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Im Bann der Sinne

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

“Ich bin schwanger.”

Caleb Callaghan sah seine Frau verblüfft an. “Wie bitte?”

“Ich sagte, ich bin schwanger. Im dritten Monat – das wurde mir gerade vom Arzt bestätigt.” Vicki strich sich das schulterlange blonde Haar zurück und setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

Allmählich fing Calebs Verstand wieder an zu arbeiten. Das war die Chance, auf die er seit zwei Monaten gewartet hatte, und er würde sie nutzen. Rasch stand er auf, ging um den Schreibtisch herum und kniete sich neben Vickis Stuhl auf den Boden. “Du bekommst unser Kind”, sagte er ergriffen. Mit einem Mal ging es ihm nicht mehr schlecht, sondern er kam sich wie im Paradies vor.

Vicki kann sich nicht scheiden lassen, wenn sie schwanger ist.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, schüttelte sie den Kopf. “Das ändert nichts”, sagte sie, aber in ihrer Stimme schwang Unsicherheit mit.

Caleb packte die Gelegenheit beim Schopf. Keinesfalls würde er aufgeben, dazu stand zu viel auf dem Spiel. “Natürlich tut es das.” Er nahm ihre Hand.

“Nein.”

“Doch.” In den beiden Monaten seit ihrer Trennung hatte Caleb alles Mögliche getan, um seine Frau zurückzugewinnen. Leider vergeblich. Aber jetzt konnte Vicki nicht mehr so leicht eine Scheidung durchsetzen. “Natürlich ändert das alles. Du bekommst mein Baby.”

Ihre Hand verkrampfte sich. “Versuch nicht, mich einzuschüchtern, Caleb.”

Alarmiert durch ihren Ton, überlegte er sich rasch noch einmal, wie er sich ihr nähern konnte. Aber er befürchtete, wenn er sie zu sehr bedrängte, würde er sie verlieren. Allerdings hatte seine Frau schon immer ein weiches Herz gehabt. “Ich habe ein Recht, die Schwangerschaft mit dir zu erleben”, sagte er. “Dies ist auch mein erstes Baby. Vielleicht mein letztes.”

Ihre Miene verriet ihm, dass er auf Verständnis stieß, obwohl er das kaum zu hoffen gewagt hatte. “Du willst wieder einziehen?”, sagte sie und meinte damit ihre restaurierte Villa oberhalb von St. Marys Bay, nicht weit von Aucklands Innenstadt.

“Natürlich werde ich wieder einziehen.” Das stand außer Diskussion. “Ich werde nicht zulassen, dass du dich vor der Geburt unseres Kindes scheiden lässt.” Das gab ihm sechs Monate, in denen er Vicki davon überzeugen konnte, dass ihre Ehe es wert war, aufrechterhalten zu werden, und dass man eine Beziehung nach fünf Jahren nicht so einfach aufgeben sollte.

Vicki hatte ihn um Abstand gebeten, als sie sich getrennt hatten, und Caleb hatte ihre Bitte erfüllt, soweit ihm das möglich war. Er hatte sich auf einen Telefonanruf täglich beschränkt und auf ein paar Besuche pro Woche, um nachzusehen, ob es ihr gut ging. Doch damit war jetzt Schluss. Er wollte seine Frau zurückhaben. “Dieses Baby ist ein Geschenk, Vicki – unsere Chance, einen neuen Anfang zu machen. Und diese Chance müssen wir nutzen.”

Ihr Blick wurde weich.

Caleb stand auf und zog Vicki in die Arme. Er war größer als sie, und ihre schlanke Gestalt schmiegte sich perfekt an seinen Körper. “Ich werde meine Sachen heute Nachmittag vom Hotel holen lassen.” Er hasste diesen Ort, weil er sich dort nicht zu Hause fühlte. “Alles wird gut werden”, versicherte er. Egal, was passierte, er würde nicht zulassen, dass er Vicki verlor.

Sie bedeutete alles für ihn.

