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Sechzig ist das neue Vierzig

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Alle Jubeljahre
  7. Menschen mit Klasse
  8. Das Käfer-Orakel
  9. Faltencheck im Hamsterrad
  10. Spiegelverkehrt
  11. Kann man Altern lernen?
  12. Wie es aus gut unterrichteten Kreisen heißt …
  13. Eine Zeitreise
  14. Wie Wesen von einem anderen Stern? Das sind doch wir!
  15. Streber, Angeber, Klassenclowns, everybodys darlings …
  16. Alte Säcke und alte Schachteln, runderneuert
  17. Unk, unk, unk. Vor Zeiten war ich junk
  18. Tierisch
  19. Die Räume des Alters beziehen
  20. Endlich: Ich muss gar nichts!
  21. Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann. Oder so.
  22. Sport ist doch Mord
  23. Wie alt bist du? Das fragt man nicht
  24. Altern ist gut für die Gesundheit
  25. Alte Liebe rostet schön
  26. Im Hier und Jetzt spielt die Musik
  27. Der Reiz des ungelebten Lebens
  28. Kühe und Ziegen revisited. – Danke, Christiane
  29. Kleine Unterschiede und andere Wunder
  30. Kinder klein gucken und andere Sehfehler
  31. Mit Abstand am besten
  32. Früher war alles besser. Hä? Echt jetzt?
  33. #Whynotmetoo?
  34. Glücklich ist, wer’s nimmt, wie’s kimmt
  35. Schon wieder Spiegelfechtereien
  36. Über allem bleibt die Frage: Haare färben oder nicht?
  37. Grenzgänge
  38. Je jünger, je dümmer
  39. Je oller, je doller
  40. Vergiss das Ende
  41. Senile Bettflucht … ins Vergessen
  42. Liebe, rückwärts
  43. Tore fallen in der Nachspielzeit
  44. Vorbei – ein dummes Wort
  45. Aufbruch
  46. Wenn ich mir was wünschen dürfte
  47. Nach welcher Pfeife tanz ich jetzt? Nach meiner!
  48. Kinder sind keine Freunde
  49. Wie der Körper neue Tugenden erzwingt
  50. Ich will so bleiben, wie ich werde – und darf das auch
  51. Wohin man kommt, wenn man zu sich kommt
  52. Was die Hände erzählen
  53. Spiegelneuronen feuern
  54. Altern für Fortgeschrittene
  55. Anti-Aging: Klischees vergessen
  56. Stress lass nach: wie man Glückssträhnen verlängert
  57. Klare Sicht
  58. Der Splitter im Auge ist das beste Vergrößerungsglas
  59. Empfohlene, verwendete und zitierte Literatur

Über dieses Buch

Endlich 60! Die Kinder sind groß, die Wechseljahre vorbei, Ehemänner und Freundinnen noch am Leben, die Hypotheken abbezahlt und die Zipperlein noch beherrschbar. Und Falten? Ach Gott, wer hätte die nicht! Besser wird’s nicht – ein Grund mehr, überraschende Glücksmöglichkeiten, kostbare Freiheiten und neue Freuden zu erkunden. Lotte Kühn begibt sich auf Selbst- und Welterkundung, mit Witz, Selbstironie und ausreichend Piccolos. Denn fest steht: Altern ohne Humor ist tödlich.

Über die Autorin

Lotte Kühn alias Gerlinde Unverzagt, geboren 1960, ist alleinerziehende Mutter von vier Kindern und freiberufliche Journalistin. 2006 veröffentlichte sie den Bestseller Das Lehrerhasserbuch. Seither gilt sie als Expertin in Sachen Erziehungsfragen, bei radioeins wird sie regelmäßig als Erziehungsberaterin zu Wort gebeten. Sie schreibt Artikel und Glossen über Themen aus dem Familienleben und Erziehungsalltag u. a. für die Zeitschriften Psychologie Heute und Berliner Morgenpost.

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Alle Jubeljahre

Die Einladung zum Klassentreffen im Spätsommer, die eines Tages in meinem Maileingang landete, kam etwas überraschend, was aber vor allem daran lag, dass ich die »Save the date«-Mail im Frühjahr gleich wieder vergessen hatte. Noch überraschender war die Behauptung, es sei jetzt vierzig Jahre her, dass wir unser Abiturzeugnis in Empfang genommen hätten. Unterzeichnet war das Ganze von einem »Orga-Team«: drei Vornamen mit mir gänzlich unbekannten Nachnamen.

Auf der Adressliste im Anhang stehen hinter den Nachnamen andere Namen in Klammern, und mir geht ein Licht auf: Die Mädchen von damals haben natürlich alle geheiratet und segeln als erwachsene Frauen unter fremder Flagge durchs Leben. Angela, natürlich! Gabi, klar! Ulrike! Wie von ferne klingelt da was, und sei es auch nur, dass solche Namen das Alter und damit das Abitur vor vierzig Jahren beweisen. Aus diesem Grund wollen wir feiern, und zwar ein ganz großes Wiedersehen, so heißt es weiter, und weil wir damals wegen des Kurssystems keine Klassengemeinschaft aufbauen konnten, soll sich jetzt doch gleich der ganze Jahrgang treffen: neunundsiebzig Ehemalige, die 1979 Abi gemacht haben.

Später am Telefon erzähle ich meiner Tochter Charlotte, dass ich zum vierzigsten Jahrestag eingeladen sei und nicht wüsste, was ich da sollte. Weil ich Jahrestage, Jubiläen und Gedenkveranstaltungen nicht leiden kann, und wenn ich doch dort hinführe, würde ich dort Mitschüler von damals treffen, deren Namen ich längst vergessen hätte.

Und was sagt sie dazu? »Cool, und alle noch am Leben?«

Vor Schreck bleibe ich die Antwort schuldig. Ja, was wäre, wenn wir da zusammenkämen und Ausschau nach besten Freundinnen, heißen Flirts, gemeinen Petzen, Kumpels, verklemmten Strebern, süßen Jungs und tollen Typen von damals hielten und spekulierten, ob sie wohl noch kämen? Und wenn wir dann erfahren würden, dass sie gestorben sind? Schon tot sind?? Prompt zünden alle meine Fluchtreflexe auf einmal: Das tue ich mir nicht an.

