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Sechs Romane Die Raumflotte von Axarabor 1

W.A.Hary / A.F.Morland / Marten Munsonius

Sechs Romane Die Raumflotte von Axarabor 1

Sammelband Sechs Romane in einem Band Axarabor Band 1-6

UUID: 2aebe0b6-0b66-11e9-941d-17532927e555
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Inhaltsverzeichnis

  • Copyright
  • Klappentext
  • 1. Wilfried A Hary: JAGD AUF DEN JÄGER
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Klappentext

Dieses Buch enthält die Bände 1-6 der Serie "Die Raumflotte von Axarabor"


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen...

In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts.

Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind...


DIE UNSICHTBARE MACHT enthält die ersten sechs in sich abgeschlossenen Romane der Science-Fiction-Erfolgsserie DIE RAUMFLOTTE VON AXARABOR.





1. Wilfried A Hary: JAGD AUF DEN JÄGER




1


»Wie bitte? Ein Benzingenerator zur Stromerzeugung? In einem Raumschiff? Auch noch mitten in der Zentrale?« Kanot Borglin zeigte sich fassungslos.

Phillis von den Sternen, bei der niemand sagen konnte, ob sie wirklich so hieß oder ob sie sich einfach nur einen Spaß erlaubte mit ihrem seltsamen Namen, strich sich über die hochgekämmte feuerrote Tonsur und grinste breit.

»Erstens einmal ist das kein Benzin, den ich da in den Tank fülle, sondern Alkohol, und zweitens brauchen wir halt den Strom.«

Er betrachtete die schlanke, eigentlich perfekte Gestalt der Frau, die wie ein junges Mädchen wirkte, obwohl er genau wusste, dass sie schon wesentlich älter sein musste. Ihre aufreizende Lederkleidung konnte ihn nicht verwirren, obwohl Phillis damit ihre weiblichen Attribute dermaßen betonte wie eine erfolgreiche Edelnutte auf irgendeiner der Randwelten. Allein schon deshalb nicht, weil er nur noch wie ein Mann aussah, aber längst ein Neutrum wurde. Das war die Bedingung gewesen, als er dieser geheimen Spezialeinheit bei der Flotte beigetreten war vor über hundert Jahren.

»Aber an Bord eines Raumschiffes!«, begehrte Kanot Borglin auf. »Das wäre ja gerade so, als müsste man in der Zentrale eines Kraftwerks auf diese Weise für Licht sorgen. Und ist das Raumschiff denn nicht so etwas wie ein fliegendes Kraftwerk?«

Jetzt lachte ihn Phillis offen aus.

»Dummkopf, und wenn das Kraftwerk kaputt ist und eben keine Energie mehr erzeugen kann?«

»Aber es ist doch hell genug, und die Luft ist atembar«, versuchte Borglin noch einmal zu widersprechen. Dann erst wurde ihm bewusst, was Phillis gerade erst gesagt hatte. »Kaputt?«

»Ja, defekt, im Eimer, was immer du willst. Wir fliegen zwar immer noch, aber sozusagen aus eigenem Antrieb – äh – ich meine natürlich in einer Art freiem Fall. Falls du in der Lage bist, das zu verstehen. Immerhin mit annähernder Lichtgeschwindigkeit. Wenn uns jetzt auch nur ein Meteorit in der Größe eines Kieselsteins begegnet, lösen wir uns in unsere atomaren Bestandteile auf, in einer bildschönen Detonation. Daher eben der Stromhunger: Wir müssen die hauptsächlichen Ortungsinstrumente damit versorgen, um rechtzeitig uns den Weg frei schießen zu können. Und unsere Bordwaffen brauchen keine Fremdenergie. Zumindest für die ersten Schüsse nicht.«

Kanot Borglin ließ sich schwer in einen der zerschlissenen Sessel vor den toten Bildschirmen fallen.

»Wo bin ich hier bloß rein geraten?«

»Als hättest du noch eine Wahl gehabt!« Phillis lachte erneut. »Hätten wir dich da nicht heraus geholt, hätte man dich wohl längst desintegriert oder mit dir Schlimmeres angestellt. Vielleicht hätte man dich in deine Einzelteile zerlegt und deine Organe meistbietend versteigert? Du hast interessante Augen. Ich hätte dafür sogar was geboten.«

»Hör auf damit, Phillis. Du machst es damit nur noch schlimmer. Und wissen die anderen eigentlich davon?«

»Nein, natürlich nicht. Die befinden sich im Tiefschlaf, wie ausgemacht, und dort bleiben sie auch. Bis zum vereinbarten Zeitpunkt.«

Kanot Borglin wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher als dass auch er sich in einem der Cryotanks befinden würde. Aber leider war ihre Anzahl begrenzt. Sie waren sechs an Bord gegenüber vier Tanks. Zwei mussten also wach bleiben, und er war einer davon. Zumal er nicht zur Besatzung gehörte. Zumindest nicht im Grunde genommen.

Herausgehauen? Wie hochtrabend von Phillis, so etwas zu behaupten. Nein, er hatte sie um Hilfe gebeten, weil er sie von früher her kannte, und sie hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als ihn als Sklaven zu verpflichten. Einzige Bezahlung: Sein Überleben!

Ein Blick in die Runde. Alles Licht stammte von diesem leuchtenden Schimmelpilz, der in mehr oder weniger dicken Schichten überall zu finden war, wo er genügend Feuchtigkeit zum Überleben fand. Und triefend feucht war es eigentlich im gesamten Raumschiff, das dadurch eher einem leuchtenden Höhlensystem glich. Vor allem dort, wo der Sauerstoff her kam: Nährstofftanks mit einer speziell gezüchteten Algen-Art, die gierig alles an Kohlendioxyd und anderen Gasen aufbrauchte, die sie kriegen konnte, um zu wachsen und zu gedeihen.

Hätte er vorher gewusst, dass sie das Zeug auch essen mussten an Bord, weil es sonst nicht Essbares gab, hätte er sich lieber seinen Jägern gestellt und sich von ihnen desintegrieren lassen.



2


Er schaute zu den blinden Monitoren hinüber. Es gab nicht einmal die Möglichkeit, zu sehen, was draußen war. Er musste sich auf die Behauptung von Phillis verlassen:

»Gar nichts! Hoffentlich, sonst wäre es bei dieser Geschwindigkeit echt gefährlich. Denke an den Kieselstein!«

Dabei hatte er in den drei Wochen hier an Bord des Raumschiffs ohne Namen eigentlich nichts anderes getan, als herumzulungern und Algen zu essen, wobei allein schon beim Gedanken daran Übelkeit in ihm aufsteigen wollte. Das Zeug war ja angeblich total nahrhaft und gesund, aber vielleicht nicht für jeden? Ihm jedenfalls tat es absolut nicht gut. Er hoffte sogar, es mit der Zeit zu überleben oder zumindest nicht schwer zu erkranken.

Der Benzingenerator, der angeblich gar keiner war, sondern eher so etwas wie ein Alkoholgenerator, spuckte auf einmal.

»Oh«, machte Phillis, als hätte sie soeben ein Haar in der Suppe entdeckt, mehr nicht.

Das Wort Suppe ließ Kanot Borglin schwer schlucken.

Suppe? Ja, das wäre jetzt was, selbst mit ekligen Würmern und ungenießbaren Schnecken oder anderem Ungeziefer. Hauptsache eben Suppe und kein Algenschleim...

Er schaute zu, wie Phillis von den Sternen an dem Generator herum machte. Er selber war von technischem Verständnis noch weiter weg als Algenschleim von einem exzellenten Festmahl. Es kam ihm nur völlig bescheuert vor, eben einen Abgas spuckenden und dabei auch noch sehr altersschwachen Stromgenerator in der Zentrale eines Raumschiffs zu sehen, der darüber hinaus auch noch irgendwelche Funktionsstörungen aufzuweisen schien.

Er stand auf und lief unruhig hin und her.

Seit drei Wochen auf der Flucht. Und weswegen?

Ja, wenn er das bloß wüsste! Plötzlich hatten die eigenen Kollegen seine Unterkunft gestürmt, um ihn umzubringen. War er nicht ein angesehener Offizier der axaraboranischen Flotte? Er hatte sogar einer streng geheimen Spezialeinheit angehört, bestückt mit Supersoldaten, die eines der modernsten Raumschiffe besessen hatten. Sein Aufenthalt auf Dorbanamor war eigentlich nur als Zwischenstopp geplant gewesen. Sie waren in einem Hotel der Flotte untergebracht gewesen, wahrhaft fürstlich, wie es ihrer Sonderstellung gebührte. Jedem seine eigene Unterkunft, was in diesem Fall bedeutete, dass jeder sein eigenes Luxusapartment bewohnen durfte.

Die Mörder waren nachts gekommen. Die Wachautomatik hatte ihn nicht geweckt, weil man sie von außen manipuliert hatte. Er war von allein wach geworden. Besser gesagt: Sein Instinkt hatte ihn geweckt, und auf den hatte er sich bislang immer verlassen können. Ohne ihn hätte er schon lange nicht mehr gelebt.

Dieser Instinkt hatte ihn auch gewarnt, zur Waffe zu greifen. Er hatte sich auf einen Faustkampf eingelassen gegen die Männer, die gekommen waren, um ihn zu töten. Wozu sonst hatten sie mit ihren Desintegratoren sofort das Feuer auf ihn eröffnet?

An den genauen Ablauf konnte er sich nur noch vage erinnern. Seine Augmentierungen hatten ihn übermenschlich stark und vor allem übermenschlich schnell werden lassen. Schneller und stärker als die Angreifer, obwohl sie doch eigentlich dieselben Augmentierungen hatten.

Etwas, was ihn erst später zum Nachdenken gebracht hatte.

Für seine Mörder waren nur winzige Sekundenbruchteile vergangen, und ihm war es gelungen, diese Sekundenbruchteile nur für sich selbst zu Sekunden zu dehnen, die es ihm ermöglichten, einen nach dem anderen auszuschalten.