Vicki erlaubte Caleb, sie zu umarmen, obwohl sie fürchtete, damit einen Fehler zu machen. Doch sie hatte die Umarmungen ihres Ehemannes vermisst. Seit zwei Monaten vermisste sie Caleb jeden einzelnen Tag. Jedes Mal wenn er sie zum Essen einlud oder auf einen Kaffee vorbeikam, war ihr klar, dass sie eigentlich ablehnen sollte, doch stattdessen war sie immer einverstanden gewesen. Jetzt schien sich dieses gefährliche Verhaltensmuster fortzusetzen.

“Du brauchst nicht zu Hause zu wohnen, um mit unserem Kind zusammen zu sein”, wandte sie ein.

Er lockerte seine Umarmung so weit, dass sie in seine haselnussbraunen Augen sehen konnte, die eine Spur heller waren als sein Haar. “Doch, natürlich muss ich das. Willst du, dass unser Kind so aufwächst wie du und seinen Vater kaum kennt?”

Vicki atmete tief ein. “Du weißt genau, was du sagen musst, um mich umzustimmen, nicht?” Sie wollte auf keinen Fall, dass ihr Kind sich von einem Elternteil nicht geliebt fühlte.

Caleb ließ sie los und stützte die Hände auf die Hüften. “Ich werde die Wahrheit nicht schönreden. Wenn du auf dieser Trennung bestehst, wird das früher oder später zur Scheidung führen, und vielleicht wird unser Kind dann zwischen uns hin und her pendeln.”

“Glaubst du, es wäre besser für unser Kind, bei Eltern aufzuwachsen, die sich ständig streiten?” Derzeit kriselte es sehr in ihrer Ehe, daran gab es keinen Zweifel.

“Natürlich nicht.” Er hob die Stimme. “Aber du musst dich entscheiden. Entweder lässt du mich wieder zu Hause einziehen und wir arbeiten an unseren Schwierigkeiten, oder du akzeptierst die Alternative.”

“Das geht mir alles zu schnell. Ich brauche Zeit.”

Ein energischer Zug erschien um seinen Mund. “Du hattest bereits zwei Monate.”

Das war nicht einmal annähernd genug, dachte sie. Seit der Trennung hatten sie sich mehrmals pro Woche gesehen, aber ernsthaft über ihre Probleme geredet hatten sie nie. Das mussten sie jetzt dringend nachholen. “Caleb, betrachte die Sache doch mal von meinem Standpunkt aus. Ich habe gerade erfahren, dass ich schwanger bin. Wenn du jetzt auch noch zurückkommst, fühle ich mich dem allen nicht gewachsen.”

“Und je länger du mich ausschließt, desto weniger Zeit haben wir, unsere Schwierigkeiten zu bewältigen, bevor das Baby kommt”, widersprach er. “In diesem Punkt werde ich nicht nachgeben, du kannst also auch gleich Ja sagen.”

Wenn sie nicht bereits eine Entscheidung getroffen hätte, bevor sie die Anwaltskanzlei betreten hatte, die Caleb mit großer Zielstrebigkeit aufgebaut hatte, hätte sein Verhalten sie wahrscheinlich verletzt. Aber auch wenn sie viele Dinge an ihm nicht verstehen konnte, diese Reaktion hatte sie vorhergesehen. Von der Sekunde an, als sie entdeckt hatte, dass sie schwanger war, hatte sie gewusst, dass Caleb nicht mehr bereit sein würde, getrennt zu leben, selbst wenn sie noch so große Bedenken äußerte.

Aus diesem Grund hatte sie sorgfältig überlegt, unter welchen Bedingungen sie ihn wieder in ihr gemeinsames Haus ziehen lassen würde. “Also gut”, lenkte sie ein. Caleb war eine sehr dominante Persönlichkeit. Wenn man ihm den kleinen Finger reichte, nahm er die ganze Hand. Doch es ging nicht länger nur um sie beide.

“Das ist die richtige Entscheidung, Liebling”, sagte er. “Du wirst sehen. Wir schaffen es.”

Sie runzelte leicht die Stirn und wollte gerade erklären, dass die Dinge diesmal ein bisschen anders laufen würden. “Sieh mal, du kannst einziehen, aber …”

“Pscht.” Er lächelte und legte eine Hand auf ihren flachen Bauch. Erstaunt nahm Vicki wahr, dass ihre Schwangerschaft ihr jetzt als viel realer erschien. Die Bestätigung des Arztes hatte ihr nicht dieses Gefühl gegeben. “Du willst doch nicht, dass das Kind uns streiten hört, oder?”