Obwohl: Zeit hätte ich ja. Nur keine Lust. Aber vielleicht wäre es wirklich interessant, sich wiederzusehen. Immerhin liegt eine gute Strecke Leben zwischen dem letzten Schultag und diesem Klassentreffen, die so oder so verlaufen ist, nachdem wir alle vom gleichen Punkt aufgebrochen sind. Soll ich oder soll ich nicht? Eigentlich wollte ich die Einladung hochnäsig ablehnen, weil ich Besseres zu tun habe, als früheren Zeiten hinterherzuweinen und in Erinnerungen zu schwelgen. Doch jetzt auf einmal rumpeln verstreute Reste in meinem Kopf herum. Gesichter tauchen auf und wieder unter, Gerüche, Szenen auf dem Schulhof und im Klassenzimmer, all die geschwänzten Stunden im Stehcafé in der Bahnhofstraße. Vereinzelte Partyfetzen irrlichtern durch meine Gedanken. Die Langeweile im Matheunterricht und der breite Kegel des schräg durchs Fenster einfallenden Sonnenlichts, in dem die Staubkörner tanzten – plötzlich sind die Erinnerungen wieder zum Greifen nah. Was wohl aus dem blonden Typen mit den strahlend blauen Augen und dem rotzfrechen Lachen geworden ist? Wie hieß der noch gleich?

Mit Namen ist es ganz entsetzlich. Das macht mir manchmal richtig Angst. Wo sind bloß die ganzen Namen geblieben? Springen sie einfach aus unseren Köpfen und sehen dann von außerhalb vergnügt zu, wie wir in Verlegenheit geraten, uns abmühen und im Trüben fischen? Und ist das der Anfang von etwas, das noch viel schrecklicher werden kann?

Mach mal halblang, rede ich mir gut zu. Auch andere Lebensalter haben ihre Probleme. Niemand würde ein durchschnittliches Teenagerverhalten als Muster an Besonnenheit, Nachdenklichkeit und Ausgewogenheit bezeichnen. Aber manchmal kommt es mir so vor, als wären meine Veränderungen im Dachstübchen etwas anderes, jedenfalls was mein Erinnerungsvermögen und die Konzentration angeht. Schon wenn mir jemand etwas Neues erzählt, denke ich daran, dass ich das Gesagte wahrscheinlich morgen schon vergessen haben werde: Oder ich verlasse mich blind darauf, dass meine Freunde hin und wieder meine Gedanken wie ein verloren gegangenes Kind im Kaufhaus an die Hand nehmen und zu ihrem Ausgangspunkt zurückführen. Worüber habe ich gerade geredet?

Ich hasse Jubiläen, Gedenktage und diese ganzen schalen Versatzstücke kollektiver Erinnerung. Nie wieder vergessen, das sagen und schreiben deutsche Politiker von Montag bis Samstag routiniert, während es doch immer wieder passiert. Dieses rührselige Zurückgeschaue, das Greinen über all die Jahre, die nun schon ins Land gegangen sind, der peinliche Stolz, mit dem Jahreszahlen wie Landmarken in erobertem Territorium präsentiert werden – nee, das ist meine Sache nicht. Das sind alles nur Vorwände, um sich aus der Gegenwart zu schleichen und die Zumutungen der Verantwortung für das eigene Tun zu schwänzen. Schlecht verhohlene Ausflüchte, um aus der Gegenwart zu flüchten und in die Vergangenheit abzutauchen, die dann noch dazu hemmungslos als die bessere Zeit imaginiert werden darf. Wer wagt schon zu widersprechen? Ausstehen konnte ich diese Jahrestage noch nie, erst recht nicht die mahnend mit gerecktem Zeigefinger ausgesprochenen Aufforderungen, dies oder jenes niemals zu vergessen.

Kommentar Willy Brandt: Die Zukunft wird nicht gemeistert von denen, die am Vergangenen kleben. Es kann doch ganz schön sein, vor allem die schlechten Dinge zu vergessen oder wenigstens nicht täglich wieder von Neuem herunterzubeten. Die Neigung, sich ablenken zu lassen oder zu vergessen, kann im richtigen Zusammenhang, zur rechten Zeit großartige Folgen haben: Wer die Gemeinheiten der anderen einfach vergisst, kann gar nicht nachtragend sein und wandelt ganz von selbst auf den Pfaden von Freundlichkeit und Milde.

Auch verrät eine ausgeprägte Fähigkeit zum Tagträumen nicht einen untätigen, sondern einen abschweifenden Geist, der seltsame Dinge auf neue Weise verknüpft – anderswo Kreativität genannt, auf die man im Hamsterrad der Jahre zwischen dreißig und fünfzig vergeblich wartet. In jenen Jahren, in denen man damit beschäftigt ist, seinen Platz im Leben und in der Gesellschaft zu finden.

Neuerdings passiert etwas ziemlich Spannendes in meinem Kopf, das ich von früher nicht kenne. Wenn ich einem scheinbar schwierigen Problem gegenüberstehe, wird der anstrengende Prozess, eine Lösung zu finden, häufig auf irgendeine Weise umgangen und wie durch Zauberei unnötig gemacht. Die Lösung kommt mühelos, übergangslos, scheinbar wie von selbst. Ich habe offenbar an augenblicklicher, fast unfair einfacher Eingebung gewonnen. Handelt es sich vielleicht um dieses geschätzte Attribut des Alterns, diesen rätselhaften Stoff, den man Weisheit nennt? Ich kann’s gar nicht abwarten. Mehr davon! Ein älteres Gehirn braucht unter Umständen länger, um neue Informationen aufzunehmen und anzuwenden. Hat es aber mit Informationen zu tun, die in irgendeiner Hinsicht mit Bekanntem in Verbindung stehen, dann funktioniert das Gehirn im mittleren Alter schneller und klüger: Es macht Muster aus und springt an das Ende der logischen Kette. Und auch das: Neuerdings langweile ich mich furchtbar schnell bei fast allem, was mir früher mal auf- oder wenigstens anregend vorkam. Heute fragt mein Kopf ständig: Was gibt’s Neues? Das könnte doch ein Schlüssel zur Erneuerung sein … Nicht vergessen, stemple ich auf meine Gedanken und klebe ein Post-it dran: unbedingt wieder aufgreifen.

