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Sechs Sekunden

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Danksagung
  6. Widmung
  7. I. Teil
  8. II. Teil
  9. 1. Kapitel
  10. 2. Kapitel
  11. 3. Kapitel
  12. 4. Kapitel
  13. 5. Kapitel
  14. 6. Kapitel
  15. 7. Kapitel
  16. 8. Kapitel
  17. 9. Kapitel
  18. 10. Kapitel
  19. 11. Kapitel
  20. 12. Kapitel
  21. 13. Kapitel
  22. 14. Kapitel
  23. 15. Kapitel
  24. 16. Kapitel
  25. 17. Kapitel
  26. 18. Kapitel
  27. 19. Kapitel
  28. 20. Kapitel
  29. 21. Kapitel
  30. 22. Kapitel
  31. 23. Kapitel
  32. 24. Kapitel
  33. 25. Kapitel
  34. 26. Kapitel
  35. 27. Kapitel
  36. 28. Kapitel
  37. 29. Kapitel
  38. 30. Kapitel
  39. 31. Kapitel
  40. 32. Kapitel
  41. 33. Kapitel
  42. 34. Kapitel
  43. 35. Kapitel
  44. 36. Kapitel
  45. 37. Kapitel
  1. III. Teil
  2. 38. Kapitel
  3. 39. Kapitel
  4. 40. Kapitel
  5. 41. Kapitel
  6. 42. Kapitel
  7. 43. Kapitel
  8. 44. Kapitel
  9. 45. Kapitel
  10. 46. Kapitel
  11. 47. Kapitel
  12. 48. Kapitel
  13. 49. Kapitel
  14. 50. Kapitel
  15. 51. Kapitel
  16. 52. Kapitel
  17. 53. Kapitel
  18. 54. Kapitel
  19. 55. Kapitel
  20. 56. Kapitel
  21. 57. Kapitel
  22. 58. Kapitel
  23. 59. Kapitel
  24. 60. Kapitel
  25. 61. Kapitel
  26. 62. Kapitel
  27. 63. Kapitel
  28. 64. Kapitel
  29. 65. Kapitel
  30. 66. Kapitel
  31. 67. Kapitel
  32. 68. Kapitel

Über den Autor

Hank Steinberg ist der Schöpfer und Produzent der preisgekrönten TV-Sendung SPURLOS – WITHOUT A TRACE. Für seine Drehbücher war bereits für den begehrten EMMY-AWARD nominiert sowie für den WRITERS GUILD OF AMERICA AWARD und den HUMANITAS AWARD. Derzeit arbeitet er für Paramount Pictures am Drehbuch von SECHS SEKUNDEN. Er lebt mit seiner Familie in Los Angeles.

Danksagung

Ohne die Unterstützung und den Ansporn von Richard Abate, Erwin Stoff und Walter Sorrells wäre dieses Buch nie geschrieben worden. Meiner Frau, die jedes meiner Manuskripte und jeden Entwurf liest, schulde ich größte Dankbarkeit für ihre wertvolle Einschätzung und ihre Ausdauer. Meinen Eltern danke ich dafür, dass sie meine Liebe zu Geschichten geweckt haben und dass sie stets so schamlos voreingenommene Leser meiner Texte waren. Ich muss auch meinem verantwortlichen Lektor David Highfill danken für seine Geduld, seinen Optimismus und seine Anleitung während der Entstehung des Werkes. Dasselbe gilt für die vielen Fans von Without a Trace, deren Begeisterung und Unterstützung mir geholfen haben, an meinem Handwerk zu feilen. Ich hoffe sehr, dass diese Geschichte euch gefallen wird …

Der vorliegende Roman ist ein literarisches Werk. Die Figuren, die Vorfälle und sämtliche Dialoge entspringen allein der Vorstellung des Autors und sollten nicht als tatsächliche Geschehnisse gedeutet werden. Jede Ähnlichkeit mit realen Ereignissen oder Personen, lebenden oder toten, ist rein zufällig.

Für meine K,
der ich L und V verdanke
und alles andere auch

I. Teil

AUFTAKT

Östliches Usbekistan, 2005

Charlie Davis zündete sich zum wiederholten Mal eine Zigarette an und trat auf die Bremse seines ramponierten Toyota Landcruiser. Direkt vor den schwer bewaffneten Männern in grauen Uniformen brachte er den Wagen zum Stehen.

Das war jetzt schon der vierte Kontrollpunkt, an dem er und sein Führer auf den letzten hundert Meilen angehalten wurden. Für Faruz war das etwas ganz Alltägliches, eine lästige Schikane wie so viele andere für einen unfreiwilligen Bürger der Republik von Usbekistan. Charlie dagegen, ein Amerikaner, der sich seit fast zwei Jahren hier im Land aufhielt, musste sich bei solchen Kontrollen immer wieder zwingen, ruhig zu bleiben und sich nicht provozieren zu lassen.

»Papiere!«, forderte der junge Gefreite mürrisch. Der Lauf seiner AK-47 zielte lässig auf Charlies Brust.

Charlie gab ihm die Dokumente – den amerikanischen Reisepass, den Presseausweis und ein gefälschtes Visum für die Reise durch die Provinzen, das er seinem findigen Freund Faruz zu verdanken hatte.

Der Soldat prüfte die Papiere ein bisschen länger, als es nötig schien. »Sie sind Reporter«, knurrte er schließlich. Er sprach Englisch mit starkem Akzent, aber der Tonfall war eindeutig: Seine Worte waren mehr Anschuldigung als Frage.

»Ach, Sie können lesen!« Charlie hoffte, dass der Soldat mitbekam, wie sarkastisch das gemeint war.

»Was wollen Sie in Ferghanatal?«

»Ich treffe mich mit ein paar Freunden zum Pilaw

Charlie bemerkte, wie sein Führer auf dem Beifahrersitz herumrutschte. Er wusste, dass Faruz ihn hasste, wenn er das tat – wenn er die Dinge komplizierter machte, als es sein musste. Charlie kümmerte sich nicht darum. Er starrte den Soldaten herausfordernd an. »Wollen Sie, dass ich das amerikanische Konsulat anrufe und jemanden für Sie ans Telefon hole? Kann ich gerne machen.«

Der Soldat musterte Charlie. Er hatte offenbar keine Lust auf Stress. Widerwillig gab er die Papiere zurück und winkte sie durch. Charlie legte den Gang ein und fuhr los. Der Straßendreck spritzte hinter ihm auf.

»Cowboy«, sagte Faruz trocken und zündete sich eine Zigarette an.

Eine halbe Stunde später lenkte Charlie den Landcruiser einen steilen Hang hinauf und hinein in die winzige Grenzstadt Ragdovir.

»Der Ort gefällt mir nicht«, sagte Faruz. Er sprach eine eigentümliche Mischung aus Usbekisch, Russisch und Amerikanisch. »Gefällt mir kein Stück.«

Charlie gefiel es hier auch nicht. Aber um kein Geld der Welt wäre er jetzt umgekehrt. Er hatte drei Tage gebraucht, um überhaupt hierherzukommen. Drei Tage, in denen er von der usbekischen Hauptstadt Taschkent aus dem Verlauf der alten Seidenstraße gefolgt war, über immer löchrigere und gefährlichere Straßen, vorbei an mindestens einem Dutzend feindseliger Kontrollpunkte und hinein in eine bergige Gegend, deren Einwohner mit jedem Kilometer, den er weiterfuhr, ärmer und verdrossener wirkten.

Vor dreißig Jahren war Usbekistan eine blühende Region innerhalb der Sowjetunion gewesen, berühmt für ihre Baumwoll- und Seidenproduktion, ein Zentrum des Bergbaus und der Metallindustrie. Aber mit dem Zerfall der Sowjetunion hatte die Region gleichzeitig ihre Absatzmärkte und ihre speziellen Vergünstigungen verloren. Jetzt war Usbekistan das korrupte Fürstentum eines einzigen Mannes, Islam Karimov, eines früheren sowjetischen Apparatschiks.

Karimov hatte den Sturz der UdSSR genutzt, um ein ganzes Land an sich zu reißen und es zugrunde zu richten, einzig und allein zum eigenen Vorteil und zu dem einer Hand voll seiner Spießgesellen. Ragdovir war einst eine Wegmarke an der Seidenstraße gewesen, eine bedeutende Karawanserei zwischen Samarkand und den hohen Pässen des Hindukusch. Die Seidenstraße war natürlich seit Jahrhunderten Geschichte, der Verkehr darauf war zum Erliegen gekommen, schon bevor die Russen hierhergekommen waren. Ragdovir war heute nur noch ein unbedeutender Flecken an der Grenze zu Kasachstan, ein abgelegener Rückzugsort für Schmuggler und Diebe.

Es war sowieso schon gefährlich, in den Ort hineinzufahren, aber Charlie wusste, wenn er die Frau nicht fand, nach der sie suchten, dann versäumte er die einmalige Gelegenheit, die usbekische Regierung als das bloßzustellen, was sie war. Und das hatte er sich vorgenommen, seit er zum ersten Mal den Fuß in dieses gottverlassene Land gesetzt hatte.

Während sie sich dem Stadtzentrum näherten, rief das schrille Klagen des Muezzins die Menschen zum Gebet. Es wurde von Lautsprechern an einem schiefen Minarett verstärkt, das bedrohlich über den Häusern zu schweben schien.

»Hier links«, sagte Faruz. Er schielte auf eine zerknitterte Militärkarte aus Sowjetzeiten.

Charlie zwängte den Toyota zwischen zwei Häusern hindurch in eine schmale Gasse. Ein Haufen unterernährter Kinder spielte mit Plastikwaffen Krieg. Sie schossen aufeinander und starben theatralisch. Als sie das Auto auf sich zukommen sahen, stoben sie auseinander.