Es ist doch immer wieder das Gleiche mit ihm, dachte Vicki. Sie redete, und er hörte nicht zu. “Caleb, ich wollte dir sagen, dass …”

“Später.” Er strich ihr das Haar aus dem Gesicht. “Wir haben alle Zeit der Welt.”

Calebs Sachen waren alle im Gästezimmer.

“Was soll denn das?” Er drehte sich zu Vicki um, die mit verschränkten Armen im Türrahmen stand und ihn beobachtete. Keine Spur war mehr von der Frau zu sehen, die ihm erst vor wenigen Stunden noch erlaubt hatte, sie zu umarmen.

Aufgerichtet und mit erhobenem Kopf begegnete sie seinem Blick. “Das kommt davon, weil du nicht zuhörst. Du hast meine Einwände gegen deine Rückkehr nach Hause einfach niedergewalzt, wie du das immer tust.” In ihrer Stimme schwang eine Härte mit, die Caleb an ihr nicht kannte. “Später, hast du gesagt. Nun, jetzt ist später. Du kannst hier wohnen, aber erwarte nicht, dass du in mein Leben zurückkehren kannst, als sei nichts passiert. Soweit es mich betrifft, sind wir immer noch getrennt.”

Er erstarrte. In den fünf Jahren, seit sie verheiratet waren, hatte Vicki niemals so mit ihm gesprochen. “Liebling …”

“Nur damit das ganz klar ist: Ich werde mich von dir nicht zu etwas drängen lassen, wozu ich noch nicht bereit bin”, sagte sie.

“So haben wir aber keine Chance”, wandte er ein. “Wir können kaum an unseren Problemen arbeiten, wenn ich in dieses Zimmer verbannt werde und du mir ständig mit der Scheidung drohst.” Er warf seine Anzugjacke auf das Bett und begann an seiner Krawatte zu ziehen, während er Vicki nicht aus den Augen ließ.

“Dein Weg ist auch nicht der richtige”, sagte sie gereizt. Ihre Wangen waren gerötet. “Du willst, dass alles wieder so ist, wie es war – als hättest du nicht zwei Monate in einem Hotel gewohnt … Ich war unglücklich in unserer Ehe. Willst du so eine Frau zurückhaben?”

Ihre Worte taten ihm weh. “Du hast nie etwas gesagt, und dann hast du mir plötzlich eröffnet, du wolltest die Scheidung. Woher sollte ich denn wissen, dass du nicht glücklich warst? Ich bin doch kein Hellseher.” Caleb fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

Vicky ballte die Hände zu Fäusten. “Nein”, erwiderte sie. “Das bist du nicht. Aber das wäre auch nicht nötig, wenn du dir gelegentlich Zeit nehmen und mir zuhören würdest, statt darauf zu bestehen, dass alles so läuft, wie du es willst oder gar nicht.”

Caleb wurde langsam wütend. “Du wolltest doch nie irgendwelche Entscheidungen treffen, deshalb habe ich das übernommen.” Seit dem Tag ihrer Hochzeit hatte er sein Bestes getan, um für Vicki zu sorgen und sie zu beschützen, und das war jetzt der Dank dafür?

“Hast du je darüber nachgedacht, ich könnte vielleicht mehr vom Leben wollen, als immer nur Ja und Amen zu allem zu sagen? Menschen verändern sich, Caleb. Hast du nie in Betracht gezogen, dass das auch bei mir der Fall sein könnte?”

Diese Frage ließ ihn aufhorchen. In seiner Vorstellung war Vicki tatsächlich noch immer die wunderschöne neunzehnjährige Braut, die er vor fünf Jahren über die Schwelle seines Hauses getragen hatte. Wegen des Altersunterschiedes zwischen ihnen und seiner größeren Lebenserfahrung war es nur logisch gewesen, dass er die Führung übernommen hatte.

Dabei hatte es Vicki nicht an Willensstärke gemangelt. Tatsächlich war sie für ihr Alter außergewöhnlich reif gewesen und auch vollkommen bereit und fähig, die Rolle der Ehefrau eines ehrgeizigen jungen Rechtsanwaltes zu übernehmen.