Der Blick zurück hingegen kann gefährlich sein, wie die Geschichte von Lots Frau über die Zeiten hinweg erzählt. Gott trug ihr auf, mit ihrer Familie aus ihrer zerstörten Stadt zu fliehen und sich dabei nicht umzuschauen. Sie gehorchte nicht, schaute zurück – und erstarrte zur Salzsäule.

Vom gebotenen Blick nach vorn erzählt auch die Geschichte von Orpheus und Eurydike. Orpheus vertut seine einzige Chance, auf dem Weg aus der Unterwelt in die Oberwelt seine Geliebte ins Leben wieder mitnehmen zu dürfen. Er verliert die Zuversicht und das Vertrauen, dass sie ihm folgt, und dreht sich um. Damit hat er sie verloren. Selbst schuld, dass er die zweite Chance mit Eurydike vermasselt hat.

Woher also kommt eigentlich der Hype des Erinnerns, der den schlechten Ruf des Vergessens begründet? Die Tätigkeit des Erinnerns wird deutlich überbewertet. Könnte es womöglich sein, dass nicht das Vergessen, sondern das zwanghafte Erinnern die eigentliche Geisteskrankheit ist? Unser Gehirn muss Dinge loswerden, damit es nicht überläuft. Die wenigen Menschen, von denen es heißt, sie konnten nichts vergessen, wurden regelmäßig verrückt. Unser Gehirn ist dazu eingerichtet, Prioritäten zu setzen und unwichtige Dinge auszufiltern. »Vergesslichkeit ist keine Krankheit des Gedächtnisses, sondern eine Voraussetzung für seine Gesundheit«, schrieb im Jahr 1882 der französische Philosoph Théodule Ribot. Aber damals gab es ja auch noch kein Alzheimer-Gespenst, mit dem wir uns gegenseitig erschrecken konnten. Und so erinnern wir uns auf Teufel komm raus, feiern Jahrestage und erinnern uns sogar an Ereignisse, die genau genommen gar nicht stattgefunden haben: Am 8. Januar wäre Elvis Presley fünfundachtzig Jahre, einen Tag später wäre Rio Reiser siebzig Jahre und am 2. Juni wäre Marcel Reich-Ranicki hundert Jahre alt geworden. Im Jahr 2020 jährt sich der Todestag von Leif Eriksson zum tausendsten, der von Raffael zum fünfhundertsten und der des Barons Münchhausen zum dreihundertsten Mal. Praktisch jeder Tag des Jahres gibt uns zu was zum Gedenken: Tag der Jogginghose (21.1.), Tag der scharfen Saucen (22.1.), Thinking Day der Pfadfinder (22.2.), 100. Jahrestag der Gründung der NSDAP (24.2.), Jahrestag des Kompliments (1.3.), Frauentag (8.3.), Weltnierentag (9.3.). Der »Ehre-Dein-Werkzeug«-Tag (11.3.), gefolgt vom Popcorn-Tag (12.3.) Der 14. März ist dreifach belegt: Gedenktag zur Feier der Kreiszahl Pi, Albert Einsteins Geburtstag und Steven Hawkings Todestag. Den Welttag der Poesie begehen wir am 21. März. Am 10. April 1970 haben sich die Beatles getrennt, der Untergang der Titanic jährt sich am 15. April zum 108. Mal, und am 17. April feiern wir den fünfzigsten Jahrestag der Rückkehr der Apollo 13. Am 26. April gedenken wir der Opfer des türkischen Völkermordes an den Armeniern von 1915, und gleichzeitig ist Welttag des Versuchstiers. An die Atomkatastrophe von Tschernobyl erinnern wir uns am 26.April, auf den Tag der Arbeit am 1. Mai folgt der Internationale Tag der Pressefreiheit, gleichzeitig Weltlachtag, am 3. Mai, und am 23. Mai ist Welt-Schildkröten-Tag. Der Mai endet mit der Erinnerung an den Tag der Erstbesteigung des Mount Everest, und der Juni startet mit dem Internationalen Hurentag am 2. Juni. So geht es munter weiter: Die Verkündung des Grundgesetzes, der Deutsche Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige, der Tag des Systemadministrators, der Internationale Linkshändertag, der Antikriegs- und der Deutsche Kopfschmerztag, der Tag der Zahngesundheit und der Tag des Butterbrots, der Welttag der Vegetarier und der Internationale Tag der älteren Menschen, der Weltstudententag, der Welttoilettentag, der Kauf-Nix- und der AIDS-Tag, der Internationale Tag der Abschaffung der Sklaverei und der Tag des Ehrenamtes, der Tag der Unbefleckten Empfängnis und der Tag der unschuldigen Kinder, der Welttag des Stotterns und der Gedenktag für die Todesopfer in Abschiebehaft. Fünfzig Jahre Tatort, fünfunddreißig Jahre Lindenstraße und fünfzehn Jahre Youtube – irgendwas ist immer.

Auch wenn ich über die Jahre eine Art Jubiläumsallergie entwickelt habe, muss ich zugeben: Der verliebte Blick zurück in die Vergangenheit könnte ein Ausgleich für die Zukunft sein, die jetzt so überschaubar wird. Ja, beginnt das Alter nicht erst in dem Augenblick, in dem man meint, nicht mehr ohne Vergangenheit leben zu können? Wann geht das eigentlich los, ab wann müssen wir in Kauf nehmen, von unserer Umwelt, von Freunden, von der Familie als alt wahrgenommen zu werden? Sollen wir uns ergeben, leugnen oder vor dieser Tatsache davonlaufen? Eine Frage, die auch ich mir immer öfter stelle, und ich muss gestehen, dass ich damit schon ein Problem habe. Mit der möglichen Antwort sowieso.