Ja, es waren langjährige Kameraden von ihm gewesen. Jeden einzelnen von ihnen hatte er trotz der Vermummung eindeutig erkannt. Und sie hatten Schutzschirme aktiviert gegen Energiewaffen. Also hätte er mit seiner Waffe nichts gegen sie ausrichten können. Deshalb hatte ihn sein Instinkt davor gewarnt, nach der Waffe zu greifen. Denn mit bloßen Fäusten wurde er von den Schutzschirmen nicht abgewehrt.

Bevor die Ex-Kameraden noch begriffen hatten, wie ihnen geschah, hatten sie bewusstlos in seiner Unterkunft gelegen.

Er war zur offen Tür geflohen. Draußen wartete auch noch ein Kampfrobot als Rückversicherung für das Mordkommando auf ihn. Voll gepanzert und bewaffnet wie eine Miniarmee wohlgemerkt.

Was hätte er anderes tun sollen, als ihm das Biogehirn aus der Brust zu reißen?

Auch das war ihm erst später in den Sinn gekommen: Wie hatte er fünf Ex-Kameraden, die jeder einzeln so stark hätten sein müssen wie er und dann auch noch einen solchen Roboter ausschalten können, dies alles in Sekundenbruchteilen?

Überhaupt der Roboter: Als er ihm das Biogehirn aus der Brust gerissen hatte... Das war ihm vorgekommen, als würde er in eine weiche Masse greifen anstatt in die hoch wirksame Panzerung, wie sie bei solchen Kampfmaschinen üblich war.

Um danach so schnell davon zu eilen, dass kein normaler Mensch ihm auch nur mit den Augen hätte folgen können.

Erst auf der Straße war er wieder zu sich gekommen.

Kein Wunder, dass ihm jetzt im Nachhinein der ganze Vorgang wie ein Alptraum vorkam: Es war eben nichts anderes als ein Alptraum gewesen, einer jedoch, der Wirklichkeit geworden war! Den er nur deshalb bis heute überlebt hatte, weil er in der nächsten Kneipe Phillis von den Sternen entdeckt hatte.

Vor Jahren hatte er diese einmal dingfest machen müssen. Sie galt als technisches Genie, das allerdings viel zu oft eine nicht geringe Portion an krimineller Energie aufbrachte. Das hatte zu ihrer Festnahme geführt. Weil dazu die üblichen Angehörige der Raumflotte aus ungeklärten Gründen bislang nicht in der Lage gewesen waren, hatte die geheime Eliteeinheit von Supersoldaten auf den Plan treten müssen. Er selbst hatte sie anschließend dem Richter überstellt. Von daher kannten sie sich.

Nein, er hätte nie und nimmer sich auch nur ihr gegenüber zu erkennen gegeben, geschweige denn sie um Hilfe gebeten. Aber was war ihm noch anderes übrig geblieben? Wenn die eigenen Leute ihn begonnen hatten zu jagen. Ohne dass er auch nur den blassesten Schimmer hatte, warum die das plötzlich taten.

Immer wieder hatte er es in den letzten drei Wochen hier an Bord in Gedanken durchgespielt. Er war noch nicht einmal ansatzweise auf eine Erklärung gekommen.

Damals hatte Phillis ihn nur angegrinst und anschließend ihrer Crew vorgestellt. Sie waren normalerweise zu fünft hier an Bord. Ein Raumschiff, das eigentlich noch nicht einmal die Bezeichnung Raumschiff verdiente. Das einzige, was wirklich hier noch funktionierte, war, dass es luftdicht blieb, so dass keine Atmosphäre entweichen konnte. Sonst hätten sie keine Minute im Weltraum überlebt.

Immerhin war es in der Lage gewesen, den Orbit von Dorbanamor zu verlassen, nachdem ihm Phillis eine Tarnidentität besorgt hatte. Diese hatte zwar nur ausgereicht, ihn unerkannt mit der Raumfähre zum namenlosen Schiff der Crew fliegen zu lassen, aber mehr hatte er ja nicht mehr benötigt.

»Wieso hast du mir überhaupt geholfen?«, fragte er jetzt und blieb neben Phillis von den Sternen stehen.

Sie richtete sich auf und bewunderte ihr Werk: Der Stromgenerator brummelte vor sich hin, als wäre es völlig selbstverständlich. Die Abgase verbreiteten sich zunehmend in der Zentrale. Gottlob stand die Tür auf, so dass sich die Abgase im gesamten Höhlensystem verteilen konnten. Die Algen würden sich freuen. Sie bekamen damit neuen Nachschub an Kohlendioxyd und stinkenden Abgasen. Ob sie sich überhaupt freuen konnten?

Kanot Borglin hatte sich wiederholte Male gefragt, wie das Zeug überhaupt wachsen konnte ohne Sonnenlicht. Phillis hatte behauptet, das Licht des Leuchtschimmels würde dafür völlig ausreichen.

Schlimm waren besonders die ersten Minuten an Bord gewesen: Ein Raumschiff wie ein Höhlensystem mit dickem, leuchtendem Schimmel an den Wänden und Algenschlamm in den Tanks für die Luftversorgung... Nein, nicht der Anblick war das Schlimme gewesen, sondern dieser infernalische Gestank, der offensichtlich von diesem Leuchtschimmel herrührte und woran er sich erst noch hatte gewöhnen müssen.

Falls sich jemand jemals daran überhaupt gewöhnen konnte!

Zumindest war es immer hell an Bord. Wäre das Höhlensystem auch noch dunkel gewesen...



3


Phillis gab immer noch keine Antwort. Sie ging hinüber zum Hauptbildschirm und betätigte einen Kippschalter. Wie wenn jemand eine antiquarische Lampe einschaltete, mindestens zehntausend Jahre alt. Der Hauptschirm flackerte, um anschließend ein grün leuchtendes Bild zu zeigen.

Kanot Borglin sah zunächst nur dieses Grün, sonst nichts. Man konnte ahnen, dass hinter dem Grün irgendwie alles pechschwarz war. Nein, nicht ganz: Waren da nicht winzige Pünktchen, die grünlich aufleuchteten, in dem vergeblichen Versuch, das allgemeine Vordergrundgrün zu überstrahlen?

Und das war jetzt genau das, was sich lichtjahreweit vor dem Raumschiff befand, oder was?

Ja, wo war er hier bloß rein geraten?

»Was willst du denn wieder hören?«, rief Phillis herüber und weckte Kanot Borglin aus den allzu trübsinnigen Gedanken.

»Du hast mir immer noch nicht verraten, wieso ich überhaupt hier an Bord bin. Und höre damit auf, immer wieder zu betonen, dass du mich nur retten wolltest. Ich habe dich vor Jahren verhaftet. Bist du nicht nachtragend oder was?«

»Nein, wieso sollte ich denn? Ich habe nur ein paar Tage in Untersuchungshaft verbracht und bin dann einfach abgehauen.«

»Einfach abgehauen? Phillis von den Sternen oder wie immer du auch wirklich heißen magst, man haut nicht einfach so ab aus Untersuchungshaft. Ausgerechnet aus einem Hochsicherheitstrakt. Ich habe noch niemals davon gehört, dass dies überhaupt jemandem gelungen wäre.«

»Ist es ja auch nicht: Die Crew hat mich befreit, die ich dadurch erst kennenlernen durfte. Das hat mein ganzes Leben verändert, für alle Zukunft! Aber das weißt du doch alles schon. Wie oft habe ich es dir schon erzählt? Hundertmal? Tausendmal?«

»Und wenn du es eine Million mal erzählst, glaube ich dir nicht. Niemand kann jemanden aus der Untersuchungshaft befreien und anschließend mit so einem Schrottkoffer durch die Gegend fliegen, ohne von der Flotte verfolgt und aufgegriffen zu werden.«

»Aber die sind ja nicht gewaltsam vorgegangen, sondern haben höflich darum gebeten.«

»Und man hat dem höflich stattgegeben und freiwillig die Tür deiner Zelle geöffnet? Und alle Wächter haben freundlich, um nicht zu sagen fröhlich, dir zum Abschied noch zu gewunken? Und außerdem ist seitdem deine komplette Akte aus den Archiven der Flotte verschwunden, für immer gelöscht oder so?«

»Ja, ja und noch einmal ja. Warum sollte ich dir etwas anderes erzählen, wenn es die Wahrheit ist? Soll ich denn lügen?«

Kanot Borglin gab es auf. Eben nicht zum ersten Mal. Er deutete auf den flimmernd grünen Hauptschirm.

»Und wenn wir dann irgendwann zu unserem Ziel kommen wollen, von dem du mir nichts sagen willst, wie werden wir dort landen? Und wann soll das bitte sein? In hundert Jahren oder vielleicht ein wenig früher? So etwas wie einen Raumsprung scheint es ja nicht zu geben mit dieser verbeulten Blechbüchse, die noch nicht einmal einen Namen hat.«

»Doch, hat sie ja: Raumschiff ohne Namen halt. Weil es schon so alt ist, dass irgendwann der eigentliche Name unlesbar geworden ist, und als die Crew das Ding übernommen hat, fragte sowieso niemand mehr danach.«

»Weil die Crew nämlich dieses Ding, was sie Raumschiff nennt, auf einem Schrottplatz entdeckte?«

»Na und? Es ist ausreichend luftdicht und hat eine eigene Versorgung. Nur das zählt.«

»Eine Versorgung mit dem primitivsten Stromgenerator, den ich jemals in meinem Leben zu Gesicht bekommen habe, und ich bin immerhin schon rund zweihundert Jahre alt!«, trumpfte Kanot Borglin auf.

»Außerdem hat die Crew den Antrieb flott bekommen. Sonst hätten sie ja damit nicht vom Schrottplatz aus starten können.«

»Ein Antrieb, der jetzt ausgefallen ist, wenn ich das richtig sehe. Weil es überhaupt keine Energieversorgung mehr gibt, außer einem Generator, den du mit Schnaps betreibst. Hast du denn eine Idee, wie wir damit dereinst landen werden?«

»Überhaupt nicht. Wir werden im Orbit bleiben. Das wirst du sehen.«

»Nachdem wir wie die verbeulte Raumbüchse von annähernder Lichtgeschwindigkeit herunter gebremst haben?«

Phillis lachte mal wieder, als wäre Kanot Borglin ganz besonders witzig.