Die Gasse – sie war so schmal, dass die Außenspiegel immer wieder an den Wänden entlangschrammten – wand sich durch eine Ansammlung von Häusern, denen man die Jahrhunderte des Niedergangs ansah.

»Hier halten!« Faruz zeigte auf eine rötliche Tür.

Charlie parkte den Wagen in einer Ausbuchtung und stieg schwerfällig aus. Seine Beine schmerzten nach der langen und anstrengenden Fahrt. Faruz schob sich aus dem Auto und hämmerte mit der Faust gegen die Tür.

Eine Minute verging.

»Ich dachte, sie wären hier«, sagte Charlie.

Bevor Faruz antworten konnte, ging die Tür auf. Ein Junge stand im Eingang, das eine Auge milchig weiß und das andere überraschenderweise grün. Er richtete eine alte Schrotflinte auf sie.

»Hey!«, brüllte Faruz. »Nimm das Ding aus meinem Gesicht!«

Charlie schätzte das Alter des Jungen auf zwölf oder dreizehn. Trotz seines finsteren Gesichtsausdrucks hatte er wahrscheinlich Angst. »Deine Mutter hat uns eingeladen«, versicherte Charlie ihm in fehlerfreiem Russisch. »Wir sind hier, um deinen Bruder zu sehen.«

Eine Frauenstimme rief irgendetwas und brach dadurch den Bann.

Der Junge trat leise zurück und ließ Charlie und Faruz in den Hof treten. In der Mitte des umschlossenen Platzes stand ein Brunnen aus rissigen Kacheln, in dem klares Wasser plätscherte. Auf der gegenüberliegenden Seite wuchs ein schiefer Feigenbaum. Unter dem Baum saß eine kleine Gestalt. Sie sah müde aus. Ihre Augen waren dunkel, der Blick wirkte aufmerksam. Die letzten Sonnenstrahlen warfen helles Licht auf ihr faltiges Gesicht. Die Frau sah aus wie sechzig, doch in diesem Land bedeutete das, wie Charlie wusste, dass sie wahrscheinlich eher vierzig war.

»Asalaam alaikum, Palonchi Ursalov.« Charlie grüßte sie mit der Hand über dem Herzen.

»Sie wollten gestern hier sein.« Sie sprach Usbekisch, und sie sprach zu Faruz.

Charlie wusste: Wenn er ihr Vertrauen gewinnen wollte, musste er derjenige sein, der antwortete. Er wusste auch, dass es einen großen Unterschied machen würde, wenn er sich mit ihr in ihrer eigenen Sprache unterhielt, auch wenn sie – genau wie er – mit Sicherheit fließend Russisch sprechen konnte.

»Es tut mir leid«, sagte er in stockendem Usbekisch. »Sie wissen sicher, die Reise von Taschkent hierher kann schwierig sein.«

Die Frau bedachte ihn mit einem sonderbaren Blick. Charlie erkannte sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte. Natürlich war diese Frau niemals in Taschkent gewesen. Niemand in diesem Teil des Landes war das! Sie hatte keine Ahnung, wie mühsam die Reise war oder wie lange sie dauerte. Zum Glück war sie zu stolz, um das zu zeigen. Sie reagierte mit einem Achselzucken und wies den Jungen an, Tee zu bringen.

Der Junge ging in das winzige Haus und rief dort jemandem etwas zu. Während der letzte Widerhall vom Ruf des Muezzins erstarb, gewöhnten Charlies Augen sich allmählich an das schwindende Abendlicht, und er bemerkte einen unangenehmen Geruch, der, wenn auch nur schwach, irgendwo hinter ihm aufstieg. Er ging von etwas aus, auf das er beim Eintreten nur einen kurzen Blick geworfen hatte, etwas, das unter einem weißen Laken in der finstersten Ecke des Hofs lag. Charlie blickte Faruz an. Sie wussten beide, was sich unter dem Tuch befand.

Ein kleines Mädchen, nicht älter als vier Jahre, kam mit einem verbogenen Blechtablett nach draußen. Ein kleiner Teller mit Mandeln und Datteln stand darauf, dazu zwei angeschlagene Gläser, in denen dunkler Tee dampfte.

Charlie trank schlürfend und verbrannte sich die Zunge. In Usbekistan war es nie klug, gleich zur Sache zu kommen. Schließlich setzte er das Teeglas ab und sagte: »Erzählen Sie mir von Ihrem Sohn.«

Die Frau schaute Faruz an. Der Führer nickte ihr aufmunternd zu, und so fing sie an: »Vor zwei Wochen haben sie ihn mitgenommen. Als sie ihn mir zurückgebracht haben …« Ihr Blick flog kurz zu dem Tuch in der Ecke. »Als sie ihn mir zurückgebracht haben, haben sie mir gesagt, er wäre in seiner Zelle von einem Hocker gefallen.«

»Und was ist wirklich passiert?«, fragte Charlie.

Sie zögerte und schaute zu dem Jungen, der im Eingang des Hauses hockte.

»Ich habe zwei Söhne. Ich will nicht, dass Salim auch noch von einem Hocker fällt.«

»Das verstehe ich.« Charlie beugte sich vor. »Aber wir haben die Gelegenheit, etwas zu bewegen. Dieser Tragödie einen Sinn zu geben. Wenn niemand versucht, dieses Land besser zu machen, dann wird sich nie etwas ändern.«

Palonchi Ursalov musterte den Sohn, der ihr geblieben war. Ihre Lippen zitterten, die Gefühle drohten aus ihr hervorzubrechen. Dann erstarrte ihr Gesicht zu einer Maske. Sie stand auf und ging zu der dunklen Ecke, kniete sich neben die weiß verhüllte Gestalt und legte die Hand auf das Laken.

Die Frau zögerte und wandte sich um. Ihr Blick durchbohrte Charlie, als wäre er verantwortlich für das, was darunter lag. Mit einem heftigen Ruck riss sie das Tuch weg.

Faruz wandte sich ab. Er gab ein Gurgeln von sich, als hätte er einen Schlag gegen die Kehle bekommen. Charlie war seit einem Jahrzehnt als Berichterstatter im Ausland unterwegs. Er hatte viele schreckliche Dinge gesehen, Somalia, Afghanistan, Burundi, Jemen … aber das hier war fast noch schlimmer.

Ein junger Mann, kaum älter als ein Kind, lag auf einem Brett. Er sah aus, als hätte man ihn in Stücke gerissen. Seine Genitalien fehlten. Eine Rippe stach wie ein geschwärzter Stumpf aus seinem Oberkörper heraus. Ein Bein war am Knie verdreht, der Fuß zeigte nach hinten. Das andere lag abgetrennt neben dem Körper, die Sehnen hingen schlaff um die schimmernde Kugel des Hüftgelenks. Ein Ohr fehlte, es war vielleicht mit einer Zange abgerissen worden. Das Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

»O Gott«, flüsterte Charlie.

»Er hat Technik studiert, an der Universität«, sagte sie. »Er hat nie etwas Böses getan. Er hat nie etwas gegen die Regierung gesagt. Er hat nie Schwierigkeiten gemacht.«

Charlie räusperte sich. »Wissen Sie, warum er festgenommen wurde?«

»Ein paar von seinen Freunden an der Universität. Die haben aufrührerische Reden geschwungen. Aber nicht mein Junge. Nicht mein Junge.«

Wenn es unerträglich wurde, so wie hier, dann benutzte Charlie seine Professionalität immer als Schutzschild. Er versuchte also, nüchtern zu bleiben, sich auf das Aussehen der Leiche zu konzentrieren und die vielen kleinen Details in sich aufzunehmen. Aber das Grauen überwältigte ihn schließlich doch, und er musste den Blick abwenden.

Faruz kauerte auf der anderen Seite des Hofs. Erschüttert hielt er den Kopf in den Händen. Salim, der Bruder, stand unter dem Türsturz und biss vor Trauer und Wut die Zähne aufeinander. Tränen rannen ihm über das Gesicht.

Charlie sah noch einmal die trauernde Mutter an.

»Sie wissen, dass ich Bilder brauche?«, fragte er sanft.

Für Moslems war so etwas unvorstellbar. In der islamischen Kunst war es streng verboten, den menschlichen Körper abzubilden. Aufnahmen von ihrem Sohn zu machen, in diesem Zustand, das war mehr als nur eine Verletzung der Privatsphäre. Es war ein Akt der Pietätlosigkeit.

Palonchi Ursalov kam langsam auf die Füße. Sie starrte Charlie an. Er sah blanken Abscheu in ihren Augen. Vielleicht sogar Hass. Aber trotz ihrer ganzen Wut: Sie wusste, was getan werden musste!

Mit hoch erhobenem Kopf, der Blick ruhig und gefasst, ging sie schweigend zurück ins Haus und schloss die Tür hinter sich. Einen Augenblick später richtete Faruz sich auf und floh hinaus in die Gasse.

Charlie blieb allein mit dem jüngeren Sohn zurück, der immer noch auf der anderen Seite des Hofs kauerte und mit seinem gesunden Auge jede Bewegung des Fremden verfolgte.

Langsam und würdevoll nahm Charlie den Fotoapparat aus der Tasche und machte Aufnahmen von dem entstellten Toten auf dem Boden.

Drei Wochen später

Der Protest auf dem Babur-Platz im Zentrum der Provinzhauptstadt Andijan wurde schon seit Stunden immer lauter. Julie Davis hatte seit dem Vormittag Transparente verteilt. Die Kundgebung war sehr kurzfristig organisiert worden, erst am Tag vorher, um es der übernervösen Regierung zu erschweren, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Dennoch war die Menge viel größer, als irgendjemand es für möglich gehalten hätte. Julie beobachtete, wie Tausende von aufgebrachten Menschen auf den Platz strömten, und ihr wurde bewusst, dass das Ereignis einen berauschenden – vielleicht sogar erschreckenden! – Schwung bekam. Sie hätte sich gewünscht, dass ihr Mann an ihrer Seite wäre, gerade jetzt, wo ihr gemeinsames Kind in weniger als fünf Wochen zur Welt kommen sollte.