Erinnerung macht alt, Vergessen hält jung, denke ich trotzig. Und arrogant wie Albert Einstein sage ich: »Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.«

Menschen mit Klasse

Dieses Abitur von 1979 wurde nach fünf, nach zehn, nach zwanzig und nach dreißig Jahren gefeiert. Immer ohne mich. Und jetzt? Wo stehe ich, wo die anderen? Dem prüfenden Check der anderen auf dem Schulhof habe ich mich lange Zeit nicht mehr (oder wieder?) aussetzen wollen. Doch alle meine guten Gründe, die Einladung abzulehnen, lesen sich auch ein bisschen wie die Inventarliste meines gelebten Lebens. Was mich von den letzten Jubiläen abgehalten hat, war ja nicht nur die Erinnerungsallergie und Vergangenheitsunverträglichkeit. Ich hatte an Sommerwochenenden tatsächlich Besseres zu tun, das war nicht so dahingesagt. Für die Kinder da sein, arbeiten und Geld verdienen, Freunde treffen, das Stundenglück mit DHL arrangieren und präparieren … Und jetzt? Jetzt fällt ein guter Teil meiner Ausreden weg, und ich habe Zeit.

Der Zwiespalt bleibt, auch wenn ich ihm heute Abend fünfhundert Kilometer näher gekommen bin. Die Neugier hat gewonnen, ha! Von wegen Neugier, müsste man nicht eher von einer Art Altgier sprechen? Ach nein, das Wort »alt« wird etwas zu sehr strapaziert, finde ich. Tatsächlich geht es weniger ums Alter, mehr um eine Art Vertrautheit, die sich nicht mehr auszuweisen braucht. »Alt« hebt Dinge, Orte oder Menschen hervor, denen eine lässige, gewohnte Zuneigung gilt, die sich nicht mehr bewähren muss. Manchmal hängt dem Wort auch eine Verletzlichkeit an. Ich sage »mein alter Freund« und will damit ausdrücken, dass er mir sehr am Herzen liegt. Auf der langen Autofahrt in die alte Heimat habe ich mir weidlich ausgemalt, wie’s morgen wohl sein wird, an der alten Schule mit den alten Mitschülern. Weil wir alle 1960 geboren sind, werden wir jetzt alle sechzig, manche sind es wohl schon. Vielleicht kann man sich da was abgucken? Oder wenigstens beschließen, niemals so, sondern ganz anders alt werden zu wollen. Ein wohliges Erschrecken beim Anblick der Gleichaltrigen, darauf wird es wohl hinauslaufen. Der ist ja auch alt geworden! Die sieht ja viel älter aus! Insgeheim denkt so jeder über den anderen, nur über sich selbst darf man sich wundern: So alt sieht man doch gar nicht aus! Alt? Ich? Wir doch nicht! Noch scheint Altwerden meistens etwas zu sein, das nur anderen passiert.

Irgendwann zwischen Ende dreißig und Mitte vierzig geschieht etwas Mysteriöses. Davor gibt es keine Anhaltspunkte fürs Älterwerden; danach sind sie auf einmal unübersehbar. Es geschieht nicht von heute auf morgen, sondern schleichend. Aber die Dreißiger im Inneren enden nie. Wir erreichen den vierunddreißigsten oder den neununddreißigsten Jahresring, aber mehr davon setzen wir nicht an. Die Diskrepanz zwischen innerem und äußerem Selbstbild aushalten, das wäre die Aufgabe. Mit, zugegeben, wachsendem Schwierigkeitsgrad. Der innere Mensch verharrt. Kein Kind mehr: gebongt. Kein Teenager mehr: dankbar zur Kenntnis genommen. Nicht mehr einundzwanzig: kann man verkraften. Nicht mehr neunundzwanzig: schon schwieriger, aber, hey, wo ist das Problem? Doch Ende dreißig, Anfang vierzig, das ist nicht vergangen, das bin ich noch. Das bist du, das bin ich, so empfinden wir uns, dabei bleibt’s. Man fühlt sich an vielen Tagen wie mit fünfundzwanzig oder sechzehn oder neununddreißig und ist es ja auch noch immer. Zum Teufel mit den körperlichen Veränderungen! Da können wir noch so trotzig gegen den Verfall ancremen, losjoggen, wegspritzen oder die Falten am Hals mit Kältetherapien so sehr erschrecken, dass sie an einen Ort flüchten, von dem aus sie den Rückweg nicht finden.

Fünfzig fand ich, allem Gruseln vorher zum Trotz, als es dann so weit war, richtig schick. Gute Zahl, guter Stand im Leben – noch frisch, aber schon schlau. Mit der Sechzig tue ich mich schwer, auch weil ihr die Fünfundsechzig praktisch auf dem Fuß folgt und die hässliche Fratze der Siebzig um die Ecke schielt. S-e-c-h-z-i-g, das klingt komisch, und komisch aussehen tut’s auch: 60. Wenn ich über diese Schwelle gehe, kann ich wirklich als alt gelten, auch wenn ich es nicht bin. Vierzig ist das Alter der Jugend, fünfzig ist die Jugend des Alters, ha! Und sechzig? Endlich erwachsen! Im Schnitt liegen dann noch zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Jahre vor uns Babyboomern, so fit und agil, wie noch keine Kohorte früher es war, sagt die Altersforschung. Sie unterscheidet zwischen den jungen und den alten Alten. Die jungen Alten zwischen fünfundsechzig und fünfundsiebzig haben sogar einen gemeinsamen Namen. Sie heißen Yoldies nach young old. Dass das auch ein bisschen nach Goldies klingt, ist beabsichtigt: Die zehn Jahre zwischen dem fünfundsechzigsten und fünfundsiebzigsten Geburtstag sollen sich golden anfühlen. Sie entsprechen so ganz und gar nicht dem Klischee der Senioren, die den lieben langen Tag Kochshows im Fernsehen gucken, die Wartezimmer der Ärzte füllen oder auf der Parkbank hocken und sich die lange Liste ihrer aktuellen Leiden erzählen. Die Yoldies sind psychisch und physiologisch im Schnitt zehn bis fünfzehn Jahre jünger, als ihr biologisches Alter anzeigt, erklärt die Altersforschung. Sie sind ständig in Bewegung, geistig und körperlich, Aktivitäten, die ihnen helfen, nicht zu vergreisen. Das Phänomen ist neu: Eine zehn Jahre oder sogar noch länger dauernde Zeitspanne ist den Menschen geschenkt. Aus dem Berufsleben entlassen, aber vom Siechtum noch Lichtjahre entfernt, tut sich für unsere Generation ein neuer Raum der Möglichkeiten auf. Während für andere Phasen des Lebens wie Kindheit, Pubertät, Studienzeit, Berufstätigkeit, Familiengründung gelebte wie literarische Muster zur Verfügung stehen, an denen man sich orientieren kann, ist das Yoldie-Leben noch ein weißer Fleck in der Landkarte des Lebens. Das hat den Vorteil des Pionierdaseins, aber auch den Nachteil, dass Risiken und Nebenwirkungen noch im Dunkel liegen und für einige Überraschungen gut sein könnten. So befinden wir uns in der schwierigen Lage, dass es in Bezug auf diese neue Lebensphase keine bereits erprobte Tradition gibt. Wir sind aufgerufen, Versuche mit uns selbst anzustellen und wenn möglich den Verlauf zu protokollieren, bevor wir Schlüsse ziehen.