»Das ist kein Problem.«

»Weil du den Antrieb bis dahin reparieren wirst?«

»Ach was, den brauchen wir doch nur, wenn wir bei einem offiziellen Planeten in den Orbit gehen oder von dort aus starten!«

Jetzt war Kanot Borglin endgültig überzeugt davon, dass diese Phillis von den Sternen wahnsinnig geworden war. Auf sein Leben gab er schon seit drei Wochen keinen Pfifferling mehr. Er war so und so verloren. Wenn nicht als Opfer der axaraboranischen Flotte, der er selbst weit über hundert Jahre lang angehört hatte, dann hier an Bord des Schiffes, wenn dieses irgendwann endgültig unterging.



4


»Uff!«, machte Phillis einen Tag später.

Kanot Borglin, der vergeblich versucht hatte, einzuschlafen, aber dem die primitive Pritsche dafür einfach zu unbequem war, schreckte auf.

Er hatte seine Pritsche in der Zentrale aufgestellt, damit er den Untergang des Schiffes nicht verpasste, wie er meinte. Phillis hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt und sogar auch noch ihre eigene Pritsche in die Zentrale gebracht. Seitdem beobachtete sie den Hauptschirm und las irgendwelche Kontrollen ab, mit denen Kanot Borglin als zu hundert Prozent Technikfremder nicht das Geringste anfangen konnte. Falls Phillis nicht gerade selber schlief oder sich eine Portion Algenschleim aus den Tanks holte.

Und immer, wenn sie den Tank mit dem Schnaps nachfüllte, dachte Kanot Borglin wehmütig daran, dass es vielleicht besser gewesen wäre, das Zeug zu trinken, um zu vergessen, in welch hoffnungsloser Lage sie sich befanden.

»Uff?«, echote er jetzt und trat neben Phillis.

Diese grinste mal wieder bis zu den Ohren.

Kanot Borglin versuchte sich vorzustellen, wie das auf einen normalen Mann wirken konnte, aber das war ja schon über hundert Jahre her, als er selber noch ein Mann gewesen war. Vor der Augmentierung, bei der nicht nur zahlreiche Implantate in seinen Körper versenkt worden waren, sondern auch seine Männlichkeit verlustig gegangen war.

Kastration! Ein schlimmes Wort, wie er die fast hundert Jahre davor selber angenommen hatte. Aber die Aussicht auf Superkräfte und Supereigenschaften und vor allem extreme Lebensverlängerung bis fast zu einer Art Unsterblichkeit hatten ihn trotzdem bei der Rekrutierung alles unterschreiben lassen, eben auch die ausdrückliche Einwilligung zu seiner eigenen Kastration. Er hatte es seitdem niemals bereut. Zumal er nach einem halben Dutzend Ehen und zahlreicher nicht ohne Schaden überstandener Beziehungen froh war, endlich allen weiteren Versuchungen standhalten zu können. Wäre er noch derjenige gewesen wie vor über hundert Jahren, hätte er gegenüber Phillis für nichts garantieren können. Davon war er fest überzeugt. So aber...

Sie wollte sich plötzlich ausschütten vor Lachen.

»Du bist mir ein Männle!«, gluckste sie zwischendurch immer wieder. »Hast wirklich angenommen, hier verrecken zu müssen, gemeinsam mit mir? Haha, ich könnte mich tatsächlich ausschütten vor Lachen.«

»Ja, sehe ich doch!«

Geduldig wartete Kanot Borglin das Ende des übertriebenen Heiterkeitsausbruchs ab. Um eine ganz klare Frage zu stellen, wie er meinte:

»Wieso glaubst du, es gäbe Rettung?«

Sie schaute ihn entgeistert an.

»Rettung? Wovor?« Sie schüttelte den Kopf, dass es beinahe so aussah, als wollte sie die Tonsur damit loswerden. »Es gibt keine Rettung. Wir sind jetzt nur weit genug von Dorbanamor entfernt, um endlich einen Raumsprung wagen zu können.«

»Raumsprung?« Kanot Borglin hatte das Gefühl, der Schlag müsse ihn treffen. »Also, ich habe null Ahnung von Technik und bin auch nicht in der Lage, auch nur die Grundlagen zu kapieren, aber eines ist sogar für einen wie mich sicher: Mit einem Generator auf Schnapsbasis wird wohl kaum ein Hypersprung möglich werden!«

Der nächste Heiterkeitsausbruch war fällig. Phillis lachte auch noch, als sie die Zentrale verließ.

Kanot Borglin ahnte noch nicht einmal, wohin sie ging. Wie betäubt folgte er dem laut im Höhlenlabyrinth widerhallenden Gelächter. Bis er neben Phillis vor den vier Cryotanks stand.

Unter der Glasscheibe waren undeutlich die schlafenden Crewmitglieder zu erkennen.

Die haben es gut!, dachte er unwillkürlich.

Aber was tat Phillis da, nachdem sie endlich aufgehört hatte zu lachen? Sie hantierte an irgendwelchen Instrumenten herum. War das nicht die zentrale Steuerung der Tanks?

Ja, war es in der Tat, denn Sekunden später ertönte eine Art Warnsirene.

Woher stammte dafür eigentlich der Strom? Ja, das fragte sich Kanot Borglin unwillkürlich.

Phillis wandte sich ihm nur kurz zu, um zu sagen:

»Die Cryotanks haben eine eigene Energieversorgung. Es gibt ein mehrschichtiges Sicherheitssystem. Selbst wenn alle Systeme an Bord ausfallen, funktionieren eben immer noch die Tanks. Vor dem Einschlafen wird ein Besatzungsmitglied bestimmt, das im Notfall geweckt wird, um zu entscheiden, was weiter passiert. Weil dann ja auch das zentrale Biogehirn nicht mehr funktioniert.«

»Es gibt hier an Bord ein zentrales Biogehirn? Tatsächlich?« Kanot Borglin wollte auch das nicht glauben.

»Ja, gibt es, sonst hätten wir ja nicht aus dem Orbit von Dorbanamor ablegen können. Aber das kapierst du sowieso nicht, als Technikidiot.« Phillis machte eine wegwerfende Handbewegung und kontrollierte noch einmal die Instrumente.

Synchron öffneten sich daraufhin die gewölbten Glasscheiben.

»Dauert von jetzt an gerechnet nur noch ein paar Minuten«, kommentierte sie ihr Tun.

»Nur ein paar Minuten?«, wunderte sich Kanot Borglin.

»Wie oft hat man dich denn schon in einen solchen Tank gesteckt?«

»Noch nie!«, bekannte er. »Erstens ist es bei einem Elitesoldaten wie mir gar nicht möglich, weil es die Augmentierungen stören könnte, zweitens war es auch nicht nötig, weil unsere Raumschiffe die modernste Technik besaß, die die Flotte kennt.«

»Bloß schade, dass du mir davon nichts sagen kannst, weil du nichts davon auch nur im Ansatz kapieren würdest.«

Es klang tatsächlich bedauernd.

Kanot Borglin schaute sich unwillkürlich um und versuchte sich vorzustellen, wie Phillis von den Sternen in dieses extrem stinkende, dick verschimmelte Höhlensystem so etwas wie modernste Technik hätte einbauen wollen.

Er musste sich schütteln.

Phillis schaute ihn von der Seite an.

»Nur weil wir die Minuten bis zum Aufwachen der Crew überbrücken müssen, nicht weil es mich wirklich interessiert: Was ist eigentlich mit deinem Extragehirn? Wieso setzt dich dieses nicht in die Lage, Technik zu begreifen?«

»Das Extragehirn ist in der Regel ausgeschaltet. Ich aktiviere es nur bei Bedarf. Und selbst wenn es aktiviert ist, kann es natürlich nur meine natürlichen Fähigkeiten geistiger Art erweitern. Was ich grundsätzlich schon nicht verstehen kann, das kann mir auch das Extragehirn nicht begreiflich machen.«

Phillis schüttelte den Kopf.

»Dann bist du in Wahrheit in Sachen Technik wirklich dermaßen schwachsinnig, dass es mich überhaupt wundert, wenn du irgendwo das Licht einschalten kannst.« Überrascht weiteten sich ihre Augen. »Ja, kannst du das denn überhaupt?«

»Licht einschalten? Was meinst du damit?«

Phillis von den Sternen blies die Wangen auf und ließ die Luft pfeifend entweichen.

»Wusste ich es doch: Nicht einmal dazu wärst du in der Lage, ob mit oder ohne Extragehirn.«

»Unerhört!«, regte sich Kanot Borglin jetzt auf. »War doch nur ein Scherz. Natürlich kann ich das Licht einschalten.«

»Dann beweise es mir!«, forderte Phillis ihn auf. »Und zwar ohne dein Extragehirn zu aktivieren.«

»Und wie?«

»Ganz einfach, mein Freund: Schalte hier, in diesem Raum, das Licht ein!«

»Wie bitte?« Kanot Borglin schaute verständnislos drein. Sein Blick irrte umher. »Das Licht einschalten? Hier? Aber wie...?«

»Wusste ich es doch!«, wiederholte Phillis und gab sich zutiefst erschüttert.

»Licht einschalten? Licht einschalten? Aber verdammt noch eins, wo ist denn hier überhaupt auch nur ein Schalter? Oder wie soll das sonst noch gehen?«

»Puh!«, machte Phillis. »Dieser Mann ist angeblich ein Elitesoldat, auch noch ein führender Offizier. Ein Captain? Er hat übermenschliche Kräfte und Superfähigkeiten. Aber er ist noch nicht einmal in der Lage, irgendwo das Licht einzuschalten. Hätte mir das mal jemand erzählt, bevor ich ihn näher kannte, hätte ich diesen einen Lügner geschimpft.«

»Aber, zum Teufel noch mal, wie soll man denn hier das Licht einschalten können?« Es klang zunehmend verzweifelt.