Julie blickte auf die Uhr und hielt wieder in der Menge nach Charlie Ausschau. Mit seinen strohblonden Haaren, den breiten Schultern und seiner schwer zu beschreibenden, aber unzweifelhaft amerikanischen Ausstrahlung sollte er leicht auszumachen sein. Schließlich entdeckte sie ihn. Er bahnte sich gerade zusammen mit Faruz einen Weg durch die Menschenmenge. Als Charlie sie entdeckte, winkte er und kam auf sie zu. Er begrüßte sie mit einem leidenschaftlichen Kuss.

»Habe ich was verpasst?«, fragte er mit einem Grinsen.

»Nur den Anfang einer Revolution«, erwiderte sie stolz.

Er staunte, während er die Szene auf sich wirken ließ. »Das müssen mindestens zehntausend Menschen sein!«

In der Mitte des Platzes stand die Statue eines Turban tragenden Mannes, der auf einem Pferd saß, eines berühmten usbekischen Sultans namens Babur, dargestellt im kantigen Stil des sowjetischen Realismus. Ein junger Mann stand auf dem rosa Granitsockel und schrie in schrillem Usbekisch durch ein Megafon.

Julie sah, wie Faruz in einer Mischung aus Furcht und Hoffnung die Augen aufriss. Unwillkürlich versuchte sie, seine Sorgen zu zerstreuen. »Das ist in Ordnung, Faruz. Es ist nur eine friedliche Demonstration.«

Faruz sah sie zweifelnd an. »Sie sollten nicht hier sein.« Er warf einen Blick auf ihren dicken Bauch. »Schließlich erwarten Sie Ihren Sohn.«

Julie fühlte, wie auch Charlie sie ansah und dabei vermutlich dasselbe dachte.

»Wenn die Regierung das hier hätte aufhalten wollen, dann hätte sie längst eingegriffen«, sagte sie zuversichtlich.

Faruz sah Charlie an. »Meine Vettern sind hier irgendwo. Ich versuche, sie zu finden.« Charlie klopfte Faruz auf die Schulter, und sein Freund verschwand in der immer größer werdenden Menge.

Julie drückte Charlies Hand, während dieser sich hochkonzentriert umsah. Er suchte nach Einzelheiten, mit denen er seinen neuesten Artikel abrunden konnte. Julie nahm an dieser Kundgebung teil, weil sie es genoss, Teil einer wachsenden demokratischen Bewegung zu sein, in einem Land, dessen Bewohner endlich ihre Freiheit zurückgewinnen mussten.

Sie lebte schon seit vier Jahren hier. In der ersten Zeit war es kaum mehr als eine Schwärmerei gewesen. Sie entstammte der britischen Oberschicht und hatte schon früh für sich entschieden, dass sie nicht so leben wollte wie ihre Eltern, selbstgefällig als Teil der englischen Gesellschaft. In diesem Land, in dem eine Veränderung überfällig war, konnte sie vielleicht etwas bewirken, und diese Chance hatte sie genutzt: Sie hatte kleinen Handwerkern mit Mikrokrediten geholfen, sich eine anständige Existenz aufzubauen; von der Hauptstadt aus fuhr Julie regelmäßig in die Dörfer und leitete dort im Auftrag einer Londoner Wohltätigkeitsorganisation mehrere Hilfsprojekte. Im Laufe der Zeit hatte sie hier nicht nur einen Sinn für ihr Leben gefunden, sondern auch das Land und seine Bewohner lieben gelernt. Sie fühlte sich diesem Volk, seiner Kultur und den vielen Möglichkeiten, die sich für deren Zukunft boten, eng verbunden. Außerdem hatte sie hier den Seelenverwandten gefunden und lieben gelernt, der jetzt ihr Ehemann war.

Sie sah Charlie bewundernd an und dachte einen Augenblick lang darüber nach, wie viel Glück sie doch hatten. Weil sie zusammen waren, weil dieser wunderbare Junge in ihr heranwuchs, weil sie ein Leben führten, das es ihnen ermöglichte, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Julie fühlte, wie die Menge um sie herum in Bewegung geriet, als wäre gerade eine sehr wichtige und berühmte Persönlichkeit eingetroffen. Sie entdeckte Alisher Byko, der sich den Weg durch die Massen bahnte, umgeben von seinem üblichen Tross aus Assistenten und Leibwächtern.

Julie und Byko hatten gemeinsam in Cambridge studiert, wo er als der großspurige Sohn eines der reichsten Männer Zentralasiens bekannt gewesen war. Aber sein Charisma fußte nicht nur auf seinem Reichtum und seinem Selbstvertrauen. Durch sein Auftreten wirkte er wie der geborene Anführer. An der Universität hatte Julie mehr charakterliche Tiefe bei ihm entdeckt, als andere ihm zubilligten, und so hatten sie sich in eine ganz und gar unpassende Romanze gestürzt.

Sie war erst zwanzig gewesen und leicht zu beeindrucken, und sie hatte oft das Gefühl gehabt, dass seine faszinierende und geradezu übermenschliche Persönlichkeit sie wie ein Strudel zu verschlingen drohte. Letztlich hatte sie gewusst, dass ihre Beziehung nicht von Dauer sein konnte, und nach achtzehn stürmischen Monaten, kurz bevor sie ihren Abschluss machte, hatte sie es geschafft, sich taktvoll aus seiner Umklammerung zu befreien. Jetzt, nach den ganzen Jahren, war sie in seine Heimat gekommen, und sie waren Gefährten geworden in einer wachsenden Bewegung, die das usbekische Volk aus Jahrzehnten der Dunkelheit ans Licht führen wollte.

Bykos attraktives Gesicht war rot vor Aufregung, als er auf Julie zutrat und ihr einen Kuss auf die Wange gab. Dann schüttelte er Charlie die Hand, als würde er einen Pumpenschwengel bedienen. »Siehst du, was du da losgetreten hast?«, fragte er geradeheraus.

»Ich?«, fragte Charlie unschuldig zurück.

»Das liegt alles nur an deinem Artikel«, beharrte Byko. »Ich habe mir die Freiheit genommen, ihn zu übersetzen und auf eigene Faust Kopien davon zu machen. Sie kursieren seit Tagen. Eine ungemein kraftvolle Arbeit, Charlie.«

»Ich bin überrascht, dass du hier bist, Alisher. Das könnte riskant sein.«

Byko lächelte. »Karimov und seine Spießgesellen denken nur an ihre Schweizer Konten. Sie kümmern sich einen Scheiß um das Volk. Und die Amerikaner und die Briten interessieren sich bloß dafür, ob sie hier in Ruhe ihre Truppen stationieren können – für den Krieg in Afghanistan. Ich musste mich einfach entscheiden, ob ich an der Seite meiner Landsleute stehen will oder nicht. Auf jeden Fall danke ich dir. Deine Geschichte hat eine Menge in Bewegung gebracht.«

»Daheim in den Staaten hat sie weniger Beachtung gefunden, fürchte ich.«

»Allein die Tatsache, dass sie in einem der großen Magazine erschienen ist, zeigt, dass sich endlich jemand dafür interessiert. Noch jemand außer Julie, heißt das.« Byko zwinkerte ihr vielsagend zu, und Julie konnte fühlen, dass Charlie unruhig wurde. Eifersüchtig legte er ihr die Hand auf den Rücken. Dieser Anflug von Eifersucht störte sie jedoch nicht. Sie musste sogar zugeben, dass sie es genoss. Vor allem jetzt, wo sie im achten Monat schwanger war und an die fünfundsiebzig Kilo auf die Waage brachte, war die besitzergreifende Geste ihres Mannes eine Wohltat für ihr hormonell mitgenommenes Selbstbewusstsein.

Jemand rief und winkte Byko aus wenigen Metern Entfernung zu, und er entschuldigte sich.

»Er hat immer noch was übrig für dich«, sagte Charlie.

»Das ist eine Million Jahre her.« Julie seufzte. »Inzwischen ist er verheiratet, genau wie ich …« Sie beugte sich vor und küsste ihn. »Zum Glück.«

Ein paar Minuten später war Charlie damit beschäftigt, Aufnahmen von der Menge zu machen. Als erfahrener Journalist hielt er normalerweise Distanz zu den Ereignissen, über die er berichtete. Heute jedoch ließ er sich mitreißen. Er hatte schon früher Volksaufstände erlebt, in Staaten, in denen die Menschen noch schlimmer unterdrückt worden waren als hier. Doch dieses Mal lag eine Stimmung in der Luft, die ihm Hoffnung machte, dass aus dem Ereignis mehr werden konnte als nur ein einmaliger Ausbruch von aufgestauter Wut. Der heutige Tag konnte Geschichte schreiben. Und, wie Byko selbst festgestellt hatte, war Charlie ein Teil von dem, was hier passierte.

Dieser Gedanke – dass er selbst die Ereignisse beeinflusste und nicht nur darüber berichtete – erfüllte ihn mit Stolz und Aufregung. Und es gab niemanden, den er in diesem Augenblick lieber an seiner Seite gehabt hätte als Julie. Er war inzwischen fast achtunddreißig, und in den vielen Jahren des Reisens hatte er nie einen Menschen getroffen wie sie. Er senkte die Kamera und beobachtete, wie sie Plakate an die Einheimischen verteilte, wie sie lachte und in fließendem Usbekisch Scherze machte. Sie mochte als Kind von goldenen Tellern gegessen haben, aber sie hatte einen guten Draht zum einfachen Volk, eine Gabe, auf die Menschen zuzugehen und bei jedem sofort den richtigen Ton zu treffen.