Unsere Eltern hätten dieses Problem jedenfalls nicht gehabt: Für ihre und vorangegangene Generationen gab es konkrete Vorstellungen von dem, was im Alter sein würde – und wo es dazu nicht kam, war man sich dessen schmerzlich bewusst: Man wäre in Rente, die Kinder aus dem Haus, würde Kuchen essen, den Garten pflegen, spazieren gehen, sich an den Enkeln erfreuen, Reisen unternehmen und hätte sein Leben im Großen und Ganzen gelebt. Es wäre die Zeit zum Zurücklehnen.

So war das. Und so bleibt es nicht: Altwerden erleben wir heute als Entwicklungsprozess, der nicht an eine bestimmte Jahreszahl gebunden ist. Tradition und Konventionen hält nicht mehr, die neuen Werte zielen auf individuelle Gestaltung und gesellschaftliche Aushandlung – ein Hinundhergerissensein, das es früher nicht gab. Was für die einen die erfrischende Aussicht darauf sein kann, mit achtzig auf ein Konzert der dann etwa hundertjährigen Rolling Stones zu gehen und völlig rollenklischeebefreit in Leoprintjeans abzurocken, ist für die anderen die erschreckende Ahnung, dass sie nie aus der Verantwortung, aus dem Selbstentscheidenmüssen entlassen werden. »Mit der Freiheit, alt zu werden wie man will, schwindet das rettende Ufer, das Konventionen auch sein können«, schreibt Ariane Bemmer im Tagesspiegel. Die unerforschten Landschaften nach Entdeckerart zu kartografieren und den Blick auf die Schwäche zu verändern, so etwa ließe sich die neue Aufgabe fassen, die mit dem neuen Zustand einhergeht.

Das Käfer-Orakel

»Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. … Was ist mit mir geschehen?, dachte er. Es war kein Traum.«

Hat jemand gemerkt, dass Franz Kafka in seiner Erzählung »Die Verwandlung« mit dem schrecklichen Erleben des Gregor Samsa wahrscheinlich ein bedrückendes Bild für unser aller Vorstellungen vom Altwerden gefunden hat? Viele Menschen fürchten, dass sie ihren jungen, starken, gesunden Körper eines Tages ganz plötzlich an das Alter verlieren, ohne zu wissen, wie ihnen geschieht. Ohne zu ahnen, wie sie mit diesem Einbruch fertigwerden sollen. Die Verluste, das Gerade-noch-so und dann das Nicht-mehr, stehen im Vordergrund und verstellen den Blick auf das ganze Geschehen.

Fraglos verändert das Älterwerden den Menschen. Einige dieser Veränderungen sind spürbar, einige schmerzen, fast alle sind sichtbar. Aber das erzählt nicht die ganze Geschichte. Der älter werdende Mensch ist mehr als nur ein Erwachsener auf dem absteigenden Ast. Die Vorstellung »und eines Tages bin ich alt« ist ein großes Missverständnis. Altern beginnt nicht erst ab einem bestimmten Alter. Die Körperfunktionen eines Menschen verändern sich jährlich zwischen 0,5 und 1,3 Prozent, und zwar ab dem dreißigsten Geburtstag. Ein Dreißigjähriger erlebt also das gleiche Ausmaß an Veränderung wie ein Neunzigjähriger. Das ist die gute Nachricht: Alte und junge Menschen altern in gleichem Maße – nur haben Junge mehr Vorrat an glatter, straffer Haut und starken Muskeln, die sich fürs Altern eignen.

Da dieser Prozess stetig verläuft, lernt ein Mensch automatisch, was es heißt, alt zu werden. Den Gregor-Samsa-Effekt gibt es nicht, schreibt die Psychologin Ursula Nuber. Man wird nicht plötzlich älter, sondern langsam, Schritt für Schritt, sodass man genug Zeit hat, sich daran zu gewöhnen. Je älter man wird, desto größer wird diese Fähigkeit. Dank der Anpassung entsteht ein machtvolles Gegengewicht zu dem unvermeidlichen Abbau von Körperfunktionen. Muskeln mögen schwächer werden, aber ältere Menschen sind seltener depressiv als jüngere. Haare werden grau und fallen aus, aber ältere Menschen berichten von größerem Wohlbefinden.

Wir sind in einem kulturellen Umfeld aufgewachsen, in dem die Jugend höchste Wertschätzung genießt, und vor diesem Hintergrund deuten wir so gut wie alle Signale als Hinweise darauf, dass es von nun an bergab geht. Der Täuschung entkommen wir nur, wenn wir uns das wirkliche Leben ansehen und erkennen, dass es auch jetzt noch immer besser wird. Ist Altern nicht ein Leben in der Schwäche, sondern birgt eine neue, noch unbekannte Lebensweise?