Phillis warnte mit erhobenem Zeigefinger:

»Nicht das Extragehirn aktivieren! Das war der Deal!«

»Aber ich...« Kanot Borglin brach ab.

Phillis kontrollierte mal wieder die Instrumente.

»Ah, die können jeden Moment erwachen. Also gut, lösen wir das Rätsel auf, ehe die es mitbekommen und am Ende genauso enttäuscht sind von dir wie ich: Man kann natürlich nirgendwo dort das Licht einschalten, wo es gar keine Lampen gibt. Oder hast nach drei Wochen immer noch nicht begriffen, dass alles Licht hier von diesem leuchtenden Schimmelpils stammt?«

Kanot Borglin schaute sie an, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen. Dabei hatte er alle Mühe, seine Augmentierungen im Zaum zu halten, um nicht von einer Sekunde zur anderen zu einer vernichtenden Kampfmaschine zu werden. Er hätte nicht nur Phillis von den Sternen getötet, sondern am Ende vielleicht auch noch alle anderen Crewmitglieder. Vielleicht hätte er in seiner Zerstörungswut auch noch ein Loch in die Außenhülle gerissen, und selbst wenn man ein Technikidiot wie er war, ahnte man doch, wozu das führen würde.



5


Kommandant Xirr Prromman erwachte als erster. Er war ein Mensch, ohne Frage, aber sein Körper war an einen Planeten angepasst, der anders war als der legendäre Ursprungsplanet der Menschheit Erde. Sehr viel heißer im Durchschnitt und gleichzeitig sehr viel feuchter. Die Siedler dort hatten mit der Zeit eine Art Schuppenhaut entwickelt und die grundsätzliche Körperwärme enorm reduziert, so dass sie beinahe wie Echsen zu Kaltblütern geworden waren.

Dies hatte auch Nachteile außerhalb ihres Planeten, denn sie benötigten immer viel Wärme und vor allem Feuchtigkeit, damit ihre Schuppenhaut geschmeidig blieb. In einer trockenen Umgebung kam Kommandant Xirr Prromman nicht ohne Spezialanzug aus, der in seinem Innern eine stets hohe Feuchtigkeit garantierte.

Jetzt war er natürlich nackt, und an Bord des bizarren Gebildes, das die Crew hochtrabend Raumschiff nannte, war es sowieso dermaßen feucht, dass eigentlich nur er selber sich richtig wohlfühlen konnte.

Kanot Borglin hatte sich schon gefragt, ob es auf dem Heimatplaneten des Kommandanten genauso stank wie hier. Vielleicht sogar noch schlimmer? Aber er war selber noch nicht dort gewesen, in zweihundert Lebensjahren nicht. Kein Wunder, denn es waren in den vergangenen Jahrtausenden dermaßen viele Planeten besiedelt worden, ausgehend von der Zentralwelt Axarabor, dass es wohl niemanden gab, der auch nur einen Bruchteil all dieser Welten kennen konnte. Wenn sogar die Erinnerung daran verloren gegangen war, wo sich die Erde befand.

Xirr richtete sich vorsichtig auf und griff sich kurz an den Kopf, als wäre das nötig, um sich neu zu ordnen. Dann schaute er in die Runde.

»Ah, Phillis! Alles in Ordnung?«

»Leider nicht!«, bekannte sie. »Totalausfall der Energieversorgung. Das Raumschiff ist nicht mehr manövrierfähig auf technischer Basis. Ausfall sämtlicher Instrumente. Ich musste für Notstrom sorgen. Mittels Generator.«

»Und womit wird dieser betrieben?«, rief Xirr alarmiert.

»Mit Schnaps!«

»Wessen Schnaps? Jetzt sage bloß nicht, du hast dich an meinem privaten Vorrat vergriffen!«

»Habe ich, leider. Mir blieb keine andere Wahl.«

»Aber hast du auch nur die leiseste Ahnung, was du damit anrichtest? Du vernichtest ein sündhaft teures Edelgesöff, das ich mir extra für besondere Anlässe aufbewahrt habe!«

Der Kommandant war dermaßen erschüttert, dass er sich gar nicht mehr beruhigen wollte.

Derweil erwachten die restlichen drei Besatzungsmitglieder:

Solan Pronn, der praktisch niemals sprach. Kanot hatte sich unterwegs mit der Raumfähre zur Orbitstation ernsthaft gefragt, ob Solan Pronn überhaupt reden konnte. Er war darüber hinaus von so schmächtiger Gestalt, dass er irgendwie zerbrechlich wirkte. Kanot hatte Bange, ihn zu berühren, weil er ihm dabei vielleicht Verletzungen zufügen konnte. Er hatte allerdings noch nicht getestet, ob dem wirklich so war.

Baldyr Sholan, der so aussah, als sei er noch älter als Kanot Borglin, also älter als zweihundert Jahre, obwohl der Supersoldat selbst eher aussah wie erst Dreißig. Schlimmer noch bei Baldyr Sholan: Dieser ausgemergelte, total mumifiziert wirkende Körper hier, der sich Baldyr Sholan nannte, schien kürzlich erst von den Toten auferstanden zu sein, nach Jahren im dunklen Grab.

Aber Kanot Borglin kannte den Planeten, auf dem Baldyr Sholan geboren worden war. Dort sahen alle so aus, von Kindheit an. Denn auch sie hatten sich von den frühen Siedlern ausgehend an die speziellen Umweltbedingungen angepasst: Zwei unbarmherzig strahlende Sonnen, die jedwedes irdisches Leben vernichteten, wenn es sich nicht speziell zu schützen verstand. Die ersten Siedler waren wohl ihr Leben lang vermummt geblieben, wenn sie es gewagt hatten, ihre Unterkünfte zu verlassen. Erst ihre Kindeskinder hatten dann begonnen, zu so etwas wie Einheimischen zu werden.

Forsan Kumir, der als einziger der vier seine menschliche Erscheinungsform beibehalten hatte. Nicht nur das: Er hatte eine Figur, mit er Kanot Borglin in nichts nachstand. Kanot wusste bereits, dass er großen Wert darauf legte und regelmäßig seine Muskeln trainierte, um in Form zu bleiben. Ansonsten war er das, was man einen Schönling nannte. Kanot war sich einerseits sicher, dass er damit der Schwarm fast aller Frauen war, aber andererseits hegte er den heimlichen Verdacht, dass Forsan Kumir eher auf Männer stand. Natürlich hatte er in dieser Hinsicht noch kein endgültiges Urteil fällen können, weil er eigentlich keinen der vier wirklich kannte. Sie hatten sich ja sofort nach dem Start aus dem Orbit von Dorbanamor in die Tanks begeben und die bisherige drei Wochen lange Fahrt darin verschlafen.

Jetzt stiegen sie aus ihren Tanks und reckten und streckten sich erst einmal ausgiebig. Wobei der Kommandant noch immer ziemlich sauer darüber erschien, dass Phillis seinen edlen Schnaps für den Stromgenerator verschwendet hatte.

Er konnte es auch nicht lassen, Phillis noch einmal daraufhin anzupflaumen:

»Und auf die Idee, dass du in irgendeiner anderen Unterkunft nach Schnaps suchst, bist du wohl gar nicht erst gekommen?«

»Die Zeit drängte, Kommandant«, erwiderte Phillis ungewohnt schuldbewusst. »Du weißt ja, was passieren kann bei annähernder Lichtgeschwindigkeit im Blindflug. Selbst im scheinbar völlig leeren Raum zwischen den Sternen.«

Der Kommandant winkte ab.

»Geschenkt!«

Erstaunt lupfte Kanot die Augenbrauen. Damit schien die Sache tatsächlich bereits ausgestanden zu sein? Spielte der Kommandant das nur oder verzieh er wirklich so schnell?

Vielleicht hatte es ja auch unmittelbar mit Phillis selbst zu tun?

Kanot beobachtete die beiden ganz genau, um herauszufinden, ob zwischen den beiden mehr lief als nur das Verhältnis zwischen Kommandanten und Crewmitglied.

Alle gingen jetzt in Richtung Zentrale davon. Kanot, der von den vier Erwachten zu hundert Prozent ignoriert wurde, folgte ihnen zögernd.

Er verzichtete diesmal auf die laut gestellte Frage:

»Wo bin ich hier bloß rein geraten?«

Weil die Antwort zumindest für ihn sowieso allzu offensichtlich war:

»In die bodenlose Scheiße!«



6


Kurz schauten sich die Besatzungsmitglieder um. Dann deutete der Kommandant auf die frei stehende Mitte der Zentrale.

Seine vier Besatzungsmitglieder wussten sogleich, was er meinte, und Kanot Borglin sah es:

Alle fünf setzten sich jetzt im Schneidersitz zu einem Kreis zusammen und reichten sich gegenseitig die Hände.

Eine steile Falte erschien auf der Stirn Kanots.

Was sollte das denn jetzt?

Da sich niemand um ihn kümmerte, als wäre er überhaupt nicht mit an Bord, blieb ihm nichts anderes übrig, als erst einmal abzuwarten und zu beobachten.

Er setzte sich schwer in einen der zerschlissenen Kommandosessel und drehte ihn so, dass ihm nichts entgehen konnte.

Trotzdem schien ihm alles zu entgehen, denn eigentlich geschah... gar nichts. Die fünf schlossen ihre Augen und schienen sich gleichzeitig in eine Art Trance zu versetzen. Oder waren sie jetzt nur eingeschlafen?

Beinahe erwartete Kanot Borglin jetzt tatsächlich ein vielstimmiges Schnarchen.

Sogar diese Erwartung blieb unerfüllt.