Nur zum Spaß richtete Charlie die Kamera auf sie und machte ein paar Schnappschüsse. Eine alte Usbekin strich ihr über den gewölbten Bauch. Julie warf den Kopf zurück und lachte auf diese unbekümmerte Art, die ihn schon bei ihrer ersten Begegnung in Bann geschlagen hatte. Es war, als wäre ihre Freude – ihre pure Lebenskraft – ansteckend. Ihre bloße Gegenwart schien auszureichen, um einen besseren Menschen aus ihm zu machen, und sie stachelte ihn immer wieder an, ihrem Beispiel zu folgen. Die Kehrseite ihres grenzenlosen Optimismus und ihres Glaubens an die Menschheit war, natürlich, eine eigensinnige Entschlossenheit, die sie mitunter unbelehrbar sein ließ. Die Hände der alten Frau auf Julies Bauch erinnerten Charlie daran.

In einer Sache waren er und Julie sich uneins: Sie wollte ihr Kind hier zur Welt bringen, er wollte mit ihr nach London gehen, wo sie die beste medizinische Versorgung bekam. Für Julie war es eine Gewissensfrage. Die Sicherheit von London zu suchen wäre – in ihren Worten – »ein gefühlloser Verrat an diesen Menschen«. Für Charlie war es jedoch eine Frage der Sicherheit. Es war gut und schön, sich für ein Land der Dritten Welt einzusetzen. Etwas ganz anderes war es, dort sein erstes Kind zur Welt zu bringen.

Er beobachtete, wie Julie eine handgemachte Halskette von der Frau annahm. Der Schmuck war ein traditioneller Glücksbringer für werdende Mütter. Julie lächelte dankbar und legte die Hand aufs Herz. Eine Träne glitzerte in ihrem Augenwinkel, und das erinnerte Charlie daran, dass Julies mütterliche Gefühle immer stärker wurden. Vielleicht würden diese Gefühle zu guter Letzt ihre moralischen und politischen Einwände einfach beiseitefegen, sodass er diese Auseinandersetzung schließlich doch noch gewann. Auf jeden Fall blieben ihm noch einige Wochen Zeit, um sie zu überzeugen, und er hatte das Gefühl, wenn der heutige Tag gut lief, könnte sie das milde stimmen.

Ein anschwellendes Summen in der Menge lenkte Charlies Aufmerksamkeit ab, und schon bald erkannte er, was vor sich ging. Byko stieg auf den Sockel der Statue. Charlie trat rasch an Julies Seite. »Tut er das jetzt wirklich?«

»Es sieht verdammt danach aus«, antwortete sie mit weit aufgerissenen Augen.

Charlie wusste, dass es zwischen den beiden immer noch knisterte, und er hatte versucht, sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Doch es gab so viele Orte auf der Welt, wo Julie ihre »guten Werke« hätte tun können, und sie hatte ausgerechnet hierherkommen wollen!

Für Charlie war Byko ein Rätsel. Bykos Vater war ein sowjetischer Funktionär gewesen und ein Freund von Präsident Karimov. Nach der Auflösung der Sowjetunion hatte der alte Byko rücksichtslos ein Vermögen im Bergbau und auf dem Energiesektor angehäuft. Als er starb, hatte er seinem Sohn ein milliardenschweres Imperium hinterlassen.

Aber der jüngere Byko war aus einem anderen Holz geschnitzt. Er hatte in Cambridge studiert und war in fast jeder Hinsicht westlich geprägt. Alisher hatte das Regime niemals offen bekämpft, doch auf seine eigene ruhige Art hatte er viel dazu beigetragen, dass sich die Lage seiner Landsleute verbesserte.

Byko war schlau, er kannte seine Grenzen. Er wusste, wo er vorpreschen konnte und wo nicht. Dass er bei dieser Kundgebung auftauchte, bedeutete also: Er gab seine übliche Vorgehensweise auf. Allem Anschein nach wollte er offen Stellung beziehen – ein außerordentlich riskanter, wenn nicht sogar waghalsiger Schritt.

Der junge Mann, der bisher zu der Menge gesprochen hatte, umarmte den Milliardär. Dann sprang er vom Sockel des Denkmals hinunter, und Byko übernahm das Megafon. Einen Augenblick lang war es still.

»Mein Name«, schrie er in das Megafon, »ist Alisher Byko!«

Die Menge antwortete mit tosendem Applaus. Byko war einer der bekanntesten Männer Usbekistans, fast so populär wie ein Rockstar. Wenn er sich öffentlich zu dieser herandämmernden Rebellion bekannte, dann musste der Erfolg zum Greifen nah sein.

Charlie richtete sein Teleobjektiv auf die Statue von Babur und schoss mehrere Fotos von dem Milliardär.

»Viele von euch wissen, dass mein Vater einer der reichsten Männer dieses Landes war. Als er starb, habe ich alles geerbt, was ihm gehörte. Ich habe versucht, etwas zu verändern, in meinen Firmen für anständige Verhältnisse zu sorgen und freie Wahlen in den Provinzen durchzusetzen, in denen ich Einfluss habe. Ich habe mich für bessere Standards in meinen Goldminen eingesetzt und überall für menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Aber unsere Regierung hat mir immer wieder Steine in den Weg gelegt.

Immer wieder hören wir Versprechungen, dass es Reformen geben soll, aber wir leben immer noch im alten Trott. Das ist nicht das Land, in dem ich leben will. Das ist nicht das Land, in dem mein Sohn aufwachsen soll.«

Applaus brandete auf, während Byko auf jemanden in der Menge zeigte. Er wies auf eine attraktive junge Frau, die einen ungefähr drei Jahre alten Jungen im Arm hielt. Sie trug ein Kopftuch, war ansonsten aber modisch und westlich gekleidet. Charlie erkannte Bykos Frau Daniella.

Als der Applaus endete, war ein tiefer und grollender Laut zu hören.

Charlie reckte den Hals. Auch Byko wandte sich um.

Mehrere Panzer rollten auf den Platz zu. Auf jedem saß ein Soldat hinter einem Maschinengewehr.

Charlie fuhr zu Julie herum. Sein Herz klopfte stark. »Du musst von hier verschwinden.« Bevor sie etwas sagen konnte, redete er schon weiter: »Sei nicht dumm, Jules.« Er wies auf ein öffentliches Gebäude in der Nähe. »Dahin. Geh. Sofort.«

Julie war stur, aber sie kannte ihn gut genug, und so widersprach sie nicht. Trotzdem wollte sie nicht gehen, ohne vorher etwas zu sagen. Sie hielt ihn fest und zwang ihn, ihr in die Augen zu sehen. »Und du, mach keine Dummheiten.«

»Versprochen«, sagte er. »Jetzt geh!«

Ihre Hand rutschte von seiner Schulter, die Fingerspitzen streiften über seine, als wollte sie noch einmal seine Hand halten. Aber Charlie hatte sich schon abgewandt und konzentrierte sich auf das, was er zu tun hatte.

Julie schob sich durch die Menge und huschte in das öffentliche Gebäude am Rand des Platzes. Sie sah sich um und fand sich in einer nur schwach erleuchteten hohen Eingangshalle wieder. Der große Raum war menschenleer.

Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu den riesigen Wandgemälden – breitschultrige Frauen mit Kopftuch, die Baumwolle pflückten, oder heroisch aussehende Männer im Overall auf einem Traktor sitzend. Die Bilder waren eine karikaturhafte Huldigung an die schwere Arbeit des einfachen Volkes. Diese groteske Form der Propaganda war hierzulande weit verbreitet, und sie machte Julie krank.

Doch die plötzlichen Schmerzen in ihrem Unterleib rührten nicht von dieser Empörung her. Es war das Baby! Sie hatte es Charlie nicht sagen wollen, aber schon den ganzen Morgen über hatte sie ein Stechen gespürt, wie von Angelhaken, die sich immer wieder in ihr Fleisch bohrten.

Jetzt krümmte sie sich vor Schmerzen.

Braxton-Hicks-Kontraktionen. Vorwehen. Sie musste sich keine Sorgen machen. Es konnte nicht sein, dass es heute so weit war!

Als die Schmerzen wieder nachließen, richtete sie sich auf und sah durch die Tür nach draußen. Charlie kletterte einen Laternenmast hoch. Er hob die Kamera, und sie begriff, dass er da oben war, um einen besseren Überblick zu haben. Er machte Aufnahmen von der Szenerie unter ihm.

Stolz erfüllte sie. Die meisten westlichen Reporter, die im Mittleren Osten unterwegs waren, ignorierten, was in Usbekistan passierte. Und diejenigen, die sich in Taschkent aufhielten, waren viel zu schissig – ein passender Ausdruck, den sie von Charlie gelernt hatte –, um hinaus ins Hinterland zu fahren und zu berichten, was wirklich vorging. Trotz der Entfernung zwischen ihnen fühlte sie sich Charlie in diesem Augenblick stärker verbunden als jemals zuvor. Sie beide, sie führten ein außergewöhnliches Leben miteinander.

Eine neue Woge von Schmerz durchzuckte sie. Dieses Mal fühlte sie Nässe an den Beinen. Einen Augenblick lang verstand sie nicht, woher der große Fleck auf ihrer Hose kam. Dann verstand sie … Die Fruchtblase war gerade geplatzt.

Das Baby kam heute. Es kam genau jetzt!

Sie versuchte, die Tür zu erreichen, aber wieder krümmte sie sich unter Schmerzen.

»Charlie!«, schluchzte sie, die Hände auf die Knie gestützt.

Dann brach sie zusammen.