Die will ich kennenlernen.

Wie konnte ich eigentlich am Beginn des vergangenen Jahrzehnts so sehr meinen Zurück-in-die-Zukunft-Tagträumen erliegen? Mir weismachen, mit fünfzig hätte ich das halbe Leben noch vor mir? Wie viel Zeit mir bis zum Beginn des wirklichen Alters noch bleiben würde! Jetzt, wo alle wesentlichen Entscheidungen gefallen waren, würde sich vor mir die unendliche Weite der Freiheit erstrecken wie ein gelobtes Land, und meine Beine wären noch stark, mein Kreislauf stabil und der Rücken noch schmerzfrei genug, um diese Etappe der Wanderung zu genießen. Zeit, um zu machen, was ich will, und nicht, was ich müsste oder sollte. Herrlich viel Zeit, um neue Herausforderungen zu suchen, alte Pflichten abzulegen und zu neuen Abenteuern aufzubrechen. Die Zeitungen sind voll von älteren Menschen, die um die Welt segeln, Cafés eröffnen, Stadtmarathons laufen und Romane veröffentlichen. Von Autorinnen wie Margaret Atwood wird gesagt, sie sei mit ihrem jüngsten Buch Die Zeuginnen auf dem Zenit ihres Schaffens angelangt. Mit weit über siebzig! Ingrid Noll veröffentlichte ihren ersten Krimi mit sechsundfünfzig! Und Carmen Herrera verkaufte mit neunundachtzig Jahren ihr erstes Bild; sie hatte mit hunderteins ihre erste Ausstellung in den USA. Deutschland und Großbritannien entdeckten sie etwas früher und widmeten der Vierundneunzigjährigen eine Retrospektive.

Aus solchen und ähnlichen prominenten Beispielen habe ich viel Mut gezogen und einigen Trost gefiltert. Die Freude über die vor mir liegenden Jahre hat sich lange gehalten. Aber jetzt … Jetzt ist sie in sich zusammengefallen wie ein Soufflé im Backofen, wenn man die Tür zu schnell und zu früh öffnet. Schlagartig vorbei, nicht langsam und schön. Für das Leben nach dem sechzigsten Geburtstag habe ich keine Idee, keinen Plan, keine Vorstellung und auch kein taugliches Vorbild.

Wäre das in Ordnung, ein kleines Problem mit dieser großen Zahl zu haben? Ist sechzig nicht doch schon ganz schön alt? Ich weiß eigentlich nur, dass es jetzt wieder zehn Jahre weniger Lebenszeit sind, als ich dachte. Egal, wie lange ich noch lebe. Irgendwann stellen wir uns doch alle bang die Frage, wie wir selbst als Alte einmal sein werden. Welche Nummer wir in der Lotterie der körperlichen Gebrechen ziehen und welches Los wir aus dem Eimer des geistigen Abbaus fischen. Oder welches Glück wir aus Fortunas Füllhorn erhaschen können.

Aber ich weiß auch, das ist viel zu negativ gedacht: Ein inneres Altern findet nach dem Ende der Dreißiger doch sowieso nicht mehr statt, die propagierte Weiterentwicklung, gar Reifung gibt es doch gar nicht, sie tarnt nur die Vorsicht, die zunimmt. Was alles passieren könnte – der kleinmütige Konjunktiv prallt am Immunsystem der zwanziger Jahre ab, erst danach rücken mögliche Folgen unbedachter Handlungen ins Blickfeld. Das Selbstbild ist mit Ende dreißig komplett, die Selbstwerdung einigermaßen abgeschlossen. Wer dann beispielsweise in seiner Einer-WG sein Selbst manchmal einfach nicht mehr erträgt, sehnt sich schon nach Ferien vom Ich und macht sich auf die selbstlose Wanderung mit vielen anderen Selbstlosen auf den Jakobsweg.

Die meisten von uns haben ein fremdes Bild im Kopf, wie sie im Alter aussehen und sein werden. Die oft bespöttelten beige gekleideten Rentner sterben aus – die heute Fünfzig- und Sechzigjährigen taugen kaum als Zielscheibe für den Spott über diesen Kleidungsgeschmack. Sie werden sich viel länger als ihre Vorgänger nach ihrem eigenen Geschmack und neuen Moden kleiden und sich damit immer stärker in einer Ambivalenz verstricken, die zwar ein entspanntes Verhältnis zu immer höheren Altersangaben pflegt, sich aber gleichzeitig innerlich vom Altern stärker distanziert und einen wachsenden Horror vor den äußeren Anzeichen entwickelt. In so einem Kontext will verständlicherweise niemand alt werden, und so entsteht ein Bild von Jugendlichkeit, das verbissen verteidigt wird. Familiengründungen jenseits der Fünfzig sind keineswegs selten, auf Konzertbühnen stehen Bands, die in den Achtzigerjahren bekannt wurden. In der Süddeutschen Zeitung schilderte eine Frau, wie es ist, mit fünfzig zum ersten Mal an einem Schönheitswettbewerb teilzunehmen.

Faltencheck im Hamsterrad

Unser Bild vom Altern ist weniger geprägt von lebenden Vorbildern als vielmehr von unzähligen Werbespots, in denen Altherrengruppen mit knallengen Sporthosen auf dem Rennrad steile Serpentinen herunterflitzen, fitte, coole, kultivierte Frauen in Bestform auf ihrer Yogamatte, ihrer Dachterrasse oder am Steuer ihres Cabrios lächeln. Erfahren, selbstbewusst und mit sich selbst im Reinen wirken sie, während sie vor den Kameras der Werbefuzzis bahnbrechende Bekenntnisse von sich geben: »Ich habe mich bewusst für einen Lippenstift entschieden, der mehr kann.« Verschrumpelte Lippen ein wenig aufpolstern nämlich. Truthahnhals, Furchen im Gesicht, Flecken auf faltigen Händen oder Doppelkinn haben keinen Platz in diesen Bilderwelten, Treppenlifte, Zahnimplantate und Prostatabeschwerden auch nicht. Was für ein Schwachsinn! Wären diese Frauen (und Männer) wirklich erfahren, selbstbewusst und mit sich selbst im Reinen, könnten sie die Wahrheit über ihre äußere Erscheinung und ihr Alter und auch ihren nächtlichen Harndrang leichter ertragen.