Caleb hätte sich nicht zu Vicki hingezogen gefühlt, wenn er hinter ihrem schüchternen Lächeln nicht einen starken Willen erahnt hätte. Aber während er mit seinen neunundzwanzig Jahren bereits die Härte des Lebens erfahren hatte, war sie in einer Welt aufgewachsen, in der sich jeder an die Spielregeln hielt. Außerdem war er es gewöhnt, Entscheidungen zu treffen, da war ihm erst gar nicht in den Sinn gekommen, das in seiner Ehe anders zu machen.

Er sah sie nachdenklich an. Sie war noch so schlank wie damals, als er sie kennengelernt hatte, und eine klassische Schönheit mit ihren blauen Augen und dem seidigen Haar, das er so gern berührte. Aber ihr Blick hatte sich verändert.

Als sie geheiratet hatten, hatte sie bewundernd zu ihm aufgesehen. Jetzt drückte ihr Blick Distanz aus. Zu seinem Schrecken musste er feststellen, dass er keine Ahnung hatte, was für ein Mensch sich hinter ihrem eleganten Äußeren verbarg.

“Nein, ich schätze, das habe ich nicht”, erwiderte er. Normalerweise verließ er sich immer auf seinen Instinkt. Dieses Eingeständnis kostete ihn einige Überwindung.

Vicki wollte etwas erwidern, doch er kam ihr zuvor.

“Aber gib mir nicht die Schuld für alles”, fuhr er fort. Sie waren beide für das Scheitern ihrer Ehe verantwortlich, und wenn sie daran etwas ändern wollten, mussten sie ehrlich sein. “Du kennst mich. Wenn du mir gesagt hättest, was dich stört, hätte ich versucht, es in Ordnung zu bringen. Ich kann es nicht ertragen, wenn du unglücklich bist.”

Das war der Hauptgrund, weshalb er ihr nie Vorwürfe gemacht hatte, dass sie bei der Liebe keine Leidenschaft zeigte, obwohl ihn dieser Mangel mehr als alles andere belastete. Doch er war nicht in der Lage, Vicki zu verletzen, selbst wenn seine Situation dadurch vielleicht verbessert worden wäre. Von dem Augenblick an, wo er sie zum ersten Mal gesehen hatte, hatte er sie glücklich machen und sie zum Lächeln bringen wollen.

Vicki wirkte sehr steif in ihrem weißen Leinenkleid. Sie schüttelte den Kopf. “Genau darum geht es. Ich will nicht, dass du die Dinge für mich in Ordnung bringst. Ich brauche …”

“Was, Vicki? Sag mir, was du brauchst.” Das habe ich sie noch nie gefragt, schoss es ihm durch den Kopf, und er fragte sich, ob er wirklich ein so guter Partner gewesen war, wie er immer geglaubt hatte.

Sogar im Bett hatte er die Führung übernommen, weil er auf seine Fähigkeit als guter Liebhaber vertraut hatte. Trotzdem hatte er es nie geschafft, dass Vicki ihn mit derselben Leidenschaft begehrte, die er für sie empfand. Was wäre, wenn sie etwas anderes brauchte, etwas, das er ihr nicht geben konnte, weil er nicht wusste, was es war? Vielleicht reagierte sie deshalb auf seine Liebkosungen nicht so, wie er es sich wünschte?

Ihre Miene wurde weich. “Ich brauche deine Liebe. Aber du sollst nicht das Bild der perfekten Ehefrau lieben, das lediglich in deiner Vorstellung existiert, sondern die Frau, die ich wirklich bin.”

Ihre Worte trafen ihn wie ein Schlag. “Ich habe nie versucht, dich zu ändern.”

“Nein. Weil du mich nie so gesehen hast, wie ich wirklich bin.” Das hatte mehr geschmerzt als alles andere, denn sie liebte Caleb Callaghan von ganzem Herzen, unabhängig davon, was er sagte oder was er tat. Sie liebte sein Lachen, seinen Verstand, seinen Dickkopf und auch seinen Charakter.