Ein Hubschrauber – ein Mi-24 Hind, wie Charlie erkannte – donnerte über das Dach eines Hotels auf der anderen Seite des Platzes. Ein Mann saß im offenen Laderaum, ein Gewehr mit Zielfernrohr in der Hand. Seine Beine baumelten in der Luft. Charlie schoss noch ein paar Fotos, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Byko zu. Der schien die Anspannung zu genießen. Er wies auf die näherkommenden Truppen und rief: »Wie ich sehe, schenkt uns unser großer Führer, Präsident Karimov, seine ganze Aufmerksamkeit.«

Charlie beobachtete die Panzer. Mehrere gepanzerte Mannschaftswagen folgten dahinter, alle voll mit Soldaten. Ein hochgewachsener junger Offizier mit breitkrempigem Hut sprang aus dem Führungsfahrzeug. Er gestikulierte mit den Armen und scheuchte die Männer aus den Fahrzeugen. Die Truppen stürmten heraus, aber sie hatten weder Schutzschilde noch Schlagstöcke, wie Charlie erwartet hatte. Sie hielten automatische Waffen in der Hand.

Ihm wurde mulmig. Die wollten doch wohl nicht …?

Noch bevor er diesen Gedanken zu Ende denken konnte, brüllte der Offizier ein Kommando, und die Soldaten luden ihre Waffen durch. Charlie zoomte einen jungen Uniformierten heran und sah die grimmige Entschlossenheit im Gesicht des Mannes, als dieser eine scharfe Patrone in die Kammer seiner Waffe schob und dann auf die Menge zielte.

Die Zeit schien stillzustehen. Passierte das wirklich? Diese Soldaten schickten sich an, ohne jede Warnung auf unbewaffnete Zivilisten zu schießen.

Der Lärm verebbte. Die Menschen schienen zu fühlen, was auf sie zukam. Einen Augenblick lang waren nur die Panzermotoren zu hören.

Dann ertönte der Ruf des Offiziers. »Feuer!« Direkt vor Charlies Augen, von der Linse seiner Kamera hervorgehoben, blinzelte der junge Soldat durch das Visier und betätigte den Abzug.

Peng!

Die Augen des jungen Mannes weiteten sich, als hätte der Klang der Waffe ihn überrascht.

Charlie versuchte, den Soldaten im Fokus zu behalten, in dieser reduzierten Form die Summe des Schreckens einzufangen, der gerade über den Platz hereinbrach. Aber er konnte die Gewalt dieses Angriffs nicht ertragen. Er senkte die Kamera, um sich einen Überblick zu verschaffen. Er klammerte sich an die Hoffnung, dass die Soldaten vielleicht nur mit Gummigeschossen feuerten, um die Menschenmenge aufzulösen, oder mit irgendetwas anderem, das keine Todesopfer forderte.

Schreie voller Angst und Schmerzen zerschlugen diese Hoffnung und bestätigten die furchtbare Wahrheit.

Alle Soldaten feuerten gleichzeitig, sodass die Schüsse zu einem ohrenbetäubenden tödlichen Dröhnen verschmolzen. Von seinem Aussichtspunkt oben auf dem Laternenpfahl blickte Charlie auf das riesige Durcheinander. Die Menge wusste nicht, wohin sie fliehen sollte. Von allen Seiten des Platzes prasselte ihnen das Feuer der Soldaten entgegen, und die Masse wogte und wirbelte mal in die eine, mal in die andere Richtung.

Charlie wusste, dass ihm vielleicht noch zehn Sekunden blieben, dann musste auch er um sein Leben rennen. Er wusste auch, dass er hier der einzige Journalist aus dem Westen war und dass er deshalb so viele Fotos machen musste wie möglich. Er musste die tragischen Ereignisse dieses Tages für den Rest der Welt festhalten. Er fing ein paar Schnappschüsse von der rasenden Menge ein, machte eine Nahaufnahme von einer blutüberströmten Frau, die den leblosen Körper eines Mannes hinter sich herzerrte. Ihr Gesicht war von Unglauben und Entsetzen gezeichnet. Dann hielt er das Bild eines Kindes fest – zu Boden gestoßen und von der Menge verschluckt. Ein alter Mann mit Turban, in die Brust getroffen, stürzte zu Boden wie eine Marionette, deren Schnüre durchschnitten worden waren.

Und dann entdeckte er Byko, der sich einen Weg durch die Menge bahnte. Sogar durch das Objektiv glaubte Charlie Bykos grimmige Entschlossenheit und die Kraft seines Willens zu spüren, während der verzweifelt versuchte, zu Frau und Sohn zu gelangen.

Charlie schwenkte die Kamera und suchte nach den beiden. Irgendwie erhaschte er ein Aufblitzen von Daniellas stahlblauem Kopftuch, und er konnte die Kamera darauf richten. Daniella barg ihren Sohn an der Brust. Ihr Gesicht war verzerrt, und sie schrie: »Alisher! Alisher!«

Plötzlich kippte sie aus dem Bild.

Rasch richtete Charlie die Kamera neu aus. Als er Daniella wiederfand, lag sie gekrümmt auf dem Boden. Ihr Körper war seltsam verdreht, sie sah aus wie eine Puppe aus Papier, die man in der Mitte geknickt hatte. Charlie entdeckte keine Schusswunde. Sie lag einfach nur reglos da.

Dann sah Charlie den Jungen. Bykos Sohn lag unter seiner Mutter, die Augen geöffnet, den Mund weit aufgerissen, und blickte starr in den Himmel.

Charlie hörte auf zu fotografieren. Er starrte nur noch durch die Linse und versuchte zu verstehen, was dort unten passierte.

Dann tauchte Byko auf, das Gesicht schmerzverzerrt. Byko nahm seine Frau und seinen Sohn und barg sie in den Armen. Jetzt konnte Charlie auch das Blut auf dem Pflaster erkennen. Es war das Blut seiner Familie. Byko presste die beiden gegen die Brust, und sein Mund öffnete sich zu einem brüllenden Schrei: »Neeein!«

Das war viel zu persönlich, viel zu grotesk, viel zu qualvoll. Charlie konnte es nicht mehr ertragen. Benommen ließ er die Kamera sinken und dachte an seine eigene Frau. An seinen eigenen Sohn, der noch nicht geboren war.

Er musste weg von hier. Jetzt.

Er rutschte vom Pfahl hinunter, während die Soldaten kreuz und quer über den Platz marschierten und unerbittlich in die Menge schossen. Schnell kamen sie näher.

Charlie wandte sich um und entdeckte den Eingang zu dem öffentlichen Gebäude, in dem Julie verschwunden war. Die Tür war ungefähr fünfzig Meter entfernt. Inzwischen trampelten die Menschen sich gegenseitig zu Boden, während sie versuchten, irgendwo Deckung zu finden.

Charlie hängte sich die Kamera um den Hals, drängte sich zwischen den wogenden Massen hindurch und versuchte, sich einen Weg zu bahnen. Plötzlich bekam er einen heftigen Stoß von rechts, mehrere Menschen auf der Flucht rannten ihn einfach um. Ein Knie traf ihn unter dem Kinn. Irgendein verirrter Ellbogen stieß ihm gegen die Schläfe. Charlie kroch auf alle vieren. Der Fotoapparat baumelte vor ihm hin und her.

Es waren nicht die Soldaten, die ihn zu erwischen drohten. Es war die angsterfüllte Menge. Noch vor wenigen Augenblicken waren die Menschen vereint gewesen in ihrem Hass auf die Regierung. Jetzt hatte genau dieses Regime sie reduziert auf die niedersten menschlichen Instinkte. Jeder kämpfte nur noch für sich selbst und um sein Überleben. Charlie versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Er suchte eine Lücke, da bemerkte er das Mädchen. Es lag auf dem Boden und war genauso in der Falle wie er selbst.

Und irgendwie, in dem ganzen Durcheinander, trafen sich ihre Blicke.

»Helfen Sie mir!«, schienen ihre Augen zu flehen.

Auf allen vieren, gestoßen, gerempelt und getreten von jenen, die an ihm vorbeiflohen, kämpfte Charlie sich zu ihr durch.

Er schloss sie in die Arme und hob sie hoch. Sie schrie und kratzte ihn. Ihre großen braunen Augen waren weit aufgerissen. Es war ein hübsches Kind, acht oder neun Jahre alt – alt genug, um ein Kopftuch zu tragen. Aber das hellblaue Tuch war von einem schreiend roten Fleck gezeichnet und vom Kopf gerutscht. Lange schwarze Haare quollen darunter hervor. Erst jetzt bemerkte Charlie, dass man der Kleinen in die Brust geschossen hatte. Auf einmal erstarb ihr Schreien. Ihr Mund klappte nur noch auf und zu, als wollte sie etwas sagen, aber es kam kein Laut heraus.

»Alles wird gut, Liebes«, sagte er auf Usbekisch.

Die Menge teilte sich, gerade weit genug, dass Charlie einen Blick auf das öffentliche Gebäude werfen konnte. Die Tür stand offen, als wollte sie ihn heranwinken.

Er stand auf, das verletzte Mädchen in den Armen, die Zeugnisse dieses Tages in der Kamera, und war entschlossen, es bis zu dieser Tür zu schaffen.

Er kam nur drei Schritte weit, bevor er einen Schlag in den Rücken spürte, sodass er taumelte. Er wandte sich um und sah einen stämmigen Soldaten, der ein Sturmgewehr hin und her schwang. Der Soldat schlug wieder zu. Charlie krümmte sich zusammen, um das Mädchen zu schützen, und wich zur Seite aus. Statt ihn mitten am Kopf zu erwischen, streifte die Waffe nur sein Gesicht. Dennoch war der Schlag so heftig, dass er Sterne sah.

Charlie ging in die Knie. Er versuchte immer noch, das Mädchen vor den Schlägen zu schützen.

Aber es gab keine Schläge mehr. Wie durch ein Wunder, so schien es, ging der Soldat weiter.