Die Fernseh-Alten trumpfen längst nicht mehr mit Güte, Nachsicht und Bonbons auf, sondern stellen Ehrgeiz und Fitness zur Schau. Da hat sich schon etwas getan, könnte man meinen. Aber das stimmt nicht. Es wird nur das, was für Jüngere gilt, für immer mehr ältere Menschen genauso zur Norm. Am Ende machen und wollen dann alle ihr Leben lang dasselbe: Leistung bringen, sich beweisen. Und das heißt auch, die Zeiten des entspannten Zurücklehnens, in denen das tätige Eingreifen vom wohlgefälligen Betrachten, quasi aus der Schaukelstuhlperspektive, abgelöst wird, die sind vorbei. Das ist nicht nur für die künftigen Enkel schade, sondern auch für die Alten im andauernden Hochleistungsstress.

Doch je weniger über die Bedeutung des neuen Alterns diskutiert wird, desto hemmungsloser kann die Körperlichkeit die Deutung beherrschen. Über den Körper, über das Sichtbare wird Alter definiert, und damit bleibt die Gefahr groß, dass das Altern negativ besetzt bleibt. Ein Zustand, den es zu vermeiden gilt, weil er sich in verlorenen Kämpfen gegen faltige Gesichter, runzlige Hälse, trockene Haut und schlaffe Bäuche ausdrückt und auf Defizite beschränkt, die den zweifellos vorhandenen Gewinn unterschlagen. Altersdiskriminierung benachteiligt Frauen einmal mehr, denn sie werden viel stärker als Männer nach ihrem Aussehen bewertet. Aber was wird aus einer Gesellschaft, die den Zustand der Mehrheit ihrer Bevölkerung verachtet? Sie verleugnet sich selbst.

Doch vorerst ist es noch nicht so weit. Wir brauchen Ideen für unser Altern, und zwar gute, die den Wunsch auslösen, bei dieser Party dabei sein zu wollen. Zur Gestaltung freigegeben sind die körperlich fitten Jahre von sechzig bis achtzig, das dritte Alter, das uns die längere Lebenserwartung beschert hat und das dem vierten vorausgeht, die biologisch bedingte Zeit vor dem endgültigen Aus. Die Realität schert sich nicht um Illusionen. Vielleicht müssen wir alle erst über unsere eigenen Falten stolpern, um das zu erkennen.

Nach diesem gedanklichen Stretch-und-Relax sind mir sogar die meisten Namen wieder eingefallen; fragt sich nur, ob ich morgen auch die passenden Gesichter dazu finde. Tina, Gebieterin der Schönheit in eigenem Kosmetiksalon und fast so alt wie ich, hat mich vor ein paar Tagen gewarnt: »Klassentreffen sind auch so ’ne Sache. Du ahnst ja gar nicht, wie viele meiner Kundinnen vor einem Klassentreffen noch unbedingt zu einer Anti-Aging-Behandlung kommen wollen. Man will’s noch mal wissen. Dafür sind solche Daten da. Und abgenommen wird da wie verrückt. Noch einen Tag vorher!« Sie lacht. »Aber das darf man nicht übertreiben, es muss ja auch alles noch irgendwie zusammenpassen.« Offenbar hat sie auch schon ein paar Jahre vorausgedacht. Auf meinen fragenden Blick erklärt sie: »Hinten Lyzeum, vorne Museum? Das will doch kein Mensch!« Während ich noch überlegte, dass ich mir den maximalinvasiven Teil des Affentheaters jenseits von Maniküre, Pediküre, Ansatzfarbe getrost schenken kann, liefert sie mir ein Teilargument frei Haus: »Und die süßen Typen von damals? Sei vorsichtig, das kann ein richtiger Schock werden.« Meinen Blick deutete sie richtig und kichert: »Dicker Bauch und Glatze. Alle!«

Wie gemein! Die Panikattacken gelten nicht nur dem Verblassen der eigenen Jugend, auch das Altern der anderen stört. Schon, weil man an den anderen klarer als an sich selbst erkennen kann, wie viel Zeit vergangen ist. Jeder von uns muss mit dem Älterwerden klarkommen, mit der abnehmenden Energie, dem Verfall des Körpers und dieser neuen Müdigkeit in Augen, die schon so viel gesehen haben. Doch es ist nicht nur die Unabänderlichkeit des biologischen Prozesses, sondern auch noch der ganze Mist, der gesellschaftlich am »Nicht mehr« hängt. Älterwerden bringt für Frauen so viele Facetten der Abwertung mit sich, dass man schon beim Nachdenken wahnsinnig werden könnte. Frauen in den mittleren Jahren finden das zu ihrem Alter passende negative Selbstbild nicht etwa zwangsläufig in ihrem Kopf, ihrem Körper oder ihrem Herzen: Sie sehen es im Spiegel. Wenn sie sich mit dem Blick der anderen betrachten.

Seit jeher, aber mit zunehmendem Alter immer mehr, übernehmen Frauen den Blick von außen auf ihre Person und eignen sich fremde Zuschreibungen an. So werden sie sich selbst fremd und entwickeln ein gespaltenes Bewusstsein. Einerseits beschäftigen sie sich ständig mit dem Älterwerden, andererseits verdrängen sie alles, was damit zu tun hat. Zugegeben – alter Sack ist keine nette Bezeichnung für einen älteren Herrn. Doch der böse Blick auf die älter werdende Frau hat böse Bilder hervorgebracht, die uns nachhaltig denunzieren, auch weil wir uns so bereitwillig zu Komplizinnen der Abwertung machen und uns scheinironisch dann selbst als alte Schachtel bezeichnen. Die denunzierende Sicht auf die älter werdende Frau durchzieht die Malerei, die Literatur und unser Alltagsbewusstsein. Wertung und Abwertung des Älterwerdens sind der letzte Hort der Ungleichheit der Geschlechter, eine der letzten schreienden Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen.