Aber das reichte nicht. Eine Liebe wie diese konnte einen Menschen langsam von innen heraus vernichten, wenn sie nicht erwidert wurde. Und genau das war der Fall, egal, was Caleb glaubte. Für ihren Ehemann war sie die empfindliche exotische Blume, die ständig beschützt werden musste, selbst vor seinen starken Gefühlen.

Genau wie in diesem Augenblick. Seine Fäuste waren geballt, um seinen Mund lag ein harter Zug, aber er beherrschte sich. “Wenn ich dich nicht gesehen habe, mit wem habe ich dann, verflixt noch mal, die letzten fünf Jahre verbracht? Mit einem Gespenst?”

Diese sarkastisch gemeinte Bemerkung traf leider ziemlich genau den Punkt. “Vielleicht.”

“Was soll das heißen?”

Wie sollte sie ihm etwas erklären, was sie selbst erst anfing zu verstehen? “Wer war ich in dieser Ehe, Caleb?”

“Meine Frau.” Der Blick seiner haselnussbraunen Augen war so schmerzerfüllt, wie sie es noch nie erlebt hatte. “War das nicht genug?”

“Caleb Callaghans Frau”, sagte sie und schluckte. “War ich das wirklich?”

Er runzelte die Stirn. “Was soll diese Frage? Natürlich warst du meine Frau. Das bist du immer noch, und wenn du diesen Blödsinn mit den getrennten Schlafzimmern endlich beendest, könnten wir anfangen, die Dinge in Ordnung zu bringen.”

Wenn ich deine Frau bin, hätte sie am liebsten geschrien, warum hast du mich dann mit Miranda betrogen? Doch mit diesem Thema konnte sie sich jetzt nicht beschäftigen. Vier Monate Abstand hatten nicht gereicht, um diese Wunde auch nur oberflächlich zu schließen. “Das ist kein Blödsinn, Caleb. Das ist eine Tatsache. Also fang zum ersten Mal in deinem Leben an, deiner Ehe Beachtung zu schenken!”

Sie drehte sich um und verließ den Raum. Hinter sich hörte sie Caleb fluchen und etwas gegen die Wand werfen. Aber er folgte ihr nicht. Erleichtert ging sie ins Schlafzimmer. Sie war kurz davor, zusammenzubrechen. Es war eine Sache, sich theoretisch vorzustellen, wie sie mit Caleb umzugehen hatte, und eine ganz andere, ihm gegenüberzustehen und sich mit seiner starken Persönlichkeit auseinandersetzen zu müssen.

Vicki war während ihrer Ehe nicht in der Lage gewesen, zu sagen, was eigentlich hätte gesagt werden müssen. Sie war zu schwach gewesen, um sich gegen Caleb durchzusetzen. Es machte ihr Angst, dass er wieder zu Hause wohnte. Jederzeit konnte sie zusammenbrechen und alles verlieren, was sie in den Monaten ihrer Trennung gewonnen hatte, während sie ihr Leben kritisch betrachtet hatte.

Was sie gesehen hatte, war nicht gerade schön gewesen. Doch zumindest stellte sie sich jetzt ihren Fehlern und befasste sich mit ihren Eheproblemen. Caleb dazu zu bringen, dasselbe zu tun, würde ein harter Kampf werden. Vor zwei Monaten hatte sie alles auf eine Karte gesetzt und ihn um die Scheidung gebeten.

Das war ein Schritt der Verzweiflung gewesen, weil Caleb sich geweigert hatte, auch nur in irgendeiner Form Probleme zuzugeben. Sie hatte ihn aufrütteln und aus seiner Selbstzufriedenheit reißen wollen, damit er merkte, dass das Leben, das sie führten, gar kein richtiges Leben war. Obwohl sie verletzt war, weil er sie auf der Geschäftsreise nach Wellington mit Miranda betrogen hatte, hatte sie den Traum nicht aufgeben wollen, durch den sie am Anfang überhaupt zusammengefunden hatten.

Doch sie war nicht bereit, für diesen Traum ein Leben zu führen, das pure Fassade war. Sie hatte den ersten Schritt gemacht, um das zu ändern, und nun wartete sie darauf, dass Caleb auf sie zukam.