Er wurde erst aufmerksam, als plötzlich an der halbrunden Instrumenten- und Monitorwand – die einzige im Übrigen ohne extra dicken Schimmelpilzbefall - die Lichter aufflackerten. Sämtliche Monitore, die sich über diesen ganzen Teil der Wand verteilten, erwachten zu einem gespenstischen Leben. Und auch das Bild des Hauptschirms verwandelte sich von jenem beunruhigenden Grün in ein sattes Hintergrundschwarz mit strahlend leuchtenden Einzelpunkten, die wie zufällig verstreut anmuteten, erinnernd an den klaren Nachthimmel auf irgendeinem Planeten, den er schon einmal besucht hatte.

Wenig später schlugen die fünf ihre Augen wieder auf, alle gleichzeitig wohlgemerkt, ließen die Hände der Nachbarn los, sammelten sich innerlich noch ein paar Augenblicke lang und erhoben sich dann vom Boden.

Es war das erste Mal, dass der Kommandant sich an Kanot Borglin wandte.

»Sorry, aber das ging jetzt wirklich vor!«

»Äh, was ging vor?«, stammelte Kanot, weil er nicht das Geringste begriff.

»Du musst wissen«, mischte sich Phillis von den Sternen ein, während sie sich an ihren Kommandanten wandte und mit dem ausgestreckten Daumen auf Kanot zeigte, »er ist der totale Technikidiot, der nicht das Geringste kapiert.«

Xirr Prromman lachte humorlos.

»Nimm es nicht persönlich, Kanot, wenn Phillis das sagt. Im Vergleich zu ihr sind wir nämlich alle hier Technikidioten. Wusstest du, dass Phillis das größte Technikgenie des Universums ist?«

Prompt warf sich Phillis in die üppige Brust.

»Ist sie, in der Tat!«

Xirr ignorierte es.

»Aber noch einmal willkommen an Bord, Kanot, du hast dich ja jetzt ein wenig eingewöhnen können in den vergangenen drei Wochen.«

Phillis trat näher.

»Wisse, Idiot Kanot Borglin, wir haben vorhin eine Séance gebildet, um die Energieversorgung wieder komplett zu erneuern. Also nicht nur zu reparieren. Jetzt ist sie in der Tat wieder wie neu. Das ging halt nur in der Gemeinschaft, wobei ich die Federführung übernahm. Als Technikgenie, du verstehst?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich nicht, aber ich versuche es trotzdem, weil du es eigentlich ja auch mit eigenen Augen sehen kannst: Alles ist wieder funktionstüchtig!«

Sprachs und ging zum Stromgenerator hinüber, um ihn auszuschalten. Dabei sagte sie noch über die Schulter hinweg, an ihren Kommandanten gewandt:

»Nicht dass noch mehr kostbarer Schnaps verschwendet wird, nicht wahr?«

Kanot begriff nur eines: Dass Phillis einen so abgedrehten Humor hatte, wie er sich wohl niemals daran gewöhnen konnte. Genauso wenig wie an den allgegenwärtigen Gestank des grün leuchtenden Schimmelpilzes.

Dann kam ihm ein Wort in den Sinn, das ihn zutiefst verwirrte:

»Séance?«

»Ja, so nennt man das«, erläuterte Kommandant Xirr Prromman, »wenn sich PSI-Fähige zu einer Einheit zusammenschließen.«

»PSI?«, echote Kanot. »Aber das gibt es doch überhaupt nicht!«

Seine Äußerung machte den Kommandanten seltsam sprachlos. Dann schüttelte Xirr den Kopf und meinte:

»Das sagt ausgerechnet einer, der selber PSI-fähig ist?«

»Ich und... was?«

»Na, was meinst du wohl, was dich in diesem entscheidenden Moment unterschied von deinen Ex-Kameraden? Schon mal darüber nachgedacht?«

»Ja, habe ich.«

»Aber noch zu keinem Ergebnis gekommen? Kein Wunder, wenn du das Wesentliche so stur leugnest. Alle deine Kameraden waren dir im Kampf ebenbürtig, auf Grund ihrer Augmentierungen. Nur eines unterschied dich von ihnen, eben nämlich deine PSI-Fähigkeit.«

»Aber das gibt es doch überhaupt nicht!«

»Schon wieder? Klar, das hat man euch bei der Flotte so beigebracht. Ich weiß, denn ich war selber mal Angehöriger der Raumflotte von Axarabor. Nicht als Elitesoldat oder gar Supersoldat wie du, sondern bei der ganz normalen Truppe. Ich führte ein Raumschiff. Gegenüber dem, was du gewöhnt bist, sicherlich wie eine Dampfmaschine gegenüber einem Atomreaktor, aber...«

Er unterbrach sich und beobachtete Kanot. Merkte er, dass Kanot Borglin weder mit dem Begriff Dampfmaschine noch mit dem Begriff Atomreaktor etwas anfangen konnte?

Kopfschüttelnd fuhr er fort:

»Also, ich war halt so etwas wie ein hundsgewöhnlicher Kommandant auf einem hundsgewöhnlichen Flottenschiff. Bis zum Ende meiner Verpflichtungszeit. Denn bei den hundsgewöhnlichen Flottisten gibt es das zuweilen noch: Zeitlich begrenzte Verpflichtungen. Danach kann man den Antrag stellen, weiter in der Flotte dienen zu dürfen, oder aber seiner eigenen Wege zu gehen, im Rahmen eben einer ehrenhaften Entlassung. Ja, ich weiß, bei einem Supersoldaten, wie es ihn offiziell überhaupt nicht geben darf, ist das völlig anders. Allein deine Augmentierungen haben Millionen gekostet, einmal ganz abgesehen von deiner Ausbildung. Das könntest du wohl kaum jemals zurück bezahlen, um frei zu kommen. Was dir darüber hinaus sowieso nichts nutzen würde, weil es so etwas wie dich wie erwähnt gar nicht geben darf. Deshalb haben die dich ja auch desintegrieren wollen, als einzigen Weg der Entlassung. Ohne Rücksicht auf deine wertvollen Ersatzteile wohlgemerkt. Nur damit keine Spuren mehr deines Daseins blieben.«

Kanot Borglin stutzte. Er legte misstrauisch den Kopf schief.

»Moment mal, soll das heißen, du weißt mehr über diesen Überfall als ich euch erzählt habe?«

»Wie meinst du das?«, tat Xirr unschuldig.

»Heraus mit der Sprache! Ich bin zwar ein Idiot in Sachen Technik, aber ansonsten nicht gerade blöd, glaube mir. Wieso habe ich den Eindruck, dass du so genau Bescheid weißt, als wärst du persönlich mit dabei gewesen?«

»Also gut. Nun, das erscheint dir so, weil es eben so ist: Ich war tatsächlich persönlich mit dabei. Gewissermaßen. Und ich nicht allein, sondern natürlich auch Phillis, Solan, Baldyr und Forsan.«

»Aber das ist doch nicht möglich!«

»Genauso wenig eben wie PSI, nicht wahr? Denn genau das haben wir angewendet: PSI! Wir haben eine kleine Séance gebildet, im Hinterzimmer dieser Kneipe, in der du Phillis danach gefunden hast, weil wir uns erlaubt haben, dich dahingehend ein wenig zu manipulieren. Nicht dass du noch an der Kneipe vorbeigelaufen wärst... Äh, ja: Dafür haben wir dieses Zimmer extra angemietet, um nicht gestört werden zu können. Wir haben dich gesucht und... gefunden. Genau zu dem Augenblick, als dein Instinkt dich weckte. Ach herrje: Instinkt? Als wäre es nur das. Es gehört zu deiner PSI-Fähigkeit. Und du willst behaupten, niemals etwas davon bemerkt zu haben in immerhin rund zweihundert Jahren?«

»Habe ich auch nicht!«, beharrte Kanot überzeugt.

»Du hast es halt für Instinkt gehalten. Damit kamst du die ganze Zeit über durch. Bis eben zu diesem Überfall. Im Augenblick des drohenden Todes erwachten deine Kräfte vollends, um dein Leben zu retten. Du hast für dich die Zeit verändert. Das wirkte sich so aus, als hättest du die Zeit für deine Gegner angehalten. Und ist dir dabei gar nicht aufgefallen, dass für dich der eigentlich undurchdringbare Panzer des Kampfrobots auf dem Flur zu einer eher weichen Masse wurde, wie aufgeweichtes Pech?«

»Ja, was war da los?«

»Nichts war los, außer eben deiner PSI-Kräfte. Die es wohlgemerkt überhaupt nicht geben kann, weil es PSI im gesamten Universum nicht gibt. Denn das ist ja alles irrer Humbug, nicht wahr? Nur Verrückte wie wir können an so einen bekloppten Wahnsinn glauben.«

Kanot Borglin starrte ihn an wie einen Geist.

Wenn der Kommandant das so sagte...

In seinem Innern arbeitete es gewaltig. Denn nicht nur in seinem Gehirn jagten sich die Gedanken. Er aktivierte auch noch zusätzlich sein Extragehirn, auf der Suche nach irgendwelchen Suchbegriffen, die ihm vielleicht auf die Sprünge hätten helfen können. Dort war jedoch lediglich die Information zu finden, dass PSI eben aus wissenschaftlicher Sicht gesehen völliger Humbug sei.

Xirr klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter.

»Nimm es nicht so tragisch!«

Kanot hörte gar nicht hin. All seine Überlegungen, unterstützt von seinem Extragehirn, mündeten in eine einzige Frage:

»Wieso bin ich hier?«

»Wir haben dir den Arsch gerettet, gegen einen Sklavenkontrakt, schon vergessen?«, meldete sich Phillis grinsend zu Wort. »Einzige Bezahlung das nackte Überleben durch uns.«

»Aber nach drei Wochen habe ich eigentlich noch immer nichts getan außer mich zu langweilen an Bord dieser stinkenden Kloake von Raumschiff.«

Kommandant Xirr Prromman lächelte entwaffnend.

»Weil das, wozu wir dich dringend benötigen, erst bevorsteht!«

»Moment mal, der Reihe nach: Ihr habt Kontakt mit mir gesucht? Weil ihr mich für irgendetwas benötigt? Mich, einen Supersoldaten, wie es ihn eigentlich gar nicht geben darf? Wie konntet ihr mich überhaupt finden?«

Xirr tauschte einen kurzen Blick mit Phillis.