Das Gebäude war noch vierzig Meter entfernt. Es war lange her, dass er für das Team der Ohio State University auf dem Platz gestanden hatte. Ein kaputtes Knie hatte damals seine Football-Karriere beendet. Doch Charlie konnte immer noch schnell laufen. Früher hätte er die Strecke in weniger als fünf Sekunden geschafft. Wie lange würde er heute dafür brauchen, und dann noch mit diesem Mädchen in den Armen? Zehn Sekunden? Vielleicht zwölf?

Er drückte das Kind an die Brust und hastete auf die sichere Zuflucht zu. Wenn er nur den Schatten dieser Tür erreichen konnte, der sich so einladend vor ihm erstreckte …

Drei Sekunden.

Fünf.

Das dunkle Rechteck wurde größer und größer.

Sechs Sekunden.

Die Hälfte war geschafft. Mindestens.

Sieben. Acht.

Fast …

Peng!

Zuerst glaubte Charlie, dass es wieder sein Knie erwischt hatte. Aber dann fühlte er den glühenden Schmerz rechts im Rücken, und ihm wurde klar, dass man auf ihn geschossen hatte.

Eine Sekunde lang, vielleicht zwei, überdeckte das Adrenalin den stechenden Schmerz, und er lief weiter, unbeirrbar wie ein Laserstrahl, der allein auf diese Tür ausgerichtet war. Zehn Meter, vielleicht fünfzehn bis zum Ziel. Ein sengender, weiß glühender Brand loderte in seinem Körper.

Charlies Füße hämmerten über die großen Steinplatten, und er weigerte sich, die Bedeutung dieses Feuers anzuerkennen. Er würde sich später darum kümmern – später, sobald er in dem Gebäude war.

Genau in diesem Augenblick traf ihn die zweite Kugel.

Sie durchschlug sein Bein genau unterhalb des verletzten Knies. Charlie schlug auf den Boden auf. Noch immer barg er das Mädchen in den Armen.

Eine Welle aus Übelkeit überrollte ihn, und sein Blick verschwamm. Er war nur zwei Schritte von dieser Tür entfernt, aber sein Bein war zerschmettert. Er konnte nur noch kriechen.

Er zerrte das verletzte Mädchen mit sich und erreichte das Gebäude. Er musste seine ganze Kraft aufbieten, um über die Schwelle zu gelangen. Und er schaffte es.

Im Innern empfing ihn ein Inferno. Menschen schrien vor Schmerzen. Während er sich und das Mädchen nach drinnen schob, sah er fast ein Dutzend Verletzte.

Er war verwirrt und benommen, und er hatte Mühe, bei Bewusstsein zu bleiben, doch irgendwie hatte er den Eindruck, dass es hier Leute gab, die den Verwundeten halfen. Er ließ das Mädchen los und wollte nur noch Julie finden.

Plötzlich hörte er, wie ihre Stimme das Durcheinander übertönte.

»Charlie! Charlie!«

Doch sie klang nicht erleichtert, weil sie ihn entdeckt hatte. Sie klang verzweifelt. Sie steckte in Schwierigkeiten. Und sie schrie nach ihrem Mann!

Auf allen vieren kämpfte er sich auf die Stimme zu. Er kroch an jedem vorbei, der ihm im Weg war.

Als er sie gefunden hatte, verstand er im ersten Augenblick nicht, was sie da tat. Sie lag auf dem Rücken, das Gesicht schmerzverzerrt. Und dann sah er, dass ihre Knie angehoben waren, die Beine weit gespreizt. Der Boden unter ihr war nass und blutig.

Brachte sie jetzt das Kind zur Welt? In jedem Fall blutete sie stark.

»Doktor«, versuchte Charlie zu sagen, doch er brachte nur noch ein Flüstern zustande.

»Charlie …« Dieses Mal schwang Dankbarkeit in ihrer Stimme mit. Sie hatte ihn bemerkt. Er hatte es geschafft.

Er griff nach ihrer Hand und hoffte, wenn er sie einfach nur festhalten könnte, dass sie dies alles hier irgendwie überleben würden. Aber als ihre Finger sich berührten, verschwand alles in einem weißen Nebel.

Und verblasste.

II. Teil

RÜCKKEHR

1. Kapitel

Santa Monica, Kalifornien, sechs Jahre später

Der Duft von brutzelndem Speck und das muntere Lachen von Kindern erfüllten die Küche, als der sechsjährige Ollie und seine dreijährige Schwester hereinstürmten. Meagan stieß fast mit Charlie zusammen, der gerade Frühstück machte.

»Hey, Leute!«, warnte Charlie sie fröhlich. »Papa kocht hier grade. Ich brauch ein bisschen mehr Platz, wenn ich bitten darf.«

»Papa, warum kommst du nicht mit nach Disneyland?«, fragte Meagan.

»Weil eure Mutter gerade erst aus New York zurückgekommen ist und euch die ganze Woche nicht gesehen hat. Das soll eine ganz besondere Zeit werden, die sie nur mit dir und Ollie verbringen will.«

»Außerdem musst du arbeiten!«, erinnerte Meagan ihn stolz.

»Außerdem muss ich arbeiten«, bestätigte Charlie und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Herd zu.

Julie war nur vier Tage lang weg gewesen, aber für Charlie hatte es sich angefühlt wie eine Ewigkeit. Sie waren vor fast sechs Jahren nach Santa Monica gezogen, wo Charlie einen Job bei der L.A. Times angenommen hatte und über Lokalpolitik berichtete. Julie hatte ihre Arbeit aufgegeben, um sich um die Kinder zu kümmern. Beide hatten ihr Leben voller Abenteuer eingetauscht gegen eine beschauliche Existenz in der Vorstadt, aber selbst jetzt noch wurde Charlie jedes Mal von Sorgen geplagt, wenn er auch nur für ein oder zwei Tage von Julie oder den Kindern getrennt war. Er hatte es sich nie verziehen, dass Julie an jenem Tag den Platz ohne ihn verlassen hatte, dass er nicht an ihrer Seite gewesen war, als sie und Oliver bei der Geburt beinahe gestorben waren. Und von dem Augenblick an, als er selbst sich von seinen Wunden erholt hatte, hatte er sich geschworen, dass er seine Familie nie mehr einer solchen Gefahr aussetzen würde.

Außerdem, was hatte er in Usbekistan schon erreicht? So gut wie nichts. Nach der Tragödie auf dem Babur-Platz war das Leben für die Menschen noch schlimmer geworden. Also hatte er sich gesagt, dass es Zeit wurde, erwachsen zu werden, dass er fertig damit war, die Welt zu retten, dass seine Welt ab jetzt seine Familie sein sollte.

Julie wusste, dass Charlie das, was in Usbekistan geschehen war, nie würde hinter sich lassen können. Sie hatte bereitwillig ihre hochfliegenden Pläne aufgegeben, um ein »vernünftiges« Leben in Kalifornien zu führen. Aber während sie in ihrem Bett lag und die gewundenen Risse an der Zimmerdecke anstarrte, erkannte sie, dass sie Charlie für die Kluft verantwortlich machte, die sich zwischen ihnen aufgetan hatte. Natürlich wusste sie, dass das nicht fair war. Es gehörten immer zwei dazu, und inzwischen hatte sie ihren Teil dazu beigetragen, dass diese Kluft immer größer geworden war.

Aber was sollten sie tun, um wieder zueinanderzufinden? Diese Frage ragte so entmutigend vor ihr auf, dass sie – anstatt nach einer Antwort zu suchen – lieber darüber nachdachte, wann genau es eigentlich damit angefangen hatte, dass sie sich fremd geworden waren.

War die Saat an jenem Tag auf dem Babur-Platz gelegt worden? Nein. In den ersten Wochen in London, als Charlie sich von seinen Verletzungen erholt hatte und sie von Olivers traumatischer Geburt, da waren sie einander so nahe gewesen wie niemals zuvor.

Und als Charlie vorgeschlagen hatte, dass sie nach Los Angeles fliegen sollten, hatte sie keine Einwände gehabt. Damals waren sie im Grunde heimatlos gewesen. Nach Usbekistan konnten sie nicht zurück, und keiner von ihnen hatte eine Bleibe in den USA oder in Großbritannien, die er ein Zuhause nennen konnte. Sie hatte in London keine Familie mehr – ihr Vater war ein Jahr zuvor gestorben, und ihre Mutter siechte in einem Pflegeheim in Sussex vor sich hin. Als Sal Peretti, ein alter Kumpel aus Charlies College-Tagen, sie beide für einige Wochen »an die Küste« eingeladen hatte, war ihnen das wie ein perfekter Ort vorgekommen, wo sie den Kopf wieder freikriegen konnten.

Kurz darauf hatte Sal Charlie einen interessanten und gut bezahlten Job bei der L.A. Times angeboten. Julie musste ihm recht geben, dass es etwas für sich hatte, wenn sie sich in Südkalifornien niederließen.

Sie stand auf und blickte aus dem Fenster auf die Palmen in ihrem Vorgarten, und da erkannte sie, dass Kalifornien das erste Zugeständnis war, das sie gemacht hatte. Damals hatte sie geglaubt, Los Angeles wäre nichts weiter als ein Boxenstopp und dass sie irgendwann ihr altes Leben im Ausland wiederaufnehmen würden.

Sie hatte mehrmals versucht, das Thema bei Charlie anzusprechen, aber er war eisern geblieben. Er würde Julie oder die Kinder nicht irgendeiner Gefahr aussetzen, nur um der Abenteuerlust oder irgendwelchen Anwandlungen von Heldenmut nachzugeben. Julie war überzeugt davon, dass er ihnen damit unrecht tat – ihnen beiden. Aber sie verstand seine Haltung. Und sie redete sich immer wieder ein, dass es ihm wichtiger war hierzubleiben, als es ihr wichtig war wegzugehen.