Er hatte sie nicht fallen lassen. Obwohl er ausgezogen war, hatte er jeden Tag mit ihr Kontakt gehabt. Durch die unerwartete Schwangerschaft war ihnen nun noch mehr Zeit geschenkt worden. Zeit genug für Caleb, um sie, Vicki, kennenzulernen und anzufangen, die Frau zu verstehen, die schon immer unter der spröden Oberfläche verborgen gewesen war.

Und dann musste er entscheiden, ob er noch länger mit ihr verheiratet bleiben wollte oder nicht. Vicki hatte jedenfalls nicht die Absicht, sich jemals wieder damit zu begnügen, die Rolle der Ehefrau eines aufstrebenden Anwalts zu spielen. Die Frage war, ob Caleb nicht vielleicht genau so eine Frau als Ehepartnerin wollte.

Eine Frau, die nichts von ihm forderte als Geld und gesellschaftlichen Status. Eine Frau, die schweigen würde, selbst wenn ihr Mann ihr untreu war. Eine Frau, die nie daran denken würde, ihren gewohnten Lebensstil aufzugeben, indem sie sich von ihrem Mann scheiden ließ, weil er sie nicht liebte.

2. KAPITEL

Caleb war schlecht gelaunt. Er hatte eigentlich erwartet, die Nacht mit seiner Frau zu verbringen. Stattdessen drehte er sich im Gästezimmer ruhelos von einer Seite auf die andere, während Vicki nur wenige Meter von ihm entfernt lag. Als er schließlich durch schrilles Weckerläuten aufwachte, war er mit den Nerven am Ende.

Er verstand nicht, weshalb Vicki ihm das antat. So unvernünftig hatte sie sich noch nie verhalten. Wie konnte sie bloß erwarten, ihn auf Abstand zu halten, wenn sie unter einem Dach wohnten und sie ein Baby von ihm bekam? Für ihn gehörten getrennte Betten nicht zu einer Ehe. Außerdem sehnte er sich nach Vicki, verdammt noch mal! Vermisste sie ihn denn überhaupt nicht?

Nach einer raschen Dusche zog er sich an und ging in die Küche, wo er eine kühle Begrüßung von der Frau erwartete, von der er die ganze Nacht geträumt hatte. Vicki stand am Küchentresen und schenkte gerade Kaffee für ihn ein.

Calebs Stimmung hob sich. “Ich hatte schon halb erwartet, du würdest mir sagen, ich solle mich selbst versorgen.” Das hatte er schließlich während der letzten beiden Monate gemacht.

Sie lächelte. “Ich weiß doch, wenn ich dir kein Frühstück mache, kriegst du nichts Vernünftiges in den Magen.”

Er setzte sich auf einen Hocker auf der anderen Seite des Tresens und genoss das Gefühl, wieder zu Hause zu sein.

“Zählen Snacks aus Automaten als vernünftiges Essen?”, fragte er scherzhaft, um in die frühere Routine zurückzufinden. Die Zeit im Hotel war schrecklich gewesen, und er hatte nicht die Absicht, noch einmal so ein elendes Leben zu führen, egal was er tun musste, um Vicki zurückzugewinnen.

Sie hob die Augenbrauen und warf ihm einen kurzen Blick zu, während sie ein paar Eier in eine Schüssel gab. “Ich hoffe, das soll ein Scherz sein.”

Caleb konnte kochen. Das hatte er gezwungenermaßen schon als kleines Kind gelernt, um für sich und seine jüngere Schwester zu sorgen, weil ihre Eltern zu beschäftigt mit sich selbst waren. Doch vom ersten Tag ihrer Ehe an hatte Vicki die Küche übernommen, und er hatte das bereitwillig zugelassen. Insgeheim hatte er sich immer gefreut, dass seine Frau sich genug aus ihm machte, um ihm gesundes Essen zuzubereiten. Niemand hatte das je zuvor getan.

Als er den Teller mit Rührei und Schinken und eine Tasse Kaffee von ihr entgegennahm, lächelte er sie versuchsweise an. “Leistest du mir nicht Gesellschaft?” Das Frühstück war eine der wenigen Mahlzeiten, die sie regelmäßig gemeinsam einnahmen.

Sie verzog das Gesicht. “Ich glaube, ich warte lieber noch eine Stunde oder so.”