»Du hast sie vor Jahren gemeinsam mit deinen Kameraden festgenommen und dem Richter überstellt. Ist es nicht so?«

»Ja, ist es!«, bestätigte Kanot ungerührt.

»Das wäre niemandem sonst möglich gewesen. Nur dir. Denn nicht die Unterstützung durch deine Kameraden war ausschlaggebend gewesen, sondern die PSI-Fähigkeit, die Phillis bei dir entdeckte. Das hat sie ziemlich überrascht, weil diese Fähigkeiten enorm selten sind. Kein Wunder, dass sie von der Wissenschaft offiziell geleugnet werden, weil es keine wissenschaftliche Bestätigung dafür geben kann. Wir wissen das zu verhindern. Denn was glaubst du, würde passieren, wenn man uns identifizieren und sogar festsetzen könnte? Na?«

»Wissenschaftler würden alles tun, um euch euer Geheimnis zu entreißen, um damit noch fähigere Supersoldaten züchten zu können«, antwortete Kanot automatisch. »Und wir wissen ja, wie Wissenschaftler vorgehen auf der Suche nach neuen Erkenntnissen.«

»Ja, dagegen wären die schlimmsten nur denkbaren Folterungen wohl nur Streicheleinheiten«, bestätigte Xirr. »Also muss es unter allen Umständen unser Geheimnis bleiben. Mehr noch: Sobald dieses Geheimnis gefährdet ist und es keinen anderen Ausweg mehr gibt, müssen wir uns selbst vernichten. Das können wir mit unserer PSI-Fähigkeit, denn diese hat nicht nur Vorteile, sondern auch den Nachteil, dass sie uns eben selber vernichten kann, wenn wir nicht lernen, damit umzugehen.«

»Das soll heißen?«

»Es war gewissermaßen dein Selbsterhaltungstrieb, der zweihundert Jahre lang verhindert hat, dass sich deine PSI-Kräfte weiter entfalteten. Sie blieben auf das beschränkt, was du fälschlich deinen besonderen Instinkt nanntest.«

»Und du willst mir jetzt weismachen, rein zufällig, als ihr in der Séance den Kontakt mit mir suchtet, sind sie zumindest soweit erwacht, dass ich fliehen konnte?«

»Ja, will ich!«

»Du bist ein verdammter Lügner. Solche Zufälle gibt es nicht. Ja, wäre es das erste Mal in meinem Leben gewesen, dass ich mich in einer ausweglos erscheinenden Situation befunden hätte...«

Xirr überlegte nur kurz.

»Also gut, erwischt. Ich gebe es ja schon zu: Wir haben nicht nur den Kontakt mit dir gesucht, sondern auch deine Kräfte geweckt. Eben über den Kontakt. Das hast du zwar nicht mitbekommen, aber es war so.«

»Also habt letztlich ihr mir das Leben gerettet?«

»Ja, haben wir.«

»Und wieso macht ihr daraus ein Geheimnis? Halt, nichts sagen. Ich weiß es schon: Ihr wart deshalb so gut im Bilde darüber, dass man mich umbringen wollte, weil ihr dahinter standet!«

»Aber wie wäre denn so etwas überhaupt möglich?«, versuchte sich Xirr zu entrüsten.

»PSI?«, vermutete Kanot mit eisiger Stimme.

Der Kommandant wirkte plötzlich unsicher. Er warf hilfesuchende Blicke in die Runde. Aber keiner kam ihm zu Hilfe. Er musste selbst darauf eingehen.

»Du hast ja recht, Kanot, aber bitte jetzt nicht sauer reagieren. Wir wissen alle, dass das nicht gut ausgeht. Du bist eine Kriegsmaschine wie es sie wahrscheinlich noch nie zuvor gab. Du ersetzt mit deinen Fähigkeiten eine kleine Armee und hast dabei mindestens genauso viel gekostet. Du gehörst der Raumflotte von Axarabor für ganz spezielle Einsätze, die nur Deinesgleichen erledigen kann. Es wäre unter normalen Umständen völlig unmöglich gewesen, dich für unsere Sache zu gewinnen.«

»Ach was, du hast Angst vor mir?«

»Natürlich habe ich das, Kanot. Das haben wir alle. Weil du uns unendlich überlegen bist. Sieh dir beispielsweise Forsan Kumir an. Er ist ein durchtrainierter Elitekämpfer, ausgebildet in derselben Flotte wie du und ich, wenn auch gewissermaßen auf einer niedrigeren Ebene als du. Ich glaube kaum, dass ein normaler Mensch gegen ihn im Kampf auch nur den Hauch einer Chance hätte. Oder sieh dir Phillis an. Wer vermutet denn, dass sie die beste Kämpferin ist, die mir jemals in meinem Leben begegnet ist? Aber selbst sie beide zusammen würden nicht einmal Sekundenbruchteile gegen dich bestehen. Und da sollen wir keine Angst haben? Zumal du allen Grund hast, auf uns sauer zu sein.«

Kanot hob beschwichtigend die Hände.

»Moment mal. Du behauptest also, Phillis habe in mir so etwas wie verborgene PSI-Fähigkeiten entdeckt bei ihrer Festnahme damals?«

»Ja, hat sie. Nur so ist es dir überhaupt gelungen, sie festzunehmen. Oder hast du dich nicht darüber gewundert, dass ausgerechnet du mit deiner Einheit sie schnappen solltest, dass es sonst niemand vermochte? Zu ihren besonderen Fähigkeiten gehört halt auch die Fähigkeit, PSI aufzuspüren, wo es zu finden ist.«

Phillis trat näher.

»Und wir haben gemeinsam jahrelang nach dir gesucht, Supersoldat Captain Kanot Borglin. Nun finde mal einen, den es gar nicht geben darf und der sich ständig irgendwo im Einsatz befindet. Was glaubst du, wie sehr wir gestaunt haben, als du dann nach all den Jahren bei äußerst frustrierenden Suchergebnissen auf einmal höchstpersönlich auf Dorbanamor aufgetaucht bist? Ausgerechnet da, wo wir uns zufällig zur selben Zeit befanden? Glaube mir, uns blieb überhaupt nichts anderes übrig, als so vorzugehen.«

»Als wie vorzugehen?«, erkundigte sich Kanot scharf.

Alle machten jetzt einen eher betretenen Eindruck. Bis Kommandant Xirr Prromman wagte zu sagen:

»Wir haben eine Séance gebildet, um deine Kameraden zu manipulieren. Dabei mussten wir äußerst vorsichtig vorgehen, um nicht auf uns aufmerksam zu machen. Als sie bei dir auftauchten, um dich zu töten, waren sie der festen Überzeugung, du seist ausgetauscht worden gegen ein Alien, einen Gestaltwandler. Um die Raumflotte von Axarabor zu unterwandern, sogar um irgendwann den Gewählten Hochadmiral von Axarabor zu eliminieren. Angesichts dessen blieb ihnen überhaupt nichts anderes übrig als unverzüglich und ohne jegliche Rücksicht zu handeln.«

Nach diesem kühnen Bekenntnis duckten sich alle wie in Erwartung von Peitschenhieben und schielten eingeschüchtert nach Kanot Borglin, der eine volle Minute benötigte, um das Gehörte zu verdauen, obwohl er zusätzlich sein Extragehirn aktiviert hatte.

Doch er blieb äußerlich gefährlich ruhig.

»Und ihr seid keine Sekunde lang auf die Idee gekommen, damit mein Leben zu zerstören?«

»Wir waren ja rechtzeitig zur Stelle, um dein Leben zu retten!«, erinnerte ihn Phillis kleinlaut.

»Verdammt noch eins, das meine ich doch überhaupt nicht. Seid ihr so blöd oder tut ihr nur so: Ich bin jetzt vom hauptberuflichen Jäger zum gnadenlos Gejagten geworden. Für immer. Bis zu meinem unweigerlichen Tod. Habt ihr überhaupt auch nur die leiseste Ahnung, was ihr damit losgetreten habt? Ein Gestaltwandler von fragwürdiger Herkunft, der als Supersoldat ein Attentat auf den Gewählten Hochadmiral verüben soll? Geht es noch schlimmer? Bevor ich auch nur im Ansatz beweisen könnte, dass ich nur ich bin und kein Gestaltwandler von irgendwo mit üblen Absichten, haben sie mich in meine atomaren Bestandteile aufgelöst.«

»Zumindest ist noch nichts davon in die allgemeine Raumflotte durchgedrungen. Niemand weiß scheinbar etwas, außer eben deiner eigenen Einheit, die ja so ziemlich einmalig ist im Universum, wie wir annehmen.«

»Und das soll mich jetzt trösten?«

Kanot schüttelte fassungslos den Kopf.

Ja, am liebsten hätte er sie jetzt einen nach dem anderen dafür mit dem Tode bestraft, was sie ihm angetan hatten. Aber was würde es im letztlich nutzen? Er würde der meistgesuchte Flottenangehörige aller Zeiten bleiben. Obwohl nur seine eigenen Ex-Kameraden ihn suchen würden. Vorerst zumindest. Eben weil der offizielle Rest der Raumflotte von seiner Existenz auch jetzt nichts erfahren durfte. Sonst wären ja Supersoldaten wie er nicht mehr länger ein Geheimnis gewesen.

»Wirklich, Kanot, es ging einfach nicht anders. Das kannst du mir glauben!«, sagte Phillis von den Sternen, und irgendwie klang das jetzt... mitfühlend?



7


Erst als alle sicher waren, dass ihnen keine unmittelbare Gefahr von Kanot Borglin drohte, entspannten sie sich.

Kommandant Xirr Prromman schaute in die Runde.