Also hatte sie es auf sich beruhen lassen. Weil sie ihn glücklich machen wollte und weil sie wusste, dass sie sich eigentlich nicht beklagen konnte. Charlie war ein fürsorglicher Vater und ein einfühlsamer Ehemann – humorvoll und geistreich, liebevoll und nachsichtig mit den Kindern und doch durchsetzungsfähig, wenn es nötig war. Julie war von tiefstem Herzen dankbar dafür, dass sie alle jenen grausamen Tag in Andijan überlebt hatten, dass sie eine Familie geworden waren. Es hätte auch anders ausgehen können. Genau diese Mischung aus Mitgefühl, Dankbarkeit und Schuld war es, die sie davon abgehalten hatte, sich dem Groll zu stellen, der sich im Laufe ihrer Ehe in ihr aufgestaut hatte.

Und jetzt hatte sie Charlies Vertrauen missbraucht.

Sie duschte, zog sich an und hob den Koffer aufs Bett, um ihre Sachen auszupacken. Da bemerkte sie, dass sie vergessen hatte, die Banderole zu entfernen.

Sie erschrak über ihre Nachlässigkeit. Oder hatte sie den Papierstreifen etwa unbewusst dort gelassen und im Stillen darauf gehofft, dass Charlie ihn entdeckte und dass ihre Lüge aufflog?

Sie sah in den Spiegel und verdrehte die Augen. Da stand sie nun, in einem rosa Mickey-Mouse-Sweatshirt, und bereitete sich auf einen Tag in Disneyland vor. Wenn auch nur einer von denen, die unten im Haus auf sie warteten, ahnen würde, wo sie die letzten vier Tage über gesteckt hatte …

Sie packte die Banderole und riss sie vom Griff ihres Koffers.

Charlie tat den Kindern das Essen auf den Teller, schaltete den Ofen aus und sah auf die Uhr. Er wusste, dass Julie erst sehr spät heimgekommen war, und wollte sie schlafen lassen. Aber die Kinder würden bald ungeduldig werden, und er musste um neun in der Arbeit sein.

»Jules, bist du wach? Das Frühstück ist fertig!«

Wie aufs Stichwort stürmte Julie in die Küche und rief überschwänglich: »Alle bereit fürs Magic Kingdom?«

Meagan hüpfte auf ihre Mutter zu. Julie nahm sie hoch. »Wir haben dich vermisst!«

»Oh, und ihr habt mir so sehr gefehlt!«, gurrte Julie und bedeckte Meagans Gesicht mit Küssen. Dann ließ sie sie wieder hinunter.

»Ich habe dich überhaupt nicht vermisst«, verkündete Ollie, ohne die Miene zu verziehen. Charlie wusste, dass dies die Art seines Sohns war, seiner Mutter zu sagen, dass er nicht sehr angetan war von ihrem jüngsten Ausflug.

»Nun, hast du vielleicht … Derek Jeter vermisst?« Julie zwinkerte Charlie zu, dann eilte sie aus der Küche und kam nur wenige Augenblicke später mit einem signierten Baseball zurück.

Ollie machte große Augen. Seit dem letzten Jahr spielte er in einer Kindermannschaft, und er hielt sich inzwischen für den größten Baseballfan der Welt. »Wow!« Er nahm den Ball und sah sich den Schriftzug an. »Ist das wirklich ein Autogramm von Derek Jeter?«

Julie lachte. »Das ist wirklich ein Autogramm von Derek Jeter.«

»Zählt das als Geburtstagsgeschenk?«

»Ich weiß nicht«, zog Julie ihn auf. »Was meinst du?«

»Nein!«

»Und ich?« Meagan zerrte am Sweatshirt ihrer Mutter. »Hast du mir auch was mitgebracht?«

Julie beugte sich vor und legte den Arm um ihre Tochter. »Natürlich. Du kannst dir in Disneyland aussuchen, was du willst.«

»Ich will Donald Duck!« Meagans Lieblings-Comicfigur.

»Als Kuscheltier oder zum Spielen?«

»Beides!«, rief sie.

»Mal sehen. Vielleicht darf sich sogar Ollie etwas aussuchen.«

»Aber nur, wenn er lieb ist«, fügte Meagan mit großer Ernsthaftigkeit hinzu.

Charlie beobachtete seine Frau und die Kinder und fühlte eine Woge von Glück und Erleichterung. Sie war zu Hause. Alle Planeten seines Universums zogen wieder auf ihren gewohnten Bahnen. Alles war wieder gut.

»Also gut, wer hat Hunger?«, rief er fröhlich.

»Ich! Ich!« Die Kinder winkten mit der Hand und strahlten ihn an.

»Bitte sehr!« Charlie stellte die Teller auf den Tisch. »Einmal French Toast, leicht angebrannt, damit man das Ei nicht erkennt, für Prinz Ollie; ein Blaubeerpfannkuchen mit Ahornsirup und wenig Butter für Prinzessin Meagan; und englischen Porridge mit warmer fettarmer Milch für meine Königin.«

»Ihr seid zu freundlich, mein Ritter«, scherzte Julie.

»Du hättest mich gestern Abend wecken sollen«, flüsterte er und gab ihr einen Kuss auf die Lippen.

Charlie fühlte, wie sie sich verkrampfte. »Der Flug hatte Verspätung. Und dann gab es auch noch Probleme mit dem Wagen. Es war schon nach drei, als ich zu Hause war.«

Er sah sie einen Augenblick lang an, als wäre sie ihm fremd geworden. Was er als liebevolle Geste der Sehnsucht gemeint hatte, war als Vorwurf bei ihr angekommen. Das sah Julie gar nicht ähnlich, aber Charlie hatte nicht vor, das vor den Kindern weiter auszubreiten. Vielleicht war sie einfach nur müde nach dem langen Flug.

»Ich bin froh, dass du zu Hause bist«, sagte er. »Jetzt genieß erst mal in Ruhe dein Frühstück.«

Als die Küche sauber war, half Charlie, die Kinder auf dem Rücksitz ihres Prius anzuschnallen. Wie immer warnte er sie vor den Gefahren solcher Ausflüge.

»Also gut, ihr zwei, denkt daran: Es gibt eine Menge Menschen dort, und man kann sich schnell verlaufen. Ihr erinnert euch noch an das Partnersystem?«

Ollie hörte gar nicht zu, aber Meagan, die immer gern gefallen wollte, hob eifrig die Hand. »Immer bei Ollie bleiben!«

»Braves Mädchen!« Charlie küsste sie und schloss vorsichtig die Tür. Dann beugte er sich durch Julies Fenster und sah, wie sie fieberhaft etwas auf ihrem Blackberry textete.

»Meine Schwester«, erklärte sie.

»Kannst du mir einen Gefallen tun?«, hörte er sich selbst fragen.

»Kein Telefon im Auto …?«

Er ging über ihr leichtes Augenrollen hinweg und fuhr ernst fort: »Ich habe die Verkehrsdurchsage gehört. Auf der Fünf herrscht ein Riesendurcheinander. Fahr vorsichtig.« Um seiner Ermahnung die Schärfe zu nehmen, schaffte er es noch, ein »Bitte« anzuhängen.

Er grinste verlegen, was sie im ersten Augenblick zu besänftigen schien. Dann beugte er sich tiefer in den Wagen und küsste sie.

»Ich liebe dich«, sagte er, halb als Entschuldigung.

»Ich dich auch«, antwortete sie, viel beiläufiger, als ihm recht war.

Sie legte demonstrativ ihr Blackberry weg, winkte ihm wie abwesend zu und setzte den Wagen mit Schwung auf die Straße zurück.

Als sie um die Ecke verschwunden waren, fühlte Charlie schon einen Anflug von Sorge in sich aufsteigen. Unwillkürlich berührte er die Narbe auf seinem Rücken, wo er von der Kugel getroffen worden war. Die Wunde stach in jedem Jahr aufs Neue, immer dann, wenn sich die Ereignisse von Andijan jährten, und jedes Mal kam mit dem Schmerz auch dieses Gefühl, wie zerbrechlich das Leben war, das er und Julie sich zusammen aufgebaut hatten.

Dieses Mal verdrehte er die Augen und ärgerte sich über sich selbst. Er versuchte, seine Ängste abzuschütteln. Alles war gut. Sie fuhren ja nur nach Disneyland.

2. Kapitel

John Quinn fühlte sich ein bisschen nackt. Normalerweise trug er seine Les Baer 1911 Kaliber 45 mit gekürzter Handballensicherung unter der Fotografenweste, versteckt in einem Holster im Hosenbund. Starke Feuerkraft, sehr unauffällig. Aber Disneyland hatte viel zu viele Security-Leute, und die Gesetze in Kalifornien waren viel zu drakonisch, um es drauf ankommen zu lassen und hier bewaffnet rumzulaufen. Also begnügte er sich damit, der glücklichen kleinen Familie durch den Park zu folgen.

Es war Mittag, und sie hatten sich inzwischen den Weg durch Adventureland und bis zu Frontierland gebahnt. Quinn behielt sie sorgfältig im Auge, auch wenn sein Blick immer wieder kurz zu dem Vollidioten wanderte, der in einem Goofy-Kostüm neben dem Geschenkeladen stand, für Fotos posierte und dabei gekünstelte tuntige Gesten mit seinen dreifingrigen Händen machte. Man musste sich wirklich fragen, was für ein Kerl das war, der so was Erbärmliches und Demütigendes machte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Mein Gott, wie sehr er diesen Ort hasste. Die kreischenden Bälger, die fetten Besucher, das dauernde Geklingel und Geklimper. Es machte ihn einfach krank.

Zufällig sah er sich selbst, gespiegelt in einem Fenster hinter Goofy. Er musterte sich und seine Verkleidung: gedrungen, Körperbau eines Ringkämpfers, fast kahler Schädel, verborgen unter einer Baseballkappe mit Winnie-the-Pooh-Motiv. Er wusste, dass sein Blick bedrohlich wirkte. Also versteckte er ihn hinter einer verspiegelten Oakley-Sonnenbrille.

