen uns heute Abend verwöhnen. Und du?

„Warum sollte Jake dir eine Nachricht schicken?“, will Riley wissen. „Was verschweigst du uns?“

„Und wieso weiß Cami davon und wir anderen nicht?“, fragt Kat und reißt die Gurkenscheiben von den Augen.

Gut. Das habt ihr euch verdient. Ich schreibe mit Max an einem Song. Kann ich dich morgen Abend zum Essen einladen?

„Addie, jetzt red schon“, fordert Mia mich auf.

„Kann ich erst mal in Ruhe auf meine Nachrichten antworten?“ Ich beiße mir auf die Lippe und fange an zu tippen.

Okay, aber glaub ja nicht, dass ich dich toll finde oder so.

„Trifft sie sich mit Jake?“, fragt Riley schließlich an Cami gerichtet.

„Dazu kann ich nichts sagen.“

„Addie!“

Hör schon auf mich anzubetteln. Ich gehe ja mit dir aus. Lieber Himmel! Schlaf nachher gut.

„Jetzt beruhigt euch mal wieder.“ Ich packe mein Handy weg, atme tief durch und erzähle ihnen dann genau das Gleiche, was auch Cami von mir erfahren hat. Alle erstarren mitten in ihrer Tätigkeit und hören mir gebannt zu. Sogar Cici hat ihre Arbeit unterbrochen.

„Seit Sonntag habe ich ihn nicht mehr gesehen.“

„Und wann wirst du ihn wiedersehen?“, will eine grinsende Kat wissen. „Und damit du es weißt: Meinen Segen hast du. Ich mag ihn.“

„Er hat mich für morgen zum Abendessen eingeladen.“

„Und zum Sex nach dem Abendessen“, ergänzt Riley, führt einen Freudentanz auf und stößt ihre Faust mit Kats an.

„Vielleicht.“

„Vielleicht?“ Cici verdreht die Augen und schneidet Mias Haare weiter. „Mädchen, der Mann ist hinreißend. Und sexy. Und ein Rockstar. Du solltest ihn besser klarmachen.“

„Klarmachen?“ Ich muss laut auflachen. „Seit wann redest du denn so?“

„Keine Ahnung, ist mir so entschlüpft“, antwortet Cici amüsiert.

„Und du weißt, wir wollen Details.“

„Auf keinen Fall.“

„Spaßbremse.“ Riley schmollt und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Ihr wolltet noch nie Details hören“, sage ich.

„Du hattest ja auch noch nie Sex mit Jake Knox“, hält Mia dagegen.

„Keller“, korrigiere ich sie reflexartig.

Alle stutzen kurz und sehen sich untereinander an.

„Es hat sie ganz schwer erwischt“, meint Kat dann. „Verübeln kann ich ihr das nicht.“

„Er ist ein Hattrick“, sagt Cami. „Musik, scharfer Körper und tolle Persönlichkeit.“

„Ich werde eifersüchtig“, seufzt Cici.

„Du hast doch einen fantastischen Ehemann“, erwidere ich kopfschüttelnd. „Und er betet dich an.“

„Das schon, aber er ist kein Rockstar.“

„Nein, er ist bloß der buchstäbliche Raketenwissenschaftler“, gibt Riley zurück. „Du hast gar keinen Grund zur Klage.“

„Ich beklage mich ja auch gar nicht. Ich bin nur eifersüchtig.“

„Das sind wir alle“, sagt Mia. „Aber ich freue mich so sehr für dich.“

„Und wenn er dir wehtut, bringen wir ihn gemeinsam um die Ecke und verstecken die Leiche“, erklärt Kat und nimmt eine gefrorene Traube in den Mund. „Damit haben wir immer gedroht, und zur Not werden wir das wahr machen.“

„Wir können immer noch Jeremy umbringen und seine Leiche verstecken“, schlägt Riley vor. „Apropos Jeremy. Was hatte er eigentlich in der Gasse hinter unserem Restaurant zu suchen, Addie? Das ergibt irgendwie keinen Sinn.“

„Er war betrunken und hat sich idiotisch aufgeführt. Es war keine große Sache.“ Wenn eine meiner Freundinnen mir diese Lüge auftischen würde, wäre ich stinksauer. Aber ich will nicht, dass sie sich Sorgen machen. Es ist vorbei. Jeremy ist viel zu faul, als dass er einen zweiten Anlauf versuchen würde. Er hat sich inzwischen wahrscheinlich längst was Neues gesucht. Ich kann meiner Nachfolgerin nur alles Gute wünschen.

„Ich glaube, Jeremy wäre es nicht wert, einen Gefängnisaufenthalt zu riskieren“, meint Mia.

„Und Jake schon?“, scherze ich.

„Und wie. Jake ist nicht wie Jeremy. Er könnte dir verdammt wehtun.“

Das ist genau das, wovor ich Angst habe.

„Oder aber er könnte das Beste sein, was dir je untergekommen ist“, überlegt Cami. „Hör auf deinen Verstand, nicht auf dein Herz. Das Herz taugt nichts.“

„Ganz genau“, pflichtet Kat ihr lächelnd bei. Ich nicke und beiße mir auf die Lippe. Camis Ratschlag ist genau das, was ich hören musste. Und den Abend zusammen mit meinen Mädels zu verbringen, ist genau das, was meine Seele braucht.

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