»Wir haben eigentlich schon die Massenballung verlassen. Schon seit fast drei Wochen, um genauer zu sein. Was hindert uns jetzt noch daran, endlich zu springen?«

»Springen?«, echote Kanot Borglin entgeistert. »Mit diesem Schrotthaufen? Und wie, bitte schön, soll das gehen?«

Phillis meinte nachsichtig:

»Dir das jetzt erklären zu wollen, wäre ungefähr so problematisch wie einem von Geburt an Blinden Farben zu erklären. Du hast zwar bewiesen, dass du nicht ganz so blöd bist wie von mir angenommen, aber in technischen Fragen solltest du lieber überhaupt nicht fragen.«

»Obwohl es sich in diesem Fall ja eigentlich überhaupt nicht um Technik handelt!«, widersprach ihr überraschenderweise ausgerechnet Baldyr Sholan.

Kant konnte sich nicht erinnern, dass die lebende Mumie, wie er ihn insgeheim nannte, jemals freiwillig das Wort an ihn gerichtet hätte. Vielleicht deshalb, weil es bisher keine echte Gelegenheit dafür gegeben hatte?

Er schaute ihn überrascht an.

Das, was er auf dessen Gesicht sah, deutete er großzügig als Lächeln.

»Worum sonst?«, erkundigte sich Kanot.

»Nun, wir setzen uns in einen Kreis, reichen uns die Hände - und den Rest kennst du eigentlich schon.«

»Was hat das denn jetzt mit einem Sprung zu tun?«

»Das wird den Sprung ermöglichen. Ganz ohne Technik wie gesagt, obwohl es Phillis von den Sternen vielleicht nicht gefällt.«

»Du willst mir damit weismachen, ihr würdet ein komplettes Raumschiff, obwohl es eher aussieht wie ein von einem wahnsinnigen Künstler wiederverwerteter Schrotthaufen, mittels PSI...?« Die Stimme versagte Kanot den Dienst.

»Genau das will ich nicht nur, sondern wir werden es dir gemeinsam demonstrieren, nicht wahr, Phillis?«

»Wenn du das sagst!«, grinste sie.

»Also los!«, kommandierte Xirr Prromman und setzte sich schon einmal im Schneidersitz auf den Boden. Alle folgten seinem Befehl, außer dem verdattert dreinblickenden Kanot Borglin.

Er blieb diesmal stehen und schaute abwechselnd vom Hauptschirm zu den im Kreis sitzenden und brav Händchen haltenden Besatzungsmitgliedern und wieder zurück zum Hauptbildschirm.

Alle fünf schlossen die Augen und waren sogleich eingeschlafen. Oder doch eher in tiefer Trance? Kanot Borglin war es eigentlich egal. Er fand die Situation so oder so dermaßen verrückt, um nicht zu sagen peinlich, dass er alles erwartete, außer einem, nämlich einen echten Raumsprung möglicherweise über die Distanz vieler Lichtjahre. Obwohl man ihn immer noch im Ungewissen hielt, was das eigentliche Ziel betraf.

Seine Blicke gingen hin und her. Nichts geschah. Zumindest war nichts spürbar oder gar sichtbar. Außer auf dem Hauptbildschirm, denn dort... veränderte sich von einer Sekunde zur anderen die Anzeige: Im Fokus erschien eine Sonne in Form einer Scheibe. Noch ziemlich klein, wie das kleinste Geldstück, weil vielleicht noch hunderte von Millionen Kilometer entfernt, aber riesig groß im Vergleich zu allen anderen sichtbaren Sternen.

»Unser Ziel!«, erläuterte jemand.

Dadurch bemerkte der total konsternierte Kanot Borglin, dass die Séance, wie die Besatzungsmitglieder das nannten, was sie taten, bereits beendet war. Alle fünf erhoben sich vom Boden.

Der Kommandant selber hatte zu Kanot gesprochen, und er fügte jetzt hinzu:

»Du wirst früh genug erfahren, um welche Sonne es sich handelt, also um welches Ziel. Wir haben jetzt den Rand der Massenballung erreicht oder der Ekliptik, wie man es auch nennen kann, obwohl dir das vielleicht gar nichts sagt. Unsere Fluggeschwindigkeit hat sich zwangsläufig der Fluchtgeschwindigkeit des hiesigen Sonnensystems angepasst. Ergo stehen wir in Bezug zur zentralen Sonne praktisch still. Nicht für lange, denn die Schwerkraft zerrt natürlich ganz schön an uns und wird uns enorm beschleunigen in Richtung Sonne, ohne dass so etwas wie Andruck entstehen kann. Auch wenn du das nicht verstehen solltest: Es ist nichts anderes als der freie Fall eben in Richtung Sonne, weil wir keine Umlaufbahn einschlagen. Wenn wir diesen nicht irgendwann aufhalten, stürzen wir nicht zwangsläufig hinein, weil Schwerkraft niemals zentral zieht, sondern immer am zentralen Schwerpunkt vorbei. Das ist der Grund, wieso alles im Universum sich umeinander dreht und das Universum nicht einfach so in sich zusammenstürzt.«

Er sah selbst, dass er mit solchen Informationen den Supersoldaten und Captain Kanot Borglin total überforderte oder zumindest langweilte. Deshalb brach er an dieser Stelle den unerwünschten Vortrag ab.

»Gut, Fakt ist, dass wir jetzt rund zwei Tage Zeit haben, unseren Plan endgültig vorzubereiten. Stimmt doch, Phillis, oder?«

Diese war an die Kontrollen gegangen und rief herüber:

»Ja, Chef, stimmt. Gegenbeschleunigung in von jetzt ab gerechnet sechsundvierzig Stunden, dreiundzwanzig Minuten und vierundvierzig Sekunden. Dreiundvierzig. Zweiundvierzig...«

»Genug!«, befahl Kommandant Xirr Prromman. Und zu Kanot gewandt: »Zeit für die erste Lerneinheit in Sachen PSI.«

»Erste Lerneinheit?«, wunderte sich dieser.

»Ja, das läuft unter dem Motto: Probieren geht über studieren. Also anstatt trockener Theorie, werden wir dir gleich eine praktische Lektion erteilen. Dafür brauchen wir ausnahmsweise Phillis überhaupt nicht. Sie bleibt mit ihren Kontrollen beschäftigt, in Koordination mit dem Biogehirn des Schiffes, und der Rest bildet mit dir die nächste Séance. Bereit?«

»Was?« Kanot Borglin stellte sich selber vor, wie er händchenhaltend im Schneidersitz... Unwillkürlich schüttelte er sich. Das kam ihm als ausgewiesenem Supersoldaten dermaßen peinlich vor, dass sich alles in ihm dagegen sträubte.

Forsan Kumir sah es ihm anscheinend als einziger an. Er trat neben Kanot Borglin, als wollte er diesen beschützen, und sagte zu seinem Kommandanten:

»Warte noch, Xirr. Kanot ist noch nicht soweit. Wirklich nicht. Und haben wir nicht fast zwei Tage Zeit? Wir müssen es ja nun wirklich nicht übereilen.«

Xirr schürzte skeptisch die dünnen Echsenlippen. Das sah bei ihm bedrohlich aus, obwohl es eigentlich zu einer normalen menschlichen Mimik gehörte. Aber er sah nun einmal nicht wie ein normaler Mensch aus.

»Also gut!«, entschied er und wandte sich ab.

Alle, außer Forsan Kumir, wandten sich jetzt von Kanot ab, der sich dadurch nicht mehr bedrängt fühlte. Er war Forsan Kumir irgendwie dankbar für sein Eingreifen, obwohl er es von diesem niemals erwartet hätte.

»Du warst Elitesoldat in der Flotte?«, erkundigte er sich bei ihm.

Forsan nickte.

»Ja, war ich.«

»Aber wie hast du es geschafft, frei zu kommen?«

»Indem ich starb!«

»Wie bitte?«

»Schon richtig gehört, Kanot: Ich bin offiziell gestorben. Xirr und Solan haben mich sozusagen entdeckt. Ich wollte sowieso weg von der Flotte, aber das ist einem Elitesoldaten normalerweise unmöglich. Das weißt du besser als jeder andere. Wir kündigen, indem wir sterben. In der Regel jedenfalls. Also musste ich genau das tun. Xirr und Solan halfen mir dabei. Du weißt es ja noch nicht, aber Solan Pronn, so zerbrechlich er auch wirken mag, ist der Mächtigste unter uns. Der ist ein Suggestor. Das wirkt allerdings nicht auf andere PSI-Fähige, nur auf Menschen und normal Mutierte, also diejenigen, die sich ihrer Heimatwelt angepasst haben.«

»Interessant«, behauptete Kanot Borglin, obwohl er sich darin nicht wirklich sicher war.

Ungerührt fuhr Forsan Kumir fort:

»Das ist jetzt immerhin etwa zehn Jahre her. Als nächstes entdeckten wir Baldyr. Er war kein Angehöriger der Flotte, ganz im Gegenteil. Wir fanden ihn ausgerechnet auf der Zentralwelt des Sternenreichs Axarabor. Dort unterhielt er so etwas wie einen Antiquitätenladen. Eigentlich wurden wir nur deshalb auf ihn aufmerksam, weil er Artefakte besaß, die uns dringend interessierten, also Technik aus längst vergangener Zeit, die jedoch dermaßen robust ist, dass sie bis heute einwandfrei funktioniert.«

Forsan Kumir zeigte in die Runde.

»Oder was glaubst du, wie wir es schaffen konnten, diesen Schrotthaufen wieder zum Fliegen zu bringen?«

Er grinste breit. Dann fuhr er fort:

»Also, Baldyr war dermaßen überteuert für unsere Verhältnisse, dass wir uns die Sachen einfach nicht leisten konnten. Also versuchte Solan, ihn zu beeinflussen. Fehlanzeige. Denn wie gesagt, es funktioniert nicht bei PSI-Fähigen. Der nächste logische Schritt war demnach, ihn in Kenntnis zu setzen, dass wir sozusagen seinesgleichen waren. Das hat ihn mächtig überrascht, aber gottlob nicht abgeschreckt.«

»Und seitdem gehört er zum Team?«

»Seitdem!«, betätigte Forsan Kumir. »Er war anfangs unser technisches Genie, bis Phillis ihn in dieser Rolle ablöste.«

»Und wieso erzählt du mir das alles jetzt?«

»Weil ich damit hoffe, dich lockerer zu machen. Du musst einfach begreifen lernen, dass wir so etwas wie deine neue Familie sind. Die alte Familie tut alles, um dich zu töten, als deine alten Kumpels, obwohl du sie vielleicht schon hundert Jahre lang kennst. Das ist unausweichlich. Ohne uns bist du verloren. Mit uns jedoch...«

Den Rest ließ er unausgesprochen.