Er tat so, als wäre er ein Vater, der auf seine Kinder wartet, und darum winkte Quinn irgendeiner x-beliebigen Familie auf dem Thunder Mountain zu, als ob ein kleiner Quinn-Junior dort oben säße und sich in der guten alten Achterbahn vergnügte.

Natürlich gab es keinen kleinen Quinn-Junior. Nicht hier und auch nicht irgendwo anders.

Quinn konzentrierte sich wieder auf die Frau. Sie beobachtete, wie ihr Sohn mit einer Spielzeugwaffe auf die Arkaden gleich neben dem Thunder Mountain zielte. Ihre Tochter zerrte an dem lächerlichen Mickey-Mouse-Sweatshirt der Mutter und quengelte, weil sie irgendwohin wollte. Quinn konnte nicht verstehen, was die Mutter antwortete, aber aus ihren Gesten las er, dass sie die Tochter um Geduld bat.

Gott sei Dank hatte er selbst keine Kinder. Was für eine kolossale Verschwendung von Zeit und Energie.

Der Sohn gab die letzten Schüsse aus der Luftpistole ab, dann nahm die Mutter ihn an die Hand und führte beide Kinder an Goofy vorbei in den Geschenkeladen. Quinn musste ein bisschen näher an den Eingang herangehen, als ihm lieb war, aber er durfte die Familie nicht aus den Augen verlieren, weil sie vielleicht durch die Tür auf der anderen Seite verschwand.

Natürlich gab es das Mobiltelefon, Gottes Geschenk an alle Agenten während der Observation. Hinter so einem Gerät konnte man sein Gesicht verstecken, und man fiel niemandem dabei auf – vor allem dann, wenn man zwischendurch noch ab und zu ein Kleidungsstück wechselte. Er warf also die Winnie-the-Pooh-Kappe in den Müll und setzte einen braungrünen Anglerhut an, den er aufgerollt in einer Tasche seiner Weste getragen hatte.

Ganz kurz drehte sich die Frau in seine Richtung, und schon glaubte er, sie könnte ihn bemerkt haben. Er wandte ihr den Rücken zu, ganz beiläufig, und betrachtete ein paar der überteuerten Andenken. Er ließ volle zehn Sekunden verstreichen, bevor er sich wieder umsah.

Sie verschwand gerade durch die gegenüberliegende Tür, und es sah aus, als hätte sie es eilig.

Ob er ihr aufgefallen war? Er verließ den Laden durch dieselbe Tür, durch die er hereingekommen war, und versuchte, sie draußen wieder aufzuspüren.

Einen Augenblick lang fürchtete er, dass er sie verloren hatte, mitten in dem Gewoge aus fettleibigen und lächerlich gekleideten Touristen. Dann entdeckte er sie wieder. Sie zog gerade eine Kompaktkamera aus ihrer riesigen Handtasche und stellte die Kinder so hin, als wäre es ein hochwichtiger Fototermin.

»Kommt schon, Kinder. Haltet doch mal still«, sagte sie. »Sagt Cheese!«

Es war eine armselige Aufnahme: Der Junge schielte und streckte seiner Schwester die Zunge heraus, das kleine Mädchen wedelte mit ihrem Donald Duck vor dem Gesicht herum.

»Dann eben nicht«, sagte die Frau. Sie lachte und nahm das Mädchen an die Hand. »Komm, Ollie. Meagan will noch ›It’s a Small World‹ sehen.«

Quinn folgte ihnen und tauschte seinen braungrünen Anglerhut gegen eine braunrote Schirmmütze. Unwillkürlich musste er lächeln.

In der Tat, dachte er. Die Welt ist wirklich sehr klein.

3. Kapitel

Charlie ging durch das Großraumbüro und nickte den Kollegen zu. Früher hatte er sich einreden können, dass die L.A. Times ein spannender Arbeitsplatz war. Eine Besprechung der Planungsbehörde von Encino zu verfolgen war natürlich nicht dasselbe, wie im Range Rover durch Westafghanistan zu rasen, doch am Anfang hatte der Job durchaus eigene Herausforderungen mit sich gebracht. Während der ersten Jahre hatte er sich ein Netzwerk von Ansprechpartnern aufgebaut, er musste die Stadt kennenlernen und sich an den halsbrecherischen Takt der Tageszeitungen gewöhnen. Aber diese Zeiten waren lange vorbei, und inzwischen konnte er die meisten seiner Termine im Schlaf abhaken.

Heute fühlte er sich ein bisschen beschwingter. Er war einem Fall von Korruption in der Schulbehörde von Los Angeles auf der Spur, und allem Anschein nach hatte Mac, ihr junger Computerfreak mit der Igelfrisur, ein paar pikante Details für ihn ausgegraben.

Als Charlie zu ihm kam, fingerte Mac gerade an seinem Ohrring herum und starrte auf den Computer. Mit der freien Hand packte er einen Stapel Papier und warf ihn in Charlies Richtung. »Hab die Hintergrundinfos besorgt, die du gesucht hast«, fügte er mit gespielter Bescheidenheit hinzu.

Mac war ein schlauer Bursche mit einem guten Gespür, aber vor allem war er fast ein Genie, wenn es darum ging, Information im Netz aufzuspüren. Charlie vermied es, das Wort »Genie« zu verwenden, wenn ein anderer Mitarbeiter der Zeitung in der Nähe war. Aber im Grunde genommen war Mac ein Hacker. Ein Hacker, der für die NSA oder Wikileaks arbeiten sollte und der aus irgendeinem Grund nicht bemerkte, dass er sein Talent hier vergeudete.

Charlie blätterte die dicht bedruckten Seiten durch und staunte. »Ist das tatsächlich das Budget der öffentlichen Schulen?«

»Jeder einzelne Posten im gesamten Bezirk. Wenn du wissen willst, was die Beverly Hills Highschool für Toilettenpapier ausgegeben hat, dann findest du es da drin.«

»Wie hast du …« Charlie schüttelte den Kopf und lächelte. »Ganz egal, ich will es gar nicht wissen. Pass einfach nur auf, dass dir keiner auf die Schliche kommt.«

»Deswegen nennt man mich auch Deep Throat

Charlie schnaubte belustigt und ging zu seinem Arbeitsplatz.

»Ach, Augenblick«, rief Mac hinter ihm her. »Sal hat nach dir gefragt.«

Charlie erschrak. Die Rezession und eine stetig kleiner werdende Zahl von Lesern setzten dem Blatt schon seit Jahren zu. Erst im letzten Sommer waren sechsundzwanzig Mitarbeiter entlassen worden, und Sal hatte angedeutet, dass Charlie ein bisschen mehr »Flexibilität« zeigen müsste, wenn er die kommenden Sparmaßnahmen überstehen wollte. Charlie wusste, dass Sal die nächsten Einschnitte für dieses Frühjahr geplant hatte, und inzwischen war es Anfang Mai.

War heute der alles entscheidende Tag?

Charlie legte die Ausdrucke auf seinen Schreibtisch und ging gleich weiter zu Sals Büro. Als er eintrat, hob Sal einen Finger und bedeutete ihm, einen Augenblick zu warten, bis er zu Ende telefoniert hatte.

Charlie setzte sich auf Sals ramponiertes Ledersofa und überraschte sich dabei, dass er die gerahmten Fotos an der Wand studierte. Eines fiel ihm besonders auf: Es zeigte ihn selbst und Sal in Tibet, gleich nachdem sie ihr Studium abgeschlossen hatten. Sie waren als Freiberufler dort gewesen und hatten über den Hungerstreik der Arbeiter berichtet. Irgendwie war es ihnen gelungen, das erste und einzige Interview mit Zhou Yong zu ergattern, dem Streikführer. Das war ein großer Coup gewesen für zwei vierundzwanzigjährige Jungjournalisten. Für Charlie war es nur der Beweis gewesen, dass sie zu Höherem berufen waren. Gemeinsam hatten sie beschlossen, dass sie die letzten echten Gonzo-Journalisten sein würden, dass sie die härtesten Storys in den entlegensten Winkeln der Welt aufspüren, jedes gesellschaftliche Unrecht wiedergutmachen und alle Lügen und jeden Machtmissbrauch ins Licht der Wahrheit zerren wollten.

Doch dann, als sie aus Tibet zurückgekehrt waren, hatte Sal einen Job als fest angestellter Redakteur bei der Chicago Sun-Times angenommen. Charlie war schockiert gewesen. Innerhalb weniger Jahre war Sal bei den Blättern der Tribune-Gruppe die Karriereleiter hochgeklettert, was Charlie ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase rieb.

Nach der Sache in Usbekistan hatte Charlie allerdings zugeben müssen, dass er dankbar war, einen so engen Verbündeten in einer zentralen Position im Zeitungsbetrieb zu haben. Und obwohl er jetzt Charlies Chefredakteur und Boss war, hatte Sal alles getan, damit Charlie sich nie wie ein Untergebener fühlen musste. Sie waren Freunde, und Freundschaft bedeutete ihnen alles.

Sal legte den Hörer auf. Er blickte von seinem mit Papieren übersäten Schreibtisch hoch und seufzte. Er war ein Bär von einem Mann, mit kurz geschnittenen dichten schwarzen Haaren und einem Bauch, der über den Hosenbund quoll.

Charlie wusste, was kommen würde. »Du hast mit dem Vorstand gesprochen?«

Sal nickte. »Sie haben sich an dieser Sache festgebissen. Solange du keine längerfristigen Führungsaufgaben im Ausland übernehmen willst, lässt sich dein Gehalt einfach nicht mehr rechtfertigen.«

»Sie wollen mich also feuern.«

»Du weißt, für das Geld, das ich dir zahle, kann ich gleich drei smarte Kids frisch von der Uni einstellen.«

»Du glaubst also, was ich hier leiste, könnten auch ein paar Kids von der Uni tun?«

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