Das ist ein natürlicher Vorgang, aber gleichzeitig viel mehr: Altern ist auch eine gesellschaftliche Projektionsfläche, die sozial, historisch und kulturell sehr unterschiedlich ausgestaltet sein kann. Wir stehen vor einem verminten Gelände, in dem man gefährlich schnell die Orientierung verliert. Kein Kompass aus alltagstauglichen Koordinaten steht bereit, um Orientierung zu geben. Kein vielarmiger Wegweiser mit verschiedenen weiblichen Vorbildern zeigt, wo’s langgehen könnte, weder auf den Bildschirmen noch auf den Plakatwänden und viel zu selten im realen Leben. So hartnäckig und erfolgreich Frauen in den letzten zweihundert Jahren auch um die Verwirklichung ihrer eigenen Lebensentwürfe gekämpft haben – als sie es mit den Fallstricken des Älterwerdens aufnehmen mussten, waren sie offenbar schon etwas müde.

So weit sind wir jetzt: Die männliche Geringschätzung der Frau ist Teil des weiblichen Selbst geworden, schreibt die Psychologin Sandra Konrad in ihrem Buch Das beherrschte Geschlecht – warum sie will, was er will. Damit beginnt eine unglückliche Verkettung: Je geringer das Selbstwertgefühl, desto wichtiger wird der Vergleich. Und eine Frau, die sich vergleicht, kann anderen Frauen die tollen Haare, Hintern, Jobs, Kinder, Ehemänner und Liebhaber nur schwer gönnen.

Vielleicht wird Altersscham die neue Fettscham? Dabei stünde es uns doch weit besser zu Gesicht, wenn wir vor den Jungen Haltung bewahren. Damit sie sehen, dass Altern nichts ist, wovor man sich fürchten muss, oder? Sonst hört das doch nie auf! Aber sichtbares Altern ist nicht nur ein Ärgernis, sondern auch eine Zumutung, für die man leicht das Gefühl hat, sich entschuldigen zu müssen. Offenbar hat man sich nicht genug Mühe gegeben – Falten als Affront? Schließlich stehen uns zahllose Produkte zur Selbstoptimierung zur Verfügung. Und wenn uns die Werbung erklärt, es sei möglich, das eigene Alter und die Naturgesetze abzuhängen, indem wir noch jenseits der Sechzig mit ein bisschen gutem Willen und der richtigen Venencreme oder dem angesagten Vitamin-Booster wieder Zumba tanzen, Skateboard fahren oder Fallschirm springen können, dann ist das so absurd wie die Hoffnung, dass der Winter in diesem Jahr ausfällt und der Sommer ewig bleibt. Oder dass DHL eines Abends mit rot geweinten Augen und kleinem Rucksack bei mir auf der Matte steht. Oder davon auszugehen, dass in diesem Monat die Miete nicht abgebucht wird.

Nein. Sicher wie der Tod ist, dass wir auf dem Weg zu ihm hin älter werden, sofern uns vorher nicht ein Unfall oder eine schwere Krankheit aus dem Leben kickt. Und doch ist es schwer zu begreifen, was das Altern eigentlich bedeutet und wie es sich, abgesehen vom Nachlassen der Kräfte, eigentlich anfühlt, wenn man als alte Frau betrachtet wird – oder sich selbst betrachtet.

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Wenn man an die Alternative zum Altwerden denkt, ist es gar nicht so schlimm.

Spiegelverkehrt

Mich überfällt beim Blick in den Spiegel die Furcht, dass meine Altersgenossen mich schon allein deshalb ablehnen und sich abwenden könnten, weil ich aufgehört habe, jung auszusehen. Ein bisschen fühlt sich das an wie die alte Neigung, sich nach den Ferien nicht auf dem Schulhof zeigen zu wollen, weil man ein bisschen dicker geworden ist. Und schon schießt eine der Dancing Queens aus der Nachbarklasse den vergifteten Pfeil ab: »Toll siehst du aus, hast du ein wenig zugenommen?« Oder der Fete fern zu bleiben, weil ein dicker Pickel am Kinn alles Selbstbewusstsein zunichte gemacht hat.

Die Gespenster von damals ließen sich mit gezielten Gegenmaßnahmen in die Flucht treiben. Das hier bleibt: die Brille, die Flecken auf den Händen, die Falten auf der Stirn – geschenkt. Für mich allein geht das voll in Ordnung, sogar das unselige Treiben der Schwerkraft ist mir letztendlich egal. Aber für die anderen? Besonders für die, die mich kannten, als ich noch so jung und glatt und frisch war wie sie selbst? Mogeln ist nicht; jeder Versuch, das eigene Alter nach unten zu korrigieren oder gleich zu verschweigen, wäre zum Scheitern verurteilt. Wir sind alle 1960 geboren und wissen das voneinander ganz genau. Wir sind nicht in schlechter Gesellschaft. Das wissen wir, weil wir viel Zeit beim Friseur verbringen und Gala lesen: Jogi Löw, Klaus Behrendt, Gloria von Thurn und Taxis, Ivan Lendl, Nena, Axel Prahl, Rudi Völler, Bono, Mick Hucknall, Antonio Banderas, Sarah Brightman, Sean Penn, Hugh Grant, Colin Firth, Damon Hill, Jennifer Rush, Jean-Claude Van Damme, Dieter Nuhr, Diego Maradona, Tilda Swinton, Kim Wilde, Julianne Moore, Jeffrey Eugenides und Kenneth Branagh – sie alle und noch viele andere mehr werden im Lauf des Jahres 2020 ihren sechzigsten Geburtstag feiern.

Ich bin mir nicht sicher, wie viele Vorbehalte gegenüber älteren Menschen ich übernommen habe, obwohl ich nach außen immer das Gegenteil behaupten würde. Was es heißt, alt zu werden, weiß ich ganz genau. Schließlich beobachte ich andere Menschen schon ein Leben lang beim Altern. Ich habe genug Bilder gesehen und verstörende Botschaften gehört: Die zweite Hälfte des Lebens geht mit Krankheiten, schlackerndem ...

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