»Ohne euch wäre ich gar nicht erst in dieser Lage!«, erinnerte ihn Kanot. Ansonsten musste er zugeben: Irgendwie war ihm dieser Forsan sympathisch, als wäre dieser so eine Art Seelenverwandter, obwohl sich alles in ihm dagegen zu sträuben versuchte. »Und was willst du sonst noch von mir?«

Forsan lachte leise.

»Erwischt. Dir kann man so schnell nichts vormachen, wie?«

»Solange es nichts Technisches ist...«

»Also gut, Kanot, ich will einfach wissen, wie das so ist mit den Augmentierungen. Ich kenne das ja bislang nur vom Hörensagen.«

»Ihr habt keinerlei Augmentierungen erhalten?«

»Keine Ahnung, ob es Elitesoldaten gibt, die welche haben, aber ich gehörte definitiv nicht dazu. Keine Ahnung außerdem, ob das damit zusammenhängt, weil man mir nicht ausreichend traute. Schließlich hätte man damit recht behalten, denn immerhin habe ich den Ausstieg durch vorgetäuschten Tod durchgeführt, nicht wahr?«

»Ein starkes Stück eigentlich!«, kommentierte Kanot Borglin, ohne durchblicken zu lassen, ob er das nun abwertend oder anerkennend meinte.

Forsan ging gar nicht darauf ein.

»Also, wie ist das nun mit deinen Augmentierungen? Bist du wirklich schon zweihundert Jahre alt?«

»Woher weißt du das überhaupt?«

»Oh, als wir mit dir innerhalb der Séance in Kontakt traten, ohne dass du es gemerkt hast...«

»Als ihr meine PSI-Kräfte aktiviert habt?«

»Da ist ein Teil deiner Erinnerung offensichtlich geworden, um es einmal so zu umschreiben. Nur vage zwar, aber...«

»Und dazu gehörte mein wahres Alter?«

»Ja, gewissermaßen«, gab Forsan zu.

»Es stimmt. Was soll ich es leugnen?«

»Ist das nur durch die Augmentierungen? Wie weit gehen die eigentlich?«

»Sehr weit. Einmal abgesehen von der permanenten Zellerneuerung durch sie, machen sie immerhin mehr als die Hälfte meines Körpers aus.«

»Wie bitte? Im Ernst? Dann bist du ja eigentlich mehr so etwas wie ein Cyborg?«

»Genau!«

»Verdammt, das hätte ich nun doch nicht vermutet.«

»Schockiert es dich jetzt? Und ganz nebenbei: Das hat auch Nachteile. Beispiel: Ich bin seitdem kein Mann mehr.«

»Sondern was?«

»Ein Neutrum.«

»Ein Cyborg, ja, dann ist es logisch, dass du ein Neutrum bist.«

»Aha, ist es das?«

»Äh, tut mir leid, falls ich damit irgendwelche Gefühle von dir verletzt haben sollte.«

»Ach was, geschenkt! Ein Cyborg und Gefühle?«

»Im Ernst?«

»Nein, natürlich nicht: Ich bin immer noch derselbe, zumindest innerlich gewissermaßen. Nur mein Körper wurde verändert. Und mein Geist ist es dann, wenn ich mein Extragehirn dazu schalte. Dann bin ich ein Hochleistungscomputer mit menschlichem Bewusstsein, wenn man so will.«

Phillis hatte es mitbekommen und sah es wohl an Zeit, sich einzumischen:

»Trotzdem ist er ein Technikidiot. Man stelle sich vor: Besteht selber zu über fünfzig Prozent aus der geilsten Technik aller Zeiten und hat nicht den geringsten Schimmer davon, wie sie funktioniert.«

»Nun«, meinte Forsan achselzuckend. »Es soll sogar Leute geben, die führen ein Raumschiff, ohne zu wissen, was sie da eigentlich tun, und es funktioniert trotzdem.«

»Ja, soll es«, seufzte Phillis. »Wundert es euch, wenn es mich trotzdem erschüttert?«

»Was ist nun?«, rief Kommandant Xirr Prromman herüber. »Machen wir jetzt die Séance oder nicht? Ich meine, es ist wirklich an der Zeit, dass Kanot das einmal am eigenen Leib erfährt.«

»Und an eigener Seele!«, ergänzte Phillis, ohne dass sie erkennen ließ, ob sie es ernst meinte oder als Scherz. »Jedenfalls: Das ersetzt manch endlose Debatte.«



8


Mit äußerst gemischten Gefühlen setzte sich Kanot Borglin im Schneidersitz auf den Boden. Sie reichten sich alle die Hände.

Kanot benötigte viel Überwindung, um mit seinen beiden Nachbarn, Kommandant Xirr Prromman links und Forsan Kumir rechts, Händchen zu halten. So etwas wie körperliche Nähe kannte er nun noch vom Kampf her, und das nun schon seit über hundert Jahren. Immerhin.

Alle schlossen die Augen, um sich zu konzentrieren. Kanot Borglin beobachtete es und beschloss, nun selber die Augen zu schließen, obwohl er nicht die geringste Ahnung hatte, wie das überhaupt mit der Séance funktionieren sollte. Was beispielsweise sollte er dabei tun, außer Händchen halten und Augen schließen? Wie konzentrierte man sich auf die Gemeinschaft? Vor allem: Was passierte mit einem in diesem Augenblick?

All diese Fragen wurden mit einem Schlag beantwortet. So wie es der Kommandant angekündigt hatte. Tatsächlich: Probieren ging immer noch über Studieren. Denn plötzlich versank für Kanot die Umgebung. Mit dem Schließen der Augen hatte ihn Dunkelheit umgeben, doch er war nicht nur hoch trainiert, sondern seine Augmentierungen bestanden teilweise aus hochsensiblen Sensoren, die über menschliche Sinnesfähigkeiten weit hinaus gingen.

Mit einem Schlag waren alle gewohnten Eindrücke wie weggefegt. Das ließ ihn überraschenderweise jedoch nicht in ein finsteres Loch ohne jegliche Wahrnehmung stürzen, sondern ganz im Gegenteil: Alles Gewohnte wurde zu hundert Prozent ersetzt von einem für ihn völlig neuen Eindruck. Es war der Eindruck von unbegrenzter Weite, der vorherrschend wurde. Das hieß, er sah nicht nur seine direkte Umgebung in der Zentrale als durchscheinendes Schemen, sondern auch den Weltraum draußen, und dieser war nicht lebensfeindlich und somit abschreckend, sondern seltsam vertraut. Als wäre er hier endlich daheim angekommen.

Er war nicht nur er selbst, als das Individuum Captain Kanot Borglin, sondern gleichzeitig war er ein Wir. Zunächst nur als Teil der Gemeinschaft, weil er sich dieser nur sehr zögerlich anvertrauen wollte. Aber als die Gedanken und Empfindungen der anderen ihn berührten, vergaß er seine Scheu und ließ es zu, mit ihnen bis zu einem gewissen Maße zu verschmelzen.

So also fühlte sich eine Séance an? Entstand dadurch eine Art Gruppenbewusstsein?

Er wusste die Antwort bereits, ohne die Frage gestellt zu haben. Ja, es war eine Art Gruppenbewusstsein. Jeder blieb dabei einerseits er selber, doch andererseits erweiterte er sein Einzelbewusstsein gemeinsam mit den anderen zu einem Superbewusstsein, mit Möglichkeiten, die er als Einzelwesen niemals gehabt hätte.

So wurde er unter anderem auch zu Solan Pronn, dem Suggestor, und wusste, dass er gemeinsam mit den anderen dessen Fähigkeiten enorm erweiterte.

So also hatte die Gruppe es geschafft, Phillis von den Sternen aus der Untersuchungshaft zu befreien?

Ja, sie hatten nur in der Nähe des Hochsicherheitstraktes eine Séance bilden müssen. Als Gruppenbewusstsein waren sie auf die Reise gegangen, einem mächtigen Geist gleich, für den Wände und Verteidigungswaffen kein Hindernis sein konnten. Auch keine Wächter, nachdem sie mit den erweiterten Fähigkeiten des Suggestors diese entsprechend beeinflusst hatten.

Also konnte Phillis tatsächlich einfach so aus ihrer Zelle spazieren und zu ihnen gelangen. Die Gemeinschaft hatte die Séance beendet und sie begrüßt. Durch den telepathischen Kontakt mit ihr war sie bereits im Bilde, wer und vor allem was sie waren. Seitdem gehörte sie dazu.

Und er, Kanot Borglin?

Er musste es einfach wissen, deshalb zögerte er nicht, die Erinnerungen seiner Gruppe zu benutzen. Sie hätten sich gegen ihn abschirmen können, bis zu einem gewissen Grad zumindest, aber das taten sie nicht. Sie ließen ihn daran teilhaben, wie sie als Gemeinschaft die Supersoldaten seiner Einheit beeinflussten, indem sie ihnen einimpften, er sei durch einen üblen Terroristen ausgetauscht worden im Auftrag einer noch unbekannten Macht.

Dann der Überfall in der Unterkunft, den er nur deshalb überlebte, weil sie über ihren telepathischen Kontakt mit ihm seine besonderen PSI-Fähigkeiten aktivierten. Zumindest in dem Maße, wie es erforderlich war.

Er selbst konnte sich an den Vorgang nur noch vage erinnern, doch die Erinnerung der ...

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