“Bist du in Ordnung, Liebling?”

Sie lächelte und sah dabei so schön aus, dass er einen Stich im Innern spürte. “Mir ist bloß ein bisschen übel. Das kommt neuerdings öfter am Morgen vor.”

“Ist das nicht immer so?” Er war fasziniert von dem Leben, das in ihr wuchs, und hoffte, dass sie ihn nicht von dieser neuen Erfahrung ausschloss.

Sie schüttelte den Kopf. “Nein, das kommt und geht, wie es will. Aber ich habe Glück, denn mir ist nicht besonders oft schlecht. Iss jetzt, sonst kommst du zu spät.”

Er gehorchte und beobachtete dabei, wie sie in der Küche herumhantierte. Sie trug Jeans und eine flauschige blaugrüne Strickjacke, die ihre zierliche Figur betonte. Dass sie schwanger war, konnte man ihr noch nicht ansehen. Äußerlich wirkte Vicki noch genauso wie vor fünf Jahren, als sie geheiratet hatten.

“Toast?” Sie nahm zwei Scheiben aus dem Toaster, bestrich sie mit Butter und reichte sie ihm.

Als er sie nahm, fiel sein Blick auf einen blassrosa Umschlag, der am anderen Ende des Küchentresens neben der Obstschale lag. “Was ist das?”

“Eine Karte von Mutter.”

Besorgt musterte er sie. “Was steht darin?”

“Nur dass sie vielleicht in ein, zwei Wochen nach Auckland kommt und dann mit mir Kontakt aufnimmt. Iss.” Sie winkte ab und steckte den Umschlag in die Gesäßtasche ihrer Jeans.

Caleb überlegte, ob Vicki wirklich so unbeschwert war, wie sie sich gab. Danica Wentworths seltene Besuche wühlten Vicki in der Regel immer ziemlich auf. Mehr als einmal hatte er versucht, mit ihr darüber zu reden. Aber das wehrte sie jedes Mal mit einer Heftigkeit ab, die dafür sprach, wie verletzt sie war, und er war nie weiter in sie gedrungen. Auch in seiner Vergangenheit gab es Dinge, über die er absolut nicht sprechen wollte.

Er hatte Verständnis für Vickis Zurückhaltung. Welches Kind würde sich an eine Mutter erinnern wollen, die es wegen eines Liebhabers im Stich gelassen hatte? Obwohl dieser Mann dann eine andere geheiratet hatte, führte Danica bis zum heutigen Tag mit ihm eine Beziehung. Sie hatte ihn nie verlassen, wie sie damals ihre vier Jahre alte Tochter verlassen hatte. Schlimmer, sie hatte Vicki der Mutter ihres Exmannes anvertraut, einer Frau, die so mütterlich war wie eine Schlange.

Vicki warf ihm einen neugierigen Blick zu, weil er sie nachdenklich ansah. “Was ist denn?”

“Nichts.” Zumindest nichts, das er jetzt in Worte fassen konnte.

Gern wäre er jetzt zu ihr gegangen, hätte Vicki in die Arme genommen und ihr gezeigt, was er für sie empfand. Danach sehnte er sich schon eine Ewigkeit. Aber er hielt sich zurück, weil er wusste, dass sie diesen Vorstoß nicht begrüßen würde.

“Gehst du heute ins Gericht?” Sie musterte seinen schwarzen Anzug und ging zu seiner Überraschung zu ihm, um seinen Hemdkragen zu richten. Ihr zarter Duft stieg ihm in die Nase.

Caleb nickte und bemühte sich, nicht so verblüfft auszusehen, wie er war. Vicki berührte ihn äußerst selten von sich aus. “Der Fall Dixon gegen McDonald.”

Ihre Blicke trafen sich, und Vicki ließ die Hände sinken, als wäre sie selbst überrascht. “Zwei Firmen, die sich um ein Patent streiten, richtig?” Eine zarte Röte erschien auf ihren Wangen. Sie ging wieder hinter den Tresen und nahm die Kanne, um ihm Kaffee nachzufüllen. “Glaubst du, ihr werdet gewinnen?”

“Callaghan & Associates gewinnen immer.” Er lächelte, obwohl er jetzt noch mehr durcheinander war.

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